Stöckicht, Wilhelm Damian - Ruth - IX. Der Gehorsam.
K. 3, 5-11.
Das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten und seine Gebote sind nicht schwer, nein, dem neuen Herzen nicht schwer, das vom Geiste Gottes regiert wird. Regiere uns, o Gott, allezeit mit deinem Geiste. Amen!
In der vorigen Betrachtung verweilten wir bei dem Rate, welchen die alte Naemi unserer lieben Ruth gab. Ruth ist willig, ihn zu befolgen, denn Naemi kann ihr nicht übel raten. Unbekümmert um das böse Urteil der Welt will sie Alles tun, was Naemi ihr sagt, gleichwie später ihre Nachkommin, Maria, die Mutter Jesu, zum Engel Gabriel redete: „Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Wie sie spricht, so handelt sie. Die Ruth gehört nicht zum Geschlecht der Leute, die viel versprechen und wenig halten, auch nicht zu denen, welche sich erst lange mit Fleisch und Blut besprechen und vor lauter Bedenklichkeiten nie zu Taten kommen. Nachdem sie sich gebadet und gesalbt und ihre Witwenkleidung gegen festlichen Schmuck vertauscht hatte, machte sie sich mutig und doch vielleicht klopfenden Herzens auf den Weg zur Tenne des Geliebten. Boas ruhte von seinem Tagewerk nach der Abendmahlzeit hinter einem Gerstengebund. Sie aber deckte auf leise zu den Füßen des Schlafenden und legte sich, stille wartend auf sein Erwachen. Erschreckt fuhr Boas zusammen, als er erwachend sie da liegen sah. Im Dunkel der Nacht kannte er sie nicht. Sie nannte auf Befragen ihren Namen und bat demütig und doch so herzhaft mutig: breite beinen Mantel über deine Magd, denn du bist der Goël (Erlöser). Solches war nämlich nach morgenländischer Sitte und ist noch Gebrauch bei Verlobungen. Der Mann verlobte sich mit Auflegung des Endes von seinem Oberkleide der Jungfrau, um damit anzuzeigen, dass er sie, als Weib, unter seinen Schutz nehmen wolle. Ruth warb also um Boas, sie war dazu berechtigt, da nach Gesetz und Sitte Boas als Verwandter ihres verstorbenen Mannes um die Leviratsehe angegangen werden konnte. Dass sie in Züchtigkeit um ihn warb, bezeugt, dass unkeusche Gedanken ihr ferne lagen, was ich den Unreinen gegenüber, die zu Missdeutungen geneigt sein möchten, bemerke. Boas erkennt ihren keuschen Sinn an und betrachtet ihre Werbung aus dem ehrenhaften Gesichtspunkt, dass sie das Geschlecht ihres verstorbenen Mannes durch gesetzliche Ehe erhalten wolle, womit sie, die keusche Witwe, die sich von unzüchtigen Gesellschaften ferne gehalten habe, ein größeres Werk der Barmherzigkeit tue, als sie bis dahin durch ihren Auszug aus Moab und ihre Versorgung der alten Schwiegermutter getan habe. Ohne sogleich die Schwierigkeit zu nennen, welche noch ihrer ehelichen Verbindung entgegenstand, redete er ihr ermutigend zu, sie solle unbesorgt sein, er wolle ihrer Bitte willfahren, da sie in der ganzen Stadt als ein tugendsames Weib bekannt sei. Der brave Boas! er sieht nicht auf ihr Vermögen, sondern auf ihre Tugend; er redet zu ihr nicht in der brünstigen Liebe eines tollen, verliebten Bräutigams, sondern im männlichen Ernste und in väterlichem Wohlwollen.
Soweit für heute. Die Schwierigkeit, die noch im Wege stand, bedenken wir in der nächsten Betrachtung.
Die voranstehende haben wir geschlossen zu Jesu Füßen mit der Bitte, Er möge uns sagen, was wir tun sollen. In der Anwendung unseres heutigen Abschnitts auf das christliche Leben vernehmen wir seine Antwort: „Es werden nicht Alle, die zu mir Herr, Herr sagen, in das Himmelreich kommen, sondern die den Wilen tun meines Vaters im Himmel.“ Tut den Willen Gottes! das ist des Herrn Antwort auf unsere Frage. alte Heidelberger Katechismus fasst das ganze christliche Leben treffend und wahr zusammen unter dem Begriff der Dankbarkeit. Ebenso richtig lässt es sich zusammenfassen unter dem Begriff des Gehorsams. Wir tun dies, und diene diese Betrachtung nicht allein zur Erläuterung des Begriffs, sondern namentlich zur Erweckung der Herzen, den Gehorsam tätig zu bezeugen!
