Stockmeyer, Immanuel - Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden.

Stockmeyer, Immanuel - Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden.

Predigt von Imm. Stockmeyer, Pfarrer bei St. Martin in Basel.

Text: Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden.
Matth. 6. 10.

Es hat Jemand, der jeder Bitte des Unser Vaters ihren eigenen Namen gegeben hat, der z. B. die vierte Bitte: „Gib uns unser täglich Brot“, die leichte Bitte genannt hat; der hat unsere Bitte: „Dein Wille geschehe“, die schwere Bitte genannt. Unsere Erfahrung wird uns bezeugen, dass dieser Name gut gewählt ist; wissen wir doch Alle, wie viel wir auf unseren eigenen Willen zu halten pflegen, so dass sogar das Sprichwort hat entstehen können: „des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, und nun sollen wir ein Gebet tun, das uns dieses Himmelreich, d. h. unseren Willen, sehr in Frage stellt, ja oft geradezu durchkreuzt. Sollte das nicht ein schweres Gebet heißen? Doch was berufen wir uns auf unsere Erfahrung, die wir freilich ohnehin so untüchtig sind zum Gebet, und nun hier ganz besonders, wo unser Eigenwille sich auflehnt gegen das Gebet. Die Erfahrung eines Andern mag reden und bezeugen, wie schwer diese Bitte ist. Der größte Beter, der je gewesen ist, denn er war Eins mit dem Vater, zu dem er betete; er, der diese Bitte verfasst und uns gegeben hat, dass wir sie beten sollen: - er selbst hat einst diese Bitte gebetet im Garten Gethsemane, und sie ist ihm selbst so schwer geworden, dass er niedersank zur Erde, dass ihm der Angstschweiß ausbrach und seine Seele betrübt war bis zum Tode! Wer will nun nach ihm kommen und sagen: sie sei leicht? Es ist eine schwere Bitte, Geliebte, und doch eine selige Bitte! Seht auf unseren Erlöser! Mit dieser Bitte hat er sich gestärkt zu dem größten Werke, das je auf Erden vollbracht wurde zur Erlösung der Welt, durch seinen Kreuzestod; mit dieser Bitte hat er sich Bahn gebrochen zum Eingange in die Herrlichkeit seines Vaters. So ist für ihn diese Bitte, so schwer auch immer, doch eine selige Bitte gewesen. Und nun erst für uns! Wissen wir doch, dass was uns das Seligste ist, das wird uns in der Regel am schwersten, daher wir auch oft das Schwerste für das Seligste achten müssen. So ist es nun auch mit dieser Bitte. Die Betrachtung, welche wir jetzt darüber anstellen wollen, soll uns überzeugen, dass es eine schwere, aber eine selige Bitte ist.

Herr! der du uns diese Bitte gegeben hast, schließe du uns jetzt den tiefen Sinn derselben auf, damit wir sie fortan gern und oft, ohne Widerstreben des Herzens, mit lebendiger Überzeugung im Geiste und in der Wahrheit beten mögen! Amen.

I.

