Stockmayer, Otto - Das Gebetsleben der Kinder Gottes.

Stockmayer, Otto - Das Gebetsleben der Kinder Gottes.

Unter Gebetsleben verstehen wir nicht nur etwa ein Leben, in dem viel gebetet wird, sondern ein Leben, in dem man betet ohne Unterlass, wo man alles, was man tut, sei es in Worten oder in Werken, sei es, dass man isst oder trinkt, im Namen Jesu tut, zur Ehre Gottes und mit Danksagung. Es ist das, was wir schon bei einem Enoch finden, von dem es heißt, dass er mit Gott wandelte, bei einem Elias, der bei seinem ersten Auftreten sagen konnte: „So wahr der Gott Israels lebt, vor dem ich stehe.“ Es ist das, wonach einen David verlangte, wenn er bat, nicht etwa nur, recht oft vor seinem Gott erscheinen, sondern im Hause seines Gottes bleiben zu dürfen sein Leben lang. Es ist das, was das ganze Erlösungswerk Christi bezweckte, nämlich die durch die Sünde gelöste Lebensverbindung des Menschen mit seinem Gott völlig und gründlich wieder herzustellen. Es ist ein Leben mit Gott, aus Gott, in Gott und für Gott.

Ein solches Gebetsleben ist nur möglich bei Kindern Gottes.

Um erhört zu werden, braucht man kein Kind Gottes zu sein; Gott erhört auch unbekehrte Sünder, die in der Not zu Ihm schreien. Aber Gemeinschaft mit Gott können nur die haben, die durch Christum dem Reich der Finsternis entrückt und in das Lichtreich versetzt sind, in dem Gott, der Vater des Lichtes, wohnt. Gott ist Licht, und in Ihm ist keine Finsternis; Seine Augen sind zu rein, um Übles und Unreines schauen zu können, und nur Kinder Gottes sind gewaschen von allen ihren Sünden.

Hierin liegt nun schon, dass ein Gebetsleben nur bei solchen Kindern Gottes möglich ist, die sich rein erhalten, die in der reinigenden Kraft des Blutes Christi und in der Zucht des Geistes wandeln. Es müssen Kinder sein, frei geworden durch den Sohn, die frei in die obere Welt sich erheben und frei darin sich bewegen können, ohne dass Sorge oder Lust sie wieder herunter und hinein zu ziehen vermöchte in die schwüle Luft irdischen, eitlen Dichtens und Trachtens.

Sie müssen sich frei erhalten von Sorge. Es müssen Kinder sein, die wissen, dass ihr Vater im Himmel ihre Bedürfnisse kennt und für sie sorgt, und die zu Ihm kommen mit ihren Anliegen, freudig und kindlich, ohne ihr Herz dem heidnischen Geiste mehr zu öffnen, der sorgend fragt: „Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken?“

Sie müssen sich frei erhalten von Lust. Losgekauft durch das Blut des Lammes von ihrem früheren Sinnenleben, vom Dienst der Eitelkeit, der Lust und Hoffart, müssen sie nun auch wandeln in der ihnen gewordenen Freiheit. Ihr Herz mit seinem Suchen, Hoffen und Lieben muss bei Gott, in der unsichtbaren Welt eine Heimat und einen Anker gefunden haben, um den Verheißungen und Lockungen des gegenwärtigen Lebens fremd bleiben zu können. Sie erwarten Nichts mehr von dieser Welt; sie warten auf das Kommen ihres Heilandes.

Vor allem aber müssen Kinder Gottes, die in einem Gebetsleben wandeln wollen, gehorsame Kinder sein. Urheber einer ewigen und vollkommenen Seligkeit ist der HErr nur für die, die Ihm gehorsam sind. Ein Gebetsleben führen ist das Himmelreich, soweit man es auf Erden haben kann; und in dieses Himmelreich gehen nur die ein, die den Willen tun des Vaters im Himmel. Nur wenn unser Herz uns nicht verdammt, wenn wir Seine Gebote halten und tun was vor Ihm gefällig ist, nur dann haben wir Freudigkeit zu Gott und können Leben in Seiner Gemeinschaft.

