Spurgeon, Charles Haddon - Das stellvertretende Opfer Christi - „Siehe, das ist Gottes Lamm.“

Spurgeon, Charles Haddon - Das stellvertretende Opfer Christi - „Siehe, das ist Gottes Lamm.“

Gehalten am Sonntagmorgen, den 16. Oktober 1887.

“Des andern Tages sieht Johannes Jesum zu sich kommen, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“
Joh. 1, 29.

„Des andern Tages sieht Johannes Jesum zu sich kommen, und spricht: Siehe das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde hinwegnimmt.“ (n. d. engl. Üb.)

Johannes des Täufers einzige Aufgabe war es, von Christo zu zeugen. Er war der Morgenstern, der die aufgehende Sonne verkündete. Als die Sonne erschien, hatte er keinen Grund mehr zum Leuchten. Ihr könnt euch Johannes nicht erklären ohne Jesum; der Eine Grund für seine Existenz ist Jesus. Ich wünsche, es möchte so mit uns sein, möchten wir sagen können: „Christus ist mein Leben.“ Möchte unser Leben so sein, dass es ohne Jesum nicht verstanden werden kann; nehmt ihn hinweg, und unser ganzer Charakter wird ein unerklärliches Geheimnis sein. Mir ist bange, dass manche Namenchristen leicht ohne Christum ausgelegt werden könnten; vielleicht sogar besser, wenn es keinen Christum gäbe; aber wenn wir wie Johannes wahre Zeugen Jesu sind, werden wir in Jesu den bewussten Zweck unsers Wesens finden und seine Ehre wird der Faden für alle Windungen unsers Lebens sein. Zu diesem Zweck wurden wir geboren, und zu diesem Ende sind wir in die Welt gekommen, dass wir für den Herrn Jesum Christum zeugen. Forscht und seht, meine Brüder, ob es so mit euch gewesen ist.

Es ist gut, die spezielle Eigenschaft zu beachten, in der unser Herr dargestellt ward, als Johannes ihn ankündigte. Dieser wusste viel von dem Herrn Jesu und hätte ihn in mannigfaltigem Lichte und in verschiedenen Eigenschaften zu malen vermocht. Er hätte besonders auf ihn hinweisen können als das große Vorbild der Tugend, den Stifter einer höheren Art des Lebens, den großen Lehrer der Heiligkeit und Liebe; dies erschien indes dem Täufer nicht als das Erste und Wichtigste an unserem Herrn, sondern er verkündete ihn als Einen, der in die Welt gekommen war, um das große Opfer für die Sünde zu sein. Er hob die Hand empor, zeigte auf Jesum und rief: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“ Er sagte nicht, „Siehe, das ist das große Vorbild;“ ohne Zweifel würde er das seiner Zeit gesagt haben. Er sprach nicht einmal: „Siehe, das ist der König und der Führer einer neuen Zeit“; diese Tatsache würde er keineswegs geleugnet, sondern sich derselben gefreut haben. Dennoch ist der erste Punkt, bei dem er verweilt und das, was seine Begeisterung erregt: „Siehe, das ist Gottes Lamm.“ Johannes der Täufer sieht ihn als das Sühnopfer für die Sünde und deshalb ruft er: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“

Meine Brüder, wir können uns darauf verlassen, dass dies eine sehr praktische Wahrheit sein muss; denn Johannes war äußerst praktisch. Was ist die Summa und der Kern seiner Lehre anders als: „Tut Buße. Tut rechtschaffene Früchte der Buße. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt“? Er hat ein Wort für Jeden, der kommt; sogar den römischen Kriegsleuten sagt er: „Lasst euch begnügen an euerm Solde.“ Johannes ist kein Theoretiker und kein Streiter für bloße Dogmen; er hat es mit dem Leben und dem Charakter zu tun und verlangt rechtschaffene Werke der Buße; dennoch macht er es zu einem Hauptpunkt, dass unser Herr das Opfer für die Sünde ist. Dies ist in Wirklichkeit der Text seiner Lebenspredigt. Seid gewiss, dass etwas wunderbar Praktisches in dieser Wahrheit ist, und dass die, welche sie verdunkeln in der Meinung, praktisch zu sein, das beste Werkzeug zur Beförderung des Wohles der Menschen beiseitelegen. Für die Verbesserung der Sitten und die Überwindung des Bösen und die Aufrichtung des Reiches der Gerechtigkeit in der ganzen Welt gibt es keine Wahrheit, gleich der, die Jesum als das von Gott bestimmte Opfer zur Hinwegnahme der Sünde der Menschen offenbart. Der strenge Täufer, der wahre Elia, der ernstlich die Sünde bekämpfte und das Schwert an ihren Nacken legte, sah, dass nichts getan werden könne, wenn er nicht auf das Lamm Gottes hinwiese, welches der Welt Sünde trägt. Wenn Buße gepredigt wird, so muss Jesus Text und Inhalt der Rede sein. Er bringt Leben, Kraft, Energie in das, was sonst eine tote, moralische Abhandlung sein würde. ihr, die ihr Menschen von der Sünde erretten wollt, seht zu, dass ihr das große Opfer für die Sünde predigt. Es ist klar, dass diese Lehre etwas mit der Buße zu tun hat, denn der Apostel der Buße führt sie ein: er, dessen erstes Wort war, „Tut Buße“, stellte Jesum als den großen Sündenträger auf; denn er sah, und ich wünschte, Alle möchten es sehen, - dass eine sehr genaue Verbindung zwischen dem Entstehen, dem Wachsen und der Reinheit der Buße und dem Sündentragen unsers Herrn Jesu Christi stattfindet.

Brüder, es ist Tatsache, dass wir, je mehr wir mit bußfertigen Sündern zu tun haben, desto mehr die Notwendigkeit eines Sündenträgers fühlen. ihr, die ihr nie gesündigt habt und in eure eigene Selbstgerechtigkeit eingehüllt seid, ihr bildet euch ein, durch eure eigenen Werke in den Himmel kommen zu können; das Tragen der Sünde durch den Sohn Gottes scheint euch durchaus nicht nötig; aber weiltet ihr einmal, wie Johannes es tat, inmitten eines belasteten Volkes, das klagend und seine Sünden bekennend zu ihm kam, so würdet ihr fühlen, dass nichts als der Glaube an das verordnete Sühnopfer es mit Gott versöhnen kann. „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt,“ ist der Text, den Evangelisten lieben, weil sie ohne ihn nicht den Geängsteten gegenübertreten können, die sich um sie drängen.

