Spurgeon, Charles Haddon – Aus der Schatzkammer Davids – Der 5. Psalm.

Spurgeon, Charles Haddon – Aus der Schatzkammer Davids – Der 5. Psalm.

Überschrift.

Ein Psalm Davids, vorzusingen, für das Erbe oder: zu Flöten (zu singen). תֹוליִחָנ ist wahrscheinlich von לַלָה durchbohren abzuleiten und bezeichnet dann die Flöten nach ihrer durchbohrten Form. Über den religiösen Gebrauch der Flöten vergl. Jes. 30, 29 und 1. Sam. 10, 5. Immerhin ist die Bemerkung am Platz, dass wir über den Sinn all der musikalischen Beischriften in diesen alten Titeln keinerlei Gewissheit haben. Die LXX z. B. leiten das Wort von לַחָנ, ein Erbe bekommen, ab; wonach auch Luther „für das Erbe“ übersetzt. Aben-Esra meint, es bezeichne eine alte, wohlbekannte Melodie, nach welcher der Psalm gespielt werden sollte. Wenn hervorragende Gelehrte bekennen müssen, dass über den Sinn der Überschriften große Dunkelheit herrscht, bedauern wir das nicht so sehr: ist es uns doch ein innerer Erweis von dem hohen Alter des Psalmbuchs.

Inhalt.

Durch die vier ersten Psalmen zieht sich Ein Gedanke hindurch, nämlich der Gegensatz zwischen der Stellung, dem Charakter und den Aussichten des Gerechten und des Gottlosen. In dem vorliegenden Psalm finden wir dasselbe. Der Psalmist führt den Gegensatz aus, der zwischen ihm selbst als einem durch Gottes Gnade Gerechtfertigten und seinen gottlosen Widersachern besteht. Für tiefer Schauende enthüllt sich hier ein köstlicher Blick auf den HErrn Jesum, von welchem Heb. 5, 7 gesagt ist, dass er in den Tagen seines Fleisches Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen geopfert hat.

Einteilung.

Wir scheiden den Psalm in zwei Teile, Vers 2-8 und 9-13. Im ersten Teil fleht David inbrünstig, der HErr wolle auf sein Gebet hören, und der zweite Teil ist eine Variation zu demselben Thema.

Auslegung.

2. HErr, höre meine Worte,
merke auf meine Rede1).

Es ist hier von zwei Arten des Gebets die Rede, erst von dem in Worten ausgedrückten, und sodann von dem unausgesprochenen Sehnen des Herzens, das sich in stillem Sinnen (גיִגָה) höchstens in leisem Seufzen und kaum hörbarem Flehen kundgibt.

In den Worten besteht nicht das Wesen des Gebets, sie sind nur das Kleid, in welches es sich hüllt. Mose schrie am roten Meer zu Gott, wiewohl er kein Wort sagte.(2. Mose 14, 15.) Doch kann der Gebrauch der Sprache das Gemüt vor Zerstreuung bewahren, die Seelenkräfte unterstützen und die Andacht steigern. Wir sehen, David macht von beiden Arten des Gebets Gebrauch und fleht für das eine um Gehör und für das andere um Beachtung. Darin liegt viel. Merke auf mein Seufzen. Habe ich um das Rechte gebeten, so gib es mir; habe ich das, was mir am meisten nottut, übersehen, so fülle du die Lücken meines Gebets aus. Merke auf die Gedanken meines Herzens, wiege sie auf deiner Waage, erforsche du, ob mein Herz aufrichtig ist, und siehe, was ich in Wahrheit nötig habe, und dann antworte mir zur rechten Zeit um deiner Güte willen. Es gibt ein Bitten, das durch die Wolken dringt, ohne dass ein Wort laut wird; wiederum mögen oft viele Worte gemacht werden, ohne dass Gott auch nur auf eines achtet. Lasst uns den Geist des Gebets pflegen, das ist noch besser als die Gewohnheit des Gebets pflegen. Gott bewahre uns vor Scheingebeten ohne Herzensandacht. Mit dem Beten sollten wir anfangen, ehe wir niederknieen, und sollten nicht damit aufhören, wenn wir uns von den Knien erheben.

3. Vernimm mein Schreien, mein König und mein Gott; denn ich will vor dir beten.

Vernimm die Stimme meines Geschreis (wörtlich). Meine Brüder und Schwestern, manchmal sind wir nicht im Stande, unsere Gebete in Worte zu fassen, sie sind nur ein Schreien, aber der HErr versteht den Sinn, er hört in unserem Schreien eine Stimme von herzbeweglicher Beredsamkeit, die von Herzen kommt und zu Gottes Herzen geht. Für das liebende Herz des Vaters ist der um Hilfe bittende Schrei seines Kindes Musik, das Flehen seines Lieblings hat einen magischen Einfluss, dem sein Herz nicht widerstehen kann. Mein König und mein Gott. Achte genau auf diese kleinen Fürwörter: mein König und mein Gott. Sie sind der Kern und das Mark der dringenden Bitte. Ein gewichtiger Grund, warum Gott unsere Gebete erhören muss, liegt eben darin, dass Gott unser König und unser Gott ist. Wir sind für ihn keine Fremden, er ist der König unseres Landes. Man erwartet vom König, dass er den Bitten seiner Untertanen ein gnädiges Ohr leihe. Wir sind ihm nicht fremd; wir dienen ihm, und er ist unser Gott, unser kraft seines Bundes, kraft seiner Verheißung, kraft seines Eides, kraft des für uns vergossenen Blutes seines Sohnes.

Denn ich will vor dir beten. David erklärt, er wolle sich an Gott, und an Gott allein wenden. Gott soll der einzige Gegenstand unserer Anbetung sein und die einzige Zuflucht unserer Seele in Zeiten der Not. Überlasse die löchrigen Zisternen (Jer. 2, 13) denen, die ohne Gott dahinleben; du aber, o Gottesmensch, trinke aus Gottes lebendiger Quelle.

4. HErr, frühe wollest2) du meine Stimme hören;
frühe will ich3) mich zu dir schicken und aufmerken.

Wir können schon die erste Zeile, statt als Gebet, als Entschluss fassen: Ich will nicht stumm sein, ich will nicht schweigen, ich will meine Rede nicht zurückhalten, ich will zu dir schreien, denn das Feuer, das in meinem Inneren brennt, zwingt mich zum Beten. Wir können eher sterben, als ohne Gebet leben. Unter Gottes Kindern ist keines von einem stummen Geist besessen.

Frühe, wörtl.: des Morgens. Das ist die beste Zeit zum Umgang mit Gott. Eine Stunde am Morgen ist mehr wert als zwei am Abend. Während der Tau noch auf dem Grase liegt, möge die göttliche Gnade auf die Seele träufeln. Lasst uns dem HErrn den Morgen des Tages und den Morgen unseres Lebens. weihen. Das Gebet sei uns der Schlüssel für den Tag und das Schloss für die Nacht. Das Morgen- und Abendgebet sei unser Morgen- und Abendstern.