Die dritte Bitte des Unser Vaters: „Dein Wille geschehe!“ ist eine schwere Bitte. Wenn wir zum Beginne eines neuen Tages das Unser Vater beten und sprechen: „Dein Wille geschehe!“ wissen wir auch, bedenken wir auch, was wir da beten? Wir haben so manchen Wunsch auf dem Herzen für unser und der Unsrigen leibliches Wohl; wir möchten bei Gesundheit in Wohlstand erhalten werden oder dazu gelangen; wir haben vielleicht einen ganz besonderen, dringenden Herzenswunsch, an dessen Erfüllung wir selbst alle unsere Zeit, Kraft, Mühe zu setzen entschlossen sind - und nun sollen wir beten: „Dein Wille geschehe!“ Damit setzen wir gleichsam hinter alle unsere Wünsche, auch die angelegentlichsten, ein Fragezeichen; denn das wissen wir ja wohl, dass unsere Gedanken nicht Gottes Gedanken, und seine Wege nicht unsere Wege sind. Wir erlauben uns also keinen dieser Wünsche unbedingt auszusprechen, sondern wir beten überall: dies hätte ich, ach du weißt selbst, wie gerne; aber wenn du es anders beschlossen hast, so muss nicht geschehen, was ich will, sondern dein Wille geschehe! Das ist schwer, meine Teuren! Wie viel kann nicht ganz unerwartet sich ereignen, was tief ein schneidet in unser Herz, tief eingreift in unser Leben, was unser Haus aus einer Stätte der Freude in eine Stätte der Trauer verwandelt; es kann geschehen jeden Tag, es kann Gottes Wille sein über uns, wir wissen es ja nicht. Wenn wir nun beten: „Dein Wille geschehe“, und wir beten das mit rechter Besinnung; o so begeben wir uns ja im Voraus alles Einspruches gegen solche Schläge von seiner Hand, wir willigen ein; lass es kommen, sprechen wir dann, wenn es dein Wille ist, es soll auch mir also recht sein. Ist das nicht schwer? Doch davon haben wir selten die rechte Empfindung. So lange Gott unser schont und wir haben gute Ruhe, und Trübsal und Ungemach liegen noch in weiter Ferne, so halten wir uns leicht für stärker, als wir sind; wir meinen dieses Gut entbehren zu können, nur weil wir dermalen in seinem Besitze nicht bedroht sind, wir meinen jenes Leiden ertragen zu können, nur weil wir dermalen kein Gefühl davon haben, wie schwer es ist. Wir beten dann wohl: „Dein Wille geschehe!“ ohne recht zu wissen, was wir tun. Aber wenn nun das Unglück unsere Schwelle betritt; wenn die Grundfesten unserer Ruhe, unseres Glückes anfangen zu wanken; wenn ein Verlust uns als sehr wahrscheinlich bedroht, dessen wirkliches Eintreten wir uns gar nicht zu denken wagen; wenn, um nur ein Beispiel heraus zu greifen, einer unserer Angehörigen, uns lieber als das eigene Leben, von tödlicher Krankheit ergriffen zwischen Tod und Leben schwebt; wenn Alles darauf hindeutet, dass es Gottes Wille sei, ihn von uns abzufordern, - dann beten: dein Wille geschehe! in Wahrheit also beten, ohne dass im Geheimen das Herz wünscht, es möchte dies Mal lieber nicht erhört werden, es möchte nicht geschehen, was die Zunge bittet - ist das nicht schwer? Wäre es nicht erlaubt, hier eine Ausnahme zu machen und zu sprechen: dein Wille geschehe in allem Andern, nur hierinnen nicht? Oder wäre es nicht genug, hier nur die Hand auf den Mund zu legen, zu schweigen und nicht zu widersprechen und nicht zu murren? -

Müssen wir denn selbst das herbei beten, woran wir nicht ohne Entsetzen denken können? Ist das nicht mehr als schwer? ist das nicht eine unmögliche Forderung?

Doch, Geliebte, eben hier, wo uns unsere Bitte in ihrer ganzen Schwere erscheint, eben hier öffnet sich uns auch der Blick in ihre Seligkeit. Was sollst du beten? Dass Gottes Wille geschehe! Was ist denn Gottes Wille? dich zu kränken, dir das Liebste, was du hast, vom Herzen zu reißen, dir die süßesten Hoffnungen zu zerstören, dich mit den empfindlichsten Schmerzen zu quälen? Dies wäre Gottes Wille, und weiter nichts? dies wäre der Wille des Gottes, der dich selbst bisher so väterlich geführt, so barmherzig verpflegt, so langmütig getragen hat? des Gottes, der dir zuruft: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarmte über den Sohn ihres Leibes, und ob sie desselbigen vergesse, so will ich doch deiner nicht vergessen?“ O des Gottes, der auch dich also geliebt hat, dass er seinen eingeborenen Sohn dahin gab für dich? Ach, wie kurzsichtig ist doch der Unglaube, der immer nur sieht, was zunächst vor Augen liegt! - Was ist Gottes Wille? Hören wir es von dem, der gekommen ist, uns den Willen seines Vaters zu verkündigen. Fürchte dich nicht, spricht er, du kleine Herde, denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben! Uns das Reich zu geben, das Reich, da „Fried' und Freude lacht“, das ist Gottes Wille, - ist es nicht ein seliger Wille für uns? - Was ist Gottes Wille? Gott will, spricht der Apostel, dass allen Menschen geholfen werde und alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen; - ist das nicht ein treuer, liebevoller, väterlicher Wille? Was ist Gottes Wille? Das ist Gottes Wille, spricht derselbe Apostel, eure Heiligung! Unsere Heiligung ist Gottes Wille, die Heiligung, ohne welche wird Niemand den Herrn sehen. Ist das nicht ein Wille voller Seligkeit für uns? denn wie könnten wir selig sein, ohne heilig zu sein? Seht, Geliebte, das ist Gottes Wille. Warum achten wir denn dessen nicht? Warum nehmen wir denn nur das Bittere für uns, und lassen das Süße dahinten? Warum erwägen wir denn nur immer, wie schwer Gottes Wille ist, und vergessen darüber ganz, wie er auch so selig ist?