Meine Brüder, in dem Maße, wie ihr eure Mitmenschen weislich liebt, werdet ihr das Opfer für die Sünde schätzen. Euer Verkehr mit denen, welche nahe daran sind umzukommen, wird euch den Heiland schätzen lassen. O, was sollte ich tun, wenn ich gesandt wäre, zu dieser ungeheuren Menge zu predigen, und kein Sündenopfer hätte, euch zu verkünden! Könnte mir nicht das Herz brechen bei einer so unnützen, so grausamen Aufgabe, wie die, die Sünde strafen zu müssen und doch keine Vergebung und folglich keine Hoffnung zu verkündigen haben? Nun, da ich von Einem reden kann, der an seinem eigenen Leibe am Holze die Übertretung, Missetat und Sünde der Menschen getragen hat, finde ich meine Aufgabe ernst, aber sicherlich nicht hoffnungslos oder auch nur traurig. Glücklich bin ich vielmehr, dass es mir verstattet ist, ein solches Heil zu verkünden. Selig sind die Lippen, denen es erlaubt ist zu rufen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“ Ihr seht also, wie der praktische Charakter der Sendung des Johannes nur dazu beitrug, dass er den Herrn zuerst in seiner Eigenschaft als Opferlamm darstellte.

Wenn Johannes der Täufer nicht gefühlt hätte, dass die Hauptsache bei unserem Herrn die sei, dass er das Opfer für die Sünde war, so hätte er sehr passend auf ihn als ein Vorbild hinweisen können zu der Zeit, da er die Worte unseres Textes sprach. Der Heiland hatte noch Niemandem die Tatsache und die Bedeutung seines künftigen Todes offenbart: seine Passion lag noch in dunkler Zukunft, während sein Leben gerade im Begriff war, sich vor der öffentlichen Beobachtung zu entfalten. Er hatte eben erst die heilige Ruhe des väterlichen Daches zu Nazareth verlassen, und der Reiz jugendlicher Heiligkeit umgab ihn. Sollte die Welt nicht jetzt auf ihn aufmerksam gemacht und sein Beispiel überall bekannt werden? In seiner Zurückgezogenheit war sein Wandel so gewesen, dass er dem strengen und frommen Täufer aufgefallen und dieser sich verpflichtet fühlte, anzuerkennen, dass sein jüngerer Verwandter würdiger als er sei, indem er sprach: „Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde.“ Aber Johannes scheint nicht, als er den Herrn nach seiner Taufe sieht, an sein schon begonnenes gottseliges Leben zu denken, oder an das heilige Leben, das er in ihm vorhersehen konnte; sondern er heftet sein Auge auf diese wunderbare Persönlichkeit in ihrer Eigenschaft als Opferlamm und verweilt allein dabei, wenn er spricht: „Siehe, das ist Gottes Lamm.“

Brüder, jenes Zeitalter hatte ein Beispiel so dringend nötig, wie das unsrige es hat; aber es hatte noch mehr einen Heiland nötig, und Johannes sieht das zuerst, was das Erste ist. Lasst mich hinzufügen, dass der Zeitpunkt doppelt geeignet war, bei unsers Herrn Beispiel zu verweilen, da er eben von jener Versuchung in der Wüste zurückkehrte, in der die Kämpfe seines Lebens sich vorgebildet hatten. Man kann beim Lesen der Erzählung die vierzig Tage der Versuchung nirgends anders hineinbringen, als gerade hier. Wir lesen, dass unser Heiland gleich nach seiner Taufe in die Wüste geführt ward, um von dem Teufel versucht zu werden. Versucht wurde er, aber er gab in keinem Punkte nach. In dem dreifachen Kampfe hatte er die Macht der Finsternis überall besiegt, und gewaffnet zum Streit, in einer Rüstung, die er geprüft und erprobt, stand nun der Kämpfer vor Johannes; und es wäre nicht sonderbar gewesen, wenn der Mann Gottes ausgerufen hätte: „Siehe, das ist der Vollkommene, in dem der Fürst dieser Welt keinen Raum hat. Ahmt sein erhabenes Beispiel nach.“ Aber nein, des großen Täufers Auge ruht nicht darauf: das Blut und die Wunden der Passion sind vor seinem Geistesauge, und vor allem Andern sieht er das Opferlamm in dem wunderbaren Wesen, das jetzt in der Mitte der Menge steht. Die Tatsache, dass er das für die menschliche Sünde verordnete Opfer ist, reißt die ganze Seele des Predigers hin, und er ruft: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“

Brüder, ich wünsche, dem Täufer hierin zu gleichen. Ich möchte meine Gedanken über Christum auf seinen Versöhnungstod konzentriert haben, von jetzt an und immerdar. Während der kurzen Zeit, in der es mir noch vergönnt sein mag, meine Stimme in der Wüste zu erheben, möchte ich von dem Lamme Gottes zeugen. Der Jahre mögen wenige sein, in denen ich noch diese Herde leite, aber um das Kreuz herum soll für mich stets der Ort der grünen Auen sein und von dem Opfer unsers Herrn sollen die frischen Wasser fließen. Viele andere beschäftigen sich mit andern Seiten des Werkes unsers Herrn; Einige, daran zweifle ich nicht, in treuer Meinung, und Andere in böser Absicht: ich kann es ihnen sehr wohl überlassen, ihr Bestes oder Schlimmstes zu tun; denn wenigstens Einem mag es verstattet sein, für den Gekreuzigten getauft zu werden, für das Kreuz abgesondert, der Versöhnung durch Blut gewidmet zu werden. Ich kenne keine Versöhnung als durch Stellvertretung, keinen Stellvertreter als Christum. „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.“ Der Verkündigung dieser Tatsache weihe ich mich bis an mein Lebensende.

I.