Das Zeitwort ְךַרָע richten, zurichten, zurüsten, hat hier im Grundtext kein Objekt bei sich. Wir können aus dem Zusammenhang ergänzen „mein Gebet“ (womit dann Luthers: frühe will ich mich zu dir schicken dem Sinne nach übereinkommt) und zur Erklärung an einen Bogenschützen denken. Ich lege mein Gebet auf den Bogen, richte ihn gen Himmel, und nachdem ich den Pfeil abgeschossen, schaue ich aus, um zu sehen, wohin er gegangen. Der Grundtext lässt aber einen noch tieferen Sinn vermuten. Das Wort ְךַרָע wird gebraucht von dem Zurechtlegen des Holzes und der Opferstücke auf dem Altar (3. Mose 1, 7 f.) oder der Schaubrote auf dem Schaubrottisch. (3. Mose 24, 8.) Demnach wäre der Sinn: Ich richte mein Gebet vor dir zu, ich lege es des Morgens auf deinem Altar aus, gerade wie der Priester das Morgenopfer auf den Altar legt. Und schaue aus: nach der Antwort. Nachdem ich gebetet, erwarte ich, dass der Segen kommt. Ich will mein Gebet gleich dem Opfer auf dem Altar ausbreiten und ausschauen, der göttlichen Antwort harrend, nämlich des Feuers vom Himmel, welches das Opfer verzehren wird.

Zwei Fragen werden uns durch diesen Schluss des Verses nahegelegt. Geht uns nicht viel von der Köstlichkeit und Wirksamkeit des Gebets dadurch verloren, dass wir es an sorgsamer Überlegung vor demselben und an hoffnungsvoller Erwartung nach demselben fehlen lassen? Nur zu oft stürzen wir uns gleichsam in die Gegenwart Gottes ohne Vorbedacht und ohne Demut. Wir sind gleich Leuten, die vor einem König ohne ein Bittgesuch erscheinen, was Wunder, dass wir oft den Zweck des Gebets verfehlen? Wir sollten darauf bedacht sein, den Strom des Nachdenkens stets am Laufen zu erhalten, denn das ist das Wasser, das die Gebetsmühle treibt. Es ist unnütz, die Schleusen eines ausgetrockneten Baches zu öffnen und dabei die Hoffnung zu hegen, das Rad sich umdrehen zu sehen. Beten ohne Inbrunst ist so gut wie jagen mit einem toten Hund; beten ohne innere Vorbereitung ist so gut wie mit einem blinden Falken auf die Beize gehen. Gewiss ist das Gebet das Werk des Heiligen Geistes, aber dieser wirkt durch Mittel. Gott schuf den Menschen, aber er benutzte dazu den Staub der Erde; der Heilige Geist ist der Urheber des Gebets, aber er bedient sich der Gedanken, welche dem inbrünstigen Herzen entströmen, als des Goldes, aus welchem er das Gefäß bildet. Mögen unsere Bitt- und Dankgebete nicht ein schnell vorübergehendes Aufflammen eines erhitzten, sich übereilenden Gehirnes sein, sondern das stetige Brennen eines wohlangelegten Feuers.

Und sodann: vergessen wir nicht oft, harrend zu beobachten, was für Erfolg unser Gebet haben werde? Wir gleichen dem Kuckuck, der seine Eier legt, aber nach den Jungen nichts fragt. Wir streuen den Samen aus, sind aber zu faul, uns um die Ernte zu bekümmern. Wie können wir erwarten, dass der HErr die Fenster seiner Gnade öffnen und uns Segen herabschütten wird, wenn wir nicht die Fenster der Erwartung öffnen und nach der verheißenen Gabe ausschauen? Wenn heilige Vorbereitung heiliger Erwartung die Hand reicht, werden wir weit herrlichere Antworten auf unsere Gebete empfangen.

5. Denn du bist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt; wer böse ist, bleibt nicht vor dir.

6. Die Ruhmredigen4)) bestehen nicht vor deinen Augen; du bist feind allen Übeltätern;

7. du bringst die Lügner um;
der HErr hat Gräuel an den Blutgierigen und falschen.

Nachdem so der Psalmist seinen festen Entschluss zu beten ausgesprochen hat, hören wir ihn jetzt seine Bitte vortragen. Er rechtet vor Gott wider seine grausamen und gottlosen Feinde und gebraucht dabei ein sehr starkes Beweismittel. Er bittet Gott, sie zu verstoßen, weil sie Gott selbst missfallen. „Wenn ich gegen meine Widersacher dich anrufe, bete ich wider eben das, was du selbst verabscheust. Du hasst das Böse und die Bösen; HErr, ich bitte dich, erlöse mich davon.“

Lasst uns die ernste Wahrheit beherzigen, dass der gerechte Gott die Sünder hassen muss. Ihm gefällt gottloses Wesen nicht, so klug, so vornehm und stolz es sich auch gebärden mag. Sein glänzender Schimmer hat keinen Reiz für ihn. Menschen mögen sich vor der Niederträchtigkeit bücken, wenn sie mit Erfolg gekrönt ist, und die Schlechtigkeit des Kampfes über dem schimmernden Flitter des Triumphes vergessen, aber der dreimal heilige Gott ist nicht wie unsereiner. Wer böse ist, bleibt nicht vor dir. Er darf und kann bei dir nicht weilen. Gott bietet dem Bösen nicht die geringste Zuflucht. Weder auf Erden noch im Himmel wird irgendetwas Böses an Gottes Wohnung teilhaben. Wie töricht sind wir doch, wenn wir es versuchen, zwei Gäste zu beherbergen, die einander so feind sind, wie Christus und der Teufel. Seien wir versichert, Christus wird in der Kammer unseres Herzens nicht wohnen, wenn wir den Teufel in dem Keller unserer Gedanken heimlich bewirten. Die Ruhmredigen oder Toren (s. d. Anm.) bestehen nicht vor deinen Augen. Sünder sind Toren im großen Maßstab. Eine kleine Sünde ist eine große Torheit, und die größte aller Torheiten ist große Sünde. Solch sündenbeladene Toren sind vom königlichen Hofe des Himmels verbannt. Irdische Könige pflegten wohl vor Zeiten Narren in ihrem Gefolge zu haben; aber der alleinweise Gott will von Toren in seinem Palast droben nichts wissen.

