Steinmeyer, Franz Ludwig - Johannis des Täufers Enthauptung.
Die ehrwürdige Gestalt Johannis des Täufers hat in der Reihe der Lebensbilder zum evangelischen Kalender ihre Stelle bereits empfangen. Sie ist von der Hand eines Mannes gezeichnet worden, welcher nun seit Jahren schon von seiner Arbeit ruht und welchem mittlerweile selbst auf diesen Blättern ein wohlverdientes Denkmal dankbarer Liebe ist gesetzt worden). Es war in aller Ordnung, wenn der selige Verfasser jener Darstellung den Letzten aus der heiligen Prophetenschaar vorzüglich in der Mittagshöhe seines segensreichen Laufes geschildert, dagegen dessen Ausgang aus dem Leben mehr flüchtig berührt als wirklich beleuchtet hat. Wir verwahren uns daher ausdrücklich gegen die Voraussetzung, als wäre es die gegenwärtige Absicht, eine wesentliche Lücke, welche er unausgefüllt zurückgelassen hätte, zu ergänzen. Die erneuerte Behandlung desselben Gegenstandes vermag sich vielmehr nur in dem Falle zu rechtfertigen, wenn der Tod des Täufers eine selbstständige Bedeutung und darum auch den Anspruch auf eine gesonderte Erwägung hat. Seine Anerkennung hat dieser Anspruch durch den Umstand empfangen, dass man von Alters her neben dem eigentlichen Johannisfeste noch einen anderen Tag im Kreislaufe des Jahres (den 29. August) dem besonderen Gedächtnis an die Enthauptung dieses Rüstzeuges gewidmet hat.
Seine Begründung aber findet er in Tatsachen, die in der evangelischen Geschichte vor Augen liegen. Während es nämlich sonst die Gewohnheit der heiligen Schriftsteller niemals ist, das Schicksal Solcher, welche in das Leben Jesu Christi mit verflochten sind, bis an das Ende zu verfolgen: so machen sie bei dem Johannes eine auffallende Ausnahme. Nicht leicht würde es Jemand als einen empfindlichen Mangel beklagen, wenn sie die Mitteilungen über ihn an jenem schönen Punkte abgeschlossen hätten, wo er sein Ebenezer einsetzt und seine Freude über die Vereinigung des Bräutigams mit seiner Braut vollendet nennt; sondern gerade da würden wir mit voller Befriedigung von seinem Vilde scheiden. Nun aber erzählen sie noch von seiner Haft, von seiner befremdenden Gesandtschaft an Jesum, und zuletzt von der beugenden Art und Weise, wie sich ihm die Tür des Kerkers geöffnet hat und wie der Freiheitstraum der Gefangenen Zions an ihm wahr geworden ist. Dass sie nun namentlich über dies Ende seiner Laufbahn einen so ausführlichen Bericht erstatten, ja dass sie denselben an einer Stelle geben, wo er den Faden der evangelischen Erzählung gewaltsam unterbricht, wo er mithin als eine störende und hemmende Abschweifung erscheint: das wird sich schwerlich anders erklären lassen, als dass es ihre sehr bestimmte und bewusste Absicht war, der Christenheit auch dieses Vermächtnis zu hinters lassen, um derselben in dem Besitze dieser Nachricht eine Segensquelle zu verleihen. Aber sie selbst haben nichts dazu getan, die Pforte dieses Segens aufzuschließen. Sie überliefern uns die nackte blanke Tatsache, ohne irgendeinen Farbenschmelz darüber zu verbreiten. Ihre Worte machen nicht den Eindruck, als hätte der Griffel in den Händen der Schreiber gezittert, als wäre er eingetaucht gewesen in eine tiefe und lebhafte Empfindung; zwischen den Zeilen lässt sich schlechterdings nichts lesen, und kein spürbarer Duft wehet uns aus der Darstellung entgegen. So wird es die Aufgabe sein, dass wir mit hingebender Teilnahme auf dem gewiesenen Bilde beruhen. In diesem Sinne führen wir unseren Lesern den Johannes zum zweiten Male vor Augen; dies Mal also nicht den mächtigen Propheten, der in der Wüste oder am Ufer des Jordan die Stimme des Rufenden erhebt; sondern in der Gestalt, da er sich nicht mehr selbst gürtete, aber ein anderer gürtete ihn und führte ihn, wohin er nicht gewollt. Es ist die Sprache seines Blutes, welche wir zu deuten suchen, die Zeichensprache des stummen misshandelten Hauptes!
