Stähelin, Ernst - Zwei Predigten und zwei Bibelstunden - Predigt gehalten am Eidgenössischen Buß-, Dank- und Bettage 1854.

Text: Mein Sohn, gib dem Herrn, dem Gotte Israels die Ehre, und gib ihm das Lob, und sage mir an: was hast du getan, und leugne mir nichts.
Josua 7, 19.

Geliebte, in Christo Jesu, unserm Herrn und Heilande gesegnete, und zum ewigen Leben berufene Gemeinde!

Ihr wisst, was der Herr durch den Mund seines Propheten seinem Volke ansagen ließ, als es mit unbußfertigem Herzen und unheiligem Sinne dennoch die Räume seines Heiligtums erfüllte, dem Herrn Feste feierte und seine Hände aufhob zu ihm. Er hat es abgewiesen und hinausgewiesen; er hat darin eine Schmach gesehen, die man ihm antut, nicht eine Ehre, die man ihm erweist. Denn an den Opfern, die nur die Hände ihm darbringen und nicht das Herz, hat er keinen Gefallen und ist ihrer satt, ehe sie beginnen. Das Rauchwerk ist ihm ein Gräuel; die Sabbate und Neumonde, da man in solcher Weise zusammenkommt, und Mühe und Angst sich macht, er mag ihrer nicht.

„Wer fordert denn solches von euch,“ ruft er aus, „dass ihr meine Vorhöfe zertretet? Bringt nicht mehr Speisopfer so vergeblich! Meine Seele ist feind euern Neumonden und Jahreszeiten; ich bin derselben überdrüssig, ich bin müde, es zu leiden.“

Geliebte in dem Herrn! auch unser Volk erfüllt heute die Vorhöfe und Häuser des Herrn, bringt das Rauchopfer seines Lobes ihm dar, und feiert ihm einen Tag in festlicher Versammlung, zu der auch die hinzunahen, die sonst trägen Fußes sind und stummer Lippe, wo es den Gang zu dem Herrn und das Lob seines Namens gilt.

Was wird da der Herr von unserm Feste sagen und von unserm Opfer? Von der Versammlung unseres Volkes, das zu dieser Stunde von einem Ende des Vaterlandes bis zum andern vor seinen Augen steht? Wird er auch über uns ausrufen müssen, was über Israel: „Was soll mir eure Menge? was erscheint ihr vor mir? wenn ihr schon viel betet, höre ich euch doch nicht; denn dies Volk naht sich zu mir mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir?“ - Gott verhüte es, dass dem so sei! - dass dem so sei auch nur bei einer einzigen Gemeinde in den Grenzen unseres Landes; - vor Allem, dass dem so sei bei uns, die wir hier versammelt sind, bei dieser Gemeinde und dieser Stadt!

Aber wenn es mit dem Einen oder Andern unter uns doch so stünde; wenn er hierhergekommen wäre mit Mühe und Angst, wie der Prophet sagt, d. h. ohne inneres Verlangen, ohne wirklich den Herrn zu suchen und sich von Herzen niederzuwerfen vor ihm, sondern nur weil es ihn dünkt: es zieme sich doch auch wieder einmal, sich Gott und der Gemeinde zu zeigen, und dem Vaterlande eine Ehre anzutun, während er hernach wieder von hier hinaus zu gehen gedenkt mit befleckten Füßen, wie er hereintrat, und mit unreinen Händen, wie vorher: - wenn der Eine oder Andere von uns so hereingekommen wäre, und in solchem Sinne mit uns stünde vor dem Angesicht des allwissenden Gottes: so bin nicht ich es, sondern der Herr ist es und sein Prophet, der es zum Voraus ihm ankündigt: „Du hast deinen Lohn dahin! Was erscheinst du vor mir? meine Seele ist deinem Kommen feind; wenn du deine Hände ausbreitest, so verberge ich meine Augen vor dir.“

Oder sagt selbst: Hält denn auch nur Einer von uns geringen, nichtigen Menschen es für eine Ehre, wenn ein Anderer mit seinen Lippen ihm dankt, ihn bittet, ihm seine Reue bezeugt, und im Herzen von dem Allem nichts weiß noch will? ja, in demselben Augenblicke durch offenbares Tun wieder verleugnet, was seine Worte beteuerten? Auch unter Menschen, m. Fr., gilt solches Benehmen für Verhöhnung und Schmähung; und dem ewigen Gotte, dem Herrn des Himmels und der Erde gegenüber sollte es erlaubt sein, und er sollte es sich zur Ehre rechnen? Wähnt das nicht! Wenn wir zu ihm treten mit Dank, Buße und Gebet, so will er, dass das von Herzen geschehe und aus vollem Ernste; sonst wäre es besser, wir täten es nicht; denn der Herr weiß, was in uns ist, und nach unseren eigenen Worten werden wir gerichtet.

Aber wenn wir es im Gegenteile von Herzen tun, oder wenigstens mit dem ernstlichen und sehnlichen Verlangen: wir möchten es doch von Herzen tun können, der Herr möchte uns doch lehren und geben, was eine rechte Buße, ein rechter Dank, ein rechtes Gebet ist, das ihm wohlgefällt und ihn ehrt: so seid dessen gewiss, seine Verheißung kann nicht gebrochen werden und gilt auch euch: „wer da bittet, der empfängt,“ - „wer den Sohn ehrt, den wird der Vater auch ehren,“ - „wer mit Tränen sät, wird mit Freuden ernten.“ Gebet, Dank und Buße werden nicht verhallen vor seinem Ohre und nicht verachtet werden von seinem Herzen, sondern er wird tun an uns, wie er gesagt hat, und uns erhören am Tage unseres Rufens.

