Zeller, Johannes - Das Gebet des Herrn

Zeller, Johannes - Das Gebet des Herrn

Text: Luk. XI, 1

Und es begab sich, dass er war an einem Orte und betete; und da er aufgehört hatte, sprach seiner Jünger einer zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel. Gib uns unser täglich Brot immerdar. Und vergib uns unsere Sünden; denn auch wir vergeben allen, die uns schuldig sind. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.

Geliebte im Herrn!

„Herr, lehre uns beten!“ Diese große und doch so demütige Bitte richteten einst die Jünger an ihren Meister; demütig ist sie, weil in ihr das Bekenntnis liegt, dass das Geschöpf nicht mehr zu seinem Schöpfer reden könne, der doch lebendig ist; groß aber ist diese Bitte, weil sich die tiefe Sehnsucht darin ausspricht, wieder mit Gott in lebendige, wahrhafte Gemeinschaft zu treten; und Gott sei Dank! Vieler Herzen und Lippen stammeln noch jetzt diese erste, vorbereitende Bitte: „Herr, lehre uns beten!“ Wer eben erst erwacht aus dem Traum des natürlichen Lebens, aus der Zerstreuung des irdischen Denkens und der Sünde und sich aufmacht aus der Täuschung des Gewohnheitsbetens oder aus dem Truge des ungläubigen Nichtbetens, zum Evangeliums an Allen, die es hier gehört haben, und gib mir und uns allen Kraft, dasselbe ohne alle Menschenfurcht zu bekennen bis an das Ende des Lebens.

Herr, heiliger Gott, sei doch mit deiner Gnade gegenwärtig dieser Anstalt, die in deinem Namen gegründet ist, wo so Tausende Ruhe und Erquickung finden. Geuß' deinen Heiligen Geist über alle Menschen hier aus, dass Friede, Liebe, Freude walte. Stärke doch vor Allem den treuen Vorsteher dieser Anstalt und sein Haus, dass sein Werk gelinge, und Ordnung und Eintracht hier sei, stärke ihn in Allem durch die Hoffnung des ewigen Lohnes. Herr, du kennst die Herzen aller Beamten und der Diener und Mägde hier, du Herzenskündiger weißt, welche treu sind und vor dir wandeln. Segne sie in ihrem Innern, dass sie deine Liebe erkennen und dich preisen, dass sie den Schwachen und Selbstsüchtigen zum Vorbild und zur Ermunterung, wie zur Warnung dienen. O, dass du aller Dienenden und Befehlenden Herzen hier vereinigest in Liebe und im Gebet.

Wir alle nun flehen dich gemeinsam für alle die Kranken und Leidenden, für alle die Schwachen und Alten, vor allen auch für die Gemütskranken an die hier Heilung oder Ruhe, und Pflege suchen. O schließe allen auf das Geheimnis ihres Lebens, dass das Leiden Zucht der Liebe ist, und du sie dadurch nur zu dir ziehen willst, von der Welt ab, um sie selig zu machen. - Erbarme dich, Herr, des Elends, das oft einzelne tragen müssen, so dass es der Menschen Aug und Ohr kaum ertragen mag, und gib den Leidenden die Hoffnung der ewigen Seligkeit., alle, alle, die hier sind und noch kommen, empfehlen wir in deine Hände, dass sie in Dir leben und leiden, in dir entschlafen und selig werden. - Herr, so dass wir einst alle, erlöst aus der Vergänglichkeit dieses Lebens, aus der Sünde, aus dem Gericht, in deinen Wohnungen uns wieder treffen und dich preisen, dass du uns dein Wort gegeben hast, durch das wir wiedergeboren sind, das in Ewigkeit bleibt. - Dir sei Ehre in Ewigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen. -

Text: Luk. XI, 1

Und es begab sich, dass er war an einem Orte und betete; und da er aufgehört hatte, sprach seiner Jünger einer zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel. Gib uns unser täglich Brot immerdar. Und vergib uns unsere Sünden; denn auch wir vergeben allen, die uns schuldig sind. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.

Geliebte im Herrn!