Dass ein Mann wie der Täufer auf dem Wege eines gewaltsamen Todes aus dieser undankbaren Welt geschieden ist: das an sich selbst befremdet uns nicht. Reihen wir ihn in die Wolke der Zeugen ein, von welchen der Apostel sagt, die Welt sei ihrer unwert gewesen: so suchen wir von selbst sein Schicksal in dem Verzeichnis jener mannigfachen Loose, „Etliche haben Spott und Geißeln erlitten, dazu Bande und Gefängnis; sie sind gesteinigt, zersägt, gefoltert, durch das Schwert getötet; sie sind umhergeirrt in Mangel, Trübsal und Ungemach, in Wüsten, auf Bergen und in den Klüften der Erde“ (Hebr. 11, 36 ff.). Und war er ein Prophet des Herrn in Israel: was anderes dürften wir für ihn von Seiten eines Volkes erwarten, an welches der Mund des Märtyrers die wohlverdiente Frage stellt, „ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohr, welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolgt 'und getötet“ (Ap. Gesch. 7, 51 ff.)? Hören wir endlich, in welche Kreise er zuletzt geraten ist: so sind wir vollends nicht mehr ungewiss, welch eines Ausganges seines Lebens wir uns zu versehen haben. Nachdem nämlich Johannes seine umfassende Wirksamkeit in Bethabara am Jordan vollendet hatte, nachdem auch seine stillere und eingeschränkte Tätigkeit zu Denon bei Salim dahinten lag: da finden wir ihn in nahen Beziehungen mit dem Vierfürsten Herodes Antipas von Galiläa, einem Sohne jenes gleichnamigen Tyrannen, welcher bei der Geburt Jesu dem Munde Rahels den Schmerzensschrei entpresst hatte). Zwar zeigen ihn uns die Evangelisten sofort in Kerker und Banden (vgl. Luk. 3, 19. 20); aber ihre eigene Darstellung macht es mehr als wahrscheinlich, dass seiner Verhaftung ein sei es kürzerer oder längerer Verkehr mit jenem Machthaber möge vorausgegangen sein. Die Unsicherheit seines Thrones, die Verlegenheiten, welche ihm das Misstrauen des Landpflegers (vgl. Luk. 23, 12) und der Zwist der Parteien in dem eigenen Volke bereitete, legten es dem Könige nahe, in dem hochangesehenen Propheten, in dem weisen und charaktervollen Manne eine Stütze seiner Herrschaft zu suchen, - so wie einst Zedekia, als er sichtlich dem Untergange entgegeneilte, bei dem verfolgten und gefangenen Propheten Jeremias Rat und Halt zu finden kam. Johannes scheint sich der erstrebten Gemeinschaft nicht entzogen zu haben; in dieser Hinsicht wich er von der Regel Jesu Christi ab. Der Herr selbst hat beharrlich und erfolgreich jede Berührung mit einem Fürsten vermieden, welchen er als den Verwüster des Heiligtums brandmarkt1) und vor dessen Sauerteige er die Seinen nicht minder eindringlich wie vor dem Sauerteige der Pharisäer und der Sadduzäer warnt (Mark. 8, 15); - erst in der Zeit seiner Passion, als ihn Pilatus vor den Stuhl des Herrschers über Galiläa stellte, hat er auch diesen Tropfen des ihm dargereichten Kelches kosten müssen. Sein Vorläufer achtete es als Sache des Berufs, bis hinauf zu den irdischen Höhen den Ruf der Buße zu erheben. Nun er war kein Rohr, welches der Wind hin und her wehet; auch in des Königes Hause erschien er nicht in weichen Kleidern, sondern in demselben härenen Gewande, welches einst der Prediger in der Wüste um seine Lenden gegürtet hatte (Matth. 