Du bist feind allen Übeltätern. Gott hegt nicht nur ein wenig Missfallen, sondern vollen Hass (Grundt.) gegen alle Missetäter. Von Gott gehasst zu sein, ist schrecklich. Lasst uns doch ganze Treue beweisen im Warnen der Gottlosen um uns her, denn es wird für sie entsetzlich sein, in die Hände dieses zürnenden Gottes zu fallen. Man beachte, dass, die da Böses reden, ebenso wohl wie die Übeltäter der Strafe verfallen werden, denn Du bringst die Lügner um. Aller Lügner Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt (Off. 21, 8). Mancher mag mit Lügen umgehen, ohne dass die menschlichen Gesetze ihm etwas anhaben können; aber dem göttlichen Gesetz wird er nicht entfliehen. Die Lügner haben kurze Flügel, ihr Flug wird bald zu Ende sein, und dann werden sie in die feurigen Fluten des Verderbens fallen. Der HErr hat Gräuel an den Blutgierigen und Falschen. Die sich in anderer Blut gebadet, werden mit ihrem eigenen Blute trunken gemacht werden, und wer damit begonnen. hat, andere zu betrügen, wird damit enden, dass er selbst betrogen wird. Ein altes Sprichwort sagt: Blutgierige und Falsche graben ihr eigenes Grab. In diesem Fall ist des Volkes Stimme Gottes Stimme. Wie eindringlich ist das Wort: der HErr hat Gräuel an solchen. Zeigt es uns nicht, wie gewaltig und wie tiefgewurzelt der Hass Gottes gegen die Übeltäter ist?

8. Ich aber will in dein Haus gehen auf deine große Güte, und anbeten gegen deinem heiligen Tempel in deiner Furcht.

Mit diesem Verse endet der erste Teil des Psalms. David hat seine Knie im Gebet gebeugt; er hat sodann, um sein Anrecht auf Erlösung von seinen Feinden vor Gott zu begründen, das Wesen der Gottlosen und das ihrer harrende Gottesgericht beschrieben; und nun bringt er dazu in Gegensatz, welche Stellung der Gerechte einnimmt: Ich aber will in dein Haus gehen. Ich will nicht von ferne stehen, sondern in dein Heiligtum eintreten, gerade wie ein Kind in seines Vaters Haus geht. Aber nicht auf mein Verdienst hin komme ich; nein, ich bin mit gar mancher Sünde befleckt, und darum komme ich im Vertrauen auf deine große Güte. Ich nahe zu dir mit Zuversicht um deiner unermesslichen Gnade willen. Gottes Gerichte sind alle gezählt; seine Barmherzigkeiten aber sind unzählbar. Seinen Zorn wiegt er genau ab, aber seine Güte gibt er, ohne zu wiegen. Und anbeten gegen deinen heiligen Tempel in deiner Furcht. Wenn hier auch zunächst das von dem Beter selbst auf Zion errichtete Heiligtum der Bundeslade gemeint ist, so richtete David (vergl. die Worte seines Sohnes 1. Kön. 8, 27) doch ohne Zweifel sein Geistesauge höher empor zu jenem Tempel der Heiligkeit Gottes droben, wo Jehova über den Fittichen der Cherubim in unaussprechlichem Lichte thront. Daniel hatte seine Fenster offen gegen Jerusalem (Dan. 6, 11); wir aber öffnen unser Herz gegen den Himmel.

9. HErr, leite mich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde willen; richte deinen Weg vor mir her.

Wir kommen nun zum zweiten Teil, worin der Psalmist seine Beweisgründe wiederholt und den Pflug noch einmal, nur tiefer, durch die eben gezogene Furche gehen lässt.

HErr, leite mich, wie das Kind vom Vater, der Blinde von seinem Freund an der Hand geführt wird. Da lässt sichs fröhlich und sicher wandeln, wenn Gott uns den Weg weist. In Deiner Gerechtigkeit; nicht in meiner Gerechtigkeit, denn die ist unvollkommen, sondern in Deiner, der du die Gerechtigkeit selber bist. Richte Deinen, nicht meinen, Weg vor mir her. Das ist ein erfreuliches Zeichen, dass wir in der Gnade stehen, meine Brüder, wenn wir gelernt haben, unsere eigenen Wege aufzugeben, und nun uns danach sehnen, in Gottes Wegen zu wandeln; und es ist keine geringe Gnade, wenn wir mit klarem Blick Gottes Weg stracks vor unseren Augen sehen. Ein Irrtum in Bezug auf das, was unsere Pflicht ist, kann uns in ein Meer von Sünde bringen, ehe wir gewahr werden, wo wir sind.

10. Denn in ihrem Munde ist nichts Gewisses; ihr Inwendiges ist Herzeleid;
ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen heucheln sie.

Der Apostel Paulus hat diese Darstellung des gefallenen Menschen, mit etlichen anderen Schriftworten zusammengestellt, ins zweite Kapitel des Römerbriefs aufgenommen als eine genaue Beschreibung des Menschengeschlechts überhaupt, nicht nur der Feinde Davids also, sondern aller Menschen in ihrem natürlichen Zustand. Beachte insonderheit das kräftige Bild: Ihr Rachen ist ein offenes Grab. Er ist ein Grab voll von Gräuel der Verwesung, voll von Ansteckungsstoffen, von Pestilenz und Tod. Doch, was noch schlimmer ist, ihr Rachen ist ein offenes Grab, das all seine bösen Dünste ausströmen lässt und Tod und Verderben weit umher verbreitet. Ja, wenn der Gottlosen Rachen allezeit geschlossen sein könnte, dann wäre viel gewonnen. Könnten wir der Ruchlosen Mund zu beständigem Schweigen versiegeln, dann wäre er einem geschlossenen Grabe gleich und könnte nicht viel Unheil anrichten. Aber ihr Rachen ist ein offenes Grab, daher kommt all der Giftdunst der Gottlosigkeit ihres Herzens heraus. Wie gefährlich ist ein offenes Grab; wie leicht könnte ein Wanderer unversehens darein fallen und sich plötzlich unter den Toten finden. Sei auf der Hut vor des Gottlosen bösem Maul, denn nichts ist ihm zu abscheulich, es auszusprechen, wenn er dich damit ins Verderben bringen kann. Er brennt vor Verlangen, deinen guten Leumund zu zerstören und dich in dem scheußlichen Grab seines gottlosen Maules zu begraben.

Ein lieblicher Gedanke ist immerhin auch hier zu finden. der Auferstehung wird nicht nur unser Leib, sondern auch unser Charakter auferstehen. Darin liegt ein großer Trost für Geschmähte und Verleumdete. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne (Matth. 13, 43). Die Welt mag Niederträchtiges von dir denken und deinen guten Namen begraben; bist du aber aufrichtig gewesen, dann wird an jenem Tage, da die Gräber ihre Toten wiedergeben, dies offene Grab des Rachens des Sünders auch deinen unbefleckten Namen wieder herausgeben müssen; du wirst hervorkommen und angesichts aller Menschen die Ehrenkrone empfangen. Mit ihren Zungen heucheln sie, oder ganz wörtlich: ihre Zunge machen sie glatt. Eine glatte Zunge ist ein böses Ding; viele schon sind davon bestrickt worden. Es gibt unter den Menschen gar manche, die dem Ameisenbär gleich mit ihrer langen, mit ölglatten Worten bedeckten Zunge die Unbedachtsamen an sich locken und fangen und so gute Beute machen. Wenn der Wolf das Lamm beleckt, ist er im Begriff, seine Zähne in dessen Blut zu netzen.