Der Gehorsam ist der Gegenstand unserer Betrachtung, und zwar erstlich seine Beweisung, sodann sein Lohn.
Ruths Verhalten zeigt recht schön, wie sich der Gehorsam beweist. „Alles - sprach sie zur Naemi - was du mir sagst, will ich tun.“ Auch der rechte Christengehorsam umfasst Alles, alle Gebote Gottes. „So Jemand das ganze Gesetz hält und sündigt an einem (Gebote), der ist es ganz schuldig.“ Der Herr will nicht halben, sondern ganzen Gehorsam, nicht halbe Herzen, sondern die Herzen ganz. Zwei Herren kann man nicht dienen. Die Kinder dieser Welt, die noch eine gewisse Gottesfurcht besitzen, machen unter den Geboten Gottes einen willkürlichen Unterschied; sie meiden nur die augenfälligen und entehrenden Übertretungen. Wer wird ein Räuber, ein Ehebrecher, ein Mörder, ein Meineidiger werden? das wäre ja schrecklich! Aber mit dem gewöhnlichen Missbrauch des Namens Gottes, mit der Entheiligung des Herrntags, mit der bösen Lust wird es so genau nicht genommen. Man sieht wiederum hieraus, wie diese Welt der Gott derer ist, welche nicht Kinder des lebendigen Gottes heißen wollen; denn sie tun ungescheut diejenigen Sünden, welche die Welt verzeiht, sie meiden diejenigen, welche vor der Welt, d. h. im Urteil der großen Menge nach den Eingebungen des Zeitgeistes unverzeihlich sind. Der bekehrte Christ wird solchen willkürlichen Unterschied unter den Geboten Gottes nicht machen. Das ganze Gesetz ist ihm heilig als Offenbarung des heiligen Gotteswillens, ein Gebot ist ihm so wichtig wie das andere; denn das Gesetz Gottes ist ein Ganzes, ein Guss, ein harmonischer Bau. Nimm einen Stein heraus, so stürzt das ganze Gebäude deiner Gesetzlichkeit zusammen, übertritt ein Gebot, so hast du wider das ganze Gesetz gesündigt. Nun denn, ihr Gläubigen, macht es nicht wie die Kinder dieser Welt; unterscheidet euch von ihnen in eurer Denkungsart, in eurem Wandel. Sprecht wie Ruth: „Alles, was du mir sagst, das will ich tun.“ So sprach Ruth zur Naemi, in der sie eine gute Führerin hatte. So sprechen Christen zu Gott, dem Herrn, der durchs Wort zu ihnen redet. Sie folgen der Aufforderung der Maria, der Mutter Jesu: „Alles, was Er euch sagt, das tut.“ Der in Christo geoffenbarte Gott redet im Gesetze zu uns, und Kindern gebührt Gehorsam. Wenn Menschen uns etwas sagen und gebieten, so besinnen wir uns, prüfen Alles, prüfen insbesondere die Geister, ob sie aus Gott sind; denn es gibt viel Verführer in Lichtgestalt von Engeln, Menschen, welche die Sprache Kanaans begeistert, andringend zu reden gelernt haben, aber Christi Geist nicht haben. Sagt uns aber der Herr etwas, so hört das Besinnen auf und entschiedener Gehorsam tritt ein. Er kann uns nichts Böses gebieten. Was Er gebietet, gebietet Er nicht bloß so im Allgemeinen, sondern namentlich auch mir. Der Gläubige betrachtet die ganze Bibel als einen Brief Gottes, an ihn geschrieben. Ein frommer Schriftsteller nannte einst unter allen Buchstaben im A. B. C. den Buchstaben M den besten, denn was helfe ihn Gott, der Heiland, das Heil, so er nicht sagen könne, mein Gott, mein Heiland, mein Fels, mein Erretter. Will ich aber die Gnade Gottes in Christo auf mich beziehen, so muss ich's auch also mit dem Gesetz Gottes machen. Auch dieses wird mir gepredigt. Aber schreibt nicht St. Paulus, die Gläubigen ständen nicht mehr unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade? Freilich, sie stehen nicht mehr als Sünder darunter, sondern als Begnadigte darin, oder das Gesetz steht in ihnen geschrieben; es ist ihnen nicht mehr bloß der Spiegel, in den hineinschauend sie ihre Versündigung gewahren, sondern auch die Regel und Richtschnur, nach der sie leben.
