Spurgeon, Charles H. - Zwei Gastpredigten in Hamburg - Erste Predigt.
Gehalten am Sonntag den 11. August 1867, Abends 6 Uhr.
„Aber am letzten Tage des Festes, der am herrlichsten war, trat Jesus auf, rief und sprach: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke.
Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen.“
Joh. 7, 37. 38.
Es ist nicht immer der Fall, dass, wenn uns eine Predigt aufbewahrt ist, wir auch einen genauen Bericht über die Veranlassung derselben, über Zeit, Ort und die Umstände, unter welchen sie gehalten worden ist, besitzen. Hier aber haben wir nicht nur Jesu Christi Predigt aufbewahrt, sondern es steht auch, so zu sagen, eine vollständige Photographie des großen Meisters vor unsern Augen da. Es ist uns, als hörten wir den eigentümlichen Klang seiner Stimme, als sähen wir selbst seine Körperbewegungen und läsen eine genaue Beschreibung der einzelnen Umstände, unter denen er diese Predigt hielt. Bemerkt zunächst die Gelegenheit, bei welcher der Herr Jesus die Worte meines Textes sprach: „Am letzten Tage des Festes, der am herrlichsten war.“ Der Heiland hatte das ganze Fest hindurch gepredigt, aber er behielt seine beste Predigt bis zuletzt. Tat er dies deswegen, weil es ein Gesetz seines Reiches ist, immer vom Guten zum Besseren fortzuschreiten? Wollte er den besten Wein bis zuletzt behalten? Gewiss ist es, dass Christus immer vom Guten zum Besseren fortschreitet, und vom Besseren zum noch Besseren, und so fort und fort in unendlicher Progression. Er hielt daher am letzten Tage des Festes eine freiere, vollere Gnadenpredigt, als je zuvor. Aber vielleicht ließ er heute diese freieste aller seiner Einladungen ergehen, um die Tiefe seines Mitleids so recht zu offenbaren. Christus war in Person nach Jerusalem gekommen, er hatte gepredigt, er hatte Wunder getan. Und was war der Erfolg von alle dem gewesen? Ach, nur ein sehr geringer. Nur Wenige waren es gewesen, die sich ihm im Glauben ergeben hatten. Allein dadurch nicht im Geringsten entmutigt, fuhr der Heiland zu predigen fort und hörte nicht eher auf, als bis er eine recht vollständige und ausführliche Gnadenverkündigung hatte ergehen lassen, um dadurch zu zeigen, dass, wiewohl sie sich so hart und unempfänglich bewiesen hatten, sein Herz noch von brünstiger Liebe zu ihnen schlage und er ihnen noch mit seinen liebevollen Einladungen nachgehe, um sie seiner Gnade teilhaftig zu machen; um zu zeigen, dass es wahr ist, wie es in jenem Liede heißt:
Eh' nicht des Lebens Lampe ganz verglommen,
Wird auch der größte Sünder angenommen.
Bis zu dem letzten Tage ihres Lebens eilt Jesus den Verlorenen nach; auch dann noch winkt er, ruft er, lädt er ein: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“
Sollte dies euch, die ihr Prediger des Evangeliums seid, nicht lehren, sehr langmütig mit den Gottlosen umzugehen? Höret niemals auf zu predigen, sondern verfolgt sie bis in die Tiefen ihrer Sünden und Befleckungen hinein mit euren Gebeten, Seufzern und Tränen, und hört nicht eher damit auf, als bis ihr ihren Leichnam in die Gruft versenken seht. Lasst sie nicht ruhig dahingehen, geht, fleht sie an, sich selig machen zu lassen und umzukehren. Ja, werft euch ihnen selbst in den Weg, wenn sie einmal zur Hölle hinabeilen wollen, und nötigt sie wenigstens, über euch hinweg sich ins Verderben zu stürzen, wenn sie sich einmal ins Verderben stürzen wollen. Mütter, tut also mit euren Kindern! Lehrer und Lehrerinnen, handelt also, wenn ihr in der Sonntagsschule seid! Fahrt fort, sie anzuflehen und zu bitten, und haltet damit an bis zu dem letzten Tage eures Lebens, wie der Heiland hier; denn Er, der uns gerettet hat, kann auch sie retten. Sa, lasst uns Alle nie die Hoffnung aufgeben, sondern immer zuversichtlicher hoffen, immer brünstiger flehen, gleich wie Jesus am letzten Tage des Festes am herrlichsten predigte.