Hier wird Mancher entgegnen: Ja, diesen seligen Willen Gottes lasse ich mir gerne gefallen; aber warum muss er zugleich so schwer sein? - Dass Gott mich selig machen will, mir sein Reich geben will, das danke ich ihm von Herzen, und will es gerne annehmen; aber ist es denn nötig, mich vorher in solche Tiefe des Leides hinabzustoßen? Ja, lieber Christ, es ist nötig, sonst würde es nicht sein Wille sein. „Denn er nicht von Herzen die Menschen plaget und betrübt“ (Klagl. Jer. K. 3.), als hätte er seine Lust daran, sondern was nötig ist, das tut er, und mehr nicht. Uns Menschen kann es wohl begegnen, dass wir einmal zu hart sind gegen unsere Kinder und im Eifer der Leidenschaft im Strafen zu viel tun; ihm aber, zu dem wir Alle rufen: Unser Vater im Himmel! ihm begegnet das nicht. Darum, was dich immer betroffen hat oder betreffen will, nimm dafür an, das sei dir nötig. Wozu es dir nötig sei? Dazu, dass alles Selige, was Gottes Wille dir bestimmt hat, dir auch wirklich zu Teil werden könne. Fragen wir uns doch selbst: wenn uns der Wille Gottes gar nichts Schweres auferlegt, sondern Alles geht, wie wir selber es wünschen oder wollen; - wie viel ist uns dann gelegen an jenem Reiche, das Gott uns beschieden hat? Ach, gar wenig oft! Unser Auge weidet sich an den Dingen dieser Welt, und verlernt darüber bald nach dem Himmel aufzuschauen. Unser Herz befindet sich hienieden so wohl, dass es bald vergessen hat, was droben ist, da Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Und wie steht es dann um die Heiligung, die Gottes Wille ist an uns? O wie schläfrig und nachlässig, wie treulos und zaghaft wird dieses Werk dann betrieben! Das kann nun unser himmlischer Vater nicht mit ansehen, dazu hat er seine Kinder zu lieb; denn auch das, was uns Menschen auch wieder leicht begegnet, dass wir durch ein unzeitiges Mitleiden uns die Hand zurück halten lassen, die das unstellige Kind strafen sollte - auch das begegnet ihm nicht. Tut er nie mehr als nötig ist, so will er das Nötige auch nicht versäumen. Es ist ihm mit seinem Willen uns selig zu machen ein solcher Ernst, dass er auch die schärfsten Mittel nicht scheut, wo sie nötig sind. Darum lässt er seine gewaltige Hand oft schwer auf uns fallen, damit wir recht aufwachen sollen aus dem Schlummer unseres Weltsinnes, und aufmerken sollen, was Gottes Wille ist mit uns, und wieder nach ihm fragen und zu ihm rufen sollen, auf dass er sich auch wieder nahen könne zu uns. Darum wenn der Wille Gottes ein recht schweres Verhängnis über dich führt, so lass es dir sein, als rufe Gott dir zu: ich will dich retten, ich will dich gewinnen, ich will dich selig machen, und es soll dir schwer werden, wider den Stachel zu lecken. Da bete du nur getrost: „Dein Wille geschehe!“ Du betest wahrlich nicht dein Unglück, du betest das Himmelreich herbei.

