Spurgeon, Charles Haddon - Das stellvertretende Opfer Christi - Eine Predigt für die gegenwärtige Zeit.
Gehalten am Sonntagmorgen, den 30. Oktober 1887.
“Zu derselben Zeit wird man sprechen zu Jerusalem: Fürchte dich nicht! Und zu Zion: Lass deine Hände nicht lass werden! Denn der Herr, dein Gott ist bei dir, ein starker Heiland; er wird sich über dich freuen, und dir freundlich sein, und vergeben, und wird über dir mit Schalle fröhlich sein. Die, so durch Satzungen geängstet waren, will ich wegschaffen, dass sie von dir kommen; welche Satzungen ihre Last waren, davon sie Schmach hatten.“
Zephanja 3, 16-18.
„An jenem Tage wird man sprechen zu Jerusalem: Fürchte dich nicht! Und zu Zion: Lass deine Hände nicht lass werden! Der Herr, dein Gott, in deiner Mitte ist mächtig; er wird erretten, er wird sich über dich freuen mit Freude; er wird ruhen in seiner Liebe, er wird über dir mit Singen fröhlich sein! Ich will die sammeln, die da Leid tragen um die feierliche Versammlung1), die von dir sind, denen ihre Schmach eine Last war.“ (n. d. engl. Üb.)
Die Heilige Schrift hat etwas wunderbar Volles und Bleibendes in ihrem inneren Sinne. Sie ist ein sprudelnder Quell, aus dem ihr schöpfen und wiederum schöpfen könnt; denn während ihr schöpft, sprudelt er stets neu und frisch empor. Sie ist ein Wasserbrunnen, der ewig quillt. Mit der Erfüllung ist eine göttliche Verheißung noch nicht erschöpft. Wenn ein Mensch euch ein Versprechen gibt und es hält, so hat das Versprechen ein Ende; aber es ist nicht so mit Gott. Wenn er sein Wort völlig gehalten, so hat er erst begonnen: er ist bereit, es zu halten und zu halten und es immer und ewig zu halten. Was würdet ihr von einem Manne sagen, der auf seiner Tenne Weizen hätte und diesen drösche, bis er das letzte goldene Korn herausgeschlagen, dann aber am nächsten Tage hinginge und ihn wieder drösche und ebenso viel zurückbrächte wie den Tag vorher; und am dritten Tage abermals seinen Flegel nähme und drösche und sein Maß so voll zurückbrächte wie am ersten, und so weiter alle Tage des Jahres? Würde es euch nicht wie ein Feenmärchen erscheinen? Sicherlich wäre es ein überraschendes Wunder. Aber was würden wir sagen, wenn dieses Wunder ein ganzes Leben hindurch andauerte? Dennoch haben wir das Dreschen der Verheißungen fortgesetzt, seit uns der Glaube gegeben ist, und wir haben unser volles Teil jeden Tag davon getragen. Was sollen wir von der glorreichen Tatsache sagen, dass die Heiligen in allen Generationen, vom ersten Tage an bis jetzt, dasselbe getan haben; und von der ebenso gewissen Wahrheit, dass, so lange eine bedürftige Seele auf Erden ist, auf der Tenne der Verheißungen dieselbe Fülle des feinsten Weizens sein wird, wie damals, als der erste Mensch sein Maß füllte und fröhlich heimkehrte? Ich will nicht bei der besonderen Anwendung des vorliegenden Textes verweilen: ich zweifle nicht, dass er bei dem, worauf er zunächst geht, speziell erfüllt ward; und wenn noch in der Zukunft ein besonderes Stück Geschichte ist, worauf diese Stelle sich bezieht, so wird sie wiederum zu ihrer Zeit erfüllt werden; aber das weiß ich, dass diejenigen, welche in der Zwischenzeit gelebt, diese Verheißung für sich selber wahr gefunden haben. Kinder Gottes haben diese Verheißungen in allen verschiedenen Lagen gebraucht und haben den höchsten Trost darin gefunden; und heute Morgen habe ich das Gefühl, als wenn der Spruch erst kürzlich für die gegenwärtigen Umstände geschrieben wäre, denn er ist in jeder Silbe sehr geeignet für die augenblickliche Krisis. Wenn der Herr sein Auge grade auf den jetzigen Zustand seiner Kirche gerichtet und diese Stelle nur für das Jahr der Gnade 1887 geschrieben hätte, so könnte sie kaum den Umständen angemessener sein. Unsre Aufgabe ist es, dies zu zeigen; aber ich möchte noch viel mehr erstreben. Lasst es unser Gebet sein, dass wir diese wundervollen Verse des heiligen Wortes recht in uns aufnehmen und innige Freude daran haben mögen. Wie Gott in seiner Liebe ruht, so lasst uns heute Morgen darin ruhen; und wie er über uns mit Singen fröhlich ist, so lasst uns Freudenpsalmen singen dem Gotte unsers Heils.
Ich will mit dem letzten Verse unseres Textes beginnen und mir den Weg aufwärts bahnen. Der erste Teil ist, ein Tag der Trübsal für Gottes Volk. Es ist voll Trauer, weil eine Wolke über seiner feierlichen Versammlung hängt, und die Schmach derselben eine Last ist. Zweitens wollen wir einen herrlichen Trostgrund betrachten. Wir lesen im siebzehnten Verse: „Der Herr, dein Gott, in deiner Mitte ist mächtig; er wird erretten, er wird sich über dich freuen mit Freude; er wird ruhen in seiner Liebe, er wird über dir mit Singen fröhlich sein.“ Und drittens, das mutige Verhalten, zu dem wir angeregt werden: „An jenem Tage wird man zu Jerusalem sprechen: Fürchte dich nicht! Und zu Zion: Lass deine Hände nicht lass werden!“
I.
