Stähelin, Ernst - Zwei Predigten und zwei Bibelstunden - Zwei Bibelstunden über 1 Johannis 1, 5 bis 2, 2. - II.
Text: Meine Kindlein, solches schreibe ich euch, auf dass ihr nicht sündigt. Und ob Jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist. Und derselbige ist die Versöhnung für unsere Sünden; nicht allein aber für die unsern, sondern auch für der ganzen Welt.
1 Joh. 2, 1 und 2.
Hebt der Abschnitt unseres Briefes, der uns heute zur Betrachtung vorliegt, nicht an wie ein Testament, wie ein Abschiedszeugnis, das ein betagter Vater für seine Kinder niederschreibt, um ihnen noch einmal alles das ans Herz zu legen, was er ihnen so oft mündlich vorgestellt hat, und was er als das Wichtigste für ihr künftiges Wohlergehen ansieht? „Meine Kindlein,“ redet er seine Leser an, und legt in das eine Wort all' seine Liebe, und drückt damit Alles aus, was sie an ihm haben und er an ihnen. Denn es ist ja in der Tat ein Vater, dessen Ansprache wir hier vernehmen; er hat die Gemeinden gezeugt durch das Wort der Wahrheit, er hat mit väterlicher Sorgfalt über ihnen allen gewacht, und sie auf dem Herzen getragen liebend und betend. Und nun steht er bald am Ende seiner irdischen Laufbahn, der greise Apostel, und wie er selbst einst an Jesu Brust gelegen hatte und von ihm geliebt worden war, so liebt nun auch er die Seinen bis an das Ende, und hat keine größere Freude und keine größere Sorge, als dass er sehe seine Kinder in der Wahrheit wandeln.
In der Wahrheit wandeln! ja freilich ist dies das Höchste, worauf es bei jedem Menschenherzen und Menschenleben ankommt; aber zugleich auch das Schwerste und von den meisten Feinden Bedrohte. Da machen sich Welt und Sünde, Trotz und Verzagtheit, Irrtum und ungeordnete Neigung heran, um die Wahrheit zu verfälschen und den Wandel zu stören; bald zur Rechten, bald zur Linken suchen sie uns abzuziehen; sie sind unerschöpflich an Täuschungen, Abwegen und Fallstricken aller Art, durch die wir aufgehalten und irre geleitet werden sollen.
Der Apostel weiß das wohl. Darum stellt er die großen Wahrheiten, auf die Alles ankommt, immer von Neuem voran, so einfach, so klar, so deutlich, als es nur irgend geschehen kann, und hütet sie sorgfältig vor jedem Missverständnisse, vor jeder Verkehrung, vor jedem Missbrauche, wie unser ungeordneter und getrübter Sinn ihn sich so gerne zu Schulden kommen lässt. Dass wir Sünder sind, - dass Gott heilig ist, dass für unsere Sünden eine Versöhnung vorhanden ist: darauf kommt er immer wieder zurück und führt es in den mannigfaltigsten Wendungen aus. Jedem Irrtume in diesen wichtigsten Stücken begegnet er. Jede unrechte Gesinnung, die sich daran hängen möchte, weist er zurück. Ein festes, prophetisches Wort sollen diese Wahrheiten der Gemeinde werden, auf das sie unerschütterlich sich gründen, auf das sie achten könne, als auf ein Licht, das ihr scheint an dem dunklen und gefahrvollen Orte ihrer irdischen Wallfahrt, so dass ihr ganzer Gang sich danach richte, und sie nie dessen entbehre, was zum Heile dient und ihre Erwählung fest macht.
Auch in unserm heutigen Texte wieder sind es diese Grundwahrheiten, von denen der Apostel handelt.
- Dass wir nicht mehr sündigen sollen; - Dass, wenn wir aber sündigen, wir einen Fürsprecher bei dem Vater haben; - Dass diese Fürsprache auf der durch Christum gewirkten Versöhnung der Sünde der ganzen Welt beruht.
Das ist es, was er uns darin zu Gemüte führt; die alte und schon in dem ersten Kapitel bezeugte Wahrheit, aber in neuer Form und von einer andern Seite her gefasst.