Ruth sprach zur Naemi: „Alles, was du mir sagst, das will ich tun.“ Gleiche Bereitwilligkeit äußern Christi Glieder. Die Erfüllung des Gesetzes ist für sie kein äußerlicher Zwang, sondern ein innerlich gewordenes „Muss“; kein von außen an das widerstrebende Herz herantretendes „Du sollst“, sondern ein herzwilliges „ich will“. Der erneuernde Geist hat das Gesetz Gottes eingeschrieben in die fleischernen Herzenstafeln. Dieses „ich will“, diese Lust des inwendigen Menschen an Gottes Gebot gibt Zeugnis, dass der Mensch eine neue Kreatur geworden ist. Dem wirklich Bekehrten braucht man nicht erst zu sagen: du musst Gott, deinen Herrn, lieben, sollst keine anderen Götter neben ihm haben, sollst seinen Namen nicht missbrauchen rc., nein, es versteht sich von selbst, dass er nach allen Geboten Gottes wandelt in Kraft des inwohnenden Heiligen Geistes. Das ist ein wichtiges Bekehrungszeichen. Doch dürfen ängstliche Seelen nicht verzagen, wenn sie auch im Gnadenstande noch mannigfacher Übertretungen sich schuldig geben müssen. Auch die heiligsten auf der Erde haben erst einen geringen Anfang des Gehorsams. Völlig sterben wir der Sünde erst mit dem Tode des Leibes ab. Aber ob wir auch noch sündigen, so haben wir doch einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum, der gerecht ist und gerecht macht. Seiner Vergebungsgnade uns nach jeder in Schwachheit begangenen Sünde zu versichern ist uns im Gnadenstande ebenso dringendes Bedürfnis, als es unser ernstes Bestreben ist, nach allen Geboten Gottes zu wandeln.
Ruth will rücksichtslos der Naemi folgen, will nicht erst erwägen: was werden die Leute von mir sagen? So sehr gläubige Christen auch nach dem Willen des Herrn den bösen Schein meiden, so lassen sie sich doch auch in dem, was recht ist, nicht beirren durch das Geschwätz der Leute, durch das Urteil der Welt. Der können sie es ohnehin nicht recht machen, dürfen es gar nicht einmal wünschen. Hat jemals Christus erst gefragt: wird es auch so, wie ich es mache, den Leuten recht sein? niemals; und Er ist unser Vorbild. Er ermutigt: „Selig seid ihr, so euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen; seid fröhlich und getrost, es soll euch im Himmel wohl belohnt werden; denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.“
Ruth versprach übrigens der Naemi nicht bloß Gehorsam; sie übte ihn auch. „Sie ging hinab zur Tenne und tat Alles, wie ihre Schwiegermutter geboten hatte.“ Gelobe und halte! Versprechen macht Schuld. Dem Wollen muss die Tat folgen, das Vollbringen. Freilich, es liegt nicht an unserm Wollen und Laufen, sondern an Gottes Erbarmung. Christus spricht: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ So rätselhaft auch dieser Ausspruch den Weltkindern ist, welche viel von sich halten, so gut begreifen ihn doch die ihres gänzlichen Unvermögens inne gewordenen Gläubigen. Aber sie wissen es auch aus Erfahrung, dass Gott das Wollen und Vollbringen gibt nach seinem Wohlgefallen. Wir müssen es uns nur immer wieder geben lassen und betend empfangen. Das ist rechter Gehorsam, in der erbetenen Kraft Gottes den Willen des Herrn nicht bloß tun wollen, sondern tun, und vom Geiste Gottes geleitet dahin gehen, wohin Er gehen heißt. Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein. Beweiset euch als Kinder im Vaterhause, himmlisch gesinnt durch tätigen Gehorsam. Aber was ist es denn, das ich tun soll? Wir wissen es noch aus der vorigen Betrachtung her. „Bade dich und salbe dich, lege dein Kleid an, lege dich dem Herrn zu Füßen.“ Sich reinigen im Blute Christi, im Kleide seiner Gerechtigkeit wandeln, demütig bei ihm bleiben, oder: „Gottes Wort halten, Liebe üben, demütig sein vor deinem Gott“, das ist es. Das ist Glaubenstat, ist Christengehorsam.