Und eben nun was ein rechter Dank ist, - ein Dank, wie er sich an diesem Dank-, Buß- und Bettage geziemt, weil er Buße und Gebet zugleich in sich schließt, lehrt uns unser Text. Gib dem Herrn, deinem Gotte die Ehre und ihm das Lob, heißt es, „und sage an, was hast du getan?“ Also eine Aufforderung zum Lobe, die zugleich eine Aufforderung zur Buße ist, und eben damit so recht der innersten Meinung unseres heutigen Festes entspricht, über das man als Überschrift setzen könnte: „Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Buße leiten soll?“ Und ist es nicht überhaupt so, dass erst das uns recht angehört, seinen vollen Segen und seine ganze Frucht für uns bringen wird, was durch den Dank hindurchgegangen ist, - durch den Dank, auch wo es Schmerz und Demütigung betrifft? was wir mit Dank von dem Herrn empfangen und im Dank ihm wieder gebracht haben?

Und da lasst uns nun das Dreifache mit einander betrachten:

I. Wofür wir zu danken haben?
II. Wie wir das in der rechten Weise tun sollen?
III. Welches die Antwort des Herrn auf diese rechte Weise des Dankes ist?

Du aber, o Herr, bekenne dich zu uns! dein Volk ruft dich an; o antworte ihm gnädig und lass dir sein Lob gefallen, das Stammeln seiner Lippen. O sieh' uns nicht an wie wir sind: in unsern Sünden, arm und bloß; sondern sieh' uns an in deinem Sohne Jesus Christus, und nimm um seinetwillen uns an; - um seinetwillen, auf den wir vertrauen und hoffen, zu dem wir uns bekennen heute, wie immerdar. Denn es ist kein anderer Name den Menschen gegeben, darin sie können selig werden. Herr erhöre uns und erbarme dich unser! Herr sei mit uns und gib uns zu erkennen, dass du mitten unter uns bist. Amen.

I.

Wofür haben wir zu danken an dem heutigen Tage? wofür haben wir Lob zu sagen und dem Herrn die Ehre zu geben? Geliebte in dem Herrn! Es bedarf nicht erst meiner Stimme, um euch in das Gedächtnis zu rufen, was der Herr in diesem Jahre uns Gutes getan, wie er uns vom Himmel Regen gegeben hat und fruchtbare Zeiten, und unsere Herzen erfüllt mit Speise und Freude. Schon vor dem heutigen Tage habt ihr euch ja an dieser Stätte versammelt zu einer großen Gemeinde des Dankes für diesen reichen Segen, und habt bekannt, dass der Herr ein großer Gott ist und ein großer König über alle Götter, dass in seiner Hand ist, was die Erde bringt, und die Höhen der Berge sind auch sein, dass er seine milde Hand auftut und uns Speise gibt zu seiner Zeit, dass er dem Schwerte seinen Lauf gebietet und zu der Seuche spricht: „Bis hierher und nicht weiter!“ und auch heute wieder habt ihr bekannt in euerm Gebete: „Du hast nicht mit uns gehandelt nach unsern Sünden und hast uns nicht vergolten nach unserer Missetat; du hast mild auf unser Land hinabgeschaut, hast vor dem äußersten Verderben uns gnädig bewahrt, und uns mit Gut gesättigt.“ - So bedarf es denn nicht, dass ich euch wieder sage und vorhalte, was ohnehin in euer aller Herzen geschrieben steht, und ich kann daran vorübergehen zu andern Gegenständen des Lobes und der Danksagung. Und in der Tat: es gibt ja deren noch mehr und übergenug. Oder sollen wir es gering achten und nicht auch für eine Gnadengabe des Herrn halten, dass wir immer noch ein freies Volk sind, das sich selbst angehört und sich selbst regiert? Dass wir, so klein wir auch sind, sicher wohnen mitten unter den Großen, und mit unserer Hände Arbeit reichlich gewinnen, was uns zur Notdurft dient, reichlicher, als so manches Volk um uns her? - Aber doch sind es auch diese Dinge nicht, wovon ich heute zu euch reden möchte. Auf ein ganz anderes Gut möchte ich eure dankenden Blicke richten, auf ein Gut, dessen Gedächtnis - ach! vielleicht minder lebendig vor unserer Seele steht, und doch ist es um eben so viel größer und höher, als alle diese irdischen Gaben, als der Geist mehr ist, denn das Fleisch, und der Himmel höher ist, als die Erde. Nämlich, um es mit einem Worte herauszusagen: dafür, dass unser Volk ein christliches Volk ist, dafür, dass wir Christen sind und das Evangelium hören und besitzen, möchte ich euch am heutigen Tage zu Lob und Dank auffordern.

Seid nicht verwundert darüber, m. Fr., und sagt nicht: „Das wissen wir längst, wozu soll es uns frommen, es wieder zu hören und wieder dafür zu danken? „ sondern befragt euch vielmehr einmal recht ernstlich auf euer Gewissen, ob eure Seele wirklich von diesem Wissen erfüllt ist? und ob ihr in haltet und so ernstlich dafür über diese unselige Wirkung was wir zunächst haben und der Tat diese Gnade so hoch dankt, als sie es verdient? der Gewohnheit, dass wir das, alle Tage genießen, am Ende gar nicht mehr achten, gar nicht mehr daran denken, was es eigentlich ist und wie viel es gilt; dass, was sich so forterbt von Vater auf Sohn, was wir teilen mit so vielen Andern rings um uns her, uns nach und nach als ganz natürlich und selbstverständlich erscheint, für das wir nicht erst zu danken haben, sondern das wir nun eben einmal besitzen, gleichsam von Rechtes wegen, und nicht als ein freies Geschenk, eine freie Gabe der Gnade! Aber, Geliebte in dem Herrn! wenn es auch das Gewöhnliche ist, dass wir so gesinnt sind, und auch unser Besitz des Evangeliums uns leider zumeist als etwas alt Hergebrachtes und nun einmal Bestehendes erscheint, an das wir uns eben deshalb weniger erinnern und für das wir weniger danken: so soll es doch heute nicht also sein, heute, da sich eben in Kraft dieses Christentums und Evangeliums unser Volk versammelt, heute, da wir zusammen gekommen sind, um für Alles zu danken, was wir empfangen haben, - heute, da wir es ganz besonders inne werden, welch' ein überschwänglicher Segen und Vorzug uns geschenkt ist durch die Erkenntnis des lebendigen Gottes und die Verkündigung seines Wortes.