Um nun auf einiges Einzelne näher einzugehen, so gehört zu diesem Gehorsam gegen Gott in erster Linie, dass man Gott mit sich reden lässt. Wie Gott auch unbekehrte Sünder erhört, so erhört Er auch ungehorsame Kinder. Würde Er es aber immer gleich auf den ersten Ruf tun, so würde er Seine Liebesabsicht nicht erreichen. Anstatt Ihn für die schleunige Erhörung zu preisen und uns dankbar an Ihn zu halten, würden wir uns alsbald wieder in eigene Wege verlaufen. Darum müssen wir, nachdem wir zum HErrn geschrien haben, Ihm nun auch das Wort lassen und stille halten, um zu hören, was Er uns zu sagen hat. Nicht nur aus augenblicklicher Not will Gott dich erretten, sondern deinen innersten Seelenschaden will Er heilen; Er will deinem Jammer auf den Grund gehen, und da sollst du dir deinen Schaden erst aufdecken und es dich nicht verdrießen lassen, wenn Er deinen Notschrei zum Anlass gebraucht, um dich bei Seite zu nehmen und mit dir ins Gericht zu gehen. Soll es bei dir wieder zu einer Vereinigung mit deinem Gott, zu einem Gebetsleben kommen, so musst du dich erst an den Jakobsbrunnen führen lassen, damit der HErr da unter vier Augen Haussuchung mit dir vornehme und Seinen heiligen Finger lege auf jeden wunden, faulen Fleck in Herz und Leben, auf alles, was in Haus und Beruf nicht in Ordnung ist. Mit Einem Wort, du musst dich hergeben. Gott kann nur leben in denen, die sich hergeben, die ihr Leben drangeben; nur bei ihnen kommt es zu einem Gebetsleben. Du musst den HErrn auf dem Gebiet deines verborgensten Innenlebens seine Geißel schwingen lassen, bis die frühere Mördergrube, das frühere Kaufhaus von dem letzten seiner unsauberen Gäste gereinigt ist, bis im wiederhergestellten Tempel deines Herzens die Flamme des Gebets wieder ungetrübt brennen kann. Selbst kannst du keinen unreinen Geist austreiben, aber ausliefern und preisgeben kannst du deinem HErrn jeden Feind, den Er in deinem Herzen entdeckt und als Feind dir kennzeichnet. Bloßlegen kannst du vor Seinem richtenden Blick und überlassen kannst du Seiner Richterhand, was in deinem Herzen unter Sein Zepter sich nicht beugen will, was jene hochverräterische Sprache führt: „Wir wollen nicht, dass Dieser über uns herrsche.“

Und wie es gilt, den HErrn mit sich reden zu lassen in innerem Gericht, in verborgener Geisteszucht, so gilt es, Ihn reden zu lassen in äußeren Gerichten, in dem, was unser Lebensgang Dunkles, Bitteres oder Schweres mit sich führt. Manch fremder, seit Jahren oder Jahrzehnten im Herzen eingebürgerter Gast, manch unsauberer Geist räumt seinen Platz und weicht nur vor der Hitze des Schmelztiegels. Wer wirklich innerlich rein werden will (und wo kein reines Herz ist, da ist kein Schauen Gottes, da ist kein Gebetsleben), wer frei werden will von Schmutz und Befleckung, von Eitelkeit, Selbstgefälligkeit und Selbstbespiegelung, (um von Anderem gar nicht zu reden,) der lerne erst Ja und Amen sagen zu aller Trübsalshitze; in ihr wird Unlauteres geschmolzen. Er schone und schirme sein Fleisch nicht, wenn der HErr demselben ans Leben geht. Sterben ist bitter, und alt eingewurzelte Gräuel, wie geheime Lust oder geistlicher Hochmut, lassen sich nicht immer wie mit dem Winde wegblasen: sie müssen ins Feuer.

Vielleicht siehst du zur Stunde keinerlei inneren Zusammenhang zwischen den äußeren Leiden, Züchtigungen und Demütigungen, die der HErr über dich verhängt, und den inneren Anfechtungen und Versuchungen, denen du besonders ausgesetzt bist; aber beuge dich nur erst unbedingt und jederzeit unter die gewaltige Hand deines Gottes, und du wirst bald inne werden, wie unmittelbar deine äußere Lebensführung reinigend und läuternd auf dein Herz wirken kann bis in dessen verborgenste Falten hinein. Sich beugen unter die gewaltige Hand Gottes ist der Weg, um gebrochen und zerschlagen, um klein und demütig, gering und elend zu werden. Nur zerschlagene, in sich selbst gebrochene Herzen kann der HErr heilen und segnen. Den Hoffärtigen und denen, die noch eigene Kraft haben, widersteht Er; den Demütigen und Ohnmächtigen gibt Er Gnade. Er lässt sich zu ihnen herab und hebt sie zu sich herauf in Seine Gemeinschaft. Sie haben Gebetsleben.

