Spurgeon, Charles H. - Exzentrische Prediger - I. Was heißt „exzentrisch“?

Spurgeon, Charles H. - Exzentrische Prediger - I. Was heißt „exzentrisch“?

Müsste ich mich nicht von Rechtswegen scheuen, über exzentrische Prediger zu sprechen, da ein anonymer Briefsteller mir mit anzüglichem Sarkasmus den Rat erteilt hat, mich einmal in meinen eigenen vier Pfählen nach solchen Leuten umzusehen? Das habe ich getan (und ich bin dankbar, dass das Daheim, in welchem meine Augen umherblicken dürfen, ein so trauliches ist), aber ich gestehe, dass der Rat jenes ungenannten Freundes mir nicht im geringsten bange gemacht hat. Denn einerseits finde ich es gar nicht so entsetzlich, wenn jemandem Exzentrizität vorgeworfen wird; andererseits vermag ich durchaus nicht einzusehen, weshalb ich mit dieser Tugend oder diesem Laster (wie man es nun nennen will) behaftet sein soll. Vor Jahren mag das ja wohl in gelindem Maße der Fall gewesen sein; aber heute, wo so viele meine Weise angenommen und meine Predigten nachgeahmt haben, behaupte ich, dass ich viel eher die strenge Regel darstelle, als wie eine bemerkenswerte Ausnahme. Nachdem ich ein Vierteljahrhundert hier gelebt habe, werde ich in London nicht mehr als ein Wundertier angestaunt, sondern gelte als ein gewöhnliches, fast altfränkisches Menschenkind, welches man willig gewähren lässt, ja, ohne welches man sich das kirchliche Leben dieser ungeheuren Stadt gar nicht mehr recht denken kann. Nun bin ich jahraus jahrein auf einer und derselben Bahn meines bescheidenen Weges gewandelt, ohne mit meinen Nachbarn in ernstliche Verwicklungen zu geraten; ich habe also wohl das Recht zu glauben, dass diese meine Bahn am kirchlichen Himmel nicht exzentrisch, sondern ebenso regelmäßig ist, wie die der andern Gestirne, welche an demselben Himmel glänzen.

Offenbar habe ich mit dieser eingehenden Erörterung meinem anonymen Briefsteller mehr Ehre angetan, als er verdient. Ich habe ihn und seine Zuschrift überhaupt nur erwähnt, um ein Zeugnis gegen alle anonyme Briefschreiberei abzulegen. Schreibe nie einen Brief, unter welchen du dich schämst deinen Namen zu setzen. In der Regel sind es gemeine Menschen, welche sich einer solchen Handlung schuldig machen; doch will ich annehmen, dass mein diesmaliger Korrespondent es ausnahmsweise nicht ist. Sei so exzentrisch, dass du jedermann die Wahrheit Auge in Auge sagen kannst. - Doch nun zur Sache.

Es ist nicht eben das einträglichste Geschäft in der Welt, Fehler an unseren Mitmenschen aufzuspüren. Es wird hauptsächlich von solchen Personen betrieben, welche der Pflicht, sich selbst zu richten, dadurch zu genügen suchen, dass sie andere richten. Der Balken im eigenen Auge erscheint nicht mehr ganz so groß, wenn sie Splitter in den Sehwerkzeugen anderer entdecken; daher verfallen sie darauf, sich mit Verleumden und Afterreden die Zeit zu vertreiben. Die Geistlichen werden am häufigsten eine Beute der Kritik. Des Sonntags, wo es sich ja gehört, dass man über religiöse Gegenstände plaudert, befolgen sie das Gesetz nach dem Buchstaben, treten aber seinen Geist mit Füßen, indem sie auf höchst irreligiöse Weise die Person, den Charakter, die Worte und Handlungen der Diener Gottes durchhecheln. „Gesegnete Mahlzeit! Gib die Walnüsse her, wir wollen zum Nachtisch den guten Namen eines oder zweier Pastoren knacken. Das ist eine gottselige Übung für den Sabbat.“ Nun setzen sich die Zungen in Bewegung und schnattern und plappern darauf los. Schockweise werden Anekdötchen erzählt, und wenn die wahren Geschichten ausgehen, so fängt man an zu dichten. Dieser hat einen Geistlichen etwas tun sehen, was aber auch wirklich noch nie jemand getan hat; jener hat ihn etwas sagen hören: nein! so etwas hat doch noch nie einer gesagt. Uralte Jagdgeschichten werden aufgewärmt, als hätten sie sich gestern zugetragen - in Wahrheit sind sie niemals passiert. Und so feiert das gute Völkchen seinen Sabbat mit frommem Klatsch und heiligem Skandal. Die Sache hat ihre sehr ernste Seite, wenn wir bedenken, was für ein Los solche getroffen hat, welche Lügen liebten und damit umgingen. Doch wollen wir für jetzt lieber nicht diesen feierlichen Ton anschlagen, um nicht den Vorwurf hören zu müssen, dass wir unseren Zuhörern in mehr als einem Sinn den Text gelesen hätten. Ich für meine Person würde sogar, wäre die besprochene Unsitte nicht eine Sünde, überhaupt kein Wort darüber verlieren. Denn obschon ich mein redlich Teil Lästerung und Verunglimpfung, ja mehr als das, habe über mich ergehen lassen müssen, so bin ich doch heute in keiner Hinsicht auch nur um ein Jota schlechter: kein Haar ist mir gekrümmt, meine Stellung nicht erschüttert, mein Gemüt nicht verbittert.

