Stähelin, Ernst - Zwei Predigten und zwei Bibelstunden - Zwei Bibelstunden über 1 Johannis 1, 5 bis 2, 2. - I.

Stähelin, Ernst - Zwei Predigten und zwei Bibelstunden - Zwei Bibelstunden über 1 Johannis 1, 5 bis 2, 2. - I.

Text: Und das ist die Verkündigung, die wir von ihm gehört haben, und euch verkündigen, dass Gott ein Licht ist, und ist keine Finsternis in ihm. So wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. So wir aber im Lichte wandeln, wie Er im Lichte ist, so haben wir Gemeinschaft unter einander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns. So wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend. So wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.
1 Joh. 5-10.

Geliebte in dem Herrn!

Zwei große Grundgedanken und Grundwahrheiten sind es, die den Abschnitt unseres Briefes, der uns heute zur Betrachtung vorliegt, erfüllen und tragen: nämlich die Wahrheit, dass Gott der Heilige ist, der Mensch aber ein Unheiliger und Sünder. Zwei Wahrheiten, meine Freunde, die euch wohl bekannt und gewöhnlich genug vorkommen werden, und von denen ihr vielleicht denkt, es hätte weder von Seiten des Apostels einer so ernstlichen Hervorhebung und Bezeugung derselben bedurft, noch auch sei es jetzt für uns von Nöten, sie uns wieder vorzuhalten und uns daran zu erinnern. Aber sagt doch selbst: steht es wirklich so, dass das, was uns als das Bekannteste und Unzweifelhafteste gilt, uns auch in der Tat immer gegenwärtig ist, unsere Gedanken und Sinne erfüllt, nie von uns vergessen, nie hintangesetzt, nie bei Seite gelassen wird, gleich als wäre es gar nicht vorhanden? Schon mit den Wahrheiten, die nur auf dieses Leben Bezug haben, geht es uns ja gewöhnlich so, dass wir diejenigen, welche uns am geläufigsten sind, am wenigsten in gründliche Erwägung ziehen und befolgen; und da lässt es sich denn zum Voraus vermuten, dass wir nicht eifriger und nicht weiser sein werden, wo es um Dinge geistlicher und himmlischer Art sich handelt, sondern dass auch hier eine Wahrheit umso mehr in Gefahr stehen wird, unerwogen und unbeachtet zu bleiben, je weniger sie mit dem Reize der Neuheit zu uns herantritt und einer anregenden Überraschung. Dass Gott heilig ist, wissen wir wohl, dass wir Sünder sind, wissen wir wohl, und haben es bis zum Überdruss gehört, gesagt und wieder gehört; aber ist uns dieses Wissen auch wirklich zu einer lebendigen Erkenntnis geworden, die wir unablässig in unserm Sinne und Herzen bewegen? und trachten wir wirklich mit ganzem Herzen danach, sie völlig zu verstehen und uns alle ihre Folgen klar zu machen, damit unser ganzes Wesen und Leben davon bestimmt werde und danach sich richte?

Und wenn wir auch wirklich das täten, sind denn diese Wahrheiten so geringer Art, und liegen sie so völlig auf der Oberfläche, dass wir ihren Inhalt ohne Weiteres zu erschöpfen, das Werk ihrer Erkenntnis ein für alle Mal abzutun vermöchten? Im Gegenteile: bis in die Tiefen des Wesens Gottes und in den Grund des menschlichen Wesens reichen sie; und wer darf je sagen: ich habe sie durchforscht bis an ihr Ende, vor mir aufgeschlossen liegt Alles, was sie enthalten? Von Tiefe zu Tiefe führen sie; wie viel wir auch davon verstehen und daraus lernen: immer noch ein Mehreres bleibt übrig, das weiteren Verständnisses und weiteren Lernens bedarf.

So kommt denn der Apostel nur unserm innersten Bedürfnisse zu Hilfe, wenn er mit neuer Belehrung und neuer Erinnerung diese alten Wahrheiten uns vorführt, und wir tun keine unnütze Arbeit, sondern, so Gott seinen Segen dazu gibt, eine notwendige und heilsame, wenn wir seiner Belehrung nachgehen und zu verstehen suchen:

I. was er über das heilige Wesen Gottes;
II. was über das sündige Wesen der Menschen,
III. und was über die Möglichkeit aussagt,

jenes heilige Wesen mit unserm sündigen in Gemeinschaft zu bringen, ohne dass doch der Heilige seiner Heiligkeit untreu wird.