Unter dem Unreinen, das den Platz im Herzen räumen muss, wenn es zu einem Gebetsleben kommen soll, ist besonders hervorzuheben die Unversöhnlichkeit. Gott ist die Liebe. Nur wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott. - Schon ein Nahen zu Gott, ein In Beziehung treten zu Ihm ist nur möglich auf Grund einer herzlichen Vergebung alles dessen, was Andere an uns verschuldet haben mögen, oder einer Wiederaussöhnung da, wo wir uns selbst verschuldet haben. In der Bergpredigt z. B. erklärt der HErr ausdrücklich: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda eingedenk, dass dein Bruder etwas wider dich habe, so lass allda vor dem Altar deine Gabe, und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und alsdann komm und opfere deine Gabe.“ Wie viel weniger kann es möglich sein, in vertrautem Umgang und steter Verbindung mit Gott zu stehen, mit andern Worten, ein Gebetsleben zu führen, wenn man im Stande ist, Andern noch etwas nachzutragen. Es gilt auch hier, sich erst in die Grundbedingung alles Gebetslebens zu schicken, und das ist: sein Leben zu hassen, gegen sein eigen Selbst Stellung zu nehmen in Jesu. Wer keinen Fuß breit eigenen Lebens mehr verteidigt und alles preisgibt, in dessen Herzen verliert die Empfindlichkeit Grund und Boden. Rufe nur mutig und aufrichtig den Namen deines Gottes an, und birg dich im Schatten des Kreuzes Christi gegen alles Fluten und Anstürmen deines eigenen Lebens; du ziehst dadurch göttliche Kräfte an. Mit jeder Stunde, die du in der Gemeinschaft deines Gottes verharrst, fliehend vor allen Einflüssen, Stimmen oder Stimmungen, die dieselbe unterbrechen möchten, bekommst du neue Kraft von Oben, göttliche Willenskraft, um dich gegen alles eigene Leben abstoßend zu verhalten, um taub und blind zu werden für alle Kränkungen und Verletzungen, für alle Angriffe auf deine Person, auf deine Ehre, auf deine Rechte. Wir können nicht mit Gott leben, ohne seine Natur anzunehmen, ohne dass Liebe der Grundton unseres Wesens wird. Vergebung, herzliche Vergebung kleiner Kränkungen oder schreienden Unrechtes wird uns dann leicht und süß, Hassen aber unmöglich.

Wir kommen nun zur Grundbedingung alles Gebetslebens, welche darin besteht, dass wir wissen und fest halten, dass dasselbe ein uns verbürgtes, unveräußerliches Vorrecht ist, uns erworben und zugesichert durch das Erlösungswerk Jesu Christi. Es ist ein Gnadenrecht, gerade wie die Bekehrung.

In Jesu Christo hat Jeder, auch der am fernsten Stehende das Recht, nahe zu treten, in Ihm hat Jeder, auch der tiefst gesunkene Sünder, Macht und Recht, Gottes Kind zu werden. Es ist ein Gnadenrecht, das an keine Bedingung geknüpft ist. Wenn Gott hierfür Glauben verlangt, so verlangt Er damit durchaus nichts, als dass wir kühn und kindlich, trotz aller Einsprache des Herzens oder der Vernunft, der Welt oder des Teufels, Gebrauch machen und Besitz ergreifen von der uns erworbenen und angebotenen freien Gnade.

Und wie Kind Gottes zu werden ein Allen errungenes Vorrecht ist, so ist es ein Vorrecht aller Kinder Gottes, in steter, ungetrübter Gemeinschaft mit ihrem Gott, das heißt, in einem Gebetsleben zu wandeln. „So ist nun“, sagt die Schrift, „keine Verdammnis an „denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem „Fleische wandeln, sondern nach dem Geist. Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn das dem Gesetz unmöglich war, sintemal es durch das Fleisch geschwächt ward, das tat Gott und sandte seinen Sohn in der Ähnlichkeit des Fleisches der Sünde und für die Sünde1) und verdammte die Sünde im Fleisch, auf dass die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist“ (Röm. 8, 1-4). Im Fleische Christi ist unsere Sünde gerichtet und abgetan, unserem Fleisch der Prozess gemacht und die Macht des Fleisches und der Sünde für immer gebrochen worden, so dass keine Macht der Welt ein Kind Gottes mehr zwingen kann, auch nur einen Augenblick noch im Fleische zu leben und damit sein Gebetsleben zu unterbrechen.

Ist Gottes-Kindschaft ein Gnadenrecht für alle Sünder, ein stetes Gebetsleben mit Gott ein Gnadenrecht für alle Christen, so ist doch gewiss das Erste, was man zu tun hat, dass man Gott dafür dankt.

