Trenkle, Georg Hermann - Wer wird des Herrn Segen erben?
Heiliger Gott, du willst, dass auch wir heilig seien in allem unserem Wandel! So heilige uns auch durch deinen Geist, dass wir mit Herz und Mund und Wandel dich preisen und etwas werden zum Lobe deines heiligen Namens. Du bist allen Übeltätern feind, du bringst die Lügner um, du hast Gräuel an den Blutgierigen und Falschen. Aber den Gottesfürchtigen tust du Gutes, du erhörest ihr Gebet und krönest sie mit Gnade wie mit einem Schilde. On siehe nicht an unsere Sünde und Unwürdigkeit, erbarme dich unserer nach deiner großen Güte, lehre uns deinen Willen tun, gib uns Kraft der Heiligung nachzujagen, ohne welche Niemand dich schauen kann, und lass es uns nie vergessen, was du gesagt hast: ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr euer Gott. Amen. V. U.
1 Petr. 3,8-15.
Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, freundlich. Vergeltet nicht Böses mit Bösem, oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern dagegen segnet und wisst, dass ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen erbt. Denn wer leben will und gute Tage sehen, der schweige seine Zunge, dass sie nicht Böses rede und seine Lippen, dass sie nicht trügen. Er wende sich vom Bösen und tue Gutes, er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Gebet; das Angesicht aber des Herrn sieht auf die, so Böses tun. Und wer ist, der euch schaden könnte, so ihr dem Guten nachkommt? Und ob ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch aber vor ihrem Trotzen nicht und erschreckt nicht. Heiligt aber Gott den Herrn in eurem Herzen.
Wisst, dass ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen erbt. Diese Verheißung wird in der heutigen Epistel den Christen vorgehalten, sie dadurch zu ermuntern, dass sie ihres Berufes wahrnehmen und desselben würdig wandeln. Worin dieser Segen bestehe, wird uns nicht gesagt. Petrus setzt voraus, dass seine Leser, dass alle Christen es wissen. Gottes Segen ist ein zweifacher.
Wie der Mensch ein zeitliches und ein ewiges Leben hat, so ist auch Gottes Segen ein doppelter, ein zeitlicher und ein ewiger, ein Segen in irdischen wie in himmlischen Gütern. Nicht so ist es, dass dieser Doppelsegen Gottes den Christen jeder Zeit zugleich zu Teil wird. Oft geschieht es, dass Gott gerade seine liebsten und frömmsten Kinder an irdischen Gütern verkürzt, diesen Mangel aber durch einen desto größeren Reichtum an himmlischen Gütern ersetzt; wiederum geschieht es, dass er es ihnen an zeitlichem Wohlergehen nicht fehlen, dafür aber den Mangel an geistlichem Segen in himmlischen Gütern sie bitter empfinden lässt. Gottes Wege sind in dieser Hinsicht verschieden. Er gibt und nimmt, je nachdem er es unserem inwendigen Menschen für heilsam, zu unserer Erziehung, zur Läuterung und Förderung im Glauben für notwendig hält. Ganz entzieht er uns aber seinen Segen nicht, wenn er schon in mannigfachem Wechsel bald die eine, bald die andere Art des Segens vorherrschen lässt. Den wahren Christen mangelt es nie an Gottes zeitlichem Segen; man darf sich nur gewöhnen, nicht das für einen Segen anzusehen, was die Welt dafür hält, nämlich Reichtum, Ehre, Ansehen, sinnlichen Genuss und dergleichen, sondern das, was im Grunde nur ein Segen ist, nämlich das tägliche Brot, Gesundheit und ein froher Mut. An dem Segen in himmlischen Gütern fehlt es ihnen vollends nie; denn wenn sie auch zu Zeiten das Gefühl haben, als ob Gott sein Angesicht vor ihnen verborgen und seine Barmherzigkeit vor Zorn verschlossen habe, wenn die Empfindung seiner Gnade und die Seligkeit des Glaubens ihnen abgeht, so ist ihnen doch Vergebung der Sünden und damit Leben und Seligkeit im Worte zugesagt und ebenso gewiss, als das Wort Gottes wahrhaftig ist. Denn die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens. Ihr seid die Gesegneten des Herrn, darf man daher allen frommen Christen zurufen; wisst, dass ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen erbt. So wahr aber Gott den versprochenen Segen nicht zurückhält, so gewiss ist auch, dass die Erlangung desselben an Bedingungen geknüpft ist, welche unsererseits erfüllt werden müssen. Welches sind diese Bedingungen? So fragen wir und entnehmen der heutigen Epistel die Antwort.