Um unserem Text noch näher zu kommen, lenke ich eure Aufmerksamkeit zuerst darauf hin, dass Johannes Christum als ein Opfer darstellte mit klarer persönlicher Wahrnehmung dieser Tatsache. Wenn ein Mann sagt: „Siehe!“ so sieht er selbst etwas; er sieht dies Etwas mit Klarheit und wünscht deshalb, dass ihr es seht, und darum ruft er: „Siehe! Siehe!“ Johannes war von seiner Geburt an zum Herolde Christi verordnet worden; aber er wusste augenscheinlich nicht, wer das Lamm Gottes sei. Als Kindlein hüpfte er in dem Leibe seiner Mutter, da er der Mutter unsers Herrn nahe kam; aber dennoch kannte er Jesum nicht als das Lamm Gottes. Er sagt: „Ich kannte ihn nicht.“ Einige nehmen an, dass Johannes und Jesus niemals in ihren früheren Jahren zusammengekommen seien; aber ich finde es schwer, dies zu glauben. Ich sehe hier einen ganz andern Sinn. Johannes kannte Jesum, aber er kannte ihn nicht als den Sündenträger. Ich denke, er muss das Leben des heiligen Kindes, seines nahen Verwandten, gekannt haben, als es zunahm an Gnade bei Gott und den Menschen; aber er hatte noch nicht an ihm das bestätigende Siegel gesehen, das ihn als den Sohn Gottes bezeichnete. Johannes schätzte den Charakter des Herrn sehr hoch, so dass er, als Jesus zu ihm kam, um sich taufen zu lassen, sprach: „Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde.“ Doch sagt er: „Ich kannte ihn nicht.“ Er kannte ihn als Einen von hohem und heiligem Charakter, aber er sah noch nicht das Zeichen, das Gott im Geheimen seinem Knechte gegeben hatte; denn er sah nicht den Geist Gottes herabfahren und auf ihm bleiben. Johannes vermutete mit vieler Gewissheit, dass Jesus der Sohn des Höchsten sei, dessen Vorläufer er war; aber ein Zeuge darf nicht seinen eigenen Mutmaßungen folgen, wie richtig sie auch sein mögen. Johannes, als des Herrn Knecht, wagte nicht, etwas nach seinem eigenen ungeleiteten Urteil zu wissen; er wartete auf das geheime Zeichen. Gewisse Prediger erzählen ihren Hörern alles, was ihr eigenes, wundervolles Hirn erfindet; aber der wahre Diener Gottes darf nicht seine eigenen Gedanken oder Meinungen vortragen, sondern muss auf ein Wort von Gott warten. Die Botschaft sollte direkt von dem Meister kommen: „So spricht der Herr.“ Obgleich Johannes an Jesu so wunderbare Charakterzüge sah, dass er überzeugt war, er sei viel größer als er selber, sagt er dennoch: „Ich kannte ihn nicht.“ Er wollte nichts wissen, was ihm nicht von Gott, dem Herrn, der ihn gesandt hatte, offenbart war.

Aber als er zuletzt dies persönliche Zeichen empfing, als er unsern Herrn in die Wasser des Jordans tauchte und den Himmel offen und die Taube herabfahren sah und die Stimme sprechen hörte: „Dies ist mein lieber Sohn,“ da kannte er ihn und war fortan gewiss. Als er nachher sprach, da sagte er nicht: „Ich denke, dies ist das Lamm Gottes,“ oder: „Ich habe den Eindruck erhalten, dass er der Sohn Gottes ist.“ Nein, er rief kühn aus: „Sehet ihn! Seht für euch selber. Dies ist das Lamm Gottes! Ich spreche mit dem Ton der Überzeugung; nichts kann mich erschüttern. Der Herr hat das Zeichen gegeben, und von jetzt an lege ich zuversichtlich Zeugnis ab. Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“

Von nun an war der Herr Jesus Christus für Johannes den Täufer mehr, als er allen andern zu sein schien. Denen, welche den Heiland sahen, wird er als ein einfacher, geringer Jude erschienen sein, der sich durch nichts Besonderes auszeichnete, es sei denn durch die Sanftmut seines Benehmens und etwas Himmlisches in seinem Wesen; aber für den Täufer war er nun vor Allen und über Alle. Wenn jemand kam, um sich taufen zu lassen, so bekannte er dem Johannes seine Sünden; aber als Jesus kam, ohne eigene Sünde, die er zu bekennen hatte, flüsterte er da in das Ohr des Johannes: „Ich trage die Sünde der Welt?“ Ich denke, er tat es; jedenfalls war dies für Johannes eine Wahrheit, und für ihn war Jesus fortan das unvergleichliche Opfer, die eine Sühne für menschliche Sünde.

Dies war eine außergewöhnliche Wahrheit für Johannes. Es bedurfte eines Wunders der Gnade, ehe ein Jude „das Lamm, welches der Welt Sünde trägt“ sah. Der Jude dachte, das Opfer Gottes müsste nur für sein auserwähltes Volk sein; aber Johannes sah über alle Grenzen der Nationalität und alle Einschränkungen der Rassen hinweg und schaute klar in Jesu, „das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt.“ Erinnert euch daran, dass Johannes aus einem Priestergeschlecht stammte; er war wohl bekannt mit Opferlämmern. Aber als Priester sah er nie ein Opferlamm an einem Ort, der von der geweihten Stelle weit entfernt war. Es gab nur einen Altar, und der war zu Jerusalem, und dort musste das Opferlamm sein und nicht an Jordans einsamem Strom. Dennoch sah Johannes an einem Ort, der nie in einer besonderen Weise dem Dienste gewidmet worden war, das eine große Opfer inmitten des Volkes stehen. „Siehe,“ sagt er, „dies ist das Lamm Gottes.“ Bemerkt, wie gut der Herr ihn unterwiesen, und wie völlig er sich von natürlichen Vorurteilen freigemacht hatte!