Doch vielleicht war die Ursache der außerordentlichen Innigkeit der Predigt unsers Textes die, dass Jesus wohl wusste, dass er nie wieder dieselbe Versammlung würde anreden können. O, welch' ein ernster Gedanke: „Ich werde nie wieder zu dieser Versammlung predigen können.“ Oft wenn ich mich erhebe, um große Massen anzureden, kommt dieser Gedanke in meinen Sinn, dass ich dieselben Menschen nie wieder vor mir haben werde. Wie ernst und feierlich muss uns dieser Gedanke stimmen! Die Kanzel ist kein Ort, wo man leichtfertig sein kann. Musst du leichtfertig sein, mein Freund, so steige wenigstens von der Kanzel herab. Lasst uns hier Gottes Werk treiben und mit Ernst! Bald werden wir denen, denen wir jetzt predigen, von Angesicht zu Angesicht vor Gottes Thron gegenüberstehen. Darum gilt es, ernst mit ihnen zu reden und in der innigsten Liebe; verwerfen sie aber den Herrn, ihnen zuzurufen: Euer Blut sei auf eurem Kopf! Lasst uns, die wir Prediger sind, Baxters Motto zu dem unsrigen machen: „Ich predigte so, als ob ich nie wieder predigen würde, und als ein Sterbender zu Sterbenden.“
Jede Predigt sollte so beschaffen sein, dass wenn der Prediger von der Kanzel in den Sarg steigen müsste, er bereit wäre, seinem Gott zu begegnen. Dies Gefühl war es, was den Heiland bewog, seine beste, klarste und ausführlichste Predigt zuletzt zu halten.
Doch weiter. Es ist schon zum Ermüden oft gesagt worden, dass gerade als Christus die Worte unsers Textes sprach, der Hohepriester Wasser aus dem Teiche Siloah schöpfte und ausgoss und dass Christus sich darauf bezog, wenn er von den „Strömen des lebendigen Wassers“ sprach. Indessen das ist nicht wahr. Erstens weil ein ausdrückliches Gesetz im dritten Buch Mosis steht, dass Niemand an diesem Tage Holz hauen oder Wasser schöpfen sollte, denn es heißt da: „Ihr sollt keine Dienstarbeit darinnen tun.“ Wäre es aber erlaubt gewesen, so würde der Heiland auf einen solchen Gebrauch nicht angespielt haben, ohne dagegen zu zeugen. Denn dieser Gebrauch war eine rein menschliche Erfindung. Ja, wir können es fast so verstehen, als träte der Herr hier den Hohenpriestern und Schriftgelehrten entgegen. Denn ruft der Heiland in unserm Texte aus: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke; wer an mich glaubt, von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen,“ so erklärt er sich gewissermaßen gegen diesen Gebrauch. Denn dann zeigt er uns in unserm Text, wann es Zeit ist, das Evangelium zu predigen und wem. Wenn nämlich ein Sünder nicht länger hingeht, Holz zu hauen und Wasser zu schöpfen, wenn er aufhört, mit Werken umzugehen, dann ist es Zeit, ihm das Evangelium zu predigen, dann werden ihm die Verheißungen Gottes köstlich. Keiner glaubt eher, als bis er seiner guten Werke ganz krank und überdrüssig geworden ist. Dann aber wirst er sich in Jesu Arme und ein Tag der Ruhe von der Dienstarbeit, ein Sabbat bricht an in seinem Herzen und er ist tüchtig zum Reiche Gottes.