Ob uns nun, wenn wir uns dieses Alles zu eigen machen und es anwenden und üben in unserem Leben, ob es uns dann leicht werden wird zu beten: „Dein Wille geschehe?“ Leicht wohl nicht immer, Geliebte. So lange wir einher gehen in der Schwachheit unseres Fleisches, so lange wird es eine schwere Bitte bleiben. Aber dass es dennoch zugleich eine selige Bitte ist, das werden wir dann erfahren. Ja, so enge hängt dies Beides zusammen, dass diese Bitte eben da, wo sie uns am schwersten wird, auch am seligsten ist. Wenn Gott am gewaltigsten auf uns eindringt mit seiner züchtigenden Hand, eben dann ist er uns auch am nächsten mit seinem Vaterherzen voll Liebe, voll Trost, voll Freude und Frieden; und dann sich ganz hingeben in seine Hand, den eigenen Willen ganz danieder treten lassen und sich ganz versenken in den gnädigen Willen unseres Gottes, dann von ganzem Herzen sprechen: „Dein Wille geschehe!“ das, Geliebte, ist schwer, erstaunlich schwer, aber auch unaussprechlich selig!

II.

Doch, Geliebte, wir haben erst die eine Hälfte unserer Bitte betrachtet. Wenn wir beten: „Dein Wille geschehe!“ so erklären wir uns nicht nur bereit, Gottes Willen an uns zu leiden, sondern wir machen uns damit auch anheischig, Gottes Willen zu tun. Und das ist gewissermaßen noch schwerer als Jenes; denn was Gottes Wille über uns verhängt, das müssen wir wohl leiden, wir mögen wollen oder nicht. Und dies Müssen hilft uns nun gar sehr nach; wir sehen ein, dass wir doch nichts Besseres tun können, als uns dreinzuergeben und Gottes Willen zu unserem Willen zu machen. Aber wenn sich Gottes Wille als ein heiliges Gebot an unseren Willen richtet und uns zuruft: Dies sollst du tun und Jenes meiden, so haben wir die Freiheit, auf unsere Gefahr hin unseren Willen entgegenzusetzen, was Gottes Wille an uns ist, zu unterlassen, ja ihm geradezu entgegenzuhandeln; und von dieser Freiheit pflegen wir einen nur allzu reichlichen Gebrauch zu machen. Dieser Freiheit aber begeben wir uns, wenn wir beten: „Dein Wille geschehe!“ Denn, Geliebte, wie ließe uns das, zu Gott zu sprechen: „Dein Wille geschehe!“ und dabei die Hände in den Schoß zu legen, die eben diesen Willen ausrichten sollen? oder gar sie gebrauchen, um das Widerspiel von dem zu tun, was der Mund gebetet hat? Hieße das nicht geradezu Gottes spotten? So betrachtet, müssen wir nun abermals zugestehen, dass dies eine schwere Bitte ist. Sie legt uns die Verpflichtung auf, zu allen Zeiten, bei allen Anlässen nicht zu fragen: was täte ich jetzt gerne? was wäre jetzt das Leichteste, das Bequemste, das Anmutigste für mich? - sondern, nach der Ermahnung des Apostels, in allen Dingen zu prüfen, was da sei der gute, der wohlgefällige, der vollkommene Gotteswille. Damit haben wir uns aber manche saure Pflicht auferlegt, manches schwere Werk; haben uns manchem peinlichen Auftrage unterzogen, dabei wir lieber sprächen: Herr! sende, wen du senden willst, nur mich nicht. Nun aber müssen wir uns dazu verstehen, wir haben ja gebetet: „Dein Wille geschehe!“ Eine schwere Bitte in der Tat! Und denken wir uns erst in jene Stunden der Versuchung hinein, wo das Fleisch so mächtig gelüstet wider den Geist, wo jenes Gesetz, das in unseren sündhaften Gliedern ist, seinen ganzen Einfluss geltend macht, um uns gefangen zu nehmen in der Sünde Gesetz; wo es uns drängt und treibt in Werken, Worten und Gedanken, dem Gesetze Gottes zu trotzen und unsere bösen Gelüste auszuüben was ist da für uns die Bitte: „Dein Wille geschehe?“ was anders als das Marterholz, das wir aufrichten in unserem Herzen, um unser Fleisch daran zu kreuzigen? Haben wir diese Bitte wohl je von ganzem Herzen gebetet in solchen Stunden der Anfechtung? eine schwere Bitte fürwahr, - und doch auch hier eine selige Bitte.