Ja, Lob und Dank sei dem Herrn dargebracht an dem großen Tage seines Dankes, dass wir ein christliches Volk sind, dass Jesu Name über unserm Lande genannt wird, dass er uns berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte!

Wisst ihr, was hieran Alles hängt und was hiermit Alles ausgesagt ist? Soll ich euch hinweisen auf die Heidenländer, damit ihr es versteht? Soll ich euch hinführen zu Denen, die in Finsternis und Schatten des Todes sitzen, und euch zeigen, wie ihre Weisheit die kläglichste Torheit ist, ihre Gesetzgebung voll frevelhafter Ungerechtigkeit, ihre Freude ein trüber Rausch, eine Kette von Elend ihr Leben, - ihr Sterben ein Abgrund voll Jammers und unsäglicher Angst? Aber ihr kennt das ja, und habt schon genug davon vernommen; und wo irgend ein Sinn unter uns noch offen ist - ich sage nicht: für die Wahrheit des Evangeliums, sondern nur für das Verständnis und den Gang der Geschichte, da gesteht er ohnehin es ein, dass unsere ganze Gesittung und mannigfache Bildung erst im Gefolge des Evangeliums bei uns eingekehrt ist, unter dem Schatten des Christentums groß gewachsen, und in der Offenbarung und dem Gesetze Gottes ihre letzten Wurzeln und Gründe hat, so sehr, dass sie wieder zusammen stürzen und verwesen müsste, wenn es je geschähe, dass diese Offenbarung wieder gänzlich von uns genommen, dass auch die letzten Elemente ihrer Erleuchtung ausgelöscht würden in unserer Mitte.

Und nun möchte ich euch fragen: Ist es etwa unser Verdienst, dass uns solches Alles zu Teil geworden ist? dass gerade zu uns die lieblichen Füße der Boten sich wandten, die da Frieden brachten, die da Heil verkündigten? Durch was sind wir von Natur besser, als alle die andern Völker, die noch nichts vernommen haben von der gesegneten Botschaft des Lebens? Und wenn wir mehr empfangen haben, als sie, ist das unser Werk, oder Gottes freie Gnade?

O meine Brüder! wenn unser Herz auch nur von ferne die Dankbarkeit kennte, und wüsste, was Dank sagen ist, wie könnte es da anders sein, als dass unser Mund voll Rühmens wäre und unsere Rede ein Psalm des Lobes, so oft wir dessen gedenken, was an uns getan worden ist? Geht, geht hin zu Israel, und lernt von ihm, was es heißt: erwählt sein zu Gottes Volk und dem Herrn seinen Dank dafür bringen! Wie rauschet da der Lobgesang und der Preis dieser Erwählung durch die Psalmen und Propheten! Ein Sänger nach dem andern tut ihn kund, Lied um Lied zeugt davon, und mahnt zu gedenken der Wunderwerke, die er getan hat an dem Samen Abrahams, seines Knechtes, an den Kindern Jakobs, seinen Auserwählten!

