Spurgeon, Charles Haddon - Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
Eröffnungsrede bei der Konferenz 1882.
Meine lieben Brüder - ich schätze Ihre Gebete sehr, und bin innig dankbar für den Benjaminsteil, der mir immer davon zufällt. Ich war mir nie mehr bewusst, Ihrer Fürbitte zu bedürfen, als ich es grade jetzt bin, denn ich kann mit dem Psalmisten sagen: „Er schwächt auf dem Wege meine Kraft.“ (Ps. 102, 24). Nach meiner schweren Krankheit zittere ich wie ein Kind, das erst anfängt, seine Füße zu gebrauchen; es wird mir schwer, mich aufrecht zu halten; was können Sie von Jemandem erwarten, der kaum zu stehen vermag? Während der letzten sechs Wochen habe ich von Tag zu Tag darüber nachgedacht, was ich Ihnen sagen sollte, aber nichts ist bei meinem Nachdenken herausgekommen. Die Maschinerie meines Geistes ist in Unordnung, mein Gedächtnis ist wie die lecken Eimer der Töchter des Danaus, und deshalb sind meine Meditationen ebenso misslungen, wie die Arbeiten des Sisyphus, wenn der Stein, den er bergauf gewälzt, wieder zurück an seinen Platz rollte. Ich bin zu den Brunnen gegangen und habe kein Wasser gefunden, und bin mit einem leeren Gefäß zurückgekehrt. Mein Gehirn war so in Mitleidenschaft mit dem armen Körper gezogen, dass es nicht fähig war, mit dem Adler sich emporzuschwingen, nicht einmal, seine Flügel zu ordnen, für den niederen Flug, den ich notwendig heute Morgen versuchen muss. Eins indes ist klar, ich stehe in spezieller Verbindung mit meinem Thema, und kann, wie die guten Alten zu sagen pflegten, „aus Erfahrung“ sprechen. Jedoch kann ich nicht viel Hilfe aus dieser Tatsache schöpfen, sondern ich werfe mich auf die göttliche Kraft, die sich so oft in der Schwachheit gezeigt hat. „Der HErr hat an uns gedacht; Er wird uns segnen.“
Ich entnehme mein Thema den Worten Pauli, 2. Kor. 12,11: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Ich werde mich nicht dessen schuldig machen, irgendetwas Neues über diesen Gegenstand zu sagen, ebenso wenig werde ich fähig sein, irgendetwas Kräftiges darüber zu sagen. Die schwache Seite der Erfahrung wird sehr bemerkbar hervortreten: ich kann nur beten, dass die starke Seite nicht ganz verborgen bleiben möge. Mein eignes Gefühl versieht mich mit einem Kommentar zu diesem Text, und das ist die ganze Auslegung, auf die ich abzielen werde. Unser Text steht nicht nur in der Bibel geschrieben, er ist auch eingeschrieben in dem Leben der Heiligen. Obgleich wir keine Apostel sind, und niemals fähig sein werden, die Inspiration des Paulus zu beanspruchen, so sind wir doch in diesem Einen besonderen Punkt ebenso wohl unterrichtet, wie er es war, denn wir haben durch Erfahrung gelernt, „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Dieser Satz ist ein christliches Sprichwort geworden: es ist ein Paradoxon, das aufgehört hat, ein Kind Gottes in Verwirrung zu setzen: es ist zu gleicher Zeit eine Warnung und eine Tröstung, es heißt den Starken die Schwäche der Macht anschauen, und es stellt dem Kraftlosen die Stärke der Schwachheit vor Augen.
Möge es gleich zu Anfang verstanden werden, dass unser Text nicht in jedem Sinne wahr ist, in dem er gelesen werden kann. Einige Brüder sind schwach, emphatisch so, und immer so; aber ich habe noch niemals entdeckt, dass sie stark sind, außer in dem Sinne, dass sie hartnäckig1) und eigensinnig sind. Wenn Halsstarrigkeit Stärke ist, dann sind sie Helden; und wenn Dünkel Stärke ist, so sind sie gigantisch; aber in keiner andern Hinsicht sind sie stark. Viele sind schwach, und doch nicht stark: „wir müssen in Betreff ihrer den Text ändern, und sagen: „Wenn sie schwach sind, so sind sie die Schwachheit selbst.“ Es gibt eine Art Schwäche, die wir wohl fürchten mögen, sie kann uns ganz unmerklich beschleichen; aber sie bringt keine Stärke, keine Ehre, keine Tugend mit sich; sie ist böse, nur böse, und das beständig. Mit ihr kommt Untauglichkeit für heiligen Dienst und Mangel an Erfolg, und wenn die Gnade des Unendlichen nicht das Unheil abwendet, so folgen Fehltritte, und das Leben wird ein ruiniertes werden. Mögen wir niemals die Schwachheit kennen, die Simson befiel, nachdem er sein Geheimnis erzählt und seine Locken verloren hatte. Er konnte nicht sagen, „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark“, sondern eher, „Wenn ich geschoren bin, so bin ich schwach wie andre Menschen.“ Sehen wir, was ihn befällt! „Philister über dir!“ Er kann sie jetzt nicht schlagen; er kann nicht seine eignen Glieder schützen; er kann nicht seine eignen Augen behüten; er kann nicht seine eigene Freiheit erlangen. Geblendet arbeitet er an der Mühle; der Held Israels ist ein Sklave der Unbeschnittenen geworden! Ach, dass solche Schwachheit bei einem Manne möglich sein konnte, der seine Tausende erschlagen und sie Haufen auf Haufen geschichtet hatte! O, dass solche Schwachheit bei einem Manne möglich sein konnte, der die Tore von Gaza auf seinen Schultern davon getragen hatte, Pfosten und Riegel und alles! Und doch ist es so, und kann so mit uns sein. „Heult, ihr Tannen, denn die Zedern sind gefallen.“ Brüder, wir müssen gegen alle Schwachheit ankämpfen, die zur Sünde führt, damit nicht auch uns irgendeine Delila Verderben bringt. Simsons ungeschorene Locken bedeuteten seine nasiräische Weihe, und wenn wir je schwach werden durch den Verlust unsrer Weihe, so wird solche Schwachheit verhängnisvoll für unsre Wirksamkeit sein. Wenn der Mann, der „nichts Eigenes und Alles von Gott“ hatte, niederwärts wächst, bis er „etwas Eigenes und etwas von Gott“ verlangt, so ist er in traurigem Zustande. Wenn der, welcher einst lebte, um Seelen zu gewinnen, nun lebt, um Silber und Gold zu gewinnen, so wird er und sein Geld umkommen; wenn der, welcher einst geehrt war um seines Herrn willen, sein eigner Herr wird, so wird er ehrlos sein; denn ich bin gewiss, dass, selbst wenn wir nichts Unrechtes in den Augen der Menschen tun, es doch Unrecht genug ist, wenn wir Gott nicht mehr so mit ganzem Herzen dienen, wie früher. Dies ist es, worüber Dämonen lachen und Engel staunen; ein Mann Gottes, der lebt wie ein Mann der Welt! Sogar der Herr selber bleibt eine Weile stehen, um zu fragen: „Was tust du hier, Elia?“ Die Heiligen und die Eifrigen trauern, wenn sie einen Diener Gottes seinem eignen Ehrgeiz dienen sehen. Wir sind nur stark in dem Maße, wie unsre Weihe vollkommen ist. Wenn wir nicht ganz für Gott leben, so wird unsre Stärke einen bedeutenden Abbruch erleiden, und unsre Schwachheit wird von der Art sein, welche den Gläubigen erniedrigt, bis der Gottlose verächtlich fragt: „Bist du auch schwach geworden wie wir? Bist du geworden gleich wie wir?“
Wir müssen, liebe Freunde, niemals schwach werden in einem andern Sinne, nämlich in unserer Gemeinschaft mit Gott. David ward lässig im Umgang mit Gott, und Satan besiegte ihn durch Bathseba; Petrus folgte von ferne, und verleugnete bald seinen HErrn. Gemeinschaft mit Gott ist der rechte Arm unsrer Stärke, und wenn dieser zerbrochen ist, sind wir schwach wie Wasser. Ohne Gott können wir nichts tun, und in dem Maße, in dem wir versuchen, ohne Ihn zu leben, ruinieren wir uns. Ach! dass der, welcher das Angesicht des Mächtigen gesehen hat und stark gemacht worden ist, vergessen kann, wo seine große Stärke liegt und deshalb krank und schwach werden! Wer seine Besuche bei den Festmahlen geheiligter Gemeinschaft eingestellt hat, wird schlecht gespeist werden, und ausrufen: „Wie bin ich aber so mager! Wie bin ich aber so mager! Wehe mir!“ Der, welcher nicht mit dem Heiland wandelt, wird bald ein Mephiboseth an den Füßen und ein Bartimäus an den Augen sein; furchtsam im Herzen, und zitternd in den Knieen. Wenn wir schwach sind in Gemeinschaft mit Gott, so sind wir überall schwach. Wenn ein Mann stark sein kann ohne Gott, so mag solch' gefährliche Stärke das Loos des Mannes sein, der ohne Gemeinschaft mit Ihm ist; aber wenn es wahr ist, dass wir nur so weit stark sind, als wir an dem HErrn hangen, dann wird abgebrochene Verbindung bald gebrochene Stärke bringen.