Von Anfang an haben die Diener Gottes die Erfahrung gemacht, dass es unmöglich ist, sich in seiner Ausdrucksweise dem Geschmack Aller anzupassen. Zu allen Zeiten haben tüchtige Verkündiger des Evangeliums eine Partei gegen sich gehabt. Freilich, wer seinen Zuhörern eine salzlose Brühe bietet, wird am Ende der Kritik entgehen, und leicht die Anerkennung der Gleichgültigen gewinnen. Ein entschiedener, energischer Geist wird immer von warmherzigen Freunden und hitzköpfigen Feinden umringt sein. Wer so predigen zu können hofft, dass jedermann mit ihm zufrieden ist, muss noch sehr grün im Amte sein; und wer nach solchem Ziele strebt, täte wohl daran, seinen Dienst je eher desto besser zu quittieren. Die Menschen können nicht anders, als kritteln und tadeln, es liegt nun einmal in ihrer Natur. Johannes kam, und aß nicht und trank nicht. Er war Täufer und Asket zugleich; niemand konnte etwas gegen seinen Lebenswandel vorbringen, der eher alles andere war, als weichlich, üppig oder schwelgerisch. Und doch - diese seine Größe machte man zum Verbrechen und sagte: er hat den Teufel. Jesus Christus kam, aß, trank und lebte wie ein Mensch unter Menschen. Und gerade diese Gewohnheit, welche man bei Johannes angeblich vermisst hatte, wurde an Jesu anstößig, und man schmähte ihn als einen Fresser und Weinsäufer, als Gesellen der Zöllner und Sünder. Weder der Vorläufer, noch der Meister konnte es dem verkehrten Geschmack ihrer Zeitgenossen recht machen. Gerade wie die Kinder, welche am Marktplatz spielen, und sich nicht darum vertragen können, welches Spiel gespielt werden soll, so waren die Menschen jenes Zeitalters. Sie verwarfen die Boten, weil sie den Gott nicht liebten, welcher sie gesandt hatte. Ihre vorgebliche Abneigung gegen die Menschen war weiter nichts, als ein Deckmantel für ihre Feindschaft gegen Gott. Aus diesem einfachen Grunde waren ihre Vorwürfe und Beschuldigungen oft so ungereimt und widersinnig, immer so nichtig und kleinlich.

Erfüllt von demselben Geist des Widerspruchs verachten noch heute die Kinder dieser Welt die Diener, welche Gott ihnen sendet, und meinen, dass sie gerne zur Kirche gehen und zuhören würden, wenn nur andere Prediger da wären, oder diese nicht so wären, wie sie sind. Mit nichts sind sie zufrieden; und ihre spitzfindigen Urteile pflegen sie auf das unbesonnenste zu verallgemeinern. Kephas ist zu einfach, Apollo blümelt, Paulus beweist zu viel, Timotheus ist zu jung, Jakobus zu strenge, Johannes predigt zu hoch. Was hilft's die Weisheit muss sich rechtfertigen lassen von ihren Kindern! Heutzutage, wenn Gott einen originellen Geist erweckt, der seine eigenen Wege einschlägt und mit Glück verfolgt, so pflegt man ihn exzentrisch1) zu nennen. Wenn man seine Ehrlichkeit nicht verdächtigen, seinen Eifer nicht in Zweifel ziehen, seine Tüchtigkeit nicht leugnen kann: wohlan, rümpfe die Nase, und sprich: er ist exzentrisch wer weiß, vielleicht sitzt der Hieb.

Nun wollen wir uns einmal dies schreckliche Wort „exzentrisch“ vornehmen und untersuchen, in welchem Sinne es von gewissen Verkündigern des Evangeliums, und zwar nicht gerade den unfähigsten, ausgesagt worden ist.

Was heißt exzentrisch? Um am kürzesten und einfachsten hinter die Bedeutung eines Wortes zu kommen, pflegt man das Lexikon zu Rate zu ziehen. Also Dr. Samuel Johnson was sagst du? Der Mund des Weisen spricht: „Exzentrisch heißt, „vom Mittelpunkt abweichend“; man nennt so einen Kreis, der nicht denselben Mittelpunkt, wie ein anderer Kreis hat.“ Als Zeugen zitiert der grämliche Lexikonschreiber einen Astronomen, welcher sogar die Sonne zur Exzentrizität verurteilt. „Da die Sonnenbahn exzentrisch ist und mit der Ebene des Äquators einen spitzen Winkel bildet, so erscheint ihre Bewegung unregelmäßig.“ Wahrlich, eine glänzendere Gesellschaft können sich die exzentrischen Prediger gar nicht wünschen!

Nunmehr will ich auch gerne einräumen, dass das Wort zugleich den Nebensinn hat: absonderlich, schnurrig, grillenhaft usw. Fasst man aber seinen Stammbaum näher ins Auge, so sieht man, dass es ganz einfach bedeutet: die Bahn, welche ein Mann verfolgt, fällt nicht mit derjenigen zusammen, in welcher sich die Mehrzahl bewegt. Er wandelt nicht im vorschriftsmäßigen Geleise, sondern schweift nach Gutdünken mehr oder weniger davon ab. Es ließe sich nun aber leicht nachweisen, dass eine Bewegung exzentrisch, und doch zugleich ganz regelrecht und zweckentsprechend sein kann. Wer z. B. mit Maschinen umgeht, weiß nicht nur, welche wichtige Rolle exzentrische Räder in einer solchen spielen, sondern sogar, dass dieselben eine notwendige und überaus nützliche Einrichtung sind. Nach alledem gewinnt es den Anschein, als ob Exzentrizität durchaus nicht so ohne weiteres zu verwerfen wäre. Allerdings die landläufige Ansicht ist die, dass bei einem Menschen nicht alles genau nach dem Schnürchen läuft, oder dass er, um einen vulgären Ausdruck zu gebrauchen, „schief gewickelt“ ist. Es ist nur die Frage, wer sagt uns, was „gerade gewickelt“ ist? Wer soll darüber zu entscheiden haben, welcher Kreisbahn ein Mann folgen muss? Zugestanden nämlich der zweite Kreis ist nicht konzentrisch mit dem ersten, aber weshalb soll er durchaus mehr exzentrisch sein, als der erste? Sind nicht im Verhältnis zueinander alle beide gleich exzentrisch? Ebenso A. ist von B. aus betrachtet exzentrisch; aber B. ist für A.'s Standpunkt doch wohl genau ebenso exzentrisch! Ein Herr nannte mich kürzlich einen Dissenter. „Ich kann nicht leugnen, dass ich das bin,“ erwiderte ich ihm; „denn ich dissentiere von Ihnen. Aber Sie dissentieren ja doch auch von mir; folglich sind Sie ebenso gut ein Dissenter.“ Darauf nannte er mich einen Nonkonformisten. „Sie sind ebenfalls ein Nonkonformist,“ entgegnete ich; „denn wir stimmen alle beide in unseren kirchlichen Ansichten nicht überein.“ Alle solche Ausdrücke setzen genau genommen einen bestimmten Standpunkt voraus, auf welchen sie bezogen werden. Ebenso muss man, will man von Exzentrizität sprechen, ein Zentrum und eine Kreislinie als Norm annehmen, von wo man ausgehen will. Eine solche ist aber gar nicht so leicht zu finden; ja, wer den Versuch macht, wird gar bald merken, dass es wegen der großen Verschiedenheit im Geschmack und in den Neigungen der Menschen geradezu unmöglich ist, nach dem alten Sprichwort: de gustibus non est disputandum (über den Geschmack lässt sich nicht streiten) und nach der abgenutzten Regel: jeder nach seinem Geschmack.