„Herr, lehre uns beten!“ Diese große und doch so demütige Bitte richteten einst die Jünger an ihren Meister; demütig ist sie, weil in ihr das Bekenntnis liegt, dass das Geschöpf nicht mehr zu seinem Schöpfer reden könne, der doch lebendig ist; groß aber ist diese Bitte, weil sich die tiefe Sehnsucht darin aus, spricht, wieder mit Gott in lebendige, wahrhafte Gemeinschaft zu treten; und Gott sei Dank! Vieler Herzen und Lippen stammeln noch jetzt diese erste, vorbereitende Bitte: „Herr, lehre uns beten!“ Wer eben erst erwacht aus dem Traum des natürlichen Lebens, aus der Zerstreuung des irdischen Denkens und der Sünde und sich aufmacht aus der Täuschung des Gewohnheitsbetens oder aus dem Truge des ungläubigen Nichtbetens, um sich Gott zu nahen, bittet zuerst also. Wer, nun eingegangen in diese Vorhalle des Reiches Gottes, hier erst erkennt, wie wenig er wahrhaft zu beten versteht, wie gefesselt, wie untreu sein Geist ist, tut es wiederum. Und je stärker das Gottesbewusstsein in uns wird, je mehr alle Dinge uns im rechten, im göttlichen Lichte erscheinen, und eine Schranke unserer Einsicht in das, was uns not tut, nach der andern fällt, desto dringender, in desto ergebenerem Sinne sprechen wir abermals: lehre uns beten! Gerade der starke Beter, wie ein Apostel Paulus, wenn er seines Herzens irrendes Wünschen und Begehren zur Genüge erfahren, zugleich aber mit dem bitteren Gefühl seiner Kraftlosigkeit zum Guten die Kräfte der himmlischen Welt gekostet, wenn er im inneren Ringen der Seele nicht immer Worte, oft fast nicht Mut, und doch eine brennende Sehnsucht nach dem Gebet und dessen Erhörung empfindet auch ein solcher muss ja immer, nur wieder in entfalteterem, tieferem Sinne damit anfangen, zu sagen: „Herr, lehre mich beten.“ Diese Bitte blieb den Jüngern, sie bleibt uns nicht unerhört. Hat doch schon Johannes der Täufer die Seinigen, hat doch die Not des Lebens Manchen schon beten gelehrt, wiewohl noch unvollkommen; wie viel mehr wird der, welcher vom Himmel gekommen ist, um uns in allen unsern Schwachheiten zu helfen, uns auch hierin belehren. Er hat es denn auch auf die mannigfaltigste Weise getan: vor Allem durch sein eigenes Beispiel; denn nachdem er ja von dem Orte kam, wo er gebetet, baten ihn die Jünger, sie also zu lehren. Oft ging er weg von ihnen in die Einsamkeit, aber auch vor ihnen tat er es: im Garten zu Gethsemane, bei der Einsetzung des Abendmahls; schon früher vor dem Grabe seines Freundes Lazarus. Dadurch schon regte er die Seinigen an. - Außerdem, wie viele besondere Belehrungen über das Gebet in Gleichnissen und in eigentlicher Rede haben wir in den evangelischen Berichten aus seinem Munde! im Vaterunser besitzen wir ja selbst ein von ihm gegebenes Gebet. Doch der Herr lehrt nicht nur durch das, was er einst getan und geredet, sondern jetzt noch lehrt Er beten, und zwar, wie kein Mensch den andern zu lehren vermag: durch seinen Geist, den er uns gibt, der antreibt, führt, tröstet, uns vertritt, uns lehrt: Abba, Vater! rufen. So haben wir denn durch Jesu Beispiel, Wort und Geist Erfüllungen der Bitte: lehre uns beten! diese mag in einem Sinne, wie es immer sein kann, ausgesprochen werden. Fragst du, zu wem du bitten sollst? so antwortet er: zu dem himmlischen Vater in meinem Namen; fragst du: wie? so sagt er: im Geist und in der Wahrheit! wo? in der Einsamkeit und auch in der Gemeinde, wann? am Morgen, Abends, aber auch allezeit, ohne Unterlass! Doch die wichtigste Frage, auf die wir von allen Seiten hingeführt werden, ist die: „Was sollen wir beten?“ - und darauf antwortet unser Heiland: „Wenn ihr betet, so sprecht:“ - und hierauf folgt das Vaterunser, das Gebet des Herrn. Es wird nun dabei oft gefragt: wozu sind uns diese Bitten mitgeteilt? sollen sie ein wörtlich und stets zu wiederholendes Gebet sein, oder mehr nur eine Anleitung zum Gebet, eine Andeutung dessen, was ausführlicher Gott muss vorgetragen werden? Verschieden ist darauf geantwortet worden. Uns genügt jetzt, darauf zu achten, dass Jesus dieses Gebet auch in der Bergpredigt mitteilt, und zwar im Gegensatz zu dem unnützen, langen Geschwätz, vor Gott; also muss ein wörtlicher Gebrauch desselben auch im Sinne des Gebers liegen; aber zugleich ist die Herrlichkeit seiner einfachen, tiefen, erhabenen Gedanken, die umfassende Vollständigkeit der Bitten von selbst Veranlassung zu bitten, die sich daraus ergeben je nach den Bedürfnissen des Betenden. Kurz, wir haben hier ein vollkommenes Gebet, auf welches alle christlichen Bitten sich zurückführen lassen, als dem Ziele der Sehnsucht einer Christenseele; aus welchem zugleich aber auch alle wahren Betgedanken sich schöpfen lassen, als einer Quelle ewig frischen Gottessegens. Dieses Gebet ist Vorbild, ist die Summe, ist der Same der Gebete; darum mögen wir dasselbe bald wörtlich gebrauchen, bald die eine oder die andere Bitte herausnehmen, jedenfalls aber frei in der Wahl der Worte und der Gedanken verfahren. In Allem aber ist es durchaus nötig, dass wir den Gehalt der einzelnen Bitten genau erkennen, und dazu verwenden wir denn nun diese gottesdienstliche Stunde, den Sinn der einzelnen Bitten des Vater unsers auszulegen, damit wir alle am Ende der Betrachtung eine klare, richtige Antwort haben auf die große ernste Frage: was sollen wir beten? - Teure Zuhörer, Eines aber müssen wir jetzt schon haben, wenn uns der rechte Segen zu Teil werden soll, nämlich den Jüngersinn, mit dem wir alle sprechen: „Herr, lehre uns beten!“