Und, lieben Freunde, es gibt eine Art Schwachheit, die, wie ich hoffe, Keiner von Ihnen je kultivieren wird, obgleich sie heutzutage viel Beifall findet, nämlich, Schwachheit des Glaubens; denn wenn ich schwach im Glauben bin, dann bin ich nicht stark in dem HErrn. Wenn ein Mensch an seinem Gott zweifelt, so schwächt er sich selber. Vor einiger Zeit wurden Leute, die voll Misstrauen und Unglauben waren, als im Besitz tiefer Erfahrung betrachtet; aber ich hoffe, die Zeit ist für immer vorüber, in der Unglaube als eine Befähigung zu außerordentlicher Heiligkeit betrachtet wird. Wenn die Botschaft des Evangeliums lautete, „Wer da zweifelt und nicht getauft wird, der wird selig werden“, dann gäbe es Viele, die ihren Beruf und Erwählung fest gemacht; aber da unser Evangelium eins des Glaubens ist, so kann Unglaube nie mit Wohlgefallen betrachtet werden. Der Glaube ist unsre Streitaxt und Kriegswaffe; wehe dem Krieger, der sie vergisst. Deshalb, Brüder, wollen wir unterscheiden zwischen Schwachheit und Schwachheit, - der Schwachheit, welche das Zeichen der Stärke ist, und der Schwachheit im Glauben, welche das Anzeichen geistlichen Verfalles ist.
Ich bete, dass wir niemals schwach in der Liebe sein mögen, sondern, dass wir wie Basilius „Feuersäulen“ werden möchten. Die Liebe ist die größte aller Mächte, welche die menschliche Brust in Besitz nehmen können. Ich darf nicht die Liebe mit andern Gnaden so vergleichen, dass ich irgendeine Tugend unterschätze; dennoch ist von allen tätigen Mächten die Liebe die kräftigste; denn selbst der Glaube wirkt durch Liebe. Der Glaube überwindet nicht die Herzen der Menschen für Jesum, ehe er diese wunderbare Waffe nimmt, und die Menschen dann zu Christo liebt. O, dass wir eine leidenschaftliche Liebe hätten, eine Liebe, die eine reine Flamme ist und bis zur weißen Hitze brennt und uns verzehrt. Möge diese Flamme so recht im Mittelpunkte unsers Wesens brennen! Mögen wir unsern Gott inbrünstig lieben, und die Menschen um Seinetwillen! Brüder, seien Sie stark hier! Verlassen Sie sich darauf, wenn Sie aufhören, die Leute zu lieben, denen Sie predigen, und die Wahrheit, zu deren Verkündigung Sie verordnet sind, so wird der Zustand Ihrer Gemeinde sein, als wenn ein Fahnenträger sinkt. Es mag Ihnen Stärke eines leidenschaftlichen Temperaments bleiben, Stärke zu beleidigen und Stärke zu zerstreuen; aber die Kraft Gottes wird Ihnen entzogen werden. Sie werden wie Phaeton die Rosse an den Sonnenwagen binden, aber diese werden nur umso schneller mit Ihnen ins Verderben eilen.
Wir wünschen, Brüder, o, wie schmachten wir danach, von aller Schwäche des geistlichen Lebens befreit zu werden. Wir wünschen, über die Schwäche hinauszuwachsen, die uns als Kindern in Christo natürlich ist, so dass wir Jünglinge werden, die stark sind; ja wir müssen noch weiter gehen und völlig ausgewachsene Männer in Christo Jesu werden, „stark in dem HErrn und in der Macht Seiner Stärke.“ Wenn wir in dieser Hinsicht schwach sind, so sind wir nirgends stark. Als Prediger sollten wir nach aller geistlichen Kraft streben, die Gott verleihen will. Wollte Gott, dass der Heilige Geist, der in uns wohnt, nichts in uns fände, das Ihn hinderte, und nichts, was Seine Einflüsse zurückhielte! O, dass die volle Gottheit des Heiligen Geistes sich ebenso sehr in diesen unsern sterblichen Körpern offenbaren möchte, wie einst die Gottheit der zweiten Person sich in der Person Jesu Christi, des Menschensohnes, offenbarte. Ich meine natürlich nicht, in wunderbarer oder in irgendeiner Weise, die uns der unmittelbaren Herrlichkeit unsers göttlichen Meisters gleichstellte; aber ich wollte, dass unsre Natur in ihrer ganzen Fülle, wie der Busch am Horeb, von der inwohnenden Gottheit erglühte. Es täte nichts, wenn der Busch verzehrt würde; es wäre gut, verzehrt zu werden, so lange der Geist Gottes nur in uns wohnen und Seine Macht offenbaren wollte.
So, sehen Sie, gibt es Bedeutungen, in welchen wir dem Texte geradezu widersprechen, und dadurch seine wahre Bedeutung feststellen. Wenn es wahr wäre, dass Alle, die schwach sind, stark sind, so könnten wir sofort kräftige Prediger finden, indem wir unsere Hospitäler durchsuchten, eine Truppe aus unsern Idiotenanstalten anwürben und Alle zusammenriefen, die einen schwachen Kopf und eine geschwätzige Zunge haben. Nein, nein, die Furchtsamen und die Ungläubigen, die Närrischen und die Leichtsinnigen dürfen nicht beanspruchen, dass ihre geistigen, sittlichen und geistlichen Schwächen eine passende Schaubühne für die Entfaltung der göttlichen Stärke sein sollen.
