Stöckicht, Wilhelm Damian - Ruth - V. Das kirchliche Leben.

Stöckicht, Wilhelm Damian - Ruth - V. Das kirchliche Leben.

K. 2, 1-8.

Herr, mein Hirt, Brunn' aller Freuden, du bist mein, ich bin dein, Niemand soll uns scheiden! Amen.

Mit dem Kapitel 2 beginnt ein neuer Abschnitt. Naemi ist wieder mit der Ruth in Bethlehem. Was sie da treiben, wie es ihnen geht, das wird uns nun berichtet. Trat bis dahin die Naemi in den Vordergrund, so jetzt ihre Schwiegertochter, die Ruth. Auch tritt eine neue Persönlichkeit auf, nämlich Boas, ein angesehener Mann aus dem Geschlecht Elimelechs, also der alten Naemi verwandt. Wie wird sich dieser Boas zu seinen eingewanderten armen Verwandten stellen? Es wird sich gleich zeigen.

Naemi und Ruth waren arm, dazu die Erstere betagt und nicht mehr im Stande, so zu arbeiten, wie die rüstige Ruth, deshalb machte diese den Vorschlag, sie wolle eben jetzt, in der Zeit der Gerstenernte, das jüdische Armenrecht benutzen und Ähren sammeln auf Äckern, deren Besitzer es gern gestatten würden. Ruth kennt also schon die Ordnungen im Gottesstaate, ist insbesondere mit den in 3 Mos. 23, 22 und 5 Mos. 24, 19 ff. ausgezeichneten gesetzlichen Bestimmungen bekannt. Sie sorgt redlich für sich und für die alte Schwiegermutter, will sich auch lieber auf ehrbare Weise kümmerlich ernähren, als unehrenhaft. Nun musste es sich gerade treffen, dass sie auf den Gerstenacker des Boas kam und dort hinter den Schnittern her die Ähren auflas, welche diese übrig gelassen hatten. Es geschah dies ohne Absicht, zufällig, doch durch Gottes besondere Führung. Wiederum musste es sich scheinbar ebenso zufällig, jedoch nach höherer Leitung fügen, dass Boas aus der Stadt heraus kam auf seinen Acker, um nach der Arbeit seiner Knechte und Mägde zu sehen. Er grüßte sie freundlich: „Der Herr mit euch.“ Boas war ein frommer Mann, und wie der Herr, so sein Gesinde; es grüßt ihn wieder: „Der Herr segne dich.“ Boas bemerkt die Ähren lesende, arme Ruth, erkundigt sich nach ihr bei dem Aufseher über seine Schnitter und erhält Auskunft über ihre Herkunft, hört auch ihren Fleiß und ihre Bescheidenheit rühmen. Das gefällt unserm Boas so gut, dass er sie freundlich einlädt, nur fortzufahren, nicht auf andere Äcker zu gehen, sondern sich zu halten bei seinen Mägden. Das hat gewiss der Ruth wohl getan. Jetzt hat es keine Not, die Arbeit unserer Ährenleserin ist nicht vergeblich.

Die Anwendung dieses heutigen Abschnitts auf das christliche Leben im Zusammenhang unserer bisherigen Betrachtungen ergibt sich so zu sagen von selbst; wir kommen damit nicht in Verlegenheit. Der Acker des Boas erinnert uns an den Acker und Weinberg, mit dem so gern unser Herr und Heiland sein irdisches Gnadenreich verglichen hat. So legt sich uns der Gedanke an die christliche Kirche ganz nahe. Er gehört dem Herrn, dieser Acker, zwar hat der böse Feind auch Unkrautsamen darauf gesät, und dieser wuchert üppig, aber der Arge hat an diesen Acker nicht das geringste Recht. Sein ausgesätes Unkraut mag er ernten, die Frucht der guten Aussaat des Herrn geht ihn nichts an. Sie zu genießen, haben Alle, die im Gnadenstande sind, ein geistliches Armenrecht.

