Stöckicht, Wilhelm Damian - Ruth - VIII. Des frommen Strebens Ziel.

Stöckicht, Wilhelm Damian - Ruth - VIII. Des frommen Strebens Ziel.

C. 3, 1-4.

Nicht dass ich es schon ergriffen habe, oder vollkommen sei, ich jage ihm aber nach, dass ich's ergreifen möge, nachdem ich von Christo Jesu ergriffen bin. Herr Jesu, der du uns ergriffen, uns teuer erkauft hast und uns das Kleinod vorhältst, das wir ergreifen sollen, hilf uns, dass wir's erlangen. Amen!

Mit jedem Kapitel des Büchleins Ruth beginnt ein neuer Abschnitt, so auch mit Kapitel 3. Dasselbe spiegelt den Kampf des christlichen Lebens ab, das Leben der Streiter Christi. Nachdem wir in der Auslegung des 1. Kapitels die Geschichte der Bekehrung betrachten durften, veranschaulichte uns das 2. Kapitel den Segen des Gnadenstandes, mitgeteilt in der Kirche, gespendet vom Herrn, genossen in christlicher Gemeinschaft. In der Anwendung des 3. Kapitels werden wir der Arbeit der Heiligung, der gehorsamen Erweisung des Glaubens, auch der Anfechtung im Glaubensleben gedenken. Auch diese Betrachtungen dürfen nicht fehlen, weil das zu Betrachtende auch in der christlichen Lebensentwicklung nicht fehlt. Die vorbildliche Darstellung in unserm 3. Kapitel findet überall Nachbilder in der göttlichen Reichsgeschichte. Die Juden, durch eine starke Hand aus Ägypten herausgeführt, kamen nicht an Kanaans Grenzen ohne den beschwerlichen Wüstenzug. Vor Allem musste nicht unser Herr Christus leiden und sterben, ehe Er in die Herrlichkeit einging? Erwägen wir andächtig, wie sich solches im christlichen Leben wiederholt.

Naemi und Ruth genossen beieinander, wie wir in der vorigen Betrachtung sahen, den Segen frommer Gemeinschaft. Naemi ist indes bestrebt, ihrer jungen, verwitweten Schwiegertochter weiter zu helfen. Sie betrachtet es als eine Pflicht der Liebe, gute Gelegenheit zu suchen, ihre Tochter durch eine passende Wiederverehelichung zu versorgen. Die gute Gelegenheit ist da. Boas, ihr Freund, ist noch ledig. Jetzt hören wir die Naemi der Ruth sagen, was sie tun soll. Da Boas des Abends worfeln werde, den nötigen Wind benutzend, der die Spreu von den Körnern sondert, so solle sie sich baden und salben nach morgenländischem Gebrauche, solle ihre Witwenkleider ablegen und schöne Kleider anziehen, in denen sie sich sehen lassen könne. Dann solle sie unbemerkt zur Tenne des Boas gehen, und wenn derselbe nach der Abendmahlzeit sich zum Schlafen niederlegen würde, sich zu seinen Füßen legen und abwarten, was er, erwacht vom Schlafe, mit ihr reden werde. Gewiss war Naemi bei der Erteilung dieses bedenklich scheinenden Rats von der Keuschheit der Ruth und des Boas überzeugt, sonst wäre es ein nie zu rechtfertigendes Wagnis gewesen, solchen Rat zu erteilen. Man könnte ohnehin der Naemi den Vorwurf machen, sie habe wenigstens den bösen Schein nicht gemieden. Wenn übrigens Fleischlichgesinnte den Rat der Naemi missdeuten, als habe sie es darauf angelegt, dass Ruth auf eine unehrliche Weise den Boas zum Mann bekomme, so wollen wir uns nur einfach daran erinnern, dass den Reinen Alles rein, den Unreinen Alles verkehrt ist. Die intimsten Bundesbeziehungen zwischen Christo und seinen Gläubigen werden in der Heiligen Schrift dargestellt im Bilde menschlicher Liebe und der Ehe der Geschlechter. Wer darüber die Nase rümpfen will, mag es tun. Der Geist des frommen Schriftforschers wird dadurch wohl betrübt, aber nicht irre gemacht.

Ich fordere euch auf, mit heiligen Gedanken heranzutreten an die Erwägung unseres biblischen Abschnitts. Gebe uns der Herr seines Geistes Erleuchtung! Mit ihr enthüllt sich uns hier eine geheimnisvolle Weissagung über die Kirche Christi und eine wichtige Weisung für das christliche Streben.