Eine zweite Beobachtung muss Ihnen vorgelegt werden, ehe ich wirklich zum Texte komme. Es gibt eine andre Form desselben, welche augenscheinlich wahr ist. „Wenn ich stark bin, so bin ich schwach.“ Das ist wahr, fast so wahr, als: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark“, natürlich, nicht wahr in jedem Sinne, aber so nahezu richtig, dass ich empfehlen möchte, es als ein Sprichwort anzunehmen, das würdig ist, mit dem Text zugleich angeführt zu werden. Sehen Sie den Neuling an, der soeben begonnen hat, in einer Dorfkapelle oder einem Missionslokal zu predigen, und bewundern Sie sein unbegrenztes Vertrauen auf seine eigne Kraft. Er hat gewisse Anekdoten und schlagende Metaphern gesammelt, und er trägt diese vor, als wären sie die Summa Theologica, Kern und Stern aller Weisheit. Er spricht geläufig und energisch, obgleich nichts darin ist. Sehen Sie ihn mit den Füßen stampfen und die Fäuste ballen! Er ist „eitel Wunder für Viele“, denn sie sehen keine genügende Ursache für sein gewaltiges Selbstvertrauen. Vielleicht kommt er zum College; er tritt in den Hörsaal ein mit dem Gefühl, dass diesmal ein Mann den Boden des College betreten hat. Die Bewohner Londons sollen wissen, dass wahrlich ein Prophet unter ihnen aufgestanden ist. Wir hören von diesem Herrn sehr bald, denn er wird nicht gewürdigt; seine Brüder wollten nicht „eine kleine Weile fröhlich sein von seinem Licht“; sie zeigten sogar eine Neigung, ihn auszuputzen. Doch, wie vollkommen selbstzufrieden ist er! Ich habe einen solchen Bruder gehört, wie er sich über gar Nichts ungemein weitläufig verbreitete, und dann niedersaß, bis an den Rand voll Zufriedenheit. Ich habe ihn beinahe beneidet, und ganz und gar bedauert! Mancher tüchtigere Mann weint über seine Mängel, während diese arme Seele ihre Triumphe bewundert. Wie Cowpers arme Fromme, „Ihr ganzer Reichtum, Spul' und Kissen,“ - Dies, und nichts weiter tut er wissen: - seine Fähigkeit glänzend und seine Kenntnisse reich! Wie selbstzufrieden ist er! Aber er ist dennoch nicht stark. Fürchteten Sie ihn, als Sie zuerst mit ihm in Berührung kamen? Betrachteten Sie ihn als einen Eisendampfer, gänzlich undurchdringlich? Die Täuschung währte nicht lange. „Der Mensch in seiner Würde bleibt nicht.“ (Ps. 49,13). Wenn ich mich recht erinnere, so begannen Sie im Hörsaal Ihre Schnäbel an diesem Kriegsschiffe zu versuchen. Sie fanden, dass es doch nur ein hölzernes Schiff war. Es ist eine grimme Freude darin, den Mächtigen stürzen zu sehen; und diese ward Ihnen zu Teil. Wir fühlten ein gewisses Vergnügen, den großen Mann Unze nach Unze seine gerühmte Kraft verlieren zu sehen, bis er völlig starb. Wir begruben nie den Körper des Ruhmredigen, denn wir wussten niemals genau, was daraus geworden war; aber wir waren froh, an seiner Stelle einen schüchternen Jüngling zu finden, welcher der Aufmunterung bedurfte, um sich nicht gar zu gering zu schätzen, - eine demütige Seele, welche der Herr zu Seiner Zeit erhöhte. Als er sich seiner Schwäche bewusst ward, da ward er stark, und nahm wahr, dass er in vielen Stücken schwach gewesen, als er in seiner eignen Meinung stark war.
Seit wir die Bänke des College verlassen, haben wir viele starke Männer gesehen. Ich meine, ich sehe einen sich in seinem Studierzimmer niedersetzen. Er hat die Kritiken und Vierteljahrsschriften gelesen, und ein wenig von dem Neuesten des modernen Denkens: nun sucht er einen Text. Er versteht ihn vollkommen, was es auch für einer sein mag. Jedenfalls, wenn er ihn nicht versteht, wer denn? Wenn er auf seinen Text fällt, so legt er ihn aus, und wünscht durchaus nicht zu wissen, was die Männer Gottes, die vor ihm gelebt haben, davon gesagt, denn sie waren in einem finstern Zeitalter, und er lebt im neunzehnten Jahrhundert, dieser Welt der Wunder, dieser Region der Weisheit, dieser Blüte und Krone aller Zeiten. Nun werden Sie sehen, was Sie sehen werden, wenn dieser gebildete Theologe aus seiner Kammer hervortritt gleich einem Riesen, erfrischt vom neuen Wein. Kein Tau des Geistes Gottes ist auf ihm, er hat ihn nicht nötig; er trinkt aus andern Quellen. Er spricht mit erstaunlicher Kraft, sein Stil ist süperbe, seine Gedanken wunderbar! Aber er ist ebenso schwach, wie glatt, ebenso kalt, wie anmaßend: Fromme und Sünder nehmen gleichermaßen seine Schwäche wahr, und allmählig bestätigen die leeren Bänke sie. Er ist zu stark, um vom HErrn gestärkt, und deshalb zu schwach, um der Gemeinde ein Segen zu werden. Er sucht einen andern Wirkungskreis, und einen andern, und noch einen, aber in keiner Stellung ist er mächtig, denn er ist zu stark in sich selber. Sein Predigen ist wie ein gemaltes Feuer, keiner wird dadurch erwärmt oder auch erschreckt. Wir haben andre Männer gekannt, die nicht so stark waren und fühlten, dass sie das Wort Gottes nicht einmal verstehen könnten ohne göttliche Erleuchtung, und die den großen Vater des Lichts um Erleuchtung baten: zitternd und furchtsam haben sie um Hilfe gebeten, nach dem Sinne Gottes zu sprechen und nicht nach ihrem eignen, und Gott hat durch sie gesprochen, und sie sind stark gewesen. Sie waren schwach, denn sie fürchteten, dass ihre Gedanken den Gedanken Gottes im Wege stehen könnten, und waren bange, dass ihre Meinung das Wort Gottes verdunkeln könnte; und doch sind sie wahrhaft stark gewesen, und demütige Leute haben ihnen zugehört und gesagt, dass Gott durch sie spräche; und Sünder haben zugehört, und obgleich sie zornig geworden, sind sie doch wiedergekommen, und haben sich zuletzt Christo ergeben. Wahrlich, Gott sprach durch solchen Mann; er hatte weder Sturm noch Erdbeben, noch Feuer, aber er war eine sanfte, leise Stimme2), und der HErr war in ihr.
Ich habe Prediger gekannt, die sehr schwach waren, und doch gebrauchte der HErr sie. Viele, viele Jahre lang war mein eignes Predigen außerordentlich peinlich wegen der Furcht, die mich überfiel, ehe ich auf die Kanzel trat. Oft war meine Angst, vor der Versammlung aufzutreten, eine überwältigende. Sogar das physische Gefühl, das aus der geistigen Bewegung entsprang, war schmerzhaft; aber diese Schwachheit ist mir eine Schule gewesen. Ich schrieb vor vielen Jahren an meinen ehrwürdigen Großvater, und teilte ihm vieles mit, was mir vor dem Predigen widerführe, körperliches Unwohlsein und entsetzliche Furcht, die mich oft wirklich krank machte. Der alte Herr schrieb zurück: „Ich habe sechzig Jahre lang gepredigt, und fühle immer noch viel Zittern. Sei zufrieden, dass es so ist; denn wenn deine Bewegung schwindet, so wird deine Kraft geschwunden sein.“ Wenn wir predigen, und es für nichts halten, so halten unsre Hörer es auch für nichts, und Gott wirkt nichts dadurch. Ein überwältigendes Gefühl von Schwäche sollte nicht als ein Übel betrachtet, sondern als Hilfe für den wahren Diener Christi aufgenommen werden.
Blicken Sie auf den Prediger, der keine Bürden hat. Seine Predigt ist in seiner Tasche; es kann ihr kein Schade geschehen, ausgenommen, wenn ein Dieb sie stehlen sollte; er hat seinen ganzen Vortrag einprobiert, er ist so sicher wie ein Automat. Er hat es nicht nötig, zu beten, dass der Geist Gottes ihm beim Predigen helfen möge, und obgleich er sich dieser Form bedient, so wundert man sich doch, was das Gebet wohl bedeute. Er überblickt die Versammlung mit dem Wohlgefallen eines Gärtners, der ein Blumenbeet übersieht. Er hat etwas zu sagen, und er weiß, was es sein wird, jedes Wort davon, und deshalb sagt er es mit Leichtigkeit, und kommt die Treppe herunter, so zufrieden mit sich selbst, wie das Herz nur wünschen kann: der Gedanke an Zittern liegt ihm ganz fern, er ist nicht so schwach.
Dort ist ein armer Bruder, der sein Gehirn angestrengt, auf den Knien gerungen und im Herzen geblutet hat; er ist halb bange, dass er in der Predigt stecken bleiben wird, und er fürchtet, die Herzen der Hörer nicht zu erreichen; aber er will versuchen, was mit der Hilfe Gottes getan werden kann. Seien Sie gewiss, dass er die Hörer anfassen und dass Gott ihm Bekehrte geben wird. Er blickt zu Gott auf, denn er fühlt sich so schwach in sich selbst. Sie wissen, welchen von den beiden Predigern Sie am liebsten hören würden; und Sie wissen, wer der wahrhaft starke von den Zweien ist; der Schwache ist stark, und der Starke ist schwach. Ein amerikanischer Theologe, der sehr viele Dinge sagt, die weise sind, und ein paar, die anderer Art sind, sagt, die beste Vorbereitung zum Predigen sei, eine gute Nachtruhe zu haben, und ein gutes Frühstück zu genießen. Nach seiner Meinung ist eine gute Konstitution eine sehr wirksame Hilfe, das Evangelium zu predigen. Wenn Sie nichts von Kopfweh wissen, und nichts von Herzweh, und niemals irgendeiner Sache gestatten, das Gleichgewicht Ihrer Seele zu stören, so mögen Sie erwarten, ein Prediger mit großem Erfolg zu sein. Es mag so sein. Ich möchte nicht Gesundheit, Appetit, ein elastisches Gemüt und einen guten Schlaf vor dem Sonntag unterschätzen; aber diese Dinge sind nicht alles, noch sind sie viel. Mens sana in corpore sano3), ja, gewiss; aber wo man sich darauf sehr verlassen hat, da hat es sich in schönen Gefühlsaufregenden4) Predigten entfaltet; aber, Brüder, ich zweifle, ob die nächste Generation sagen wird, dass es sich fruchtbar in geistlicher Lehre, welche die Seele nährt und das Gewissen bewegt, erwiesen habe. Viele der edelsten Erzeugnisse unserer Predigtliteratur sind von Männern, die geduldig Leidende waren. Männer, die das rührendste Pathos gehabt, das tiefste geistliche Leben, den wunderbarsten Einblick in die Tiefen Gottes, haben oft wenig von leiblicher Gesundheit gewusst. Calvin litt an vielen schweren Übeln. Werden wir je seines Gleichen sehen? Robert Hall war selten frei von Schmerz. Wer sprach je herrlicher? Und hier möchte ich einen nennen, den wir alle lieben, Stanford5), der milder und milder wird, wie er schwächer und schwächer wird, und der umso klarer sieht, nun da seine Augen trübe werden. Meine Brüder, physische Kraft ist nicht unsere Stärke, sie mag unsere Schwäche sein. Gesundheit ist zu wünschen, und sorgfältig zu bewahren, wenn wir sie haben; aber wenn wir sie verlieren, so mögen wir es eitel Freude achten, und hoffen, dass wir mit Paulus werden ausrufen können: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ In der einen oder andern Art müssen wir geprüft werden. Ein Prediger, der kein Kreuz zu tragen hat, ein Prophet des HErrn ohne eine Last, ist ein unnützer Knecht und eine Last für die Gemeinde.
Es wäre furchtbar, ein Pastor ohne Sorgen zu sein; ich spreche zu keinem solchen, wie ich so glücklich bin, zu glauben; aber ich spreche zu Einigen, die als Pastoren, überladen mit Sorgen und überbürdet mit Schmerzen sind. Vielleicht ist Ihnen die Größe Ihrer Gemeinde, oder noch wahrscheinlicher, die Kleinheit derselben eine tägliche Sorge. Verlangen Sie nicht, anders als sorgenvoll zu sein. Der Hirte, der immer regelmäßig zu Bett gehen kann, und im Stande ist, zu sagen: „Ich habe nicht viel Sorge um meine Herde,“ ist kein beneidenswerter Mann. Er sagt kühl: „Einige Lämmer starben letzten Winter; dergleichen müssen wir erwarten. Es ist wahr, dass einige Schafe Hungers starben; aber wenn die Wiesen kein Gras haben, so kann ich das nicht ändern.“ Das ist die Art von Hirten, die verdient, von dem nächsten Wolf gefressen zu werden; aber der, welcher mit Jakob sprechen kann: „Des Tags verschmachtete ich vor Hitze und des Nachts vor Frost,“ ist der wahre Hirte. Er ist in seiner Ruhe sehr unregelmäßig; das einzige Regelmäßige bei ihm ist seine Arbeit und seine Enttäuschung und doch macht der Glaube ihn zu einem glücklichen Mann. Wenn Sie als Pastor sehr schwach werden, und Ihr Amt Sie ganz niederdrückt, beklagen Sie nicht solche Schwäche, denn dann werden Sie in Ihrer vollen Kraft sein; aber wenn Sie als Pastor stark sind, und sagen: „Ich meine, es ist eine leichte Sache, Pastor zu sein,“ so mögen Sie sich darauf verlassen, dass Sie schwach sind.
Erlauben Sie mir hier zu sagen, dass wenn immer ein Bruder so stark wird, dass er viel von seiner eigenen Heiligkeit redet, er auch dann schwach ist. Ich habe noch nicht bemerkt, dass Jemand, der Gnade genug hatte, um Fahnen daraus zu machen, mehr Siege in Folge davon gewonnen hat. Soweit es mich betrifft, habe ich aller meiner Gnade bedurft, um ein Schwert daraus zu machen; ich habe all meiner Kraft zum wirklichen Kampf bedurft; aber ein einziges Banner zu machen, um es vor Menschen zu entfalten, das habe ich noch nicht erreicht, und muss eine sehr niedrige Stellung unter den Dienern Gottes einnehmen. Coleridge ward einst gefragt, ob er an Geister glaube, und sagte, nein, er täte es nicht, denn er hätte deren zu viele gesehen. Wenn irgend Jemand mich fragte, ob ich an vollkommene Menschen glaube, so würde ich sagen müssen, dass ich zu viele von ihnen gesehen habe, um an sie zu glauben. Ein Geist ist ein wunderbares Ding, und wenn wir ihn zum ersten Male sehen, so macht er jedes Haar auf unserm Haupte „sich sträuben, wie die Stacheln des zorn'gen Stachelschweins.“ Aber dies geschieht nicht das zweite Mal, denn ein Verdacht von einer hohlen Rübe und einem Licht beschleicht uns. Wir hörten neulich von Jemand, der sogar gewagt hatte, Karmin über einen Geist zu gießen, der aus der ungeheuren Tiefe heraufbeschworen war bei einer Séance. Ich habe zuweilen gewagt, einem vollkommenen Manne zu widersprechen, und die Wärme seines Temperaments ist mir ein Beweis gewesen, dass er, während er am Rande der Vollkommenheit unter seinen Freunden gewesen sein mag, doch noch nicht ganz diese Vollendung erreicht hatte, wenn er dem kälteren Urteil Fremder ausgesetzt war. Der, welcher Vollkommenheit beanspruchte, hat mich gewöhnlich vermieden, weil er keinen Geschmack an meinem Protestantismus gegen seine Heiligkeit fand; und ich habe mein Loos nicht beweint. Ich liebe nicht die Vollkommenheit, die von sich selber redet. Es ist wenig Tugend in der Schönheit, welche auf sich selbst aufmerksam macht: bescheidene Schönheit ist die letzte, die ihre eigenen Reize erhebt. Eine Anzahl von Personen rühmten in einer Gesellschaft ihre Gnaden und erreichten Vorzüge, und nur Ein Bruder saß schweigend da. Zuletzt fragte ihn Jemand: „Haben Sie keine Heiligkeit?“ „Ja“, erwiderte er, „aber ich hatte nie eine, um damit zu prahlen.“ Alle Heiligkeit, die zu haben ist, lassen Sie uns haben, und lassen Sie uns trachten nach Vollkommenheit; aber wir wollen immer dessen gedenken, dass wir, wenn wir stark sind, schwach sind, dass, wenn wir denken, wir hätten Vollkommenheit erreicht, der Schimmel des Stolzes sich über uns lagert. Wir haben keine vollständige Prüfung unserer selbst vorgenommen, sonst hätten wir irgendeinen Fehler zu bereuen gefunden, irgendein Übel zu bekämpfen.