Wir beginnen mit dem 18. Verse und sehen einen Tag der Trübsal für Gottes Volk. Eine Schmach ist über die feierliche Versammlung gekommen. Die feierlichen Versammlungen Israels waren sein Ruhm; seine großen Fest- und Opfertage waren die Freude des Landes. Für die Gläubigen waren ihre heiligen Tage ihre Freudentage. Aber eine Schmach war über die Versammlung gekommen, und ich glaube, es ist ebenso in dem gegenwärtigen Augenblick. Es ist eine traurige Sache, wenn in unsern Versammlungen der Glanz des evangelischen Lichtes durch Irrtum getrübt ist. Die Klarheit des Zeugnisses ist gestört, wenn zweifelhafte Stimmen sich hin und wieder unter dem Volke finden, und diejenigen, welche die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit predigen sollten, die Einbildungen der Menschen und die Erfindungen der Gegenwart als Lehren verkünden. Statt der Offenbarung haben wir fälschlich so genannte Philosophie; statt göttlicher Unfehlbarkeit haben wir Vermutungen und weitere Hoffnungen. Das Evangelium Jesu Christi, welcher derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit, wird als das Erzeugnis des Fortschritts gelehrt, ein Gewächs, ein Ding, das Jahr auf Jahr verbessert und berichtigt werden muss. Es ist ein böser Tag, für die Kirche sowohl wie für die Welt; so die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer will sich zum Streite rüsten?
Wenn wir dazu noch die feierliche Versammlung der Kirche von einer Leblosigkeit, einer Gleichgültigkeit, einem Mangel an geistlicher Kraft beschleichen sehen, so ist das in hohem Grade schmerzlich. Wenn die Lebendigkeit der Religion verachtet wird und die Gebetsversammlungen vernachlässigt, wohin geraten wir dann? Die gegenwärtige Periode der Kirchengeschichte ist gut abgebildet durch die Kirche von Laodicäa, die weder warm noch kalt war und deshalb aus Christi heiligem Munde ausgespien werden sollte. Diese Kirche rühmte sich, dass sie reich sei und gar satt habe und nichts bedürfe, während die ganze Zeit über ihr Herr draußen stand und an die Tür klopfte, eine Tür, die vor ihm verschlossen war. Diese Stelle wird beständig auf die Unbekehrten angewandt, mit denen sie nichts zu tun hat: sie hat mit einer lauen Kirche zu tun, mit einer, die meinte, in einem außerordentlich blühenden Zustande zu sein, während ihrem lebendigen Herrn, in der Lehre von dem Versöhnungsopfer, der Eintritt verweigert ward. O, wenn er Einlass gefunden hätte und er wünschte sehnlichst, ihn zu finden so würde sie schnell ihren eingebildeten Reichtum weggeworfen haben, und er hätte ihr Gold gegeben, das mit Feuer durchläutert gewesen und weiße Kleider zum Antun. Ach! sie ist zufrieden ohne ihren Herrn, denn sie hat Bildung, Beredsamkeit, Wissenschaft und tausenderlei andern Tand. Zions feierliche Versammlung ist wahrlich unter einer Wolke, wenn die Lehre Jesu und seiner Apostel von geringer Wichtigkeit für sie ist.
Wenn zu all diesem noch Gleichförmigkeit mit der Welt sich in der Kirche ausbreitet, so dass die Heiligen an den eitlen, weltlichen Vergnügungen teilnehmen, dann ist Grund genug da zur Klage, eben wie Jeremia ausrief: „Wie ist das Gold so gar verdunkelt! Ihre Nazaräi, die reiner denn Schnee waren und klarer denn Milch, sind schwärzer denn eine Kohle geworden. Alle unsere Feinde sperren ihr Maul auf wider uns.“2)
Wenn es nicht mehr einen klaren Unterschied zwischen der Kirche und der Welt gibt, sondern die Bekenner Jesu den Ungläubigen die Hand gereicht haben, dann können wir in Wahrheit trauern! Wehe dem Tage! Eine böse Zeit ist für die Kirche gekommen und für die Welt auch. Wir können große Gerichte erwarten, denn der Herr wird sich sicher an einem solchen Volke rächen. Wisst ihr nicht, dass vor Alters, als die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen sahen, wie sie schön waren, und sich mit ihnen verbanden, die Flut kam und sie alle hinweg raffte? Ich brauche diesen Gegenstand nicht weiter zu verfolgen, damit nicht unsere Lasten uns die Zeit rauben, die für den Trost erfordert wird.
Es erhellt aus dem Text, dass es Einige gab, denen die Schmach eine Last war. Sie konnten mit der Sünde nicht scherzen. Zwar gab es Viele, die sagten, dass das Übel gar nicht existiere und Andere, die erklärten, dass es in keinem bedeutenden Grade vorhanden sei. Ja, und noch verhärtetere Geister behaupteten, dass das, was als eine Schmach betrachtet würde, in Wirklichkeit etwas sei, dessen man sich rühmen solle, die wahre Herrlichkeit des Jahrhunderts. So blähten sie sich auf und machten die Trauer der Gewissenhaften zum Gegenstand ihres Scherzes. Allein es waren noch einige Übrige da, denen diese Schmach eine Last war; sie konnten es nicht ertragen, ein solches Unglück zu sehen. Zu diesen will Gott, der Herr sich wenden, wie er durch den Propheten gesprochen hat: - „Gehe durch die Stadt Jerusalem und zeichne mit einem Zeichen an die Stirn die Leute, so da seufzen und jammern über alle Gräuel, so darinnen geschehen.“ Die Vielen tranken Wein aus den Schalen und salbten sich mit Balsam, aber sie bekümmerten sich nicht um den Schaden Josefs (Amos 6, 6); aber jene waren niedergeschlagenen Geistes, trugen das Kreuz und achteten die Schmach Christi für größeren Reichtum, denn die Schätze Ägyptens. Gottes Volk kann es nicht tragen, dass man Christi Versöhnungsopfer unwürdig behandelt; es kann nicht dulden, dass diese Wahrheit wie Kot auf der Gasse zertreten wird. Die wahren Gläubigen sehen das Wohlergehen der Kirche darin, dass der Heilige Geist das Wort zur Bekehrung der Sünder und zur Erbauung der Heiligen segnet; und wenn sie dies nicht gewahr werden, so hängen sie ihre Harfen an die Weiden. Wahre Liebhaber Jesu fasten, wenn der Bräutigam nicht bei seiner Kirche ist: ihre Herrlichkeit ist in seiner Herrlichkeit und in nichts Anderem. Das Weib des Pinehas, des Sohnes Eli, rief in ihrem Todeskampfe aus: „Die Herrlichkeit ist dahin,“ und der Grund, den sie angab, war einmal der Tod ihres Mannes und seines Vaters, aber zweimal der: „Die Lade Gottes ist genommen.“ Deshalb nannte sie ihren neugeborenen Sohn Ikabod „die Herrlichkeit ist dahin von Israel, denn die Lade Gottes ist genommen.“ Der bitterste Schmerz dieser gottesfürchtigen Frau war um die Kirche und um die Ehre unsers Gottes. So ist es mit den wahren Kindern Gottes: sie nehmen es sich sehr zu Herzen, dass die Wahrheit verworfen wird.
