Spurgeon, Charles Haddon – Aus der Schatzkammer Davids – Die Schatzkammer Davids - Der 2. Psalm.
Überschrift.
Wir werden kaum fehlgehen, wenn wir diesen erhabenen Psalm den Königspsalm des Messias nennen; denn er stellt wie in einem wunderbaren Gesicht den Aufruhr der Leute gegen den Gesalbten des HErrn dar, sowie den bestimmten Ratschluss Gottes, seinen Sohn zu erhöhen, und die schließliche Herrschaft des Sohnes über alle seine Feinde. Lowth macht folgende Bemerkung über diesen Psalm: „Die Einsetzung Davids und seine Befestigung auf dem Thron trotz des Widerstandes, den seine Feinde dagegen erheben, ist der Gegenstand des Psalms. David erscheint in demselben in zwiefacher Eigenschaft, in buchstäblicher und sinnbildlicher. Im Blick auf den geschichtlichen David liegt der Sinn des Psalms auf der Hand und wird durch die heilige Geschichte über allen Zweifel erhoben. Doch haben die Ausdrücke eine ungewöhnliche Glut, die Bilder sind von seltener Erhabenheit, und die Sprache geht hie und da fast ins Übertriebene, als sollten wir dadurch absichtlich zur Betrachtung höherer und wichtigerer darin verborgener Dinge angeleitet werden. Beziehen wir, dieser Mahnung folgend, den Psalm auf die Person und die Angelegenheiten des geistlichen David, so tritt alsbald eine Reihe hochbedeutsamer Ereignisse vor unseren Blick, und der Sinn des Psalmes wird noch klarer und zugleich noch erhabener. Die Färbung, die vielleicht zu kühn und grell scheinen mag für den König Israels, erscheint ganz angemessen, wenn auf Christum, dessen großes Gegenbild, bezogen. Fassen wir dann die beiden Gesichtspunkte zusammen, so tritt uns die ganze Schönheit und Großartigkeit dieses überaus anziehenden Gedichtes vor die Seele. Wir erkennen, wie die beiden Bedeutungen sich sehr bestimmt voneinander unterscheiden und dabei doch in vollem Einklang zusammentönen und eine wunderbare Ähnlichkeit in jedem einzelnen Zuge besitzen, während die Wechselbeziehung zwischen ihnen so genau festgehalten ist, dass jede von beiden als das Original betrachtet werden kann, dem die andere nachgebildet ist. Immerfort ergießt sich neues Licht über die Ausdrücke, die Gedanken nehmen immer zu an Bedeutung und Erhabenheit, bis sie, stufenweise von den Dingen hier unten zu denen droben, vom Menschlichen zum Göttlichen aufsteigend, das große wichtige Thema mit sich aufwärts tragen und es zuletzt in die volle Klarheit himmlischen Lichtes stellen.“
Einteilung.
Am besten werden wir den Psalm verstehen, wenn wir ihn als ein vierfaches Gemälde betrachten. V. 1-3: Das Toben der Völker. V. 4-6: Der HErr vom Himmel lacht ihrer. V. 7-9: Der Sohn verkündigt den göttlichen Ratschluss. Und V. 10-12: Den Königen wird der Rat gegeben, sich dem Gesalbten des HErrn in Gehorsam zu unterwerfen. Diese durch den Inhalt dargebotene Einteilung wird auch durch die dichterische Form des Psalms bestätigt, der ganz natürlich in 4 Strophen von je 3 Versen zerfällt.
Auslegung.
1. Warum toben die Heiden
und die Völker reden1) so vergeblich?
2. Die Könige der Erde lehnen sich auf,
und die Herren ratschlagen miteinander
wider den HErrn und seinen Gesalbten:
3. „Lasst uns zerreißen ihre Bande
und von uns werfen ihre Seile!“
Diese ersten 3 Verse enthalten eine Beschreibung des Hasses der menschlichen Natur gegen den Christus Gottes. Die beste Erläuterung dazu finden wir in dem apostolischen Wort Apostelg. 4, 27 f.: „Wahrlich ja, sie haben sich versammelt über deinen heiligen Knecht Jesum, welchen du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und dem Volk Israel, zu tun, was deine Hand und dein Rat zuvor bedacht hat, dass es geschehen sollte.“ Der Psalm beginnt ohne Einleitung mit einer zürnenden Frage. Und mit Recht. Es ist sicherlich nicht zu verwundern, dass der Anblick von Geschöpfen in Waffen gegen ihren Gott den Psalmisten in Staunen setzt. Wir sehen die Heiden toben, tosen wie das Meer, das von den ruhelosen Wogen hin und her geworfen wird, toben wie der Ozean im Sturm. Und dann nehmen wir wahr, wie die Völker in ihrem Herzen Eitles sinnen gegen ihren Gott. Wo viel Wut ist, da ist gemeiniglich Torheit dabei, und in dem vorliegenden Fall ist ein Übermaß davon vorhanden. Beachte, dass die Bewegung nicht nur von den Völkern kommt, sondern dass die Führer den Aufruhr unterstützen. Die Könige der Erde lehnen sich auf. In entschlossener Bosheit haben sie sich in Schlachtordnung gegen ihren Gott aufgestellt. Es ist nicht eine vorübergehende Aufwallung, sondern tiefgewurzelter Hass gegen den Fürsten des Friedens. Und die Herren ratschlagen mit einander. Sie führen den Krieg mit List, nicht in toller Hast, sondern mit Überlegung. Sie wenden alle Geschicklichkeit an, welche die Kriegskunst ihnen an die Hand gibt. Gleich Pharao rufen sie: „Wir wollen sie mit List dämpfen.“ (2. Mose 1, 10.) - Aber was sagen sie? Was bezweckt diese Bewegung? „Lasst uns zerreißen ihre Bande.“ Freiheit wollen wir haben, Freiheit zur Ausübung aller Gräuel. Wir wollen unsere eigenen Götter sein. Lasst uns jeder Schranke uns entledigen! Und mit wachsender Unverschämtheit fügen die verräterischen Empörer hinzu: „Lasst uns von uns werfen ihre Seile“ als wäre das eine Kleinigkeit. Wie, ihr Könige, wähnt ihr denn, ihr seid Simsons? Und sind die Seile des Allmächtigen vor euren Augen wie frischer Bast? (Richt. 16, 7.) Träumt ihr, dass ihr die Ratschlüsse des Allerhöchsten wie Werg zerreißen und vernichten könnet? Ja, es hat Monarchen gegeben, die also gesprochen: „Lasst uns zerreißen usw.“, und noch sitzen solche Rebellen auf Thronen. So wahnsinnig der Entschluss der Empörung wider Gott ist, so hat doch der Mensch seit seiner Erschaffung an demselben festgehalten und fährt darin fort bis auf den heutigen Tag. Ehe die herrliche Herrschaft Jesu in der Endzeit zur vollen Ausgestaltung kommt, wird noch ein schrecklicher Kampf die Völker erschüttern. Der HErr wird bei seinem Kommen sein wie das Feuer eines Goldschmieds und wie die Lauge der Wäscher, und sein Tag wird brennen wie ein Ofen. (Mal. 3, 2 u. 19.) Die Erde mag ihren rechtmäßigen Herrscher nicht, sondern klammert sich an des Usurpators Zepter. Die schrecklichen Kämpfe der letzten Tage werden sowohl die Liebe der Welt zur Sünde als auch Jehovas Macht, das Reich seinem Eingeborenen zu geben, voll an das Licht bringen. Für den Nacken der Unbekehrten ist Christi Joch unerträglich, aber dem geretteten Sünder ist es sanft und leicht. Wir können uns danach selbst prüfen: Ist uns dies Joch lieb, oder möchten wir es von uns werfen?