Wir haben somit Zeit und Gelegenheit dieser Predigt des Heilandes betrachtet; wir kommen nun zweitens zu der Photographie desselben, die wir hier haben. Es heißt: „Jesus trat auf“ er stand. Andere Prediger saßen. Der jüdische Rabbi saß, wenn er das Gesetz auslegte. Jesus selbst ging zu einer anderen Zeit „auf einen Berg und setzte sich“, weil er eine angenehme Predigt zu halten hatte, die mit einem „Selig“ anfing. Aber als es darauf ankam, Seelen zu retten, da schnellten die Springfedern seines Erbarmens empor, da ergriff ihn die Leidenschaft der Liebe; da kann er nicht länger sitzen, da muss er aufstehen. „Ihr wollt nicht zu mir kommen“, will er damit sagen, „so komme ich denn zu euch. Ich komme euch zu retten, ich komme euch in meine Arme zu nehmen und wegzutragen, wenn es nicht anders geht, aus euren Sünden.“ Diese Stellung des Stehens schloss alles dies in sich ein. Jetzt ist sie etwas Gewöhnliches; damals war es etwas ganz Neues und Überraschendes. Mir ist, als sähe ich ihn vor mir stehen, am Postament einer Säule des Tempels, den Arm emporgehoben wie in dem bekannten Bild von „Paulus in Athen“, ein lebensgroßes Portrait; nicht verstümmelt, eingezwängt und eingeschlossen, sondern der ganze Gottmensch, der Sünder zu ihm kommen und leben heißt. Könnt ihr es nicht sehen? - Ihr könnt den Herrn auch hören. „Jesus trat auf und rief.“ Seine Stimme war laut. „Er rief“. Und Gefühl war in seiner Stimme sanftes, freundliches, zerschmelzendes, überwältigendes Gefühl! Das ist die Art, wie man predigen muss, wenn man zum Segen sein will. Zuerst hat man seinen Mund weit aufzutun und deutlich zu reden, wenn man gehört werden will. Dann aber gehört auch Gefühl dazu. Die Wahrheit ist nicht des Hörens wert, die nicht mit Kraft verkündigt wird. Es nutzt nichts zu predigen, wenn man nicht seine ganze Seele in den Ton der Stimme hineinwirft. Jesus rief, er schrie, das heißt auch: er weinte über Seelen, nicht nur äußerliche Tränen, sondern jene starken Mannestränen, welche nicht über die Wangen hinabrollen, sondern welche innerlich in der Seele fließen. Diese verborgenen, diese heißesten Tränen vergoss der Heiland immerdar, auch wenn es äußerlich nicht wahrzunehmen war.
Da habt ihr nun das Bild vor euch: die Zeit, die Gelegenheit und den Prediger selber. Ich habe mir absichtlich etwas Mühe gegeben, den Rahmen zu vergolden, weil ich möchte, dass ihr das Bild recht ansäht. Was aber in diesem Rahmen steht, das heißt: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen.“ In diesen Worten liegt das ganze Evangelium und nichts als das Evangelium; was Martin Luther „eine Bibel im Kleinen“ genannt haben würde. Lasst es uns im Einzelnen betrachten.
1.
Unser Text wendet sich an menschliche Bedürfnisse. „Wen da dürstet.“ Der Rabbi würde gesagt haben: „Wer da Werke tut“; der Pharisäer: „Wer da Verdienste besitzt“; aber Jesus sagt: „Wen da dürstet“. Das Evangelium spricht nicht von dem, was der Mensch hat, sondern von dem, was er braucht; nicht von dem, was er tun kann, sondern von dem, was er bedarf. Das wahre Evangelium kommt zu hilfsbedürftigen Sündern, sagt ihnen von ihren Bedürfnissen und hat es mit denselben zu tun. Meinst du, dass du dich selbst selig machen kannst? Dann ist das Evangelium nicht für dich. Erst musst du dahin kommen, alle deine sogenannten guten Werke zu verachten, und anstatt auf irgendetwas in dir selbst zu blicken, um daran Gefallen zu haben, musst du einfach zu Christo kommen. „Er komme zu mir und trinke,“ sagt Christus. Wer auf den Herrn Jesum Christum als auf seinen allgenugsamen Heiland vertraut, der soll selig werden. Keins von deinen guten Werken kann hier etwas ausrichten, nichts vermag deine Vortrefflichkeit. Nicht das Gesetz gehalten, sondern es übertreten zu haben, macht uns tüchtig für Christum. Wer selig werden will, der muss sein Bedürfnis Christi als eines Arztes fühlen. Wenn aber irgend Jemand vorhanden ist, der nicht mit sich zufrieden ist, wenn er in sich hineinblickt und seine Handlungen prüft, der ist es, den Christus zu segnen kam. Er sagt nicht: „Wer da große Krüge voll Wasser oder ganze Ströme von Wasser hat,“ sondern „Wen da dürstet.“ Nicht deine vortrefflichen Eigenschaften, sondern deine Missetaten sind es, die dich bei Christo willkommen machen. Nein, wundere dich nicht hierüber! Wenn ich den Ton von Wagenrädern hörte, die draußen über jenen Steinen in der Straße dahinrollten, und man sagte mir, dass es ein Arzt sei, so würde ich wissen, dass er nicht zu mir käme, weil ich mich wohl fühle und ihn nicht brauche. Ebenso weiß ich, wenn ich Jesum Christum durch die Welt gehen sehe mit seinen Händen voll Segnungen und Gnaden, dass er zu Sündern geht, die der Gnade bedürfen, nicht zu denen, deren gute Werke vor ihren Augen schimmern. Eine Exekution findet statt. Der Verbrecher ist auf dem Gerüst und die Menge steht unten umher. Plötzlich jagt ein Mann in Carriere1) herbei mit einer Begnadigung in der Hand. Der Pardon ist nicht für die Menge, die umhersteht, sondern für den verurteilten Mann. So ist auch das Evangelium nicht für die, die nichts Böses getan haben, sondern für die, die verdammt sind, von Natur verdammt, todkrank, verloren, verloren, hoffnungslos verloren! Ich bitte euch, gebt denen nicht Gehör, die die menschliche Natur preisen. Die Wahrheit, die in Christo Jesu ist, sagt uns, dass wir ganz und gar verloren sind - tot in Sünden und durchaus hilfsbedürftig. „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt.“ Wir sind wie Krüge, die in Scherben zerbrochen sind. Barmherzigkeit, große Barmherzigkeit ist es, die uns errettet. Gottes souveräne Gnade allein ist es, dass wir selig werden. Durch den Fall Adams sind wir in Stücke gebrochen. Das Evangelium wendet sich an Hilfsbedürftige. O, wüsste ich, dass ich von Einigen, die sich hier befinden, verstanden würde, so würde ich ihnen zurufen: „Kommt zu Christo.“ Sind aber irgendwelche hier, die Verdienst und gute Werke besitzen, die mögen wissen, dass es für sie keinen Christus gibt.