Der Herr gebe uns erleuchtete Augen des Verständnisses,
um das Alte und das Neue darin zu verstehen und ins Herz zu schließen. Amen.
I.
„Meine Kindlein, solches schreibe ich euch, auf dass ihr nicht sündigt.“
Ihr erinnert euch, meine Lieben, dass der Apostel in den drei letzten Versen des vorangehenden Kapitels das mit Sünde Behaftet - sein als etwas schlechthin Allgemeines dargestellt hatte, dem Keiner sich völlig zu entziehen vermöge, von dem Keiner sich ausnehmen dürfe, wenn er anders in der Wahrheit bleiben und nicht sich selbst verführen wolle. Aber indem er das sagte, wollte er nicht so verstanden werden, als sei deshalb das Sündigen der Christen etwas Unvermeidliches und daher auch Unbedenkliches. Denn etwas Anderes ist es ja: mit Sünde behaftet sein, und etwas Anderes: Sünde tun. Dass die Sünde uns noch anklebt, dass unsere Erkenntnis noch dadurch verfinstert, unser Wille träge gemacht, unser Glaube und unsere Liebe noch dadurch geschwächt und gehemmt wird: das vermögen wir ja freilich nicht völlig zu hindern; das hängt zusammen mit unserm Leibe des Todes, mit unserer Abstammung von dem Menschen, der von Erde und irdisch ist (1. Kor. 15, 47), mit unserer Zugehörigkeit zu einem von der Sünde durchdrungenen und verkehrten Geschlechte. Wie wir Alle sterblich und verweslich sind, so sind wir auch Alle in Schwachheit und Unvollkommenheit, noch nicht in der Herrlichkeit, noch nicht in der Kraft, noch nicht in dem Lichte.
Und dass diese Lage der Dinge nun auch für unser ganzes Leben und Benehmen noch mannigfache schmerzliche Folgen nach sich zieht, haben wir in unserer letzten Betrachtung uns nicht verhehlt. Wir haben geredet von dem Zwiespalte des alten und neuen Menschen in uns, von dem Kampfe des Fleisches wider den Geist, von der Verhinderung der vollkommenen Gemeinschaft mit Gott, die daraus folgt. Wir haben es gesagt und bekannt: auch der Christ, auch der Wiedergeborene hat noch Anteil an der Sünde, steht noch teilweise unter ihrer Gewalt, hat noch von ihr zu leiden, hat noch ihren Einfluss zu erfahren.
Aber damit, meine Freunde, ist auch Alles ausgesprochen, was ihn noch zu der Sünde in Beziehung setzt; zu einem weiteren Verkehre mit ihr ist er nicht genötigt. Dass er auch selber sündige, dass er nicht nur von der Sünde leide, sondern sie auch tue, dass sie nicht nur in seinen Gliedern wohne, sondern dass er auch seine Glieder ihr hie und da wieder zu Werkzeugen der Ungerechtigkeit begebe: das ist bei Weitem mehr, als das Unvermeidliche, und ist recht eigentlich vom Nebel. Oder haltet ihr etwa dafür, das Eine sei unabtrennlich von dem Andern? es könne nicht anders sein, als dass wer Sünde habe, auch Sünde tue, wer noch irgendwie unter ihrer Gewalt stehe, auch noch irgendwie ihr wirklich diene? Wenn das euere Meinung wäre, so hättet ihr noch nicht verstanden, was das ist: durch Christum befreit werden von der Macht der Sünde, und wiedergeboren werden zu einer neuen Kreatur. Denn etwas viel Größeres ist damit gemeint, als eine bloße Schwächung der Herrschaft, welche die Sünde über uns ausübt, oder eine bloße Besserung unseres inneren Menschen, wobei er aber im Wesentlichen der Alte bliebe. Es ist vielmehr in der Tat ein wesenhaftes neues Element, das durch die Wiedergeburt in uns geschaffen wird, eines, das früher nicht in uns vorhanden war, durchaus unterschieden von dem, was unserem eigenen Wesen angehört. Nämlich der Geist