In sittlichen Dingen gibt uns das Gewissen Regel und Richtschnur; in religiösen ist Gottes Wort unser Kompass und Leitstern. Gott bewahre uns davor, dass wir in unserm Verhältnis zu ihm, oder zur Wahrheit und Heiligkeit jemals exzentrisch werden - das wäre entsetzlich! Aber wo Mode und Herkommen ihre verkehrte Auffassung des richtigen Weges zum Gesetz erheben oder gar ihre eigenen krummen Wege vorschreiben wollen, da wird man mit Fug und Recht exzentrisch. Denn in diesem Sinne exzentrisch war die Bahn aller Heiligen, da sie mitten hindurch durch die Spießruten der Menge, die den Weg des Verderbens wandelt, auf dem schmalen Wege vorwärts gedrungen sind.

Aus solcher heiligen Exzentrizität erwachsen Märtyrer, Reformatoren und die Bahnbrecher der Freiheit und des Fortschritts. Sich losringend von den Fesseln übler Gewohnheiten, stehen solche Männer zuerst ganz allein da und trotzen der ganzen Welt. Aber nicht lange, so erkennt der bessere Teil der Menschheit ihren Wert und ihre Größe, und nun drängt man sich heran, um ihnen zu Füßen zu fallen, so dass der Götzendienst des Heroenkultus fast unvermeidlich wird. Uns erscheinen jedoch jene Männer erhabener, so lange sie auf einsamer Höhe für Wahrheit und Recht kämpfen, als wenn sie erst zum Gegenstand allgemeiner Bewunderung geworden sind. Heldenmütige Exzentrizität ist der strahlendste Edelstein in ihrer Krone. Die Sklaverei der Mode ist ebenso hart und drückend, wie irgendeine andere Art menschlicher Dienstbarkeit, und gesegnet sei der Mann, welcher aus Liebe zur Wahrheit sich dagegen empört, diese gliederzerreibende Kette zu tragen, und statt dessen sich lieber als wunderlich brandmarken, als lächerlich bespötteln lassen will. Da sehen wir, wie Exzentrizität unter Umständen eine Tugend sein kann! Ja, wenn sich's um sittliche und geistige Güter handelt, dürfte sie der höchsten Auszeichnung wert sein.

Was nun die Geistlichen betrifft, inwiefern kann man die Art und Weise eines solchen als exzentrisch bezeichnen? Wer macht sich anheischig, das bewusste Zentrum zu bestimmen? Ich frage alle jene berufsmäßigen, vielleicht auch unberufenen Kritiker, welche gewisse Kanzelredner exzentrisch nennen: wer sagt uns, wo jener feste Punkt anzunehmen ist?

Soll diese wichtige Aufgabe jenen Biedermännern zufallen, welche sich lithographierte Predigten kaufen, und sie so halten, als wären es ihre eigenen? Diese Herren sind ja doch außer aller Gefahr, jemals in übersprudelndem Eifer die Schranken zu durchbrechen. Ihre Predigten werden ja en gros abgeschnitten und getrocknet auf Lager gehalten. Du fragst: Kommt das wirklich vor? Ich antworte: Es ist unglaublich, aber wahr! Um mich nämlich selbst zu überführen, schickte ich eines Tages meinen Sekretär in einige Buchhandlungen, und richtig, er brachte mir mehrere Proben dieser preiswürdigen Arbeiten mit, teils handschriftlich, teils lithographiert; sie kosteten Stück für Stück 50 Pfennige bis 1 Mark. Und, meiner Treu, die Auswahl war nicht gering. Einige dieser unschätzbaren Reden sind an bestimmten Stellen mit Zeichen versehen, welche angeben, mit welchem Maß von Nachdruck sie vorzutragen sind. Leere Zwischenräume oder längere und kürzere Striche besagen, wo und wie lange etwa eine Pause zu machen ist. Keinem Menschen fällt es ein, die Käufer dieser allerliebsten Dinger exzentrisch zu nennen - sollen wir sie also als Musterprediger ansehen, und sie uns zum Vorbilde nehmen? Sollen wir auch geistliches Futter für unsere Herden kaufen, 13 Predigten für 5 bis 10 Mark, welche zu Mariä Verkündigung, Johannis, Michaelis, Weihnachten gegen frische Ware umgetauscht werden können? Wenn's so steht, wenn dies edle Geschäft weiter blüht, so wird's noch dahin kommen, dass wir, die ihre Predigten selbst ausarbeiten und sie frisch von der Leber weg halten, für närrische Käuze gelten, gerade wie es Wesley erging, weil er sein eigenes Haar trug zu einer Zeit, wo jeder anständige Mensch in einer Perücke umherstolzierte. Nur zu, lieben Brüder! sollte es jemals Mode werden, Stelzfüße zu tragen, so werde ich so exzentrisch sein, diese meine Beine, mit denen die Natur mich begabte, so schwach sie sein mögen, zu behalten. Und ich bin überzeugt, die Zahl der exzentrischen Leute würde so groß sein, dass mir mein Entschluss nicht leid sein würde.

Von wem sollen wir uns also die Norm geben lassen? Sollen wir uns etwa der Führung jener hochtrabenden Amtsbrüder anvertrauen, deren rhetorische Schöpfungen sich himmelhoch empor türmen und in dicke, undurchdringliche Wolken und Nebel hüllen? Wahrlich, diese Herren machen ihre Sache großartig! Sie sind im Reich des Erhabenen und Schönen ebenso zu Hause, wie Burke selbst. Kein gewöhnlicher Sterblicher versteht, oder vielmehr darf sich unterwinden, ihre hochfliegenden Ideen und ihren unergründlichen Tiefsinn verstehen zu wollen. Leider stehen ihre schwülstigen Worte in gar keinem Verhältnis zur Armseligkeit ihrer Gedanken; scheinen sie doch sogar den Grundsatz zu befolgen: je weniger man zu sagen hat, desto pomphafter muss die Rede ausfallen. So voll nehmen sie den Mund, dass auf sie der Vers passt:

„Es schwirren die Räder im kreisenden Lauf
Sie heben ein Tröpfchen Wasser herauf!
Es brauset das Weltmeer, schlägt donnernd ans Land
Es speiet - ein Schneckenhaus an den Strand!“

Da steht der geistliche Schwätzer und quirlt emsig einen Tropfen Sahne zu einem Kübel voll Schaum. Und auf hundert Kanzeln produziert Meister Prahlhans die Künste des Pfauhahns vor einem Publikum, in dessen Augen er nicht nur erhaben ist über den Verdacht der Exzentrizität, dem er vielmehr als das non plus ultra eines Kanzelredners erscheint.