Dieser unter der Last seufzende Geist ist ein Zeichen wahrer Liebe zu Gott: die, welche den Herrn Jesum lieben, werden in seinen Wunden verwundet, und entrüstet, wenn sein Geist entrüstet wird. Wenn Christus verunehrt wird, so werden seine Jünger verunehrt. Diejenigen, welche ein Herz für die Kirche haben, können mit Paulus sprechen: „Wer wird geärgert, und ich brenne nicht?“ Alle lebendigen Glieder der Kirche tragen Leid um die Sünden derselben. Dies bekundet auch ein gesundes Gefühl, eine lebendige geistliche Gesinnung. Die, welche ungeistlich sind, kümmern sich nicht um die Wahrheit oder um die Gnade: sie sehen auf die Finanzen, die Zahlen und die Respektabilität. Ganz fleischliche Menschen kümmern. sich um keins dieser Dinge; so lange die politischen Bestrebungen der Dissidenten gefördert werden und ein Fortschritt in ihrer sozialen Stellung stattfindet, ist es ihnen genug. Aber Männer, deren Geist aus Gott ist, würden. lieber die Gläubigen verfolgt sehen, als sie die Wahrheit verlassen sehen, lieber Kirchen in tiefer Armut, voll heiligen Eifers, als reiche, in Weltlichkeit tote Kirchen sehen. Geistlich Gesinnte sorgen um die Kirche, selbst wenn sie in schlimmer Lage und von ihren Gegnern niedergeworfen ist. „Deine Knechte sähen gerne, dass ihre Steine und Kalk zugerichtet würden.“ Das Haus des Herrn ist für Viele von uns unser eigenes Haus, die ihm angehören, sind auch unsere Angehörigen. Wenn nicht der Herr Jesuserhoben wird und sein Evangelium siegt, so fühlen wir, dass unsere eigenen persönlichen Interessen leiden und wir selbst verunglimpft sind. Es ist nichts Geringes für uns, es ist unser Leben.
So habe ich dabei verweilt, dass es ein böser Tag für Gottes Volk ist, wenn die feierliche Versammlung befleckt ist: diese Schmach ist eine Last für die, welche wahrhaft Bürger des neuen Jerusalems sind, und deshalb sieht man sie Leid tragen. Der Herr spricht hier: „Ich will die sammeln, die da Leid tragen um die feierliche Versammlung. „Wohl mögen sie Leid tragen, wenn eine solche Last auf ihr Herz gelegt ist. Überdies sehen sie in hunderterlei Weise die böse Wirkung des Übels, das sie beklagen. Viele sind lahm und hinken; darauf wird in der Verheißung des neunzehnten Verses hingedeutet: „Ich will den Hinkenden helfen.“ Die Pilger auf der Straße nach Zion wurden lahm auf dem Wege, weil die Propheten „leichtfertig und Verräter“ waren. (V. 4. n. d. engl. Üb.) Wenn das reine Evangelium nicht gepredigt wird, so wird das Volk Gottes der Kraft beraubt, die es auf seiner Lebensreise nötig hat. Wenn ihr das Brot hinwegnehmt, so hungern die Kinder. Wenn ihr der Herde giftige Weiden gebt oder Felder, die so unfruchtbar, wie die Wüste sind, so verschmachten die Schafe und werden lahm, während sie täglich dem Hirten folgen. Die Lehre macht sich bald im Leben fühlbar. Ich kenne viele Gotteskinder in verschiedenen Teilen des Landes, für die der Sabbat sehr wenig ein Tag der Ruhe ist, denn sie hören keine Wahrheit, in der Ruhe zu finden ist, sondern werden müd und matt gemacht von neuen Lehren, die weder Gott verherrlichen, noch den Seelen der Menschen nützen. An manchem Ort sehen die Schafe auf zum Hirten und finden keine Speise. Dies verursacht viel Unruhe und erzeugt Zweifel und Fragen, und so wird die Kraft in Schwachheit verkehrt, und das Werk des Glaubens, die Arbeit der Liebe und die Geduld der Hoffnung werden alle gelähmt. Dies ist ein trauriges Übel, und es ist rund um uns her. Dann werden leider viele „herausgetrieben,“ von denen der neunzehnte Vers sagt: „Ich will die Ausgetriebenen sammeln.“ Durch falsche Lehre werden Viele bewogen, die Hürde zu verlassen. Die, welche Hoffnung gaben, irren ab vom Pfade des Lebens, und Sünder bleiben in ihrer natürlichen Entfernung von Gott. Die Wahrheit, welche die Menschen von der Sünde überführt, wird nicht gepredigt, während andere Wahrheiten, welche Suchende zum Frieden führen könnten, verdunkelt werden und die Seelen in unnötiger Traurigkeit bleiben. Wenn man die Gnadenlehren und das glorreiche Versöhnungsopfer den Seelen nicht klar darstellt, so dass sie die Kraft davon fühlen, dann folgen alle Arten von Übel. Es ist mir schrecklich, dass dieser entsetzliche Mehltau über unsere Kirchen gekommen ist; denn die Schwankenden werden ins Verderben getrieben, die Schwachen werden stutzig gemacht und selbst die Starken werden verwirrt. Die falschen Lehrer dieser Tage würden, wo es möglich wäre, auch die Auserwählten verführen. Dies macht unsere Herzen sehr traurig. Wie kann es anders sein?
Doch, Geliebte, während der ganzen Zeit, wo das Volk Gottes in diesem schlimmen Zustande sich befindet, ist es nicht ohne Hoffnung; denn gleich auf all dieses folgt die Verheißung des Herrn, seine Verirrten zurückzubringen. Wir haben es zweimal: „Ich will sie zu Lob und Ehren machen in allen Ländern, darinnen man sie verachtet.“ „Ich will euch zu Lob und Ehren machen unter allen Völkern auf Erden, wenn ich euer Gefängnis wenden werde vor euren Augen, spricht der Herr.“ Die Gegner können das ewige Zeugnis nicht zum Schweigen bringen. Sie hingen unsern Herrn selber ans Holz; sie nahmen seinen Leib herab und begruben ihn, in einem Grabe im Felsen, und sie setzten ihre Siegel auf den Stein, den sie vor des Grabes Tür gewälzt hatten. Gewiss, jetzt hatte es ein Ende mit Christo und seiner Sache. Prahlt nicht, ihr Priester und Pharisäer!
