Spurgeon, Charles Haddon – Aus der Schatzkammer Davids – Vorrede der deutschen Übersetzung von 1895

Spurgeon, Charles Haddon – Aus der Schatzkammer Davids – Vorrede der deutschen Übersetzung von 1895

Es ist billig, dass wir im Eingangswort zu der deutschen Bearbeitung des Werkes, welchem Spurgeon mehr denn zwanzig Jahre hindurch einen großen Teil seiner Kraft gewidmet hat, das Wichtigste aus den interessanten Vorreden mitteilen, mit welchen der Verfasser die sieben stattlichen Bände des englischen Werks ausgerüstet hat. Mehrere Bemerkungen zu einzelnen Psalmen oder Psalmgruppen gedenken wir an geeigneter Stelle einzufügen, anderes im letzten der 4 für das deutsche Werk in Aussicht genommenen Bände darzubieten.

Beim Aussenden des ersten Bandes im Dezember des Jahres 1869 sagt Spurgeon: „Das köstliche Studium der Psalmen hat mir unermesslichen Gewinn eingetragen, und die Freude an dem Werke ist stetig gewachsen. Die Dankbarkeit für das Empfangene drängt mich, einen Teil des Gewinnes anderen zukommen zu lassen, in der Hoffnung, dass es sie zum selbständigen Weiterforschen locken werde. Dass ich nichts besseres Eigenes zu bieten habe, erfüllt mich mit tiefem Bedauern; dass ich überhaupt etwas darreichen kann, ist mir ein Gegenstand anbetenden Dankes gegen den gnadenreichen HErrn. Ich habe mein Bestes getan; aber im Bewusstsein vieler Mängel wünsche ich von Herzen, dass ich weit Besseres hätte leisten können.“

„Die Auslegung stammt von mir selbst. Ich habe zwar jeweils, ehe ich sie niederschrieb, zur Unterstützung in der rechten Deutung und zur Anregung meiner Gedanken, einige Erklärer zu Rate gezogen; dessen ungeachtet glaube ich ehrlich für meine Bemerkungen Ursprünglichkeit beanspruchen zu dürfen. Ob sie darum besser oder schlechter sind, weiß ich nicht; jedenfalls bin ich mir bewusst, während des Schreibens um göttliche Leitung gefleht zu haben, und aus diesem Grunde erwarte ich einen Segen für die Leser.“

„Der Gedanke, Zitate aus anderen Schriftstellern zu sammeln, hat sich mir erst später aufgedrängt. Es kam mir bei der Arbeit eine solche Fülle von Stoff zu, dass ich es nicht über mich bringen konnte, das alles unbenutzt beiseite zu legen. Ich glaubte, es könnte anderen dienlich sein, wenn ich Stücke von dem, was ich über die verschiedenen Psalmen las, aufbewahrte. Diese Auszüge wuchsen bald zu einem beträchtlichen Haufen an, und zwar in solchem Grade, dass ich, trotz der Fülle, die sich dem Leser in diesem Werke darbietet, nur gleichsam Proben aus der Masse gegeben habe.“

„Eins bitte ich den Leser wohl zu beachten und nicht aus dem Auge zu verlieren: Ich bin weit davon entfernt, alles zu unterschreiben, was ich aus anderen Werken aufgenommen habe. Ich bin weder für die wissenschaftliche Tüchtigkeit noch für die Rechtgläubigkeit der betreffenden Verfasser verantwortlich. Ihre Namen sind überall beigefügt, auf dass jeder seine eigene Last trage. Ich habe viele zu Wort kommen lassen, damit sich dem Leser eine Mannigfaltigkeit der Gedanken darbiete. Es bringt uns oft Gewinn, auch solche Schriftsteller kennen zu lernen, deren Ansichten wir uns keineswegs aneignen können. Ich hoffe aber zuversichtlich, dass nichts Böses Aufnahme gefunden hat; wäre es doch der Fall, so ist es aus Versehen geschehen.“

„Diese literarische Schatzgräberarbeit hätte meine Zeit viel zu stark in Anspruch genommen, wenn mein Freund und getreuer Amanuensis1) Herr John L. Keys mich nicht mit großem Fleiße darin unterstützt hätte. Er ist ein ständiger Besucher der Bibliothek des britischen Museums und anderer öffentlichen und privaten Schatzkammern theologischen Wissens gewesen. Mit seiner Hilfe habe ich die Bücher schockweise durchsucht, oft ohne auch nur Eine denkwürdige Zeile als Lohn davonzutragen, in anderen Fällen jedoch mit hochbefriedigendem Erfolge. Die Leser ahnen kaum, welch große Mühe es manchmal gekostet hat, auch nur Einen zweckdienlichen Ausspruch zu finden. Arbeit habe ich fürwahr nicht gescheut. Mein heißer Gebetswunsch ist, dass daraus doch etwas Gutes meinen Brüdern im Amt und der Gemeinde des HErrn im Ganzen zufließen möge.“