Wer wird des Herrn Segen beerben?
Wir hören: Derjenige, welcher
1. frommen Sinnes,
2. wahrhaftigen Mundes,
3. heiligen Wandels ist.
1.
Endlich seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, freundlich; vergeltet nicht Böses mit Bösem und Scheltwort mit Scheltwort, sondern dagegen segnet und wisst, dass ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen erbt. So hebt unsere Epistel an und schließt damit die Reihe von Ermahnungen, welche Petrus den Christen gegeben hat, sie daran zu erinnern, wie sie ihren Stand führen und sich verhalten sollen, dass man sie unterscheiden könne von den Heiden, von allen Ungläubigen und Gottlosen. Er führt in diesen Ermahnungen nur weiter aus, was schon im alten Bunde dem Volke Gottes gesagt ist: Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig, der Herr euer Gott, und was Christus in der Bergpredigt seinen Jüngern zuruft: Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.
Gleichheit der Gesinnung, das ist die erste Forderung, welche Petrus an die Christen stellt; sie stimmt mit dem überein, was Paulus verlangt: Habt einerlei Sinn untereinander, seid fleißig zu halten die Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens. Damit ist nicht gemeint, dass unter Christen keine Verschiedenheit der Ansichten und Überzeugungen in weltlichen und geistlichen Dingen stattfinden dürfe, dass eine Gleichförmigkeit und Einerleiheit der Meinungen und Richtungen vorhanden sein müsse. Wohl aber wird von ihnen erwartet, dass sie in der Hauptsache zusammenstimmen, auf einem gemeinsamen Boden des Glaubens stehen, auf welchem eine Verständigung denkbar und möglich ist. In Christo Jesu müssen sie Eins sein und im Glauben an Ihn alle Unterschiede ausgleichen und versöhnen. Denn in Christo Jesu ist nicht Grieche, Jude, Beschneidung, Vorhaut, Ungrieche, Skythe, Knecht, Freier, Mann und Weib, in Ihm sind sie allzumal Eins. Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, - das ist's, was einerlei Sinnes macht. Wo aber Einigkeit des Sinnes ist, da fließen wie aus einem Brunnen alle übrigen Tugenden, die Petrus den Christen empfiehlt, da ist man mitleidig, brüderlich, barmherzig, freundlich und vergilt nicht Böses mit Bösem und Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet. Mitleid ist das aufrichtige Mitgefühl des Menschen mit dem Menschen, da man mit den Fröhlichen sich freut, mit den Weinenden weint, und des Nächsten Lasst empfindet, als wäre es die eigene. Brüderlichkeit ist die Offenheit und Vertraulichkeit, womit sich Einer dem Andern ohne Rückhalt hingibt, ohne Furcht, von ihm verkannt und falsch beurteilt zu werden; Barmherzigkeit ist die Liebe, die der Unglücklichen sich tatsächlich annimmt, ohne zwischen Freund und und Feind, zwischen Glaubensgenossen und Andersgläubigen zu unterscheiden; Freundlichkeit ist die Leutseligkeit des Benehmens im Verkehr und Umgang, die Jedermann sich gefällig erweist, gegen Niemand bitter, mürrisch und unverträglich ist. Noch weiter geht der Apostel in seiner Ermahnung, er mutet den Christen zu, dass sie sich nicht dieser Welt gleich stellen, dass sie nicht den Grundsatz zu dem ihrigen machen: Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie du mir, so ich dir! er macht es ihnen zur Pflicht, zu segnen, wo man ihnen flucht, das Böse mit Gutem zu überwinden und feurige Kohlen auf das Haupt der Feinde zu sammeln.