Und doch, Geliebte in dem Herrn, was ist Israels Erwählung gegen die unsrige? was sind die Kinder Jakobs gegen euch, gegen unser Volk, gegen die, über denen Christi Namen angerufen wird? Ja fürwahr! hier ist mehr denn Israel! Hier ist nicht mehr bloße Vorbereitung und Verheißung, wie im alten Bunde, sondern Alles ist Erfüllung und Vollendung, Leben und Kraft. Ihr seid getauft in Christi Tod, ihr seid aufgenommen in sein Reich, ihr seid erwählt zum ewigen Leben. Kein Gesetz spricht mehr seinen Fluch über euch und liegt als ein Joch auf eurem Nacken. Kein Gebot ruft euch mehr zu einem qualvollen Ringen und Laufen, bei dem ihr doch nie das Ziel erreichet. Ihr habt nicht mehr ängstlich zu klagen: „Wer will hinauf gen Himmel fahren, und wer will hinab in die Tiefe gehen, um die Gerechtigkeit zu finden und heraufzuholen? „ sondern bei uns heißt es jetzt: „Das Wort ist dir nahe, das die Vergebung verkündigt, die Gerechtigkeit ist da, deren du bedarfst.“ Geschenkweise wird sie dir dargereicht durch Christi Werk und Mittlerschaft, wird in dich eingepflanzt durch den Heiligen Geist, wird dir zugerechnet ohne dein Verdienst und dein Laufen. Deine Sünde vermag dich nicht mehr zu verderben, denn eine Gnade kommt dir zu Hilfe, die mächtiger ist, als sie. Die Leiden dieses Lebens verlieren ihre unerträgliche Bitterkeit für dich, denn du weißt, dass dir durch Gottes Liebe und Treue Alles zum Besten dienen muss, und dass diese Trübsal zeitlich und leicht ist im Vergleiche mit der über alle Maßen wichtigen Herrlichkeit, zu der du berufen bist. Wo gibt es noch eine Not für dich, die stärker wäre, als die Hilfe? Wo einen Schmerz, der tiefer ginge, als der Trost, den das Evangelium darreicht? Hat doch ein Christenvolk und eine Christenseele den zu seinem Könige, Schutzherrn und treuen Hirten, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, der Alles vermag, was er will, und nichts Anderes will, als seinem Volke Heil bringen und Liebe erweisen. Denn wer sein Leben aus Liebe gelassen hat, wie sollte der nicht auch alle andere Liebe tun? - Da wird nun das Gebet, durch das wir den allmächtigen Gott ansprechen, erlaubt und erhört; da gibt es für das immer neue Sündigen einen Fürsprecher und eine immer neue Reinigung; da heißt es: „wer mühselig und beladen ist, komme her und lasse sich erquicken; da ist die Fülle des Reichtums aufgetan, und wir dürfen daraus nehmen Gnade um Gnade. So von Liebe und Treue, Gnade und Allmacht geleitet und getragen geht der Christ seinen Weg durch dieses Leben hin; Gott vor ihm her mit seinem hellen Lichte, der den Weg ihm zeigt und bereitet. „Nicht mehr Knechte seid ihr hinfort“, sagt der Schöpfer und König Himmels und der Erde zu ihm, „sondern meine Freunde.“ Der Tod hat für ihn seinen Stachel verloren und die Hölle ihren Sieg; das ewige Leben ist schon hier in ihn gepflanzt; es geht durch den Tod hindurch siegreich und kräftig, und tritt ein in die Herrlichkeit, die kein Ende nimmt, da die Gemeinde, die da ist der Leib Christi, mitlebt und mitherrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Das, meine Brüder, ist der Beruf, zu dem wir berufen worden sind, - das ist das Christentum, das der Herr uns gesendet hat, das ist die Gabe, die unserm Volke und uns Allen dargereicht worden ist und immer noch dargereicht wird. Und soll ich euch noch daran erinnern, wie die Barmherzigkeit Gottes sich nicht minder an unserm Lande und dieser Stadt erwiesen hat, als die menschliche Sünde dieses helle Licht des Evangeliums im Laufe der Jahrhunderte wieder verdunkelt, verborgen, unter den Scheffel gestellt hatte? Auch der Schweiz hat der Herr Zeugen gegeben und Propheten erweckt, als die Zeit erfüllt war, da die Klarheit wieder hindurchbrechen sollte durch die Verdunklung, und die Freudenbotschaft des Evangeliums die Menschensatzungen austreiben, die uns gefangen hielten. Nicht nur ein christliches, sondern ein reformirtes ein evangelisches Volk ist das Schweizervolk seiner großen Mehrzahl nach, - ist ganz besonders auch dieser Stand und diese Stadt. Das Wort Gottes liegt frei und offen vor unsern Augen und wohnt reichlich unter uns; unser königliches Priestertum ist uns zurückgegeben; die selige Lehre vom Glauben, der da gerecht macht ohne des Gesetzes Werke, wird gepredigt unter uns und schafft unserer Seele Seligkeit; - nichts mehr ist uns vorenthalten von Christi Gnadengütern; keine Menschengewalt herrscht mehr über unser Gewissen und legt ihm unerträgliche Lasten auf. Wir sind frei im geistlichen Leben, wie im bürgerlichen, und können Teil haben an der Verheißung: „Wen der Sohn frei macht, der ist recht frei.“

Ja, gelobt sei der Herr für Alles, was er an uns getan hat! Der sich Israel erwählt, Jakob zu seinem Eigentum! Der sein Heil uns ansagen ließ und seine Gnade uns verkündigen! Der die Sünde vergibt und ein neues Leben schafft! Der ein Licht hinausführte über uns, und uns berufen hat darin zu wandeln! Kommt, lasst uns anbeten und knieen und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat! Denn er ist unser Gott, und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand.

II.

Und nun, Geliebte in dem Herrn, in welcher Weise sollen wir unsern Dank darbringen? wie danken wir recht? und so, dass unser Dank dem Herrn wohlgefällt? - Nun, meine Fr., das Erste und Einfachste, womit man seinen Dank ausspricht, ist das: dass man die dargebotene Gabe auch wirklich in Empfang nimmt und nach der Absicht des Gebers nützt und gebraucht. Also, dass wir die Segnungen des Christentums wirklich ergreifen, der Verkündigung des Evangeliums wirklich Gehör geben, das Wort Gottes wirklich zur Leuchte unseres Fußes machen, - die durch Christum gewirkte Vergebung in der Tat uns zueignen, und ihn aufnehmen als unsern König, Hirten und Freund: das ist das Erste und Selbstverständlichste, wodurch wir unsern Dank zu bezeugen und dem Herrn die Ehre zu geben haben. Ihr seht, welch eine milde und freundliche Forderung das ist; sie geht nur auf das Allergeringste und Gewöhnlichste, was man überhaupt einem Geschenk gegenüber zu tun hat, wenn man nicht geradezu undankbar sein will, und wird ohnedies durch unsern eignen Vorteil geboten; denn was frommt uns jene ganze köstliche Berufung und Begabung, wenn wir Hand und Herz vor ihr zuschließen, dass sie nicht an uns kommen kann?