3, 4). Und wie Nathan den David bedroht, „du bist der Mann des Todes“; wie Elias den Ahab straft, „du hast dich verkauft Übles zu tun vor dem Herrn“; so erklärt Johannes dem Herodes „es ist nicht recht, dass du das Weib deines Bruders hast“. Und auf dieses Wort warf ihn der König ins Gefängnis. Wenn der jüdische Geschichtsschreiber Josephus erzählt2), der Grund dieser Verhaftung habe vielmehr in der Besorgnis beruht, dass der Täufer einen Aufruhr im Volke erregen dürfte: so haben wir alle Ursache, der biblischen Darstellung den Vorzug zu geben, denn weder die Erscheinung noch das Wirken des Johannes vermochte den leisen Schatten eines derartigen Verdachtes selbst vor dem Auge des Misstrauens zu rechtfertigen. Aber hatte sich einmal die Kerkerpforte hinter ihm geschlossen, so lauerte die verbrecherische Tat vor der Tür und die Füße derer, welche ihn begraben sollten, waren schon in Bewegung. Das war ein sehr zweifelhafter Schutz, dass Herodes selbst eine Scheu vor dem heiligen und gerechten Manne bewahrte, dass er auch wohnt noch seine Zuflucht zu dem bewährten Rate des Propheten nahm, ihn auch aus Rücksicht auf das Volk zu schonen Ursache hatte (vgl. Mark. 6, 20). War es ja doch nicht der König allein, welchem die ernste Rüge gegolten hatte; weit empfindlicher hatte dieselbe das Weib getroffen, die das unreine Bett mit ihm teilte. Und Herodias blieb hinter der Siebel, ihrem alttestamentlichen Vorbild, an Rachsucht nicht zurück. Sie ersah eine gelegene Stunde ihrem Hasse genug zu tun. Die Stunde schlug. Herodes feierte seinen Geburtstag und richtete in seiner königlichen Burg, in deren Verließe der gefangene Täufer schmachtete, ein Festmahl aus3). Die Evangelisten entwerfen uns von diesem Gelage ein sehr ausgeführtes Bild. Sie zeigen uns einen König, welcher den Eid entweiht und das Schwert missbraucht. Wir sehen eine Königin, welcher wahrlich die Umschrift gebührt, „ihr Schlund ist ein offenes Grab; Otterngift ist unter ihren Lippen; ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; auf ihren Wegen ist eitel Unfall und Herzeleid“. Und endlich eine Königstochter4), die den fürchterlichen Lohn für Narrentheiding unbefangen dahinnimmt; ihre Hände versagen ihr nicht den Dienst, und ihre Knie brechen ihr nicht zusammen, da sie dahingeht, mit dem traurigen Geschenk das Angesicht ihrer Mutter zu erfreuen. In der Tat, ein Gemälde, wo es uns zu Sinne ist, als müssten wir unmittelbar ein Strafgericht Gottes über die schuldvollen Häupter erwarten, ein Strafgericht etwa, wie es später einen anderen Herodes5) ereilt hat, den der Engel des Herrn schlug, so dass er zur Stunde erkrankte und starb. Und doch - wenn wir den Standort der rein geschichtlichen Erwägung einnehmen, wenn wir gedenken an den oft bewährten Lauf der Welt; so stumpft sich der Stachel des zunächst empfangenen Eindrucks merklich ab, und mehr und mehr werden wir geneigt, den beugenden Vorgang eben nur als ein neues Beispiel von der alten, durch den Herrn versiegelten Erfahrung zu beurteilen: also haben sie verfolgt die Propheten, die zuvor gewesen sind.