Nicht bloß in Worten machen uns diese hochstrebenden Redekünstler blauen Dunst vor; auch ihre Kenntnisse sind über alle Begriffe. Es sind philosophische Köpfe, Männer von einer umfassenden, überlegenen Bildung, - obgleich schwer zu sagen ist, was eigentlich an ihnen gebildet worden ist, - es müsste denn der Anstrich von Gelehrsamkeit sein, dessen sie sich befleißigen. Daher verwirren diese Leute die Seelen, welche zu belehren und zu bekehren sie berufen sind; statt zu bauen, reißen sie nieder. Bischof Blomfield erzählt von einem Küster, welcher zu ihm sagte: „Wollen Sie wohl glauben, dass ich schon fünfzig Jahre Küster an dieser Kirche gewesen bin; aber obschon ich alle die großen Reden gehört habe, welche hier gehalten worden sind, bin ich doch noch ein Christ.“

Sollen denn nun diese Schwärmer und Wortkünstler die Norm für uns abgeben? Für diesen Fall stände unser Entschluss fest: wir werden exzentrisch; und, Gott sei Dank, stehen wir damit nicht allein, sondern viele andere teilen mit uns die Überzeugung, dass zierliche Reden einstudieren und philosophische Einfälle austüfteln, während ringsumher Menschenseelen in Gefahr schweben, ewig verloren zu gehen, nicht um ein Haar besser ist, als die brutale Exzentrizität eines Nero, welcher Mummenschanz trieb, während Rom abbrannte, und seine Galeeren nach Alexandrien schickte, um Sand zu holen, während das Volk Hungers starb, weil es kein Brot zu essen hatte. Liegt der Schwerpunkt in den Wolken, so wollen wir praktischen Leute lieber hier unten bleiben und für exzentrisch gelten. Es ist eine alte Geschichte, dass manche Menschen am liebsten über Sachen reden, von welchen sie nichts verstehen und bei denen nichts herauskommen kann, während sie fruchtbarere Gegenstände bei Seite liegen lassen. Timbs erzählt von einem gewissen „Wander-Stewart“, einem närrischen Kauz, der die halbe Welt durchwandert hatte. Derselbe pflegte aber nicht etwa von seinen Reisen zu erzählen: sein Lieblingsthema war vielmehr „Die Polstrebigkeit und das Sittengesetz“, worüber er so wirr und unzusammenhängend sprach, dass niemand wusste, ob es gehauen oder gestochen war. Grade so, wie dieser vielgereiste Sonderling, fühlen sich gewisse Leute umso mehr zu Hause, je weiter sie in die Ferne schweifen; und kommen sich am wichtigsten vor, wenn es sich um geringfügige Dinge handelt. Wir verzichten darauf, ihrer Bahn zu folgen: sie gleichen eher Irrwischen, als Dienern des göttlichen Wortes. Wenn erst alle Seelen gerettet und alle Traurigen getröstet sind, dann können wir uns allenfalls daran wagen, dunkele Probleme zu behandeln; aber nicht, so lange sich noch die Kirchhöfe mit den Leibern solcher füllen, welche Gott nicht gekannt haben.

Gut denn - wo finden wir aber den festen Punkt, der für uns maßgebend sein soll? Treten wir doch einmal da drüben in das Ankleidezimmer - Pardon! ich wollte sagen: in die Sakristei! Wenn man die Tür aufmacht, gewahrt man eine stattliche Reihe von Schränken, Kleiderspinden und Wandnischen. Wo sind wir? Ist das ein Kleiderladen oder ein Waschhaus, oder beides zugleich? Dass wenigstens die Waschfrau und das Bügeleisen hier etwas zu bedeuten haben, sieht man an diesen glänzenden Gewändern von schneeweißem Leinen. Und doch kann's wohl kein Waschhaus sein, denn dort hängen schwarze Talare und weiße Talare, und Röcke, so kostbar wie Josephs Rock. Und welche Mannigfaltigkeit! Schnell, junger Freund, hole das Kirchen- und Pfarrlexikon! Da ist eine Alba, dort eine Amika, hier ein Chorrock für den Pfarrherrn, ein Korporale für Brot und Wein und ja, wer kann die Namen alle behalten! Wir sind nicht so genau eingeweiht in die Terminologie dieser Bekleidungsgegenstände, wissen aber, dass man mit diesen Dingern nicht leichtfertig umgehen darf, da ihnen eine Kraft innewohnen soll, welche den Eingang in die Wohnungen der Seligen eröffnet. Offen gestanden, es macht uns nicht gerade Gewissensbedenken, uns inmitten dieses glänzenden Flitters zu bewegen. Doch muss ich sagen: sollten diejenigen Herren, welche ihre Leibesgestalt auf solche Art herausputzen, den Schwerpunkt geistlicher Würde begriffen haben, so wollen wir lieber exzentrisch sein und uns so kleiden, wie man es von jedem andern männlichen Individuum auch erwartet. Es ist mir sogar notwendig erschienen, das weiße Halstuch abzulegen. So lange es für jeden Herrn schicklich war, es zu tragen, warum nicht? Aber da es heutigen Tages die Glieder des geistlichen Standes kenntlich macht, also mit andern Worten, priesterliches Abzeichen geworden ist, so dürfte es geraten sein, ihm Valet zu sagen. Und das umso geschwinder, da es eine beliebte Zierde der Leichenbitter und Kellner geworden ist und man sich doch nicht gern für einen dienstbaren Geist dieser Gattung halten lässt. Manche junge Geistliche gefallen sich in Halsbinden von außergewöhnlicher Länge; noch andere knüpfen sie mit höchster Eleganz und erinnern uns an den feingeschniegelten Herrn Zipfelmeier, welcher wahre Prachtstücke von Schleifen und Knoten zu Tage förderte, weil er, wie er sagte, seine ganze Seele hineinlegte. Ein Vorfall, der sich bei meiner ersten Ankunft in London ereignete, trieb meinen Entschluss, die weiße Halsbinde zu verabschieden, zur raschen Tat. Ich fuhr nämlich auf einer Dampffähre über die Themse, als ein ungezogener junger Mensch mich fragte: „Nun, wie geht's bei Hitchcocks?“ Ich konnte mir gar nicht denken, was er damit meinte, bis er mir auseinandersetzte, er habe mich für den Kommis einer Tuchhandlung gehalten und aufs Geratewohl jene berühmte Firma genannt. Er hätte um jeden Preis gern herausgebracht, wo ich konditionierte; als ich ihm aber erklärte, ich kenne kein einziges Geschäft in der Stadt, wäre überhaupt kein Ladendiener, da sagte er: „Dann sind Sie Methodistenprediger.“ Damit hatte er beinah, aber doch noch nicht ganz das Richtige getroffen. -