Bisher sind wir um den Text herum gegangen, nach dem Beispiel von Rowland Hill; nun wollen wir zu demselben hinan kommen. „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“
I.
Hier ist zuerst, eine niederdrückende Erfahrung. „Wenn ich schwach bin:“ wann ist das? Gewiss, wir sind es immer. Gibt es je eine Zeit, wo der stärkste Christ nicht vergleichungsweise schwach ist? Aber es gibt Zeiten, wo wir uns der Schwäche bewusst sind. Nehmen Sie den Paulus als eine Illustration. Er ward entzückt bis in den dritten Himmel, aber er konnte Offenbarungen nicht so gut tragen wie Johannes, der deren so viele hatte, dass er ein Buch damit füllen konnte, und doch niemals sich dessen überhob; doch Paulus eignete sich nicht so gut zum Seher, denn er war mehr in Argumenten zu Hause, als in Visionen, und wenn er eine Vision sah, so legte er deshalb großes Gewicht darauf. Er behielt sein Geheimnis fünfzehn Jahre lang; aber es war etwas so Merkwürdiges für ihn, und so ganz außerhalb seines gewöhnlichen Kreises, dass die Tendenz in ihm war, sich der hohen Offenbarung zu überheben; und deshalb sandte der HErr, nicht Satan, sondern „einen Boten Satans,“ einen niedrigen, verächtlichen Geist, nicht um gegen ihn mit Schwert und Harnisch zu kämpfen, sondern ihn mit Fäusten zu schlagen,“ wie Knaben es mit ihren Spielkameraden tun. Haben Sie nie ein unbedeutendes Ding gehabt, was Sie geärgert hat, wie eine Fliege, die um uns herum summt? Haben Sie das Leiden nicht ungemein quälend gefunden, und doch klein und geringfügig? Sie hätten sich gürten können, um es mit einem Löwen aufzunehmen, aber dies Leiden war nur ein kläffender Köter, und es reizte Sie bis zum Äußersten und verursachte Ihnen Schmerz. Paulus beschreibt sein Leiden nicht als den Schnitt eines Schwertes, sonst würde er ihn verbunden haben, es war nur das Stechen eines Dorns6), er konnte kaum die Ursache des Schmerzes sehen, sonst würde er eine Nadel genommen und sie herausgezogen haben; es war ein kleiner Dorn, der sich ins Fleisch vergraben hatte und dort schwärte. Dies war die Plage des Paulus, und sie war gesandt, um ihn demütig zu halten. Paulus hätte sich des Ringens mit dem Teufel rühmen können; aber dies war eine elende Quälerei. Mit einer großen Versuchung zu kämpfen und sie zu Boden zu werfen, darin ist eine Erhabenheit, die uns begeistert; aber es ist etwas sehr Verschiedenes, wenn wir von einer Sache zu leiden haben, die so gering ist, dass wir uns selbst verachten, weil wir davon Notiz nehmen, und die doch unsere Seele beunruhigt. Man sagt zu sich selbst: „Wie schwach bin ich! Warum bin ich so gereizt und geplagt? Wenn ein Anderer halb so viel Lärm über einen Dorn machte, so würde ich sagen: Du solltest dich besser benehmen; und hier bin ich, ein Prediger des Evangeliums, sehr gequält durch ein Geringfügiges, und habe dreimal den HErrn gefleht, es hinwegzunehmen, denn ich kann es nicht tragen.“ Geraten wir je in solchen Zustand? Ich möchte, dass wir zu solcher Zeit unsere völlige Schwachheit bekennten und uns auf Gott würfen, denn dann würden wir stark gemacht werden.
Dieses Schwären des Dorns plagt nicht uns Alle, weil es nicht Allen geschieht, dass sie Gesichte sehen; aber viele Diener Gottes müssen ihre Schwachheit in anderer Weise empfinden, durch ein niederdrückendes Gefühl der Verantwortlichkeit. Brüder, ich spreche zu Ihnen, als zu weisen Männern, die mich nicht missverstehen werden. Ich hoffe, Sie werden immer Ihre Verantwortlichkeit vor Gott fühlen, aber treiben Sie dieses Gefühl nicht zu weit. Wir können unsere Verantwortlichkeit so tief fühlen, dass wir unfähig werden, sie zu tragen; sie kann unsere Freude verkrüppeln und Sklaven aus uns machen. Haben Sie keine übertriebene Ansicht von dem, was der HErr von Ihnen erwartet. Er wird Sie nicht tadeln, wenn Sie das nicht tun, was über Ihre geistige Kraft oder Ihre körperliche Stärke hinaus liegt. Es wird von Ihnen gefordert, dass Sie treu sind, aber Sie sind nicht verpflichtet, Erfolg zu haben. Sie sollen lehren, aber Sie können die Leute nicht zwingen, zu lernen. Sie sollen die Dinge deutlich darlegen, aber Sie können nicht fleischlichen Menschen ein Verständnis geistlicher Dinge geben. Wir sind weder der Vater, noch der Heiland, noch der Tröster der Kirche. Wir können nicht die Verantwortlichkeit für das Universum auf unsere Schultern nehmen. Während wir uns mit eingebildeten Verpflichtungen quälen, können wir unsere wirklichen Obliegenheiten vielleicht übersehen. Ich könnte niedersitzen und nachdenken, bis ich die Verantwortlichkeit für das ganze südliche London auf meinem Rücken fühlte, und das würde mich unfähig machen, für meine eigene Gemeinde zu sorgen. Was ist das tatsächliche Resultat, wenn Sie, als Sin Mann, sich für das Werk von zwanzig Männern verantwortlich machen? Werden Sie darum mehr tun? Werden Sie es besser tun? Ich sah heut Morgen ein Pferd, das eine drei-Pferde-Last zog. Wie es schleppte! Wie es sich anstrengte! Ich dachte bei mir selber, hier wird ein gutes Pferd verdorben. Sein Herr sollte einen Teil der Last abnehmen oder mehr Pferde anspannen, um mit ihm zu ziehen. Behandelt unser HErr und Meister uns auf solche Weise? Nein; wir überladen uns selber. Wir mühen uns ab, als wenn das Heil der Welt davon abhinge, dass wir uns zu Tode arbeiteten. Nun, ich möchte nicht, dass Sie aufhörten, ein richtiges Maß von Verantwortlichkeit zu fühlen; aber doch, Sie sind nicht Gott, und Sie stehen nicht an Gottes Stelle; Sie sind nicht die Lenker der Weltregierung, und Sie sind nicht zu alleinigen Verwaltern des Gnadenbundes erwählt; deshalb handeln Sie nicht so, als wenn Sie es wären. Aber, lieben Brüder, nachdem ich so viel zur Warnung gesagt habe, damit ich keinen von Ihnen zur Verzweiflung bringe, lassen Sie mich jetzt sagen: hat Jemand von uns das volle Maß seiner Verantwortlichkeit gefühlt? Wenn ein solcher hier ist, so möge er sprechen; aber ich werde ihm nicht glauben. Wir haben nicht getan, was wir getan haben sollten, was wir getan haben könnten, was wir getan haben müssten, noch, was wir künftig in Gottes Kraft tun werden. Vielleicht haben wir alles getan, was von uns erwartet wurde, der Quantität nach, aber wie steht es mit der Qualität? Es mag sein, dass wir bei genug Versammlungen zugegen gewesen sind und Predigten genug gehalten haben; aber dann, ist dies in einem apostolischen Geiste gewesen und haben wir Nacht und Tag mit Tränen die Menschen gewarnt, und sie gebeten und ermahnt wie im Angesichte Gottes? Unsere Verantwortlichkeit, wenn sie gründlich gefühlt wird, zermalmt uns, und dann sind wir in der Tat schwach; aber diese Schwäche ist der Weg zur Stärke. „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“
Und fühlen wir uns nicht oft schwach, in der Empfindung, dass wir gänzlich untauglich sind, überhaupt Prediger zu sein, um unserer Sündigkeit willen? Paulus sagte von seinem Beruf zum Predigtamt: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte.“ Wir können es auch sagen; und doch fühlen wir zuweilen, als wenn wir nicht mehr für Christum sprechen wollten, und wir würden in Schweigen versinken, wäre es nicht, dass Sein Wort wie Feuer in unsern Gebeinen ist, und wir es nicht zurückhalten können. Dann denken wir, dass wir weggehen wollen nach dem fernen Westen, und in irgendeiner Blockhütte ein paar Kinder den Heilsweg lehren, denn wir fühlen uns nicht für Höheres tüchtig. Unsere Mängel und unsere Fehler starren uns außer Fassung, und dann sind wir peinlich schwach; aber auch dies ist der Hochweg zur Stärke: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“
Zuweilen werden wir niedergedrückt und schwach, weil unser Wirkungskreis besonders schwierig scheint. Dies ist nicht die Zeit, auf die eigentümlichen Schwierigkeiten unserer Pastorate einzugehen. Prediger in London könnten Geschichten erzählen, die Sie in Staunen setzen würden, denn sie sehen Dinge, die ihnen Tag und Nacht eine Bürde sind. Was unsere Brüder vom Lande betrifft, wie viel haben Einige von ihnen ertragen müssen! Sie können die Diakonen und die Gemeinde durchaus nicht von der Stelle bringen; aber vielleicht wünschen die Diakonen, sie von der Stelle zu bringen; sie können die Leute nicht erreichen, und obgleich sie ihr Herz auspredigen, so predigen sie vor leeren Bänken. Wenn wir gewisse Männer nur in die Stellen bringen könnten, die ihre Brüder treu, unter großen Entmutigungen verwalten, so würden sie sich selber besser kennen lernen und das Prahlen lassen, und statt zu tadeln, würden sie sich wundern, dass so viel unter solchen Umständen vollbracht sei. Auch auf diesem Wege werden wir stark; wenn Gott uns fühlen lässt, dass unser Werk ohne Seine Hilfe unmöglich ist, dann werden wir zu Seiner Stärke getrieben.