Nun denn, o Herr und Gott, so gib du dazu deinen Segen und lehre uns dein Wort verstehen, dass es uns eine Speise werde zum ewigen Leben.

I.

„Und das ist die Verkündigung, die wir gehört haben und euch verkündigen, dass Gott ein Licht ist, und in ihm ist keine Finsternis….“

In den vorangegangenen Versen hatte Johannes, wie ihr euch erinnert, die Leser auf die historische Verkündigung seines Evangeliums verwiesen. In dem Briefe selbst, und gleich in unserm heutigen Texte, geht er nun noch über diese hinaus, indem er gleichsam die Tatsachen in Belehrungen, die Geschichte in Ermahnung übersetzt, und den innersten Gehalt aus jener Verkündigung herauszuziehen und in ein Wort zu fassen sich anschickt.

Und welches ist nun dieses Wort? „Dass Gott ein Licht ist,“ lautet es, „und in ihm ist keine Finsternis.“ Ein Ausspruch, meine Freunde, der uns wohl etwas in Verwunderung versetzt, und auf den wir selbst wenigstens kaum gekommen wären, wenn man uns nach der Summe der evangelischen Verkündigung, nach dem innersten Kern der von Jesu ausgegangenen Belehrung befragt hätte. Denn findet das, was hiermit ausgesagt ist, nicht ein Feder schon in seinem Gewissen? und ist diese Erkenntnis der Lichtnatur Gottes nicht schon im Alten Testament ausgesprochen, wenn der Psalmist und die Propheten davon zeugen, dass Jehova überall sei und Alles erfülle, Himmel und Erde durchdringe, die Herzen erleuchte, die Nieren prüfe; wenn er im flammenden Dornbusche erscheint, um den herum heiliges Land ist, oder im Feuer des Sinai, dem Nichts Unreines nahen darf, ohne auf der Stelle verzehrt zu werden? Allein, m. Fr., durch alles das wird es doch nicht ausgeschlossen, dass die volle Offenbarung des Wesens Gottes erst in der Erscheinung Jesu Christi den Menschen zu Teil geworden ist, dass erst der Sohn den Vater verklärt hat in der Welt, und seinen wahren Namen uns zu hören gegeben. Denn nun erst ist mit voller Deutlichkeit gezeugt worden von der Liebe Gottes, von seiner geistigen Art, von seiner Bereitwilligkeit, sich finden und genießen zu lassen, von seiner allwissenden Vorsorge auch für den geringsten Menschen auf Erden, von der Vergebungsgnade, die bei ihm ist, von seiner Heiligkeit, die auch des eingebornen Sohnes nicht verschont, wenn die Versöhnung der Sünde gewirkt werden soll.

Und fühlt ihr nun nicht, Geliebte, wie vollkommen und zutreffend der Ausdruck ist, in den der Apostel dies Alles zusammenfasst: „Gott ist ein Licht?“ Wohl ist es ja wahr, dass auch dieser Ausdruck das Wesen Gottes nicht eigentlich erklärt und noch viel weniger erschöpft, sondern mehr nur abbildet und vergleicht; aber sagt selbst ist er nicht eine Vergleichung, die uns wirklich etwas Neues lehrt und gibt? die das Unsichtbare in einer Gestalt uns vorhält, dass wir sagen müssen: ja, jetzt ahnen wir etwas davon, was eigentlich seine Natur und sein Wesen ist, jetzt gibt es sich uns zu fühlen und zu spüren im Innersten unseres Herzens, wenn wir auch freilich dieses Gefühl nicht in deutliche Worte zu fassen, nicht in klaren Bestimmungen wieder zu geben wissen?

„Gott ist ein Licht!“ meine Freunde! wenn wir in heiliger Gnadenstunde aufstreben zu Gott mit aller Kraft, aus dein tiefsten Grunde unseres Herzens, und es fühlen: er lässt sich wirklich finden und ergreifen, er neigt auch seinerseits sich herab und kehrt, unser Verlangen stillend, bei uns ein: ist es uns da nicht in der Tat so, als drängen wir ein in eine unendliche Fülle von strahlendem Lichte? als wäre es ein lichter Strom, was sich über uns ergießt? als würde dadurch auch unser eigenes Innere zu Licht und Klarheit, nicht nur bildlich geredet, sondern im eigentlichen Sinne des Wortes, so dass unser geistiges Auge nun plötzlich um eben so viel heller sieht, als unser leibliches, wenn das Tageslicht die Finsternis verscheucht hat, dass es unserm inneren Menschen wohl wird, wie unserm natürlichen am Sonnenscheine, dass wir eben nicht anders zu sagen und davon zu zeugen wissen, als indem wir rufen: es wird licht in mir, ich fühle und sehe es, ich wandle jetzt in der Gemeinschaft des Lichtes.