4. Aber der im Himmel wohnt, lacht ihrer,
und der HErr spottet ihrer.
Wenden wir nun unseren Blick von der gottlosen Ratskammer und dem tobenden Aufruhr der Menschen zu der geheimen Stätte, da die Majestät des Allerhöchsten thront. Was sagt Gott? Was wird der König den Menschen tun, die seinen eingebornen Sohn, den Erben über alles, verwerfen?
Man beachte die ruhige Würde des Allmächtigen und die Verachtung, welche er über die Fürsten und ihre tobenden Völker ausschüttet. Er nimmt sich nicht. Die Mühe, von seinem Sitz aufzustehen und einen Kampf mit ihnen zu beginnen, er verachtet sie; er weiß, wie widersinnig, wie unvernünftig, wie nichtig ihre Anschläge wider ihn sind darum lacht er ihrer.
5. Er wird einst2) mit ihnen reden in seinem Zorn,
und mit seinem Grimm wird er sie schrecken:
6. „Aber Ich habe meinen König eingesetzt
auf meinen heiligen Berg Zion“.
Nachdem er gelacht hat, wird er reden, er braucht nicht die Hand zum Schlage zu erheben, der Hauch seiner Lippen ist genug. In dem Augenblick, da ihre Macht aufs höchste gestiegen und ihre Wut am heftigsten geworden ist, dann wird sein Wort wider sie ergehen. Und zwar ein für sie sehr bitteres Wort. „Und doch,“ sagt er, „trotz all eurer aufrührerischen Verschwörung, trotz der Klugheit eurer Beratungen, trotz der List eurer Gesetzgeber, dennoch habe Ich meinen König eingesetzt auf meinen heiligen Berg Zion.“ Fürwahr eine großartige Proklamation! Er hat bereits getan, was die Feinde zu verhindern suchen. Während sie noch beraten, hat er schon alles entschieden. Jehovas Wille ist geschehen, und der Menschen Wille reibt sich vergeblich auf mit seinem Wüten. Der Gesalbte des HErrn ist eingesetzt, und niemand kann ihn absetzen. Schaue rückwärts durch all die Zeiten des Unglaubens, lausche auf all die stolzen und lästerlichen Reden, welche Menschenkinder gegen den Allerhöchsten ausgesprochen, horche auf den rollenden Donner der Batterien, welche die Erde gegen die himmlische Majestät aufgeführt hat und denke dann, dass Gott bei alledem spricht: „Aber Ich habe meinen König eingesetzt auf meinen heiligen Berg Zion.“ Dennoch herrscht Jesus, dennoch wird er die Frucht seiner Arbeit mit Lust schauen. (Jesaja 53, 11.) Dennoch wird sein unzerstörbares Reich (Dan. 2, 44,) kommen, wenn er sich gürten wird mit seiner großen Macht und herrschen bis an der Welt Ende. Schon herrscht er zu Zion, und unser Mund lässt froh den Ruhm unseres Friedensfürsten erschallen. Mögen hier auch noch große Kämpfe uns vorhergesagt sein, so dürfen wir doch die gewisse Zuversicht hegen, dass unserem HErrn und König der Sieg wird gegeben werden. Herrliche Triumphe stehen noch bevor. Führe sie eilends herbei, HErr, das bitten wir Dich! Zions Ruhm und Freude ist, dass ihr König bei ihr ist. Er schützt sie vor ihren Feinden und sättigt sie mit Gutem. Jesus sitzt auf dem Thron der Gnade und auf dem Thron der Macht inmitten seiner Gemeinde. Er ist Zions beste Schutzwehr. Dass die Bürger der Gottesstadt sich in ihm freuen!
7. „Ich will von3) der Weise predigen,
dass der HErr zu mir gesagt hat: „Du bist mein Sohn, heute hab Ich dich gezeugt;
8. heische von mir, so will ich dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt Enden zum Eigentum.
9. Du sollst sie mit einem eisernen Zepter zerschlagen,
wie Töpfe sollst du sie zerschmeißen.“„
Der Psalm hat eine dramatische Form, daher wird jetzt eine andere Person redend eingeführt. Zuerst haben wir in die Ratsversammlung der Gottlosen einen Blick getan, sodann auf den Thron Gottes, und nun hören wir, wie der Gesalbte des HErrn seine Hoheitsrechte verkündigt und die Verschwörer vor dem Verderben warnt, dem sie entgegengehen.