Da ich mich nicht danach sehne, in den geistlichen Stand erhoben zu werden oder einen Vorrang vor den übrigen Gliedern meiner Kirche zu behaupten, so kleide ich mich, wie sie sich kleiden und trage nichts, was mich vor ihnen auszeichnet. Mögen verständige Männer darüber urteilen, ob das halb so exzentrisch ist, als wenn jemand sich so anzieht, dass man nicht weiß, ob man einen Mann oder eine Frau vor sich hat und in Versuchung kommt zu sagen, dass solcher Aufputz den Mann schändet, weil er weibisch, prahlerisch, ja zuweilen unzüchtig und geschmacklos ist. Hierin vermögen wir die Norm für uns nicht zu finden. Die Menschen, welche weiche Kleider tragen, sind in der Könige Häusern. Aber der König der Könige fragt nichts nach dem Glanz und Schimmer kirchlicher Prachtgewänder.

Wollte man dem alltäglichen Sprachgebrauch folgen, so müsste der Unbedeutendste und Langweiligste von der ganzen Brüderschaft als Mittelpunkt des Normalkreises gelten. Denn exzentrisch sein ist nach vieler Meinung schon gleichbedeutend mit: ein Körnchen gesunden Menschenverstand oder einen leisen Anflug von Humor haben. Lass dir nur einmal etwas anmerken, was nach Originalität aussieht, verrate ein Spürchen Geist, ein Fünkchen Witz, zeige ein gesundes, frisches, natürliches Wesen, gleich bist du exzentrisch in den Augen derjenigen, welche in Glauben und Leben auf die Schlafmütze als Symbol schwören. Es gibt unzählige, welche es für das einzig Richtige halten, wenn man gewissenhaft im althergebrachten Schlendrian fortmacht und mit vornehmem Anstande faullenzt. Solch' ein Musterpastor wird beileibe niemals etwas sagen, was irgendjemanden verletzen könnte, aber er sagt auch nichts, was einem Menschen heilsam wäre. Frei von groben Fehlern, aber auch ohne hervorstechende Tugenden, durchläuft er handwerksmäßig den Kreis seines amtlichen Wirkens und erbebt vor jeder mehr als gewöhnlichen Aufwallung wahren lebendigen Gefühls. Wir wollen deswegen diesen ehrenwerten Bruder nicht etwa verachten: für ihn ist seine Art und Weise ohne Frage gerade die allerpassendste. Allein es gibt eben noch andere Methoden, welche ebenso empfehlenswert sind, aber freilich geeignet, die Kritik herauszufordern. Willst du trocken sein wie Hobelspäne, saftlos wie eine alte Schutzsohle, und soll alles aufs y stimmen wie bei einem Rechenexempel, so kannst du dir allerdings den Doktorhut bei der weltberühmten Akademie von Bummelhausen verdienen. Sobald du jedoch deinen Geist aus dem Schlafe rüttelst und dich zu einem energischen Predigttone aufraffst; sobald du Miene machst, eine natürliche, mannhafte, freimütige, eindringliche Sprache zu führen, sofort werden alle großen Geister jener Riesenanstalt händeringend ausrufen: „O Himmel, wie jammerschade, dass er so exzentrisch ist!“ Doch der gesunde Sinn bäumt sich dagegen, dass ein Adler sich von einer Nachteule soll die Flugbahn vorschreiben lassen, dass ein lebendiges Menschenkind mit Fleisch und Bein wie eine Drahtpuppe regiert werden soll.

Wir haben bis jetzt vergeblich gesucht, den Standpunkt, der als Norm gelten kann, zu finden. Es darf also wohl als ausgemacht angenommen werden, dass es einen solchen überhaupt nicht gibt und nicht geben kann. Denn Zeiten und Sitten, Meinungen und Verhältnisse unterliegen einem ewigen Wechsel. Vor hundert und etlichen Jahren stand John Wesley auf dem Kirchhof von Epworth und predigte am Grabe seines Vaters - man erklärte ihn für exzentrisch, weil er im Freien das Evangelium verkündigte. Whitefield galt schon für verrückt; wie hätte er sonst auf den Einfall kommen können, seine Versammlungen ins freie Feld zu verlegen! Unser Heiland und seine Apostel hatten doch schon lange vorher unter freiem Himmel gepredigt; so heftig man sie sonst auch verfolgt hat, aus diesem Umstande hat man keinen Anlass hergenommen, sie exzentrisch zu nennen. Und siehe da, wie sich die Ansichten der Menschen geändert haben: gegenwärtig wird niemand mehr für exzentrisch gehalten, wenn er unter freiem Himmel predigt, wenigstens bei uns zu Lande nicht. Ich könnte morgen einen Grabstein zur Kanzel nehmen, niemand würde daran etwas auszusetzen finden. Doch halt! es dürfte das nicht auf einem staatskirchlichen Friedhofe geschehen, sonst könnte mir's übel bekommen. Unsereiner darf an diesen geweihten Stätten der Episkopalkirche weder sich auf einen Stein stellen, um zu predigen, noch unter einen solchen legen, um sich nach unserm eigenen Ritus begraben zu lassen. Die orthodoxen Würmlein, welche sich so lange an observanzmäßig bestatteten Leichen gemästet haben, würden sich den Magen verderben, wenn sie Leichname verspeisen müssten, welche nicht ein ordnungsmäßig angestellter Kaplan eingesegnet. Diese Fürsorge für die Würmer kommt mir eher exzentrisch vor - doch lass sie nur machen, was sie wollen, es wird nicht mehr lange dauern, bis man dergleichen zu den abergläubischen Gebräuchen einer vergangenen finstern Zeit rechnet.