11. Schuldige sie, Gott, dass sie fallen von ihrem Vornehmen; stoße sie aus um ihrer großen Übertretungen willen, denn sie sind dir widerspenstig.

Dir, nicht mir, gilt ihre Empörung. Wären sie meine Feinde, so würde ich ihnen vergeben; aber deinen Feinden kann ich nicht vergeben. Wir sollen unseren Widersachern verzeihen; aber Gottes Feinden zu verzeihen, steht nicht in unserer Macht. Solche Ausdrücke wie in unserem Verse sind oft von überfeinen Leuten als zu barsch und das Ohr beleidigend beanstandet worden. „Wie kann man doch so rachsüchtig sein,“ sagen sie. Wir wollen nicht übersehen, dass man die Worte als Weissagung statt als Wunsch auffassen kann; aber es liegt uns nichts daran, dieses Auskunftsmittel anzuwenden. Wir haben noch nie von einem Bibelleser gehört, der durch das Lesen solcher Schriftstellen rachgierig geworden wäre; und es ist doch nur billig, die Güte eines Buchs nach seinen Wirkungen zu beurteilen. Wenn wir den Richter über einen Mörder das Urteil sprechen hören, kommt uns, so streng das Urteil ist, doch nicht der Gedanke, dass wir gerechtfertigt wären, wenn wir nun über andere um irgendeines uns persönlich zugefügten Unrechts willen so zu Gericht sitzen wollten. Der Psalmist spricht hier als Richter, ex officio (von Amtswegen); er spricht als der Mund Gottes, und indem er über die Gottlosen das Urteil spricht, gibt er uns damit keinerlei Entschuldigung, wenn wir die verdammen, welche uns persönlich beleidigt haben. Nichts von solcher Gesinnung ist in dieser Drohung aus Davids Mund zu finden, die vielmehr auf Heil und Segen abzielt, indem sie den Sünder vor dem über ihm schwebenden Fluche warnt. O du Unbußfertiger, es sei dir kund getan, dass all deine gottesfürchtigen Freunde dem schrecklichen Urteilsspruch des HErrn feierlich zustimmen werden, den er an jenem Tage, der dein Schicksal besiegelt, über dich aussprechen wird. Unser Urteil wird den Verdammungsfluch billigen, den der Richter aller Welt gegen die Gottvergessenen donnern wird.

Im folgenden Verse finden wir noch einmal den Gegensatz, der den vorhergehenden Psalmen ihr Gepräge gegeben hat.

12. Lass sich freuen alle, die auf dich trauen;
ewig lass sie rühmen, denn du beschirmst sie;
fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben.

Freude ist das Vorrecht des Gläubigen. Wann einst die Sünder, die sich nicht haben bekehren wollen, ausgerottet sind, dann wird unsere Freude vollkommen sein. Sie lachen erst und weinen hernach; wir weinen jetzt, aber ewige Freude wird uns ergreifen. Wenn sie heulen, werden wir jubeln (ּונֵּבַרְי); und wie sie ewig seufzen müssen, so werden wir ewig jubeln. Diese unsere heilige Wonne hat einen festen Grund; denn in Dir, HErr, sind wir fröhlich. Der ewige Gott ist die Quelle unserer Seligkeit. Wir lieben ihn, und darum ist er unsere Wonne. Wir trauen auf unseren Gott, darum ist uns das Herz leicht. Wir leben alle Tage herrlich und in Freuden, besser als der reiche Mann im Evangelium, denn wir speisen an des Königs Tafel. Wir haben Musik im Hause, Musik im Herzen und Musik im Himmel (vergl. Luk. 15, 25); denn Gott der HErr ist unsere Stärke und unser Psalm, und er ist unser Heil (Jes. 12, 2).

13. Denn Du, HErr, segnest die Gerechten;
du krönst sie mit Gnade, wie mit einem Schilde.

Der HErr hat die Seinen zu Erben des Segens eingesetzt, und niemand wird sie ihres Erbes berauben. Sein Segen kommt über sie in überschwänglicher Fülle, und seine Liebe, seine Heiligkeit, seine Allmacht und alle Eigenschaften Gottes vereinigen sich, sie mit göttlicher Zufriedenheit zu sättigen. Dies schon jetzt, aber nicht nur jetzt; sondern dieser Segen reicht in die lange unbekannte Zukunft. (Grdt. Fut.) In diesen schlichten Worten haben wir eine Verheißung. von unbegrenzter Länge und unermesslicher Breite, und wie köstlich solche Gottesworte dem Gläubigen sind, kann kein Mund aussagen.

Was aber den Schutz betrifft, den Gottes Kinder hienieden in diesem Land der Kämpfe bedürfen, so ist dieser ihnen hier auch im vollsten Maße zugesagt. Die Alten hatten Schilde, die den Krieger ganz bedeckten. Von einem solchen Schild (הָנִצ) spricht David hier, wenn er sagt: Du umgibst sie mit Gnade wie mit einem Schilde. Nach Luther, Ainsworth u. a. (die ּונֵרְטְעַּת als piel statt als kal gelesen haben) läge hier auch der Begriff des Krönens vor, so dass wir eine königliche Waffenrüstung tragen, die zugleich unsere Ehre und unser Schutz ist. Gott, kröne du uns so mit deiner Gnade!

Erläuterungen und Kernworte.

V. 2. Es scheint wohl, dass die Mehrzahl der Menschen ihre matten, inhaltsleeren und darum unwirksamen Gebete, mit denen sie das Ohr des hochgelobten Gottes nur beleidigen, gewissermaßen richtig abschätzen, da sie ja gar keine Antwort erwarten und über ihr erfolgloses Beten auch gar nicht bekümmert scheinen, sondern tun, als hätten sie leere Worte in den Wind geredet, wie es denn auch tatsächlich ist. Aber fern sei es von einem weisen, frommen Mann, mit einer so ernsten Sache in törichter Gleichgültigkeit nur ein Spiel zu treiben. Sein Gebet hat ein Ziel, einen Zweck, danach er mit unablässigem Flehen trachtet. Er betet nicht nur, um sein Gebet gesprochen zu haben, sondern um eine Antwort zu bekommen; und da er der festen Überzeugung ist, dass er eine Antwort erlangen kann, macht er seine Bitte mit Nachdruck und mit zähem Eifer vor Gott geltend und will sich nicht mit einer leeren Hoffnung. begnügen. Erzbischof Leighton † 1684.