Ist es nicht selig, etwas Schweres zu tun für den, der für uns das Schwerste vollbracht hat? Und hat nicht unser Heiland das Schwerste vollbracht für uns, da er unter den Martern des Kreuzestodes sein Leben gelassen hat für uns? Wohlan, was tun wir ihm dagegen? wir nennen ihn hierfür unseren lieben Herrn und Heiland. Ist das aber genug? Wird er uns darum als seine dankbaren und getreuen Jünger erkennen? Hat er nicht ausdrücklich gesagt: „Es werden nicht Alle, die zu mir sagen: Herr, Herr, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.“? Den Willen tun seines Vaters im Himmel, - das ist es, was er von uns verlangt, und womit wir ihm dienen und Freude machen können. Je schwerer nun dies uns wird, desto dankbarer beweisen wir uns, wenn wir es dennoch tun, und ihm dankbar sein zu können, das ist Seligkeit für uns. Wer das leugnen wollte, der müsste die Liebe Christi noch nicht erfahren haben, denn er würde ja sonst den Ruf in sich vernehmen: „Lasst uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt!“ Eine selige Bitte also, wenn wir auf den Herrn sehen, dem wir Freude machen, wenn wir uns durch diese Bitte nötigen, Gottes Willen zu tun; eine selige Bitte aber auch, obwohl eine schwere, wenn wir auf uns selber sehen. Haben wir es nicht schon Alle erfahren? So leicht es ist, unserem Eigenwillen zu folgen, so schwer sind die Folgen, die wir uns dadurch zuziehen. Was trägt es uns ein? Auf diese oder jene Art die bittere Erfahrung, dass die Sünde ist der Leute Verderben und ein beschwertes Gewissen noch obendrein. Gottes Willen zu tun dagegen ist oftmals sehr schwer; aber selig sind die Folgen, wenn wir es dennoch über uns gewinnen. Wenn wir den falschen Frieden verschmäht, wenn wir den Kampf mit der Sünde redlich und tapfer durchgeführt und ihren Angriff standhaft abgewehrt haben; dann beseligt uns der Friede Gottes und das tröstliche Zeugnis seines Geistes, dass wir Gottes Kinder sind. Und mit jedem errungenen Siege über den Eigenwillen mehrt sich auch in uns die Erfahrung, welche den königlichen Dichter beseelte, als er dem Willen seines Gottes das schöne Loblied sang: „Das Gesetz des Herrn ist ohne Wandel, und erquicket die Seele. Die Befehle des Herrn sind richtig, und erfreuen das Herz; die Rechte des Herrn sind wahrhaftig, allesamt gerecht, sie sind köstlicher als Gold und viel feines Gold, sie sind süßer als Honig und Honigseim.“ Wir erfahren, wie unser Eigenwille, während er dem Fleische schmeichelt, das wahre Leben in uns kränkt und tötet, wie dagegen Gottes Wille, indem er das Fleisch kreuzigt, erst das wahre Leben in uns schafft und nährt; wir erleben an uns selbst etwas von dem seligen Bewusstsein, das unseren Erlöser durchdringen musste, als er sprach: „Das ist meine Speise, dass ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“ Ist es nun nicht ein seliges Gebet, wenn wir bitten: „Dein Wille geschehe! auch in mir werde dein heiliger Wille immer kräftiger, immer lebendiger, er werde so recht das Gesetz meines inwendigen Menschen!“? Was erbitten wir hier anders als die rechte Nahrung unseres inwendigen Menschen zum ewigen Leben? Ja, lässt sich nicht eben diese Bitte vortrefflich gebrauchen als eine starke Waffe in jeglicher Versuchung, wo der Wille Gottes und der Wille der Sünde gegeneinander sind, der eine uns hierhin, der andere dorthin zieht, und wir in diesem unseligen Zwiespalte hin und her schwanken? Wessen Wille soll denn geschehen durch uns? wer soll uns zu gebieten haben? Der Fürst dieser Welt, der schon gerichtet ist? die Sünde, deren Sold der Tod ist? Nein du, so wollen wir sprechen, du sollst regieren, du, heiliger, barmherziger, treuer Gott und Vater, dein Wille geschehe! auch durch mich geschehe dein Wille; wie sollte er nicht? Du bist ja der allmächtige Gott, und kannst deinem heiligen Willen auch in mir Kraft und Nachdruck geben nur ich bin schwach. Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen des Guten finde ich nicht in mir; darum mache ich aus dem, was mein Herz gerne wollte, ein Gebet und spreche: Dein Wille, o Gott, geschehe!