So lasst uns denn im Anschluss an die voranstehende Betrachtung erwägen, was das kirchliche Leben denen bietet, welche im Gnadenstande sind. Aus den heutigen Erlebnisse der Ruth zu schließen, bietet es ihnen einen alten Freund, eine gute Weide, einen lieben Besuch, eine freundliche Nachfrage, ein gutes Zeugnis und eine beherzigenswerte Einladung. Möge diese Betrachtung etwas dazu beitragen, dass diejenigen, welche zur Kirche schief stehen, wieder die rechte Stellung zu ihr gewinnen und erkennen, was sie am kirchlichen Leben haben können und welche Segen sie bei rechter Benutzung an ihm haben. Dass die Unbekehrten diesen Segen fast ganz entbehren, darf euch nicht beirren; sie kennen und begehren ihn nicht. Euch aber, die ihr im Gnadenstande seid, bietet das kirchliche Leben zuerst einen alten Freund Wie heißt er? wer ist er? Der Mann heißt Boas und Boa bedeutet „Stärke.“ Unser Freund hat gar viele Namen; er heißt auch Immanuel, Held, Friedefürst, ist auch genannt das Lamm Gottes, doch sein geläufigster Name im N. T. ist Jesus Christus. Ihr kennt den Mann. Begnadigte Sünder dürfen es am lebhaftesten erfahren, dass ihm auch der Name Boas oder „Kraft“ gebührt, denn seine Kraft ist mächtig in ihrer Schwachheit, wie St. Paulus bezeugte: „ich vermag Alles durch den, der mich mächtig macht, Christus.“

Dieser Boas, meine Lieben! ist ein weidlicher Mann. Macht und Stärke sind sein. Niemand kann die Zeichen tun, die Er tut. Keiner ist so hoch angesehen, wie Er, vor dem sich alle Knie beugen und alle Zungen bekennen müssen, dass Er der Herr sei. Wunderbar vereinigt Er in Seiner Person göttliche Wesen und menschliche Natur. Er, der Gottmensch, war in Bethlehem geboren, und obwohl Er nun zur Rechten des Vaters sitzt auf dem Stuhle der Herrlichkeit, allgewaltig über Himmel und Erde, so bleibt Er dennoch in Bethlehem wohnhaft, d. h. wo der Gnadenstand ist, da ist Er auch, Er ist nach seiner Verheißung bei den Seinigen alle Tage bis an der Welt Ende.

Wie muss euch das aber erst so erfreulich sein zu hören - dieser alte Freund ist uns nahe verwandt, gleich wie jener Boas der Naemi. Er ist uns verwandt von Anfang an, denn alle Dinge sind durch Ihn gemacht, durch Ihn, das Leben der das Licht der Menschen ist. (Joh. 1, 1-4.) Durch Ihn das Urbild aller Kreaturen, haben wir Wesen und Dasein. Zu dem ist Er uns blutsverwandt durch sein stellvertretendes Leiden und Sterben. Er hat die Sünder erkauft zu seinem Eigentum mit seinem teuren Blute. Auch mit den einzelnen Sündern in der Christenheit knüpft Er dieses Verwandtschaftsband schon im Beginn des Erdenlebens durch das Sakrament der heiligen Taufe. Durch die Taufe sind wir zu seinem Eigentum erklärt und der Segen seines Blutes ist uns zugesprochen. Aber wir hatten eine Zeit, in der wir Ihn noch nicht kannten. In Moab wird Seiner nicht gedacht. Im Sündendienste fragten wir nichts nach dieser Verwandtschaft. Jetzt erst, nach der Rückkehr der Naemi nach Bethlehem, besinnt sie sich wieder auf diese alte Freundschaft. Meine Lieben! diese Freundschaft wird im Gnadenstande erneuert. Da lässt sich der Herr finden auf seinem Acker im kirchlichen Leben von denen, welche Ihn suchen; da wird uns das Wort Gottes, das von Ihm zeugt, zum Bethlehem, wo Er daheim ist. Gläubige Christen dürfen es immer mehr und mehr erfahren, dass Er, dieser angesehene Boas, dieser weidliche Mann, ihr alter Freund ist; das kirchliche Leben bietet ihnen den Genuss seiner Freundschaft und damit zugleich eine gute Weide.