„Gott ist ein Licht!“ Wer kann sich ihn anders denken und wer kann ihm einen andern Namen geben? Oder wie vermögen wir überhaupt das rein Geistige uns anders vorzustellen, wenn wir es als Natur und Wirklichkeit uns denken wollen? Das Licht ist so wirklich und wesenhaft, als nur irgendetwas Anderes auf Erden, aber es hat nichts von irdischer Schwere und nichts von greifbarer Körperlichkeit; ein fremder Stoff vermag nicht an ihm zu haften; es zu beflecken ist unmöglich; sein Strahl geht über das Unreine hin und bleibt doch rein; zusammen zu drängen und einzuschließen vermag man es nicht; schneller als ein Blitz und in ungebundener Freiheit durcheilt es die Regionen, rein, leuchtend, wärmend und Leben schaffend: das Schönste und Größte, was ein Auge zu schauen, woran ein Herz sich zu erfreuen vermag. So ist der Geist, wenn er vollendet ist und wahrhaft lebt; so ist vor Allem der Geist, von dem Alles stammt, was Geist genannt wird im Himmel und auf Erden, der vollkommene Geist und das vollkommene Leben: Gott, der Herr, der Vater unsers Herrn Jesu Christi.

„Und ist keine Finsternis in ihm,“ fügt der Apostel bei, „keine,“ durchaus keine, wie es eigentlich im griechischen Urtexte lautet. Wohl ist das von selbst schon eingeschlossen in das erste Wort: „Gott ist ein Licht; aber der Apostel hebt es noch ganz besonders hervor um des Gegensatzes willen gegen unser sündiges Wesen. Denn nicht nur um uns mit einer neuen Anschauung oder einem neuen Begriffe zu bereichern, hat Christus das Wesen seines Vaters geoffenbart, hat Johannes hier die Gemeinden wieder daran erinnert, welcher Art es sei, sondern es soll diese Erkenntnis dazu dienen, den Menschen innerlich zu sichten und zur Entscheidung zu treiben. Indem dem Menschen das wahre Wesen Gottes vorgehalten wird, regen sich, aufgeweckt durch diesen hellen Strahl, in seinem Herzen die guten und die bösen Elemente. Jene fühlen sich davon angezogen, diese davon zurückgestoßen; der Mensch kann nun nicht mehr anders: er muss sich entscheiden, welchem von bei den Antrieben er folgen will: in das Licht hinein, oder ganz von dem Licht hinweg, zurück in die völlige Finsternis. Und je klarer und bestimmter nun das Wesen Gottes erkannt wird, um so bestimmter und durchgreifender wird auch diese Entscheidung ausfallen, umso weniger bleibt es möglich, zugleich in der Gemeinschaft der Sünde und in der Gottes zu wandeln. Und eben das Bewusstsein dieser Unmöglichkeit möchte der Apostel seinen Lesern recht tief in die Seele prägen; darum hebt er den Gegensatz zwischen dem Lichte und der Finsternis noch so ganz ausdrücklich hervor. „Es ist ein unbedingter und völliger Gegensatz,“ sagt er, „denn in Gott ist gar keine, durchaus keine Finsternis, durchaus kein Element der Sünde, durchaus Nichts, was damit verwandt wäre; er ist Licht und ist keine Finsternis in ihm.“