Fragen wir uns doch, meine Zuhörer, wie weit diese Früchte des Geistes bei uns schon gediehen, ob wenigstens Keime und Ansätze dazu in uns vorhanden sind. Denn sie sind wahrlich nicht allenthalben, nicht in Überfülle unter uns zu finden; sie gedeihen nicht auf jedem Boden, nicht in dem Grunde des natürlichen Herzens, das immer nur das Seine sucht, von Entsagung und Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung nichts weiß; sie wachsen und reifen nur auf dem feinen und guten Lande eines von der Liebe Christi erweichten, von der Gnade Gottes betauten, von dem Feuer des Heiligen Geistes erwärmten Herzens; sie wollen gehegt und gepflegt und sorgfältig geschützt sein gegen die Stürme, die von innen und von außen sie bedrohen, gegen den Wurm der Selbstsucht und des Eigennutzes, der sie von innen benagt, gegen die rauen, mutwilligen Hände, die sich an ihnen vergreifen. Es ist aber nicht leicht, in Wirklichkeit, wenn auch nur annäherungsweise das zu tun, wozu der Apostel ermahnt; dazu gehört sittlicher Ernst, gewissenhafte Übung, beständiges Aufmerken auf Gottes Wort, auf das Vorbild aller Tugend, unseren Herrn Jesum Christum, wie auf das eigene Herz. Und doppelt schwer hält es in der gegenwärtigen Zeit, den Ermahnungen zur Einigkeit des Sinnes, zum Mitleid, zur Brüderlichkeit, zur Barmherzigkeit, zur Freundlichkeit, zum Segnen Eingang und Gehör zu verschaffen. Geht doch ein tiefer Riss und Zwiespalt durch unser armes Volk und Vaterland und lässt es zu keiner Verständigung kommen; schweigt doch das Mitgefühl unter dem Geräusch der Waffen, steht doch ein Bruder dem anderen mit Argwohn und Feindschaft gegenüber, schwindet doch die Barmherzigkeit, wo die Rache glüht, weicht doch die Freundlichkeit, wo Kain seine Gebärden gegen seinen Bruder Abel verstellt, hört da doch das Segnen auf, wo man Böses mit Bösem vergilt! Hat man bisher lange genug tauben Ohren gepredigt, wird man jetzt unsere, wird man eines Apostels Mahnung hören, jetzt, wo die Leidenschaft entbrannt, die Herzen entzweit, die Brüder verfeindet, die Heere zum Kampfe gerüstet sind? Und doch, sind nicht diese alle, die in blutigem Ringen einander zu vernichten drohen, sind sie nicht alle Genossen Eines Volkes, Söhne eines Vaterlandes, Glieder Einer edlen Familie, Christen, die, wenn auch verschiedenen Bekenntnisses, gemeinschaftlich Einen Herrn anrufen, auf dessen Namen sie getauft sind, verbindet sie nicht alle das Band gemeinsamer Abstammung, gemeinsamer Sprache, gemeinsamen Glaubens? Umso mehr wird es nottun, zu bitten, zu ermahnen: endlich seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, freundlich, vergeltet nicht Böses mit Bösem und Scheltwort mit Scheltwort, sondern dagegen segnet und wisst, dass ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen erbt. Vergesst doch nicht über all' dem Hader und Streit, unter all den jetzt sich widerstrebenden und bekämpfenden Ansichten und Interessen, was euch gemeinsam ist, und sucht, wie ihr nur immer könnt, das gelockerte, zerrissene Band der Einheit wieder festzuknüpfen; verliert unter dem Lärm des Krieges nicht das Mitgefühl mit dem Jammer und der Not, wo sie euch entgegentritt, und freuet euch des Falles eurer Feinde nicht; reicht doch die Bruderhand jeden Augenblick wieder zum Frieden und zur Versöhnung; streckt doch die Hände der Barmherzigkeit aus nach all' den Unglücklichen, die verwundet und halbtotgeschlagen in der Wüste der Schlachtfelder liegen, naht ihnen mit Samariterliebe, gießt in ihre Wunden Öl und Wein und führt sie in die Herberge und pfleget ihrer; bewahrt doch eine freundliche Miene, habt ein Wort der Milde und des Segens für alle, auch den Feind, der euch begegnet!
Es ziemt mir, es ziemt der heiligen Stätte, von welcher ich zu euch spreche, nicht, politische Betrachtungen anzustellen, zu untersuchen, wo Recht und Unrecht ist; es steht dem Diener des göttlichen Wortes, dem Prediger des Evangeliums nur zu, Freund und Feind das mahnende Wort an das Herz zu legen: seid gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig und segnet. Denn anders werdet ihr den Segen Gottes nicht beerben, als wenn dies Wort wieder Gehör und Gehorsam bei euch findet.
2.