Wie die Zeiten sich ändern! Was in der einen für verschroben gilt, das wird in einer andern ganz selbstverständlich, ja gehört zum guten Ton. Über die Tracht und den ganzen Zuschnitt eines Geistlichen aus der Zeit der Königin Elisabeth würde man lächeln, wollte jemand sie unter der Königin Viktoria nachmachen. Auch die Kniehosen, seidenen Strümpfe und silbernen Schnallen, welche ich selbst an meinem ehrwürdigen Großvater gesehen habe, würde man lächerlich finden, wenn sie in der nächsten Versammlung der Independenten zum Vorschein kämen. Der näselnde Ton, dessen man sich in den Konventikeln bediente, galt seiner Zeit für heilig und feierlich. Wollte jemand heute so sprechen, so würde man ihn, wenigstens in England, für einen wunderlichen Heiligen halten. Ich bin überzeugt, dass der bekannte Matthew Wilks hauptsächlich wegen dieser sonderbaren Angewohnheit in den Ruf der Verschrobenheit kam. Unsereins musste unwiderstehlich lachen, wenn er, noch dazu mit seiner ganz absonderlichen Stimme, feierlich anfing, durch die Nase zu predigen. Und doch haben unsere puritanischen Vorfahren an eben derselben Predigtmanier sich tief erbaut. Als einst ein gewisser Johann Hanway an einem Regentage durch die Straßen wandelte, und sich dabei ein ganz neumodisches rundes Zelt über den Kopf hielt, um nicht nass zu werden, schüttelte ganz London den Kopf über diesen unerhörten, abenteuerlichen Einfall. Heute urteilt man ganz anders; denn heute ist der Regenschirm eine so alltägliche Erscheinung, wie Pilze im Walde.

Ein Vorfall aus meinem eigenen Leben zeigt recht deutlich, wie verschieden, je nach der Verschiedenheit von Land und Leuten, die Ansichten über das sind, was exzentrisch sein soll. Ein Holländer, seiner Handschrift und seiner Ausdrucksweise nach ein ganz gebildeter Mann, schrieb mir einst ein eindringliches Ermahnungsschreiben. Aus meinen gedruckten Predigten, welche er mit großer Freude las, hatte er den Eindruck erhalten, ich müsse ein sehr frommer Mann sein. Als er daher nach London kam, versäumte er die Gelegenheit nicht, mich zu hören. Das sollte er bereuen: denn von Stund an waren ihm meine Predigten verleidet. Und nun rate einmal, lieber Leser, wodurch ich mich um das Wohlwollen dieses ehrenwerten Mannes gebracht hatte! Nicht durch meine Predigt, denn er meinte, ich predigte ganz vortrefflich; auch an meinem Auftreten, meinen Gebärden hatte er nichts auszusetzen. Aber an meiner persönlichen Erscheinung hatte er Ärgernis genommen: dass ich überhaupt einen Bart trug, war schon ein Fehler; aber - er traute seinen Augen nicht - meine Oberlippe zierte ein Schnurrbart! Nun ist das etwas so völlig Gleichgültiges, dass man den harmlosen Missetäter füglich ganz übersehen könnte. Aber nein, er behauptete, ich machte mich mit meinem Schnurrbart den fleischlich gesinnten Weltmenschen gleich, - sollte mans für möglich halten? Anstatt kahl rasiert und glatt geschoren zu sein und eine steife Halskrause von einem Meter Durchmesser zu tragen, wie die heiligen Männer, die er zu Hause hört, war ich so gottlos, ohne Halskrause, ungeschoren und unrasiert aufzutreten. Seine Begeisterung für Priester in Halskrause, Bäffchen und Talar und mit einem Kinn so glatt, wie bei einem Frauenzimmer, war natürlich nicht abgeschmackt und exzentrisch. Aber da ich so frei war, mir Bart und Haar stehen zu lassen, wie Gott es wachsen lässt, so musste ich durchaus exzentrisch, leichtfertig, fleischlich, weltlich, - und wer weiß was sonst noch sein. Man sieht, was in Holland exzentrisch heißt, gilt in England nicht dafür und umgekehrt. Es kommt also hierbei nicht wenig auf die geographische Länge und Breite an, und um nie einen Verstoß zu machen, müsste man immer einen Sextanten und ein Handbuch über Trachten und Sitten in der Tasche tragen, um sich Grad um Grad Rats erholen zu können.

Man darf ferner eins nicht vergessen: gerade wie es in Sachen der Religionsfreiheit Zeiten der Verfolgung und Zeiten der Duldung gegeben hat, so ist es auch rücksichtlich dessen gewesen, was man für die Kanzel als schicklich oder unschicklich angesehen hat.

Das eine Mal hielt man auf strenge Beobachtung einer gültigen Regel, und wer dagegen verstieß, verfiel ohne Gnade einem unerbittlichen Scherbengericht. Ein anderes Mal gestattete man eine gewisse exzentrische Freiheit der Bewegung, so dass jeder tun konnte, was ihm gut dünkte. Gegenwärtig ist man wiederum sehr weitherzig, und gar mancher nimmt sich in Worten und Werken vieles heraus, ohne dass es ihm verdacht wird. Für solche Leute ist's ein wahres Glück, dass wir vor ihnen hergegangen sind, und um mancher viel geringfügigeren Freiheit willen am Pranger gestanden haben. Von mir selbst darf ich wohl, ohne unbescheiden zu sein, behaupten, dass ich verschiedentlich gerade wegen solcher Geschichten und Beispiele verlästert worden. bin, wie sie uns in den herrlichen Predigten meines Freundes Moody aufstoßen, den ich gewiss höher schätze, als irgendein anderer. Viele aufrichtig fromme Seelen, welche ihn mit großer Erbauung gehört haben, würden ihn vor 20 Jahren wahrscheinlich für sehr exzentrisch gehalten haben. Und wer hätte noch vor 10 Jahren einem Sankey seine herrlichen Lieder verziehen! Und was hätte man von Ned Wright, Josua Poole und ähnlichen Geistern im Jahre 1858 gesagt? Wenn ich bedenke, mit welchem Maßstabe man Rowland Hill gemessen und als exzentrisch verurteilt hat, so muss ich sagen: die eben genannten Männer sind genau eben so weit, wenn nicht weiter gegangen, und doch fällt es niemandem ein, sie ebenso zu beurteilen. Wie gesagt man ist weitherziger geworden; ja, fast möchte man sagen, man ist eher zu nachsichtig, als zu streng. Indessen ist es höchst interessant, die fromme Menge in ihren Launen zu beobachten, und die Bemerkung zu machen, dass sie heute verdammt, was sie morgen in den Himmel erhebt. In dieser Wahrnehmung liegt eine große Versuchung, sich über das Urteil der Menge kühl hinwegzusetzen. Ein Hauptzweck dieser Zeilen ist, zu einem mannhaften, tatkräftigen Vorgehen in dieser Richtung anzufeuern.