Gott hat des wahnwitzigen Ratschlusses der Gottlosen gelacht, und jetzt tritt Christus, der Gesalbte, selbst hervor, als der auferstandene Erlöser, der in Kraft erklärt und erwiesen worden ist als Sohn Gottes nach dem Geist der Heiligung durch die Auferstehung von den Toten (Röm. 1, 4). Es ist, als sagte der Gesalbte zu den aufrührerischen Königen, indem er ihnen in die zornentflammten Angesichter schaut: „Wenn das nicht genügt, um euch zum Schweigen zu bringen, wohlan, so will ich von einem Ratschluss Jehovas euch verkündigen.“ Dieser Beschluss des Höchsten nun steht in unmittelbarem Gegensatz zu dem Anschlag der Menschen, denn sein Inhalt ist gerade die Aufrichtung der Herrschaft, gegen welche die Völker wüten. „Du bist mein Sohn.“ Das ist ein herrlicher Erweis der Göttlichkeit unsers Immanuel. Denn zu welchem Engel hat er jemals gesagt: „Du bist mein Sohn, heute habe Ich dich gezeugt?“ Wie köstlich ist es, einen göttlichen Erlöser zu haben, auf welchen unser Vertrauen sich stützen darf! „Heute hab Ich dich gezeugt.“ Bezieht sich das auf die Gottheit unsers Heilandes, so lasst uns nicht versuchen sie zu ergründen, denn diese Wahrheit ist mit Ehrfurcht anzunehmen, nicht unehrerbietig zu ergrübeln. Und wir mögen hinzufügen, dass es uns, wenn sich die Worte auf den Eingeborenen in seiner menschlichen Natur beziehen sollten, auch nur gebührt, uns über das Geheimnis zu freuen, dass wir aber nicht wagen dürfen, die Heiligkeit desselben durch zudringliches Hineinspähen in die Heimlichkeiten des ewigen Gottes zu entweihen. Die Geheimnisse sind des HErrn unsers Gottes; was aber offenbart ist, das ist unser und unserer Kinder ewig (5 Mose 29, 29), und dessen ist genug, ohne dass wir uns in müßige Spekulationen versteigen. Viele haben sich in Irrwegen verloren bei dem Versuch, die Dreieinigkeit zu erklären oder das Wesen der Gottheit zu entschleiern. Große Schiffe haben da Schiffbruch gelitten. Was haben wir mit unserem gebrechlichen Kahn auf diesem Ozean zu tun?
„Heische von mir.“ Bei mächtigen Königen war es Brauch, dass sie ihren Günstlingen gaben, was sie begehrten. (Siehe Esther 5, 6; Matth. 14, 7.) So ist bei Jesu Bitten so viel als Haben. Hier erklärt er, dass eben diese seine Feinde sein Erbe sind. Ins Angesicht bezeugt er ihnen diesen Beschluss des Höchsten, und „Hört! es gilt euch!“ ruft der Gesalbte, indem er mit seiner durchbohrten Hand das Zepter seiner Macht emporhält: „Er hat mir nicht nur das Recht gegeben, König zu sein, sondern auch die Vollmacht, meine Feinde zu besiegen.“ Ja, Jehova hat seinem Gesalbten ein eisernes Zepter gegeben, mit welchem er die empörerischen Völker zerschlagen wird, und trotz ihrer Herrschergewalt werden auch die Könige nur wie Töpfe sein, wie solche werden sie mit Leichtigkeit in Scherben zerschmissen und zerschmettert werden, wann das eiserne Zepter in der Rechten des allmächtigen Sohnes Gottes über sie kommt. Was sich nicht beugen will, muss brechen. Irdenes Geschirr, das in Stücke zerbrochen ist, kann nicht wieder hergestellt werden; so wird auch das Verderben der Sünder hoffnungslos sein, wenn der HErr sie zerschmettert.
10. So lasst euch nun weisen, ihr Könige,
und lasst euch züchtigen, ihr Richter auf Erden!
11. Dient dem HErrn mit Furcht,
und freut euch mit Zittern!
12. Küsst den Sohn, dass er nicht zürne, und ihr umkommet auf dem Wege;
denn sein Zorn wird4) bald entbrennen.
Aber wohl allen, die auf ihn trauen!
Wiederum ändert sich die Szene. Der Prophet tritt auf und erteilt denen heilsamen Rat, die sich zu dem unseligen Ratschluss der Empörung zusammengetan haben. Sie werden ermahnt, sich zu unterwerfen und dem, welchen sie gehasst haben, den Kuss der Huldigung und Liebe zu geben.
„So lasst euch nun weisen.“ Willigkeit, sich unterweisen zu lassen, ist stets weise, besonders wenn solche Unterweisung auf das Heil unserer Seelen abzielt. „Zögert nicht länger, werdet doch vernünftig. Euer Feldzug kann euch nicht gelingen, darum steht davon ab und unterwerft euch freiwillig dem, der euch zur Beugung vor ihm zwingen wird, wenn ihr sein sanftes Joch verschmäht.“ wie weise, wie unendlich weise ist es, Jesu gehorsam zu werden, und wie schrecklich ist die Torheit derer, welche in der Feindschaft gegen ihn beharren! „Dient dem HErrn mit Furcht.“ Ehrfurcht und Demut beseele euren Dienst. Er ist ein großer Gott, ihr seid nur schwache Geschöpfe; beugt euch daher in heiliger Anbetung, und lasst kindliche Ehrfurcht sich mit pünktlichem Gehorsam gegen den Ewigen verbinden. „Und freut euch mit Zittern.“ Heilige Furcht muss stets mit der Freude des Christen vereint sein. Das ist eine heilige Mischung, die auf dem Altar des HErrn einen süßen Geruch ausströmt; lasst uns ja keinen anderen Weihrauch auf Gottes Altar bringen. Furcht ohne Freude ist Pein; Freude ohne heilige Furcht wäre Vermessenheit. Man beachte, wie feierlich die Aufforderung zur Versöhnung und Unterwerfung begründet wird. Es ist schrecklich, mitten im Sündenlauf umzukommen auf dem Wege der Empörung. Es ist nicht nötig, dass Gottes Zorn siebenmal heißer entfacht werde; wenn das Feuer nur ein wenig entbrennt, so werden wir verzehrt. Sünder, nimm dich in Acht vor den Schrecken des HErrn, denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer. (Heb. 12, 29.) Lasst uns die Seligpreisung beherzigen, mit welcher der Psalm schließt: Wohl allen, die auf ihn trauen! Haben wir an diesem Glücke teil? Bergen wir uns glaubensvoll in Ihm? Unser Glaube mag schwach sein wie ein Spinnenfaden; ist er aber echt, so sind wir nach dem Maße unseres Glaubens glücklich und gesegnet. Je völliger unser Vertrauen auf den HErrn wird, desto reichlicher werden wir auch die Glückseligkeit des Glaubens erfahren. Wir wollen daher die Betrachtung dieses Psalms mit der Bitte der Apostel schließen: „HErr stärke uns den Glauben“ (Luk. 17, 5).