Und fühlen wir nicht, m. Fr., wie nötig uns diese Erinnerung des Apostels ist, und wie heilsam sie uns werden kann, wenn wir uns durch sie wirklich erinnern lassen? Oder sagt: sind wir von dem Gedanken an diese unbedingte Heiligkeit Gottes immer durchdrungen? und leben wir auch als Christen nicht oft so dahin, und sündigen so sorglos fort, gleich als hätten wir einen Gott, bei dem es nicht eben so viel darauf ankommt, ob man noch mit der Sünde in Verkehr steht oder nicht, von dessen Gemeinschaft man durch Befleckung nicht geschieden wird, von dessen Wesen nicht alles Unreine ausgeschlossen ist und der es mit Feuer verzehrt? Ich fürchte wohl, meine Lieben, wir müssen uns dessen schuldig bekennen. Das Bild Gottes ist für uns noch gar zu oft ein Bild nach Menschen-Art und Weise; es dünkt uns, einige wenige Finsternis, wie sie so das alltägliche Leben mit sich bringt, lasse sich wohl mit seiner Gemeinschaft vereinigen, und werde wohl immer noch in das Licht eingehen können. Aber der Apostel bezeugt uns mit heiligem Ernste: es ist dem nicht so, dieses Licht verträgt keine Finsternis. „So wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben und wandeln in Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.“ Und nicht etwa die bewusste Heuchelei meint der Apostel mit diesem Lügen“, mit diesem nicht die Wahrheit tun“, denn an aufrichtige Christen schreibt er und an wirkliche Christengemeinden, sondern eben jenen Selbstbetrug und jene Selbsttäuschung will er damit richten, welche aus der Verkennung des wahren Wesens Gottes, aus der Nichtachtung seiner vollkommenen Heiligkeit, aus der Geneigtheit des menschlichen Herzens erwächst, einen falschen und unmöglichen Frieden zu schließen zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gott und der Sünde. Wer so gesinnt ist, und so sein äußeres und inneres Leben führt, der mag von sich aussagen und auch von sich glauben, was er will: eine wirkliche Gemeinschaft mit Gott hat er nicht, sondern gehört wesentlich noch der Finsternis an; nicht die glühende, leuchtende Liebe ist in ihm das Oberste und Herrschende, sondern die dunkle, tote Selbstsucht; nicht der Strahl von oben her ist sein Wegweiser und die Seele seines Lebens, sondern der Zug von unten, der Zug dieser irdischen, unreinen Welt; nicht nach der Vollkommenheit, die in Gott wohnt, strebt und ringt er, sondern gibt sich zufrieden und fühlt sich wohl in der Unvollkommenheit, in der er einhergeht, und so ist es denn auch nicht möglich, dass er dieser Vollkommenheit, die doch sein Ziel ist und die er selbst als sein Ziel bekennt, irgendwie näher kommt; im Gegenteile: da das Licht in ihm nicht die Herrschaft zu gewinnen vermag, so fällt dieselbe nach und nach wieder völlig der Finsternis zu, und es kann dazu kommen, dass er immer noch sagt und glaubt: er habe Gemeinschaft mit Gott, während er doch dem gerade entgegengesetzten Reiche angehört.

Ihr seht, Geliebte, es ist ein gefährlicher Irrtum, der Irrtum über Gottes Wesen, und eine heilsame Wahrheit, die der Apostel uns vorhält; eine Wahrheit, an deren Erkenntnis und steter Bewahrung Alles hängt, was wir hoffen und erwarten: Leben, Heil, Gemeinschaft Gottes, der völlige Eingang zum Lichte, dessen wir harren, wenn wir einmal dem Leben in diesem dunklen Orte entnommen werden.

II.

Aber wie? also nur der Sündlose und Heilige, nur der, in dem gar keine Finsternis mehr ist, vermag Gemeinschaft mit Gott zu haben, und wir Alle sind davon ausgeschlossen, und betrügen uns selbst, wenn wir diese Gemeinschaft auch für uns in Anspruch nehmen? Keineswegs, m. Fr.! so sind die eben betrachteten Mahnungen des Apostels nicht gemeint, und können nicht so gemeint sein; vielmehr ist ja gerade das die zweite Wahrheit, die er in unsern Textesworten seinen Lesern vorhält, dass wie Gott rein ist und heilig, so sie selbst unrein sind und Sünder, und dass, wenn sie von sich aussagen: „wir haben keine Sünde,“ sie nicht minder lügen und sich selbst verführen, als wenn sie in der Finsternis wandeln und dabei doch Gemeinschaft mit Gott zu haben behaupten.

„So wir sagen, wir haben keine Sünde,“ sagt der Apostel, „so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Also auch die Christen, auch die Wiedergebornen, an die Johannes schreibt, auch Die, zu denen er später sagt: „ihr habt die Salbung empfangen und bedürft nicht, dass euch jemand lehre,“ auch die sind nicht ohne Sünde und Sündigen, und dürfen sich nicht von allem Anteile daran lossprechen. Aber freilich besteht ein Unterschied zwischen solchem „Sündehaben“ und dem „Wandeln in der Finsternis“, von dem der Apostel vorhin redete.