Vergeblich die Hüter, der Stein, das Siegel! Als die bestimmte Zeit gekommen war, trat der lebendige Christus hervor. Er konnte nicht von den Banden des Todes gehalten werden. Wie müßig ihre Träume! „Der im Himmel wohnet, lachet ihrer und der Herr spottet ihrer.“ Geliebte, die Schmach wird noch wieder von der „feierlichen Versammlung“ abgewälzt werden: die Wahrheit Gottes wird noch wieder wie mit einer Posaunenzunge verkündet werden, der Geist Gottes wird seine Kirche wieder beleben, und der Neubekehrten sollen so viele eingesammelt werden wie der Garben der Ernte. Wie werden die Treugebliebenen sich freuen! Die welche unter der Last seufzten und Leid trugen, werden ihre Freudenkleider anlegen. Dann werden die Erlösten des Herrn wiederkommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein. Der Kampf ist nicht zweifelhaft. Das Ende des Streites ist sicher und gewiss. Mich däucht, ich höre schon jetzt den Ruf: „Der allmächtige Gott hat das Reich eingenommen.“
II.
Lasst uns zweitens an etwas denken, das wie ein Stern in der Finsternis leuchtet. Der zweite Vers des Textes bietet einen herrlichen Trostgrund. Hier ist in der Tat ein reicher Text. Diese Stelle ist wie ein großes Meer, während ich wie ein kleines Kind bin, das Pfützen in den Sand macht, der die unabsehbare Flut umgibt. Eine Reihe von Predigten ließen sich sehr wohl auf diesen Einen Vers begründen: ich meine den 17 ten.
Unser großer Trost in den schlimmsten Zeiten liegt in unserem Gott. Schon der Name unsers Bundesgottes - „der Herr, dein Gott“ ist voll Ermutigung. Das Wort „der Herr“ ist in Wirklichkeit Jehova, der Selbst-Seiende, der Unwandelbare, der ewig-lebendige Gott, der sich nicht ändern kann und sich von seinem ewigen Ratschlusse nicht abwenden lässt. Kinder Gottes, was immer ihr nicht erhalten habt, ihr habt einen Gott, dessen ihr euch sehr rühmen könnt. Wenn ihr Gott habt, so habt ihr mehr als alle Dinge, denn alle Dinge kommen von ihm; und wenn alle Dinge vernichtet würden, so könnte er durch seinen bloßen Willen alle Dinge wieder herstellen. Er spricht, so geschieht es; er gebietet, so steht es da. Wohl dem, der auf den Gott Jakobs vertraut, und dessen Hoffnung Jehova ist. In dem Herrn Jehova haben wir Gerechtigkeit und Stärke; lasset uns ihm vertrauen ewig. Lasst die Zeiten dahin fliehen, sie können unsern Gott nicht berühren. Lasst die Trübsale über uns dahin rauschen wie ein Sturm, sie sollen uns nicht nahe kommen, nun da er unsere Burg ist; Jehova, der Gott seiner Kirche, ist auch der Gott jedes einzelnen Mitgliedes derselben, und jeder darf sich deshalb in ihm freuen. Jehova ist so sehr dein Gott, mein Bruder, als wenn kein Andrer im Universum diesen Bundesnamen gebrauchen könnte. Gläubiger, Gott, der Herr, ist ganz und gar und völlig dein Gott! Seine ganze Weisheit, seine ganze Allwissenheit, seine ganze Macht, seine ganze Unveränderlichkeit - sein ganzes Selbst ist dein. Und die Kirche Gottes, auch wenn sie in ihrem niedrigsten Zustande ist, ist doch immer noch begründet und begabt in der besten nur möglichen Weise gründet durch den göttlichen Ratschluss, und begabt durch den Besitz des allgenugsamen Gottes. Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Lasst uns frohlocken über unsern Besitz. Arm wie wir sind, sind wir unendlich reich, da wir Gott haben; schwach wie wir sind, ist doch keine Grenze für unsere Stärke, weil Jehova, der Allmächtige, unser ist. „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ Wenn Gott unser ist, was brauchen wir mehr? Richte dein Herz auf, du Leidtragender, und sei getrost. Wenn Gott dein Gott ist, so hast du Alles, was du wünschen kannst: einbeschlossen in seinen herrlichen Namen finden wir Alles für Zeit und Ewigkeit, für Erd' und Himmel. Darum wollen wir im Namen Jehovas unsere Banner emporheben und vorwärts ziehen zum Kampfe. Er ist unser Gott durch seinen eigenen Ratschluss, seinen Bund und seinen Eid; und heute ist er unser Gott durch unsere eigene Wahl, durch unsere Verbindung mit Christo Jesu, durch unsere Erfahrung von seiner Güte und durch den kindlichen Geist, durch welchen wir rufen: „Abba, lieber Vater.“
Um diesen Trost zu kräftigen, bemerken wir zuerst, dass dieser Gott in unserer Mitte ist. Er ist nicht weit weg, so dass wir mit Mühe suchen müssten, ob wir ihn finden möchten. Der Herr ist ein Gott, der nahe zur Hand ist und bereit, sein Volk zu befreien. Ist es nicht eine Freude, zu denken, dass wir nicht über den Ozean zu Gott hinüberschreien, denn er ist hier? Wir blicken nicht zu ihm aus der Ferne auf, als wohnte er jenseits der Sterne, wir denken auch nicht an ihn, als wäre er verborgen in der unergründlichen Tiefe; sondern der Herr ist sehr nahe. Unser Gott ist „Jehova in deiner Mitte“. Seit jener hellen Nacht, da ein Kind geboren ward zu Bethlehem, und ein Sohn uns gegeben ward, kennen wir Gott als „Immanuel, Gott mit uns“. Gott ist in unserer Natur, und deshalb uns sehr nahe.