Im Gnadenstande ist das kindliche Lied wohl bekannt und gern gesungen: „Weil ich Jesu Schäflein bin, freu' ich mich nur immerhin über meinen guten Hirten, der mich wohl weiß zu bewirten“ usw. Es finden die Schafe des guten Hirten auch gute Weide; wo denn? wo anders, als auf seinem Acker. Gerne gestattet Er den Armen, dort Ähren zu lesen, und sieht es gerne, wenn sie es tun. Darum hat eben Boas die Ruth so lieb gewonnen. Dieser Acker trägt die Frucht der Aussaat des göttlichen Wortes. Es ist lauter Gnade, Geliebte! dass wir im Worte Gottes lesen und die Lebenskraft der darin liegenden Samenkörner schmecken dürfen. Begnadigte Sünder erkennen das wohl. Während die Unbekehrten unlustig das Lesen in der Bibel als ein Gesetz betrachten, als ein verdrießliches „du musst!“ so sehen es gläubige Christen an als eine gnädige Erlaubnis, als ein freundliches „du darfst.“ Und wie mit dem Worte Gottes, so verhält es sich auch mit dem anderen kirchlichen Gnadenmittel für erwachsene Christen, mit dem Sakrament des heiligen Abendmahls.

Wir sehen uns die Frucht auf dem Acker des Herrn näher an. Die Ruth las Ähren auf, welche die Schnitter übrig gelassen hatten. Wir dürfen auslesen von der reichen, reifen Frucht, die gewachsen ist aus der göttlichen Blutaussaat unseres Mittlers und Seligmachers, von dem überaus herrlichen, seligen Gewinn Seines vollbrachten Heilswerks. Christus Jesus ist uns gemacht zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Sein Wort bietet uns das Brot des Lebens, und sein Abendmahl sein Fleisch und Blut zum ewigen Leben.

Die Schnitter des Boas weisen hin auf die Diener des Herrn, die Haushalter seiner Geheimnisse in der christlichen Kirche. Sie schneiden die Frucht, sammeln sie aus dem Worte Gottes, spenden sie in der Predigt und in der Verwaltung der heiligen Sakramente. Sie teilen das Wort Gottes aus für Alle, Bekehrte und Unbekehrte. Alle miteinander bekommen davon, auch die Juden und Heiden durch die Tätigkeit der Mission. Aber gläubige Christen, fern davon, die kirchliche Predigt zu verachten, lassen sich doch nicht daran genügen, bloß sonntäglich eine Predigt zu hören, sondern sie gehen auch selbst auf die gute Weide, forschen täglich im Worte Gottes und lesen die übrigen Ähren auf. Solches zu tun ist ihnen nicht Liebhaberei, sondern Bedürfnis.

Kommt nur, gleich der Ruth, geistlich arm, hungernd nach der Gerechtigkeit, im Gefühl eures Unwerts, recht bedürftig auf den Acker des Herrn mit Berufung auf das geistliche Armenrecht, das im Reiche Jesu gilt. Kommt nur und sucht in der Heiligen Schrift, forschet darin und verachtet auch nicht das geringe Körnlein, das am Wege liegt; ist's doch immer ein Körnlein. Das tut auch nach jeder Predigt und Bibelstunde. So emsig auch die Diener Jesu aus dem Worte Gottes sammeln, so bleibt doch immer ein wenig liegen, was sie nicht gerade beachtet haben. Leset ihr es auf, nicht böse darüber, dass es liegen geblieben ist, sondern froh, dass es nun doch nicht verloren geht.

So bietet demnach das kirchliche Leben denen, die im Gnadenstande sind, eine gute Weide, und dazu einen lieben Besuch.