„Es sei noch bemerkt, dass zwar meine eigene Auslegung die Arbeit gesunder Tage, das Übrige aber eine Frucht aus der Zeit der Krankheit ist. Als lang andauerndes Siechtum und große Schwachheit mich vom täglichen Predigen in die Stille führte, griff ich zur Feder als einem nützlichen Mittel, etwas Gutes auszurichten. Ich hätte gepredigt, wäre mirs möglich gewesen; da aber mein Meister mir das Vorrecht, ihm auf diese Weise zu dienen, nicht gewährte, bediente ich mich mit Freuden jenes anderen Mittels, um für seinen heiligen Namen ein Zeugnis abzulegen. Der HErr schenke mir in Gnaden auch auf diesem Arbeitsfelde Frucht; aller Ruhm und Dank soll Ihm geweiht sein.“

Nach Beendigung des ersten Drittels der Aufgabe fühlt Spurgeon sich wiederholt veranlasst, sein Bedauern darüber auszudrücken, dass ein so großer Teil der Psalmen von keinem bedeutenderen englischen Theologen einer ausführlichen und eingehenden Behandlung gewürdigt worden sei.

„Einzelne ganz besonders bemerkenswerte Psalmen sind sozusagen von allen ausgelegt und durchgepredigt worden; die übrigen sind, was die religiöse Literatur anbetrifft, fast ein unbetretenes Land, und das Sammeln von Auszügen hat daher noch weit ausgedehntere Lektüre und viel mühsameres Forschen erfordert. Die Prediger gehen offenbar, was die Textwahl betrifft, so sehr in ausgetretenen Geleisen einher, dass sie einen großen Teil der Heiligen Schrift ohne Auslegung lassen. Wo ein Autor über einen Abschnitt geschrieben hat, schreiben alle, während andere Stellen sozusagen unberührt bleiben. Das hat mich stark zu den lateinischen Schriftstellern hingetrieben, und damit zu einem Schacht der Auslegung, aus dem heutzutage sehr wenig gefördert wird. Die Vernachlässigung dieser vielbändigen Erklärungen verdient immerhin keinen allzu scharfen Tadel, denn in der Regel sind diese Folianten eher gewichtig als wichtig zu nennen, und die Schwerfälligkeit der Schreibweise vieler aus ihnen gibt leider keine Bürgschaft für die Gediegenheit des Inhalts. Die Kunst ist lang, das Leben kurz; so habe ich denn zum Durchsieben der ungeheuerlichen Haufen lateinischer Erklärungen den Beistand meines Freundes Herrn Gracey, des trefflichen philologischen Lehrers am Predigerseminar, anrufen müssen. Mächtige Folianten voll von entsetzlich lang gesponnenen Reden ergaben hie und da einige wenige gute Körnlein. Diese aber werden, hoffe ich, für meine Leser wertvoll genug sein, um mich und meine Mitarbeiter zu entschädigen. Für die getroffene Auswahl trage ich allein die Verantwortung; für die Richtigkeit der Übersetzung sind wir miteinander haftbar.“ Als Prof. Gracey sich später unter dem Druck seiner anderen Pflichten genötigt sah, auf weitere Mitarbeit zu verzichten, wurde seine Stelle durch Pastor E. T. Gibson würdig ausgefüllt, dem auch manche Bemerkungen deutschen Ursprungs zu verdanken sind. Dieser fleißige Mitarbeiter wurde jedoch, ehe Spurgeon das Werk vollendete, heimgerufen. Er hinterließ aber reichliche Notizen zu dem Rest der Psalmen. „Von der Unmasse der übersetzten Auszüge konnte kaum der zehnte Teil Aufnahme finden. Der Leser wolle beachten, dass ihm hier, nicht ohne bedeutenden Aufwand an Geld und Mühe, gleichsam das Mark aus den besten, oft ganz seltenen lateinischen Werken der verschiedensten Zeiten und Länder dargeboten wird. Ich darf in Wahrheit sagen, dass ich nie vor einer Schwierigkeit zurückgewichen bin und keine Anstrengung gescheut habe. Es war mein Ziel, das Werk so vollkommen zu machen, als es durch eigene Bemühung oder mit Hilfe anderer möglich war.“

Von den englischen Schriftstellern sind es ganz besonders die Puritaner, deren Zeugnis uns hier vielstimmig entgegentönt. Wie viele Tausende von Bänden in diesem Kommentar benutzt sind, mag danach geschätzt werden, dass die Verzeichnisse (die der deutsche Leser im Schlussbande in eins zusammengefasst finden wird) nur unter den Buchstaben A und B die Namen von beinahe 250 Verfassern (nicht einzelnen Werken) enthalten.