Und doch, meine Brüder, sind wir wirklich auch nur in dieser allereinfachsten und geringsten Weise dankbar? Oder lassen wir nicht diese höchste aller Gaben, die der ewige Gott selbst aus unendlichem Erbarmen und Fülle der Liebe uns darreicht, zumeist unberührt und ungebraucht bei Seite liegen, wie ein unnützes Gerät, das wir höchstens etwa zum Schmucke aufstellen, aber dessen wir uns nicht bedienen? Ja, tun wir nicht zuweilen noch mehr, und weisen sie mit verächtlicher Miene geradezu von uns weg, wie etwa ein Reicher, dem man aus Versehen ein Almosen anbietet, und der es mit entrüstetem Selbstgefühle in den Staub wirft? Ja, treten wir sie nicht oft in Staub, diese himmlische Berufung und unsere Christenerwählung? und sind wir nicht in der Tat was unser sonntägliches Gebet bekennt: „die undankbarsten Leute, die nicht schätzen die Hoheit ihres Berufes, noch derselben gemäß wandeln? „

Geliebte in dem Herrn! - Ja! wir sind solche Leute. Es ist unbegreiflich und ein Rätsel der Bosheit, dass dem so ist, aber nichts desto weniger ist es in der Tat so. Den Sündern wird Heil angeboten, und sie nehmen es nicht an; den Knechten wird Kindschaft und Erbteil zugesagt, und sie verschmähen es; der Herr kommt in sein Eigentum, und die Seinen nehmen ihn nicht auf; aus der Finsternis beruft er sie zu Licht und Leben, und sie lieben die Finsternis mehr als das Licht.

Da seht ihr denn wohl, m. Fr., wollen wir wirklich tun, wozu der heutige Tag uns mahnt, und uns dankbar beweisen, so müssen wir vor Allem aus dieser Verkehrung und diesem Wahnsinne hinaus, und nicht mehr verachten noch bei Seite liegen lassen, was uns dargeboten wird, sondern es ergreifen und nützen. Und wie setzen wir das nun ins Werk? Unser Text gibt uns darauf Antwort. „Mein Sohn,“ heißt es darin, „gib dem Herrn, dem Gotte Israels, die Ehre und gib ihm das Lob, und sage mir an, was hast du getan, und leugne mir nichts.“ Also, dass wir ansagen und uns aufdecken, wie es mit uns aussieht, das ist der erste und unerlässlichste Schritt zur Umkehr. Das Bekennen unsrer Sünde und Torheit ist der Anfang unseres Dankes gegen den Herrn, das erste und wohlgefälligste Loblied, das wir ihm darbringen können. „Gib dem Herrn, deinem Gotte, die Ehre, und sage an, was hast du getan!“ das ist die Aufforderung, die heute an dem Dank- und Buß-Tage an unser Volk ergeht, - „ja, sage es an und leugne nichts.“

O meine Brüder! wer ist unter uns, dem bei dieser Aufforderung, wenn er auch nur an das verflossene Jahr zurückdenkt, an die Zeit, die zwischen dem letzten Bettage und diesem liegt, nicht eine unabsehbare Reihe von Sünden und Vergehungen vor Augen tritt, eine ganze Wolke von Übel und Schuld: böse Gedanken und Werke, Untreue, Unfriede, Hochmut, Hartherzigkeit, Fleischeswesen, Eigennutz, Lieblosigkeit, Beleidigungen Gottes und Verletzungen des Nächsten, gewissenloses Handeln und irdisches Gesinntsein? Wer ist es, der nicht Solches von sich zu bekennen, der nicht jedes, ja jedes göttliche Gebot vielfältig und auf mancherlei Weise übertreten hätte, die Langmut Gottes missbrauchte an seiner Berufung und Gabe als ein ungetreuer Verwalter sich erwies? Ja! „gebt dem Herrn die Ehre, und sagt an, was ihr getan habt und leugnet nichts!“

Aber doch nicht bei dem, was der Einzelne getan und anzusagen hat, sollen wir heute stehen bleiben. Es ist ja ein Bußtag des ganzen Volkes, den wir heute begehen, - und da ziemt es sich denn wohl, dass wir nicht nur die besondere, sondern auch die allgemeine Verschuldung bekennen; auch die Sünde uns vorhalten, die wir Alle zusammen begehen: die Sünde unserer ganzen Zeit und unsers ganzen heutigen Geschlechtes.

Denn jede Zeit hat wieder ihre eigene Grund- und Haupt-Sünde. Wie bei den einzelnen Menschen die ihnen in gleichem Maße inwohnende Sünde doch bei dem Einen ein anderes Antlitz trägt, als bei dem Andern, und in anderer Weise zum Ausbruche kommt, - nämlich je nach den verschiedenen Anlagen, dem Charakter, der Lebensaufgabe, - so ergeht es auch den verschiedenen Zeiten und Völkern. Die Sünde nimmt in ihnen eine verschiedene Gestalt an, je nach den verschiedenen Kräften, die ihnen anvertraut worden, den verschiedenen Aufgaben, die ihnen zugefallen sind; und immer an das Element, das in ihrem natürlichen Leben als das Mächtigste und Eingreifendste sich erweist, wird sich die sündige Verkehrung am meisten anklammern.