Denn nicht mehr auf die ganze Richtung des Gemütes und Herzens geht der Ausdruck, den der Apostel von diesem Sündigen der Christen, der Wiedergebornen gebraucht, sondern nur auf das Einzelne in ihrem Verhalten, auf das Eine und Andere in ihrem Tun und Lassen, auf die Sünde, die immer noch in ihrem Fleische wohnt und nichts Gutes will. Neben einander bestehen ja in dem Wiedergeborenen zwei Menschen, zwei Willen, zwei Gesetze: der Geist ist da, aber auch das Fleisch ist noch vorhanden; an dem Willen fehlt es nicht, aber das Vollbringen bleibt einmal über das Andere aus. Das Gemüt dient dem Gesetze Gottes, aber das Fleisch dem Gesetze der Sünde. Täglich und stündlich kommt das zu Tage; in jedem Gedanken, in jeder Handlung macht es sich geltend: geistlich und fleischlich, gerecht und sündlich, Gott zugewendet und zugleich von Gott abgewendet, ist noch all' sein Tun und der ganze Gang seines Lebens.

Und da ist es denn äußerst bedenklich und gefährlich, wenn wir es in Abrede stellen, dass dem so ist, und von uns behaupten, wir seien schon ganz geistlicher und göttlicher Natur, ganz von Sünden los und heilig geartet. Freilich, Geliebte in dem Herrn, mit Worten, so gerade heraus, pflegen wir das nicht zu tun; und wenn es dabei nur auf das Bekenntnis des Mundes ankäme, so würden wir wohl Alle sagen können: uns trifft diese Warnung nicht, wir sind ihr nachgekommen von unserer Jugend an. Allein, m. Fr., wie steht es mit der andern Weise des Bekenntnisses, die in Gedanke, Leben, in der ganzen Einrichtung des Sinnes und Wandels sich kund gibt? Ihr wisst es ja: nicht allein durch Worte, sondern auf tausenderlei Art und Weise drückt der Mensch es unwillkürlich aus, was er von sich hält und wohin seine Gedanken gehen. Braucht der Hochmütige wohl zu sagen: „Ich bin hochmütig,“ damit man ihn als Solchen erkenne? Oder muss der Ehrgeizige es sich erst zum Bewusstsein bringen, dass er nach Ehre dürstet? Ganz von selbst wird sein Verhalten dieses Gepräge tragen und aus diesem Sinne hervorgehen; er braucht es nicht einmal selber mit Klarheit zu wissen, dass diese Leidenschaft es ist, die ihn beherrscht.

Und in dieser tatsächlichen Weise nun, Geliebte in dem Herrn, geschieht es wohl auch uns, dass wir von uns sagen: wir haben keine Sünde. Nämlich wir leben so zufrieden und selbstgerecht dahin, gleich als wäre unser Gang und Wandel, wie er sein sollte und ohne Makel. Haben wir ein Unrecht getan mit Worten oder mit Werken, so machen wir uns nicht viel daraus, und verkleinern und bemänteln es in unsern Gedanken, als wäre es nicht der Rede wert. Für das schlechte Tun entschuldigen wir uns bei uns selbst mit dem guten Willen, für das mangelhafte Vollbringen mit der vollkommenen Absicht, und geben uns damit fortwährend zufrieden, als sei nun Alles gut und richtig; gebärden uns vor uns selber wie vor Andern als völlige Glieder des Leibes Christi, und vergessen nun, da wir Gläubige geworden sind, der täglichen und stets erneuerten Buße. Und doch, - wenn wir wirklich wüssten und sagten, dass wir noch Sünde haben: wie könnten wir da der Buße nicht mehr gedenken, dieser göttlichen Traurigkeit mit ihren edlen Wirkungen, die bei dem Christen ebenso unabtrennlich mit der Sünde verbunden ist, ebenso zuverlässig und unausbleiblich auf sie folgt, wie der Blitz auf den Donnerschlag, wie der Frühling auf den Winter?