Das musste sich, wie man sagt, so zufällig treffen, dass Boas auf seinen Acker kam, als die arme Ruth daselbst Ähren auflas. Im kirchlichen Leben scheint so Manches zufällig zu sein, aber es geschieht unter Gottes gnädiger, weiser Leitung. So verhält es sich auch mit dem lieben Besuche, den wir bekommen, wenn wir im Worte Gottes forschen. Wer besucht? Es ist Boas selbst. Freilich im Worte Gottes erhalten suchende Seelen noch vielen anderen Besuch; es gewinnen für aufmerksame Leser alle Personen, die genannt werden, Gestalt und Leben. Ist es uns doch bei unserer Beschäftigung mit dem Büchlein Ruth, als stünde die liebe Ährenleserin nebst ihrer alten Schwiegermutter leibhaftig vor uns. Ein anderes Mal besuchen uns die ehrwürdigen Patriarchen, der. glaubensstarke Abraham, der zarte Isaak, der im Kampf bewährte Jakob; dann mit dem Wunderstab in der Hand Moses, oder auf dem Horeb der gewaltige Elias, hinter seinen Ochsen der liebreiche Elisa, am Krankenbette des Königs Hiskia der Prophet Jesaias; im N. T. begegnen wir dem vielgereisten, unermüdlichen Paulus, dem ernsten Petrus, dem Gebetsmanne Jakobus, dem freundlichen Johannes. Wer kann diese Besuche alle nennen? Der beste Besuch aber ist der des Herrn selbst. Er kommt zu den Seinigen, die Ihm dienen, muntert sie auf, und sie spüren sein Nahesein. Ist es doch, als stünde Er vor mir, wenn er ruft: „kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Man meint, Ihn zu sehen, wie Er segnend auf der Hochzeit zu Cana aus Verlegenheit hilft, wie Er eifernd um Gottes Ehre den Tempel reinigt, wie Er freundlich ernst dem Nikodemus den Seligkeitsweg zeigt, so leutselig sich zur Samariterin am Jakobsbrunnen herablässt, wie Er vor großen Volkshaufen das Reich Gottes predigt und wunderbare Taten vollbringt, wie Er die Pharisäer entlarvt, wie Er so wehmütig dem Verleugner, Petrus, nachblickt. Die ganze Schrift wird dem gläubigen Forscher lebendig und auf jedem Blatte begegnet der suchenden Seele, bald in verhüllter Gestalt, bald offenbar, bald in tiefer Erniedrigung, bald in himmlischer Majestät der Heiland, Christus. Könnt ihr auch davon sagen? Hört, wann Er besuchend kommt. Eben dann, wann man auf seinem Acker tätig ist, also Ihm nahe kommt, sei es in frommer Schriftbetrachtung, sei es in würdigem Abendmahlsgenuss, sei es im inbrünstigen Gebete. Du denkst an Jesus, Er denkt auch an dich. Sichtbar zwar, in leiblicher Gestalt kommt Er gegenwärtig nicht, aber so fühlbar in unbeschreiblicher Seelenstimmung, dass man Ihn hat, als sähe man Ihn. Du spürest in dir seinen Gruß: „Friede sei mit dir,“ und grüßest Ihn wieder: „Hosianna dir, du Gesegneter!“ Glaube es nur, Er hält auch in unserer Zeit seine Verheißung: „ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende,“ und „wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“

Darum bietet das kirchliche Leben denen, welche im Gnadenstande sind, einen lieben Besuch, und auch ferner eine freundliche Nachfrage. Der reiche Herr hat auf dem Acker seiner Kirche so viele Diener, und so viele Arme, welche Ähren lesen, aber Er interessiert sich nicht bloß im Allgemeinen für Alle, sondern insbesondere auch für jede einzelne Seele, die das Brot des Lebens sucht. Du weißt es vielleicht gar nicht, wie Er sein Wohlgefallen hat an solchen suchenden Seelen.