Du, liebe Seele, die du immer noch zu keiner Gewissheit der Vergebung deiner Sünden und deiner Kindschaft kommen konntest, sage: Hat Gott unser Aller und somit auch deine Sünde auf den Mann der Schmerzen geworfen? Hat das Lamm Gottes der Welt Sünde und damit auch die deinige getragen? War Gott in Christo, die Welt mit Sich selbst versöhnend und dir deine Sünden nicht mehr zurechnend?2) Und kannst du das nicht leugnen, warum fängst du dann nicht damit an, deinem Gott zu danken für das, was er für dich getan, anstatt auf besondere innere Erfahrungen zu warten und damit der Gnade Gottes zu widerstehen?

Und du, mein Bruder, der du dir wohl deiner Gottes-Kindschaft bewusst bist, dessen Leben aber zwischen Gottes-Nähe und Gottes-Ferne, zwischen Sieg und Niederlage hin und herschwankt, höre doch endlich auf, Gottes Heilsgedanken über dich nach deiner eigenen und deiner Mitchristen Erfahrung zu bemessen, Lerne erst wieder aus der Heiligen Schrift, was du an deinem Gott und an deinem Erlöser hast! Jeglicher Anfechtung und Versuchung gegenüber lerne erst danken deinem Heiland, dass Er Sünde und Welt, Menschenherz und Hölle, ja alles überwunden hat, was dein Gebetsleben aufhalten könnte.

So viele Christen klagen, dass die Widerwärtigkeiten und Sorgen des täglichen Lebens, der Drang der Geschäfte, die Reibungen mit Freund und Feind sie aus der Gemeinschaft mit Gott reißen und ihr Gebetsleben unterbrechen. Aber, ihr lieben Brüder, habt ihr denn vergessen, dass Jesus Christus die Welt überwunden hat; nicht nur die Welt im Großen und Ganzen, sondern eure Welt? Als ihr euch bekehrtet, musstet ihr euch ja auch entschließen, Gott die Ehre zu geben nicht etwa nur dafür, dass Er in Jesu Christo die Welt im Allgemeinen mit sich versöhnt, sondern dass Er ganz speziell eure persönliche und besondere Sündenschuld auf Jesum Christum geworfen, dass Er dich, mein Bruder und meine Schwester, welches nun immer dein Name und Vorname sein möge, dass Er dich mit sich versöhnt hat. Und nun wolltest du dich weigern, zu glauben und Ihm zu danken, dass Er, der deine besonderen Sünden getilgt, auch die besondere Welt überwunden hat, in der du lebst und dich bewegst, dass Er sie überwunden hat mit allen Schwierigkeiten und Kämpfen, mit allen äußeren oder inneren Anfechtungen, aus denen diese deine Welt zusammengesetzt ist? O du arges, ungläubiges Christenherz! Was könnte denn geeigneter sein, dein Gebetsleben zu entwickeln und zu stärken, als die täglichen Schwierigkeiten? Wirst du denn nicht gerade dadurch im Gefühl deiner Ohnmacht und deiner Abhängigkeit von Gott bewahrt und befestigt, genötigt, nichts zwischen dich und deinen Gott treten zu lassen, damit du jederzeit im Heiligtum schöpfen könnest Kraft, Geduld und Weisheit, alles, was du brauchst, um zu überwinden, um auszuharren, um dich nicht zu verirren? Und wiederum: die gleichen Schwierigkeiten, in denen dein Unglaube eine störende Hemmung für dein Gebetsleben sieht, - sind es nicht sie gerade, die dasselbe in einer gesunden und praktischen Bahn erhalten, damit du nicht in unfruchtbare Beschauung, in ein selbstsüchtiges Genießen-wollen Jesu verfällst?

Ja, wenn der HErr nicht treu und barmherzig wäre, wenn Er einen Augenblick vergessen könnte, was für ein Gemächte wir sind und wie wenig dazu gehörte, um das glimmende Docht auszulöschen, wenn Er nicht jedes seiner Schafe mit Namen kennte, nach seiner besonderen Art behandelte und jedem immer nur das auflegte, was es zu tragen vermag: ja dann könnte man wohl zittern und zagen! Aber ER ist treu und barmherzig. Nie wird Er zugeben, dass eines der Seinigen über Vermögen versucht werde. Er sorgt jederzeit, dass die Versuchung so ein Ende gewinne, dass wir es ertragen können. Darum traue und danke deinem Hirten. Nur dem Unglauben kann Welt und Leben widerstehen; der Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Und was von der Welt gilt, das gilt von deinem eigenen Herzen, das gilt vom Fürsten der Finsternis und von allen Feinden, die deinen Gebetsumgang mit Gott stören möchten. Gott ist größer als dein Herz, und dein Heiland hat Macht, nicht nur über die Wogen des galiläischen Meeres, sondern auch über die Wogen deines ungestümen Herzens. - Dem Fürsten der Finsternis hat Er alle Macht genommen; und wenn du dich einfältig an Ihn hältst und in Ihm bleibst, so kann dich der Arge nicht mehr antasten.