Der erste Psalm hat den Gegensatz zwischen dem Gerechten und dem Sünder dargestellt; der zweite veranschaulicht den Gegensatz zwischen dem stürmischen Ungehorsam der ungöttlichen Welt und der gewissen Erhöhung des gerechten Sohnes Gottes. Im ersten Psalm sahen wir die Gottlosen verweht wie Spreu; im zweiten schauen wir sie in Stücke zerbrochen wie Töpfergeschirr. Im ersten Psalm richtete sich unser Blick auf des Gerechten fröhliches Gedeihen, da er grünt wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen; und hier erblicken wir Christum, das Bundeshaupt der Gerechten, in noch höherer Lebensfülle, denn er ist zum König eingesetzt über alle Inseln, und alle Heiden neigen sich vor ihm und küssen den Staub, während er selbst segnend seine Hände ausbreitet über alle, die auf ihn ihre Zuversicht sehen. Die beiden Psalmen sind der eingehendsten Aufmerksamkeit wert; sie können in der Tat als Vorwort zum ganzen Psalter (Psalm 1 nach der sittlichen, Psalm 2 nach der prophetischen Seite) gelten und sind auch von manchen der Alten in einen zusammengefasst worden. Doch sind es zwei verschiedene Psalmen. Der erste zeigt uns das Wesen und das Los der Gerechten, und der andere weist uns auf den messianischen Charakter der Psalmen hin. Dass beide Psalmen einen weitreichenden prophetischen Ausblick haben, dessen sind wir gewiss; aber wir müssen es geschickteren Händen überlassen, uns dies Gebiet zu erschließen.
Erläuterungen und Kernworte.
V. 1. Toben ist gleich Aufruhr erregen, lärmen, tosen. Das hebräische Wort drückt nicht ein inneres Gefühl, sondern die dasselbe verratende äußere Erregung aus. Es spielt vielleicht auf das Rollen und Tosen des Meeres an, das in der Heiligen Schrift und bei Klassikern oft als Sinnbild der Völkererregung dient. Das Wort φρυάσσειν, welches Lukas Apg. 4, 25 (nach den LXX) dafür setzt, bedeutet Unbändigkeit, Stolz, wie z. B. von feurigen Rossen, die sich schnaubend und bäumend in die Schlacht stürzen.
Sinnen Eitles. Diokletian prägte eine noch vorhandene Denkmünze, welche die Inschrift trug: „Weil der Name der Christen ausgelöscht ist.“ Und in Spanien wurden zwei Gedenksäulen errichtet, auf denen geschrieben war: A. „Den Kaisern Diokletian mit dem Beinamen „des Jupiter“ und Maximian mit dem Beinamen „Herkules“, den Mehrern des Reichs, errichtet, weil sie das römische Reich im Osten und Westen erweitert und den Namen der Christen, welche den Staat zu Grunde richteten, ausgetilgt haben.“ B. „Den Kaisern… (wie oben), weil sie den Galerius (den letzten Verfolger der Christen) im Osten als Mitregenten angenommen, überall den Aberglauben der Christen ausgerottet und die Verehrung der Götter ausgebreitet haben.“ Ein neuerer Schriftsteller macht dazu die sinnige Bemerkung: „Hier haben wir ein Denkmal, errichtet vom Heidentum über dem Grabe seines besiegten Feindes. Aber darin haben die Leute „Eitles ersonnen“. Weit davon entfernt, gestorben zu sein, stand das Christentum vielmehr am Vorabend seines dauernden Sieges, und der Stein deckte ein leeres Grab, gleich der Urne, welche Electra mit ihren Tränen wusch. Weder in Spanien noch sonst wo kann der Begräbnisplatz des Christentums gezeigt werden; er existiert nicht, denn die Lebenden haben kein Grab.“
V. 1-4. Herodes der Fuchs schmiedete Ränke gegen Christus (Luk. 14, 31 f.), um den Lauf seines Amtes zu hindern, aber er konnte seinen Anschlag nicht ausführen. Eitel, das heißt, innerlich leer sind alle solche Pläne, nicht nur, weil kein vernünftiger Grund zu denselben vorhanden ist, sondern auch, weil alle sich umsonst darum mühen. Der im Himmel thront, sieht, was für Toren die Leute sind, und die Menschen ja auch sie werden es einst sehen. Der Prophet gibt uns davon eine feine Schilderung Jes. 59, 5 f.: „Sie wirken Spinnwebe. Ihr Spinngewebe taugt nicht zu Kleidern, und ihr Gewirke taugt nicht zur Decke.“ Joseph Caryl † 1647.
Ach dass wir halb so viel Sorgfalt gebrauchten, Gott weislich zu dienen, als seine Feinde sich mühen, sein Reich mit List anzugreifen. Die Gottlosen wenden allen Scharfsinn an, viele Gläubige aber sind schläfrig. C. H. Spurgeon.