Zu den homiletischen Winken haben in den späteren Bänden Prof. Rogers, der Direktor der von Spurgeon gegründeten Predigerschule, und manche aus dieser Anstalt hervorgegangene Prediger wertvolle Beiträge geliefert. Anfangs hatte Spurgeon seine Winke nur den Dorfpredigern widmen zu dürfen geglaubt. Er meinte damit die sogenannten Laienprediger, die Stundenhalter, deren Tätigkeit in England sehr ausgedehnt und segensreich ist. Als man aber, wenigstens von einer Seite, diese seine Bescheidenheit ihm als Hochmut auslegte und meinte, darin eine Geringschätzung der Amtsbrüder auf dem Lande von Seiten des berühmten Predigers der Hauptstadt erblicken zu sollen, andererseits hochgestellte Geistliche dem Verfasser für die durch seine Andeutungen in ihnen angeregten Predigten warmen Dank aussprachen, hat Spurgeon ausdrücklich erklärt, dass er mit den homiletischen Winken allen Predigern in Stadt und Land dienen wolle.

Bei der Beurteilung der in diesem Werke dargebotenen Auslegung wolle man beachten, dass Spurgeon nicht eine wissenschaftliche Erklärung der Psalmen geben, sondern diese unmittelbar für die christliche Gemeinde fruchtbar machen will, daher auch Auslegung und Anwendung bei ihm zusammenfließen. Zwar kann ohne Zweifel aus einer geistvollen streng gesonderten Behandlung der verschiedenen Haushaltungen Gottes sich viel Licht über Gottes Walten mit den Menschenkindern ergießen, also auch für die Gemeinde wahrhafte Erbauung gewonnen werden. Wie mächtig ergreifen uns z. B. der 51. und der 32. Psalm, wenn wir bei streng geschichtlicher Betrachtung erkennen, wie David hier ganz neue Fußstapfen des Glaubens, sowohl in der Sünden- als in der Heilserkenntnis, ausgeprägt hat. Spurgeons Blick ist auf dieses stufenweise Fortschreiten der Offenbarung und Offenbarungs-Erkenntnis weniger gerichtet. Auch in seinem reichen Kranze sind nicht alle Blumen zu finden; dafür aber viele von besonders köstlichem Duft. Er stellt das Alte Testament vielfach sofort ins Licht des Neuen. Ihm tritt z. B. in dem Bilde des Gerechten im 1. Psalm ohne Weiteres das Bild des in Christo gerechtfertigten, durch den Pfingstgeist erneuerten Christen entgegen. Er kann zum 22. Psalm sagen: „Wie die Sterne von dem Licht der Sonne verhüllt werden, so wird, wer Jesum in diesem Psalme schaut, David kaum sehen, noch zu sehen begehren.“ Und für den, der in der ganzen Schrift die fortlaufende Offenbarung des Einen Gottes erkennt und einfältig genug ist zu glauben, dass die prophetischen Sänger des Alten Testaments unter der Leitung desselben Gottesgeistes gedichtet haben, der uns durch die Apostel und Propheten des Neuen Testaments die Urkunde der vollendenden Offenbarung hat zukommen lassen, für den handelt es sich in der Tat nicht nur darum, geschichtlich festzustellen, was ein David oder Assaph in ihren Liedern haben sagen wollen, sondern zu erkennen, was für Schätze der Geist Christi, der in diesen Männern war (1. Petri 1, 11), darin für die Gemeinde aller Zeiten aufgespeichert hat (Röm. 15, 4). Das ist nicht ein Eintragen fremder Gedanken zu nennen, sondern ein Schöpfen aus der göttlichen Fülle. Entscheidend ist, dass Jesus und die Apostel diesen Standpunkt eingenommen haben. Möge denn das unter so viel Gebet geschriebene Werk des Vollendeten auch in der deutschen Bearbeitung an seinem Teile dazu beitragen, in dem Gewirre der toll gewordenen Kritik am Alten Testamente, das Testimonium Spiritus Sancti, den Erweis der Göttlichkeit der Schrift aus ihrer am Gewissen sich bezeugenden Heiligen Geistesmacht, auf den Leuchter zu stellen.