Des frommen Strebens Ziel ist unserer Betrachtung Gegenstand. Wir lassen uns die Fragen beantworten: welches ist es? was noch hindert's? was ist zu tun? wo ist es zu finden?

Des frommen Strebens Ziel: welches ist es? Es ist die Ruhe in Jesu, in der Vereinigung mit Ihm. „Sollte ich nicht Ruhe für dich aussuchen, auf dass es dir wohl gehe?“ so sprach zur Ruth die Naemi. Die Ruhe also im glücklichen Ehestand fehlte der Ruth noch. Man kann nicht anders sagen, als dass es der Ruth bis dahin recht gut gegangen hat. Aus dem heidnischen Moab war sie glücklich herausgekommen, das Land Kanaan war ihr zur Heimat geworden, in Bethlehem war sie wohnhaft. An der Naemi hatte sie eine treue, liebende, erfahrene Schwiegermutter. War sie auch arm, umso mehr ward sie erfreut durch die freundliche Herablassung des Boas und seine Gaben. Und doch fehlte ihr noch „das beste Gut, das man haben kann,“ und ihre Witwenkleider gaben ihr noch das Aussehen einer Trauernden.

Ist nicht diese Ruth ein Bild der Kirche in diesem Zeitraum, und ein Bild des christlichen Lebens? Durch die ganze Kirche geht das Gefühl, dass ihr letztes Ziel noch nicht erreicht ist, und in den wahrhaft Gläubigen lebt bei allem Segen des Gnadenstandes, den sie genießen, die Empfindung: „es fehlt noch etwas.“ Das christliche Leben trägt noch Witwenkleidung. Ist das denn aber auch recht? zeugt diese Empfindung des Mangels nicht von Undank gegen Gottes reiche Gnade? Nicht doch, Geliebte! der Herr sieht dieses Gefühl des Mangels gerne, und Er selbst ist es, der es umso lebhafter anregt, je reicher Er uns mit Gnade segnet. Es ist ein trauriges Kennzeichen, ein Anzeichen von Versumpfen und Absterben des geistlichen Lebens, wenn dieses Gefühl des Mangels matt wird und abstirbt. Wirklich Gläubige besitzen sehr viel, sie sind reich gemacht an aller Lehre, in aller Erkenntnis und haben mancherlei Gaben; sie leben im Gnadenstand, sie genießen die Freundlichkeit des Herrn, den Segen christlicher Gemeinschaft, sie finden in jeder Not eine sichere Zuflucht, sie leben unter dem Schirme des Höchsten. Ja obgleich sie geistlich arm sind von Natur, so sind sie nun doch reich in aller Armut, aber zugleich in allem ihrem Reichtum noch arm. Meine Lieben! verliert auf Erden dieses Doppelgefühl nicht, es ist hienieden das Kennzeichen der Kinder Gottes. Wisst nur recht klar, was euch noch fehlt. Ihr seid errettet aus der Finsternis, habt euch innerlich losgeschieden vom Wesen der Welt; der Herr hat sich euch freundlich genaht, und unaussprechlich viel für euch getan. Er ist euer Licht, euer Erlöser, euer guter Hirte; aber Er ist noch euer Mann nicht; es fehlt noch die ganze, unauflösliche, ich sage die eheliche Verbindung mit Jesu, dem himmlischen Bräutigam.

Diese Verbindung, welche jenseits geschlossen wird, zu erzielen, gestaltet sich der wachsende Christenglaube zur Hoffnung, und die Sehnsucht zum eifrigen, fortgesetzten Streben nach dieser Verbindung. Auf die Frage: wo findet die Seele die Heimat, die Ruh? wissen wir wohl die richtige Antwort: sie findet sie nur in dieser Verbindung mit Jesu. Es ist uns nicht genug, Ihn zu kennen, Ihn zu bekennen, sein Heil zu erfahren. Freilich auch das ist unumgänglich nötig, es ist die Vorstufe zum Leben im Reiche der Herrlichkeit. Wie haben wir uns, als wir noch im Bußkampfe standen, des Sündendienstes müde, da das Licht der Gnade uns noch in weiter Ferne war, nach dieser Vorstufe gesehnt! Aber sobald sie erreicht ist, erwacht allmählig die neue Sehnsucht nach der vollen Gemeinschaft, nach dem höchsten Glück, nach dem ewigen Frieden, und die Weissagungen geben uns Hoffnung, dass auch diese Sehnsucht gestillt wird.