Gottes ist es, der diese neue Kreatur in uns zeugt, und aus seinem eigenen Wesen nimmt er, dass ich so sage: den Stoff dazu. Und nun wisst ihr ja selbst: über den Geist Gottes hat die Sünde keine Macht, noch hat das Irdische, Unreine, Unvollkommene einen, Teil an ihm. „Gott ist ein Licht,“ haben wir in der letzten Stunde gehört, „und in ihm ist keine Finsternis;“ und der Geist Gottes ist ja Gott: heilig, wie er; licht, wie er; vollkommen, wie er. Was also aus seinem Wesen gezeugt und seiner Natur teilhaftig ist, hat mit der Sünde nichts mehr zu schaffen, ist ihr nicht mehr unterworfen, vermag nicht mehr von ihr angetastet zu werden. Eine heilige und sündlose Person ist demnach durch die Wiedergeburt hineingeschaffen in unseren natürlichen, mit der Sünde verwachsenen und ihr unterworfenen Menschen; und eben daher kommt es, dass nun zwei Willen, zwei Gesetze, zwei Lebensmächte in uns wohnen und sich geltend machen, von denen jede nach einer entgegengesetzten Richtung geht, und die eine der andern fortwährend widerstrebt. Und welche von beiden wird nun die stärkere sein und das Übergewicht haben? Wenn die eine göttlicher Art ist, und die andere nur irdischer Natur, die eine ewig, und die andere nur nichtig und vergänglich: so ergibt sich die Antwort von selbst. Der Schöpfer ist ja doch größer, als das Geschöpf; Gott mächtiger, als die Natur; der Geist stärker, als das Fleisch: so wird denn auch, was aus Gott geboren ist und sein Wesen an sich trägt, größer, stärker und bleibender sein, als was von der Erde stammt und dem Fleische angehört.
Da erklärt es sich also, wie es kommen kann, dass der Wiedergeborene zwar noch Sünde hat, aber keine Sünde mehr tut. Nämlich: der alte Mensch ist noch in ihm vorhanden; aber indem er sich gelüsten lässt nach dem, was ihm gefällt und was vom Übel ist, und sein Gelüsten zum klaren Gedanken auszubilden, zum Entschlusse fortzuentwickeln, zur Tat werden zu lassen versucht, macht sein göttlicher Widersacher, der neue Mensch, sich auf, und nimmt Gedanke, Entschluss und Tat in seinen Dienst, und entzieht sie so dem Bereiche der verkehrten Lust, und verhindert so, dass es zu einem wirklichen Sündigen komme, und lässt so das Böse immer wieder in sich selber erlöschen und ersterben, ohne dass es in Gedanke, Wort und Wandel wieder Gestalt und Leben zu gewinnen vermag.
Und wird das nicht auch durch euere eigene Erfahrung bestätigt? Könnet ihr, wenn ihr wirklich durch Christum neue Kreaturen geworden sind, noch von euch sagen: „wir sind gezwungen, Sünde zu tun? ehe wir es wissen und merken, ohne dass ein Widerstand sich ihm entgegensetzt, wird das schlimme Gelüste, das noch in unserer alten Natur verloren liegt, zum Gedanken, zum Willen, zur Tat? wir sind nicht Schuld daran, wenn wir noch sündigen, sondern der alte Mensch ist eben noch übermächtig in uns; und mag man immerhin zu uns sagen: „sündigt nicht!“ wir haben keine Kraft in uns und keine Möglichkeit, dieser Aufforderung nachzukommen.“ Oder werdet ihr nicht im Gegenteile bekennen müssen: „ja, es ist wirklich so: sobald der alte Mensch sich regt und in seinem schlimmen Wesen uns wieder gefangen nehmen will, ist auch der neue da, der warnt, widerspricht, Widerstand leistet; und wir fühlen es gar wohl: es ist uns in der Tat möglich, durch seine Kraft des bösen Gelüstens Herr zu werden, und dem Fleische nicht den Willen zu tun, sondern im Geiste fortzuleben.“