Lass es dich aber nicht verdrießen, wenn es dir nicht gleich gelingt, zu einem solchen Gebetsleben durchzudringen. Ob dein Gebetsumgang mit Gott hundert und tausend Mal unterbrochen würde, lass dich durch keine Erfahrung entmutigen. - Der Schaden, den eine Unterbrechung deines Gebetslebens, und somit jede Sünde in Wort, Werk oder innerer Regung dir bringt, ist immer größer, als du weißt; aber noch schlimmer wäre es, Schaden auf Schaden häufend, wenn du nach solcher Unterbrechung nicht sogleich zu deinem Gott zurückkehren würdest, Vergebung und Erneuerung bei Ihm suchend. Wenn Johannes mit dem, was er uns zu Anfang seines ersten Briefes schreibt, zu erreichen sucht, dass wir nicht mehr sündigen, so setzt er doch hinzu: „Und ob jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher rc.“ Darum einesteils nie einen Augenblick Mut und Hoffnung sinken lassen, andernteils es immer ernster nehmen. Je zarter die Treue ist, mit der du unter die Zucht der göttlichen Gnade dich stellst, desto seltener werden die Unterbrechungen deines Gebetslebens, desto leichter wird es dem Heiligen Geist, da, wo sie noch vorkommen, den zerrissenen Faden deiner Gemeinschaft mit Gott wieder anzuknüpfen und deinem durch die Sünde umnebelten Blick den Weg wieder zu öffnen aus dem Gewirre deiner ohnmächtigen Anstrengungen heraus auf das Erbarmen deines Gottes und Heilandes, desto rascher endlich bringt dich der Heilige Geist dahin, in seiner ganzen Fülle zu erfahren und zu schmecken, was es ist, in Jesu bleiben.

Wie schmerzlich auch deine Erfahrungen und wie viele der Umwege sein mögen, die dich aushalten, wirf nur dein Vertrauen nicht weg: und ist zur Stunde manches, worin du noch nicht überwunden hast, bleibe nur fest dabei, deinem HErrn zu danken und Ihn zu preisen, dass Er überwunden hat. Undank ist der Weg, auf dem der Mensch in die Gräuel des Heidentums gesunken ist. Lob, Preis und Dank gegen den HErrn für Seine vollkommene Erlösung ist der Weg aus der Nacht zum Licht, der Weg zum Vollbesitz des Heils, der Weg zum Gebetsleben.

Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, wie man zu einem Gebetsleben gelangt; nun einige Worte über die Frage, wie man es bewahrt. - Die Mittel dazu sind Wachsamkeit und Nüchternheit, Gebet, Wort Gottes und Abendmahl.

Das Erste, was der HErr uns anbefiehlt, was Er Mark. 13, 37 ausdrücklich Allen sagt, ist, dass wir wachen.

Um wachen zu können, darf unser Blick nicht auf uns selber gerichtet sein, er muss sich zu Jesu emporrichten und unverwandt in Ihm ruhen. Unser eigen Herz ist ein unheimliches und dunkles, für uns undurchdringliches Gebiet, wer sich da hineinbegibt, der verliert sich in Nacht und Nebel, und wird schlaftrunken. Wachen und wach bleiben kann man nur, wenn man seine Augen dem Lichte öffnet, und unser Licht, unsere Sonne der Gerechtigkeit ist Jesus. - Nur der Hirte sieht von Ferne die Gefahr, die seinem Schafe droht. Das Schaf ist kurzsichtig. Soll dasselbe nicht überrascht und dem ersten Feind zur Beute werden, so muss sein Blick dem Hirten zugewandt sein. Hierin liegt das Geheimnis der wahren Wachsamkeit; denn nur unter dieser Bedingung und in dieser Stellung kann der Hirte sein Schaf rechtzeitig warnen und ist dasselbe in Sicherheit.