Aber es ist die Frage, ob wir es vermögen, den Standort dieser rein geschichtlichen Betrachtungsweise auf die Länge zu behaupten. Das Leben eines Mannes, welcher unter Zeichen und Wundern in diese Welt gekommen ist, so dass die Frage über ihn verlautete „was meinst du will aus dem Kindlein werden?“ das Leben eines Mannes, dessen Erscheinung die Weissagung willkommen hieß, „du wirst ein Prophet des Höchsten genannt werden, du wirst vor dem Herrn hergehen, dass du seinen Weg bereitest, und Erkenntnis des Heils seinem Volke gebest in Vergebung ihrer Sünden“, ein solches Leben hat ja ohne Zweifel unter der besonderen Obhut der göttlichen Vorsehung gestanden. So konnte es weder überhaupt nach dem Willen der Sünder erlöschen, noch durfte die Berechnung der Laune und Rachsucht die Weise seines Ausganges bestimmen. Sondern der Herr sprach in der ersehenen Stunde zu seinem Diener: bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; ja auch die Art seines Todes geschah nach dem ausdrücklichen Vorbedachte des himmlischen Vaters selbst. Aber da trifft dann freilich im höchsten Maßstabe das Wort: meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege. Was wir als Tat der Welt angesehen ohne Schwierigkeit verstehen, dasselbe wird uns als göttlicher Ratschluss aufgefasst zu einem dunklen Rätsel. Da sagt die Schrift, dass in Johannes dem Täufer der Prophet Elias wieder erschienen sei; und wirklich treten uns überall die Spuren der Ähnlichkeit entgegen, - derselbe Geist, dieselbe Kraft, und vielfach auch das gleiche Schicksal. Aber nun welche schmerzliche Verschiedenheit tritt an dem Ende dieses doppelten Prophetenlebens hervor! Anstatt der schützenden Höhle des Horeb, anstatt des gastlichen Daches der Witwe, anstatt der Kreaturen, die der Herr zu Engeln der Erhaltung gemacht, anstatt des feurigen Wagens mit feurigen Rossen erblicken wir den Henker mit dem Schwerte! Und das nicht allein. Scheint es doch auch sonst, als hätte sich der Herr zu dem sterbenden Johannes nicht mehr bekannt, nachdem er alle Schritte des lebenden von dem Fette seines Segens hatte triefen lassen. Das brennende und scheinende Licht, in dessen Glanze ganz Israel fröhlich gewesen war, gleicht zuletzt einem glimmenden Dochte, auf den Niemand mehr schaut, nach dem Niemand mehr fragt, bis dass er unbeachtet und vergessen in düsteren Kerkermauern erlischt. Wer hätte nicht einem solchen Rüstzeug ein ganz anderes Ende verheißen und gegönnt! Er war es wert, dass eine allgemeine Klage über ihn gehalten wäre „unsere Zierde ist erschlagen, der Held ist gefallen“ -; dass von Dan bis Bersaba die Stimme des Weinens erklang, „dahin ist die Freude unserer Augen, dahin ist Israels Wagen und seine Reiter!“ Aber es war ein tiefes Schweigen über seinen Tod auf dem Gebirge und in allen Grenzen des jüdischen Landes. Oder das wenigstens war sein gerechter Anspruch, dass ihm viele einzelne Herzen bittere Tränen geopfert hätten, - die alle, welche sein Arm in das Wasser des Jordans getaucht, die aus seinem Munde die Predigt der Buße vernommen, und deren Füße er nach dem Worte der Verheißung auf den Weg des Friedens gerichtet hatte. Nun aber waren es nur wenige Jünger, ein schwacher Rest von großen Scharen, welche in stillem Schmerze den hauptlosen Leib begruben, - und sie hatten sonst Steinen, welchem sie die Trauerkunde hätten melden können, als Jesum allein! Wir wiederholen es: wenn in dem allen ein höherer Wille geschehen ist, so trifft das Wort, „meine Gedanken sind nicht eure Gedanken“. Aber wir sind wohl auch in diesem Falle geneigt, die hinzugefügte Versicherung anzunehmen, „ meine Gedanken sind höher denn eure Gedanken“, und um so viel höher, als der Himmel höher ist denn die Erde. Aber wer unterwindet sich, sie zu deuten? Wer hat des Herrn Sinn erkannt? oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Irgendeinen Lichtblick hat uns der Heiland selbst eröffnet. Wenn er herniedersteigend von dem Berge der Verklärung zu den drei auserwählten Jüngern spricht, sie haben den Johannes nicht erkannt, sondern haben an ihm getan was sie wollten; - also wird auch des Menschensohn von ihnen leiden müssen“ (Matth. 17, 12): so heißt er uns den Ausgang des Täufers zu seinem eigenen Ende in Beziehung setzen und das Eine mit dem anderen vergleichen. Wir leisten dieser Weisung Folge.