Und in diese Selbsttäuschung und grundlose Selbstzufriedenheit geraten wir eben dadurch, dass wir jenen ersten Satz unseres Textes uns nicht immer vor Augen halten: dass Gott ein Licht ist, und keine Finsternis in ihm. Würde das heilige, durchleuchtete, fleckenlose Wesen Gottes uns unablässig vor Augen stehen als das Maß, an dem wir unsern Zustand messen, als das Vorbild, dem wir gleich werden sollen, als die Heiligkeit, die das Unheilige richtet und verzehrt: wie könnten wir dann unsere Unvollkommenheit uns verbergen, unsere Beschaffenheit für die rechte und genügende halten, uns Gott so getrost gegenüber stellen, statt mit Petrus niederzufallen und zu rufen: „Herr, gehe hinaus von mir, ich bin ein sündiger Mensch! Und wisst ihr, wohin dieser Selbstbetrug und diese geistige Trägheit uns führen? „Wir verführen uns dadurch selbst,“ sagt der Apostel, „und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Wir betreten Wege, die wieder abführen von der Gemeinschaft Gottes; wir richten wieder eine Scheidewand auf zwischen ihm und uns, und hindern dadurch den Strahl seines Lichtes bis zu unserm Innersten durchzudringen; geraten wieder in Finsternis, verlieren den Wahrheitssinn, der uns geschenkt worden war, und nehmen so immer und immer zu an Selbsttäuschung und Sündenleben, bis wir am Ende wieder Alles einbüßen, was wir empfangen hatten, und es hernach ärger mit uns wird, denn es vorher war.

Denn nicht nur uns selbst belügen und verderben wir dabei, sondern auch die Majestät und Wahrhaftigkeit Gottes tasten wir damit an. „So wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.“ Wenn wir nämlich die Ausbrüche der noch in uns wohnenden Sünde abschwächen, verkleinern, entschuldigen: widersprechen wir damit nicht offenbar dem Urteile, das Gott in seinem Worte darauf gelegt, durch das er sie verdammt, verworfen, als einen Gräuel vor seinen Augen erklärt hat, welcher der Buße und Sühnung unumgänglich bedürfe? Sagen wir da nicht, Gottes Urteil sei unwahr und unrichtig, und behalten sein Wort nicht in uns, sondern nehmen es uns weg durch Geringschätzung, oder etwa auch durch gegenseitige Beredung? Das ganze Werk Gottes, die ganze Ordnung des von ihm gestifteten Heils, die ganze Wahrheit, die er geoffenbart hat, hat das zu ihrer Voraussetzung und ihrem Inhalte: dass die Menschheit sündig sei, und zwar ganz und gar sündig, ohne Ausnahme.

Wer nun seine Sünde nicht zugesteht, sondern sich irgendwie gebärdet, als sei es mit ihm anders, als gehöre er nicht zu den Sündern: was tut er anders, als dass er die Grundvoraussetzung der göttlichen Offenbarung leugnet, und damit Gott selbst zum Lügner macht?

Wenn nun demnach auch der Wiedergeborene noch Sünde hat und Sünde tut, und Gott seinerseits ein Licht ist, in dem keine Finsternis ist, und das mit der Finsternis durchaus keine Gemeinschaft hat und verträgt: wie ist es dann möglich, dass der Wiedergeborene doch mit Gott in Verbindung steht und bleibt, und im Lichte zu wandeln vermag, wie er im Lichte ist?

Durch den Hinweis auf Christi Mittlerschaft und nie erschöpfte Reinigung löst uns der Apostel das Rätsel. „So wir im Lichte wandeln,“ sagt er, „so haben wir Gemeinschaft unter einander, und das Blut Jesu Christi macht uns rein von allen Sünden. Wenn wir nämlich einmal Kinder und Liebhaber des Lichtes geworden sind, so hat Gott auch dafür gesorgt, dass wir darin bleiben und erhalten werden. Er hat zuerst eine Gemeinschaft gestiftet derer, die ihn lieben. Er hat in den neuen Menschen, welchen er in dem Herzen geboren hat, den Bruderzug gelegt, welcher den Einen zu dem Andern zieht, weil sie Alle aus gleichem Samen entsprossen sind; er hat ihre Kraft und ihr Vermögen gemehrt dadurch, dass sie es mit einander besitzen und zusammenhalten, sich gegenseitig helfen, tragen, über einander wachen, für einander bitten. Wie es ohne Gemeinschaft mit Gott und ohne den Grund der gemeinsamen Liebe zu ihm ein gebrechliches und unzuverlässiges

Ding ist um alle menschliche Gemeinschaft, ein Sandgebäude, das, wenn der Platzregen kommt und die Stürme wehen, nur gar zu häufig einen großen Fall tut, so steht dagegen diejenige Gemeinschaft, die aus gleicher Geburt, aus dem Wandel im Lichte und der gemeinsamen Nachfolge Christi entspringt, auf einem Felsengrunde, den Nichts völlig umstößt, und bringt reiche Frucht. Es ist die einzige wahre, bleibende und Frucht bringende Gemeinschaft, die, welche von Ewigkeit zu Ewigkeit fortdauern wird, immer fester, immer enger, immer köstlicher und reicher.