Alle Wachsamkeit gründet sich auf das Bewusstsein, von Gefahren und Feinden umgeben zu sein; aber mit der Wachsamkeit ist noch keine Gefahr abgewandt, noch kein Feind überwunden. Handelt es sich nun um einen Feind, dem wir nicht gewachsen sind und gegen den wir uns in keiner Weise zu schützen vermögen, so werden wir im Bewusstsein unserer Ohnmacht es bei unserer Wachsamkeit vor Allem darauf absehen, dass wir die Verbindung mit unserem mächtigen Bundesgenossen aufrecht erhalten, dass wir bleiben in Dem, der unsere Stärke, unsere Zuflucht und unsere Burg ist. Wir müssen uns eng und fest genug an den HErrn Jesum halten, um jederzeit Bergung und Sieg in Ihm zu finden. Zur Wachsamkeit gehört somit vor Allem ein vertrauensvoller Blick auf Jesum, unseren Hirten.

Wer aber auf Ihn blickt, der muss auch auf Ihn hören. Er muss auf Ihn hören, nicht nur, wenn Er, wie wir oben gesehen, durch die Stimme unseres Gewissens mit uns redet, wenn Er uns richtet und straft, sondern Er muss merken auf alle Winke Seines Geistes. Es ist etwas unendlich Zartes um die Winke des HErrn, wenn Er die Seinen bei Seite nimmt, um sie zu warnen, zurechtzubringen oder für eine Versuchung auszurüsten. Wer nicht von der Sünde überrascht und vom Feinde zu Fall gebracht werden will, der muss Herz und Ohr für die Mahnungen des göttlichen Geistes offen halten und stets bereit sein, zu sprechen: „Rede, HErr, dein Knecht hört!“ Sobald sich die Sünde oder das eigene Ich in noch unbestimmten Formen nah oder fern an deinem inneren Gesichtskreis ankündigt, sobald du spürst, dass sich dein innerer Friede, deine Gemeinschaft mit dem HErrn zu trüben droht, so stehe sofort stille! Wisse, es ist dein Hirte, der dich warnt und dir winkt; eile, Seinem Rufe zu folgen und dich unter Seine Fittiche zu flüchten; tritt Ihm näher und näher, bis die Strahlen Seines Angesichtes jede Spur von Gewölk verscheucht haben, bis die Luft wieder klar und durchsichtig geworden ist! Ein Seufzer, ein Blick reicht hin, wenn es dir die Umstände nicht erlauben, dich für einen Augenblick in die Stille zurückzuziehen.

Zur Wachsamkeit gehört, dass man seinen schwachen Seiten gegenüber am meisten auf der Hut ist. Hat man einen Feind als besonders gefährlich erkannt, so gilt es, sorgsam zu meiden, was denselben wachrufen und uns in Berührung mit ihm bringen könnte. Versuchungen insbesondere, die in unserem Fleisch und Blut ihren Sitz haben, kann man nur dadurch überwinden, dass man sich nicht mit ihnen einlässt. Wer diesen Feinden ins Auge schaut und mit ihnen kämpfen will, der ist damit schon gefangen und verstrickt. Es handelt sich bei solchen Versuchungen um eine Probe unseres Glaubens und unserer Lauterkeit; es handelt sich darum, festzuhalten, dass in Christo unser Fleisch gekreuzigt ist, dass wir durch Christi Tod von unserem Fleische erlöst sind. Diese Probe besteht, und in ihr bewährt sich, nur der, der Feinden und Versuchungen den Rücken kehrt und stracks dem HErrn zuflieht. Dies allein ist Glaubenskampf, und dem ist der Sieg verbürgt. Alle eigenen Anstrengungen verwickeln und erschöpfen.

Natürlich ist eine solche Wachsamkeit, wie das Gebetsleben überhaupt, nur möglich, wo man mit seinem eigenen Leben gänzlich gebrochen hat. Es wäre eitle Spielerei, Wachposten auszustellen gegen einen Feind, mit dem man irgendwie noch in geheimem Einverständnisse steht. Vor Gefühlen der Eigenliebe und der Selbsterhebung z. B. kannst du nicht bewahrt bleiben, solange du dich noch nicht in der Niedrigkeit und im Schatten wohl und zu Hause fühlst, so lange du dich noch nicht gründlich hast demütigen und brechen lassen. Ebenso ist es auch unmöglich zu wachen, so lange man sich noch nicht völlig von einem Fall erhoben und nicht wieder aufs Neue in der Gnade festen Fuß gefasst hat. Es kann sich, mit andern Worten, beim Wachen immer nur handeln um Bewahrung dessen, was man hat; über dem, was man noch nicht oder nicht mehr hat, kann man nicht wachen. Nicht durch die Wachsamkeit tritt man in Gemeinschaft mit Gott und damit in den Besitz aller Güter und Gaben, die Gott in Christo uns erworben hat, sondern durch den Glauben. Erst wenn man darin steht, kann man wachen, um nicht mehr herauszufallen.