Merke auf mein Sinnen. Stilles Sinnen füllt die Seele mit Gutem, und dann öffnet das Gebet den Spund und lässt hervorströmen, wes das Herz voll ist. Das Nachdenken ladet das Geschütz, und das Gebet feuert es ab. Isaak war ausgegangen zu sinnen (ַחּוׂשָל) oder, wie Luther gewiss in richtiger Auslegung überseht: zu beten auf dem Felde gegen Abend (1. Mose 24, 63). Auch das גיִגָה an unserer Stelle bedeutet in der Tat beides, das Sinnen (vergl. Ps. 39, 4 Grundt.) und das Beten. Die beiden sind Zwillingsbrüder. Ernstes Nachdenken ist der beste Anfang des Gebets, und Gebet der beste Schluss des Nachdenkens. George Swinnock † 1673.

V. 4. HErr, frühe wollest du meine Stimme hören.
Wenn frühe die Strahlen dein Auge erwecken,
So gönn' auch der Seele das himmlische Licht!
Wie Blumen sich sehnend zur Sonne ausstrecken,
So sei du auch frühe zum HErrn gericht't.
Den ersten Gedanken, HErr, schick' ich zu dir,
Dann bleibst du täglich und stündlich bei mir.
Lass nicht mehr vom Schlafe dich träumend umfangen,
Begrüße den Tag mit heil'gem Gebet.
Wie schnell ist die segnende Stille vergangen!
So schnell wie das Manna am Morgen zerrann (2. Mose 16, 21).
Wenn draußen geschlossen noch jegliche Tür,
Dann steht schon geöffnet das Himmelstor dir.

Nach Henry Vaughan † 1695.

Wenn in den Tagen unserer Väter jemand des Morgens frühe an die Tür seines Nachbarn kam und den Hausherrn zu sprechen wünschte, war es etwas so Gewöhnliches, dass das Gesinde ihm mit Freimut sagte: „Der Herr ist noch am Morgengebet,“ als es jetzt heißt: „Der Herr ist noch nicht auf“. Bischof Gilbert Burnet † 1715.

Beachte in diesen Worten zweierlei: 1) wie David im Gebet Stellung nimmt: „Ich richte mein Gebet vor dir zu“ (nach and. Auffassung); 2) was er nach dem Gebet tut: „und schaue aus“. Der Prophet gebraucht hier zwei militärische Ausdrücke. [Das Wort ְךַרֲע zurichten ist in der Tat der stehende Ausdruck wie für das Zurichten des Opfers, siehe die Auslegung, so für das Zurüsten der Schlacht, das Ordnen eines Kriegsheers, vergl. z. B. 1. Sam. 17, 3.] Erstens will er nicht nur beten, sondern seine Bitten gleichsam in Reih und Glied antreten lassen, sie in Schlachtordnung aufstellen; zweitens, nachdem dies geschehen, will er auf hoher Warte einem Späher gleich ausschauen, הָפְצ, ob der Sieg errungen ist. Thomas Brooks † 1680.

Nachdem David sein Gebet zu Gott gerichtet hat, ist sein Blick aufwärts gerichtet; nicht hinab zur Welt und ihrem Verderben, sondern hinauf zu Gott, um zu sehen, was der sage. „Ich will hören, was Gott der HErr reden wird.“ (Ps. 85, 9 Grdt.) „Ich will auf den HErrn schauen, und des Gottes meines Heils warten.“ (Micha 7, 7). William Greenhill † 1650.

Die Kraft des Glaubens erweist sich auch nach dem Gebet, indem er uns stark macht, nach einer gnädigen Antwort auszuschauen. Ein ungläubiges Herz schießt ins Blaue und kümmert sich nicht darum, wo der Pfeil hintrifft oder was das Gebet erreicht; der Glaube aber erfüllt die Seele mit heiliger Erwartung. Wie ein Kaufmann, wenn er seinen Vermögensstand überschlägt, ebenso wohl das in Rechnung zieht, was er übers Meer gesandt hat, als was in seinen Händen ist, so berechnet auch der Glaube, was er im Gebet gen Himmel gesandt und noch nicht erhalten hat, ebenso wie das, was er in Gnaden bereits empfangen und also in Händen hat. Diese feste Hoffnung nun, welche der Glaube auf das Gebet hin in der Seele erweckt, tritt in der beruhigenden Wirkung zu Tage, welche sie auf das Herz ausübt in der Zeit zwischen dem Aussenden des Gebetsschiffes, dass ich so sage, und seiner Rückkehr mit der reichen Ladung, welche zu bringen es ausgegangen ist. Und diese herzstillende Wirkung ist stärker oder schwächer, je nachdem wie stark der Glaube ist. Manchmal kommt der Glaube mit hellem Siegesjubel aus dem Gebetskämmerlein. Der Glaube kann das Erbetene, noch ehe auch nur ein Schimmer der Wahrscheinlichkeit für Sinne und Verstand sich zeigt, dem Herzen so wesenhaft gegenwärtig machen, dass der Christ all seine Sorgen durch die Erwartung des Kommenden stillen kann. Ja, der Glaube veranlasst den Christen, den Dank für das Erbetene gleichsam vorzuschießen, lange bevor er etwas davon empfangen hat. Gerade weil es an dem Ausschauen nach der Antwort fehlt, ist so manches Gebet verloren. Wenn du nicht glaubst, dass das Gebet etwas wirkt, warum betest du denn? Und ist es dir ernst mit dem Glauben, warum erwartest du denn nichts? Durchs Beten gibst du dir den Anschein, als vertrauest du auf Gott; dadurch, dass du keine Antwort erwartest, leugnest du es. Was ist das anderes als seinen Namen unnützlich führen? Lieber Mitchrist, stehe fest zu deinem Gebet, indem du voll heiliger Erwartung nach dem ausschaust, was du auf Grund der Verheißung erbeten hast. Mardochai hatte ohne Zweifel viele Gebete für Esther emporgesandt, und darum steht er an dem Tor des Königs, um zu sehen, welche Antwort Gott nach seiner Vorsehung auf sein Gebet geben werde. (Esth. 4,2; 5, 9. 13; 6, 12). Tue du desgleichen. William Gurnall † 1679.

V. 5. Wer Geräte von Eisen oder anderem Metall anfertigt, macht nicht den Rost oder Grünspan, der sie verdirbt; der kommt von etwas anderm. Ebenso wenig hat der himmlische Werkmeister, Gott der Allmächtige, die Sünde in die Welt gebracht, noch fällt auf ihn ein Tadel, wenn seine Geschöpfe sich mit dem Schmutz der Sünde besudeln und verderben; denn sie sind gut aus seiner Hand hervorgegangen. John Spencer † 1654.