Hier, im Texte erkundigt sich Boas nach der Ruth bei seinem obersten Diener. In der Kirche fragt der Herr durch das Wort, d. h. Er legt uns selber darin die Frage vor: „wer bist du?“ Zwar bedarf's nicht, dass Er erst frage, genaue Erkundigungen einziehe, Er weiß, der Herzenskündiger, was in jedem Menschen ist. Soviel sich auch die Menschen an sich selbst und an Anderen täuschen, nein, Ihn täuscht Keiner. Er fragt auch nicht um seinetwillen: „wer bist du?“ sondern um unsertwillen, damit Er uns zur Selbsterkenntnis verhelfe. Zuweilen ergeht auch diese Frage des Herrn an euch durch menschliche Vermittlung, wenn ihr euch z. B. in der Vorbereitung auf das heilige Abendmahl als bußfertige Sünder darstellen sollet in Antwort auf die Beichtfragen, oder wenn ihr sonst im Weltverkehr Gelegenheit und Veranlassung habt, Verantwortung zu geben von dem Grunde der Hoffnung, die in euch ist.

Wenn nun solche Nachfrage aus dem Worte Gottes in der Kirche nach euch getan wird, was wollt ihr sagen? oder wenn euer Seelsorger nach euch einzeln gefragt würde: wie steht es mit diesem und jenem? was sollte er sagen? Ratet mir. Doch nein, stille, die Antwort ist schon gegeben, ein Andrer zeugt von uns. Beachtet, das kirchliche Leben bietet uns auch ein wahrhaftiges Zeugnis über uns selbst im Worte Gottes, das verkündigt wird.

Wie, fragst du verwundert, was ist das? wie, in der Bibel stünde von mir geschrieben, in der Bibel, die schon seit 17 Jahrhunderten und länger fertig geschrieben ist? Wohl lese ich im Bibelbuch die Lebensbeschreibung Adams, Davids, der Apostel und anderer heiliger Männer und Frauen, vor allem die meines Heilands, aber von mir keine Silbe. Dein Auge ist vielleicht noch trüb, oder blind. Im Gnadenstand ist es sehend geworden; nun gibt dir das Wort Gottes deine eigene Lebensbeschreibung, es enthält, in göttlicher Sprache abgefasst, ein wahrhaftiges Zeugnis über Dich selbst, so wahrheitsgetreu, so zutreffend, wie der oberste Diener des Boas von Ruth, der Ährenleserin, Zeugnis gab. Ich habe sogar allen Grund, anzunehmen, dass gerade dieses Zeugnis über die Ruth auch ein richtiges Zeugnis über die Bekehrten enthält. Lasst sehen.

Eigentlich sind es zwei Zeugen in der Heiligen Schrift, die etwas über uns aussagen, und ihr Zeugnis wird in der Kirche vernommen. Der erste Zeuge ist Moses, oder das Gesetz. Sein Zeugnis lautet nicht günstig. Gleichwie des Boas oberster Diener von der Herkunft der Ruth aus Moab Zeugnis gab, so nennt das Gesetz, welches verdammt, unsere Herkunft aus dem Fleische, und spricht von dir: der ist auch ein Nachkomme Adams, in Sünden geboren, des Gesetzes Übertreter, ein Mensch, der nicht das geringste Anrecht auf Gnade, sondern Tod und Verdammnis verdient hat, denn welche Seele sündigt, die soll sterben. Seht nur nach im Gesetz Mosis, ob es euch nicht verdammt. Und hat alles Unrecht? Nein, sein Zeugnis ist wahrhaftig.

Aber wenn das Gesetz Verdammnis droht, wenn das Gewissen mich verklagt, so ist die Freistatt aufgetan: mein Heiland Der nimmt die Sünder an. Das Blut Jesu Christi schreit lauter als Abels Blut, und es schreit: Gnade!