Einige von Ihnen sind ganz allein, soweit die hilfreiche Gesellschaft verwandter Geister in Betracht kommt. Dies ist eine schwere Entbehrung, und mag Sie wohl niederdrücken. Außerdem sind Manche von Ihnen arm und wissen kaum ihre Familien zu ernähren. Als ich das Gebet des Bruders hörte, der eben vorhin unsere Andacht leitete, und daran dachte, was er leidet, und wie er auf den Erntefeldern mit den Arbeitern gearbeitet hat, damit er sein Brot verdiene und das Evangelium predigen möchte, fühlte ich, dass ich mich über ihn freuen könnte. Doch weiß ich, dass Armut oft macht, dass ein Mann sich sehr schwach fühlt; wenn seine Kinder ohne Schuhe sind, und das Kleid der Frau fast abgetragen, und er nicht weiß, woher ein andres kommen soll, da sinkt sein Herz. Dazu mag auch noch unverdienter Tadel kommen. Eine skandalöse Geschichte mag vom Vater der Lügen gegen ihn geschmiedet werden, und er mag ganz unfähig sein, sich selbst zu verteidigen. Er fürchtet, dass er bei dem Versuch, den Flecken auszuradieren, das Blatt verderben könnte. Herzen werden über solche Dinge gebrochen.
O, wie schwach wird ein Mann, wenn dies der Fall ist; er mag sich halb schuldig fühlen, nachdem er die Anklage wieder und wieder gehört hat, obgleich er die ganze Zeit über so rein wie frisch gefallener Schnee ist. Dies erzeugt eine Schwäche, die einen Mann ganz lähmen kann. O, dass wir zu solchen Zeiten stark in dem HErrn wären!
Ich vermute, Sie denken nicht, dass ich jemals ausgetrocknet werde, und es schwer finde, etwas Frisches in meinen Predigten zu sagen, und doch ist es so. Denken Sie daran, liebe Brüder: ich habe mehr als siebenundzwanzig Bände7) Predigten im Druck! Es wird immer schwerer, etwas Neues zu sagen, je größer die Zahl dieser Bände wird. Woher wird die nächste Predigt kommen? ist die Frage, die wir uns wieder und wieder gestellt haben; wir haben gefürchtet, dass wir nicht stets den Vorrat liefern könnten, und wir haben unsre Schwachheit in furchtbarem Grade gefühlt; aber auch dies ist der Weg zur Stärke. So bereiten Sie sich vor, meine jüngeren Brüder, immer schwächer zu werden; bereiten Sie sich vor, immer tiefer in der Selbstschätzung zu sinken; bereiten Sie sich zur Selbstvernichtung vor, und bitten Sie Gott, den Prozess zu beschleunigen.
Gewisse Brüder wissen nichts von dieser Erfahrung; sie sind durchaus nicht schwach, sondern verachten solche Bekenntnisse. Haben Sie nie Prediger getroffen, die immer und immer fortfahren können; und obgleich sie niemals etwas gesagt haben, und niemals etwas sagen werden, so wissen sie doch nie, was es heißt, schwach zu sein. Sie sind gerade so fähig, wie sie jemals waren. Ich habe von einem alten, schottischen Prediger gehört, dessen Predigtteile sehr zahlreich waren und die Unterabteilungen fast zahllos; so dass eines Tages die Hörer, einer nach dem andern, fortgingen und zuletzt ein Knabe ihm die Schlüssel hinaufbrachte und sagte: „Sie können die Kirche zuschließen, wenn Sie fertig sind.“ Einige brauchen so lange Zeit, um Nichts zu sagen, und leeren ihre Kirchen so sicher, dass es weise sein würde, ihnen die Schlüssel zu geben, so dass sie sich zurückziehen könnten, wenn sie geendigt haben. Was uns betrifft, so haben einige von uns das Gefühl, dass wir schwach sind, und wenn wir langweilig sind, so wissen wir es. Wir kommen zuweilen von der Kanzel mit dem Gefühl, dass wir weniger als je für das heilige Werk tauglich sind. Unsre letzte Predigt halten wir für die schlechteste, und häufig ist sie aus diesem Grunde die beste; wir wachsen, und unter anderem wachsen wir auch niederwärts.
Wir werden fortfahren, uns weniger tüchtig zu fühlen und immer weniger tüchtig, und die ganze Zeit über werden wir mehr geeignet werden zum Gebrauche des HErrn. Ich kenne Eine, die neulich Abends sagte, als sie las, dass es scheine, als wenn ihre Augen ausgefallen wären. Die Wahrheit war, dass ihre Brille abgefallen war. Fahren Sie fort, Ihre Brillen zu verlieren, und machen Sie sich ja frei von jenem heiligen Tone und Winseln, und allen grotesken Methoden und Steifheiten und Manieriertheiten, die nicht Ihre Augen sind, sondern nur abscheulich schlechte Brillen.
II.
Ich schließe damit, dass ich noch etwas über die segensvolle Erfahrung sage. „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Wie ist es, und wie kann es sein? Wohl, zuerst, wenn ich schwach bin, dann bin ich gewiss, zu Gott um Beistand und Hilfe zu fliehen. Das kleine Kaninchen, dessen Salomo erwähnt, war ein armes, winziges Geschöpf, und doch setzte es den Jäger in Verlegenheit. Lernen Sie eine Lehre von ihm. „Kaninchen, ein schwaches Volk, dennoch legt es sein Haus in den Felsen.“ Brüder, weil ich nicht denken kann, verberge ich mich hinter eine Lehre, die Gott für mich ausgedacht hat; und weil ich keine Hypothesis erfinden kann, so verberge ich meine Seele in einer Tatsache, die sich selbst klar macht; und weil ich nicht einmal mit mir selbst übereinstimmend sein kann, so begebe ich mich hinter die einfache Lehre des Textes, und da bleibe ich. Es ist wundervoll, wie stark ein Mann sich fühlt an einem solchen Bergungsorte. Wenn Sie in eigner Kraft keinen Stein legen und keine Kelle aufheben können, dann mögen Sie beginnen, für Gott zu bauen, denn er will Sie zu Seinem Mitarbeiter machen, Ihre Schwachheit wird mit der ewigen Macht verbunden werden, und dann wird die Mauer rasch steigen.“
Ferner sind wir stark, wenn wir schwach sind, weil wir unsre Stärke durch Gebet gewinnen, und unsre Schwächeunser bestes Argument bei unserm Flehen ist.