„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Obgleich wir seine leibliche Gegenwart nicht mehr haben, so haben wir stets seine geistliche; denn er spricht: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage.“ Er wandelt unter den goldenen Leuchtern. Wir haben auch die unmittelbare Gegenwart Gottes des Heiligen Geistes. Er ist in der Mitte der Kirche um zu erleuchten, zu überführen, lebendig zu machen, zu begaben, trösten und mit geistlicher Kraft zu bekleiden. Der Herr wirkt immer noch in den Seelen der Menschen, um die Ratschlüsse seiner Gnade zu erfüllen. Lasst uns daran denken, wenn wir zu christlichem Dienste ausgehen: „Der Herr der Heerscharen ist mit uns.“ Wenn ihr eure Klasse in der Sabbatschule zusammenruft, so sprecht zu eurem Herrn: „Wo nicht dein Angesicht geht, so führe uns nicht von dannen hinauf.“ Ah, Freunde! wenn wir Gott mit uns haben, so können wirs ertragen, von Menschen verlassen zu werden. Was für ein Wort ist dies: „Wo Zwei oder Drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“! Soll das Heer nicht jauchzen, wenn der König selbst in seinen Reihen ist! Es stehe Gott auf, dass seine Feinde zerstreut werden! Wenn er mit uns ist, so müssen, die ihn hassen, vor ihm fliehen. Lasst uns nur sorgen, so zu leben, dass der Geist nicht betrübt wird und von uns weicht. Geliebte, es ist eine solche Fülle des Trostes in der Tatsache, dass Gottes Angesicht mit uns ist, dass wir, wenn wir nur die Macht derselben in diesem Augenblick empfinden könnten, in die Ruhe eingehen würden, und unser Himmel würde hienieden beginnen.
Lasst uns einen Schritt weiter gehen und beachten, dass ein großer Teil unseres Trostes darin liegt, dass Gott in unserer Mitte voll Macht ist zu erretten.
„Der Herr, dein Gott, in deiner Mitte ist mächtig; er wird erretten.“ Das heißt, „Jehova, dein Gott, ist mächtig zu erretten.“ Sein Arm ist nicht verkürzt, er ist immer noch ein „gerechter Gott und ein Heiland“. Er hat nicht nur die Fähigkeit zu erretten, sondern will diese Fähigkeit auch zeigen; „er wird erretten.“ Komm, mein Bruder, wir sehen um uns her dies und das, was uns entmutigen könnte; wir wollen uns wie David in dem Herrn, unserem Gott, stärken. Wir mögen wohl alle Schwierigkeiten vergessen, da der Gott, der in unserer Mitte ist, mächtig ist zu erretten. Lasst uns denn beten, dass er errette; dass er seine Kirche von Lauheit und tödlichem Irrtum errette; dass er sie von ihrer Weltlichkeit und ihrem Formalismus errette; sie von ihren unbekehrten Predigern und ungöttlichen Mitgliedern errette. Wir wollen unsere Augen aufheben und die Macht anschauen, die bereit ist zu erretten; und wir wollen fortfahren zu beten, dass der Herr die Unbekehrten zu Tausenden und Millionen erretten möge. O, dass wir eine große Wiederbelebung der Religion sähen! Das ists, was uns vor allen Dingen Not tut. Das würde die Feinde auf den Backen schlagen und der Gegner Zähne zerschmettern. Wenn Zehntausende von Seelen durch die unumschränkte Gnade Gottes sofort errettet würden, was für eine Zurechtweisung wäre das für die, welche den Glauben verleugnen! O, dass Zeiten kämen wie die, welche unsere Väter sahen, als Whitefield und seine Helfer zuerst begannen, das lebengebende Wort zu predigen! Als eine liebliche Stimme klar und laut gehört ward, fingen alle Vögel des Paradieses an, in den Gesang einzustimmen, und der Morgen eines glänzenden Tages war verkündet. O, wenn das wiederum geschähe, so würde mir sein wie Simeon, da er das himmlische Kindlein auf seine Arme nahm! Dann würde die Jungfrau, die Tochter Zions, des Feindes spotten und ihr Haupt ihm nachschütteln. Es kann geschehen; ja, wenn wir ungestüm im Gebet wären, so müsste es geschehen. „Gott wird uns segnen und alle Welt wird ihn fürchten.“ „Lasst uns nicht die Macht der Rhetorik suchen, viel weniger die des Reichtums; aber lasst uns nach der Macht trachten, die errettet. Dies ist das Eine, wonach ich mich sehne. O, dass Gott Seelen erretten wollte! Ich sage zu mir selbst, nachdem ich die ganze Woche von den Männern des neuen Denkens geplagt und gequält worden bin: „Ich will meinen Weg gehen und Christi Evangelium predigen und Seelen gewinnen.“ Ein Aufrichten Jesu Christi, des Gekreuzigten, ist mir mehr, als alle Kritteleien der Männer, die weise sind über das hinaus, was geschrieben steht. Bekehrte sind unsere unwiderleglichen Argumente. „Wohl dem“, sagt der Psalm, „der seinen Köcher derselben voll hat: die werden mit den Feinden sprechen am Tor.“ Wohl dem Manne, der viele geistliche Kinder hat, die unter seiner Predigt für Gott geboren sind; denn seine Bekehrten sind seine Verteidigung. Da sie aber sahen den Menschen, der gesund war geworden, bei Petrus und Johannes stehen, hatten sie nichts dawider zu reden. Wenn Seelen durch das Evangelium errettet werden, so ist das Evangelium auf die sicherste Art bewiesen. Wir wollen mehr um Bekehrungen, als um Organisationen sorgen. Wenn Seelen in die Vereinigung mit Christo gebracht werden, so können wir andere Vereinigungen fahren lassen.
Wir gehen noch weiter und wir kommen zu großen Tiefen: Seht Gottes Freude an seinem Volk.