V. 2. Die Masse hat ihr Teil getan, jetzt zeigen sich die Mächtigen. John Trapp † 1669.
Aber warum verschworen sie sich wider den Gesalbten Jehovas? Was wollten sie von ihm? Seine Güter? Nein, hatte er doch nichts für sich selbst, sie waren reicher als er. Wollten sie seine Freiheit? Nein, die würde ihnen nicht genügt haben, hatten sie ihn doch vorher gebunden. Wollten sie das Volk dazu bringen, eine Abneigung gegen ihn zu fassen? Nein, das hatten sie schon getan, so sehr, dass selbst seine Jünger von ihm geflohen waren. Was wollten sie denn haben? Sein Blut? Ja, sein Blut. „Sie hielten Rat,“ sagt Matthäus (26, 4), „wie sie Jesum töteten.“ Ihre Gesinnung war die des Teufels, der mit nichts zufrieden ist als mit dem Tod. Und wie ersannen sie es? Matthäus sagt es, „sie hielten Rat darüber“. Henry Smith † 1578.
Wider den HErrn und seinen Gesalbten. Welche Ehre war das für David, dass er so öffentlich Jehova beigesellt wurde! Und dass er eben, weil er sein Gesalbter war, ein Gegenstand des Hasses und des Hohnes seitens der ungöttlichen Welt war. Wenn gerade dieser Umstand einerseits die Schuld dieser verblendeten Heiden entsetzlich vergrößerte und ihr Schicksal besiegelte, war es andererseits sicherlich eben das, was mehr als alles andere Davids Gemüt ruhig und heiter, ja friedevoll und freudevoll bleiben ließ trotz des prahlerischen Übermuts seiner Feinde. Im Glauben konnte er, wiewohl er nichts als die wütenden Wogen um sich sah, ruhig sprechen: „Die Völker sinnen Eitles.“ Des Himmels Beschlüsse können sie nicht zunichte machen, dem Gesalbten Jehovas keinen Schaden zufügen. David Pitcairn † 1851.
V. 3. Sie schmähen die lieblichen Gesetze des Reiches Christi als schwere Bande und Fesseln, die Zeichen der Sklaverei. (Vergl. Jer. 27, 2. 6. 7.) Aber dem Wiedergeborenen ist Christi Gesetz nicht mehr eine Bürde als dem Vogel seine Flügel. Dem Christen ist es nicht mehr Strick und Fessel, sondern ein Lendengurt, der ihn im Laufe fördert. John Trapp † 1669.
V. 4. Der im Himmel wohnt. Damit ist klar angedeutet, 1) dass der HErr hoch über alle ihre Bosheit und Macht erhaben ist; 2) dass er von oben herab all ihre Ränke erschaut; 3) dass er als der Allmächtige mit seinen Feinden machen kann, was ihn gelüstet. (Ps. 115, 3.) Arthur Jackson † 1643.
Diejenigen Angriffe von Satans Reich, die in unseren Augen furchtbar sind, sind in Gottes Augen verächtlich. Matthew Henry † 1714.
Sie spotten unser, Gott lacht ihrer. Er lacht? Das scheint auf den ersten Blick ein hartes Wort. Sind die Ungerechtigkeiten, die seinen Heiligen zugefügt werden, die Grausamkeiten ihrer Feinde, die Verhöhnung und Verfolgung seitens aller, die um uns her sind, nicht mehr als ein Gegenstand des Gelächters für ihn? Der gestrenge Cato meinte, Lachen sei unverträglich mit der Würde eines römischen Konsuls; es sei eine Herabwürdigung des Standes, sagte ein anderer zu Fürsten. Und hier wird es der himmlischen Majestät beigelegt? Aber welch heiliges Lachen ist es! Er lacht, aber es ist das Lachen der Verachtung; er lacht, aber Rache sprüht darin. Pharao bildete sich ein, er habe mit dem Ertränken der israelitischen Knäblein einen Weg gefunden, Israels Namen vom Erdboden zu vertilgen. Als aber zur selben Zeit seine eigene Tochter Mose, dem Befreier Israels, das Leben rettete und an seinem eigenen Hofe ihm eine fürstliche Erziehung gab, lachte da Gott nicht? Die Freude der Gottlosen losen ist kurz. Dagon wird wieder an seinen Ort gestellt? - Gottes Lächeln wird ihm das Haupt und beide Hände wegnehmen. (1. Sam. 5, 3 f.), ihm weder Verstand zum Führen noch Macht zum Helfen lassen. Wir dürfen über die Werke Gottes nicht urteilen, bis der letzte Akt des Dramas gekommen. Jehova ließ zu, dass sein Tempel geplündert und zerstört, die heiligen Gefäße entweiht und beim Zechgelage missbraucht wurden; aber machte nicht Gottes Lächeln Belsazar erzittern über der Handschrift an der Wand? (Dan. 5.) O was muss sein Stirnrunzeln sein, wenn sein Lächeln schon so furchtbar ist! Thomas Adams † 1614.
Er sieht auf die kleinlichen, armseligen Anstrengungen der Menschen, die von Erde sind (V. 9), nicht nur ohne Unbehagen und Furcht herab, sondern er begegnet ihrer ohnmächtigen Torheit mit Hohnlachen. Weiß er doch, dass er sie zerdrücken kann wie eine Motte, wann es ihm gefällt, oder sie in einem Augenblick verzehren mit dem Hauch seines Mundes. Wie nützlich ist es uns, an solche Wahrheiten erinnert zu werden! David Pitcairn † 1851.
V. 5. Schrecken wird er sie, sei es durch die Qualen des Gewissens, sei es durch leibliche Plagen. Auf die eine oder andere Weise wird er sie leichten Kaufs in seine Hand bekommen, wie er es allezeit mit den Verfolgern der Seinen getan hat. John Trapp † 1669.