Den Segen des Herrn wird ferner nur der beerben, welcher wahrhaftigen Mundes ist. Wer leben will und gute Tage sehen, der schweige seine Zunge, dass sie nicht Böses rede und seine Lippen, dass sie nicht trügen. Der Apostel hat diese, wie die nachfolgenden Worte, die von der Heiligung des Wandels und des Lebens überhaupt handeln, dem 34. Psalme entnommen. Er stellt Leben und gute Tage, irdisches Wohlsein und zeitliches Glück demjenigen in Aussicht, der seine Zunge schweigt, sie im Zaume hält und ihr nicht gestattet, ein Scheltwort zu sprechen, ein liebloses Urteil zu fällen, ein unwahres Wort zu reden. Die Zunge spricht aus, was das Herz denkt, das Wort, das über die Lippen kommt, offenbart die innere Gesinnung. Nun ist es Christenpflicht, es ist edel und schön, den Mund auszutun, zu reden und zu zeugen, wenn das Herz von Liebe erfüllt, wenn es mitleidig, brüderlich, barmherzig, freundlich, zum Segnen geneigt und bereit ist; dann wird ja auch die Rede allezeit lieblich und holdselig zu hören sein, sie wird wohltun wie erquickender Regen, wie heilender Balsam, sie wird bauen und nicht zerstören, sie wird nicht fälschlich betrügen, verraten, afterreden und bösen Leumund machen, sie wird entschuldigen, Gutes reden und alles zum Besten kehren auch bei dem fehlenden, sündigenden Bruder. Aber wie, wenn das Herz von Hass und Feindschaft und Bitterkeit erfüllt, wenn es von der Hölle entzündet ist und nimmt die Zunge in seinen Dienst, wenn diese ausspricht, was jenes denkt und fühlt und wünscht? Werden dann nicht auch die Worte wie Spieße und Nägel durchs Herz des Nächsten gehen, Zorn und Hader anrichten und wie tödliches Gift wirken? Man sagt, es sei immerhin besser, wenn man herauslasse, was im Innern vorgeht, und offen seines Herzens Meinung sage, als wenn man hinter dem Berge halte und schweige und seinen Ingrimm verberge. Es ist wahr, Ehrlichkeit ist besser als Falschheit. Aber wer dem leidenschaftlichen Drängen seines Herzens nicht den Zügel lässt, wer Zaum und Gebiss in den Mund legt und die heilsame Schranke des Schweigens zieht, der hat nicht bloß über sich selbst einen Sieg gewonnen, sondern auch das Ärgernis verhütet, das der Nächste nehmen konnte, er hat verhindert, dass durch das verletzende, zürnende, scheltende Wort der Riss und Hader und Zwiespalt nicht noch größer wird. Ja und wenn dies Wort, ob auch noch so herb und bitter und lieblos, nur immer wahr wäre, dann möchte es immer noch eine bessernde Wirkung haben und zu rechtfertigen sein. Aber wie, wenn die Zunge Böses redet, schilt und schmäht, die Lippe aber trügt; wie wenn das Scheltwort, die üble Nachrede, der Vorwurf - eine Lüge ist?! O wenn wir es doch über uns brächten, unsere Zunge zu schweigen, oder wenn geredet sein muss, stets nur die Wahrheit zu reden! Wie viel ist auch in dieser Beziehung schon lange vorher, ehe der unheilvolle Krieg, der seine blutige Geißel über uns schwingt, zum Ausbruch gekommen ist, gesündigt worden; wie viel wird immer noch gesündigt! Wie hat man die Zunge, das Wort gebraucht, nicht um des Herzens Gedanken zu offenbaren, sondern um sie zu verbergen, wie hat man sich gegenseitig den Frieden versichert und doch den Krieg im Sinne gehabt, wie hat man sich wechselseitig die Schuld des hereinbrechenden Verhängnisses zugeschoben und seine Hände dabei in Unschuld gewaschen, wie hat man die eigenen Fehler und Ungerechtigkeiten zu beschönigen und die des Andern aufzudecken gewusst, wie hat man zur Beteuerung der Unschuld und der reinsten Absichten Gott zum Zeugen angerufen und in das Heiligtum des Gebetes noch die Lüge und die Heuchelei hineingetragen!
Liebe Zuhörer! Ich wiederhole, was ich oben schon gesagt; es ist nicht meine Sache, politische Anklagen zu erheben, ich mische mich nicht als Schiedsrichter zwischen die feindlichen Brüder, die das deutsche Erbe nicht friedlich mit einander teilen und sich nicht darüber verständigen können. Ich wende mich an Alle, ich rufe es in beide Lager, hüben und drüben, wir werden Gottes Segen nicht beerben, wir werden nicht leben und gute Tage sehen, wenn wir nicht zu der Wahrheit zurückkehren, wenn wir nicht ablassen von all' dem Schelten und Richten und Anklagen, wenn wir nicht lernen den Splitter in des Bruders Auge übersehen und den Balken im eigenen Auge erkennen, wenn wir Deutsche nicht endlich von der Unart lassen, uns gegenseitig zu verketzern, zu verkleinern, zu verdächtigen, wenn wir uns nicht entschließen uns einander zu heben, zu achten, zu schätzen. Das helf' uns Gott!