Ferner sagt der Apostel: „Seid nüchtern und wacht!“ (1 Petri 5, 8). Ohne Mäßigkeit und Nüchternheit ist Wachsamkeit unmöglich. Alle Unmäßigkeit im Essen und Trinken, im ehelichen Umgang oder in was es auch sei, alles nicht Maß-Halten, z. B. in Beschäftigung mit Kunst und Literatur, im Zeitunglesen usw. es bringt Alles die gleiche Wirkung hervor, wie die Sorgen; das Herz wird beschwert, die Glaubensflügel gelähmt, der Blick nach oben getrübt. Alle Art von Unenthaltsamkeit wirkt erschlaffend auf Leib, Seele und Geist. Unser Leib und mit ihm unser ganzes Wesen muss in steter Zucht gehalten werden (1 Kor. 9, 27).

Wachsamkeit und Nüchternheit sind umso notwendiger, als wir es nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit finsteren Mächten zu tun haben. Nichts ist dem Teufel so unerträglich als Glauben, weil man durch Glauben Gott verherrlicht und Ihm gefällt (Heb. 11, 5. 6). Wer darum den Glaubensweg gehen und ein Gebetsleben führen will, der wisse, dass er eben damit den wütendsten Hass des Fürsten der Finsternis wachruft und einem Kampf auf Leben und Tod entgegengeht! Einem so furchtbaren und unermüdlichen Gegner gegenüber gilt es nicht nur Nüchternheit und Mäßigkeit in äußeren Genüssen, sondern vor Allem auch innere, geistliche Nüchternheit.

So lange wir uns fest an Christum halten, haben wir Nichts zu fürchten. Aber in unserem täglichen Wandel sowohl, als in den Stunden besonderer Versuchung, deren wir uns stets zu gewärtigen haben, ist es durchaus notwendig, dass wir uns nicht nur auf den verherrlichten Christus stützen, wie Er uns vom Himmel aus beisteht und durchhilft, sondern auf den gekreuzigten Christus, auf Sein für uns vollbrachtes Werk, auf Sein für uns vergossenes Blut. Wie aufrichtig und entschieden wir uns auch unter den Einfluss und den Schutz des Heiligen Geistes stellen mögen, der Teufel weiß recht gut seine Stimme nachzuahmen und den Kindern Gottes in Gestalt eines Lichtengels entgegenzutreten. Um seinen Schlingen zu entgehen, müssen wir uns in den Schatten des Kreuzes Christi zurückziehen; dorthin allein kann uns der Teufel nicht folgen; dort allein sind wir gegen dessen verblendenden, trügerischen Einfluss gesichert (Heb. 2, 14. Offb. 12, 11); dort allein bleiben wir nüchtern. Wie einer unserer Brüder es ausgesprochen hat: nicht durch den Geist, sondern durch das Blut Jesu Christi ist der Teufel überwunden worden, und das Wort und der Geist zeugen von diesem Blut.

Neben der Wachsamkeit und Nüchternheit empfiehlt uns die Schrift das Gebet. „Wacht und betet,“ sagt uns der HErr, „auf dass ihr nicht in Versuchung fallt!“ (Matth. 26, 41). Soll sich unser Gebetsleben ungetrübt erhalten und fortwährend erneuern, so ist es durchaus notwendig, dass wir uns besondere Zeiten fürs Gebet im Kämmerlein vorbehalten. Hat ja doch unser Heiland selbst oftmals das Bedürfnis gefühlt, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, um mit Seinem Vater allein zu sein! Weder der öffentliche noch der Haus-Gottesdienst, weder Gebetsversammlungen noch das Gebet mit einzelnen Brüdern können uns die Augenblicke ersetzen, in welchen wir in der Einsamkeit das Angesicht des HErrn suchen, unser Herz vor Ihm zu stillen oder zu kräftigen, Ihm Lob und Dank, Gebet und Flehen zu opfern.