V. 5-7. Die Abneigung des HErrn gegen die Gottlosen ist hier in einer Steigerung von 6 Stufen beschrieben. 1) Ihm gefällt gottloses Wesen nicht; 2) er bietet den Bösen keine Zuflucht; 3) er treibt sie von seinem Angesicht hinweg; 4) sein Herz wendet sich von ihnen; 5) seine Hand wendet sich wider sie; und 6) mit Abscheu wendet er sich gänzlich von ihnen ab. Unter den Übeltätern sind hier wohl die Sünder höchsten Grades, die großen, groben Sünder, die mit Entschlossenheit und Mutwillen das Böse tun, gemeint; solche, die absichtlich und sozusagen gewerbsmäßig sündigen, mit Gewandtheit und Sorgfalt, um sich dadurch einen Namen zu machen, als wäre es ihr Ehrgeiz, Meister in diesem Fach genannt zu werden, und als brauchten sie sich keineswegs zu schämen, das zu tun, dessen doch alle sich schämen sollten. Wiewohl jede Sünde eine Übeltat ist, sind doch nicht alle sündigen Menschen Übeltäter. Die so genannt werden, machen es zu ihrem Beruf, zu sündigen. Wir lesen Offenb. 22, 15 von solchen, die lieb haben und tun die Lüge. Eine Lüge kann jemand entfahren, der von ferne nicht zu diesen gehört; hingegen gibt es Lügner von Beruf, deren Freude es ist, Lügen zu erfinden. Solch handwerksmäßige Sünder werden auch Ps. 58, 3 beschrieben (Grundt.): „Im Herzen schmiedet ihr Bubenstücke.“ Der Psalmist sagt nicht nur, dass in ihrem Herzen Böses ist, sondern dass sie es da machen. Ihr Herz ist eine geheime Werkstätte, wo sie Böses aussinnen und ihre Bubenstücke zurecht schmieden und hämmern und so fertig machen. Joseph Caryl † 1647.

V. 6. Welch ein entsetzliches Ding ist doch die Sünde, die den Gott der Liebe und den Vater der Barmherzigkeit zum Feind seiner eigenen Geschöpfe gemacht und nur durch das Blut des Sohnes Gottes hat getilgt werden können! Wiewohl jeder, der der Bibel glaubt, das für wahr halten muss, begreifen dennoch auch die, welche das tiefste Gefühl davon haben, nur schwach, wie überaus sündig die Sünde ist, und es wird das auch in dieser Welt nie ganz von uns erkannt werden. Thomas Adams † 1784.

Wie Gott über die Sünde denkt, darüber siehe 5. Mose 7, 10. 25; Spr. 6, 16-18; Offenb. 2, 6. 15 und ähnliche Stellen, wo Gott seinen Abscheu und Hass gegen die Sünde ausdrückt. Von diesem Hass des Bösen kommen all die schrecklichen Plagen und Gerichte her, die der Feuer und Flammen speiende Mund seines heiligen Gesetzes gegen die Sünde und die Sünder donnert. W. Gurnall † 1679.

Die der HErr hasst, müssen umkommen. Er aber hasst die unbußfertigen Sünder. Und was für Leute verdienen den Namen Übeltäter mehr als die, welche so eifrig im Bösen sind, dass sie von ihrem Tun nicht ablassen, trotzdem sie sich damit ins Verderben stürzen? Was gebührt ihnen mehr als Zorn, da sie ja sich selbst Zorn häufen auf den Tag des Zorns? (Röm. 2, 5.) Wird Gott etwa die, welche seine Seele hasst, und welche ihn hassen, liebevoll an seinen Busen drücken? Nein, all die Flüche des Gesetzes, all die Drohungen des Evangeliums, alle Gerichte auf Erden und in der Hölle werden über solche kommen zu ihrem Verderben. Ja, Gott wird den Kopf seiner Feinde zerschmettern, den Haarschädel derer, die da fortfahren in ihrer Sünde. (Psalm 68, 22.) Darum meide du alles, was der HErr hasst. Wie kann Christus dich lieben, wenn du das, was seiner Seele verhasst ist, liebst, es gutheißt und unterstützt? Der Psalmist beantwortet diese Frage, indem er (45, 8) Christi Wesen so beschreibt: Du liebest Gerechtigkeit und hasst gottlos Wesen. Und wie er das gottlose Wesen hasst, so die, welche es ausüben, die Übeltäter. Du darfst solche nicht in der Weise lieben, dass du mit ihnen auf vertrautem Fuße bist und Freude hast an dem Umgang mit Menschen, die offenbar ruchlos sind, über Gottseligkeit spotten und ihr Hindernisse in den Weg legen. Wenn du mit Gottlosen so nahe Gemeinschaft pflegst, wird Christus mit dir keine Gemeinschaft haben. Sein Wort: „Weichet alle von mir, ihr Übeltäter“ (Luk. 13, 27) wird sonst auch dir gelten. David Clarkson † 1686.

V. 7. Du bringst die Lügner um, ob sie im Scherz oder im Ernst lügen. Die im Scherz lügen, werden (wenn sie nicht Buße tun) im Ernst zur Hölle fahren. John Trapp † 1669.

Eben dort, wo Absalom gegen seinen Vater zu Felde zog, stand die Eiche, die sein Galgen werden sollte. Das Maultier, darauf er ritt, ward sein Henker, denn es brachte ihn an die Eiche; und das üppig lange Haar, worauf er stolz war, diente als Henkerstrick. Die Gottlosen ahnen nicht, wie alles, was sie jetzt haben, ihnen zur Schlinge werden wird, darin sie gefangen werden, wenn Gott seine Gerichte über sie hereinbrechen lässt. William Cowper † 1612.

V. 8. Welch ein köstlich Wort ist dies mit seinen kräftigen Gegensätzen. Denn es sind zwei Stücke, darin dies Leben hier geübt wird, Furcht und Hoffnung. Furcht kommt daher, wenn wir sehen und achthaben auf die Drohung und die schrecklichen Gerichte Gottes, vor welchem niemand rein ist. Hoffnung aber fließet aus den Zusagen der allerlieblichsten Barmherzigkeit Gottes. In diesen zwei Stücken, nämlich in der Furcht und Hoffnung, müssen wir stets wandeln und stehen, als zwischen dem oberen und unteren Mühlstein, und nicht uns lenken oder bewegen weder zur Rechten noch zur Linken, welches die Gottlosen tun, die im Widerspiel wandeln und sich üben in den Stücken, welche der Furcht und Hoffnung entgegen sind, nämlich in Sicherheit und Vermessenheit. Martin Luther † 1546.

V. 10. Ist dem so, dass der ganze Mensch an einem so verzweifelten Schaden krankt, welch großes, schwieriges Werk ist es dann, ihn wieder ins geistliche Leben zurückzurufen und mit Kraft zum Guten zu erfüllen, wenn doch alle Teile so todkrank, so schrecklich zerrüttet sind. Welch wunderbare Kur vollbringt der Heilige Geist, indem er unsere Seele genesen macht. Nur die Lunge oder Leber zu heilen, wenn sie der Krankheit verfallen sind, wird schon als ein großes Kunststück der Heilung angesehen, wiewohl es sich da doch nur um einen Teil von dir, und zwar von deinem Leibe handelt; aber dein ganzes Inneres ist Verderben (V. 10 b. Grdt.). Welch großes Kunststück ist es denn, dich zu heilen! Ein so großes, dass es göttlicher Kunst und Macht bedarf es zu vollbringen. Thomas Goodwin † 1679.