3.
Gottes Segen wird endlich nur der beerben, der heiligen Wandels ist. Petrus fährt in seiner ermahnenden Rede fort: Wer leben will und gute Tage sehen, der wende sich vom Bösen und tue Gutes, er suche Frieden und jage ihm nach. Vom Bösen sich wenden und das Gute tun, oder wie Paulus sagt, das Arge hassen und dem Guten anhangen, das ist das Ziel, dem die Heiligung zustrebt. Einem frommen Herzen, einem wahrhaftigen Munde muss ein heiliger Wandel entsprechen. Herz und Mund und Leben muss übereinstimmen und übereinstimmendes Zeugnis geben von dem Heiligen Geiste, welchen Gott uns verheißen hat, und der uns auch heiligen will und wird, sofern wir nur seiner heiligenden, reinigenden Kraft nicht widerstreben. Es muss uns damit aber ein rechter Ernst werden; wir müssen das Böse, wo es sich in uns findet, mit unnachsichtlicher Strenge zunächst an uns selbst strafen und in aufrichtiger Reue uns davon kehren, wir dürfen uns auch nicht damit begnügen, das Gute zu wissen und davon zu reden, wir sollen uns bemühen, es zu tun; die Tugend will nicht bloß empfunden und besprochen sein, sie muss geübt werden und im Leben zur Erscheinung kommen. Nur Ein Beispiel statt vieler! Petrus ermahnt uns zur Friedfertigkeit; er begreift darin all' die Tugenden, von denen er vorhin gesprochen: Gleichheit der Gesinnung, Mitleid, Brüderlichkeit, Barmherzigkeit, Freundlichkeit, Feindesliebe. Es ist aber nicht damit getan, dass man friedlich gesinnt ist und friedfertig sich äußert, wenn man nicht so handelt. Was nützt es, wenn man bei allen Friedensgesinnungen und Friedensversprechungen Bedingungen stellt und Forderungen erhebt, die einen Friedensbruch hervorrufen müssen. Man muss den Frieden suchen, wenn er nicht da ist, man muss ihn erjagen, wenn er entflohen ist. Wie diese Tugend, so muss das Gute überhaupt mit Fleiß, mit Daransetzung aller Kraft erstrebt werden, und dabei dürfen wir uns nie dafür halten, dass wir es schon ergriffen hätten oder vollkommen wären, sondern müssen danach jagen, dass wir es ergreifen, wie wir von Christo Jesu ergriffen sind.
Anders, meine Brüder, werden wir den Segen Gottes nicht beerben, denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten und seine Ohren merken auf ihr Gebet. Das Angesicht aber des Herrn sieht auf die so Böses tun. Darum waschet, reiniget euch, tut euer böses Wesen von meinen Augen, lasst ab vom Bösen, lernet Gutes tun, trachtet nach Recht und jagt nach der Heiligung, ohne welche Niemand den Herrn schauen kann.
Es wird auch in der schweren Zeit, in welcher wir leben, da Menschenblut durch Menschen vergossen wird und um Rache zum Himmel schreit, da die heiligsten Bande zerrissen werden, da die Tränen der Witwen und Waisen noch länger und heißer fließen werden als das Blut ihrer gefallenen Gatten, Väter, Söhne und Brüder, da der Wohlstand ganzer Länder auf viele Jahre vernichtet wird und die Armut um den kärglichen Bissen Brotes zu kämpfen hat, es wird in dieser Zeit der Segen Gottes sich nicht wieder zu uns wenden, wir werden Leben und gute Tage nicht wiedersehen, so wir nicht umkehren und Buße tun, uns reinigen von allem Bösen und zum Herrn, der Quelle alles Guten uns kehren, den unser Volk in den letzten Zeiten - ach! so schmählich verlassen hat, dass er klagen muss wie einst durch den Mund des Propheten Jeremias: mein Volk tut eine zwiefache Sünde: mich, die lebendige Quelle verlassen sie und graben ihnen hie und da ausgehauene Brunnen, die doch löchrig sind und kein Wasser geben!
Wenn ihr aber dem Guten nachkommt, wer will euch alsdann schaden? Wer will den Segen Gottes, den zeitlichen und den ewigen, euch rauben? Und ob ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch vor dem Trotz aller Feinde nicht und erschreckt nicht, heiliget aber Gott in eurem Herzen. Den Herrn Zebaoth lasst eure Furcht sein. Gottesfurcht lässt Menschenfurcht nicht aufkommen. Denn Gott, der Herr, ist Sonne und Schild, der Herr gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt. Amen