Nicht Gerechte, nicht Gerechte -
Nein, Sünder, Sünder suchte er.
Seid ihr aber auch noch so große Sünder, so bleibt nicht von Ferne stehen vor Scham. Jesus Christus ist die Offenbarung der Liebe Gottes in ihrer ganzen Größe. Wenn eure Sünden blutrot sind, so sollen sie doch schneeweiß werden. Wenn ihr nichts Gutes habt, dessen ihr euch rühmen könnt, so kommt zu Christo. Habt ihr nichts als Entehrendes an euch, kommt zu Christo und ihr werdet nimmermehr umkommen. Denn das Evangelium hat es mit dem Menschen zu tun, insofern er eben voller Bedürfnisse ist.
2.
Aber unser Text sagt uns zweitens, dass Jesus Christus gekommen ist, um alle diese Bedürfnisse zu befriedigen. Alles was zu unserer Seligkeit notwendig ist, ist bei ihm zu haben. Brauchst du ein fühlendes Herz, ein zartes Gewissen? Brauchst du Glauben? Christus kann ihn dir geben. Möchtest du von der Schuld der Vergangenheit gereinigt werden? Sein Wort kann es schaffen. Er kann das Wort der Vergebung in einem Augenblick sprechen und die Seligkeit ist dein. Bedarfst du einer neuen Natur? Sein Geist kann sie wirken. Bedarfst du nachher erhalten und bewahrt zu werden? Auch das will er tun. Alles, was erforderlich ist, um dich aus dem Zustande, in dem du dich jetzt befindest, herauszunehmen, und dich ins himmlische Wesen zu versetzen, will er tun. Alles ist in Christo zu haben. „Ihr seid vollkommen in Ihm,“ sagt der Apostel. Empfange Christum und du hast Alles empfangen, was du brauchst.
Jesus ist das einz'ge Gut,
Welches not der Seele tut.
Bist du schwarz? Er will dich weiß machen. Bist du nackend - er will dich mit Gerechtigkeit bekleiden; bist du krank - er will dich heilen; bist du arm - er macht dich reich. Was auch deine Bedürfnisse sind - Christus will sie befriedigen.
Herr, die Schätze deiner Huld
Sind unerschöpfte Minen;
So groß wie unsre Not und Schuld
Und unbegrenzt, gleich ihnen.
Aber das ist noch nicht das ganze Evangelium. Es wäre schlimm, wenn es nur die Botschaft enthielte, dass der Mensch Bedürfnisse hat und dass Christus sie befriedigen kann.
3.