Und welches Element ist nun in unserer Zeit das Mächtigste und Eingreifendste, das alle andern Beherrschende? - Ihr werdet mir wohl nicht Unrecht geben, wenn ich sage: Das, was wir die materiellen Interessen zu nennen pflegen; und diese bestehen in dem Streben: Alles, was die Erde an Kräften und Gütern enthält, dem Menschen dienstbar zu machen und für seinen Besitz zu gewinnen. Daher ein Aufschwung und Leben des Handels, wie ihn noch keine Zeit auch nur von ferne geahnt, der die Güter des einen Weltteiles zu dem andern bringt und aus der ganzen Erde gleichsam einen großen Marktplatz macht. Daher die glänzenden Erfindungen, die Raum und Zeit beinahe aufheben und durch das leichte Spiel der Naturkräfte in reicher Fülle zu Stande bringen, was bisher der Menschen Hände in mühsamer Arbeit nur langsam und ärmlich zu Tage förderten. Daher der Zug der begabtesten Geister zu immer neuen Erfindungen und neuen Versuchen; daher das lebhafte Interesse, das nach und nach alle Stände und alle Geschlechter diesen Unternehmungen zuwenden, so dass die Fragen des Handels, der Gewerbe, der Erfindungen heut zu Tage eben so allgemeine Beachtung erregen und alle Geister mehr oder weniger beschäftigen, als in früheren Zeiten etwa die Taten des Rittertums, der Gang der Theologie, die politischen Bewegungen. Und an und für sich ist ja dieses Streben, alle in der Natur liegenden Kräfte zu entwickeln und zum Dienste der Menschheit zu verwenden, wohl berechtigt und wohl erlaubt. Gott hat den Menschen zu seinem Haushalter auf Erden gesetzt und ihm geboten, über ihre Gewalten zu herrschen; - und wer wird, wenn er alle die weltbewegenden Erfindungen der letzten Jahrzehnte in das Auge fasst, die doch auch Gaben Gottes sind, es im Ernste leugnen wollen, dass in der Tat diese Entwicklung und Beherrschung der Naturkräfte durch den Geist unsern Tagen ganz besonders zur Aufgabe gesetzt ist?

Aber zu welch' furchtbarem Zerrbilde dessen, was damit von Gott geordnet und gewollt ist, hat nun die Sünde diese Lage der Dinge entstellt! Gleichsam das Schöpferwerk Gottes sollte durch diese Entwicklung der Erde fortgeführt, und durch den allgemeinen Verkehr der Völker unter einander das angebahnt werden, was geweissagt ist: dass eine Herde werden soll zu dem einen Hirten im Himmel; im Aufblick auf Gott, der alle Kunstfertigkeit und alles Gedeihen schenkt, zu seiner Ehre und zum Dienste der Menschheit bei der Erfüllung ihres ewigen Berufes sollte das Alles geschehen; und wie hat es sich unter der Hand des sündigen Menschen nun verkehrt und in sein gerades Gegenteil verwandelt! Statt als Gottes Haushalter mit den neu geschenkten Kräften und Gütern zu schalten, und uns dadurch nur umso enger an ihren Meister gebunden zu fühlen, um so freudiger ihm die Ehre zu geben: gebrauchen wir verkehrtes Geschlecht diese reichen Gaben dazu, um gleichsam selbstständig zu werden, unabhängig von ihm, um ihm zu sagen: „Wir haben satt, wir haben Alles, was uns Not tut, wir bedürfen deiner nicht mehr.“ Eine Selbstgenügsamkeit, eine Gottvergessenheit im eigentlichsten Sinne des Wortes, ein Vertrauen und Trotzen auf das eigene Vermögen und die irdischen Kräfte hat sich durch das Alles unter uns festgesetzt, wie es vielleicht in diesem Maße noch nie sich gezeigt hat seit die Welt steht, wenigstens gewiss noch nie innerhalb der Christenheit. Die Heiden zittern doch vor ihren Göttern und fühlen sich abhängig von ihnen in allem ihrem Ergehen und allem ihrem Tun; wir Christen dieser Tage aber nicht mehr. Wenn nicht gerade eine Teuerung uns wieder auf die empfindlichste Weise daran mahnt, oder eine unwiderstehliche Seuche es uns schreckensvoll in das Gedächtnis zurückruft, so denken wir in unserm täglichen Handel und Wandel nicht mehr von ferne daran, dass wir auch mit keinem Muskel zucken und kein Glied bewegen können ohne Gottes Kraft, um wie viel weniger irgendein großes Werk vollbringen, uns Speise schaffen, Alles das tun, was jetzt vor unsern Augen geschieht! Nicht mehr als einen Segen Gottes, sondern lediglich als ein Ergebnis seiner Anstrengung und Geschicklichkeit sieht der Kaufmann seinen Gewinn an, der Gelehrte seine Wissenschaft, der Handwerker seine Arbeit, selbst der Landmann die Früchte seines Bodens, für die er doch aus sich selbst so wenig zu tun vermag, deren Gedeihen er doch dem Sonnenschein und Regen überlassen muss, der nicht in seiner Hand steht. - Und so gesinnt zu sein gilt nun eben für die wahre Weisheit und die rechte Lebensanschauung; in den öffentlichen Blättern verkündet man es so; in den Schulen lehrt man es; auf den Gassen wird es gepredigt und von den Dächern.

Und wie kann es da anders sein, als dass mit dieser innersten Verkehrung nun auch alles Andere, was Gott unserer Zeit bestimmt und aufgegeben hat, in sein gerades Gegenteil umschlägt? Statt dass der Geist die Natur bewältigt, um sie zu beherrschen, bewältigt er sie, um sich an sie zu verlieren; nicht sie wird ihm dienstbar, sondern er ihr; was das Natürliche, Leibliche, Irdische angeht, wird zur Hauptsache und verschlingt die geistigen Interessen; hinter der Erde fängt der Himmel an zu verschwinden, und der lebendige Gott hinter der Natur. Da geht dann auch der himmlische Beruf des Menschen an den irdischen verloren, das ewige Leben an das vergängliche, - und mitten in seiner vermeintlichen Weisheit und eben durch dieselbe büßt so der Mensch seinen göttlichen Adel und die Krone seiner Bestimmung ein; - und statt verklärt zu werden zu dem Ebenbilde des heiligen Gottes, fängt er an sich dem Tiere zu nähern, das auch nur hier auf Erden seine Heimat hat und nichts von seinem Schöpfer und Gotte weiß. Ja! „Der Ochs kennt seinen Herrn und der Esel die Krippe seines Herrn, aber Israel kennt mich nicht und mein Volk vernimmt es nicht!“ Man erinnert sich nicht einmal mehr genug an Gott und glaubt nicht mehr einmal genug an ihn, um ihm eigentlich feind zu sein; - man denkt vielmehr seiner gar nicht mehr, man lässt ihn aus dem Spiele, wie einen alten und abgenützten Begriff; die völligste Gleichgültigkeit gegen ihn nimmt Liebe und Hass weg; wir sind nicht mehr Gott - feind, sondern Gott - los und gehören der Erde an: das ist die Sünde unserer Zeit.