V. 5 (u. 9). Es ist Gott ein Leichtes, seine Feinde zu vernichten. Siehe, wie Pharao, seine Weisen und Gewaltigen, seine Heere und seine Rosse ins Wasser plumpsen und platschen und wie Blei untersinken im Schilfmeer. Das ist das Ende eines der größten Anschläge, die je gegen des HErrn Auserwählte ausgebrütet worden. Von 30 römischen Kaisern, Statthaltern und anderen hohen Würdenträgern, die sich durch ihren Eifer und ihre Härte in der Verfolgung der ersten Christen ausgezeichnet haben, wurde einer plötzlich irrsinnig. nach einer frechen Gräueltat, einer ward von seinem eigenen Sohne erschlagen, einer ward blind, einem anderen traten die Augen aus dem Kopf, einer ward ertränkt, ein anderer erdrosselt, einer starb in elender Gefangenschaft, einer verendete in einer Weise, die das Erzählen verbietet, einer starb an einer so ekelhaften Krankheit, dass mehrere seiner Ärzte hingerichtet wurden, weil sie den Gestank nicht ertragen konnten, welcher sein Gemach erfüllte, zwei begingen Selbstmord, ein dritter versuchte es, musste aber um Hilfe rufen, um das schauerliche Werk zu vollenden, fünf wurden von ihren eigenen Angehörigen oder Dienern ermordet, fünf andere starben den denkbar elendesten und qualvollsten Tod, indem mehrere von ihnen eine unerhörte Verwicklung von Krankheiten hatten, und acht wurden in der Schlacht oder in der Gefangenschaft getötet. Unter diesen war Julian der Abtrünnige. Man sagt von ihm, er habe in den Tagen seines Glücks seinen Dolch gen Himmel gezückt, dem Sohne Gottes hohnsprechend, den er gemeiniglich den Galiläer nannte. Aber als er in der Schlacht verwundet war und sah, dass alles mit ihm aus war, soll er sein geronnenes Blut vom Erdboden aufgelesen und in die Luft geworfen haben mit dem Ausruf: „Galiläer, Du hast gesiegt.“ Voltaire hat uns von den Todeskämpfen Karls IX. von Frankreich berichtet, die das Blut durch die Hautporen jenes elenden Herrschers trieben, nach seinem grausamen, betrügerischen Vorgehen gegen die Hugenotten. O. W. S. Plumer † 1867.
V. 6. Beachte 1) das königliche Amt und die königliche Würde unseres erhöhten Erlösers. „Und hat einen Namen geschrieben auf seinem Kleid und auf seiner Hüfte also: Ein König aller Könige und ein Herr aller Herren“. (Off. 19, 16.) Beachte 2) die Vollmacht, kraft welcher er regiert. Er ist mein König, sagt Gott der Vater, und ich habe ihn eingesetzt von Ewigkeit her. Der Vater richtet niemand, sondern alles Gericht hat er dem Sohne gegeben. (Joh. 5, 22.) „Mag die Welt seine Machtvollkommenheit nicht anerkennen, Ich erkenne sie an, Ich habe ihn eingesetzt und gesetzt zum Haupt der Gemeinde über alles“. (Eph. 1, 22.) Beachte 3), welches sein Reich ist: „mein heiliger Berg Zion“ ein sonderliches Vorbild der Kirche des Evangeliums, denn auf Zion war die Bundeslade, und später der Tempel [auf Morija, dem Zionsgipfel]. Christi Thron ist in seiner Gemeinde, sie ist sein Hauptquartier und besonderer Residenzort. Steph. Charnock † 1680.
Meinen König: so nennt der Vater Christum, weil dieser an des Vaters Statt regiert. Und zwar ist es ein zweifaches Königtum, das Christo vom Vater übergeben ist. Erstens, die Herrschaft über die Welt, auch über die Feinde. Christus ist ein König aller Könige. Was sind die Mächtigen, die Großen und Würdenträger der Erde im Vergleich mit Christo? Gleichsam eine kleine Wasserblase. Denn wenn alle Völker vor Gott wie ein Tropfen sind, der im Eimer bleibt, und wie ein Scherflein (oder ein Stäublein), so in der Waage bleibt, wie der Prophet sagt (Jes. 40, 15), wie klein müssen dann vor ihm die Könige der Erde sein! Ja, Christus ist nicht nur höher als die Könige, er ist höher als die Engel, denn er ist ihr Haupt, und alle Engel Gottes müssen ihn anbeten (Kol. 2, 12; Heb. 1, 6). Er ist König über alle Königreiche, über alle Völker, über alle Herrschaften, über alle Mächte (vergl. Dan. 7, 14). Zweitens ist Christus aber auch der König seiner Heiligen. Über die Gottlosen herrscht er mit seinem gewaltigen Arme, die Gläubigen leitet er freundlich mit seinem Geiste. Das ist Christi geistliches Königreich, das in den Herzen der Seinen ausgerichtet ist. Er beherrscht ihr Gewissen, ihren Willen, ihre Neigungen, ihre Urteile, ihre Vernunft, und niemand außer Christo hat den Seinen etwas zu befehlen. Er herrscht über die Nationen, aber in den Gläubigen. W. Dyer † 1665.
V. 7. Der Streit über die ewige Zeugung des HErrn legt mehr vermessene Neugier als ehrfurchtsvollen Glauben an den Tag. Es ist das ein Versuch, da zu erklären, wo man viel besser täte, anzubeten. Wir könnten ja eine Reihe miteinander um die Herrschaft streitender Auslegungen dieses Verses anführen; aber wir verzichten darauf. Die Streitfrage ist eine der unfruchtbarsten, welche je die Federn der Theologen beschäftigt hat. C. H. Spurgeon.
V. 8. Heische von mir: darin ist das Priestertum Christi angedeutet. Der Psalm spricht V. 7 von Christi Einsetzung ins königliche Amt; der Schreiber des Hebräerbriefes aber bezieht das hier gesagte auf Christi Priestertum. Seine Bevollmächtigung zu diesen beiden Ämtern ist zur gleichen Zeit erfolgt, und beide sind ihm von derselben Gewalt verliehen und bestätigt worden. Sein Amt des Bittens beruht auf derselben Vollmacht, wie seine Königswürde. Nach seiner Auferstehung hat der Vater ihm Macht und Befehl zu bitten gegeben. Steph. Charnock † 1680.