In einem Punkte haben wir uns den Subskribenten gegenüber noch zu rechtfertigen. In dem Prospekte haben wir die Absicht ausgesprochen, der Auslegung eine dem Urtext sich genauer anschließende Übersetzung vorauszuschicken. Eingehende Beratschlagungen mit einer Reihe sachkundiger, erfahrener Männer haben uns zu dem Entschluss gebracht, den im Auftrag der deutschen evangelischen Kirchenkonferenz durch gesehenen Luthertext zu Grunde zu legen und an diesem nur da zu ändern, wo es durch Spurgeons Auslegung notwendig wurde, sei es, dass diese sich dem Grundtext genauer anschließt, oder doch auf einer Auffassung beruht, die sich vom philologischen Standpunkte rechtfertigen lässt. Wir haben es aber nicht gewagt, den ehrwürdigen Luthertext mit dem Eigenen zu vermischen. Wir haben daher den revidierten Luthertext unverändert gegeben und die notwendigen Änderungen in Fußnoten verwiesen oder, wo dies passender schien, nur in der Erklärung angedeutet.

Die Gründe zu diesem Vorgehen sind folgende: Wir haben bei den durchaus praktischen Zielen des Werks eine wörtlich genaue Übersetzung nicht für notwendig erachtet. Der Theologe bedarf ihrer nicht. Er hat den Urtext vor sich. (Er wird mit Freude wahrnehmen, wie genau sich Spurgeon vielfach diesem anschließt, während er andererseits es sich nicht ersparen darf, zu prüfen, wo etwa Spurgeon die übersprudelnde Fülle seiner Gedanken nicht zu zügeln vermocht hat). Dem sonstigen Bibelforscher, in dessen Händen wir besonders gern das Werk sehen werden, bietet sich eine Reihe anderer Übersetzungen zur Vergleichung dar. Allen aber redet keine deutsche Übersetzung so zu Herzen, wie die des besonders von Gott begnadeten Luther; jeder andere lässt uns fremder und kälter. So haben wir denn im Interesse der Leser zu handeln geglaubt, wenn wir dieser so viel als möglich folgten. Wo aber Spurgeon die in der Schrift niedergelegten Gottesgedanken schärfer hervortreten lässt, haben wir selbstverständlich Spurgeon in seinem eigenen Kommentar das Wort frei gegeben; dies auch da, wo wir Luthers Übersetzung für treffender hielten, Spurgeons geistvolle Gedanken aber dem Leser nicht vorenthalten zu dürfen meinten. Wir haben stets die Treue gegen den Urtext mit der Treue gegen Spurgeon zu vereinigen gesucht. Wo wir eigene Zusätze irgend bedeutenderen Umfangs geben oder Abschnitte gänzlich umarbeiten mussten, haben wir solches durch eckige Klammern kenntlich gemacht.

Die Auslegung Spurgeons ist also möglichst vollständig wiedergegeben. Dagegen haben wir geglaubt, im Interesse der deutschen Leser zu handeln, indem wir die Vorbemerkungen Spurgeons häufig kürzten, da es sich dabei meist um sehr streitige Fragen, wie die Bedeutung der Überschriften, handelt, und der allzu häufige Gebrauch der allegorischen Auslegung bei Spurgeon uns kein Licht in das Dunkel zu bringen scheint. Die Erläuterungen und Kernworte aus anderen Schriftstellern haben wir einer Sichtung unterzogen und möglichst gekürzt, um allzu große Weitschweifigkeit zu vermeiden und den Preis des Werkes in den gewiesenen Grenzen zu halten. Immerhin muss es unser Bestreben sein, nichts Vortreffliches aus der Fülle des Guten dem deutschen Leser vorzuenthalten; wir hoffen dennoch die vorgesehene Zahl von 40 Heften zu 5 Bogen nicht, oder nicht bedeutend, zu überschreiten. Die homiletischen Winke haben wir auch in den Fällen aufgenommen, wo uns klar war, dass sie für den zunächst an den Luthertext gewiesenen deutschen Prediger nur gleichsam als Schlaglichter dienen können. Meistens werden sie aber trotz ihrer Kürze bei ernstem Erwägen als eigentliche Predigtthemen vorzüglich verwendbar sein. Herr Superintendent O. Greeven in Büderich, Kreis Moers, hat neben anderer schätzenswerter Mitarbeit eine Durchsicht der homiletischen Winke übernommen, weshalb es uns mit besonderem Dank erfüllt, ihn unter unsere Mitarbeiter zählen zu dürfen. Gebe der HErr diesen sowie dem Herausgeber, auf dem die Verantwortlichkeit für die ganze deutsche Bearbeitung nach Form und Inhalt lastet, in Gnaden die nötige Ausrüstung. Die Arbeit an dem Werke ist uns schon bisher überaus köstlich gewesen.