Sie wird gewiss gestillt werden. Diese gewünschte Ruhe in Jesu wird kommen, das Ende des Harrens; das Warten im Brautstand wird zu Ende gehen. Die ersehnte Ruhe wird kommen, geliebte Mitpilger! am Ende der Pilgerschaft, wenn der Bräutigam erscheint in seinem vollen Schmuck, wenn Christus wiederkommt in Herrlichkeit. Alsdann wird die Erde zum neuen Tempel erneut sein, und die Hochzeit des Lammes wird gefeiert werden. Diese Verheißung ist wahrhaftig und gewiss. Der Herr selbst hat sie ausdrücklich durch Johannes, den Jünger der Liebe, seiner Kirche gegeben. Wir glauben sie zuversichtlich, wir hoffen sie zu ererben, wir streben danach.

Doch warum ist diese Verbindung mit Jesu, dem himmlischen Bräutigam, in solche Ferne gerückt? warum müssen die längst im Herrn Entschlafenen so lange darauf warten? Könnte der Herr zur Hochzeit nicht schon längst gekommen sein? Was liegt noch dazwischen, was hindert noch die Erreichung dieses Ziels? Was noch hindert - mit einem Worte sei es gesagt: Das Worfelgeschäft. Der Herr muss erst noch seine Tenne fegen, und von Spreu den Weizen sondern. Naemi konnte leicht die Ruth auf den Abend verweisen, an welchem Boas in seiner Tenne den Weizen worfeln werde, um danach auszuruhen; aber für den Tag des Heils, für die Zeit der Gnade hat die letzte Stunde noch nicht geschlagen. Es kann der Herr sich selbst noch nicht zur Ruhe geben, Er ist noch vollauf in Arbeit. Dazu hat Er Geduld mit den Sündern, und verzieht noch, Er verlängert die Gnadenzeit, dass doch Jedermann sich zur Buße kehren möchte. Ihm selbst kommt es ja so sehr darauf an, dass recht viele, viele Sünder gerettet werden. Drum lässt Er immer weiterhin in der Welt unter den Heiden, immer kräftiger und entschiedener in der Christenheit sein Evangelium predigen, und bitten: ihr Sünder, lasst euch doch versöhnen mit Gott! Ihm selbst kommt es am allermeisten darauf an, dass diejenigen, welche an Ihn glauben, nun auch alles Böse, das ihnen noch anklebt, von sich abtun, damit als eine würdig geschmückte Braut sie mit einander Ihm entgegenkommen können. Zwar hat Er sich selbst für sie geheiligt, aber gesteht es nur offen, Er kann das Geschäft der Reinigung noch nicht einstellen. Wie Vieles ist noch abzutun, wie vieles ungöttliche, weltliche Wesen an der ganzen Kirche und selbst an ihren lebendigsten Gliedern, wie viel mehr an uns, die wir abgesehen von unseren besonderen Gebrechen an der Gesamtsünde mittragen, und unter der Gesamtschuld mitleiden! Drum sollen wir den Verzug des Herrn als einen Beweis seiner langmütigen Liebe betrachten, seine Geduld preisen, und die Verzugszeit recht benutzen, indem wir uns immer mehr reinigen, gleich wie Er rein ist. Doch davon hernach mehr.

Wenn aber auch der Herr verzieht, doch nahet sich der Abend. Trügen uns nicht alle Zeichen der Zeit, so ist der Abend nicht mehr ferne. Die Missionsarbeit unter den Heiden schreitet seit 50 Jahren eiligen Schritts vorwärts, und alle Entdeckungen und Erfindungen, auch der Fortschritt in den weltlichen Wissenschaften, müssen ihr Vorschub leisten. Das Geheimnis der Bosheit wird offenbarer. Mehr und mehr bereitet sich die Scheidung vor in Solche, die für und die wider Ihn sind. Schon sind viele Widerchristen geworden, und die Sammlung unter einen Widerchristen dürfte nicht allzu ferne mehr sein. Der Geist der Erweckung arbeitet in der Christenheit zusehends, um auch die vereinigte Schaar Christi zu sammeln. Wir dürfen gewiss noch einer besonderen Gnadenzeit, und besonderer Gnadengaben des Heiligen Geistes gewärtig sein. Zwar es herrscht auch selbst unter den Bekennern des Herrn mächtig ein Geist der Zertrennung, die Ungerechtigkeit nimmt überhand, und die Liebe erkaltet in Vielen. Aber sind das nicht auch bedeutsame Zeichen, dass der Abend nahet? Der Herr rüstet sich, seine Tenne zu fegen. Das Gericht muss anfangen am Hause Gottes. Eine ernste Passionszeit, schwere Kämpfe stehen bevor. Danach wird's Ostern, seliges Osterfest im Reiche Gottes. Der Herr wird Sieger sein, wird den Satan binden, und in den Abgrund verschließen; Er wird als Weltenrichter die Böcke von den Schafen sondern, und gerecht vergelten. Heil dir denn, Braut des Herrn, dein Jesus wird dir sich völlig verbinden! Herrliche Aussicht! wie groß ist diese Hoffnung, wie viel herrlicher wird die Erfüllung sein! Wie sollten wir wachen, unser anvertrautes Pfund gebrauchen, und uns freuen auf die völlige Erlösung!

Was nützte aber der Ruth die Vollendung des Worfelgeschäfts des Boas, wenn sie daheim blieb? Das Stillesitzen führt nicht zum gewünschten Ziele. Doch Naemi weiß guten Rat. Die Ruth soll einen wichtigen Schritt tun und sich dazu geziemend bereiten. „Bade dich und salbe dich, und lege dein Kleid an, und gehe hinab auf die Tenne.“ Hierin ist gleich wie in einem Bilde ein Gedanke das enthalten, was Christen tun sollen, um das Ziel ihres frommen Strebens zu erreichen. Was ist zu tun? Rüste dich, dem Herrn entgegen zu kommen. Warte nicht bloß auf seine Wiederkunft, versorge dich auch, gleich den fünf klugen Jungfrauen im Gleichnis des Herrn, mit Öl auf der Lampe; bereite dich, Ihn würdig zu empfangen. Die Ratschläge, welche in dieser Beziehung vorbildlich die Naemi der Ruth an die Hand gibt, werden anderwärts genugsam in der Heiligen Schrift bestätigt. Bade dich, dass du rein werdest, tauche unter im Bad der Wiedergeburt, das den Schmutz des alten Menschen hinwegnimmt. Zwar hast du, o Christ, das Bad der Wiedergeburt empfangen, du bist rein erklärt worden in der heiligen Taufe, und diese Reinsprechung reicht für das ganze Leben aus. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden. Es wäre ein Frevel an dem heiligen Sakramente, wolltest du es an dir wiederholen. Aber das tue: versenke dich geistig, mit bußfertigem Sinne in dieses Wasserbad, werde dir wiederholt im Glauben versichert, dass das Blut Jesu Christi, das auch dir ein für alle Mal zugesprochen ist, dich reinigt von allen deinen Sünden. Sind wir auch rein erklärt, gleichwie Jesu Jünger vor der Einsetzung des heiligen Abendmahls, so gilt doch auch uns, auch den Heiligsten auf der Erde, sein Wort an sie: „wer gewaschen ist, der bedarf nicht, denn die Füße waschen.“ Tägliche Reinigung von den Alltagssünden ist uns Bedürfnis. Wie sehr ist erst solche Reinigung nötig vor der Hochzeit mit dem Heiligen! Meine Lieben! je näher die Vollzeit heranrückt, umso nötiger ist christliche Rüstung durch Buße, Abtun alles Eignen, Absonderung von aller und jeglicher Gemeinschaft mit den Werken der Finsternis. Darum ruft in dieser Zeit der Geist Gottes mächtiger denn sonst Alle, auch die Gläubigen, zur Buße. Also: bade dich und salbe dich nach der im heiligen Lande herrschenden Gewohnheit, und wähle dazu das köstliche Nardenöl. Zwar bei uns wächst es nicht, die Krämer bieten es nicht feil, doch im heiligen Lande ist es zu haben. Es ist dem Herrn bekanntlich ein angenehmer Geruch. Dagegen ist das selbstfabrizierte Öl unserer eine gebildeten Tugend und unserer Selbstgerechtigkeit Ihm höchst zuwider. Was ist unter der guten Salbe anders gemeint, als der Geist der Lauterkeit und Wahrheit, gottselige Gesinnung, welche dem Herrn uns lieb und wert macht? Ferner: „lege deine Kleider an,“ ziehe das Witwenkleid aus. Zur Hochzeit geht man nicht in Trauerkleidung. Kennt ihr das hochzeitliche Kleid? In christlicher Vorzeit wurden die Täuflinge angezogen mit weißen Kleidern, das weiße Taufkleid ist auch das Hochzeitskleid. Es deckt alle Blößen, es ist der einzige Schmuck, der für die himmlische Hochzeitsfeier sich eignet. „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd' eingehn.“ In diesem Kleide wollen wir als kluge Jungfrauen dem Herrn entgegengehen, still, ohne Prunk, bescheiden wollen Seiner wir warten.

Das ganze christliche Streben, meine Lieben! ist hierin kurz beschrieben; es ist als Versenkung des bußfertigen Sinnes in die Gemeinschaft der Leiden Jesu, unseres Mittlers, ein sich Baden, sodann ein sich Salben oder Gesalbtwerden mit der Salbung des Heiligen Geistes, ein sich Einkleiden des Glaubens in den Rock der Gerechtigkeit Christi, also die gläubige Aneignung seines Verdienstes, und ein Hinaufgehen dem Herrn entgegen in der Heiligung mit den Eilschritten der Hoffnung, welche dahinten lässt, was dahinten ist, damit die Seele Christum ergreife, von dem sie ergriffen ist.

Wir könnten mit dieser Erwägung unsere Betrachtung schließen, machte uns nicht unser biblischer Abschnitt noch auf einen besonderen Punkt aufmerksam, den wir nicht übersehen dürfen. Wir bekommen nämlich noch Antwort auf die Frage: Wo ist es zu finden, das Ziel des frommen Strebens? oder genauer: wo finden wir die Gewähr, dass es sicherlich gefunden wird? Wo anders, als zu Jesu Füßen, wie sie vorbildlich die Ruth auf den Rat der Naemi zu den Füßen des Boas fand? Decke auch du auf unbekümmert um das Urteil der räsonierenden, übeldeutenden Welt zu seinen Füßen und lege dich, so wird Er dir sagen, was du tun sollst. Zu den Füßen Jesu liegend, fand Magdalena, die reuige Sünderin, Vergebung. Jesu zu Füßen sitzend, vernahm Maria zu Bethanien das Eine, was not ist. „Ihr Alles war gänzlich in Jesum versenkt, so ward ihr auch Alles in Einem geschenkt.“ Jesu zu Füßen fiel ein Mann, der Genesung suchte für seinen mondsüchtigen Knaben; er fand sie. Zu den Füßen Jesu klagte Jairus sein Leid um seine totkranke Tochter, und Jesus machte die gestorbene wieder lebendig. Zu den Füßen Jesu lag das flehende kanaanäische Weib, und wie rühmte der Herr, der ihre Bitte gewährte, ihren Glauben! Zu den Füßen Jesu dankte der Samariter, der Eine von den zehn geheilten Aussätzigen, und Jesus sprach zu ihm: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Der Lieblingsjünger Johannes, der in den Himmel entzückte Seher, der an der Brust des Meisters gelegen hatte, sank bei dem Anblick der wunderbaren Majestät des Herrn Ihm zu Füßen wie ein Toter, und Jesus legte seine Hand auf ihn und sprach zu ihm: „Fürchte dich nicht!“ Vor Ihm, dem Verherrlichten, müssen sich alle Kniee beugen, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind, denn auch seine Feinde werden gelegt werden zum Schemel seiner Füße. Meine Lieben! zu den Füßen Jesu ist unser Platz, wo wäre für uns eine passendere Stätte? Wir haben die Wahl, ob wir zu seinen Füßen gerichtlich gelegt werden, oder ob wir freiwillig in demütiger Anbetung zu seinen Füßen uns legen wollen. Die Wahl kann nicht schwer sein, wirklich Bekehrte haben sie längst getroffen, sie wählten das Letztere. Jesus hat nie Einen von sich gestoßen, der Ihm freiwillig zu Füßen fiel, niemals. Zu den Füßen Jesu wird auch allein das Ziel des frommen Strebens erreicht: die Ruhe in Jesu. Dir, Herr Jesu, zu Füßen liegend, bitten wir dich, sage uns, was wir tun sollen. Amen!

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