Geliebte, ich bete, dass jeder von uns für sich selber Jesum als das Opfer für die Sünde kennen möge. Ihr werdet als Kinder gelehrt zu glauben, dass Jesus das Lamm Gottes ist; aber alle Offenbarung in dem Buche muss wiederum dem Herzen geoffenbart werden, sonst wird sie nicht wirklich erkannt und wahrgenommen. Wenn das Leben der Wahrheit in unser Leben eingehen soll, so muss sie eine Sache, nicht nur des Kopfglaubens, sondern des Herzglaubens sein. Dass Jesus das stellvertretende Opfer, die Versöhnung für unsere Sünden, die Sühne für unsere Missetat ist, muss uns von dem Heiligen Geist gelehrt werden. Ich kann mit Wahrheit vor euch erklären, dass ich nicht diese Lehre des stellvertretenden Opfers als eine unter vielen Theorien predige, sondern als die errettende Tatsache, die ich selber als solche erfahren. Ich muss dieses predigen oder nichts. Ich weiß nichts unter euch ohne allein Jesum Christum, den Gekreuzigten, weil ich weder Hoffnung nach Trost habe außerhalb des großen Versöhnungsopfers. Er ward für uns zur Sünde gemacht, er, der von keiner Sünde wusste, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Er ward ein Fluch für uns, denn es steht geschrieben: „Verflucht ist jedermann, der am Holz hängt.“ Ich bete, dass ein jeder in dem Volke Gottes eine klare Erkenntnis von Christo als dem Sünden tragenden Lamm erlangen und dass sie ihm in sein eigenes Selbstbewusstsein eingeschrieben werden möge, denn dann wird ihn nichts darin erschüttern. Wenn die Menschen finden, dass ihre eigene Befreiung von der Sünde und ihr eigener Friede mit Gott, aus dem Versöhnungsopfer fließt, so wird diese große Wahrheit ein Teil ihrer inneren Erfahrung und kann ihnen niemals entrissen werden.

Mein Bruder, wenn das große Opfer dich errettet hat, so wirst du nie im Stande sein, daran zu zweifeln; du wirst eher an deinem eigenen Dasein zweifeln als an dieser gesegneten Tatsache, dass er unsere Sünden selbst getragen hat an seinem Leibe auf dem Holz und dass wir durch ihn mit Gott versöhnt sind. Es war bei Johannes eine Sache persönlicher Wahrnehmung.

II.

Lasst uns ein wenig weiter gehen. Johannes stellt mit Nachdruck unsern Herrn als das Opfer dar: „Siehe, das ist das Lamm Gottes.“ Dies ist mehr, als Johannes von allen Lämmern gesagt haben würde, von denen er je gehört oder gelesen seit der ersten Verordnung des Opfers. Er gedachte der Erstlinge der Herde, die Abel opferte und des Opfers von süßem Geruch, das Noah darbrachte; er kannte die Opfer Abrahams, Isaaks und Jakobs; er war vertraut mit dem Lamm des Passahmahles und den Lämmern an Israels hohen Feiertagen. Er gedachte der Tausende von Opfern, die von David, Salomo und anderen Königen bei den großen nationalen Festen gebracht waren; aber er geht an ihnen allen vorüber, als wenn sie bloße Schatten wären, deutet mit dem Finger auf den Menschen Christus Jesus und sagt von ihm: „Dies ist das Lamm Gottes.“

Hierin, meine ich, begriff der Täufer alles ein, was vorhergegangen war. Da war das tägliche Lamm, wovon ich euch am Anfang des Dienstes vorlas, aus 2. Mos. 29. Es ward das ganze Jahr lang ein Lamm jeden Morgen und ein Lamm jeden Abend geschlachtet alle Jahrhunderte der Geschichte Israels hindurch. Immer und allezeit war das beständige Opfer eines Lammes das Sinnbild des Wohnens Jehovas unter seinem Volke. Aber Johannes deutet mit dem Finger auf ein einziges Opfer und sagt: „Dies ist das Lamm.“ Alle andern täglichen Lämmer waren nur Vorbilder dieses, „Siehe das Lamm.“

Lasst mich eure Aufmerksamkeit auf ein andres wunderbares Lamm lenken, das Passahlamm, das geschlachtet ward in der Nacht, da Israel aus Ägypten ging, da jeder Hebräer die Überschwelle und die Seitenpfosten seiner Tür mit Blut bestrich und der Anblick dieses Blutes für die Verschonung der Familie genügte, nach dem Worte Jehovas: Wenn ich das Blut sehe, will ich vorübergehen. Dieser Passahlämmer waren viele und sie waren jedem jüdischen Herzen heilig, aber Johannes geht an ihnen allen vorüber und spricht: „Siehe, das Lamm Gottes.“

Meint ihr nicht, dass ihm auch das Lamm vor der Seele stand, von dem Jesaias, der große evangelische Prophet, redet? Lag ihm nicht die berühmte Stelle im Sinn: „Er ist wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt“? Johannes der Täufer ruft: „Dies ist der, von dem der Prophet sprach: „Siehe, das Lamm Gottes.“

Ja, und wenn die Augen des Johannes ebenso wohl in die Zukunft wie in die Vergangenheit sich gewendet hätten, so dass er die Jahrhunderte hinab hätte blicken und an den Gesichten des Sehers von Patmos teilnehmen können, so hätte er das Lamm in der Mitte des Thrones gesehen und das Lied des Lammes, das erwürgt ist, gehört; aber nachdem er alle Gesichte seiner künftigen Herrlichkeit geschaut, würde er immer noch mit dem Finger auf den Christ Gottes, der unter dem Volke stand, gewiesen und gesprochen haben: „Siehe, das Lamm.“ Alles, was ihr von Opfern und Sünde-Tragen im Alten oder Neuen Testament lest, alles, was ihr je von der Hinwegnahme der Sünde gehört habt oder hören werdet, lässt sich, falls es wahr ist, in diese Worte zusammenfassen: „Siehe, das Lamm.“ Es ist etwas Großes, wenn wir unser Zeugnis in Einen Brennpunkt zusammendrängen können. Möge jeder Diener Gottes das tun und sein Zeugnis dafür ablegen, dass kein anderer Name den Menschen gegeben ist, darinnen wir sollen selig werden. Es gibt im ganzen Weltall keine andere Reinigung für die Sünde als jenes große Opfer, welches die Sünden der Welt hinweg nimmt.

III.