Aber es bringt uns drittens auch die Nachricht, dass man Christi Fülle haben kann, dass sie zu erreichen ist. Christus sagte nicht: „Komm' und sieh',“ sondern: „Komm' und trinke.“ Er sagt nicht nur, dass er uns einen Labetrunk bereitet hat, sondern dass derselbe auch für uns bereit steht, dass wir nur zu nehmen brauchen. Aber muss ich nicht etwas mitbringen? Nein, „umsonst und ohne Geld“ wird uns beides zuteil, Wein und Milch. Muss ich mich nicht erst darauf vorbereiten? Nein, es heißt einfach: „Komm' und trinke!“ Es gibt Viele, die nicht wissen, was an Christum glauben heißt. Es heißt auf ihn trauen. Du musst dich auf ihn lehnen mit deiner ganzen Schwere, wie ich mich hier auf dieses Geländer lehne, d. h. ganz und gar in Ihm ruhen. Wenn dies Geländer bricht, so muss ich fallen. Lehne dich nur auf ihn, er braucht keine Stützen, um dich zu tragen. - Es war einmal ein Kind in einem brennenden Hause. Das arme kleine Wesen konnte nicht entkommen; es blickte aus dem Fenster hinaus, aber fürchtete sich, hinabzuspringen. Ein starker Mann sieht die Gefahr und ruft aus: „Knabe, springe herunter, ich fange dich auf.“ Was sollte der Knabe tun? Es war ein Wagestück. Aber als er die breite stählerne Brust und die starken, muskulösen Arme des Mannes erblickte, da fasste er Mut. Er sprang - und war gerettet. Nun, dass der Knabe wusste, dass ihn ein starker Mann auffangen wolle, war nicht genug, er musste sich auch hinabfallen lassen. So mache auch du es - lass deinen Halt fahren falle hinab! Traue auf Jesum und du bist gerettet.
Gar nichts, sei es groß, sei's klein,
Tue, Sünder, mehr;
Jesus tat es ganz allein,
Lange schon ist's her.
Nur zu Jesu Kreuze dring' -
Gleich ist aus die Not;
„Selbertun“ ist heillos Ding,
„Selbertun“ bringt Tod.
*Nichts brauchst du, o. Sünder, zu tun, Jesus hat es „lange, lange schon“ getan. Komm zu ihm, wie du bist. Lehne dich auf ihn, lass ihn dich stützen, ruhe an seinem Busen. „Wie?“ spricht hier vielleicht Einer, „meinen Sie, ich würde selig werden, bloß wenn ich auf ihn traue?“ Sa gewiss, du wirst nimmermehr umkommen; du bist jetzt schon sein Kind und du kannst fröhlich deine Straße ziehen.
4.
Doch hier entsteht die Frage: Wie kommt es, dass eine solche Hilfe in unserer Not vorhanden ist? Und dies bringt uns zu unserm vierten Teil, in dem wir den Ort, wo diese Hilfe zu finden ist, betrachten. „Er komme zu mir“, spricht Christus, „und trinke.“ Bei ihm ist sie also zu finden. Jesus Christus predigte sich selbst. Er predigte seine eigene Person. In Christi Person liegt all' unser Heil. Die Priester unserer Zeit sagen: Er komme zum Taufstein, er komme zum Beichtstuhl, er komme zum Abendmahl, er bekenne seine Sünden und empfange Absolution. Aber wahrlich, ich sage euch, wenn auch ein Engel vom Himmel zu euch käme und dies Evangelium predigte, der sei verflucht! Das ist nicht das Evangelium. Manche betörte Menschen glauben, dass sie selig werden, wenn sie etliche religiöse Zeremonien beobachten. Allein mein Herr und Meister sagt: „Er komme zu mir.“
Die Seligkeit ist nicht in den Sakramenten zu finden, in keinen Formen oder Zeremonien. „Er komme zu mir.“ Komm zu Christo, um Gnade zu erlangen. Der Weg des Heils heißt: „Glaube an den Herrn Jesum Christum.“ Nicht eine Silbe wird hier von Zeremonien gesagt; und zwar aus einem guten Grunde. Denn nur zwei Zeremonien gibt es im Christentum, die Taufe und das Abendmahl, und diese beiden sind für diejenigen, die schon gerettet sind. Sieh' dich wohl vor und rühre sie nicht an, wenn du noch ungerettet bist! Wir brauchen sie nicht eher, als bis wir gerettet sind. Wir haben kein Anrecht an sie, wenn wir noch nicht gerettet sind. Gehe zu Christo, zu dem ganzen Christus. Siehst du den Ölberg dort und jene Ölbäume mit ihrem leichten grünen Laub, wie es im Mondlicht erglänzt? Ein Mann betet dort! Der Boden ist hart und trocken unter seinen Füßen. lausche, und du wirst Seufzer hören, vor denen die Sterne selber erbleichen könnten! Höre auf sein Geschrei - siehe, wie er im Gebete ringt. Seine ganze Seele ergießt sich in Seufzern - sein Leben selbst gibt er dahin. Große Tropfen Blut strömen von seiner Stirn herab. Geh' mit Georg Herbert,
Geh' nach Gethsemane
Dort wirst du einen Mann in solchen Qualen seh'n,
Dass Haupt und Hand und Kleid mit Blut bedeckt sind.