„Es war ein Mensch von Gott gesandt, der hieß Johannes“: so schreibt der Apostel in den Anfangsworten des vierten Evangeliums von dem Täufer; und ohne Frage hat er ihn dadurch als Gesandten Gottes in einem ganz ausgezeichneten Sinne bezeichnen wollen. Und der Heiland fragt: was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen? - aber ihm genügt die Antwort nicht, dass sie einen Propheten hätten sehen wollen; sondern „ich sage euch“, so spricht er, „der auch mehr ist, denn ein Prophet“; denn „unter Allen, die von Weibern geboren sind, ist nicht aufgekommen, der größer wäre, als Johannes der Täufer“; selbst die höchsten Gestalten der Vergangenheit, ein Moses, ein Samuel, ein David, reichen also nicht heran an seine sonderliche Klarheit. Nie überhaupt sind zwei Erscheinungen in der Geschichte einander so nahe gerückt, wie Jesus und Johannes; und wohl konnten viele fromme Israeliten eine Zeitlang ungewiss sein, an welchen von Beiden sie sich halten, bei wem sie Heil und Frieden suchen sollten. Johannes selbst hat erklärt: „nicht ich, sondern Dieser;“, und er bekannte und leugnete nicht und er bekannte: ich bin nicht Christus; ja er spricht zu seinen Jüngern: ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe, ich sei nicht Christus, sondern vor ihm hergesandt. Wer aber hat dasselbe am entschiedensten bezeugt? Kein anderer, als der lebendige Gott selbst! Und Er, der Herr, wodurch hat er es aufs Nachdrücklichste zu erkennen gegeben? Durch die Art und Weise, wie er den Täufer aus dem Leben scheiden ließ! ja, also sollte Johannes sterben, damit Jesus und sein Tod in voller Herrlichkeit offenbar würde; und das ist die richtige Umschrift um sein blutendes Haupt: „ich muss sterbend verschwinden, auf dass Er sterbend hervortrete“. Wir suchen dies im Einzelnen zu verfolgen. Johannes stirbt. In dem umschlossenen Raume des Kerkers erleidet er den Todesstreich, und kein Auge hat es gesehen. Wie ganz anders der Herr! Seitdem Menschen gestorben sind, ist kein Todesfall von dem Lichte einer gleichen Öffentlichkeit beschienen worden. Nicht in einer entlegenen Feste an Kanaans äußerster Grenze, sondern in Jerusalem, der großen Königsstadt, in Jerusalem, dieser gewohnten Todesstätte der Propheten (Luk. 13, 33. 34), genauer, außen vor dem Tore, hat er seinen Geist in die Hände seines Vaters befohlen. Nicht an dem Geburtstage eines irdischen Königs, sondern an dem Gedenktage der großen Gottestat, da sich die Pilger von allen Enden der Erde zur Feier im heimatlichen Heiligtum zusammenfanden, hat er sein Leben in den Tod gegeben. Der ganzen Welt hat Gott den Heiland vorgestellt als einen Gnadenthron in seinem Blute, vor Aller Augen hat er ihn erhöht ans Kreuz, und Himmel und Erde nimmt er zu Zeugen, da er spricht: siehe da, ich lege in Zion einen auserwählten köstlichen Eckstein! -
Johannes stirbt. Und durch wen? Durch die Väter und Obersten des Volks? Mitnichten! Oder durch die Heiden, durch einen Urteilsspruch des Landpflegers? Auch das nicht! Oder von wegen einer mehr oder minder bedeutenden Partei, unter der zustimmenden Billigung der Menge? Nein; sondern in einer einzelnen Brust ist der Plan entstanden; und nicht einmal langsam und allmählich ist er gereift, - schnell wurde er gefasst und eilig ward er ausgeführt. Das gerade Gegenteil wird bei dem Tode Jesu offenbar. Welch' eine Eintracht und Einmütigkeit der sonst voneinander getrennten Parteien; und welch ein Bündnis der mannigfachen Kräfte der Finsternis! Zu diesem Ausgang haben Alle mitgewirkt, und keine Hand war völlig rein an diesem Blute. -