Wir wollen noch einen Schritt weiter gehen: Johannes erklärte Jesum, da er ihn in seiner Eigenschaft als Opfer beschrieb, sehr bestimmt für das Opfer Gottes. Er sagt: „Siehe, das Lamm Gottes.“ Diese Worte haben eine sehr tiefe Bedeutung. „Das Lamm Gottes.“ Erinnerte der Täufer damit nicht an den Tag, wo Abraham mit Isaak nach dem Berge ging, von dem Gott ihm gesagt hatte? „Und Isaak sprach zu seinem Vater: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Lamm zum Brandopfer? Und Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird ihm ersehen ein Lamm zum Brandopfer.“ Johannes scheint jetzt, Jahrhunderte später, zu sprechen, „Nun ist das Wort des Vaters der Gläubigen erfüllt. Siehe, wie Gott versehen hat! Siehe das Lamm Gottes.“ Unter dem alten jüdischen Gesetz sagte ein Mann, wenn er gesündigt hatte, zu sich: „Ich muss gehen und ein Lamm suchen“; und er ging zu seiner eigenen Herde oder zu einem Nachbar, um eins zu kaufen. Das war das Lamm, was er für seine eigene Übertretung brachte. Aber ihr und ich haben nicht zu gehen, um ein Lamm zu suchen: Gott hat schon ein Lamm ersehen, und wir haben nur Gottes Lamm anzunehmen. Und ist es nicht wunderbar, dass er, gegen den alle Sünde getan wird, selbst das Opfer für die Sünde bereitete? Seht die Sünde des Menschen und das Lamm Gottes. Jesus ist des Vaters geliebter Sohn, sein teurer, sein einziger Sohn, und dennoch gab er ihn für uns alle dahin; und Gottes Sohn wurde Gottes Lamm. O mein Vater, mein Vater, sündige ich, und gibst du das Opfer her? Jedoch, wenn der Vater für ein Opfer sorgen musste, warum war es eins so nahe seinem Herzen? Er konnte das Opfer nirgends anders finden als in seinem eigenen Busen. Er hatte nur Einen Sohn, seinen Eingeborenen; „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab.“ Jehova gab seinen einzigen Sohn zum Opfer hin! Lasst Erd' und Himmel voll Staunen sein. Geliebte, wenn ihr es bedenkt, wer anders hätte ein Opfer für die Sünde der Welt geben können? Niemand wird die Fähigkeit dazu beanspruchen. Und wenn Gott selbst ein Opfer bereitete, welches andere konnte er finden, als seinen ihm gleichen Sohn? Wer anders konnte die Ehre wieder herstellen, die dem gebrochenen Gesetz gebührt? Wer anders konnte der göttlichen Gerechtigkeit die Genugtuung bieten, die sie verlangte? Entweder musste die Gerechtigkeit verlegt werden oder der Mensch auf ewig verderben: es war kein Ausweg aus diesem Dilemma, bis der Sohn des Höchsten sich herabließ, ein Opfer zu werden und die Sünde durch seinen eigenen Tod hinwegzutun. So, seht ihr, musste der Herr selber für ein Opfer sorgen, und dieses Opfer musste sein eingeborener Sohn sein.

Ich glaube nicht, dass ich weiter predigen kann, denn eine Schwäche ist über mich gekommen, und es bedarf auch nichts mehr, wenn ihr nur wieder und wieder diese Eine köstliche Wahrheit in eurem Herzen bewegen wollt: Jesus ist das Lamm, welches Gott ersehen hat, und er ist das Lamm, welches Gott selber am Altar darbrachte. Doch, ich muss mich noch aufraffen, um ein wenig mehr zu sagen. Wer war es, der das Lamm Gottes opferte? Wer war der Priester an jenem furchtbaren Tage? Wer war es, der ihn schlug? Wer war es, der ihn plagte? Wer verursachte ihm die bitterste Qual von allen, als er ausrief: „Warum hast du mich verlassen?“ War es nicht der Vater selbst? Dies war eines der schwersten Dinge in der Versuchung Abrahams - „Nimm Isaak, deinen einigen Sohn, den du lieb hast und opfere ihn zum Brandopfer.“ Er selbst musste das Amt versehen bei dem Opfer. Dies tat der göttliche Vater! Er ist das Lamm, das Lamm Gottes. Und nun bleibt heute noch die lichte Seite der Wahrheit. Er ist das Lamm, das Gott allezeit annimmt, annehmen muss, mit Freuden annimmt. Bringe du nur Jesum mit dir, so hast du Gott ein angenehmes Opfer gebracht. Es kann dir nicht fehlen, Vergebung zu erlangen, wenn du den Namen Jesu geltend machst. Wenn du das Fetteste deiner Rinder und das Köstlichste deiner Herde brächtest, so möchtest du Gott sagen hören: „Ich will dein Opfer nicht annehmen!“ Aber wenn du Gottes eigenes Opfer bringst, kann er dich nicht zurückweisen. Du bist angenommen in dem Geliebten; deine Unannehmbarkeit vor Gott wird durch Christi Annehmbarkeit überboten; diese bedeckt deine Sünde, sie bedeckt dich; sie macht dich dem Herzen Gottes teuer.

So weit sind wir mit diesem gesegneten Spruch gekommen, zu Wassern, in denen wir schwimmen können.“ „Siehe das Lamm Gottes.“

IV.

Leiht mir euer Ohr ein wenig länger, während ich euch viertens zeige, dass Johannes den Heiland darstellt, wie er die Sünde trägt und hinwegträgt. Die, welche die revidierte Übersetzung haben, werden sehen, dass die Revisoren die Worte: „Siehe, das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt hinweg nimmt“ haben stehen lassen, aber weislich die Randbemerkung gemacht: „die Sünde der Welt trägt.“ Beide Bedeutungen sind hier. Um die Sünde hinweg zu tragen, muss sie erst getragen werden. Der Herr Jesus hat sowohl die Sünde genommen, als sie hinweg genommen. Verweilt eine Minute bei der ersten Tatsache, dass die Sünde wirklich auf Christum gelegt war. Ich sah neulich unter den Gräueln des stygischen Pfuhles1), den ich in letzter Zeit habe überblicken müssen, so faule Lehren wie diese: dass die Übertragung der Sünde auf einen Anderen unsittlich sei. Aber ist nicht die Schrift voll davon? „Der Herr warf unser aller Sünde auf ihn.“ Die Sünde ward von Christo getragen; ja, tatsächlich von ihm getragen; „welcher unsere Sünden selbst getragen hat an seinem Leibe auf dem Holz“ (engl. Üb.). Sie mögen daraus machen, was ihnen beliebt. Ich werde nicht erklären, noch verteidigen, aber ich sage ohne Zaudern, dass die Sünde der Welt auf Christum gelegt war, und dass er sie trug und sie hinweg trug. Das Schwerste, was es im Weltall gibt, ist die Sünde, man weiß, dass die Erde sich ausgetan hat unter ihrer unerträglichen Last. Weder Engel noch Menschen können unter der Last der Sünde stehen, sie drückt sie tiefer hinab als in die unterste Hölle. Als die Sünde auf das Lamm Gottes gelegt ward, da trug es sie; aber sein Schweiß war wie große Blutstropfen und seine Seele war betrübt bis in den Tod. Das Gewicht der Welt zu tragen wäre nichts gewesen im Vergleich mit dem Tragen der Sünde der Welt.