So darf denn der Apostel wohl sagen: „Solches schreibe ich euch, auf dass ihr hinfort nicht sündigt.“ Es ist das keine bloße Redensart, es ist etwas, was geschehen kann und soll, ja was eigentlich das Natürliche ist, und von Rechts wegen immer der Fall sein sollte. Und wenn er sich nun darauf beruft, dass, was er in der vorhergehenden Ermahnung uns einschärfte, uns hierzu helfen und dienen soll, nämlich jene in der letzten Stunde betrachtete Wahrheit, dass wir immer noch Sünde haben, dass wir noch nicht völlig rein, noch nicht völlig heilig, noch nicht völlig licht sind: trifft er nicht auch damit das Richtige, und zeigt seine Weisheit in Ermahnung und Belehrung? Denn es macht ja in der Tat Nichts so sicher und sorglos in sittlicher Beziehung, als der Wahn, ohne Sünde zu sein. Wer da meint, es stehe ihm kein Feind mehr gegenüber, wie sollte der wachen und auf seiner Hut sein? Wenn wir dagegen wissen und unablässig im Bewusstsein haben, dass der schlimme Gegner noch in uns wohnt und in unsern Gliedern sich verborgen hält, dass noch ein altes, böses Wesen in uns ist, aus dessen tiefem Grunde fort und fort die Sünde emporsteigt: arge Gelüste und Wünsche, verkehrte Absichten und Triebe, die nur des Augenblickes harren, da sie uns unversehens überraschen und zu Gedanken, Willen und Handlungen werden können, wird uns das nicht dazu treiben, zu wachen und zu beten, die Augen offen zu halten und die Sinne nüchtern, damit die alte Sünde nicht plötzlich wieder über uns komme, wie ein Dieb in der Nacht, und wir in unserer schlaftrunkenen Ohnmacht die empfangene Gnade verleugnen und wieder tun, was wir doch eigentlich nicht wollen, und wovon wir befreit worden sind durch des Herrn Kraft und des Geistes Wirkung?
Und nun besonders das Bekennen der Sünde, das der Apostel im Vorhergehenden den Christen zur unerlässlichen Pflicht gemacht hat, führt das nicht, wenn es anders ernstlich gemeint ist, einen so entschiedenen Bruch zwischen der Sünde und dem von ihr überwältigten Sünder herbei, ist es nicht so recht eigentlich ein Verraten und Verklagen dieser Verführerin, und ein Scheidebrief, durch den man ihr sagt: „ich bin dir nicht mehr verpflichtet, dass man dadurch ihrer mehr los wird und sich gründlicher mit ihr verfeindet, als durch alle sonstigen gegen sie gemachten Anstalten? so dass es nun wirklich den Anschein hat, als sei ein neuer Friedensschluss und ein Freundschaftsverkehr mit ihr hinfort nicht mehr möglich, als müsste es unausbleiblich so sein: wer seiner Sündhaftigkeit stets sich bewusst ist und seine Sünde bekannt hat, der tut hinfort keine Sünde mehr.
II.
Allein trotz allem dem setzt der Apostel die entgegengesetzte Möglichkeit. Er redet zu Christen, zu Wiedergeborenen, zu Solchen, die ihre Sündhaftigkeit kennen und bekennen, dennoch fährt er nun fort: „Und ob Jemand sündige.“ Gewiss, meine Lieben, es wird ihn schwer, das zu sagen und dieser Möglichkeit zu gedenken; und wie wünschte er so sehr, es wäre das nicht von Nöten! Aber kann und darf er denn anders, wenn er bei der Wahrheit bleiben will, und zu den Christen reden, wie sie wirklich sind? Denn ach! obgleich es für sie möglich ist und eigentlich nur das ganz Naturgemäße wäre, dass sie die Lust des alten Menschen nicht mehr zum Ausbruche kommen lassen, und nicht mehr Sünde tun, so sind es dennoch ihrer Wenige, überaus Wenige, ja vielleicht Keiner, bei dem es sich wirklich so verhält.