Ihr Rachen, eigentlich: ihre Kehle ist ein offenes Grab. Dies Bild stellt in markigen Zügen das unflätige Gerede der Gottlosen dar. Nichts erfüllt uns mehr mit Abscheu und Ekel als ein offenes Grab, aus dem ein verwesender Leichnam Pestdünste ausströmen lässt. Was aus dem Munde der Ruchlosen herauskommt, ist faul und stinkend. Und wie die Ausdünstung eines Grabes von der Verderbnis, die darin ist, Zeugnis gibt, so ist es mit den verdorbenen Gesprächen der Sünder. Vergleiche auch das andere Bild Jes. 57, 20: Die Gottlosen sind wie ein ungestüm Meer, das nicht stille sein kann, und des Wellen Kot und Unflat auswerfen. Und Judä 13: Wilde Wellen des Meers, die ihre eigene Schande ausschäumen. Robert Haldane † 1835.

Ihr Rachen usw. Das zeigt uns 1) dass die Reden gottloser Menschen faul, ja stinkend und schädlich sind wie Grabesdunst. 2) Wie das Grab die darein geworfenen Leiber zerstört und verzehrt, so richten gottlose Menschen mit ihren boshaften Worten andere zu Grunde; ihr Rachen ist ein Abgrund, der die verschlingt, die darein fallen. 3) Wie ein Grab, ob es auch schon viele verzehrt hat, immer bereit ist, noch mehr zu verschlingen, und nie zu sättigen ist (vergl. Spr. 27, 20; 30, 15 f.; Hab. 2, 5), so fahren gottlose Menschen, wenn sie schon viele mit ihren Worten vernichtet haben, immer noch mit ihren Schmähungen fort, suchend, wen sie verschlingen mögen. Thomas Wilson † 1653.

Ihr Inwendiges ist Herzeleid oder Verderben, Unheil. Ihre Herzen sind Lagerspeicher des Teufels. John Trapp † 1669.

V. 11. All solche Abschnitte, darin wir scheinbar Rache schnaubende Gebete finden, sind einfach aufzufassen als der Ausdruck der Zustimmung gerechter Seelen zu der Gerechtigkeit Gottes, der um der Sünde willen Rache übt. Auch wenn wir diese Worte Davids prophetisch als Worte Christi auffassen, sind sie nichts anderes als ein Echo der schließlichen Zustimmung des fürbittenden Weingärtners zu dem Urteil über den unfruchtbaren Feigenbaum (Luk. 13, 9). Es ist als riefe er laut: „Haue ihn nun ab! Ich werde nicht mehr ins Mittel treten. Das Urteil ist gerecht. Schuldige sie, Gott, lass sie ihre Schuld büßen; stoße sie aus um ihrer großen Übertretungen willen, denn sie sind dir widerspenstig!“ Und im selben Augenblick können wir uns ihn denken, wie er seine Heiligen einlädt, in sein Endurteil mit einzustimmen, gerade wie die Stimme des Engels Offenb. 18, 20 nach der Verkündigung von Babels Fall erschallt: „Freue dich über sie, Himmel und ihr Heiligen und Apostel und Propheten; denn Gott hat euer Urteil an ihr gerichtet!“ So kann auch ein Glied Christi in voller Übereinstimmung mit dem Haupte den unfruchtbaren Feigenbaum vom selben Gesichtspunkt aus ansehen und in der Erkenntnis, dass die Ehre Gottes es nicht anders zulässt, als dass der verhängnisvolle Streich geschieht, ebenfalls ausrufen: „Lass die Axt ihn fällen!“ Hätte Abraham an der Seite des Engels gestanden, der Sodom verdarb, hätte er gesehen, wie die Heiligkeit des göttlichen Namens den Untergang dieser unbußfertigen Empörer gebieterisch forderte, so würde er ausgerufen haben: „HErr, lass das Verderben über sie kommen, lass das Feuer und den Schwefel Schwefel auf sie fallen!“ und das nicht im Geist der Rachsucht, nicht aus Mangel an erbarmender Liebe zu den Seelen dieser Menschen, sondern aus dem tiefen Ernst seines Interesses für die Ehre Jehovas. Wir halten diese Deutung für den richtigen Schlüssel zum Verständnis all der sogenannten Rachepsalmen. Diese sind nur gleichsam eine Ausführung von 5. Mose 27, 15-26: „Und alles Volk soll sagen: Amen.“ Wir sehen in solchen Psalmen, wie die Gottesfürchtigen in des HErrn Gesinnung eingehen, wie sie seinen Gräuel an der Sünde nachempfinden und sich über den Vollzug der göttlichen Gerechtigkeit freuen, wie das in dem Amen, Halleluja in Offenb. 19, (vergl. V. V. 1-3) so feierlich zum Ausdruck kommt. Andrew A. Bonar † 1859.

Herr, wenn ich in meiner täglichen. Andacht Davids Psalmen lese, gib mir Gnade, dass ich meine Seelenstimmung stets ihrem verschiedenen Inhalt anpassen könne. Wo David seine Sünde bekennt und deine Vergebung erfleht, wo er für empfangene Gnaden dankt oder um neue Beweise deiner Huld bittet, da gib mir, dass meine Seele sich hoch aufschwingen könne. Aber wenn ich zu solchen Psalmen komme, wo David seinen Feinden flucht, dann hilf mir, meine Seele beschwichtigen. Jene Worte ziemten sich wohl in Davids Mund; aber ich fühle, dass es mir an der rechten Gesinnung fehlt, dass ich sie nicht im selben Geist aussprechen könnte. Lass mich nicht mir schmeicheln, es sei mir erlaubt, gleich David deinen Feinden zu fluchen; es möchte sonst mein betrügliches Herz meine Feinde für deine ansehen und so, was bei David Gottesfurcht war, sich bei mir als Bosheit erweisen, indem ich unter dem Schein der Frömmigkeit Rache übe. O. Thomas Fuller † 1661.