Das Beste von allem ist indes, dass unser Herr die Last nicht nur trug, sondern sie hinweg nahm. „Er nimmt die Sünde der Welt hinweg.“ Die Sünde, die auf Christum gelegt war, blieb nicht da, er nahm sie hinweg - sie bleibt nicht länger. Wir lesen in der Schrift vieles über die Sünde, dass Gott sie vergibt, sie austilgt, sie vergisst, sie in das Meer wirft, sie hinter seinen Rücken wirft und viele andere ausdrucksvolle Redeweisen, aber dies ist in einiger Hinsicht die beste - er nimmt sie hinweg. Gelobt sei sein Name! Mein Hörer, wenn du an Jesum glaubst, so brauchst du nicht zu fragen: „Wo ist meine Sünde?“ Jesus nahm sie hinweg. Durch sein Tragen derselben trug er sie hinweg. Sie ist dahin, auf immer dahin gänzlich vernichtet. „In denselben Tagen wird man die Missetat Israels suchen, spricht der Herr, aber es wird keine da sein; und die Sünde Judas, aber es wird keine gefunden werden.“ Wir rühmen uns dessen, dass durch das Opfer Christi am Kreuze der Sünde ein Ende gemacht wurde. Er wehrte dem Übertreten, machte der Sünde ein Ende und brachte die ewige Gerechtigkeit. Dies ist ein Evangelium, wert, dass man es glaubt, wert, dass man dafür lebt, wert, dass man dafür stirbt. Verflucht sei alle Lehre, die in Widerspruch damit kommt. Dies ist der Himmel für eine Seele, deren Sünden sie zur Hölle herabziehen: die Sünde kann vergeben werden, denn Jesus ist „das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde hinwegnimmt.“ Was für ein Anblick ist dies! Die Augen können nie wieder schmerzen, die einmal die Sünde von Jesu haben hinwegnehmen sehen.

V.

Ich muss indes eure Aufmerksamkeit auf einen anderen Punkt lenken, darauf, dass Johannes unsern Herrn darstellt, wie er fortwährend die Sünde hinwegnimmt. „Siehe das Lamm Gottes, dass der Welt Sünde hinweg nimmt.“ Siehe die Sünde der Welt als Eine ungeheure Masse, und Jesus verfährt damit wie mit einem Ganzen und nimmt sie hinweg. Johannes braucht nicht die vergangene Zeit, noch die zukünftige, sondern die gegenwärtige „Er nimmt die Sünde der Welt hinweg.“ Unsers Heilandes Versöhnungsopfer, obgleich nur einmal dargebracht, ist doch immerwährend in seiner Wirkung. Er musste in einem gewissen Zeitpunkt sterben, und es waren Gründe da, weshalb sein Tod gerade in dem besonderen Augenblicke stattfand; doch dringt die Zeit nicht ein in das Wesen desselben. Das Opfer könnte vor einer Million Jahre dargebracht worden sein, und er würde als das Lamm Gottes immer noch Sünde hinwegnehmen; oder das wirkliche Opfer hätte noch länger hinausgeschoben sein können, wenn es der unendlichen Weisheit so gefallen, und dennoch würde das Lamm Gottes jetzt die Sünde hinwegnehmen. Auf das Datum seines Todes kommt es nicht an, sein Opfer ist wirksam vor und nach dem Ereignis. Unser Heiland war das Lamm, das erwürgt ist vor Anfang der Welt in dem Ratschluss, dem Bund und den Gedanken Gottes. Sein Opfer errettete Adam und Noah und Moses und David und alle Heiligen, ehe noch der Name Golgatha so hochberühmt geworden. Ehe er starb, stand er vor Johannes dem Täufer als der, der die Sünde der Welt hinwegnimmt; und heute, obwohl sein Tod vor 1800 Jahren stattfand, nimmt er noch immer „die Sünde der Welt hinweg.“ In seiner Person war er stets der Sündenträger, und durch seinen Tod hebt er die Sünde auf ewig auf. Er ist erschienen, „durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.“ Sein ewiges Verdienst bleibt auf immer dem Herrn ein süßer Geruch und tilgt auf immer das faule Ärgernis menschlicher Übertretung. Als der große Reiniger nimmt er die Sünde der Welt fortwährend hinweg und wird fortfahren sie hinwegzunehmen.

Gelobt sei Gott, ich habe heute einen Heiland, so frisch und voller Macht, als wäre er diesen selben Morgen für meine Sünde gekreuzigt. Er ist jetzt so sehr im Stande mich zu erretten, als wenn er zu dieser Stunde am Kreuze hinge. Jene seine teuren Wunden bluten der Wirkung nach immerwährend; seine Nägelmale sind das Zeichen einer unerschöpflichen Quelle des Verdienstes, die stets für die Hinwegnahme meiner Schuld fließt, ewig wirksam, unaufhörlich sündereinigend. Hier ist es, wo wir ruhen. Es ist die großartigste Tatsache in der Geschichte aller Jahrhunderte, dass Jesus die Sünde der Welt hinwegnimmt. Wir wissen nicht, was geschehen ist, ehe dies Sonnensystem geschaffen ward, und wir brauchen es nicht zu wissen. Wir können nicht weissagen, was geschehen wird, wenn Sonne, Mond und Sterne verschwinden werden wie vorübergehende Funken vom Ambos der Macht; aber es wird niemals eine neue Tatsache geben, welcher dieser ersten aller Wahrheiten gleichkommen kann dass der Sohn Gottes die menschliche Natur annahm und in dieser Natur die Sünde trug und hinwegtrug. Dies ist die Wahrheit, die vor allen andern angeschaut werden muss.

Obgleich ich zu schwach bin, euch zu predigen, wie ichs wünschte, fühle ich für mich selbst große Freude in dem Blick auf den Sündenträger, der meine Sünde hinweggenommen hat. Wie ich wünsche, dass ihr alle dasselbe fühltet! Dies ist Kern und Stern meiner Theologie. Aber ihr müsst selber das Lamm Gottes annehmen, ihr müsst es selber kennen, ihr müsst selber daran glauben, dann wird es sicherlich die Sünde hinwegnehmen, die jetzt auf euch lastet. Jesus will sie ganz fortnehmen, so dass sie euch nie wieder belasten soll. Er will sie austilgen: sie soll aufhören zu sein: ihr sollt nicht mehr unter der Verdammnis sein, sondern auf immer frei davon. Gott helfe euch, Jesum zu kennen, von dem ich zu euch rede!