Wenn wir gleich nicht mehr zum Sündigen gezwungen sind, wenn gleich unser neuer Mensch überall dem alten gewachsen ist und bereit, ihn niederzuhalten, sobald wir es nur selber wollen, so geschieht es eben doch zuweilen, dass wir wieder tun, was wir nicht sollten und was wir selbst als Unrecht erkennen; dass wir den Beistand des neuen Menschen ablehnen und den Antrieben des alten folgen, uns übereilen lassen durch den Betrug der Sünde, durch ein Zusammenkommen von Umständen den Geist in uns dämpfen lassen, und der Lust Folge leisten, nicht der Überzeugung. Oder ist es euch noch nie so ergangen, dass eine innere und äußere Versuchung an euch herantrat, und ihr rasch zugrifft; den neuen Menschen, der Einsprache tun wollte, nicht einmal recht zu Worte kommen ließet, sondern ihn zu übertäuben und ihm zuvorzukommen versuchtet, ehe es ihm möglich war, seinen vollen Widerspruch geltend zu machen, weil wir wohl fühlten, dass unsere Verfehlung umso sündiger werde, je mehr wir davor gewarnt und davon zurückgehalten worden sind, während wir nun eben doch einmal dazu entschlossen waren, unserer Lust Gehör zu geben und unserem Fleische wieder einmal den Willen zu tun? meine Freunde! und solch' ein Sündigen ist dann in der Tat eine sehr ernste Sache und eine schwere Verschuldung. Es ist das Verhalten des Knechtes, der seines Herrn Wille kennt und ihn auszuführen vermag, aber es doch nicht tut; und einem solchen gebührt ein zwiefach geschärftes Urteil und doppelte Züchtigung. Ja, es ist noch mehr als das! Es ist das Benehmen eines Kindes, das seines Vaters unerschöpfliche Liebe kennt und an sich erfahren hat, und ihm nun doch in bewusster Weise ein Leid antut; zwar nicht gerade in der Absicht, ihn zu beleidigen, aber doch, weil die Befriedigung des augenblicklichen Gelüstens ihm mehr am Herzen liegt, als die Dankbarkeit für die empfangene Liebe, oder der Gehorsam gegen seine Gebote.
Und da ist es denn freilich kein Wunder, wenn auf solch eine schwere Abirrung, solch' einen freiwilligen Bundesbruch, der die Liebe verleugnet und der Gnade vergisst, das bittere Gefühl der schwersten Verschuldung und eine tiefe Verzagtheit folgt, sobald die Lust gestillt ist, und der neue Mensch nun wieder zu Worte kommt; wenn wir es dann auf das Schmerzlichste empfinden, dass wir aus der Gemeinschaft mit Gott gefallen sind und wieder draußen stehen; wenn es uns dünken will, es sei jetzt aus mit aller erfahrenen Gnade und Erbarmung, und es stehe jetzt schlimmer mit uns, als vorher. Ja, da geschieht es uns wohl, dass wir nun meinen, auch die bereits empfangene Vergebung unserer früheren Sünden sei wieder zunichte geworden; wir seien wieder völlig unter ihre Herrschaft verkauft, der Geist sei von uns gewichen, die Verheißung von uns genommen. Und wie klagt dann der Widersacher uns an, und bietet Alles auf, unsere Angst und Verzagtheit zu mehren! Wie tritt da die Welt hinzu mit ihrer Schadenfreude, - wenn anders unser Fall ein öffentlicher gewesen ist, und ruft sich höhnend zu: „Er ist geworden, wie unser einer!“ Da und dort ziehen die Kinder Gottes sich von uns zurück, und auch wir wagen es nicht mehr, ihre Gemeinschaft zu suchen; an Richtern und Verächtern, an Zuchtmeistern und Solchen, die schnell sind zu verwerfen, fehlt es uns nicht, weder in uns, noch außer uns, und ein recht schlimmer Zustand erwächst uns aus allem dem: eine Buße ohne Glauben, eine Reue ohne Hoffnung, eine Friedlosigkeit ohne Tröstung, ein Zustand, der überaus gefährlich ist, weil ja der Glaube und die Hoffnung eben die Fundamente sind, auf denen unsere Gerechtigkeit beruht, und derjenige Gott wirklich verliert, der ihm nicht mehr vertraut.