Ihr fühlt es gewiss mit mir, dass es eigentlich eine Aufgabe für eine ganze Reihe von Predigten wäre, das Gebet des Herrn zu erklären, von dem jeder einzelne Gedanke eine neue Offenbarung der Barmherzigkeit dessen ist, der uns durch seinen eingebornen Sohn also lehrt zu Ihm flehen. Doch dürfen wir es wagen, auch nur übersichtlich und mit Hinweisung auf die Hauptpunkte alle Bitten zu erläutern. Dabei aber unterstützt uns die Ordnung derselben, denn sie folgen sich in bestimmter Reihe und entfalten sich in einem sicheren Gedankengang. - Das Ganze ist ein Bittgebet, sein Grundton Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott; außer der Anrede sind nach der Zählung unserer reformirten Kirche sechs Bitten, welche je zu drei und drei in zwei Teile zerfallen:

Die drei ersten Bitten: „Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe“ beziehen sich auf Gott und seine Absichten mit uns, sie flehen um Zuwendung des Guten; sie beginnen mit dem Blick auf das, was das Höchste, Erhabenste ist, und Gottes Wesen betrifft, und schließen mit dem, was jedem Einzelnen von uns auf Erden gilt. Die drei letzten Bitten: „Gib uns das tägliche Brot, vergib uns unsere Schulden, führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Bösen“ beziehen sich auf uns selbst, auf unsere Stellung zu Gott, sie flehen besonders um Abwendung des Bösen; sie beginnen mit dem Niederen, Äußerlichen und steigen zum Innerlichen und Höheren, ja zur Hoffnung des Letzten und Herrlichsten, zum Allgemeinen auf.

Noch würde es bei einer ausführlicheren Behandlung nur Veranlassung zu neuen Lichtblicken über den Gehalt des Vaterunser geben, wenn wir darauf eingehen könnten, wie in den zehn Geboten des alten Bundes ganz dieselben Hauptklassen sich zeigen, wie hier - Gebote, die sich unmittelbar auf Gott beziehen, und die, welche den Menschen auf Erden berücksichtigen; wenn wir ferner zeigen könnten, wie je die erste Bitte in beiden Abteilungen auf die Wirksamkeit und das Wesen Gottes des Vaters, die zweite auf die des Sohnes, die dritte auf die des Heiligen Geistes, wie der Segensspruch des Alten Testamentes, hinweist: Der Herr segne uns und behüte uns usw., wie endlich auch der Lobgesang der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe usw. damit übereinstimmt; doch genug, wir müssen zu dem zunächst liegenden Inhalte der einzelnen Bitten uns wenden. Hier finden wir genug Erbauung für jetzt.

So richtet denn also Jesus der Jünger und unser Herz empor zu Gott und lehrt uns, ihn kindlich und zuversichtlich Vater nennen. Wagten dies Abraham, Moses, David, Jesaja, die Knechte Gottes? Nein, sie liebten Gott, sie lebten mit ihm, sie litten für ihn, aber Jehova, Herr, Gott, König nannten sie ihn, ihn als den Herrlichen, den Mächtigen, Starken, den treuen Gott kannten sie, aber noch nicht als den Barmherzigen, der unsere Sünden getilgt hat, kurz, Vater konnten sie ihn noch nicht nennen. Jetzt aber unter uns heißt freilich Gott stets der gute, himmlische Vater; auch unheilige Lippen nennen ihn so der Gewohnheit gemäß; dies aber soll uns erinnern an den, durch welchen wir Gott Vater nennen können; und er ist kein anderer als der, welcher uns hier beten lehrt: Jesus Christus, der Sohn Gottes; denn niemand kennet den Väter, denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Wie viele Ihn aufnehmen, denen gibt er Macht, Gottes Kinder zu werden. Also allein durch Christum, in Ihm, in seinem Namen dürfen wir uns Gott nahen, als uns ferm Vater. Nennen wir ihn also und fügen wir das unser hinzu, so bezeugen wir, dass wir seine Kinder sein wollen, ihm gehorsam, ihn liebend, und dass wir die Mitmenschen als Brüder erkennen, nicht nur, weil sie geschaffen sind von Gott wie wir, denn dieses Bewusstsein wirkt noch keine Liebe, sondern, weil Gott auch sie, wie uns, also geliebt hat, dass er seinen eingebornen Sohn für sie dahin gab. Teure Zuhörer. wir dürfen also Mut fassen, den Vater unsers Herrn Jesu Christi, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, anzureden, ihm kindlich, vertrauensvoll unser Anliegen aussprechen. Damit aber dieser Mut ein demütiger, das Vertrauen ein heiliges bleibe, lehrt uns der Sohn noch: „der du bist in den Himmeln“ d. h., wir sind sündig, er ist rein; aber zugleich liegt in diesem: „der du bist in den Himmeln“ eine Kraft des Friedens und der Ruhe für uns, denn er ist über dem wilden Treiben der Erde in heiliger Stille, nicht mit fortgerissen davon, wie wir, sondern dasselbe leitend, über ihm herrschend, dort ist er, und darum sollen wir uns sehnen nach ihm, zu ihm uns retten dort ist er, aber auch hier als der Beschützer, denn er ist der Allgegenwärtige: im Himmel aber wohnt Er, und darum ist dort unsere Wohnung und Bürgerschaft, hier sind wir Pilger.

I.

Nun aber treten wir zu den Bitten selbst, und zwar zu den ersten drei, in denen der Beter seinen Blick auf Gott wendet und von ihm um die Zuwendung der höchsten Güter, um die Hinneigung Gottes zu uns fleht. Eine oberflächliche Auslegung wollte hier nur denselben Gedanken dreifach ausgesprochen finden, aber in dem Gebet, das dem unnützen Geschwätz vor Gott entgegengesetzt ist, können keine Wiederholungen sein, sagt schon ein alter Lehrer. Allerdings umfasst jede einzelne Bitte Alles und das Ganze, und doch ist je die folgende nur eine Entfaltung, Ergänzung der früheren und wesentlich von ihr unterschieden.

Gebetet wird hier um Heiligung des Namens Gottes, um Ankunft seines Reichs, um Erfüllung seines Willens.

a. Heiligung des Namens Gottes

- ist diese etwa gleich mit ehrfurchtsvoller Nennung seines Namens? Allerdings ist dies mit in der Heiligung eingeschlossen, aber es ist noch mehr in dieser. Wer also flucht und schwört und den Namen des Herrn missbraucht, und hinwieder in andern Stunden diese Bitte des Vaterunser betet, ist mit sich selbst im Widerspruch und kann. wohl nicht aufrichtig so bitten. Doch wie gesagt: es liegt noch mehr darin. Der Name Gottes ist sein Wesen, wie es sich uns in Natur und Bibelwort geoffenbart, in dem Namen sind alle seine Eigenschaften inbegriffen: Allmacht, Güte, Weisheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Wahrheit; also ist er, also muss er auch erkannt werden, und nirgends wird er es besser, als in Jesu Christo, in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig ist; und als ein solcher muss er uns hinreißen zur Bewunderung nicht nur mit Wort, sondern auch mit Herz und Werk; ihn also, wie ihn das Wort offenbart, kennen und ehren, heißt heiligen den Namen Gottes. Weißt du nun, geliebter Zuhörer, was du tust, wenn du in der Mitte der Deinigen hier in der Gemeinde bittest: „Geheiligt werde dein Name?“ - Es schämen sich so Viele, nur Gottes Namen zu nennen vor Menschen, sich zu Ihm zu bekennen, noch mehr, nur nach seinen Geboten zu leben; es wünschen Wenigere, doch immer noch Viele, dass Gottes Offenbarung in seinem Worte verachtet, vergessen werde. Wie Viele schänden den, welchen sie ihren Gott nennen, durch Gedanken, Worte, Werke, mit denen sie seine heiligsten Gebote übertreten! wie Viele sind gleichgültig gegen Spott über das Heilige, gegen die Weltliebe und Feindschaft wider das Evangelium! Aber dass dies endlich aufhöre, dass die Lippen den Namen Gottes ohne Zittern, mit Freuden aussprechen, Er selbst in seinem Werk und seinem Wort immer mehr geehrt werde, dass, wer Christ ist, auch christlich lebe, dass die Seele brenne im Eifer für Gott, dass Lüge und Irrtum, die die Menschen von der wahren Erkenntnis entrücken will, enthüllt, dass das Wesen Gottes in heiligem Wandel erkannt werde, und er sich verkläre in uns; das bitten wir in dem: Geheiligt werde dein Name. Teure Zuhörer, freut euch aber, dass wir bitten dürfen. Noch so fern also sind wir von dieser heiligen Gottesverehrung, aber zagen wir nicht: beten sollen wir, dürfen wir, und es wird die Erhörung kommen. Sein Name, sein Wesen ist ja wieder dass er Vater mit uns ist; o heiligt denn nur schon hierin Ihn, dass ihr Ihm vertraut und Ihn bittet um immer vollkommenere Verherrlichung seiner Heiligkeit in uns!

b. Dein Reich komme.

Es ist hier nicht äußerliche Regierung Gottes, der wir nicht an den Enden der Erde noch unter derselben entgehen könnten, nicht die Gemeinschaft der von Gott Geschaffenen, die schon da ist, gemeint, sondern ein neues, in die Menschheit kommendes Reich Gottes, das dieser bringt, was sie früher noch nicht gehabt, nämlich Gerechtigkeit, Friede, heilige Freude; ein Reich, in dem Gott nicht nur als der Gefürchtete herrscht, sondern auch als der Geliebte, in dem Er nicht nur als der Allmächtige, gegen den keine Kreatur etwas vermag, sondern als der Gnädige, welcher die Herzen gewinnen will, herrscht. Fürwahr, wir bitten etwas unaussprechlich Großes in diesen wenigen Worten: dass alle die Verheißungen, die er durch den Mund der Propheten uns gegeben, die auch schon in den edleren Bedürfnissen und der Sehnsucht jeder Menschenseele liegen, mögen erfüllt werden, kommen möge das, was Alle suchen, Wenige aber recht finden, die Gemeinschaft mit Gott, dass sein Segen, seine Liebe walte, die Gemüter aber, durch seine Wahrheit und Kraft gewonnen, eingehen in die neue Geburt von oben, in die völlige Umschaffung aus dem unreinen in ein reines Herz. Der Anfang dieses Gottesreichs auf Erden ist in dem, der so beten lehrt, in dem Gottessöhn, der der Welt Sünde trug und uns mit Gott versöhnte; aber er lehrt uns noch immer bitten: das Reich komme! weil das neue Leben, diese innerliche Herrschaft Gottes über die Gemüter, von Ihm aus und durch Ihn sich immer weiter auf Erden ausbreiten muss, aber nicht nur im Umfange, sondern auch immer tiefer den Einzelnen durchdringen muss, so dass sein Geist immer ungehinderter uns führen und beseelen kann, und zugleich blickt diese Bitte schon in die Zukunft, wo dies Reich vollendet sein soll, und Alles in Allem dann Gott ist. Dies nun ist der Zusammenhang dieser Bitte mit der ersten, dass eben der Weg, auf welchem die Heiligung und Verherrlichung Gottes verwirklicht ist, das Kommen und die Ausbreitung seiner Herrschaft über die Gemüter in Christo ist; dies aber ist der Unterschied beider Bitten, die weitere Entfaltung der ersten in der zweiten, dass die Anerkennung Gottes als des höchsten, der Glaube an seine Offenbarung im Wort in den Geist eindringe, Leben werde; aber auch hier ist eine niedere und eine höhere Stufe, die erreicht werden kann. Sollen wir uns bei jener begnügen? Der Meister, der uns beten lehrt, will es anders, denn er legt uns noch hierin die letzte, entscheidendste Bitte in Herz und Mund.

c. Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel.

Nur zu bald täuschen wir uns, als ob das Reich Gottes wirklich in uns gekommen und auch sich in denen, die mit uns leben, verwirklicht habe. Wenn der Name Gottes wieder mehr geehrt wird, als früher, wenn der Hausgottesdienst, wenn Zucht und Ordnung wieder zurückkehrte, wo sie nicht mehr waren, wenn die Erkenntnis des Heils in Christo wieder zunimmt, wenn die Ahnungen des himmlischen Lebens wieder manches Gemüt erheben, das früher nur an der Erde sich sättigte, so glauben wir, das Reich sei da. Aber wir sollen noch bitten: Dein Wille geschehe, Vater im Himmel. - Was ist die Sünde? woraus nährt sich diese und erstarkt sie immerfort? der Eigenwille, daraus, dass unser Herz nun nicht mehr will, was Gott will. Darum ist es das Letzte und Größte, dass dieser sündliche Eigenwille gebrochen und aufgehoben werde, dass Gottes heiliger Wille unsers Gemütes Gesetz und Lust werde, dass hiermit denn auch alle die Werke, welche in jenem ihre Quelle haben, Unkeuschheit, Hader, Neid, Zorn, ausgetilgt werden von der Erde, und nur der Wille Gottes: Liebe, Friede, Sanftmut, Treue, Reinheit, unter uns walte. Aber beten müssen wir dafür. - Wohl kann ein Mensch zuweilen seinen eigenen Willen zügeln, aber ihn überwinden, umwandeln in den göttlichen vermag er nicht; dies muss gegeben, darum erbeten werden. Gründliche, anhaltende, unbeschränkte Selbstverleugnung ist schwer, dazu bedarf es Gotteskraft; der Kampf wider den eigenen Willen ist ein heißer; seine Vollendung ist die Wiederherstellung des Ebenbildes Gottes in uns. Um aber dazu zu gelangen, bedürfen wir Gottes Beistand; versucht es, Jeder, in Wahrheit zu bitten: dein Wille geschehe! schon im Anfange werdet ihr es fühlen, dass hierin Friede, Ruhe ist. Der Sinn dieser Bitte ist daher also wohl weniger, dass Gottes Wille an uns ausgeführt werde, sein Wille geschehe, wie er mit uns es leiten will, wiewohl diese Ergebung in seine Führung, dieser Wunsch, dass er Alles nach seinem Gutdünken durchführe, uns auch geziemt: aber das Größere ist, dass Sein Wille in uns geschehe, wir ihm ohne Widerstehen freudig gehorchen, Sein Wille in Allem, besonders eben in der Heiligung, unser Wille sei! „Wie im Himmel.“ Im Himmel eben dienen ihm die Engel freudig, willig, Er spricht, und es geschieht; da ist kein Zwiespalt zwischen Gott und Geschöpf; und so soll es auf Erden werden. Die unbeschränkteste Erfüllung des Willens Gottes, so dass überall im Himmel und auf Erden der freudige Gehorsam in der Liebe. walte, das wird erfleht. Ist das Gebet im weitesten, vollsten Sinne erhört, so ist die Erde zum Himmelreich verklärt; ist aber dasselbe auch nur für den Einzelnen annähernd erfüllt, so ist dieser selig zu preisen! Fassen wir denn die drei Bitten noch einmal zusammen, damit wir sie in ihrer Erhabenheit von neuem ahnen lernen: Wir bitten um Gottes Dasein unter uns in seinem Wort, in unserem Geist, im Werk und Leben; oder wir flehen um Anfang, Mittel und Vollendung seiner Herablassung zu uns; darum muss sein himmlisches Wesen uns geoffenbart werden, er muss Herrschaft gewinnen in unsern Gemütern, und von dieser aus muss die Umbildung und Verklärung des irdischen Daseins ausgehen. Damit der Name Gottes geheiligt werde, muss sein Reich in Christo sich ausbreiten, dieses ist erst da in der unbegrenztesten Erfüllung des Willens Gottes. Dieses Geschehen seines Willens ist aber wieder nur durch die Herrschaft des Reiches der Liebe und des Friedens möglich, und erst dann ist sein Name wahrhaft geheiligt! Zu allen drei Bitten aber können wir nun das große Wort setzen: wie im Himmel, so auch auf Erden! denn hierin drückt sich die volle Sehnsucht aus nach dem, was wir erflehen, was schon da ist, aber im Himmel, noch nicht bei uns: Ehre Gottes, Friede und Heiligkeit in uns. -

Nun aber, opfert ihr denn wirklich solche Gebete vor Gott? - betet ihr überhaupt, und wenn ihr es tut, richtet sich euer Blick zuerst auf das, was Gottes ist, auf seine Ehre, auf das Ganze, Große, nicht aufs Einzelne, Kleine, also auf sein Reich? dringt euer Blick hinein in die Tiefe, ins Wesentlichste? geht euer Gebet auf das Entscheidende ein, auf das Geschehen des Willens Gottes? Ja, stehen wir hier still und fragen wir uns darüber. Es sind vielleicht Ungläubige unter euch, die gar nicht beten, wie sie sagen, weil Gott Alles schon wisse und von selbst tue, was nötig sei; vielleicht auch Abergläubige, die glauben, erhöret zu werden, weil sie viel plappern und schwatzen: aber beiden sei gesagt, dass der Glaube nur sein Bedürfnis vor Gott ausspricht und aus Gnaden Erhörung hofft, darum aber eben bittet, weil Gott Alles weiß, ehe wir ihn bitten. Doch hierin irret dieser Glaube selbst oft, der noch beten kann, dass er nicht diese höchsten, bleibenden, ewigen Güter verlangt, sondern andere, vergängliche. Zeitliches Wohlergehen, Gesundheit, tägliches Brot das ist vieler Betenden einziges Verlangen; oder fragt euch, wenn ihr auch bittet um die edelsten Güter der Erde, die genannten und Ehre, Freundschaft, Friede im Vaterland, Familienglück; wenn ihr dann dringender, inniger es tut, so oft eines dieser Güter gefährdet ist, müssen wir da nicht bekennen, dass wir im Grunde nur um unsere Ehre, unsere Macht, unsers Willens Erfüllung besorgt sind und um Bewahrung des eigenen Namens, des eigenen Daseins, um Schonung des eigenen Willens flehen? So also führt uns die einfache Auslegung des Vaterunsers zu der tiefen, demütigenden Erkenntnis, dass wir dasselbe eigentlich noch so selten, meistens gar nicht wahrhaft, beten, in dem Sinne, wie der, welcher uns dasselbe gegeben, es verlangt! Fühlet ihr nicht auch hierdurch euch von neuem hingedrängt zu jener ersten Jüngerbitte: „Herr, lehre uns beten!“?

II.

Doch seht weiter, teure Zuhörer, wie ganz unserer Menschennatur, aber freilich einer geheiligten, das Gebet des Herrn angepasst ist, wie wohl der Herr unsere Bedürfnisse kennt, der uns so beten lehrt! Wenn der Betende sein Herz ausgeschüttet hat um der höchsten Angelegenheiten willen, so kann er an sich selbst denken; auch durch den Gang der drei ersten Bitten, welche ja endigen mit der, dass der Wille Gottes in uns geschehe, wurde er auf sich selbst zurückgeführt. Von hieraus beginnt er denn nun weiter, sein Anliegen auszusprechen: Er muss sich grade hier in seiner Ohnmacht schon im Äußerlichen erkennen, in seiner Abhängigkeit von Gott fühlen auch für seinen Leib, zugleich aber den Wert dieses nicht geringer, nicht höher auffassen, als ihm gebührt; darum die Bitte: Gib uns unser täglich Brot. Doch bald richtet sich der Blick des Beters im Geist und in der Wahrheit auf die geistigen Bedürfnisse; es treten ihm aber die Hindernisse entgegen, die ihn grade im höheren Leben hemmen, Vergangenheit und Zukunft treten ihm vor die Seele; darum fleht er um Aufhebung der vergangenen Sünden, um Bewahrung vor zukünftigen und um die völlige Erlösung. Wir können also, wie die früheren als Zuwendungsbitten, so diese als Abwendungsbitten auffassen.

a. Gib uns heute unser tägliches Brot.

Viele Ausleger wollen diese Bitte durchaus nicht im eigentlichen Sinne, wenigstens nicht in diesem allein, verstehen, sondern reden von dem wahren Lebensbrot, das hiermit bezeichnet sei, von Christus, der sich das Brot des Lebens, himmlisches Manna, nennt. Schon jede der vorigen Bitten weist uns auf Ihn hin, die folgenden tun es ebenfalls, er selbst gibt dies Gebet, macht es erst möglich im Menschenherzen; darum finden wir Ihn allerdings hier überall; aber in den Worten dieser Bitte kann ich zunächst und einzig nichts Anderes verstehen, als die Bitte um Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse. Der Entwicklungsgang des ganzen Gebets zeigt uns, wie natürlich, wie richtig die Bitte hier steht. Der auf sich selbst gerichtete Blick des Beters geht vom Zeitlichen, Niedrigsten aus und steigt zum Wichtigeren auf. Oder sollte die Bitte selbst gerade des Christen unwürdig sein? O, wahrlich nein! So soll das Kind Gottes auf Erden bitten. Der Christ soll ja nicht ängstlich sorgen um das Irdische, sondern auch diese Sorge auf Gott werfen; er soll wissen, dass er Gottes Segen und väterliche Fürsorge auch für sein irdisches Dasein, für seiner Hände Arbeit nötig hat. O, seht die hohe Weisheit, die gerade in dieser Bitte liegt: Die niederdrückende Sorge will euch Gott ums Irdische wegnehmen, wir dürfen Ihn darum bitten, es ist ihm nicht zu gering; aber nur Eine Bitte um dieses Äußere nebst fünf um Geistiges legte er uns ins Herz, und nur für das tägliche Brot, nicht für Reichtümer, nur je für heute, nicht für die ferne Zukunft, lehrt er uns darum bitten. O, bitten sollen wir, aber also, damit wir alles, was wir haben, nicht ohne den Blick auf den Geber, als von ihm, empfangen, darum auch mit Dank gegen ihn besitzen und genießen. O, bittet nur: gib uns heute unser tägliches Brot; aber nicht mehr als dies; dies jedoch kindlich vertrauend, Reiche und Arme!

b. Vergib uns unsere Schulden.

Vor Gottes Angesicht erkennen wir unsere Unreinheit, unsere Übertretungen von Jugend auf; wer diese leugnet und sich selbst gerecht dünkt, der kann dies nicht beten; aber will sich Einer unter euch ausschließen, wenn wir jetzt sagen: vergib uns unsere Schulden? Vergebung ist der Fels unserer Ruhe, unsers Friedens; Vergebung, Vergessen, Vertilgen unserer Sünde durch die unendliche Liebe Gottes in Christo! dass wir dieser Gnade gewiss werden, sollen wir bitten; erst wann der Friedensgruß „Sei getrost! dir sind deine Sünden vergeben!“ unsere Seele berührte, ist wahres Gottvertrauen in uns, und können wir weiter wandern in diesem Leben; erst wenn dem Herzen die Sündenlast, das Schuldbewusstsein abgenommen ist, kann es Mut fassen, fortan Gott zu leben und in guten Werken und heiligem Wandel sich zu üben. Darum ist dies die Grundbitte, das erste, heiße Flehen des werdenden Christen. Aber hier in diesem Zusammenhange hat die Bitte noch den Sinn, dass tägliche kleine und große Übertretungen und auch die uns verborgenen Fehler nicht übersehen und vor Gott weggeleugnet werden, sondern allezeit bekannt werden; kurz, dass in täglicher Buße wir uns demütigen; aber, teure Zuhörer, nicht uns in ihr verzehren, nicht stets nur auf die Finsternis in uns sehen, sondern um Vergebung bitten, also auch da die Hand Gottes erfassen, der treu und gerecht ist und dem Bekennenden die Last wegnimmt, ihm die Sünden vergibt und ihn reinigt von aller Untugend. Wer aber die vergebende Liebe Gottes in Christo erfahren hat, der muss geloben:

c. wie auch wir vergeben unsern Schuldnern.

Es heißt nicht: vergib uns, weil wir auch vergeben; nicht durch unsere Vergebung gegen die Menschen erwerben wir uns die Vergebung Gottes: denn nur, wer zuvor die Barmherzigkeit Gottes empfangen hat, der kann erst auch barmherzig sein. Dies ist das Gebet und Gebot für einen Jünger Jesu, der Vergebung der Sünden empfangen; der kann, der soll vergeben. Siehe, einfach ist der Sinn der: Wenn du dich Gott nahst und Ihn um Vergebung bittest, so muss doch auch dein Herz versöhnlich sein gegen deine Brüder, denn sie haben geringere Schuld gegen dich, als du gegen Gott. Bittest du dagegen um Vergebung für dich, mit Hass und Zorn und Rachegedanken gegen die Brüder, so ist es eine Heuchelei. Hast du aber Vergebung empfangen und gehst hin und schlägst deinen Mitknecht, so entzieht dir Gott auch seine Gnade wieder. Kurz, die empfangene, schon die gesuchte, Vergebung verwandelt sich in Selbstverpflichtung, und erst wenn wir vergeben unsern Schuldnern, so haben wir die Zusicherung, dass auch wir von Gott begnadigt sind; je stärker wir in der Versöhnlichkeit werden, desto inniger wird das Vertrauen, auch uns habe der himmlische Vater vergeben. Geliebte Zuhörer, es ist schwer, sehr schwer, zu vergeben unsern Schuldnern; wer es schon versuchte, wird dies bezeugen müssen; aber unmöglich ist es nicht. Lassen wir nur uns von Gott vergeben, so kommt Kraft dazu. Die Kraft will Er uns ja auch geben, bei Ihm ist sie allein, darum sollen wir bitten. Haben wir das Größte empfangen, so können wir auch das Größte geben - die Verzeihung!

Aber gerade hierin sind wir schwach; wenn es uns auch einmal gelungen ist, so ist später die Kraft dazu nicht mehr da, und der Hass und der Groll überwältigt uns; aber mit welcher Leidenschaft wäre es nicht so? Nennt sie euch im Stillen alle, die ihr wohl kennt, wie sie euch treiben, und ihr werdet bekennen, wenn sie auch durch Gottes Gnade ihre erste Gewalt nicht mehr haben, doch sind sie noch im Innern, noch können sie entsetzliche Kraft gewinnen, noch kann von außen Versuchung, im Innern Anfechtung kommen, und ihr fallt! Ja, und gerade wer da steht, der sehe zu, dass er nicht falle! Aber sollen wir zagen bei diesem Blick in die Versuchlichkeit unsers Lebens? Nein, nein, sondern dennoch freudig sein, da der Herr uns ja noch für alle Zukunft auf dieser Erde das Trost gebet gibt:

d. Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!

Ja dies ist vor Allem ein Trostgebet zu dem bewahrenden Vater. Wie aber, ist denn die Versuchung nicht nötig zur Bewährung und Läuterung? oder: führt denn Gott in Versuchung? wird gefragt. Die Antwort auf Beides und die Auslegung der Bitte, die freilich, wie im Leben, so in der Lehre, schwer zu verstehen ist, ist kurz diese: Es heißt nicht „versuche uns nicht“, sondern „führe uns nicht in Versuchung“. Niemand sage: dass er von Gott versucht wird, denn Gott ist kein Versucher zum Bösen. Er versucht niemand; ein Jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird. Aber dass der allwissende Vater uns bewahre vor Umständen und Lebensführungen, die unsere Lust und innere Sünde reizen, das sollen, das dürfen wir bitten, denn wir wissen ja nicht, welche Macht diese in unserer Schwäche noch immer liegende künftige Sünde gewinne, ob sie uns ganz von Gott trenne! Davor bebt die Seele, und bittet rundweg und unbeschränkt: führe uns nicht in Versuchung. Veranstaltet es aber Gott so dass die Versuchung doch kommt, tut er es, damit wir gedemütigt und gezüchtigt werden, so bitten wir also, bis wir erkennen, dass der Herr uns in die Versuchung einführen will; dann aber ruft die Seele um Kraft, sie zu überwinden, um Mut zum Kämpfen und Siegen, und dennoch immer wieder um Bewahrung in der Gnade! Das letzte ist ja eben der Seufzer: „erlöse uns von dem Bösen“. Nehmen wir dies Böse vom irdischen Übel, von den Leiden, so bemerkt wohl, wie dieses erst folgt auf das Gebet um Bewahrung vor der Sünde. Auch um Befreiung von Leiden, von Übel soll vor Allem gefleht werden, so ferne daraus für unsere Seele Versuchung kommt; aber am besten ist es wohl, diese Bitte von dem ganzen Umfang dessen, was uns Versuchung bringt, zu nehmen. Erlöse uns! so flehten die Leidenden jeder Art, die Mühseligen und Beladenen, die Geängsteten durch ihre Sünden; erlöse uns von unsers Herzens Gelüsten, von der Welt und ihrem Fürsten, von der Trübsal! Es ist die Hoffnung im einzelnen Kampf auf den zeitlichen Sieg; es ist die Hoffnung im ganzen Leben auf die einstige Rettung und Vollendung in Christo!

Wir sind am Schluss der Bitten. Teure Zuhörer. Ahnen wir denn nun den reichen Inhalt, die unaussprechliche Wahrheit, die Erhabenheit dieses Gebetes? und warum lässt es uns denn so oft kalt? Gewiss nicht deswegen, weil es so oft, zu oft gebetet wird, sondern weil es nicht recht gebetet wird. Es ist eben nur im Geist und in der Wahrheit zu beten, nur mit Verleugnung des eigenen Wesens und mit Liebe zu Gott - es ist ein Christengebet! Welche Fülle zeigt sich uns in demselben, wenn wir es auch, wie wir getan, nur als Bitten auffassen! Aber alle diese Bitten sind zugleich Bekenntnisse: dass der Name Gottes unter uns noch nicht geheiligt werde, sein Reich noch nicht in uns wohne, sein Wille noch nicht geschehe; in alten diesen Bitten liegt auch ein Dank, dass wir seinen Namen kennen, sein Reich uns gegeben ist, sein Wille uns geoffenbart sei, das Brot er uns gebe, dass er uns vergebe, uns bewahre. Aber nicht Bitte, nicht Bekenntnis, nicht Dank nur liegt darin, sondern auch Gelübde: denn, wer so bittet, muss doch entschlossen sein, den Namen Gottes zu heiligen, sein Reich des Friedens in seinem Hause und Berufe zu mehren, seinen eignen Willen aufzugeben, nun nicht dem Geiz zu frönen, sondern sich mit dem Nötigen zu begnügen, den Schuldnern zu vergeben, alle Zweideutigkeit des Herzens auszutilgen, nicht sich selbst in Versuchung zu führen, mit Einem Worte: sich erlösen zu lassen!

Noch einmal frage ich: ahnt ihr die Wahrheit und Tiefe dieses Gebetes? O, dass doch alle euere Herzen jetzt bewegt stammeln mögen: Herr, lehre uns beten! Nun so gedenkt an alle Verheißungen, die das Gebet hat, und betet innig und aufrichtig, im Namen Jesu Christi, seines Sohnes, unsers Herrn und Heilandes:

Unser Vater, der du bist in den Himmeln.
Dein Name werde geheiligt.
Zu uns komme dein Reich.
Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel.
Gib uns heute unser täglich Brot
Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldnern,
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

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