VI.

Der letzte Punkt ist dieser - Johannes zeugte von der Allgenugsamkeit des göttlichen Opfers: „welches der Welt Sünde hinwegnimmt.“ Kein andrer in der ganzen Welt kann die Sünde hinwegnehmen als das Lamm Gottes. Es gibt keine Sünde, die Jesus nicht hinwegnehmen kann. Es gibt keine Grenze für den Wert seines großen Opfers: er nimmt die Sünde der Welt hinweg. Es gibt keinen andern Sündenträger, keine andere Versöhnung, keine andere Genugtuung. Kein Fegefeuer weder in der Gegenwart noch in der Zukunft vermag die Sünde hinwegzunehmen. Keine Schmerzen der Hölle sind als Heilmittel möglich, ob man dies auch wähnt: weder Verlauf der Jahre, noch Bitterkeit der Reue kann die Sünde wegnehmen: Jesus nimmt die Sünde der Welt hinweg, und außer ihm ist kein andrer.

Merkt euch, „er nimmt die Sünde der Welt hinweg“: jede Art Sünde, die je in der Welt getan ward, von allen Arten Menschen, von allen Rassen, an allen Orten. Er tilgt Sünden von langer Dauer, von erschwerender Strafbarkeit oder schreiender Gräuelhaftigkeit: jede Sünde, die innerhalb der Grenzen der Welt einbegriffen werden kann, nimmt Christus hinweg. O bußfertiger Sünder, ob deiner Sünden auch so viele wären wie der Haare auf deinem Haupt und jede so schwarz wie die Mitternacht des Tophet, dennoch nimmt Christus jede Sünde hinweg. Wenn du auch Gott geflucht und deine Mitmenschen erschlagen hättest, kommt doch solche Sünde wie diese innerhalb des Bereiches von „der Welt Sünde.“ Eben wie ein andrer Spruch sagt: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“; so ist auch dieser Spruch zu verstehen! Jesus nimmt die Sünde der Welt so hinweg, dass alle, die an ihn glauben, nicht länger der Sünde schuldig sein sollen, sondern begnadigt und vor Gott gerechtfertigt sind. Hörst du dies? Es ist nichts in diesem Spruch, was irgendeinen Menschen von der Gnade ausschließt. Siehe, ich sehe vor euch eine offene Tür. Es ist alles in meinem Text, was jeden von euch, der sich der Schuld bewusst ist, bewegen kann, zu dem Herrn Jesus zu kommen und ihn als Stellvertreter und Opfer anzunehmen. Christus wird keines Menschen Sünde wegnehmen, der nicht an ihn glaubt. Christus hat so die Sünde hinweggenommen, dass jeder, der an ihn glaubt, leben soll. Wenn du jetzt kommen willst und deine Hand auf dieses göttliche Opfer legen, so wirst du es allgenugsam finden, was auch die Beschaffenheit deiner Schuld sein mag. O herrliches Evangelium! Wie süß, es zu predigen!

Ich bin fertig, wenn ich noch dies gesagt habe. Johannes der Täufer scheint mir seine Seele erleichtert zu haben durch das Aussprechen dieser Worte. Er war ganz müde gemacht durch die Schriftgelehrten und Pharisäer, Doktoren und Zweifler, die um ihn herum gekämpft hatten. Er hatte sich verteidigen müssen und war von unzähligen Fragen gequält worden. Erst der eine und dann der andere; diese Frage und jene Frage; und nun endet Johannes den Wortkampf, indem er auf einen zeigt, dessen Gegenwart seinem Herzen Freude war. Dort steht der Heiland, und Johannes hält mit Erörterungen inne und ruft: „Dort ist er! Siehe das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt.“ Es ist für mich eine hohe Freude, mich von denen abzuwenden, die das ewige Evangelium verdunkeln, aus der Mitte des Streites herauszutreten und euch frohlockend zuzurufen: Jesus ist der Sohn Gottes; er ist das Opfer für die Sünde, er nimmt sie hinweg. Glaubt an ihn und lebt. Es ist mehr Freude in einer Predigt, als in Jahren der Disputation. O, dass jeder in dieser Versammlung an Jesum glauben möchte und leben! Was für eine Erquickung ist es für des Predigers Gemüt, endlich zu seiner Botschaft zu kommen, weg von den Winkelzügen derer, die einfache Wahrheit verwirren, zu Sachen, die wirklich mit dem ewigen Heil zu tun haben. Lasst jene in Frage stellen und mit Worten spielen das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde.

Mit welcher Gewissheit spricht der Täufer! Keinen Augenblick schwankt er oder spricht mit vorsichtiger Zurückhaltung. Keine Debatte stört die Grundlage seines Vertrauens. Vor seinen Augen sieht er klar den Sündenträger, und er heißt andere ihn sehen, wie er ihn sieht. Für ihn bleibt kein Zweifel, denn er hatte den Himmel über dem Haupte Jesu sich auftun sehen, und hatte die Stimme Gottes gehört, die sprach: „Dies ist mein lieber Sohn.“ Liebe Freunde, die Kennzeichen, die beweisen, dass unser Herr Jesus das stellvertretende Opfer für die Sünde ist, sind mir so klar, wie sie je Johannes dem Täufer waren. Ich spreche entschieden, weil ich mehr als gewiss bin, dass mein Herr das große Opfer für die Sünde ist. Ich könnte an dieser Lehre nicht zweifeln, auch wenn ich versuchte, es zu tun. Meine Hoffnung, meine Freude, mein ganzes Sein dreht sich um meines Herrn Stellvertretung. Diese Wahrheit ist in den Einschlag und meines Wesens eingewoben. Jesus litt an meiner statt. Einer der Führer in der religiösen Welt sagt uns, dass wir noch nicht zu einer befriedigenden Theorie über die Versöhnung gelangt sind. Möge er für sich selber sprechen. Tausende von uns wissen, was wir glauben und wissen, was Jesus für uns tat. Wo hat der Mann gelebt? Was für Trost ist im Leben und im Tode für einen, der nicht klar diese erste der Wahrheiten sehen kann? Ich danke Gott, dass ich eine Definition der Versöhnung habe, die mir sehr klar, gewiss und voller Trost ist. Hier ist sie „Er hat unsere Sünden selbst geopfert an seinem Leibe auf dem Holz.“ Darauf kann ich leben und darauf kann ich sterben. Ich bin des stets wiederholten Geschwätzes über eine „Theorie der Versöhnung“ überdrüssig bis zum Tode; ich habe keine Theorie, denn ich glaube an die Versöhnung selbst. Gott erhalte uns fest in dem Glauben, der einst den Heiligen überliefert ist, so werden wir reichlich Trost haben.