Johannes stirbt. Aber weil keines Menschen Auge ihn hat sterben sehen, so weiß es auch Niemand zu sagen, in welcher Stimmung, überhaupt in welcher Weise er den Todeskelch geleert. Gewiss hat die Annahme ihr unbestreitbares Recht, dass er den Streich mannhaft und ergeben erduldet haben werde, dass er gedacht hat der Propheten, die vor ihm gewesen, dass er mit Zuversicht seine Rechtfertigung in einer höheren Ordnung der Dinge erwartet hat. Aber ob er lautlos dahinsank, oder noch sterbend den Zeugenmund geöffnet hat: den Schleier wagt selbst die Vermutung nicht zu lüften. Ein rechtes Gegenbild davon gewährt uns Golgatha. Hier hat die Phantasie keinen Stoff, und die Vermutung keinen Raum. Denn wir wissen von jedem Wort des Gekreuzigten, von jedem Seufzer seiner Brust, von jedem Hauche seiner Lippen. Nichts von den allen ist den Jüngern und Jüngerinnen entgangen, und was sie gehört und gesehen, das haben sie der Nachwelt treulich übermacht.
Johannes stirbt. Eins, und nur Eins erblickt das Auge, das blutende Haupt auf der Schüssel! Der Henker bringt es herein, es wird dem Mägdlein gegeben, und sie trägt es hinaus zu ihrer Mutter. Nun selbst in jenem Kreise hat es wohl Keinem zur Augenweide gereicht. Herodes selbst war betrübt, die versammelten Gäste mindestens betreten und verstimmt, denn bei fröhlichem Mahle blickt Niemand gern den Schrecken des Todes ins Angesicht. Nur die Eine hat ihre Lust daran gesehen, welcher die List gelungen und die Leidenschaft befriedigt war6). Auch wir wenden uns unwillkürlich von dem lästigen Anblick hinweg; er tut uns nicht wohl, er tut uns nur webe. Aber einen anderen kennen wir, der umso vollständiger zu unserer Herzen Freude dient. Sehr allgemein wird der wunderbare dahinnehmende Zauber des Kreuzes Christi anerkannt, und selbst die laueren Gemüter vermögen sich der anziehenden Kraft desselben nicht zu verschließen. Zwar auch das Haupt des sterbenden Erlösers ist misshandelt und angespien, und umkränzt mit deutlichen Malzeichen der Dornenkrone. Und doch ist wohl Keiner, der sich weigerte zu singen: 0 Haupt voll Blut und Wunden, gegrüßt seist du mir! Gewiss aber sind es Viele, die im Geist und in der Wahrheit mit Psalter und Harfe geloben, dass sie es fest an ihre Herzen drücken, dass sie dasselbe fassen wollen in ihren Arm und Schoß. - Das sind die Tatsachen, welche bei der Vergleichung zwischen dem Ausgange des Johannes und dem Ende des Herrn hervortreten. Wir können sie nicht anders deuten, als dass es göttliche Absicht gewesen sei, dass der sterbende Täufer verschwände, um den Tod des eingeborenen Sohnes in seiner vollen Herrlichkeit zu verklären. Und in der Tat, wenn es galt, das Blut des unbefleckten Lammes, zuvor versehen vor Grundlegung der Welt, in seiner ganzen Kostbarkeit zu weisen: dadurch wurde dies Ziel am sichersten erreicht, wenn das edelste Blut, das Blut des Größten unter allen von Weibern Geborenen, ohne Klarheit und Schöne erschien.
Sein ganzes Leben hindurch hat. Johannes von sich selbst hinweg auf Jesum Christum gewiesen; - „nicht ich, sondern Dieser“. Er hat es auch durch seinen Tod getan. Sein blutendes Haupt erteilt die gleiche Weisung an die Welt. Denn das ist die Stimme, in welcher es sich zu uns wendet: nicht mit mir, sondern mit Diesem sterbt, damit ihr mit ihm leben mögt!