V. 13. Wenn der starke Bewaffnete über uns kommt, wenn er seine feurigen Pfeile auf uns absendet, so kann uns doch kein Schade geschehen, wenn Gott uns mit seiner Gnade als mit einem Schilde umgibt. Er kann den Versucher entwaffnen, seine Bosheit im Zaum halten und ihn unter unsere Füße zertreten (Röm. 16, 20). Ist Gott nicht mit uns, deckt er uns nicht mit seiner mächtigen Gnade, dann ist allerdings ein so listiger und verschlagener und so gewaltiger Feind viel zu stark für uns. Unzweifelhaft müssen wir den Kürzeren ziehen und zu Schanden werden, wenn wir uns erdreisten, in eigener Kraft mit ihm zu ringen. Wie oft sind wir zu Fall gekommen und wie viele Beulen und Wunden haben wir davongetragen, wo wir uns auf unsere Gewandtheit verlassen haben. Dahingegen wie oft haben wir die Hilfe Gottes mächtig erfahren, wo wir sie in Demut erfleht haben. Und wie sicher dürfen wir im Glauben sein, dass der Sieg unser sein wird, da Christus selbst für uns bittet, dass wir nicht unterliegen (Luk. 22, 31 f.). Wohin können wir unsere Zuflucht nehmen, als zu dem Gott, der uns geschaffen hat? Wie wird dieser Löwe des Waldes, wenn er zu brüllen beginnt, uns erschrecken und bedrängen, bis Er, der eine Weile ihm erlaubt, uns anzufechten, ihn wieder an die Kette zu legen für gut findet! Timoth. Rogers † 1691.

Luther hatte sich bekanntlich zu Augsburg im Jahre 1518 vor dem Kardinal Cajetan, dem päpstlichen Legaten, wegen seiner angeblich ketzerischen Lehren zu verantworten. Ehe der Kardinal ihn zu sich kommen ließ, sandte er einen Diener, einen schlauen Mann, der Luthers Gesinnung auskundschaften sollte. Der fragte ihn: „Meinst du, Fürsten und Herren werden sich deiner annehmen, oder dich wider den römischen Stuhl verteidigen? Wo willst du sicher sein und bleiben?“ „Unter dem Himmel,“ gab Luther zur Antwort. „Hm, hm!“ sagte der Römer, ging seiner Wege und kam nicht wieder.

Die anderen Rüstungsstücke der Alten dienten zum Schutz einzelner Körperteile, so der Helm für das Haupt, der Brustpanzer für die Brust. Dieser große Schild aber hatte den Zweck, den ganzen Körper zu schirmen. Man machte ihn daher sehr groß, 4 Fuß lang und 2 1/2 Fuß breit. Von seiner Größe bekam er bei den Griechen den Namen Türschild. Und wenn der Schild trotzdem an sich nicht ausreichte, den ganzen Mann zu decken, so konnte der geschickte Krieger ihn hierhin und dorthin wenden und so jeden Streich, jeden Pfeil auffangen, dass keiner ihn traf. Dies ist ein treffendes Bild von dem allseitigen Nutzen des Glaubens für den Christen. Der Glaube deckt den ganzen Mann; jeder Teil wird durch ihn bewahrt. Der Schild deckte aber nicht nur den ganzen Körper, sondern war zugleich ein Schutz für die Rüstung des Kriegers. Er hielt den Pfeil sowohl vom Helm ab wie vom Haupt, von der Brust sowohl wie vom Panzer. So ist auch der Glaube eine Rüstung über die Rüstung, wie es Eph. 6, 16 wörtlich heißt: Über das alles ergreifet den Türschild des Glaubens. Der Glaube ist eine Gnade, der alle anderen Gnaden bewahrt. William Gurnall† 1679.

Homiletische Winke.

V. 2 u. 3. Das Gebet in dreifacher Form: Worte, Sinnen oder Seufzen und Schreien. Lippengebete, bei denen das Herz nicht ist, haben keinen Nutzen; dahingegen das brünstige Verlangen und stille Sehnen des Herzens bei Gott gnädig angenommen wird, auch wenn die Worte fehlen.

V. 4. Der hohe Wert des Morgengebets.

V. 4b. Die rechte Zurüstung des Gebets und das Ausschauen nach der Antwort. 1) Mache dich bereit zu rechtem Beten. 2) Mache dich bereit für Gottes Antwort.

Das Gebet eine Jakobsleiter: 1) Unser Flehen steigt hinauf; 2) Gottes Antwort steigt herab.

V. 5. Gottes Hass der Sünde vorbildlich für Gottes Kinder.

V. 6. Die Toren (f. d. Ausl.). Man zeige, mit welchem Recht die Sünder Toren genannt werden.

V. 8. Auf deine große Güte. Man verweile bei der Mannigfaltigkeit der Gnaden- und Liebesbeweise Gottes.

Der fromme Entschluss. Man merke 1) wie eigentümlich dieser Entschluss ist: Mag die Welt es treiben, wie sie will (V. 5-7), ich geh' in Gottes Haus; 2) was dieser Entschluss will: anbeten (bis mir Erhörung wird V. 2-4); 3) wie er diesen Entschluss ausführen will: a) unter dem lebhaften Gefühl der Güte Gottes (auf deine große Güte); b) erfüllt mit heiliger Ehrfurcht (in deiner Furcht).

V. 9. Gottes Leitung ist uns allezeit nötig; ganz besonders aber, wenn Feinde auf uns lauern.

V. 11 aufgefasst als Drohung (f. die Ausl.). Ganz besonders sind die Worte: „Stoße sie aus um ihrer großen Übertretungen willen“ geeignet, die Grundlage einer ernsten Erweckungspredigt zu bilden.

V. 12. 1) Die Kennzeichen des Gerechten: Glaube und Liebe. 2) Die Vorrechte des Gerechten: a) Große, heilige, tief befriedigende, jubelnde, beständige Freude; b) Beschirmung durch Gottes Macht und Vorsehung, durch der Engel Dienst, durch die bewahrende Gnade usw.

Die Freude im HErrn unsere Pflicht und unser Vorrecht.

V. 13 a. Des HErrn Segen über die Gerechten. Er waltet über ihnen von alters her, in Kraft, ist beständig, viel umfassend, unabänderlich, er übersteigt unser Denken, stammt aus der Ewigkeit und währt in Ewigkeit.

V. 13 b. Die Empfindung der göttlichen Huld ein Schild für die gläubige Seele.


Eine Auslegung der Psalmen

von
C. H. Spurgeon.

In Verbindung mit mehreren Theologen
deutsch bearbeitet
von
James Millard,
Prediger.

1. Band.

Bonn 1895.

Verlag von Johannes Schergens.
(Zweigniederlassung: Frankfurt a. M., Stiftstraße 39.)

1)
Grundt.: mein Sinnen, oder Seufzen.
2)
Sp. übersetzt: wirst du meine Stimme hören, was sprachlich nicht unmöglich ist. Auch Hupfeld übersetzt so.
3)
Grundt.: rüste ich dir zu und schaue aus.
4)
Wörtlich: Die Tollen, sich unsinnig Gebärdenden; entweder: die tollen Prahler, also die Ruhmredigen (Luther, Delitzsch), oder die Toren, d. h. nach der bekannten biblischen Anschauung: die Frevler. (So Hupfeld, Moll, englische Übersetzung.
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