Der zweite Zeuge ist das Evangelium, welches von dem bekehrten Sünder sagt: auch dieser (oder diese) ist geheiligt, teuer dem Heiland erkauft, und bekleidet mit dem Schmuck seiner Gerechtigkeit. Das Evangelium gibt uns ein gutes Zeugnis, gleichwie der oberste Diener des Boas die Frömmigkeit, den Fleiß und das bescheidene Benehmen der Ruth gerühmt hat. Freilich dieses Zeugnis steht ebenso wenig wie das des Gesetzes so nackt auf die einzelne Person namentlich ausgesagt da, sondern ergibt sich dem forschenden Sinne durch Vergleichung, und dem aufmerksamen Hörer aus der kirchlichen Predigt, welche das Wort Gottes auslegt und anwendet. Du vernimmst z. B., wie das kanaanäische Weib zu Jesus, wie der Kämmerer aus Mohrenland in das heilige Land kam; du vergleichst dich mit ihnen, kannst sagen, dass du auch mühselig, voll Heimweh zu Jesus kamst. Du hörst, wie Magdalena reumütig sich dem Heiland zu Füßen warf; kannst sagen, dass du auch um seine Gnade gefleht hast. So gilt das, was Jesus dem kanaanäischen Weibe, der Magdalena tat, auch dir.

O dass auch von uns wahrhaftig bezeugt werden könnte, was von der Ruth gesagt ist: „sie hat da gestanden vom Morgen an bis hierher, und bleibt wenig daheim;“ dass wir auch so fleißig im Worte Gottes forschten! Dann verstünden wir auch recht des Herrn beherzigenswerte Einladung.

Viel spricht der Herr von uns und zu uns mittelbar durch das Wort; manchmal ist es Einem aber auch während der Predigt, bei dem andächtigen Bibellesen, im Gebet, als ob der Herr direkt, unvermittelt mit uns redete, und was? Vielleicht kommt es wieder auf das heraus, was Boas zur Ruth sprach. Hört das erste Wort, das er mit ihr geredet hat: „Hörtest du es nicht, meine Tochter? (nämlich das Zeugnis meines Knechtes von dir.) Du sollst nicht gehen auf einen anderen Acker, aufzulesen, gehe auch nicht von hinnen, sondern halte dich zu meinen Dirnen.“ Wie freundlich redet er die arme Witwe an: „meine Tochter.“ freundlich spricht der Herr zu den Wiedergebornen: „ihr seid mein.“

Welche Erklärung! Welche Liebe hat uns der Vater erzeigt, dass wir seine Kinder heißen sollen! Er adoptiert uns. Er gibt mir nicht allein Armenrecht, sondern wie dem verlorenen Sohne nach dessen Heimkehr Kindesrecht.

Boas warnte ferner die Ruth vor dem Hinweggehen auf einen anderen Acker. Also warnt der Herr: sucht nicht anderwärts geistliche Nahrung, lasse dich durch den äußeren Schein nicht täuschen, als könntest du anderwärts es besser haben. Solche Warnung ist heutzutage sonderlich beachtenswert. Wo so Viele von hinnen gehen, dem kirchlichen Leben entfremdet werden durch die Täuschereien und Verführungen hochmütigen Sektengeistes, sollten die Gläubigen solche Warnung nicht in den Wind schlagen, zumal sie es sind, und nicht die Kinder der Welt, welche auf diese Art der Satan in der Lichtgestalt frommtuender Sektenmenschen mit gleißnerischen Reden zu verführen sucht. Der Herr meint es gut. Er ermahnt, Er ladet so freundlich ein wie Boas die Ruth: „halte Dich zu meinen Dirnen.“ Unser Gott ist ein Gott der Ordnung. Er will auch, dass die Bekehrten sich zur Kirche halten; sie sollen ein Salz darin sein. Beherzigt das, und wollt euch nicht eigenmächtig erbauen, sondern in der Ordnung des kirchlichen Lebens.

Was Boas noch weiter zur Ruth sprach, das wollen wir in der folgenden Betrachtung erwägen, heute aber schließen mit der frohen Gewissheit: „Der Herr ist nie und nimmer nicht von seinem Volk geschieden,“ und mit dem entschiedenen Vorhaben, vom Herrn nicht zu lassen, und mit dem Begehren, auch ganz des Segens teilhaftig zu werden, den das kirchliche Leben uns zu bieten vermag. Amen!

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