Wollen wir für alle Vorkommnisse und Begegnungen, die im Laufe eines Tages unserer warten, gerüstet sein, so dürfen wir des Morgens unser Zimmer nie in der Blöße unseres eigenen Wesens verlassen, sondern erst, wenn wir völlig angekleidet sind, angetan mit dem HErrn und in Seine Gnade gehüllt. Beim ersten Erwachen muss unser Blick Ihn suchen und in Ihm festen Fuß fassen. Sind wir Abends in der rechten Herzensverfassung zur Ruhe gegangen, so wird uns dies nicht schwer. Den Tag über müssen wir die Augenblicke, die uns der HErr zu stiller Sammlung schenkt, treu auskaufen, sei es nun in der Einsamkeit oder mitten im Geräusch der Welt. Tun wir das, so führt uns der HErr in Seiner bewahrenden Hirtentreue so, dass uns die an uns herantretenden Aufgaben und Anforderungen nicht überfluten und dass wir in der inneren Ruhe, in der rechten Stellung zum HErrn bleiben können.

Eine Grundbedingung, um in einem Gebetsleben zu bleiben, ist der treue Gebrauch der Heiligen Schrift. Wie Niemand zum Vater kommt, denn durch den Sohn, so bleibt auch Niemand beim Vater, denn durch den Sohn. Das Wort Gottes allein aber gibt uns den Sohn so, wie Er ist, mit Seinem ganzen Werk. Wie ein gesundes Gebetsleben gebaut ist auf die Erkenntnis dessen, was Gott getan, verheißen oder geboten hat, auf die Erkenntnis dessen, was Er uns von Seinem Wesen offenbart hat in Wort oder Tat, so nährt es sich auch aus Gottes Gedanken. Mit anderen Worten: Das Gebetsleben stützt sich von Anfang bis zu Ende auf die Heilige Schrift und nährt sich aus der Heiligen Schrift. Was in unserem geistlichen Leben sich nicht auf die Schrift stützt und sich nicht durch die Schrift rechtfertigt, ist Einbildung und Selbstbetrug. Alle unsere Lebensbeziehungen zu Gott, unsere äußeren und inneren Erfahrungen, Alles, was wir glauben, hoffen und lehren, muss die Heilige Schrift zur steten und unbedingten Richtschnur haben. Um vollkommene Gottesmenschen zu werden, zu allem guten Werk geschickt, um den tausend Klippen zu entgehen, unter denen wir hinfahren, ist es darum unumgänglich notwendig, dass wir mit der Heiligen Schrift besser vertraut werden.

Neben der Heiligen Schrift steht das heilige Abendmahl. Im Abendmahl haben wir verkörpert und zusammengeschlossen, was Gott in Christo für uns getan und uns erworben hat, alle Heilskräfte und Heilswahrheiten, die im Wort auseinandergelegt sind. Wer ein Gebetsleben bewahren, wer ausharren will in Geduld und Glauben der Heiligen, zumal in unserer Zeit, der braucht stets neue Kräfte aus dem oberen Heiligtum, und diese Kräfte bekommen wir in besonderer Weise im Abendmahl. Da teilt der HErr Sich selbst und Sein eigenstes Leben uns mit und macht uns dadurch in immer vollerem Maße der Kräfte Seines Todes und Seiner Auferstehung teilhaftig.

Einen dritten Punkt, die Früchte des Gebetslebens betreffend, so wichtig er ist, wollen wir hier nur andeuten. Das Gebetsleben, ein Leben mit Gott, aus Gott und in Gott, ist gesund und Gott wohlgefällig, nur soweit es ein Leben für Gott ist. „Wer in Mir bleibt,“ sagt Christus, „der bringt viele Frucht.“ Er bringt an seinem Ort und zu seiner Zeit, in Einfalt und Geduld die Früchte, für die er gepflanzt ist, Früchte demütigen, hingebenden Dienens. Er lernt von Christo das Geheimnis, in Andern und für Andere zu leben, mit Andern zu leiden, Anderer Fehler zu tragen. Eine vornehmliche Frucht des Gebetslebens ist somit tätige, ungefälschte Bruderliebe. Wen von seinem Gott nichts mehr scheidet, den scheidet auch nichts mehr von seinen Brüdern, und es ist damit der Boden gewonnen für ein Gemeinschafts-Leben, in dem die Kinder Gottes, als ein zusammengeschlossenes Ganzes, erst die rechten Siege unter der Fahne Christi davon tragen, der Macht der Finsternis Seelen entreißen und den ganzen Willen Gottes auf Erden erfüllen können.

Dienend ihrem HErrn in der Einigkeit des Geistes, stehen sie dann auch in der rechten Verfassung, um auf Sein Kommen zu warten.

1)
oder: „um der Sünde willen“. Berichtig. d. luth. Übers. ist hier notwendig,
2)
Jes. 53,6. Joh. 1,29. 2 Kor. 5,19.
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