Auch das gehört zum Christengehorsam, Alles, was geboten ist, zur rechten Zeit tun, wie auch wiederum die Ruth tat. Nach der Abendmahlzeit sollte sie sich dem Boas zu Füßen legen; sie tat es zur angegebenen Zeit. Dort sollte sie das Erwachen des Boas abwarten; sie tat es. Um Mitternacht erwachte Boas und erschrak, als er ein Weib zu seinen Füßen liegen sah. Meine Lieben! diesen Zug aus Ruths Geschichte können wir auf das christliche Leben nicht anwenden. Christus erschrickt nicht über die, die Ihm zu Füßen liegen; auch schläft Er nicht. Hier hört der Vergleich auf. Ein so schönes Bild auf Christum auch Boas ist, er ist doch immer nur das Bild, der Schatten, nicht das Wesen des Gottmenschen, den er abschattet. Es gibt in jedem Gleichnis einen Punkt, wo die Vergleichung aufhört, damit wir erinnert werden, dass das Heilige unvergleichlich erhaben ist über die sinnliche Erscheinungswelt. - Doch das Tun der Ruth bleibt für uns vorbildlich, auch das, was hernach Boas an der Ruth getan hat. Ihr Liegen zu den Füßen des Boas haben wir schon früher auf uns angewendet; ich betone nur noch, dass es zur rechten Zeit stattfand. Wir sollen Alles zur rechten Zeit tun. Unser Gehorsam kommt zwar nie zu früh, aber leider in der Regel so spät, und wer unter uns hätte sich nicht darüber Vorwürfe zu machen; wo ist unter der Schar der Gläubigen Einer oder Eine, die nicht darüber Kummer empfände, dass sie so spät angefangen hat, nach allen Geboten Gottes zu wandeln? Doch lassen wir die Vergangenheit des unbekehrten Zustands dahinten; beeifern wir uns vielmehr, ohne Ausschub zu tun, was Jesus befiehlt, ohne Zögern zu erfüllen, was wir als unsere Pflicht erkannt haben. Jeder Aufschub ist vom Übel und kann leicht uns das traurige Los der fünf törichten Jungfrauen im Gleichnis des Herrn zu Wege bringen.
Haben wir uns bis dahin zeigen lassen, wie die Wiedergeborenen als Untertanen im Gnadenreiche Jesu Christi dem Herrn ihren Gehorsam beweisen, so lassen wir nun auch zur Ermunterung uns zeigen den Lohn. Das versteht sich von selbst, wenn im Reiche Gottes von Lohn die Rede ist, so ist es immer Gnadenlohn, nicht Verdienst. Wir können nicht mit dem Herrn rechten, als müsse Er uns unsern Gehorsam vergelten; tun wir doch stets im günstigsten Falle nur unsere Schuldigkeit, aber nichts Übriges. Nur Knechte und Mägde dienen um Lohn, weil sie kein Anrecht haben an das Erbe der Herrschaft und darum bestrebt sind, sich selbst Vermögen zu erwerben. Die Kinder aber, die Erbberechtigten, tun nicht um des Lohnes willen, sondern aus Kindespflicht das Gebot des Vaters, und die ihr an den Namen Jesu Christi glaubt, ihr seid Kinder. Dennoch erfreut auch ein gütiger, menschlicher Vater ein gehorsames Kind mit einem Geschenk, und so tut auch der himmlische Vater seinen Kindern, der Erlöser seinen Erlösten. Prüft euch einmal, Geliebte! warum seid ihr gehorsam? um des Lohnes willen? so seid ihr noch Knechte, nicht Kinder. Aber seid ihr gehorsam, dem Herrn zu Liebe? wünscht ihr die Verbindung mit Ihm? möchtet ihr das in der vorigen Betrachtung beschriebene Ziel des frommen Strebens erreichen? dann fehlt der Gnadenlohn nicht. Tröstlich finden wir es angezeigt in unserm biblischen Abschnitt. Boas nahm die Werbung der Ruth an, als sie bat: „breite deinen Mantel über deine Magd, denn du bist der Goël“, als sie also an ihn die kühne Bitte richtete, er möge nach morgenländischem Gebrauche sich mit ihr verloben. So wirbt auch die gläubige Seele um die Liebe des himmlischen Bräutigams, des erkorenen Erlösers, dem allein und einzig unser ganzer Mensch angehören soll. Boas hörte freundlich die Ruth an, er stößt die arme Witwe als seiner unwürdig nicht von sich, rühmt vielmehr ihre Züchtigkeit und nennt sie freundlich, väterlich seine Tochter. Und der, der unendlich höher ist, als dieser Boas, unser allgewaltiger Herr Jesus Christus lässt sich auch so gerne die Bitte der geistlich Armen gefallen und nimmt auch die Unmündigsten, die um seine Liebe werben, an. „Wer zu mir kommt - spricht Er ermutigend - den will ich nicht hinausstoßen“, und wie freut es den heiligen Jesus, wenn wir uns enthalten von aller Welt- und Fleischeslust, wenn wir verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste, um ganz allein Ihm eigen zu sein!