Aber diese Gemeinschaft allein reicht doch nicht aus zu unserer Bewahrung und Reinigung. Würden wir nur auf das, was wir in uns oder in andern Menschen finden, unsern Zutritt zu Gott, unsere freudige Ansprache an seine Liebe gründen, es würde uns ergehen, wie Moses, Gott würde zu uns sagen: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn du bist ein sündiger Mensch; kein Mensch wird leben, der mich sieht;“ wir würden vergehen vor dem Feuer seines hellen Lichtes, vergehen und zerschmelzen, wie Wachs vor dem Feuer zerschmilzt. Darum ist auch jetzt noch, nachdem wir bereits eingegangen sind in das Heiligtum und die Gemeinschaft des Vaters, fort und fort das Blut Jesu Christi uns von Nöten, um mit seiner reinigenden Kraft den Zugang zu Gott uns offen zu erhalten. Zur Reinigung von der Sünde ist dieses Blut vergossen worden; zur Reinigung von der Sünde wird es nun im Evangelium verkündigt und zu bußfertigem, gläubigem Gebrauche vorgehalten; zur Reinigung von der Sünde ist es in der Taufe über uns gesprengt worden; zur Reinigung von der Sünde wird es in dem gesegneten Kelche uns dargereicht, der die Gemeinschaft des Blutes Jesu Christi ist.

Und so bringt es nun auch der barmherzige Hohepriester immer wieder vor seinen Vater, damit er unsere Sünden nicht anders anschaue, als in Verbindung mit dem sühnenden Blute seines Sohnes, durch das sie unaufhörlich zugedeckt und hinweggenommen werden. Das ist das Recht derer, die einmal Kinder des Lichtes geworden sind und im Lichte wandeln, denn nur auf diese geht die Verheißung dieser immer neuen Reinigung: - dass sie auf dieses Blut trauen und sich verlassen dürfen mit getrostem und gläubigem, wenn gleich auch immer mit bußfertigem Gemüte; dass sie bei jeglicher Regung der Sünde in ihren Gliedern, bei jeder Anklage ihres Gewissens mit den Seufzern des Geistes Anspruch machen können an dieses Blut und seine reinigende Kraft, so dass Nichts in der Welt ihnen ihre Gemeinschaft mit Gott streitig machen, oder abschneiden kann, dass sie im Gegenteile in der steten Kraft des ewigen Hohenpriestertumes Christi Gott immer näher und näher kommen, und in ihm bleiben durch Alles hindurch, was sie scheiden möchte: Trübsal, Befleckung, Leben, Tod, was immer genannt werden mag im Himmel und auf Erden.

Und noch weiter führt dies der Apostel im neunten Verse aus. „So wir unsere Sünde bekennen,“ sagt er, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünde vergibt, und reinigt uns von aller Untugend.“ Nämlich zu dieser von Seiten Christi dargebotenen und gewirkten Reinigung muss auch von unserer Seite etwas hinzugebracht werden, damit sie ihren Zweck erfüllen und uns wirklich zu Gute kommen könne, - und dies ist das Bekennen unserer Sünde.

Es ist das das gerade Gegenteil dessen, was wir vorhin mit einander betrachtet haben, dass wir von uns sagen: „wir haben keine Sünde,“ unsere Sünde ableugnen, verkleinern, für nichts achten. Und so ist auch die Wirkung dieses Bekennens das gerade Gegenteil von der Wirkung jenes Verbergens. Wird durch dieses, wie wir gesehen haben, unsere Gemeinschaft mit Gott gestört, gehemmt und endlich wieder völlig aufgehoben, so schafft das Bekennen dagegen die Hindernisse aus dem Wege und hält durch das Blut Christi die Gemeinschaft ununterbrochen aufrecht. Nur nicht ableugnen, sondern bekennen! dann wehren die einzelnen Sünden, die dem Christen noch ankleben, den Zugang zum Vater ihm nicht, noch das Bleiben in ihm.