Darum kommt nun der Apostel mit dem vollsten, reichsten Troste uns zu Hilfe, der dem Allem ein Ende macht. „Und ob Jemand sündigt,“ sagt er, „so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist. Wir sind nicht verlassen um unseres Sündigens willen, wir sind nicht aufgegeben und nicht völlig herausgefallen aus jeder Beziehung zu Gott und seiner Heilsordnung; sondern auch dieser Fall ist von seinem unergründlichen Erbarmen vorgesehen, und schon zum Voraus eine Abhülfe dafür bereitet. Nicht zu einem Richter und Verdammer wird uns deshalb der Herr, von dem wir Alles haben, was wir besitzen, und auf dem unsere ganze Hoffnung beruht, sondern er bleibt in dem Verhältnisse der Liebe und des Erbarmens zu uns, der Sühnung und der Hilfeleistung; er klagt uns nicht an, sondern er tritt der Anklage entgegen; er dringt nicht auf unsere Bestrafung, sondern er legt im Gegenteile Fürbitte für uns ein. „Er ist unser Fürsprecher,“ sagt der Apostel. Es ist das im griechischen Urtexte dasselbe Wort, womit im 14. Kap. des Johannesevangeliums (V. 16 und Kap. 15, 26) der Herr den Heiligen Geist benennt, und das Luther dort durch „Tröster „ übersetzt. Und in der Tat ist ja die Tätigkeit, die in unserer Stelle Christo zugeschrieben wird, dieselbe, wie diejenige, die der Herr dort von dem Heiligen Geiste aussagt. Ihr erinnert euch, zu welchem Zwecke der Herr an jenem Orte seinen Jüngern den andern Tröster verheißt. Er geht von ihnen weg, sie sehen, sie haben ihn nicht mehr, und kommen dadurch in Gefahr, in Betrübnis zu versinken, verzagt zu werden, schwach, den Glauben zu verlieren. Nun sagt ihnen aber ihr Meister: „ich will euch nicht Waisen lassen, ich will euch einen andern Tröster senden, der von mir zeugen wird, in dem ich wieder zu euch komme; ihr sollt nicht bleiben in der Angst, in der Traurigkeit, in der Verzagtheit: auch fürder gehöre ich euch an, und bin bei euch.“
Und nun: das Gleiche, meine Brüder, wird uns in unserm Texte durch die Ankündigung der Fürsprache Jesu Christi verheißen. Auch wir sind ja nach einem Rückfalle in die Sünde gleichsam verwaist, verlassen, sehen und empfinden unsern Gott nicht mehr, und wissen nicht, wo einen Tröster finden und einen Beistand. Da wird uns nun gesagt: es ist ein solcher Tröster vorhanden; euer Freund und Fürsprecher zieht sich nicht zurück, wenn es etwas Missliches gibt, das zur Beschämung und Anklage bei einem Kinde des Lichtes ausschlägt; sondern da weiß er, dass man seiner und seines Amtes gerade am allermeisten benötigt ist. Und wie er nun vor Gott unsere Sache führt und den Ankläger durch die Aufzeigung seiner Sühne und Gerechtigkeit verstummen macht, so lässt er uns auch etwas davon wissen, was unserthalben vorgeht, und spricht zu uns, wie dort zu Petrus: „Simon, Simon, siehe der Satan hat euer begehrt, aber ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ Dem Vater uns zuzuführen, in dessen Liebe und Gemeinschaft uns festzusetzen, Alles, was uns in unserer Lichtsgemeinschaft mit Gott zu einer Scheidewand werden will, niederzureißen und zu vermitteln: das ist des Sohnes fortgehende Liebestätigkeit und Versöhnungsgeschäft; und das ist auch das Erste und Hauptsächlichste, worauf es uns ankommen muss. Ob wir dann alsobald auch aus der Menschen Gericht genommen, ob wir anderer demütigender Folgen unserer Sünde überhoben werden: daran liegt nicht so viel, und es gehört vielmehr oft mit zu unserer Buße, und gereicht uns zum Besten, dass wir noch eine Weile unter der Menschen Gericht liegen bleiben und zu leiden haben von den Nachwehen unserer Vergehungen. Aus der Führung unserer Sache bei dem Vater schöpfen wir dann die Kraft, uns in das Andere zu ergeben ohne Murren und ohne Verzagen.