Über den Ertrag des Unternehmens schreibt Spurgeon in der dritten Vorrede, als die ersten beiden Bände schon mehrere Auflagen erlebt hatten: „Ich habe keinen anderen Zweck im Auge gehabt, als der Gemeinde des HErrn zu dienen und Gott zu verherrlichen, indem ich die Arbeit so gut als möglich tat. Ich kann nicht erwarten, pekuniär für meine Mühe belohnt zu werden. Wenn nur meine baren Auslagen gedeckt werden, bin ichs wohl zufrieden. Das Übrige ist ein Opfer, dem besten aller Herren dargebracht, dessen Wort Speise und Trank ist für alle, die es erforschen. Die Freude, welche mir die Arbeit gewährt, ist ein mehr als genügender Lohn, und die Hoffnung, meinen Brüdern in der Erforschung des Wortes Gottes behilflich sein zu können, ist mir überaus köstlich.“

Aus dem Gesagten (sowie der bekannten Freigebigkeit Spurgeons) erhellt zur Genüge, wie berechtigt es ist, dass der englische Verleger Passmore u. Alabaster, mit Verzicht auf jede Vergütung für sich, die Hälfte des Reingewinns dieser allein berechtigten deutschen Ausgabe für die Witwe des am 31. Januar 1892 zur Ruhe eingegangenen Verfassers zu deren freier Verfügung (wohl auch für die zahlreichen von demselben gegründeten Anstalten) beansprucht hat. Die Abnehmer des Werks wollen dies bei der Beurteilung des ohnehin sehr mäßigen Preises freundlich berücksichtigen.

Das Erscheinen des ersten Heftes hat sich unliebsam verzögert. Wir werden unser Möglichstes tun, die Arbeit zu befördern, bitten die freundlichen Abnehmer aber, Geduld zu haben, in der Erwägung, dass ihnen nur mit sorgfältiger Arbeit gedient sein kann. Wir hoffen, der Leser werde es dem Werke nicht anmerken, wie viel Mühe manchmal das Umgießen eines kurzen Satzes gekostet hat. Eine genaue Prüfung an der Hand des englischen Originals wird ergeben, dass es wenigstens unser Bestreben gewesen ist, durch entsprechende Umarbeitung, Nachweisung der angezogenen Bibelstellen und Hinzufügung neuer, sowie durch noch genauere Berücksichtigung des Grundtextes das Werk den Bedürfnissen deutscher Prediger und „Laien“ möglichst anzupassen. Die englischen Leser mussten sich 16 Jahre vom Erscheinen des 1. Bandes bis zur Vollendung des Werkes im Oktober 1885 gedulden. Wir hoffen, die deutschen Leser in wenigstens dreifach kürzerer Zeit zu befriedigen. Das langsamere Erscheinen wird auch den weniger Bemittelten die Anschaffung wesentlich erleichtern. Gern hätten wir noch längere Zeit im Stillen vorgearbeitet, wenn nicht praktische Gründe den Herrn Verleger bestimmt hätten, gerade jetzt, wo Spurgeons Name nach seinem Heimgang in Deutschland mehr denn je genannt ist, mit dem Werke vor die Öffentlichkeit zu treten, dessen Erscheinen nur durch eine bedeutende Auflage ermöglicht wird. Umso mehr erfüllt es uns mit Dank, dass schon der Prospekt eine so freundliche Aufnahme gefunden hat, dass die Durchführung des Unternehmens vom geschäftlichen Standpunkte aus schon jetzt gesichert erscheint. Es steht aber alles in Gottes Hand. Auf sein gnädiges Walten vertrauen wir.

Die englische Ausgabe hat einen Absatz gefunden, wie kein ähnliches Werk. „Unter den Christen aller Kirchen,“ sagt Spurgeon im Vorwort zum letzten Bande, „hat die „Schatzkammer Davids“, ungehemmt durch die Schranken konfessioneller Vorurteile, sich den Weg gebahnt. Es ist das ein neuer Erweis davon, dass das geistliche Leben aller Kinder Gottes eines ist und alle sich mit gleicher Freude von der einen Speise des göttlichen Lebensbrotes nähren.“

Soeben kommt uns ein eingehender Artikel über das englische Werk aus der Feder des hochw. Propstes W. Becker in Kiel in dem 6. Heft der Neuen kirchl. Zeitschrift zu Gesicht. Der Verfasser spricht darin, ohne um unser Vorhaben zu wissen, nach überaus warmer Empfehlung dieses Werkes „von unschätzbarer Bedeutung“ den Wunsch aus, es möchte doch eine deutsche Ausgabe zu Stande kommen. Möge denn diese deutsche Bearbeitung, trotz der Mängel, die auch ihr anhaften, und für deren verständige Aufdeckung wir herzlich dankbar sein werden, unter Gottes Gnade in manche Studierstube und manches Haus einen reichen Segen bringen.

Wir weisen noch besonders darauf hin, dass die aus Spurgeons Feder stammende Auslegung sich trefflich zum fortlaufenden Lesen in der Familienandacht eignet.

Wir schließen mit folgenden Worten Spurgeons: „Es ist zu befürchten, dass die Psalmen in unserer Zeit nicht annähernd so geschätzt werden wie in früheren Zeiten der Kirche. Es gab eine Zeit, wo die Psalmen nicht nur in allen Kirchen Tag für Tag vorgelesen, sondern auch so allgemein gesungen wurden, dass jedermann aus dem Volke sie auswendig wusste, auch wenn er keinen Buchstaben lesen konnte. Es gab eine Zeit, wo kein Bischof jemanden ordiniert haben würde, es sei denn, dass er „David“ durch und durch kannte; sogar Kirchenkonzile haben beschlossen, dass niemand ein geistliches Amt bekleiden dürfe, der nicht den ganzen Psalter auswendig wisse. Andere Gebräuche jener Zeiten wäre es besser nicht aus dem Dunkel der Vergessenheit hervorzuziehen; aber dieser Sitte gebührt ehrenvolle Erwähnung. Damals sang, wie Hieronymus uns berichtet, der Bauer ein Halleluja, während er den Pflug lenkte; der müde Schnitter erquickte sich an den Psalmen, und der Weingärtner stimmte eins von Davids Liedern an, während er die Reben mit seiner Hippe beschnitt. Derselbe Kirchenvater kann sagen, in seiner Weltgegend seien die Psalmen die Volkslieder der Christen. Hätten sie bessere haben können? In diesen heiligen Hymnen finden wir den Ausdruck der mannigfaltigsten Empfindungen. Sie passen für die Kindheit wie für das hohe Alter; sie statten uns mit Grundsätzen für den Eintritt ins Leben aus und dienen als Losungswort an den Toren des Todes. In den Kampf des Lebens und in die Ruhe des Sabbats, in die Nachtwache am Krankenbett und in das gastliche Zimmer des Hauses, in die Kirche, ins Gebetskämmerlein, ja in den Himmel selbst können wir mit einem Psalme eintreten.“

„Mehr und mehr drängt sich meinem Herzen die Überzeugung auf, dass jeder selbst das heilige Land der Psalmen durchwandeln muss, wenn er wissen will, was für ein gutes Land es ist. Milch und Honig fließt darinnen, aber nicht für Fremde; es bietet seine Frucht nur denen dar, die seine Hügel und Täler lieben. Nur der Heilige Geist gibt uns den Schlüssel zu Davids Schatzkammer; und auch er reicht ihn eher der Erfahrung als dem Studium. Wohl dem, der aus eigener Erfahrung das Geheimnis der Psalmen kennt.“

Möge der HErr, der sich wie zu dem ganzen Lebenswerke, so auch zu der Psalmenauslegung seines trotz beispiellosen Erfolges in der Demut bewahrten Knechts so sichtlich bekannt hat, auch diese deutsche Bearbeitung des „Treasury of David“ zu Seines hochheiligen Namens Ruhm reiche Frucht für die Ewigkeit bringen lassen.

Wesel, am 1. Juli 1893.

J. M.


Eine Auslegung der Psalmen

von
C. H. Spurgeon.

In Verbindung mit mehreren Theologen
deutsch bearbeitet
von
James Millard,
Prediger.

1. Band.

Bonn 1895.

Verlag von Johannes Schergens.
(Zweigniederlassung: Frankfurt a. M., Stiftstraße 39.)

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