Und nun, Geliebte in dem Herrn! steht es in unserm Vaterlande etwa anders? und haben wir an diesem Verderben keinen Teil? O dass wir doch sagen dürften: „Nein! wir haben keinen. Hier kennt und weiß man Gott, und nennt ihn den Herrn, den Allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde. Aber wir können das nicht; wir haben unser reichlich Teil an dem Allem; wir sind Mitschuldige und Mitundankbare, welche die Wohltaten Gottes auf Mutwillen ziehen. Ach! wohl tragen wir das Kreuz in unserm Wappen, das Zeichen des Christentums und das Sinnbild des Evangeliums; aber steht es auch sonst ausgerichtet in unserer Mitte, ich meine nur äußerlich, - ich meine nicht einmal im Innern der Herzen? Sind z. B. unsere schweizerischen Obrigkeiten wirklich alle von dem Bewusstsein durchdrungen und handeln danach: dass sie in Gottes Auftrag an ihrer Stelle stehen, Gottes Dienerinnen sind, von ihm abhängen zuerst und zuallermeist? Und das Volk, - sieht es sie seinerseits so an, und ist es ihm eine Ehre und Freude, wie einstmals dem Volke Israel, laut und vor aller Welt zu bekennen: „Wir haben keinen andern König, als Jehova, und er ist unser Herr? „ Und wenn dem nicht so ist, wenn unser öffentliches Leben vor Allem auf irdische Kräfte sich stützen und auf diesen beruhen will, wird es da mit dem Leben und Verhalten des Einzelnen anders sein? Nein, meine Brüder, bekennen wir es mit tiefer Demütigung an diesem Bußtage: wir gehen mit den Andern auf der breiten Straße; auch wir missbrauchen Gottes Gabe; auch wir segnen - um mit Hiobs Weibe zu reden ihn in das Angesicht und sagen: „gehe, wir brauchen dich nicht, wir sind reich genug geworden.“

So kommt es denn auch, dass auf allen den großen Taten und reißenden Fortschritten unserer Zeit doch kein rechter Segen ruht, nicht einmal ein irdischer. Gott nimmt zwar seine Gabe um unseres schändlichen Missbrauches willen nicht zurück, denn jede Zeit muss ihre Aufgabe lösen, um des Reiches Gottes und um der Auserwählten willen, die der Vollendung entgegen harren, aber er lässt sie uns zum Gerichte werden, wie die Gerechtigkeit spricht: „Du wirst bestraft, womit du gesündigt hast.“ Oder habt ihr noch nie darüber nachgedacht, wie es komme, dass, da jetzt die irdischen Kräfte und die Mittel der Hervorbringung doch so unendlich vermehrt sind, und dem Menschen so manche Arbeit abgenommen ist, die ihn sonst Mühe und Schweiß kostete, dass dennoch unser Geschlecht geplagter ist, als vorher, unglücklicher, als je, mehr in Nöten, Sorgen, Ängsten versunken, als irgendein früheres? Einfach daher kommt das: weil, seit es sich so völlig an das Irdische verkauft und die Bande zerrissen hat, die den Menschen mit Gott verknüpfen, nun auch das Irdische und Gemeine in ihm über alles Bessere die Oberhand gewonnen hat, und diese niedrigen Elemente des menschlichen Wesens nicht einmal zur rechten Gestaltung und Aufbauung der irdischen Verhältnisse tüchtig sind, sondern sie im Gegenteile untergraben und verderben, wie sie den himmlischen Beruf und die ewige Erwählung zunichtemachen. Ja, da erfüllt es sich dann, was von dem Propheten geweissagt ist: „Das Land wird vom Fluche gefressen, denn es ist entheiligt von seinen Einwohnern: sie übergehen das Gesetz und ändern die Gebote und lassen fahren den ewigen Bund. Der Most verschwindet, der Weinstock verschmachtet, und Alle, die da von Herzen fröhlich waren, seufzen.“

Aber nun, Geliebte in dem Herrn, wenn wir es eingestehen, dass dem so ist; wenn wir bekennen, dass auch wir an dieser Verkehrung Teil haben und dieser Sünde schuldig sind, und uns dessen schämen vor Gott und uns selbst, uns demütigen und zu uns sagen: „was wollen wir noch länger mit den Träbern der Schweine unsern Bauch füllen, - daheim bei dem Vater hat jeder Tagelöhner Brotes die Fülle,“ haben wir damit schon Alles getan, was zur rechten Buße und zum rechten Dank für die Langmut und die Gnadengabe Gottes an uns gehört? - Der verlorene Sohn schlug nicht nur in sich, sondern er machte sich auch wirklich auf und ging heim zu seinem Vater; - und was ist mit dem Manne geschehen, an den die Rede unseres Textes gerichtet ist? Es ist Achan, der Serahiter, dem sie gilt; ein Mann aus Israel, der von den Gütern, die dem Herrn geheiligt waren, heimlich etwas entwendet und dadurch den Bann Jehovas auf sein Volk herab gezogen hatte. Nun war er durch das Loos als der bezeichnet worden, um dessen willen das Unglück auf Israel liege, und Josua forderte ihn auf: „sage mir an, was hast du getan? Und Achan gestand es ein und bekannte: „Ich habe mich an Jehova versündigt.“ Aber hierbei blieb es nun nicht. Sein Raub wurde ihm wieder abgenommen und ausgeschüttet vor den Herrn; ihn selbst aber, durch den der Bann über Israel gekommen war, führten sie hinaus vor das Lager und steinigten ihn.