Es ist der Heiland, der Blut schwitzt um unsrer Sünden willen. Da schaue hin! Nur da ist Leben für dich zu finden, nicht in deinem Tun. Aber sieh', er erhebt sich; Judas kommt und küsst ihn. Sie führen ihn zu Herodes, zu Kaiphas, zu Pontius Pilatus! Er, der König der Könige, wird verspottet und verhöhnt. Sie binden ihn, sie speien ihn an, sie schnüren seine Hände an die römische Säule. Sieh' jene Geißel aus Riemen von Ochsenhaut, in welche Knochenstücke und andere harte Gegenstände hineingeflochten sind. schrecklich! Sie schwingen sie - sie pfeift durch die Luft - sie lässt tiefe blutige Striemen auf seinem Rücken zurück! Dahin schaue, o Sünder! Ecce homo! „Seht, welch' ein Mensch!“ Schaue ihn an; denn die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Aber das ist noch nicht Alles. Sie schleppen ihn durch die Straßen Jerusalems nach dem kleinen Hügel außerhalb der Stadt, sie werfen ihn auf seinen Rücken, sie legen ihn auf den kreuzförmigen Balken, sie nehmen die Nägel, sie treiben das grausame Eisen durch seine Hände und Füße! Sieh' das bejammernswerte Schauspiel an! Und nun richten sie das Kreuz auf und stoßen es mit solcher Gewalt in den dafür bereiteten Sockel hinein, dass alle seine Gebeine durch den Schwung ausgerenkt werden und das Wort von ihm gilt: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, ich kann alle meine Gebeine zählen.“ Kannst du es nicht sehen? Es ist der Sohn Gottes, für uns zur Sünde gemacht,“ ein Fluch für uns“ geworden. Er trägt unsre Sünden. Die Schläge, die auf unsre Schultern hätten fallen sollen, sind auf ihn gefallen. Blicke jetzt hin zu ihm.
Dieser Strom von Purpur-Blut
Kommt uns ewig zu gut.
Die Schläge, die uns hätten treffen sollen, hat er getragen. Blicke jetzt auf zu ihm, wenn du es vermagst. Denke an alle seine Leiden für dich, „seine unerkannten Qualen,“ wie es in der griechischen Liturgie heißt - all' seine bekannten und all seine unbekannten Leiden - diesen unergründlichen Ozean. Mit eben nur hinreichender Kraft ergreift er den Becher des Zorns - unsern Becher. Der erste Schluck entpresste ihm große Blutstropfen; aber dennoch fuhr er fort zu trinken, bis er endlich den Kelch oberst zu unterst kehrte. Mit einem allgewaltigen Liebeszuge trank er den bitteren Inhalt aus und rief: „Es ist vollbracht!“ Kein Tropfen blieb für uns zurück. Wird Gott sich zweimal bezahlen lassen? Soll Christus für mich leiden und ich auch? Gott kann den nicht strafen, dessen Strafe Christus getragen hat. Ist Jesus für mich gestorben, so bin ich errettet. Wie weiß ich, dass er für mich gestorben ist? Wenn ich auf ihn traue. So kehre denn ein zu deiner Ruhe, o meine Seele! Traue auf sein Blut, „das Lösegeld,“ das er für dich vergossen hat. Das Evangelium beschreibt dich als verloren und strafwürdig, aber Christus trug die Strafe an unsrer Statt. In England war ein Schullehrer, der einigen ungehorsamen Knaben gesagt hatte, dass wenn sie gewisse Dinge wieder tun würden, unausbleibliche Strafe darauf folgen würde. Einer von den Knaben tat es dennoch wieder und die Strafe sollte vollzogen werden. Der Knabe hatte aber einen älteren Bruder; dieser verwandte sich für ihn und sagte: „Herr Lehrer, bitte, schlagen Sie meinen Bruder nicht; ich kann es nicht mit ansehen, wenn er geschlagen wird.“ Der Lehrer aber antwortete: „Ich habe es einmal gesagt, dass ich strafen würde, und ich muss mein Wort halten.“ „Es ist wahr,“ erwiderte der Knabe, „mein Bruder hat sehr unrecht getan; aber bitte, lassen Sie mich die Strafe für ihn tragen.“ Da traten dem Schullehrer die Tränen in die Augen und er sagte: „Mein Junge, ich will dich nicht strafen, und auch deinen Bruder nicht; denn du hast mir einen Text zu einer Predigt über die Liebe Gottes gegeben, die ich jetzt halten will.“ Und dann erzählte er ihnen, wie wir Alle Strafe verdient hätten, und wie Christus sie an unsrer Statt getragen habe. Jesus Christus ist unser älterer Bruder. Gott muss strafen, aber Christus hat gesprochen: „Strafe mich!“ und so werden wir nicht gestraft. Mögen wir denn unsre Straße ziehen und mit dem Dichter singen:
Wo sind die Sündenschulden all'?