Wie der Porträtmaler auf die Person sieht, deren Bild er aufnehmen will, und die Linien so zeichnet, dass dasselbe dem Modell so völlig als möglich entspreche, so sieht Gott auf Christum als das Urbild, welchem er die Heiligen gleichförmig machen will, im Leiden, in der Gnade (Luk. 2, 52) und in der Herrlichkeit; doch so, dass Christus in allem den Vorgang hat (Kol. 1, 18). Jeder Gläubige muss durch Leiden, weil Christus gelitten hat. Es geht nicht an, dass Christus einen zärtlichen, leidensscheuen Leib unter einem gekreuzigten Haupte habe. Doch hat nie jemand gelitten oder leiden können, was Er erduldet hat. Christus ist heilig, darum muss auch jeder Gläubige heilig sein, allerdings in untergeordnetem Grade, denn ein in Ton geformtes Bild kann nicht so scharf sein, wie ein in Gold geprägtes. Unsere Gleichförmigkeit mit Christo erscheint nun auch in folgendem: Wie die Erfüllung der ihm gegebenen Verheißungen auf sein Bitten zum Vater ihm zuteilwird, so werden auch die den Seinen gegebenen Verheißungen auf dieselbe Weise, nämlich auf ihr Bitten hin, erfüllt. Heische von mir, sagt Gott zu seinem Sohne, so will ich Dir geben. Und Jacobus sagt uns (4, 2): Ihr habt nicht, darum dass ihr nicht bittet. Gott hatte Christo Unterstützung in allen seinen Kämpfen zugesagt (Jes. 42, 1: Siehe, das ist mein Knecht, ich erhalte ihn); dennoch flehte er mit starkem Geschrei und Tränen (Heb. 5, 7), als seine Füße im Schatten des Todes standen. Ein Same war ihm verheißen und Sieg über alle seine Feinde; dennoch betete er um beides. Uns gegenüber handelt Christus als König, aber dem Vater gegenüber als Priester. Alles, was er zu Gott spricht, ist Gebet und Fürbitte. So machen Gottes Verheißungen auch die Gläubigen zu königlichen Beherrschern ihrer Lüste und zu Siegern über ihre Feinde, Gott gegenüber aber zu Priestern, welche durch demütiges Gebet jene großen ihnen zugesagten Dinge erlangen. W. Gurnall † 1679.
V. 9. Sogar ein eiserner Stab würde wenig ausrichten, wenn er nur leicht gehandhabt würde oder gegen einen harten, festen Gegenstand. Aber in dem vorliegenden Fall wird er mit großer Macht gebraucht: du sollst sie zerschlagen, und gegen Geschöpfe, so spröde und zerbrechlich wie Töpfe. Es handelt sich also um eine völlige Zerschmetterung. Auch hier tritt uns wieder entgegen, dass die Weissagungen und Verheißungen dieses Psalms nur in sehr beschränktem Maße in der Geschichte Davids in Erfüllung gegangen sind. Ihre volle schreckliche Erfüllung harrt des Tages, wann der große Davidssohn in der Herrlichkeit seiner Majestät als Zions König kommen wird, um mit eisernem Zepter die große antichristliche Verschwörung der Könige und der Völker zu zerschmettern und von seinem längst ihm zugesagten und teuer erkauften Erbe Besitz zu ergreifen. Und die Zeichen der Zeit scheinen darauf hinzudeuten, dass das Kommen des HErrn nahe ist. David Pitcairn † 1851.
V. 10. Wie Jesus der König aller Könige und der Richter aller Richter ist, so ist das Evangelium der Lehrer der weisesten und größten unter den Menschen. Wer sich so groß dünkt, dass er seine Ermahnungen mit Füßen tritt, der wird vor Gott wenig gelten; und wer so weise ist, dass er seine Lehren verachtet, den wird seine eingebildete Weisheit zum Narren machen. Das Evangelium führt den Machthabern der Erde gegenüber eine freie Sprache; und die das Evangelium predigen, sollen gleich einem Knox, Melville und anderen ihr Amt ehren, indem sie sogar in Gegenwart von Königen eine männliche Sprache führen und freimütig tadeln, wo zu tadeln ist. Ein Fuchsschwänzer im Talar ist höchstens als Küchenjunge in des Teufels Küche zu gebrauchen. C. .H. Spurgeon.
V. 11. Die Furcht des Herrn heiligt unsere Freude. Trennt man die Furcht von der Freude, so wird diese leichtsinnig und ausgelassen; trennt man die Freude von der Furcht, so wird diese zur knechtischen. O. W. Bates † 1699.
Die Furcht Gottes ist dem Morgenstern vergleichbar, der das Aufgehen des trostreichen Sonnenlichtes ankündigt; wie es von der Christengemeinde (Apg. 9, 31) heißt: Sie wandelte in der Furcht des HErrn und ward erfüllt mit Trost des Heiligen Geistes. Th. Watson † 1660.