Und dieses Gericht, meine Brüder, müssen wir nun auch an uns vollziehen, - an dem, was uns verdorben und über uns den Bann gebracht hat, - wenn anders unsere Buße vollkommen und wirksam sein soll. Gebt dem Herrn die Ehre wieder zurück, die ihr ihm genommen habt, indem ihr die köstlichen Gaben und Gnaden seines Evangeliums nicht mehr verachtet, sondern ergreifet mit sehnsüchtigem, demütigem und willigem Herzen! Trachtet hinfort nach dem, was droben ist, da Christus ist, und nicht nach dem, was auf Erden ist; und steiniget, kreuziget, ertötet diesen fleischlichen, trotzigen und bei all' seiner Gemeinheit hochmütigen Sinn, mit dem ihr meint, Gottes nicht mehr zu bedürfen, euch selbst zu genügen, in dem Treiben dieser Welt und den Kräften dieser Erde Alles zu finden, was euch von Nöten ist. Führet ihn hinaus vor das Lager und steiniget ihn! Ja, möchte das ganze Schweizervolk an dem heutigen Tage sich aufmachen, wie dort das ganze Israel, und also an ihm tun! möchte wenigstens unter uns Keiner sein, der ohne den festen Entschluss dieser Art des Bekenntnisses und dieser Art der Buße diesen Tag zu Ende gehen ließe, und dadurch in der rechten Weise Dank sagte dem, der so Großes an ihm getan hat und zu so Großem ihn erwählt, der mit seiner Gnade nicht von ihm ablässt und ihm Vergebung seiner Sünden anbietet Tag für Tag.

III.

Denn, meine Brüder, wenn wir in solcher Weise unsere Sünde bekennen und dem Herrn Dank sagen, so bekennt er sich auch wieder zu uns. Als um Achans Verschuldung willen der Bann auf Israel lag, waren alle früheren Verheißungen Gottes an dasselbe unkräftig geworden und wie aufgehoben. Es war ihm die Einnahme des gelobten Landes verheißen, und als es nun einziehen wollte und die inwohnenden Völker angriff, wurde es von ihnen geschlagen und sein Herz wurde zu Wasser. Aber nun, als Achan bekannt hatte, und der Bann hinweggetan war, wurden alle Verheißungen wieder kräftig und erfüllten sich. Der Herr gab die Feinde in Israels Hände und öffnete ihnen das Land.

Und so tat er auch an uns. So lange wir in jenen Sünden einhergehen und in unserer Verkehrtheit wandeln, so vereiteln wir alle Gnadenanstalten Gottes für uns, und machen seine Erwählung, seinen Liebesrat, seinen Segen zunichte. Der Eintritt in das ewige Leben, zu dem wir doch bestimmt sind, ist uns verwehrt; wir erleiden in unserm inneren und äußeren Leben Schaden um Schaden in Allem, was wir vornehmen. Aber kehren wir uns von der Sünde ab und tun den Bann hinweg, so wenden auch alle die Gnadenwege Gottes sich uns wieder zu, und alle seine Verheißungen werden wieder kräftig an uns und kommen uns zu Gute. Da reinigt uns das Blut Christi wieder von unsern Sünden; da beginnt der Heilige Geist wieder in uns einzukehren und in uns zu schaffen, was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob. Da neigt sich Gott wieder zu uns herab und zieht uns hinan zu sich von Glauben zu Glauben, von Licht zu Licht. Da weicht von dem Lande der Fluch, und der Segen kommt zurück. Güte und Treue begegnen sich, und Gerechtigkeit und Frieden küssen sich; Treue wächst auf der Erde und Gerechtigkeit schaut vom Himmel; und der Herr tut ihm Gutes, und der Boden gibt sein Gewächs.

Da bricht dann auch der Dank wieder voll und fröhlich hervor, und die Herzen jauchzen dem Herrn. Jeder Tag wird zum Danktag, und jede Nacht hat ihre Stunden des Gebetes, da Gott in das Herz einkehrt. Und solche Danksagung verstummt dann nicht mehr. Von Ewigkeit zu Ewigkeit geht sie fort in den ewigen Hütten und vor dem Throne des Allmächtigen, vor dem aus allen Nationen versammelt sind, die sich zu dem Herrn bekehrten, Ein einmütiges, neugeborenes Volk, das da ruft und spricht: „Heil sei dem, der auf dem Stuhle sitzt, unserm Gotte und dem Lamme!“

Ja! Heil sei ihm und Lob und Ehre und Weisheit und Dank!

Seine Gnade bleibe über uns! Sein Segen und Frieden gehe mit uns! Er führe uns ein in die kommende Zeit an seiner rechten Hand, und möge zu uns sprechen können: „Du bist mein Volk; heute habe ich dich erkannt, dass du mich suchest und mir dienest: ich will dich nicht verlassen in Ewigkeit.“ Amen.

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