Im Meer des Bluts ertränkt!
Ich weiß, dass Gott von ihrer Zahl
Nicht einer mehr gedenkt.
Mein Herz frohlockt, es jauchzt mein Mund,
Mir ist so wohl zu Mut;
Und fragst du nach der Freude Grund?
Es ist des Lammes Blut.
Ich komme zum Schluss und erlaube mir zunächst die Aufmerksamkeit der hier anwesenden Christen auf den Schluss der Predigt des Heilandes hinzurichten, nämlich auf den 38sten Vers, wo es heißt: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen.“ Erst trinken wir das lebendige Wasser Christi; aber hat es uns erst angefüllt, so strömt es wieder aus uns heraus. Wo die Gnade gewirkt hat, da macht sie sich auch sofort sichtbar. Ihr teuren Brüder in Hamburg seid ohne Zweifel von vielen Versuchungen umgeben. Sa, ich glaube, dass viel mehr dazu gehört, hier in Deutschland ein Christ zu sein, als in England. Ihr braucht nicht nur Christentum, sondern das innerste Wesen desselben; nicht eine gewöhnliche Gottseligkeit, sondern eine Gottseligkeit von ganz ausgezeichneter Art. Ihr werdet sehr vorsichtig wandeln müssen. Darum trachtet danach, dass sich Ströme lebendigen Wassers aus euch ergießen. Wenn Jemand geistliches Leben bekommt, so wird er eine Wasserquelle für Alle, die ihn umgeben, da das in ihm quillende Wasser einen Ausweg sucht. Darauf weist Jesus hin, wenn er sagt: „Von dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers - fließen.“ „Von dessen Leibe“, das heißt: aus seinem Innern. Er ist nicht mehr trocken, er ist eine Quelle geworden. Das Wasser braucht nicht aus ihm herausgepumpt zu werden, es fließt von selber, wie aus einer Quelle, hervor. Auch ist hier nicht von wenigen Tropfen die Rede, sondern von, Strömen lebendigen Wassers.“ O, dass diese Ströme sich aus uns Allen ergössen! Es gibt Christen, die so trocken sind, dass man nur einige Tropfen Wasser aus ihnen herauskriegen kann, und man muss sie in die Weinpresse tun und es aus ihnen herausdrücken. Anders sind die, von denen der Herr spricht. Bei denen fließt es von selbst hervor, ohne dass man einen Druck anwenden muss. Es braucht nicht heraufgepumpt zu werden; es fließt unwillkürlich hervor, weil es nicht anders kann. Ein wahrer Christ hat seine Religion als einen Teil seiner Natur immer bei sich. Er spricht nicht nur als ein Heiliger; er zeigt ihn uns durch sein Leben. Geliebte, wir brauchen mehr Christen, die Ströme in sich haben; nicht Leute, die regelmäßig nach der Kirche oder Kapelle gehen und das ist Alles; sondern solche, deren Herzen entflammt sind von der Liebe Christi. Die Welt zwar nennt solche Menschen Enthusiasten. Aber welche Toren sind die Menschen, dass sie solch' goldenes Wort als ein Scheltwort gebrauchen! Denn Enthusiasmus heißt auf Deutsch: „Gott im Menschen!“ Es heißt, dass Gott in uns wohnt, ja die ganze Gottesfülle. Es heißt getauft sein mit dem Geist, eingetaucht in seine allmächtige Kraft. Wir versunken in Ihn Er versunken in uns; Er in uns wohnend, wir in Ihm wohnend, als in unserm natürlichen Elemente. Dahin muss es mit uns kommen. So müssen wir an Christum glauben, dass wir nicht nur selber gerettet sind, sondern auch Werkzeuge werden zur Rettung Anderer. Viele Christen gibt es, die in der Welt umhergehen mit kleinen Hämmern, und hier ein wenig antippen und dort ein wenig. Möchten sie von denen lernen, die ordentliche Schläge führen und den Nagel auf den Kopf treffen. Brüder, wir erwarten, ihr werdet euch so verhalten, dass man euch hören und fühlen kann; dass die Menschen dahin kommen, nachzudenken und zu zittern. Wenn ihr betet, sollten die Pforten der Hölle zittern. Bisweilen gehen Leute so sacht über den Sand am Meeresufer dahin, dass man kaum sagen kann, dass sie da gewesen sind; so sollte es nicht mit uns sein, Geliebte. Wir sollten so kräftig auftreten, dass man weiß, dass wir da gewesen sind - dass wir deutliche Spuren auf dem Sande der Zeit zurücklassen. Bruder Oncken, mögen Sie eine Gemeinde haben, deren Marschtritt ganz Deutschland erbeben macht; deren fester, entschlossener Glaubensgang im Dienste ihres Herrn und Meisters die Hölle erzittern und den Himmel selber Freudenlieder anstimmen macht - in der „Ströme“ des Geistes fließen!