III.

Wenn es uns nun aber immer noch nicht ganz einleuchtend geworden ist, dass unsere Bitte eine selige Bitte sei, so lasst uns, soweit wir dies vermögen, noch dort umschauen, wohin der Herr uns in den Schlussworten unserer Bitte blicken heißt: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden!“ Hier auf Erden geschieht Gottes Wille noch sehr unvollkommen, weil die Werkzeuge, die ihn tun sollen, noch sehr unvollkommen sind, und weil Gott selbst nach dem Plane seiner Weisheit und Langmut dem Widerstande gegen seinen Willen noch weiten Spielraum lässt; und wenn Gottes Wille auch geschieht an uns oder durch uns, so geht es für uns nicht ohne große Beschwerde und ohne große Schmerzen ab. Es ist aber ein Ort, wo Gottes Wille vollkommen geschieht und kein anderer Wille mehr daneben aufkommt oder sich dagegen zu setzen versucht. Und welch' ein Ort ist dies? Was sollten wir vermuten, die wir die dritte Bitte im Unser Vater nur immer so schwer finden? Ist es ein Ort der Mühseligkeit und der Qual? Nein, Geliebte, es ist der Ort, wo alles Leid aufhört und kein Schmerz mehr ist; es ist der Ort der vollkommensten Seligkeit, es ist der Himmel. Was macht diesen Ort zum Himmel? Nichts anders, als das, dass hier der Wille Gottes vollkommen geschieht; darum ist hier auch die vollkommene Seligkeit zu Hause. Wer sind sie, jene Seligen, von denen das Buch der Offenbarung uns erzählt, die nicht müde werden können, ihr Entzücken in immer neuen Lobliedern auszuströmen? Die sind es, an denen Gottes Wille hienieden geschah, an denen Gottes Wille nunmehr vollbracht ist. Gott wird, sagt die Schrift, abwischen alle Tränen von ihren Augen. Tränen haben allerdings auch sie vergossen hienieden, als Gottes Wille an ihnen geschah, als die gewaltige Hand Gottes an ihnen arbeitete, sie reinigte und heiligte ihm zum Eigentum. Nun aber hat ihr himmlischer Bildner die letzte Hand an sein Werk gelegt, nun ist mit der letzten Spur der Sünde auch die letzte Spur des Schmerzes verschwunden, und auch die Erinnerung an die schweren Leiden der vergangenen Zeit geht unter in jener unaussprechlichen Freude, zu welcher sie nunmehr eingegangen sind. Und was ist nun ihr Geschäft droben am Throne Gottes? Da stehen sie, sagt die Schrift, und dienen Gott Tag und Nacht in seinem heiligen Tempel. Gott dienen, Tag und Nacht; - ist das nicht ein äußerst mühsames und beschwerliches Leben? Ja, hier auf Erden, da hat es sie auch Mühe gekostet, da hat es auch ihnen große Beschwerde gemacht. In großer Geduld haben sie sich darin geübt, in schweren Kämpfen haben sie danach gerungen, in heißen Gebeten haben sie darum gefleht, Gottes Willen zu tun. Jetzt aber wird es ihnen nicht mehr schwer, jetzt tun sie ihn mit Freuden; - ja, Gottes Willen zu tun, das eben ist ihre Seligkeit.

Nun, Geliebte, erweckt uns das nicht Lust, macht uns das nicht Mut zu unserer Bitte? Wollen wir noch immer bei dem Wahne beharren: unser Wille, das sei unser Himmelreich? Wollen wir es vergessen, wie oft schon unser Eigenwille uns die arme Erde noch vollends zur Hölle gemacht hat? Wollen wir es nicht erkennen, wie dagegen überall, wo Gottes Wille geschieht an uns und durch uns, wie da überall hienieden schon ein heiliges, seliges Wesen einkehrt und die Erde zum Himmel verklärt? Wer seinen Frieden liebt, o der lerne beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden!“ Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/s/stockmeyer/stockmeyer_-_dein_wille_geschehe.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain