Wirth, Zwingli - Alte Wahrheit für die neue Zeit - Die sittliche Entwicklung und die sittliche Aufgabe.

Wirth, Zwingli - Alte Wahrheit für die neue Zeit - Die sittliche Entwicklung und die sittliche Aufgabe.

2. Mos, 20, 17.
Lass dich nicht gelüsten deines Nächsten Hauses; lass dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibes, noch seines Knechts, noch seiner Magd, noch seines Ochsen, noch seines Esels, noch alles dessen, was dein Nächster hat.

Wir kommen noch zum letzten jener alten mosaischen Gebote, in denen wir aufs Neue die einfache und in ihrer bewunderungswürdigen Einfachheit nie veraltende Grundlage des religiös-sittlichen Lebens kennen gelernt haben. Es unterscheidet sich dieses letzte Gebot, wie wir auf den ersten Blick sehen, wesentlich von den vorangehenden, indem es das Gebiet der äußeren Handlungen verlässt und mit Einem Mal in jene verborgene Welt des Herzens hineingreift, wohin kein menschliches Strafgesetz und kein menschliches Auge reicht. Es ist nicht genug - sagt dieses letzte Gebot - die göttlichen Lebensordnungen äußerlich zu achten, den Nächsten in seinen Rechten und Gütern nicht zu kränken und zu verletzen; du sollst auch nicht einmal dergleichen Gedanken und Wünsche hegen: „Lass dich nicht gelüsten deines Nächsten Hauses,. seines Weibes, seines Knechtes, seiner Magd, seines Ochsen, seines Esels, noch alles dessen, was dein Nächster hat.“

Gewiss ein höchst bedeutungsvoller Schluss, trotz der altertümlichen Form. Damit sind alle früheren Gebote, wenigstens soweit sie sich auf das Verhältnis zum Mitmenschen beziehen, nicht nur zusammengefasst, sondern auch ergänzt, erweitert und auf ihren innersten Kern zurückgeführt. Zugleich aber betreten wir damit einen Boden, wo eigentlich das Gesetz gar nicht mehr hinlangt, wo das zwingende Gebot seine Kraft verliert und etwas Anderes nötig ist, als das starre „Du sollst“. Und so erinnert uns das Schlussgebot: „Lass dich nicht gelüsten“ an den ganzen Ernst der sittlichen Entwicklung und an die ganze Größe der sittlichen Aufgabe.

1.

Indem das letzte Gebot die böse Tat bis zu ihrer letzten Wurzel und Quelle, dem bösen Gelüsten, verfolgt, erinnert es uns zuvörderst an den Ernst der sittlichen Entwicklung.

Stellen wir uns an die Wiege eines Kindes. Wie ist da noch Alles verhüllt und verschlossen, ein liebliches Geheimnis, die ganze geistige Ausrüstung noch in den Schlummer der Bewusstlosigkeit versenkt, das ganze Kindesleben nur erst eine Frage an die Zukunft. Was aus ihm werden wird, Niemand weiß es; es sind nur Wünsche und Hoffnungen, mit denen wir es auf seinen ersten Schritten begleiten. Allmählig öffnet sich die Knospe. Diese und jene Anlagen treten deutlicher zu Tage, aus denen sich bereits ein Schluss ziehen lässt auf künftige Eigenschaften. Aber noch ist Alles unbestimmt, wandelbar, elastisch. Das größere Kind hat dann bereits klar ausgesprochene Neigungen, ein bestimmtes Temperament, eine bestimmte Gemütsart; aber auch jetzt noch kann allerlei aus ihm werden und kann es sich in sehr verschiedener Richtung entwickeln. Welche wird es wohl einschlagen? Diese flüssigen, schwankenden, einander anziehenden und abstoßenden Elemente des Kindesgemüts, zu was für einem Gebilde werden sie sich kristallisieren?

Was wird sich schließlich herausarbeiten aus diesem Auf- und Niederwogen der geistigen Mächte, die in ihm arbeiten, aus all' den Wandlungen und Gärungen der Kindheit, aus all' dem Sturm und Drang des reiferen Jugendalters? Werden die trüben Schlacken der Sinnlichkeit und Selbstsucht zu Boden sinken und das lautere Gold eines gediegenen Charakters, eines für alles Edle und Gute begeisterten Gemütes und Willens zum Durchbruch kommen? Oder werden die bösen Triebe mehr und mehr zur Herrschaft gelangen, wird das Unkraut den Acker des Herzens überwuchern und die edlen Keime ersticken und ein böser Ring an den andern sich fügen, bis das Wort erfüllt ist: „Wenn die Lust empfangen hat, so gebiert sie die Sünde, die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod“?

Wer weiß es? es ist ein wunderbares Ding um die sittliche Entwicklung des Menschen. Wer kann dieses verschlungene Gewebe entwirren? Und doch vollzieht sich auch diese Entwicklung, wie jede andere, in unzerbrüchlicher Gesetzmäßigkeit. Es gibt auch da eine unerbittliche Logik im Guten wie im Bösen, einen unauflöslichen Naturzusammenhang zwischen Knospe und Frucht, zwischen Wurzel und Baum. Siehst du es nicht an dir selbst? Deine eigenen sittlichen Eigenschaften, deine Tugenden und deine Fehler, reichen sie nicht mit ihren Wurzeln weit zurück, bis in die frühesten Tage der Kindheit? Haben nicht vielleicht schon deine Eltern dieselben Erfahrungen mit dir gemacht, die du jetzt selber an dir machst; haben sie nicht mit denselben bösen Neigungen in dir zu kämpfen gehabt, mit denen du jetzt noch zu kämpfen hast? Die herrlichsten Menschen, die erhabensten Vorbilder reiner Tugend und aufopfernder Liebe, hatten sie ihre Lebenswurzeln nicht auch im Eltern-Hause, in ihrer Erziehung und Umgebung, in ihrer Naturanlage, aber auch in Stunden ernsten Kampfes und sittlicher Arbeit an sich selbst? Und die Verlorenen, Verzweifelten, mit Gott und sich selbst Zerfallenen, der elende und abgestumpfte Verbrecher, sind sie nicht aus demselben Sonnenschein der Kindheit, aus denselben Blütenträumen der Jugend, aus denselben Gefilden der Unschuld hergekommen? Wo hat denn der Weg angefangen, der sie hinab in dunkle Tiefe führte? Niemand kann es sagen.

Darum dringt das letzte Gebot noch zu den Anfängen der sittlichen Entwicklung vor mit der Mahnung: „Lass dich nicht gelüsten“. Es will vor Allem den Eltern und Erziehern sagen: wie wichtig sind doch diese Anfänge, diese Keime, die bis in die Kinderstube zurückreichen! Schätzt sie nicht gering; geht nicht gleichgültig daran vorüber; denkt nicht, das seien nur Kinderlaunen, die von selbst verschwinden. diese Anfänge schließen oft eine ganze Zukunft in sich; in diesen Keimen kann Segen oder Fluch verborgen liegen fürs ganze Leben. Es will aber auch einem Jeglichen sagen: achte nicht nur auf deine Worte und Taten, auf das, was die Menschen sehen und hören, achte auch auf das, was in deinem Innern vorgeht. Denke nicht: „Die Gedanken sind zollfrei“. Es liegt eine gewaltige Triebkraft in diesen verborgenen Regungen, in diesem geheimen Spiel der Gedanken, und schon Mancher hat es erfahren, wie aus solchen Keimen und Wurzeln des Zornes, der Rache, der Unredlichkeit, der Genusssucht, der Unreinheit, die er vielleicht anfangs kaum beachtete, unversehens giftige Früchte reiften, wie diese kleinen, unscheinbaren Bächlein allmählig zu einem Strome anschwollen, der mit unheilvoller Gewalt die schützenden Dämme durchbrach. Ja, es ist eine ernste Sache um die sittliche Entwicklung. Darum spitzt sich schließlich Alles in den Gedanken zu: „Lass dich nicht gelüsten.“ Wache über dein Herz; pflege den inwendigen Menschen; bewahre und reinige immer wieder die Wurzeln deines Lebens, damit du ein Baum wirst, „gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und seine Blätter verwelken nicht“.

2.

Unser Gebot erinnert uns aber nicht nur an den Ernst der sittlichen Entwicklung, sondern auch an die Größe der sittlichen Aufgabe.

Der jüdische Gesetzgeber geht mit seinem Schlussgebote gewissermaßen schon über sich selbst hinaus und redet schon ein wenig neutestamentlich. Er fordert da nicht mehr nur Handlungen, nicht mehr nur ein rechtschaffenes Verhalten, sondern die Reinheit des Herzens, die Lauterkeit und Selbstlosigkeit der Gesinnung. Er steigt von der Oberfläche hinab zur Quelle aller guten und bösen Taten, auf den tiefsten Grund des inwendigen Menschen.

„Lass dich nicht gelüsten!“ - wer kann in diesen Spiegel blicken, ohne seiner Mängel und Flecken sich bewusst zu werden? Auch wenn wir vielleicht bei allen andern Geboten selbstzufrieden sagen möchten: „Das habe ich Alles gehalten von meiner Jugend an“, hier muss aller Eigenruhm verstummen. Wir reden nicht von Solchen, die hinter äußerer Ehrbarkeit, vielleicht sogar hinter äußerer Frömmigkeit ein liebloses, eitles, eigennütziges oder unredliches und unlauteres Herz verbergen und die Jesus „übertünchte Gräber“ nennt. Auch wenn wir nur die gewöhnlichen Durchschnittsmenschen im Auge haben, zu denen wir ja wohl auch gehören, so müssen wir sagen: das Äußere und das Innere stimmen nicht vollständig mit einander überein. Ohne dass wir gerade besser scheinen wollen, als wir sind, tragen wir doch unwillkürlich der Welt gegenüber, den Menschen gegenüber mehr oder weniger ein Sonntagsgesicht. Schon die Formen der Höflichkeit, des geselligen Anstandes verlangen es, dass wir uns ihnen nicht im Negligé zeigen. Die allgemeine Sitte, die öffentliche Meinung, das Urteil der Menschen üben zudem einen starken Einfluss auf uns aus. Darum sieht man doch oft nach außen ein bisschen anders aus als nach innen. Man zieht den Hut ab auch vor dem, den man vielleicht innerlich hasst und verachtet. Man beteiligt sich an Werken der Liebe, aber es wirken dabei oft ganz andere Gründe mit, als der innere Trieb. Man zeigt sich entrüstet über ein Unrecht und ist vielleicht in dem gleichen Spitale krank. Man ist begeistert für dies und das, aber diese Begeisterung ist vielleicht mit sehr fremdartigen Bestandteilen versetzt. Und Viele sind ja eigentlich nur das Produkt ihrer Verhältnisse, sind nur, was ihre Umgebung aus ihnen macht.

Wenn man aber Alles von uns abzieht, was unsere Stellung in der menschlichen Gesellschaft bedingt, unsern Reichtum oder unsere Armut, unsre Vornehmheit oder unsre Niedrigkeit, unser feines Modekleid oder unsre zerrissene Bluse, unsern Witz oder unsre Einfalt, unsern Beruf, unsern Stand, unser Amt, unsre Familienverbindungen, unsre geselligen Talente, wenn man alles das abzieht: was bleibt dann noch übrig? Nur der Mensch selbst; nur das, was wir wirklich sind vor dem allwissenden Herzenskündiger, unser innerstes Ich, unser geheimstes Denken und Fühlen, Wünschen und Wollen, Hoffen und Träumen, Glauben und Lieben. In dieses innerste Lebenszentrum hinein zündet das Gebot: „Lass Dich nicht gelüsten“ und zeigt uns als die höchste sittliche Aufgabe die freie, lautere, bis auf den tiefsten Grund sittlich durchgebildete Persönlichkeit, den klaren, starken, gottgeeinten Willen, das reine, treue, liebeerfüllte Herz, aus dem aller Bodensatz des Niedrigen und Gemeinen, alle Schatten des Hasses und der Selbstsucht verschwunden sind.

Aber wie? kann das auch befohlen werden, reicht das Gesetz so weit? Wir verstehen, dass das Gesetz sagen kann: „Du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen“; diese Dinge fallen in seinen Bereich. Aber Gesinnungen, Wünsche, Neigungen des Herzens, lassen sich die auch gebieten oder verbieten? Ist es nicht ein innerer Widerspruch, zu befehlen: „Du sollst dich nicht gelüsten lassen“? Ach, das weiß jeder Vater und jede Mutter. Sie können das Kind ermahnen, warnen, strafen, können es zwingen, dieses zu tun, jenes zu lassen. Aber mit allen Befehlen und Strafen können sie das böse Gelüsten nicht aus dem Herzen verbannen und die Freude am Guten nicht hineinzwängen. Da hört sie auf, die Macht des Gebotes, des Zwanges, des „Du sollst“; da braucht's in Gottes Namen noch etwas Anderes, als den toten, kalten Befehl. Das Gleiche sehen wir auch in der bürgerlichen Gemeinschaft. Auch da kann das Gesetz äußere Ordnungen aufstellen und äußere Leistungen fordern, es kann das Leben, den Ehebund, das Eigentum, den guten Namen des Menschen unter seinen Schutz und Schirm nehmen und bis auf einen gewissen Grad gegen frevelhafte Eingriffe schützen. Aber weiter reicht die Hand des Gesetzes, die Macht der Justiz und Polizei nicht. Bürgersinn und Bürgertugend, Gottesfurcht und Treue, Redlichkeit und Zuverlässigkeit, Gemeinnützigkeit und Aufopferung und Bruderliebe kann der Staat nicht befehlen, die müssen anderswoher kommen. Ja selbst der liebe Gott kann und will mich nicht zum Guten zwingen; selbst das ewige Sittengesetz, so lange es ein bloßes Gesetz für mich ist, kann mich nicht zu einem guten Menschen machen. Es stellt wohl Forderungen an mich, aber es gibt mir nicht die Kraft, sie zu erfüllen; es sagt wohl, „Du sollst“, aber es kann mir nicht das Wollen und Vollbringen geben; es hält mir wohl einen Spiegel vor, worin ich meine Schwachheit und Sündhaftigkeit erblicke, aber es hebt mich nicht darüber empor zur Freiheit und zum Frieden. Das Gesetz enthält immer eine Opposition, eine Verneinung (wie denn auch von den zehn Geboten fast alle nur Verbote sind), aber es kann keine positive Kraft, kein wirkliches Leben ins Herz hineingießen. So lange ich nur auf dem Boden des Gesetzes stehe, bin ich ein unwilliger Taglöhner, der nur gezwungen und notdürftig seine Pflicht tut, oder ein selbstgerechter Pharisäer, der mit seiner fadenscheinigen Tugend sich brüstet. Das Gesetz als Gesetz ist eben ein Buchstabe, ein Joch, eine Fessel, die den Menschen nur äußerlich im Zaume hält, aber ihn innerlich nicht anders und besser macht. Ja es weckt und nährt sogar die Neigung zum Verbotenen; „ich wüsste nichts von der Lust“, spricht der Apostel, wenn das Gesetz nicht sagte: „lass dich nicht gelüsten“. Also gerade da, wo das Gesetz seinen Schluss- und Höhepunkt erreicht, indem es auch die böse Lust verbietet, offenbart es seine Unzulänglichkeit und seine Ohnmacht. „Der Buchstabe tötet.“

Und so weist denn das Gesetz selbst über sich hinaus auf etwas Besseres und Größeres. Es ist nur der Vorläufer, der Bahnbrecher, der „Pädagoge“ gewesen, wie Paulus es nennt, der auf ihn vorbereiten sollte, der den Buchstaben in Geist und das Gesetz in Kraft und Leben verwandeln wollte. Erst Moses mit seinen steinernen Tafeln, dann Christus mit seinem lebendig machenden Geiste; erst der Heilige und Gerechte, der unter den Donnern des Sinai redet, dann der Liebende und Befreiende, der seinen Himmel öffnet und seine Engel sendet mit der Botschaft: „Ich verkündige euch große Freude“; erst die Religion der Zucht, des Zwangs, des Gehorsams und dann das frohe Evangelium der Freiheit und Bruderliebe; erst die Fundamentsteine der Religion und Sittlichkeit, wie sie in den zehn Geboten niedergelegt sind, und dann der herrliche Geistestempel, der immer weiter und höher werden soll, bis unter seinem Dache eine freie, glückliche, verbrüderte Menschheit wohnt. Das ist der göttliche Erziehungsplan mit dem Menschengeschlecht.

Es ist aber auch der göttliche Ruf an jeden Einzelnen, es ist auch der Weg, den wir gehen müssen: vom Buchstaben zum Geist, vom Gehorsam zur Freiheit, vom Knechtesdienst zur Kindesfreudigkeit, von den Anfangsgründen des „Du sollst“ zur sittlichen Reise des „Ich will und ich kann“, von dem notdürftigen und mühseligen Gesetzeswerk zu der Kraft und dem Reichtum der Liebe, die „des Gesetzes Erfüllung ist“. Wir wissen, wer diesen Weg uns zeigt und führt. „Das Gesetz ist durch Moses gegeben, die Gnade und Wahrheit aber ist durch Jesum Christum geworden“.

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