Und das ist nun der Unterschied zwischen dem Amte Christi und dem des Heiligen Geistes, zwischen dem Fürsprecher und dem andern Tröster: dass der Herr die Versöhnung wirkt und zu Stande bringt, der Heilige Geist aber sie in uns hineinträgt und sie uns empfinden lässt. Wir werden nicht nur wieder gerecht gemacht, sondern wir fühlen uns auch als wieder gerecht Gewordene, wir spüren wieder den Frieden und den Stand der Gnade. Und dazu bedarf es nur des Einen: dass wir unser Vertrauen nicht wegwerfen und unsern Glauben nicht verlassen, sondern so oft wir gefallen sind uns wieder von Herzen und mit demütigem Verlangen an den wenden, der die Sünder annimmt, und die Kranken zu sich ruft, nicht die Gesunden. „So wir gesündigt haben, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist.“
Und eben auf dieser seiner Gerechtigkeit nun, m. Fr., beruht seine Fähigkeit, unser Fürsprecher zu sein. Er selbst wusste von keiner Sünde, ist aber für uns zur Sünde gemacht, und trug an seinem Fleisch alles Gericht und alle Verdammung derselben, hat sie aber damit auch aufgehoben und hinweggetragen, ist vor seinem himmlischen Vater gerechtfertigt, d. h. mit dem Rechte und der Freiheit versehen worden, nicht nur selbst vor Gott zu erscheinen, sondern auch die Menschen, in deren Sache er handelte, ihm zuzuführen. Nicht verzagen und verstummen muss dieser Gerechte vor der göttlichen Gerechtigkeit, sondern er besteht vor ihr, und sein Liebeswille und Liebeseifer ist Eins mit ihr geworden, so dass nun sein Herz nach seinem Erbarmen tun kann, ohne dass der Gerechtigkeit dadurch ein Eintrag geschähe.
Und diese Wirksamkeit seines Werkes nun macht er nicht nur in Beziehung auf unsere Sündhaftigkeit überhaupt, sondern auch in Beziehung auf unsere einzelnen Sünden und die Verfehlungen seiner Gläubigen geltend. In ihm besteht eines Jeden täglicher Ruhm vor Gott und tägliche Ansprache an seine Gnade; und zwar auch deshalb, weil in ihm die zuverlässige Bürgschaft und die feste Gewissheit dafür gegeben ist, dass die Sünde in einem Jeden seiner Gläubigen dereinst tatsächlich und völlig wird wieder aufgehoben werden, so dass die Bedingung erfüllt wird, die Gott für das Eingehen der Gemeinschaft mit ihm aufgestellt hat: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ Und diese zukünftige Erfüllung sieht der Vater um seines Sohnes untrüglicher Bürgschaft willen als bereits geschehen und gegenwärtig an, und achtet unserer Sünde nicht mehr, sondern nennt uns Kinder in seinem Sohne.
Und nun verhält es sich weiterhin so: dass die Fürsprache, von der wir eben geredet haben, allerdings nur auf die Gläubigen geht, dagegen das Werk der Versöhnung auf die ganze Welt. Es ist das, meine Lieben, zu allen Zeiten der Christenheit einer der bekanntesten und am wenigsten angefochtenen Sätze gewesen, und scheint im Übrigen von keiner großen Bedeutung mehr für diejenigen, die für ihre Person bereits gewiss sind, dass auch ihnen diese Versöhnung gilt, ja die bereits Anteil daran empfangen haben. Warum hebt denn der Apostel es noch so ausdrücklich hervor, als eine Wahrheit, die auch für die schon Versühnten und Wiedergeborenen noch ihre Bedeutung habe, und ihnen zum Troste, zur Belehrung, zur Stärkung gereiche? Darum tut er das: weil die Gewissheit seiner Errettung und Erlösung doch nur dann in dem Einzelnen recht fest gegründet und mit vollkommener Zuversicht von ihm erfasst werden kann, wenn er mit seiner besonderen Hoffnung auf die allgemeine zurückgeht, und die Versöhnung seiner eigenen Sünden auf das für die ganze Welt gewirkte Werk der Versöhnung stützt. Oder sagt selbst: stünde es nicht überaus kläglich mit