„Er wird sich über dich freuen mit Freude.“ Denkt daran! Jehova, der lebendige Gott, wird dargestellt, wie er mit Vergnügen seine Kirche betrachtet. Er blickt auf Seelen, die durch das Blut seines lieben Sohnes erlöst, durch seinen Heiligen Geist lebendig gemacht sind, und sein Herz ist froh. Sogar das unendliche Herz Gottes wird mit außergewöhnlicher Freude erfüllt beim Anblick seiner Erwählten. Er hat seine Lust an der Kirche, seiner Hephziba. (Jes. 62, 4.) Ich kann es verstehen, dass ein Prediger sich über eine Seele freut, die er zu Christo gebracht hat; ich kann auch Gläubige verstehen, die sich freuen, andere von Sünde und Hölle errettet zu sehen; aber was soll ich sagen von dem unendlichen und ewig-seligen Gott, der, so zu sprechen, eine neue Freude in erlösten Seelen findet? Dies ist ein anderes jener großen Wunder, die um das Werk göttlicher Gnade sich herumlagern! „Er wird sich über dich freuen mit Freude.“ O, ihr zittert für die Lade des Herrn; der Herr zittert nicht, sondern freut sich. Fehlerhaft wie die Kirche ist, freut sich der Herr an ihr. Während wir uns betrüben, wie wir es wohl mögen, sind wir doch nicht traurig, wie die, welche keine Hoffnung haben; denn Gott ist nicht traurig, sein Herz ist froh, es wird gesagt, dass er sich freut mit Freude - ein höchst emphatischer Ausdruck. Der Herr hat Lust an denen, die ihn fürchten, unvollkommen wie sie sind. Er sieht sie, wie sie sein werden, und darum freut er sich über sie, auch wenn sie sich nicht über sich selber freuen können. Wenn euer Antlitz von Tränen entstellt ist, eure Augen rot vom Weinen und euer Herz schwer vor Trauer über die Sünde, so freut der himmlische Vater sich über euch. Der verlorene Sohn weinte an seines Vaters Halse. Wir stehen fragend, zweifelnd, trauernd, zitternd, und die ganze Zeit über weiß er, der das Ende von dem Anfang sieht, was aus der gegenwärtigen Unruhe kommen wird, und freut sich deshalb. Wir wollen uns im Glauben erheben und Gottes Freude teilen. Es entfalle keinem Menschen das Herz um des Hohnes der Feinde willen. Mögen die Erwählten Gottes sich vielmehr mutig aufrichten und an jener Freude Gottes teilnehmen, die nimmer aufhört, selbst wenn die „feierliche Versammlung“ eine Schmach geworden ist. Sollen wir uns nicht über ihn freuen, wenn er in seiner grenzenlosen Herablassung sich über uns freut? Wer auch an der Sache verzweifelt, er tut es nicht; deshalb lasst uns guten Mutes sein.
Es wird hinzugefügt: „Er wird ruhen in seiner Liebe.“ Ich kenne kein Schriftwort, das eine größere Fülle wunderbarer Bedeutung in sich schließt, als dies. „Er wird ruhen in seiner Liebe,“ als wenn unser Gott in seinem Volke Befriedigung gefunden hätte. Er kommt zu einem Ankergrund: er hat seinen Wunsch erreicht. Als wenn ein Jakob, voll Liebe zu Rahel, endlich die Fahre seines Dienstes hinter sich hat und nun, da er mit der, die ihm so teuer, verbunden ist, sein Herz zur Ruhe gelangt: so wird hier im Gleichnis von dem Herrn, unserem Gott, gesprochen. Jesus sieht das, wofür seine Seele gearbeitet hat, wenn ihm ein Volk gewonnen wird; er ist für seine Kirche mit seiner Taufe getauft worden, und ihm ist nicht mehr bange, denn sein Wunsch ist erfüllt. Der Herr ist zufrieden mit seiner ewigen Wahl, zufrieden mit seinen liebevollen Ratschlüssen, zufrieden mit der Liebe, deren Ausgang von Ewigkeit her gewesen ist. Er hat Wohlgefallen an Jesu, Wohlgefallen an allen herrlichen Ratschlägen, die mit seinem lieben Sohne und mit denen, die in ihm sind, in Verbindung stehen. Er hat eine ruhige Zufriedenheit mit dem Volke seiner Wahl, wie er es in Christo sieht. Dies ist ein guter Grund dafür, dass auch wir eine tiefe Befriedigung des Herzens fühlen. Wir sind nicht, was wir sein möchten; allein wir sind auch noch nicht, was wir sein werden. Wir schreiten langsam fort; allein wir schreiten sicher fort. Das Ende ist uns durch die allmächtige Gnade gesichert. Es ist recht, dass wir mit uns selber unzufrieden sind, indes sollte diese heilige Ruhelosigkeit uns nicht unsern vollkommenen Frieden in Christo Jesu rauben. Wenn der Herr in uns Ruhe hat, sollen wir nicht in ihm Ruhe haben? Wenn er in seiner Liebe ruht, können wir nicht in ihr ruhen?
Mein Herz ist getröstet, da ich deutlich in diesen Worten eine unveränderliche Liebe, bleibende Liebe, ewige Liebe sehe: „er will ruhen in seiner Liebe.“ Jehova ändert sich nicht. Er hat sich mit seinem Volke verlobt und „er hasst das Verstoßen.“ (Mal. 2, 16. engl. Üb.). Unveränderlichkeit steht auf seinem Herzen geschrieben. Die Turteltaube bleibt, wenn sie einmal den Gefährten gewählt, treu durchs ganze Leben, und wenn das Eine stirbt, so schmachtet oft das Andere vor Gram dahin, denn sein Leben ist in dem andern einbeschlossen. Ebenso hat unser Herr die Wahl seiner Liebe getroffen, und er wird sie nie ändern: er starb für seine Kirche, und so lange er lebt, wird er ihrer gedenken, die er liebt, und dessen, was sie ihn gekostet: Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist? „Er wird ruhen in seiner Liebe.“ Die Liebe Gottes zu uns ist ungestört. „Der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft,“ weilt bei seiner Liebe; er ist nicht beunruhigt, sondern liebt friedevoll und unbeweglich. Es ist wundervoll, die Ruhe Gottes zu betrachten; sein unfehlbares Wissen und seine unendliche Macht erheben ihn über alle Befürchtungen und Fragen hinaus. Er sieht keinen Grund zur Besorgnis weder für seine Erlösten, noch für die Sache der Wahrheit und die Herrschaft der Gerechtigkeit. Was seine wahre Kirche betrifft, so weiß er, dass mit ihr alles wohl steht oder dass er es wohl machen wird. Sie wird in das Bild Jesu verwandelt, und er ruht in der vollen Sicherheit, dass es nicht lange währen wird, bis das Bild vollendet ist. Er kann seine eigenen Ratschläge auf seine Weise und zu seiner eigenen Zeit ausführen. Er kann die Ernte sowohl sehen wie das Säen; deshalb ruht er in seiner Liebe. Ihr habt eine Mutter ihr Kind waschen sehen; während sie das Gesicht wäscht, schreit das Kind vielleicht, denn es findet für den Augenblick kein Vergnügen an der reinigenden Operation. Teilt die Mutter den Kummer des Kindes? Weint sie auch? O, nein! sie freut sich über ihr Kindchen und ruht in ihrer Liebe und weiß, dass die leichte Trübsal des Kleinen zu seinem wirklichen Besten ist. Oft ist unser Kummer nicht tiefer, als der Schrei eines Kindes über die Seife in seinen Augen. Während die Kirche mit Trübsalen und Verfolgungen gewaschen wird, ruht Gott in seiner Liebe. Ihr und ich mühen uns ab, aber Gott ruht.