Gottes Zorn hat nichts gemein mit der Leidenschaft, die den Menschen in innere Unordnung versetzt und außer Fassung bringt. Wohl aber kennt die Heilige Schrift einen Zorn Gottes als wirksame Unterscheidung der Feinde von den Freunden und der Dinge, die zu Gottes Verherrlichung dienen, von denen, die das nicht tun. Der Kirchenvater Hilarius (†366) hat gut gesagt: Poena patientis ira decernentis. Des Menschen Leiden ist Gottes Zorn. Wenn Gott, einem gerecht entrüsteten König gleich, solche Strafen verhängt, dann ist das sein Zorn. Unsere Stelle lässt die Sache aber noch ernster erscheinen. Nicht Gott, dies erhabene, allgewaltige und majestätische Wesen ist es, dem hier Zorn zugeschrieben wird, dass Gott zürnt, ist wohl zu erwarten; aber sogar der Sohn, den wir küssen sollen, kann zürnen, dies Wesen, das wir nicht nur als Gott, sondern auch als Menschen, als unsereinen kennen, ja Er, der erniedrigt ward, dass er ein Wurm war und kein Mensch (Ps. 22, 7), Er kann zürnen, und sein Zorn kann so entbrennen, dass wir verzehrt werden. Darum küsst den Sohn, dass er nicht zürne; und zürnt er, dann küsst die Rute, so wird sein Zorn aufhören. Liebet ihn, auf dass er nicht zürne; neigt euch vor ihm in Ehrfurcht, wenn er zürnt. Das Mittel, wodurch wir uns vor seinem Zorne schützen oder denselben abwenden können, ist leicht: ein Kuss aufrichtiger Huldigung und Liebe. Wer so im Glaubensgehorsam ihn umfängt, findet Gnade in der Züchtigung; aus dem Verderben wird er wieder aufrichten; er darf Feste feiern in der Zeit des Darbens und Freude im Herzen fühlen, auch wo er erfährt, wie Gottes Heiligkeit wider seine Sünde eifert. O. John Donne † 1631.
Um Frieden mit dem Vater zu machen, küsst den Sohn. „Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes,“ ist die Bitte der Brautgemeinde (Hoh. L. 1, 2); „lasst uns ihn küssen“, sei unser Entschluss. In der Tat muss zuerst der Sohn uns in seiner Gnade küssen, ehe wir ihn in gläubiger Anbetung küssen können. HErr, schenke uns jetzt solch gegenseitige Umarmungen heiliger Liebe, auf dass wir hernach zu dem herrlichen Hochzeitsmahle kommen mögen, da der himmlische Chor der Engel die Festgesänge anstimmen wird bei der Hochzeit der Braut des Lammes. Thomas Adams † 1614.
Unaussprechlich muss der Zorn Gottes sein, wenn er mit ganzer Glut entbrennt, da schon Verderben von ihm ausgeht, wenn er nur ein wenig aufflammt. John Newton † 1807.
Homiletische Winke.
Der ganze Psalm zeigt uns die Natur der Sünde, sowie die schrecklichen Folgen derselben, wenn sie zur unbeschränkten Herrschaft gelangen würde.
V. 1. Nichts ist unvernünftiger als Gottlosigkeit. Ein gewichtiges Thema.
Die Gründe, weshalb Sünder sich wider Gott empören, dargetan, widerlegt, beklagt und bereut.
Die höchste Entfaltung der menschlichen Sünde: der Hass des Menschen gegen den Mittler.
V. 1 u. 2. Der Widerstand gegen das Evangelium ist unvernünftig und erfolglos. Diese Verse zeigen uns, dass im Dienste Gottes alles Vertrauen auf Menschen eitel ist. Denn da die Menschheit im Ganzen christusfeindlich ist, so ist es nicht gut, sein Vertrauen zu sehen weder auf die Menge wegen ihrer Zahl, noch auf die kühn Entschlossenen wegen ihres Eifers, noch auf die Mächtigen wegen ihrer Gunst, noch auf die Weisen wegen ihres Rates, sintemal diese alle weit öfter wider Christus sind, denn für ihn.
V. 3. Die wahre Ursache des Widerstrebens der Sünder gegen die in Christo geoffenbarte Wahrheit, nämlich: ihr Abscheu vor den heilsamen Schranken der Gottseligkeit.
V. 4. Wie Gott der Empörer lacht, sowohl jetzt als hernach.
V. 5. Die Stimme des Zornes als Thema einer Predigt in einer Reihe von Betrachtungen über die Stimmen Gottes (die Stimme der Allmacht, der Liebe usw.)
V. 6. Christi königliche Herrschaft. 1) Der Widerstand gegen dieselbe: und doch; 2) ihr gewisser Bestand: ich habe eingesetzt; 3) die Macht, die sie erhält: ich habe eingesetzt; 4) die Stätte ihrer Offenbarung: mein heiliger Berg Zion; zum Schluss: die Segnungen, die von ihr ausströmen.
V. 7. Der göttliche Ratschluss hinsichtlich Christi, in Verbindung mit den Ratschlüssen der Erwählung und Vorsehung. Die Sohnschaft Jesu.
Dieser Vers lehrt uns, die von Gott uns verliehene Gabe und Berufung getreulich verkündigen und demütig in Anspruch nehmen.
V. 8. Das Erbe Christi.
Die Unerlässlichkeit des Gebets; selbst Christus muss bitten.
V. 9. Der Untergang der Gottlosen. Er ist gewiss, unaufhaltsam, schrecklich, vollständig, unwiederbringlich. Man führe den Vergleich mit den irdenen Gefäßen durch.
Der zu erwartende Untergang der Mächte des Irrtums und der Unterdrückung. Das Evangelium ein Zepter, wohl im Stande, die irdenen menschlichen Machwerke zu zerbrechen.
V. 10. Im Gehorsam gegen Christus besteht die wahre Weisheit, wohl geziemend für Fürsten und Richter.
Das Evangelium eine gute Schule für diejenigen, welche lernen möchten, das Regenten- und Richteramt recht auszuüben. Solche mögen seine Grundsätze, sein Ideal, seinen Geist usw. wohl beachten.
V. 11. Gemischte Empfindungen. Man vergleiche die Erfahrungen der Frauen, welche vom Grabe zurückkehrten. (Matth. 28, 8.) Das könnte ein gar trostreiches Predigtthema werden, wenn der Heilige Geist das Gemüt des Predigers erleuchtet.
V. 12. Eine dringende Einladung. 1) Der Befehl; 2) der Grund; 3) der dem Gehorsam verheißene Segen.
V. 12. Die Art, der Gegenstand und die Glückseligkeit des seligmachenden Glaubens.
Eine Auslegung der Psalmen
von
C. H. Spurgeon.
In Verbindung mit mehreren Theologen
deutsch bearbeitet
von
James Millard,
Prediger.
1. Band.
Bonn 1895.
Verlag von Johannes Schergens.
(Zweigniederlassung: Frankfurt a. M., Stiftstraße 39.)