Ist aber hier eine Seele, die bis dahin noch ganz sorglos gewesen und ohne einen Gedanken an die Ewigkeit dahin gegangen ist? Oder ist hier eine Seele, die der Heilige Geist bereits berührt hat? Der rufe ich zu: O, plaudre diese Eindrücke nicht hinweg! Bedenke: Die Zeit fliegt eilends dahin und du magst bald auf dem Bette liegen, wo der Puls schnell geht und die letzten Minuten pfeilgeschwind dahingleiten und das Ticken der Uhr wie Donner in deinen Ohren dröhnt. Seid bereit! Seid bereit! Seid bereit! Denn des Menschen Sohn wird kommen zu einer Stunde, da ihr es nicht meint.“ O denkt daran, ich bitte euch; und wollt ihr bereit sein in der letzten Stunde, so seid jetzt bereit! Der Weg zu Christo, zu eurem Heil und zu eurer ewigen Seligkeit ist einfach. Wenn diese Bibel wahr ist, so ist es kein anderer als der: Glaubet an Christum. Denn wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden. Vertraue auf Christum und du wirst gerettet werden. Die Taufe folgt dem Glauben als der äußere Ausdruck davon, dass man für die Welt tot und ihr begraben ist. Vertraue auf Christum!
Im Kloster auf dem St. Bernhard ist eine Glocke, wie sie sich im Allgemeinen in jedem Hospiz auf den Alpen befindet. Wenn nun der Wind heult und der Schnee dicht fällt, und die Flocken dem Wanderer ins Gesicht gepeitscht werden, so dass er seinen Weg nicht mehr finden kann, so wird diese Glocke gezogen, und nach dem Tone derselben weiß er, welche Richtung er einzuschlagen hat. Ich möchte diese Glocke heute in euren Ohren tönen lassen. O, möchtet ihr heute zu Christo kommen und leben! Könnt ihr aber Christum nicht jetzt schon ergreifen, o, möge euch dann dieser Text als eine Glocke dienen, die, wenn es mit euch aufs Äußerste gekommen ist und ihr euch voller Sünde erkennt, hoch über dem letzten Sturm eures Lebens mit dem köstlichen Klange ertönt: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“
Ich habe gehört, dass zuweilen, wenn eine Karawane in der Wüste all' ihr Wasser erschöpft hat und die Reisenden nicht wissen, wo sie mehr hernehmen sollen - aber Wasser müssen sie haben, sonst sind sie verloren - sie das schnellste Dromedar auswählen, einen Mann auf seinen Rücken setzen und ihn voraussenden, um Wasser zu suchen. Wenn nun dieser Reiter sich eine Strecke entfernt hat, so folgt ein anderer nach, und dann wieder ein anderer und so weiter und weiter fort. Findet nun der erste derselben Wasser, so wendet er sich um und ruft dem zweiten zu: „Komm!“ und der zweite ruft dem dritten zu: „Komm!“ und der dritte sagt zu dem vierten: „Komm!“ und so ruft Jeder: Komm!“ bis die ganze Wüste von dem Rufe „Komm!“ wiederhallt. O, möchte dieses „Komm“ in euren Ohren tönen! Im letzten Kapitel der Offenbarung Johannis hören wir den Geist rufen: „Komm!“ Und die Braut, die Gemeinde, wiederholt den Ruf und spricht: „Komm!“ So möchte auch der, der jetzt zu euch predigt, euch zurufen: „Komm!“ „Und wer es hört der spreche: Komm'! Und wen da dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst!“ Komm' zu Jesu, Sünder, komm'! Er hat das lebendige Wasser, er will dich selig machen! Gott helfe dir, jetzt zu kommen, und dann sei Ihm die Ehre jetzt und in Ewigkeit! Amen.