Sind wir Diener des göttlichen Worts, wohlan, so lasst uns das im Auge haben, was das Heilbringendste und Segensreichste ist und uns die Urteile der Welt aus dem Sinn schlagen. Handeln wir klüglich und treffen das Rechte, so können wir das Weitere ruhig abwarten. Wir finden unseren Lohn in etwas ganz anderem, als in der Anerkennung und dem Beifall der Menschen - aber ganz abgesehen davon, wir können warten. Die anmaßenden Urteile einer vorlauten Kritik werden eines Tages wie Spreu von der Tenne weggefegt werden, und der hochherzige Sinn der Kirche Gottes wird sich zu denen bekennen, welche sich als ihre echten Streiter bewährt haben, und wird ihren Namen von dem Makel reinigen, den ihm Vorurteil und böser Wille angeheftet haben. Wie oft hat ein gerechteres Jahrhundert dasjenige als Heldengröße anerkannt, worüber man seiner Zeit als über einen abenteuerlichen Hang die Achseln gezuckt; in wie manchem Dulder, welcher von den Vätern als überspannter Narr mit Füßen getreten worden, verehren die Enkel einen Weisen, der seiner Zeit vorausgeeilt!

Treffend sagt der Apostel: Es ist mir ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde, oder von einem menschlichen Tage; auch richte ich mich selbst nicht.

Um nun wiederum auf das zurückzukommen, was für uns als Norm gelten soll: so wäre es ein großer Missgriff, wollte man dieselbe etwa, wie bei den Medern und Persern, durch ein für alle Zeit unabänderliches Dekret festsetzen. Eine solche Entscheidung darüber, was zulässig oder unzulässig ist, wäre sehr vom Übel: denn gerade die reiche Mannigfaltigkeit der Predigtweisen dient einem höheren Zweck. Wenn Dr. John Owen sagt, er würde alle seine Gelehrsamkeit darum geben, könnte er so predigen, wie der Kesselflicker John Bunyan, so war das nicht wohlgesprochen; es sei denn, dass er damit nur ausdrücken wollte, wie hoch er den biederen John schätzte. Denn Owens Predigten, tief, gründlich, gehaltvoll, allerdings schwer verständlich, befriedigten eine große Zahl von Personen, denen die einfältige, kunstlose Art, mit welcher Bunyan das Evangelium predigte, nicht zugesagt haben würde. Drum, verehrungswürdiger Doktor, bleibe du Owen und lass Bunyan Bunyan sein. Denn wir möchten um keinen Preis die Fundgrube theologischer Schätze entbehren, welche du uns hinterlassen hast. Du würdest dich auch höchst merkwürdig ausgenommen haben, hättest du so reden wollen, wie der wunderbare Träumer2); und der Letztere wäre ein Narr gewesen, hätte er dir nachmachen wollen. Es ist ein Fehler, wenn man es unternimmt, die verschiedenartigen Diener des Einen Herrn miteinander zu vergleichen. Sie sind Geschöpfe und Werkzeuge ihres Herrn, einer so gut wie der andere; in verschiedene Wirkungskreise gestellt, sollen sie seine Befehle ausrichten. Aber in beiden erweist sich ein und derselbe Geist göttlicher Weisheit mächtig. Ich hörte einmal von einer Disputation, welche ihrem Zweck, tüchtige junge Disputatoren heranzubilden, wohl entsprochen haben mag, deren Thema aber im Grunde müßig war. Es lautete: Wem verdankt die Welt mehr, der Druckerpresse oder der Dampfmaschine? Beide sind für ihren Zweck gleich vollkommen; beide sind wesentlich, ja unentbehrlich für den Fortschritt der Welt wozu sie einander gegenüberstellen? Es hat das eben so viel Sinn, als wenn man darüber streiten wollte, was nützlicher ist: Nähnadeln oder Stecknadeln? Robert Robinson in Cambridge hatte eine einfache, kraftvolle, aber fast gemütliche Art zu predigen; und doch wird mir versichert, dass er mehr wirkte, als sein Nachfolger Robert Hall, welcher ein Redner von Gottes Gnaden war und überwältigend predigte. Wer soll das nun entscheiden? Ja, kann eigentlich ein vernünftiger Mensch diese Frage auch nur aufwerfen? Dem Robert Hall gebührt ein Platz unter den Meistern der Theologie; aber Robert Robinson würden wir seinen Platz ebenda anweisen, denn beide Männer waren Zierden des geistlichen Standes. Wir bewundern jeden in seiner Art, ja sogar in seiner Unart, sobald sie nur wirklich seine eigene ist. Jeder hat seinen besonderen Beruf, für den Bau des Reiches Gottes auf Erden zu arbeiten: lasst ihn in Gottes Namen arbeiten, ohne ihn zu hofmeistern. Wer bist du, dass du etwas zu verdammen wagst, weil es nicht nach deinem Geschmack ist? Wie viele Seelen Rowland Hill gerade durch seine „Absonderlichkeiten“ für das ewige Leben gewonnen haben mag, das wird erst der Jüngste Tag offenbaren. Heute nur ein vielleicht nicht unbekanntes Beispiel.

Ein Jüngling stand im Begriff nach Indien zu gehen. Sein frommer Freund befürchtete sehr, er möchte die Heimat mit unbekehrtem Herzen verlassen. Darum überredete er ihn, noch acht Tage bei ihm in London zu bleiben, und führte ihn zuerst in die Predigt eines namhaften Geistlichen, eines sehr tüchtigen Mannes von kerniger Redegabe und gediegenen Gedanken, in der Hoffnung, dass irgendeines seiner Worte zur Bekehrung seines Freundes dienen möchte. Der Jüngling hörte die Predigt aufmerksam an, erklärte sie für eine ausgezeichnete Rede; doch das war alles. Der gottselige Freund nahm ihn nun mit zu einem andern ernsten Geistlichen; aber auch diesmal ohne Erfolg. Der letzte Abend rückte heran; da, in einer Anwandlung von Verzweiflung, beschloss er, noch einen äußersten Versuch zu machen, und führte ihn mit Zittern und Zagen zum Pastor Hill nach Surrey-Chapel, indem er unterwegs inbrünstig betete, Hill möchte doch heute Abend keine Possen treiben, sondern eine recht ernste und erweckliche Predigt halten, und alles vermeiden, was zum Lachen reizen könnte. Zu seinem Entsetzen war aber Hill heute aufgeräumter als je und brachte viel merkwürdige und pikante Dinge vor. Unter anderem erzählte er, er habe auf der Straße eine Herde Schweine hinter einem Fleischer hertraben sehen. Das sei ihm auffallend vorgekommen, da diese Tiere doch sonst ihren Kopf für sich hätten und gegen die Wünsche der Treiber borstig zu sein pflegten. So habe er sich denn nach der Ursache dieser Willfährigkeit erkundigt und da erfahren, dass der Führer eine Tasche voll Eicheln hatte, wovon er von Zeit zu Zeit etliche auf die Erde fallen ließ; dadurch überwand er ihre widerspenstigen Neigungen. Gerade so, fuhr Hill fort, lockt der Teufel die gottlosen Menschen, welche er in das Schlachthaus der ewigen Verdammnis führen möchte, an sich, indem er ihnen die Freuden dieser Welt als Köder hinwirft. Der gute Herr, welcher seinen Freund in die Kapelle geführt hatte, war höchlichst entrüstet über dieses unfeine Gleichnis, und dachte mit Kummer daran, wie spaßhaft derselbe diese abscheuliche Geschichte finden würde. Sie kamen an die Kirchtür, und wer beschreibt sein Erstaunen, als dieser sagte: „Diese Predigt werde ich nie vergessen; die Geschichte von den Schweinen hat tiefen Eindruck auf mich gemacht ich fürchte, sie passt auf mich.“ Es folgte eine glückliche Bekehrung, und der zornige Kritiker konnte nur schweigen und danken. Wohlan denn, möge ein jeder in Gottes Namen so predigen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Ein jeder steht und fällt seinem eigenen Herrn!