„Er wird ruhen in seiner Liebe.“ Nach dem Hebräischen lautet diese Zeile: „Er wird schweigen in seiner Liebe.“ Seine Seligkeit in seiner Liebe ist so groß, dass er sie nicht ausdrückt, sondern ein seliges Schweigen beobachtet. Seine Freude ist zu tief für Worte. Keine Sprache kann die Freude Gottes in seiner Liebe ausdrücken; und deshalb gebraucht er keine Worte. In diesem Falle ist das Schweigen unendlich ausdrucksvoll. Einer der alten Ausleger sagt: „Er ist taub und stumm in seiner Liebe,“ als wenn er keine Stimme der Anklage gegen seine Erwählten hörte und kein Wort der Rüge gegen sie sprechen wollte. Gedenkt an das Schweigen Jesu, und legt den Text danach aus.
Zuweilen spricht der Herr auch nicht zu seinem Volke, wir können kein tröstliches Wort von ihm erlangen; und dann seufzen wir nach einer Verheißung und sehnen uns nach einem Zuspruch seiner Liebe; aber wenn er so stillschweigt, so lasst uns wissen, dass er nur in seiner Liebe schweigt. Es ist nicht das Schweigen des Zornes, sondern der Liebe. Seine Liebe hat sich nicht geändert, selbst wenn er uns nicht tröstet.
„Gott liebet uns als Kinder,
Doch stäupt er uns wie Sünder,
Und tut so bitter weh,
Schlägt Wunden über Wunden,
Doch ist in solchen Stunden
Er Freund und Vater mehr wie je.“
Wenn er unsere Gebete nicht mit seiner Hand erhört, so hört er sie doch mit seinem Herzen. Verweigerungen sind nur eine andere Form derselben Liebe, die unsere Bitten gewährt. Er liebt uns und zeigt zuweilen seine Liebe besser dadurch, dass er uns nicht gibt, um was wir bitten, als er es tun würde, wenn er die süßeste Verheißung ausspräche, die das Ohr je gehört hat. Ich schätze dieses Wort: „Er wird ruhen in seiner Liebe.“ Mein Gott, du bist im Grunde doch vollkommen zufrieden mit deiner
Kirche, weil du weißt, was sie sein wird. Du siehst, wie schön sie sein wird, wenn sie gewaschen ist und ihre herrlichen Gewänder angelegt hat. Siehe, die Sonne geht unter, und wir Sterbliche fürchten die endlose Finsternis; aber du, großer Gott, schauest den Morgen, und du weißt, dass in den Stunden der Finsternis Tau fallen wird, der deinen Garten erfrischen soll. Unser ist das Maß einer Stunde, und dein das Urteil der Ewigkeit, darum wollen wir unser kurzsichtiges Urteil nach deinem unfehlbaren Wissen berichtigen und mit dir ruhen.
Das letzte Wort ist indessen das wundervollste von allen: „Er wird über dir mit Singen fröhlich sein.“ Denkt euch den großen Jehova singend! Könnt ihr es euch vorstellen? Ist es möglich, zu fassen, dass die Gottheit in einen Gesang ausbricht: Vater, Sohn und Heiliger Geist zusammen über den Erlösten singen? Gott ist so selig in der Liebe, die er zu seinem Volke hat, dass er das ewige Schweigen bricht, und Sonne, Mond und Sterne hören mit Staunen Gott ein Freudenlied singen. Bei den Orientalen wird von dem Bräutigam ein Lied gesungen, wenn er seine Braut empfängt: es soll seine Freude über sie ausdrücken und darüber, dass die Hochzeit gekommen. Hier wird durch die Feder der Offenbarung der Gott der Liebe dargestellt als mit seiner Kirche vermählt und so voll Freude an ihr, dass er über ihr mit Singen fröhlich ist. Wenn Gott singt, sollen wir da nicht singen? Er sang nicht, als er die Welt machte. Nein, er sah sie an und sagte nur, dass sie gut wäre. Die Engel sangen, die Kinder Gottes jauchzten vor Freuden: die Schöpfung war sehr wundervoll für sie, aber sie war nicht viel für Gott, der Tausende von Welten durch seinen bloßen Willen hätte schaffen können. Die Schöpfung konnte ihn nicht zum Singen veranlassen; und ich weiß nicht einmal, dass die Weltregierung ihm je einen Freudenton entlockt hat, denn er könnte tausend Reiche mit Leichtigkeit lenken. Aber als es zur Erlösung kam, die kostete ihn viel.
Hieran wandte er ewige Gedanken und entwarf einen Bund mit unendlicher Weisheit. Hier gab er seinen eingeborenen Sohn und ließ ihn leiden um derer willen, die er lieb hatte. Als alles getan war und der Herr in der Errettung seiner Erlösten sah, was daraus geworden, da freute er sich in göttlicher Weise. Was muss die Freude sein, die der Lohn für Gethsemane und Golgatha ist! Hier sind wir auf den atlantischen Wogen. Gott, der Herr empfängt einen Zuwachs zu der Unendlichkeit seiner Freude in dem Gedanken an sein erlöstes Volk. „Er wird über dir mit Singen fröhlich sein.“ Ich zittere, während ich von solchen Gegenständen rede, aus Furcht, ein Wort zu sagen, das sich für das unvergleichliche Geheimnis nicht geziemte; aber dennoch sind wir froh, das zu beachten, was geschrieben steht, und sind verpflichtet, Trost daraus zu entnehmen. Lasst uns die Freude unsers Herrn mitfühlen, denn dies wird unsere Stärke sein.
III.
Ich schließe mit einem kurzen Wort über das Verhalten, zu dem wir dadurch angeregt werden. Lasst uns nicht trauern unter den Bürden, die wir tragen, sondern uns in Gott, dem großen Bürdenträger, freuen, auf den wir heute unsere Last wälzen. Hier steht es „An jenem Tage wird man sprechen zu Jerusalem: Fürchte dich nicht! Und zu Zion: Lass deine Hände nicht lass werden.“ Es gibt dreierlei für das Volk Gottes zu tun, das erste ist, glücklich zu sein. Lest Vers 14 „Jauchze, du Tochter Zions! rufe, Israel! freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalems!“ Jeder kann singen, wenn sein Kelch voll Freuden ist; der Gläubige allein hat Lieder, wenn die Wasser eines bitteren Kelches ihm dargereicht werden. Jeder Sperling kann beim Tageslicht zwitschern; nur die Nachtigall ist es, die im Dunkeln singen kann. Kinder Gottes, wenn die Gegner die Oberhand zu gewinnen scheinen, wenn die geschlossenen Reihen der Feinde sich des Sieges gewiss glauben, dann beginnt zu singen. Euer Sieg wird mit euerm Sang kommen. Es ist etwas, was den Teufel ganz verwirrt, die Heiligen singen zu hören, wenn er seinen Fuß auf sie setzt. Er kann es nicht begreifen: je mehr er sie unterdrückt, desto fröhlicher sind sie. Lasst uns beschließen, nur um so froher zu sein, wenn der Feind glaubt, dass wir völlig in die Flucht geschlagen sind. Je mehr Widerstand, desto mehr wollen wir uns in dem Herrn freuen: je mehr Entmutigung, desto mehr Zuversicht. Herrlich war der Mut Alexanders, als man ihm erzählte, es wären Hunderttausende von Persern da. „Nun,“ sagte er, „ein Schlachter fürchtet sich nicht vor Myriaden von Schafen.“ „Ach!“ sprach ein Andrer, „wenn die Perser ihre Bogen spannen, sind die Pfeile so zahlreich, dass sie die Sonne verdunkeln.“ „Nun gut, so werden wir im Schatten kämpfen,“ rief der Held. Freunde, wir wissen, an wen wir glauben, und wir sind des Triumphes gewiss! Lasst uns keine einzige Sekunde denken, dass es etwas Schweres sei, wenn die Übermacht der Gegner Zehntausend gegen einen ist; lasst uns lieber wünschen, dass sie eine Million gegen Einen wäre, damit die Ehre des Herrn umso größer sein möge in dem Siege, der uns gewiss ist. Als man dem Athanasius erzählte, dass jedermann die Gottheit Christi leugnete, da sagte er: „Ich, Athanasius, gegen die Welt“; Athanasius contra mundum ward ein sprichwörtlicher Ausdruck. Brüder, es ist eine herrliche Sache, ganz allein in dem Kriege des Herrn zu stehen. Gesetzt, wir hätten ein halb Dutzend mit uns. Sechs Männer sind nicht viel Zuwachs an Stärke und möglicherweise können sie eine Ursache der Schwäche werden, weil man auf sie achten muss. Wenn ihr ganz allein seid, umso besser: es ist umso mehr Raum für Gott da. Wenn Heerflucht den Platz leer gemacht und euch keinen Freund gelassen hat, dann kann jeder Winkel von der Gottheit ausgefüllt werden. So lange so viel Sichtbares da ist, worauf man sich verlassen und worauf man hoffen kann, ist so viel weniger Raum für einfaches Vertrauen auf Gott da: aber jetzt ist unser Lied von dem Herrn allein; denn groß ist der Heilige Israels in deiner Mitte.“
Die nächste Pflicht ist Furchtlosigkeit: „Fürchte dich nicht.“ Was! nicht ein wenig? Nein, „fürchte dich nicht.“ Aber gewiss, ich darf einiges Zittern zeigen? „Nein, fürchte dich nicht.“ Knüpfe diesen Knoten fest um den Hals des Unglaubens. „Fürchte dich nicht“: weder an diesem Tage, noch an irgendeinem Tage deines Lebens. Wenn die Furcht eindringt, so treibe sie fort; gib ihr keinen Raum. Wenn Gott in seiner Liebe ruht, und wenn Gott singt, was kannst du denn mit Furcht zu tun haben? Habt ihr nie Passagiere an Bord des Schiffes gesehen, die bei rauem Wetter durch das ruhige Verhalten des Kapitäns getröstet wurden? Eine arglose Seele sagte zu einem Freunde: „Ich bin gewiss, es ist kein Grund zur Furcht vorhanden, denn ich hörte den Kapitän pfeifen.“ Gewiss, wenn der Kapitän ruhig ist, auf dem alle Verantwortlichkeit liegt, so kann der Passagier noch mehr in Frieden sein. Wenn der Herr Jesus am Steuer singt, so lasst uns nichts fürchten. Lasst es vorbei sein mit aller ängstlichen Sprache.
O, ruht in dem Herrn und harrt geduldig auf ihn. „Seht, euer Gott, der kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“
Zuletzt, lasst uns eifrig sein; „lass deine Hände nicht lass werden.“ Nun ist die Zeit, wo jeder Christ mehr für Gott tun sollte als je zuvor. Lasst uns große Dinge für Gott planen und lasst uns große Dinge von Gott erwarten. „Lass deine Hände nicht lass werden.“ Jetzt ist die Stunde für verdoppelte Gebete und Arbeiten. Da die Gegner geschäftig sind, lasst uns auch geschäftig sein. Wenn sie denken, dass sie uns nun ganz und gar ein Ende machen wollen, so lasst uns beschließen, ihren Falschheiten und Täuschungen ganz und gar ein Ende zu machen. Ich meine, jeder Christ sollte die Herausforderung der Gegner Christi dadurch beantworten, dass er doppelt so viel arbeitet, mehr von seinem Vermögen für die Sache Gottes gibt, mehr für die Ehre Gottes lebt, genauer in seinem Gehorsam, ernster in seinen Anstrengungen und dringender in seinen Gebeten wird. „Lass deine Hände nicht lass werden“ in irgendeinem Teil des heiligen Dienstes. Furcht ist eine schreckliche Erzeugerin von Trägheit; aber Mut lehrt uns unbezwingbare Beharrlichkeit. Lasst uns in Gottes Namen vorwärts gehen. Ich möchte die Glieder dieser Kirche und alle meine Brüder zu angestrengtem Eifer für Gott und für die Seelen der Menschen antreiben. „Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unbeweglich, und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn; sintemal ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.“
Wollte Gott, dass Alle in dieser großen Versammlung auf Christi Seite wären! O, dass ihr zu Jesu kommen wolltet und ihm vertrauen und dann für ihn leben in diesem ungläubigen und verkehrten Geschlecht! Der Herr sei mit uns. Amen.
Vor der Predigt verlesen Zephanja 3.