Seine Sünden bekennen aber ist die nächste Folge der wirklichen Erkenntnis und Empfindung derselben, wie sie der Anblick der Heiligkeit Gottes in uns weckt. Bekennen bricht durch die Eigenliebe und die Selbstliebe hindurch. Wenn im alten Bunde ein Schuld - oder Sühnopfer gebracht wurde, so musste der Darbringende seine Hand auf das Haupt des Opfertieres legen und seine Sünde darüber bekennen; mithin den Tod dieses Opfers als den von ihm selbst verdienten ansehen und auf sich nehmen. Es war dies der Schatten und das Vorbild dessen, was zukünftig geschehen sollte, - was jetzt geschieht und geschehen muss, wo Sünden zu sühnen sind und vergeben werden sollen. Zu Jesu Kreuz, Tod und Blutvergießen hin tritt das schuldige Gewissen und bekennt seine Sünde, bekennt, dass dieselbe nicht anders, als durch das Blut und den Tod des Sohnes Gottes könne getilgt werden. O meine Freunde! das ist ein ernstes Bekenntnis und eine tief eindringende Buße, die nicht nur Mund und Lippen in Bewegung setzt, sondern das ganze Herz erregt, so dass es bis in seine innersten Tiefen Alles, was von Schuld und Befleckung in ihm verborgen liegt, hinauf ans Licht bringen muss, und ausschütten zu den Füßen des Gekreuzigten. Da schaut der Sünder das helle Licht Gottes in seiner ganzen Klarheit an, und vermag vor seinem durchdringenden Schein nichts zu verbergen; Alles wird eingestanden, aller seiner Vergehungen bekennt er sich schuldig; da gibt er sich hin auf Gnade und Ungnade, und ruft nur die Barmherzigkeit an, indem er das Kreuz umfasst, das Zeichen des Mittlers und Fürsprechers.

Und da, sagt der Apostel, ist nun auch Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünde vergibt und reinigt uns von aller Untugend.“ Nämlich die Treue Gottes ist unser Trost, und der Grund unserer Sündenvergebung, insofern er das von ihm gegebene Wort hält und seine Offenbarung nicht verleugnet, seine Offenbarung, in der er ja ausdrücklich Sündenvergebung verheißt, in der sie zubereitet worden ist von Alters her, von der ersten Sünde an.

Und er kann nun dieses Wort halten, er kann nun nach dieser Offenbarung und Verheißung tun, ohne dass er damit seiner Heiligkeit untreu wird, ohne dass er seine Lichtnatur verleugnet. Denn durch seines Sohnes Werk und Tat ist nun alle Gerechtigkeit erfüllt, ist nun alle Schuld hinweggetan, ist nun alle Unreinigkeit abgewaschen. Indem nun Gott alle unsere Sünde vergibt und uns reinigt von aller Untugend, ist er nur gerecht, tut er nur nach dem neuen Rechtsverhältnisse, das durch Christum gestiftet worden ist zwischen ihm und uns; auch vor den Augen der Welt bleibt er nun heilig und gerecht, indem er die Sündenschuld erlässt, indem er fort und fort wieder Gemeinschaft mit uns eingeht, und das jeweilige Abweichen von seinen Geboten nicht mehr rächt, sondern vergibt.

So, Geliebte in dem Herrn, so geschieht es, dass wir in Gott bleiben und er in uns; dass, obwohl von Natur in Finsternis und nie ganz rein vor Gottes Auge, wir doch eintreten dürfen in die Gemeinschaft des hellen, reinen Lichtes, und darin wandeln. Das Blut Jesu Christi, das Bekennen unserer Sünden, die Treue und Gerechtigkeit Gottes: das sind die Tore, die uns hineinführen, das sind die Wege, auf denen wir einherzugehen haben in diesem Lande des Lichtes. Lasst uns, meine Lieben, nicht davon abweichen, weder zur Rechten, noch zur Linken, und unsere Füße nicht darauf straucheln. Schaut im Lichte des Herrn euere Sünde an und verberget sie euch nicht! leugnet sie nicht ab, sondern bekennt sie! dann ist er treu und gerecht, ja fürwahr! treu und gerecht: und vergibt sie euch und reinigt euch von aller Untugend. Amen.

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