Jakob überwand nicht, bis er hinkte, ja bis er fiel. Als die Sehne einschrumpfte, da triumphierte der Flehende. Wenn Sie im Gebete sind, machen Sie Ihre Stärke geltend, und Sie werden nichts erhalten; dann machen Sie Ihre Schwäche geltend, und Sie werden obsiegen. Wir können bei der göttlichen Liebe nichts Besseres geltend machen, als Schwachheit und Schmerz; nichts kann so bei dem großen Herzen Gottes obsiegen, als wenn unser Herz sinkt und ohnmächtig wird. Der Mann, welcher in seinem Gebet zu Tränen und Angst sich erhebt, und die ganze Zeit über fühlt, als wenn er nicht beten könnte, und doch beten müsste das ist der Mann, der seines Herzens Wunsch sehen wird. Sorgen nicht Mütter stets am meisten für das kleinste Kind, oder für das, was am kränksten ist? Wenden wir nicht die größte Sorgfalt auf dasjenige unsrer Kinder, was seine Glieder am wenigsten gebrauchen kann? und ist es nicht wahr, dass unsre Schwäche Gottes Stärke festhält, und Ihn dahin führt, Seine Allmacht zu unsrer Hilfe zu beugen?
Es ist noch eine andre Stärke in Schwachheit, die gut für uns zu haben ist. Ich glaube, wenn wir in bewusster Schwachheit predigen, so gibt dies den Worten, die wir äußern, eine wundervolle Kraft. Als Knill ausging, Traktate unter die Soldaten zu verteilen, war, wie er uns erzählt, ein gottloser Mann da, der zu seinen Kameraden sagte: „Ich will ihn kurieren, dass er zu uns nicht mehr mit seinen Traktaten kommt“; ein Kreis wurde um den Prediger und den Lästerer gebildet, und dieser stieß furchtbare Flüche gegen Knill aus. Als er die lästerlichen Worte hörte, brach er in Tränen aus, und sagte, wie sehr er des Mannes Heil wünsche. Nach Jahren sah er diesen Soldaten wieder, der ihm da sagte, „Ich nahm nie irgendwelche Notiz von Ihren Traktaten oder von dem, was Sie sagten; aber als ich Sie weinen sah, wie ein Kind, konnte ich es nicht aushalten, sondern gab Gott mein Herz.“ Wenn wir unsern Hörern sagen, wie wir beunruhigt sind, wie sehr wir nach dem Heil ihrer Seelen verlangen; wenn wir sie bitten, unsre gebrochenen Worte zu entschuldigen, da sie die Äußerung unsres Herzens seien, so glauben sie an unsre Aufrichtigkeit, denn sie sehen unsre brechenden Herzen, und sie werden bewegt durch das, was wir sagen. Der Mann, der die Theologie abhaspelt, so viel per Elle, hat keine Macht über die Hörer; die Leute brauchen Menschen, die fühlen können - Menschen von Herz, Menschen, schwache und gebrechliche Menschen, die mit den Schüchternen und Leidenden sympathisieren können. Es ruht ein Segen darauf, wenn ein Prediger seinen Weg in die Seelen der Menschen hinein weinen kann, oder auch nur einen Pfad in ihre Herzen hineinstammeln. So, Brüder, fürchten Sie sich nicht, schwach zu sein, - „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“
Außerdem entsteht eine andre Form der Stärke aus der Schwachheit, denn durch sie wird unser Mitgefühlheran gebildet. Wenn Sie und ich schwach werden und niedergedrückt im Gemüte, und unsre Seele durch das Tal des Todesschattens geht, so ist das oft um Anderer willen. Ich predigte an einem Sabbatmorgen über den Text; „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ und obgleich ich es nicht sagte, so predigte ich meine eigne Erfahrung. Ich hörte meine eignen Ketten klirren, während ich versuchte, zu meinen Mitgefangenen im Finstern zu predigen; aber ich konnte nicht sagen, weshalb solch' ein furchtbarer Schrecken der Finsternis über mich gekommen war, um deswillen ich mich selbst verurteilte. Am folgenden Montagabend kam ein Mann zu mir, der alle Zeichen der Verzweiflung auf seinem Gesichte trug. Sein Haar schien aufrecht zu stehen und seine Augen aus den Augenhöhlen herauszutreten. Er sagte zu mir, nachdem wir einige Worte gewechselt hatten, „Ich hörte nie vorher in meinem Leben einen Mann sprechen, der mein Herz zu kennen schien. Mein Zustand ist ein furchtbarer; aber am Sonntagmorgen malten Sie mich nach dem Leben, und predigten, als wenn Sie in meiner Seele gewesen wären.“ Durch Gottes Gnade rettete ich diesen Mann vor dem Selbstmorde und führte ihn in das Licht und die Freiheit des Evangeliums; aber ich weiß, ich hätte es nicht tun können, wenn ich nicht selbst in dem Kerker eingeschlossen gewesen wäre, in dem er lag. Ich erzähle die Geschichte, Brüder, weil Sie zuweilen Ihre eigne Erfahrung nicht verstehen mögen, und die vollkommenen Leute Sie vielleicht verurteilen werden, weil Sie eine solche haben; aber was wissen diese von Gottes Dienern? Sie und ich haben viel zu leiden um der Gemeinde willen, die uns anvertraut ist. Gottes Schafe verlaufen sich sehr weit, und wir haben ihnen nachzugehen; und zuweilen gehen die Hirten dahin, wo sie selber niemals herumstreifen würden, wäre es nicht im Verfolgen verlorener Schätze. Sie mögen in ägyptischer Finsternis sein, und mögen sich wundern, weshalb ein solcher Schauder Ihr Mark durchkältet, aber Sie mögen dabei ganz und gar in der Ausübung Ihres Berufes sein und vom Geiste in einen Zustand des Mitgefühls mit verzagenden Seelen geleitet werden. Erwarten Sie, schwächer zu werden, Brüder, damit Sie die Schwachen trösten können und so Meister in Israel werden, nach dem Urteil Anderer, während Sie in Ihren eignen Augen weniger sind als der geringste aller Heiligen.