unserer Zuversicht und Freudigkeit, wenn wir glauben müssten, es gehöre etwas Besonderes dazu, die Sündenvergebung zu empfangen und an der Erlösung Teil zu haben? Nur Diesem oder Jenem sei das gestattet, und nicht als Glieder der Menschheit überhaupt, sondern als die bestimmten Personen, die wir nun einmal sind, hätten wir uns zu Gott zu nahen und seine Gnadengabe zu erbitten?! und wenn es uns nun dünkt: wir seien die Sündigsten aller Menschen, die Unwürdigsten aller Unwürdigen, am weitesten abgewichen, am häufigsten untreu gewesen, mit der Gnade Gottes am gewissenlosesten umgegangen, wo sollte uns da der Mut herkommen, nichts desto weniger gerade für uns etwas Besonderes in Anspruch zu nehmen, und unsere Person hinzustellen vor Gottes Angesicht? da wir doch nichts mehr wünschen, als uns gleichsam verbergen zu können unter dem ganzen Haufen der übrigen Sünder, und nicht unser persönliches Verhalten, sondern nur unsere Zugehörigkeit zur Menschheit geltend machen zu dürfen; - zu der Menschheit, die in ihrem ganzen Umfange des Ruhmes vor Gott ermangelt, aber auch ihrem ganzen Umfange nach abgewaschen, geheiligt, gerecht gemacht ist, erwählt und erlöst in Christo Jesu.
Und dass wir nun wirklich das dürfen, uns wirklich in dieser Weise vor Gott stellen und seines Erbarmens auch für uns gewiss sind: das sichert das Wort unseres Textes uns zu. „Du bedarfst keines andern Rechtstitels,“ sagt es uns, „um ein Anrecht zu haben an Christi Versöhnungswerk und Allem, was daran hängt, als dass du ein Mensch und ein Sünder bist.“ Über die ganze Welt breitet die Versöhnungsgnade des Evangeliums sich aus: indem du zu dieser Welt gehörst und in ihr stehst, ist sie auch über dir aufgetan. Nahe hinzu mit den Andern! Ein Hausvater speist auch die Hündlein seines Hauses mit den Brosamen, die von seinem Tische fallen, um wie viel weniger wird er den Kindern ihr tägliches Brot vorenthalten, gegen die sein Herz in Liebe brennt. Und zu dieser Kinder Schar gehörst du, wie die Übrigen Alle. Und es ist im Geistlichen, wie im Leiblichen: er tut seine milde Hand auf über Alle, und gibt ihnen Speise zu ihrer Zeit, gibt ihnen, wessen ihre Seele bedarf, um genährt zu werden für das ewige Leben.
Und nun wissen wir auch, dass keine Sünde mehr zu groß und zu schwer ist, um von der Versöhnung durch Jesum Christum ausgeschlossen zu sein. Wohl mag uns zuweilen unsere Missetat so furchtbar erscheinen, als fasse sie aller Welt Sünde in sich zusammen, und ihre Last so schwer uns drücken, als liege aller Welt Schuld auf uns. Aber wenn dem auch so wäre: für aller Welt Sünde und Schuld ist Christus die Versöhnung; was blutrot ist, macht er schneeweiß; die Berge macht er eben; es gibt keine Sünde mehr, die vor seiner Rechtfertigung bestehen könnte: Alles ist versöhnt, zugedeckt, hinweggetan.
Und das ist nun auch sein Preis und der Ruhm seines Namens. „Der ganzen Welt Versöhnung“, das ist sein Königstitel und seine unvergängliche Ehre, die Fülle seiner überschwänglichen Gnade und seines unerforschlichen Reichtums. Wir stehen dabei, und staunen sie an, und freuen uns mit Zittern; und fangen an zu lieben, und zu danken und ihm zu leben, wenn wir in diese Tiefen der Liebe und des Erbarmens hinabschauen, und werden immer getroster und zuversichtlicher in unserm Vertrauen auf ihn, und lassen alles Irdische dahinten, um an ihn uns zu hängen, und nehmen aus seiner Gemeinschaft Gnade um Gnade, bis er sein Werk in uns vollendet hat und uns hineinführt in das Wesen seines heiligen Vaters. Dem und dem Sohne und dem Heiligen Geiste sei Lob und Preis und Ehre und Dank von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.