Wenn der Geist Gottes einem Rowland Hill eingibt, von Schweinen zu reden, so wird das jedenfalls heilbringender sein, als wenn er einen Sermon über murmelnde Bäche und blauäugige Seraphim hätte halten wollen. Möge der gute Geschmack darüber betreten sein; was heißt guter Geschmack, wo es gilt, unsterbliche Seelen aus dem geistlichen Todesschlaf zu erwecken! Wenn du ohne Christum in dieser Welt lebst, so ist dein Zustand und Leben viel anstößiger, als je irgendein erweckliches Wort sein kann. Was aber wirklich gemein ist und von schlechtem Geschmack zeugt, das ist die Sünde! So urteilen die, welche das zuverlässigste Urteil in der Sache haben: die Reinsten und Edelsten unseres Geschlechts und die Engel im Himmel. Kann es etwas Widerwärtigeres geben, als wenn ein Mensch, der nach Gottes Wort das Brandmal „ewig verdammt“ an der Stirn trägt, eine vornehme Miene aufsetzt und so tut, als wäre er zu fein, ein derbes Wort aus dem Munde eines Mannes zu hören, dem das Herz vor Verlangen brennt, ihn vom zukünftigen Zorn zu erretten! Er ist fühllos genug, den Allliebenden zu verachten; roh genug, das Evangelium von der Liebe zurückzustoßen; unedel genug, sich gegen seinen Schöpfer und Erhalter aufzulehnen: und fürwahr! trotz alledem Kenner in Glaubenssachen, und berufen, an jedem Wort herumzupicken, welches zu seinem eigenen Besten gesprochen wird. Wahrhaftig, diese geistliche Ziererei ist krankhaft im höchsten Grade!

Ich habe die Geschichte von Rowland Hill erzählt, weil sie als Typus für viele ähnliche Geschichten gelten kann, welche für ungehörig und unschicklich angesehen werden, es aber durchaus nicht sind - höchstens für seichte Köpfe. Es ist wirklich nicht unanständiger, Schweine in der Predigt zu erwähnen, als irgendwelches andere Tier. Sagt doch unser Herr Christus selber: ihr sollt eure Perlen nicht vor die Säue werfen, und der Apostel Petrus spricht von Säuen, welche sich nach der Schwemme wieder im Kot wälzen. Ebenso wenig ist an dem Gleichnis von den Schweinen, welche dem Fleischer folgten, irgendetwas Unfeines; ja, es ist sogar noch viel feiner, als das erwähnte Bild des Petrus, zumal hier noch die Hunde daneben stehen, welche wieder fressen, was sie gespien haben. Kein Geschöpf, sobald es nach dem Leben gezeichnet ist, ist unrein und gemein. Nur eine Art pharisäischer Geschmacksverirrung kann sie dafür erklären. Was aber allerdings unfein, ja gemein ist, das sind schlüpfrige Anspielungen und zweideutige Witze; und die findet man wohl bei „feinen“ Schriftstellern, wie Lorenz Sterne, aber nicht bei geheiligten, keuschen Naturen von solchem Schrot und Korn, wie Rowland Hill. Klebt an deinen Geschichten und Ausdrücken auch nur eine Spur von Unsauberkeit fort mir dir! denn was schmutzig ist, darf im Heiligtum Gottes nicht geduldet werden. Dagegen greifst du uns ans Herz in ureigentümlicher, derber Rede, möge sie manchmal auch noch so putzig klingen, wir wollen doch unsere helle Freude dran haben und dir ein herzliches Glückauf! zurufen. Schmutzig und putzig - nur ein paar Buchstaben sind anders, und doch ein so himmelweiter Unterschied, dass man ein ganzes Buch darüber schreiben könnte. So kann widerwärtige Gemeinheit und kraftvolle Derbheit haarscharf aneinander grenzen; ja, sie können einander so ähnlich sein, dass das eine nur eine feine Nuance des andern ist, und doch sind sie so grundverschieden, wie schwarz und weiß. Es liegt auf mancher schmucklosen Redewendung ein zarter Hauch von Poesie, von welchem reine, unverdorbene Gemüter entzückt werden. Spielt auch ein Lächeln um den Mund, so ist das ein Zeichen, dass die Seele wach ist und sich freut, auf eine so schlichte, anmutige Weise belehrt zu werden.

Also - nur her, ihr Kritiker, mit eurem Seziermesser! fangt an zu schneiden, zu kratzen, zu schaben! Aufrichtige Herzen hören mit tiefem Behagen die naturwahren Kraftworte, die schlagenden Vergleichungen und die aus innerster Seele quellenden Ergüsse eines eifrigen Mannes, mag auch die Welt ihr Urteil dahin abgeben:

„Er ist ein exzentrischer Prediger!“

1)
Bei uns pflegt man einen Prediger als solchen zwar nicht exzentrisch zu nennen. Doch war es unmöglich, einen andern Ausdruck dafür einzusetzen. Warum, wird der geneigte Leser sehr bald selbst sehen. A. d. Übers.
2)
Bunyans „Pilgerreise“ ist bekanntlich als Traum dargestellt. A. d. Übers.
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