Mehr noch, ich glaube, dass mein Text wahr ist, wenn ein Mann schwach wirb aus Liebe zu dem besonderen Ort, in welchem er zu arbeiten berufen ist. Gesetzt, ein Bruder ist in die Mitte einer dichten, armen Bevölkerung gebracht, und er fühlt die Verantwortlichkeit seines Werkes und das Elend der Seelen um ihn her, bis es ihn so tief ergreift, dass er nicht wieder davon loskommen kann. Er versucht, an fröhlichere Dinge zu denken, aber er kann den Alp der Armut und Sünde dieser Leute nicht von sich abschütteln. Er liegt auf ihm bei Tag und er liegt auf ihm bei Nacht; er hört das Weinen der Kinder, und das Wehklagen der Weiber; er hört das Seufzen der Männer und das Stöhnen der Kranken und Sterbenden, und sein verzweifelter Eifer für den ihm angewiesenen Teil des großen Arbeitsfeldes wird fast zur Monomanie. Ja, dieser Mann mag sich durch seine Sorge ums Leben bringen; aber mittlerweile ist es klar, dass er der Mann ist, den Gott gesandt hat, um den Leuten zum Segen zu werden. Er wird fortfahren zu sinnen, zu beten und zu planen, bis er zuletzt auf eine Methode verfallen wird, die Fernstehende für ebenso sonderbar halten mögen, als den Mann selber; aber er wird sie durchführen, und der ganze Distrikt wird dadurch gehoben werden. O, es ist ein Segen, wenn Gott einen gottesfürchtigen Mann in die Mitte einer Masse von Elend wirft und ihn dort hält. Es mag nichts Angenehmes für ihn sein, aber es wird einen siebenfachen Lohn am Ende bringen. Ich freue mich, dass Howard fühlte, dass er durch alle Gefängnisse Europas gehen müsse. Er hatte ein eignes, bequemes Haus, und dennoch musste er durch Frankreich, Deutschland und Russland wandern und seine Nase in jedes pestilentialische Hundeloch stecken, wo sich Gefangene fanden. Er macht sich vertraut mit den unvorstellbaren Schrecken des Kerkerlebens, und erduldet Fieber, die aus dem Schmutz der Gefängnisse erzeugt sind. Er hat eine ausgesuchte Nase für die schlechteste Atmosphäre; je fauler sie ist, desto nötiger ist es, dass er sie atmet, denn er hat eine Leidenschaft für die Entdeckung und Zerstörung der Gefängnis-Grausamkeit. Er kommt zu Hause und schreibt ein Buch über seinen Lieblingsgegenstand, und dann, nach einer kleinen Weile, ist er wieder fort, und stirbt zuletzt als Märtyrer für die Sache, der er sich gewidmet hat; doch war es der Mühe wert, ein Howard zu sein, der leben und sterben konnte, um seine Mitmenschen zu retten. Weil du so sehr schwach bist, Howard, bist du stark; du wirst Reformen vollenden, während Andere davon reden. Ich darf wohl sagen, dass Einige da waren, die sprachen: „Diese Dinge müssen allmählig verbessert werden durch den Fortschritt besserer Grundsätze, und wir müssen neue Ideen stufenweise versuchen.“ Ja, diese allmählige Reform ist eine kluge Idee, aber Howard ist ein so schwachsinniger Mann, dass er furchtbare Erzählungen aufstöbert und darauf besteht, dass Mord durch Einkerkerung sogleich aufhören müsse. Brüder, mögen Sie schwach werden in derselben Art fast den Verstand verlieren durch das ruhelose Streben, Seelen zu retten. Wenn Sie auf absurde Weise losbrechen, und die kalte Anständigkeit zittern machen und die Imbecilität8) zum Spotten bringen, wird es mir große Freude verursachen. Wenig kümmere ich mich darum, dass Sie um Christi willen Narren werden. Wenn unsre Schwachheit an Fanatismus grenzt, so mag umso mehr Kraft darin sein. Mr. Plimsoll handelte edel, als er aufstand und gegen Sargschiffe9) redete; aber er war nie so stark, als da er sich vergaß und die Regeln des Parlaments durchbrach in der Hitze seiner Leidenschaft. Es war sehr schwach von ihm, aber in dieser Schwachheit lag seine Stärke. Gebt uns mehr von der Rede, die aus einem brennenden Herzen kommt, wie Lava aus einem vulkanischen Überströmen. Wenn die Wahrheit uns überwindet, so werden wir durch die Wahrheit überwinden.
Schwachheit ist Stärke, noch einmal, weil das Gefühl der Schwachheit oft den ganzen Menschen aufregt; was nur immer in dem Menschen ist, kommt heraus, es macht, dass er seine Kraft in jedem einzelnen Teil anspannt. Gewisse kleine Tiere sind im Kampfe viel mehr zu fürchten, als größere Bestien, weil sie so beweglich und wütend sind, dass sie fünfzig Mal beißen, während die größeren einmal ihren Mund öffnen. Ein Mensch kann fast ebenso wohl einer Hyäne sich entgegenstellen als einer Ratte oder einem Wiesel, wenn diese kleinen Geschöpfe ganz Leben sind, und so erpicht auf den Angriff, dass sie mit ihrem ganzen Körper kämpfen; Klauen und Zähne sind alle tätig, und so werden sie stark durch dies Gefühl der Schwäche, welches sie veranlasst, jedes Atom von Kraft zu brauchen, was sie besitzen. Haben Sie nie einen großen Mann gesehen, vielleicht einen Doktor der Theologie, bei dem Sie gefühlt haben, wie mächtig er ist? Wir alle erkennen seine Stärke an; aber was vollbringt er? Ein viel kleinerer Mann, voller Gnade und Wärme und ganz Leben im Dienste des HErrn, bringt oft viel mehr zu Stande. Die Kleinheit, deren der Mann sich bewusst ist, macht, dass er sich aufs höchste anstrengt, für Gott zu leben
- „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Weil ich nicht viel kann, deshalb will ich alles tun, was ich kann. Weil ich wenig Kraft habe, deshalb will ich alle Kraft brauchen, die ich habe. Sagt nicht der Handelsmann, dass „fünf flinke Groschen besser sind, als ein fauler halber Taler?“ Ich bin gewiss, dass es so ist. Ein Gefühl der Schwäche mag uns zu einer Tapferkeit aufstacheln, die wir sonst nicht gekannt hätten. Sehen Sie auf unser Land, vor ein paar Jahrhunderten, als Spanien es zu verderben suchte. Sehen Sie die unbezwingliche Armada! Enorme Schiffe belasten das Meer, und papistische Krieger eilen zu der Beute. England muss sein Bestes tun. Auf der einen Seite ist Spanien, Beherrscherin großer Reiche, und auf der andern Seite ist unsre arme, kleine Insel, mit einer mutigen Königin zwar, aber mit einer bis zum Äußersten schwachen Armee und Flotte. Die Schiffsungeheuer sind Plymouth gegenüber; hier kommen sie, wie ein Halbmond oder wie ein Rachen, offen, um uns zu verschlingen. Was geschieht in Britannien? Nun, Jeder bereitet sich auf den Kampf vor, und jeder Mann und jedes Weib will bis auf den Tod fechten. Alle Seefahrer sind in Bewegung. Unsre Schiffer in ihren kleinen Fahrzeugen schwimmen um die gewaltigen Galeonen herum und warten auf die Gelegenheit, einen Schlag auszuführen, und die Gelegenheit kommt.
„Sieh, wie der Löwe des Meeres sich naht mit gewaltigem Schritt,
Und mit dem furchtbaren Fuße der Lilien Blüte zertritt.“
Gott wacht über England. Er bläst mit Seinem Winde, und das Meer bedeckt die Armada, und Spanien ist geschlagen, und England ist gerettet. Es war ein Gefühl der Schwachheit, das die Tapferkeit unsrer Vorfahren aufregte, und die Heiligen trieb, zu Gott um Hilfe zu schreien. Gehet, ihr Mächtigen, ihr seid nicht stark. Kommt herauf, ihr Schwachen, „dem HErrn zu Hilfe, zu Hilfe dem HErrn wider die Mächtigen,“ denn ihr seid stark in dem HErrn und in der Macht Seiner Stärke.
Und dies, zuletzt von allen, ist die Ursache, warum wir stark sind, wenn wir schwach sind, nämlich, weil das Opfer verzehret wird. Wann anders war Christus am stärksten, als da Er am schwächsten war? Wann erschütterte Er das Reich der Finsternis, als da Er ans Kreuz genagelt war? Wann nahm Er die Sünde hinweg von Seinem Volke, als da Sein Herz durchbohrt ward? Wann trat Er den Tod und den alten Drachen darnieder, als da Er Selbst im Sterben war? [Sein Sieg war in dem äußersten Grade Seiner Schwachheit, nämlich, in Seinem Tode; und es muss dasselbe mit Seiner zitternden Kirche sein: sie hat keine Macht; sie muss leiden, sie muss verleumdet und verspottet werden, so will der HErr durch sie triumphieren. Das Siegeszeichen ist immer noch das Kreuz. Deshalb, Brüder, Lassen Sie uns vollkommen zufrieden sein, abzunehmen, selbst bis ans Ende, auf dass unser königlicher HErr und Herrscher herrlich zunehmen möge von Tag zu Tag. Amen.