Und doch, noch eins, es scheint eine tiefe Angst des Johannes in den Worten meines Textes zu liegen. Er sagt: „Siehe das Lamm Gottes.“ Und er tut dies um derer willen, die um ihn her sind. Wir wünschen nicht, dass andere mit uns glauben, weil wir sie nötig haben, um uns zu unterstützen. Johannes war nicht ein Mann aus braunem Papier geschnitten, in derselben Form wie tausend andere, sondern er war ein eigenartiges, in sich abgeschlossenes Individuum. Er wusste das Lamm Gottes für sich selber zu sehen, ob andere Leute es sahen oder nicht.

Wenn ich euch die Lehre von dem stellvertretenden Opfer predige, so ist das nicht, weil ich unfähig bin, allein diese Wahrheit zu glauben. Schon lange habe ich aufgehört, Köpfe zu zählen. Die Wahrheit ist gewöhnlich in der Minorität in dieser bösen Welt. Ich habe für mich selbst Glauben an den Herrn Jesum, einen Glauben, der wie mit einem heißen Eisen in mich hineingebrannt ist. Ich danke Gott, was ich glaube, werde ich glauben, selbst wenn ich allein es glaubte. Wenn ich der Lekte bin, der sich der Stellvertretung des Herrn Jesu rühmt, so will ich mich für geehrt halten, sein Kreuz allein zu tragen. Aber es ist große Liebe für seinen Nebenmenschen in dem Herzen eines jeden, der den Herrn Jesum gesehen hat, wie er die Sünde trägt. Diese große Tat der Liebe lässt den, der sie anschaut, wünschen, dass alle Menschen sie anblicken und leben möchten. Warst du jemals halb verhungert und fandest dann Brot? Dann weiß ich, du hattest Mitleid mit deinem hungernden Bruder. Unser Instinkt sogar treibt uns, das Gute zu verbreiten, was wir empfangen haben. Selbst Hunde tun das. Einem armen Hunde wurde sein Bein im Hospital geheilt, und nicht viele Wochen später brachte er einen andern lahmen Hund zu demselben Hause der Barmherzigkeit. Auch wir wünschen, Menschen zu Christo kommen zu sehen, weil unsere zerbrochenen Herzen durch seine sanfte Hand geheilt worden sind. Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Brüder, ich war nahe daran, unter dem Bewusstsein der Sünde umzukommen; ich war fast verdammt; ich fühlte den Zorn Gottes in meiner Seele wogen und wallen wie ein Meer von Feuer, ich fand keine Erleichterung, keinen Trost. Selbst das Wort Gottes ermutigte mich nicht.

Man sagte mir vom Glauben an Jesum; aber bis ich lernte, dass Jesus das große, von Gott verordnete Opfer für die Sünde sei, sah ich nichts in ihm, das mich ermutigen konnte. Als ich gelernt hatte, dass er die Strafe getragen und der Gerechtigkeit Genüge geleistet, da fand ich das glorreiche Geheimnis, und meine Seele hatte Ruhe. Das Gewissen wirst uns wie ein Spiegel die Tatsachen zurück, so wie Gott sie sieht. Gott macht, dass ein erwecktes Gewissen das verlangt, was seine Gerechtigkeit verlangt. Die Forderung des Gewissens ist das Echo der Forderung der göttlichen Regierung. Das Gewissen fordert Sühne, weil die Notwendigkeit der Sache und die Natur Gottes sie fordern. Als ich lernte, dass eine solche Sühne bereitet war, o, da empfand ich die süßeste Ruhe! Ich wünschte, ihr alle tätet das. Ihr, die ihr kein Sühnopfer geltend zu machen habt, wie könnt ihr das Gewicht eurer Sünden tragen? Was wollt ihr mit ihnen tun, wenn der Todesschweiß auf eurer Stirn steht? Ihr, für die, eurem eigenen Glaubensbekenntnis zufolge, keine Schuld bezahlt, keine Strafe getragen ist, wie wollt ihr euch vor der Gerechtigkeit verantworten an ihrem großen und schrecklichen Tage? Gläubige blicken auf Jesum als den, der alle ihre Schuld bezahlt hat und sie fürchten sich nicht vor dem Rechnungstage. Aber wohin wollt ihr blicken? O, was wollt ihr tun? Bleibt nicht ohne Glauben an den, der an des Sünders Stelle stand. Sein Werk ist grade das, dessen eure Seele bedarf, um Frieden zu finden. Die Genugtuung Jesu wird eurer Seele Genugtuung geben, und nichts andres sonst. Das Gewissen schreit wie der Rossigel2): „Gib, gib,“ und sein Sehnen wird nie aufhören, bis es Christum findet, dessen Eine, volle Genugtuung es auf ewig zufriedenstellen wird.

„Siehe das Lamm Gottes.“ Ich werde euch allen am Tage des Gerichts gegenüberstehen, und ich zittre nicht davor, es zu tun, denn ich habe euch die ganze Wahrheit gesagt, soweit ich sie kenne. Wenn ihr das Opfer für die Sünde verwerft, so kann ich es nicht ändern! Aber ich bitte euch, nehmt es an und findet, dass das Lamm Gottes eure Sünde hinweggenommen hat. Geht hin in Frieden. Der Herr gehe mit euch. Amen.

Vor der Predigt verlesen: 2. Mose 29, 38-46. Jesaia 53. Joh. 1, 19-51.

1)
Fluss in der Unterwelt
2)
Der Roßigel (auch Rossigel, wissenschaftlich Herpobdella octoculata) ist eine in Europa sehr häufig vorkommende Art aus der Klasse der Egel (Hirudinea). Im Gegensatz zum bekannten Medizinischen Blutegel ist der Roßigel für den Menschen völlig harmlos.
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