Boas nahm auch der werbenden Ruth gegenüber alle weiteren Sorgen auf sich, sprach zu ihr gewährend: „Fürchte dich nicht, Alles, was du sagst, will ich dir tun.“ Darin, meine Zuhörer! ist abgeschattet, was Jesus gegenüber seinen Gläubigen tut. Freundlich lässt der Hohe und Erhabene sich zu ihnen herab. Er ist bereit, Alles, was sie ihn bitten, zu tun. Ist's doch sein Heiliger Geist, der solche Bitte ihnen ins Herz legt. Jesus will sich ihnen verbinden, hört es! so innig, wie Mann und Frau verbunden sind, also dass wir mit Ihm eins werden, und nichts mehr von ihm uns scheiden kann. So hat Er selbst, da Er noch Gebet und Flehen zu Gott opferte als unser blutiger Hohepriester und Bräutigam gebetet, dass wir mit Ihm eins würden, und dass wir zu Ihm hinan kämen in seine Herrlichkeit. Auch Er spricht zu den Seinigen, die seinen Willen tun: „Fürchtet euch nicht“, und der so spricht, nimmt auch die Furcht hinweg. Was Er zu Abraham sprach, das wiederholt Er den Seinigen: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir.“ Was Er zu Israel redete als seinem Volke, wie vielmehr erst gilt das dem geistlichen Israel, das Er mit seinem Blute geheiligt hat: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit. Siehe sie sollen zu Spott und zu Schanden werden Alle, die dir gram sind, sie sollen werden als nichts, und die Leute, so mit dir hadern, sollen umkommen, dass du nach ihnen fragen möchtest, und wirst sie nicht finden; denn ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand stärkt, und zu dir spricht: „Fürchte dich nicht, ich helfe dir.“ Ausdrücklich sprach der Herr zu seinen Gläubigen: fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben; darum darf ich ausbrechen in den Freudenruf: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollt' ich mich fürchten? der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?“
Wohl der Seele, welche innerlich das Wort des Meisters vernommen hat: „Fürchte dich nicht!“ Sie hat Frieden, den Frieden, welchen Er seinem gehorsamen Volke schenkt als Abschlagszahlung des ewigen Gnadenlohnes, dessen Rest jenseits gezahlt wird, denn das Ziel des frommen Strebens wird hienieden nicht erreicht, weil diese alte, mit Sünden geschwängerte Erde kein würdiger Hochzeitstempel ist zur Feier der Vereinigung der Seelen mit Christo, dem himmlischen Bräutigam. Reicht diese Abschlagszahlung nicht aus? o weit aus! Und doch, der Herr schenkt mehr. Wiederum bildet das Wohlwollen des Boas des Herrn Gnade ab. Lobend spricht er zur Ruth: „Die ganze Stadt meines Volkes weiß, dass du ein tugendsames Weib bist.“ Wenn wir dem Herrn nur gefallen, so ists schon genug, ob wir darüber auch der ganzen Welt missfallen sollten. Doch Er sichert obendrein die Anerkennung seines Volks zu, seiner Gemeinde, die Er im Himmel und auf der Erde hat. Das ist auch ein gar wertes Geschenk! Wie wohl tut es uns, wenn bewährte Kinder Gottes uns als ihre Mitgenossen anerkennen; wie empfindlich schmerzt ihre Verkennung. Wisst ihr auch, woran sie uns erkennen? an unserer Tugend. Was ist Tugend? Tugend ist Gehorsam, Gehorsam ist Glaubensfrucht. Solches Kennzeichen hat der Herr gegeben: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Die Frucht, welche am Baum des Christenlebens im Garten Gottes wächst, ist das Tun des Willens Gottes. Der Glaube aber, der nicht Werke hat, ist tot an ihm selber; denn gleichwie der Leib ohne Geist tot ist, also auch der Glaube ohne Werke ist tot.
Den Unbekehrten sind die Gebote Gottes schwer, ja unmöglich zu halten, den Bekehrten sind sie leicht, weil Gottes Geist ihnen beiwohnt.
Meine Lieben! Das ist unabänderliche Regel im Reiche Gottes, den Glauben zu beweisen im Gehorsam, im rechtschaffenen, christlichen Wandel zur Ehre Gottes. Die Übung im Gehorsam soll man nur nicht gering achten. Zu dieser Übung bedarf es der steten Mitteilung göttlicher Kraft. Eben darum sollen wir anhalten am Gebet. So wollen wir's halten, und in der Sprache der lieben Ruth dem Herrn von Neuem geloben, und in seiner Kraft halten: „Alles, was du mir sagst, will ich tun.“ Amen!