Spurgeon, Charles H. - Exzentrische Prediger - IV. Kurzer Lebensabriss exzentrischer Prediger.
1. Hugh Latimer.
1480-1555.
Katholische Geschichtsschreiber haben kein Bedenken getragen, Latimer als über alles Maß exzentrisch zu beschreiben. Lingard sagt: „Seine Beredsamkeit war rücksichtslos und heftig, sie ergoss sich in ungehobelter, beißender Sprache, und war mit absonderlich gemeinen Späßen und Possen gewürzt.“ Dieser Anklage sieht man es an, dass sie deshalb erhoben worden ist, um das Papsttum weiß zu brennen und die Reformation anzuschwärzen. Wir lesen sie mit Befriedigung; denn sie verschafft uns die Genugtuung, dass wir einen Bischof in die Schar bestverleumdeter Diener Gottes einreihen können. Wir leugnen gar nicht, dass Latimer außerordentlich seltsam war und sprühende Funken einer munteren Laune unter seine eindringlichen Ermahnungen und ernsthaften Beweisführungen mischte. Aber dabei hatte er es stets darauf abgesehen, Irrtümer zu bekämpfen und seinen Zuhörern ans Herz zu greifen.
Hier ein Beispiel, wie er sich treffend zu verantworten verstand. Buckingham, einer von den schwarzen Klosterbrüdern, unternahm es, Latimer zu widerlegen. Unter anderen merkwürdig gescheiten Dingen behauptete er auch, das Lesen in der Heiligen Schrift in der Volkssprache würde dahin führen, dass die Menschen ihre Hantierung im Stich ließen und auf alle möglichen Torheiten verfielen. So z. B. meinte er, wenn der Bauer im Evangelio liest: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes;“ so wird er sicherlich seinen Pflug alsbald in die Ecke stellen. Ebenso wenn der Bäcker hört: „Ein wenig Sauerteig verdirbt den ganzen Teig;“ so wird er auf den Einfall kommen, sein Brot ungesäuert zu lassen, und unser Leib wird ungewürzt bleiben. Latimer hörte dies alles mit an, und beschloss, seinen Ausführungen entgegenzutreten. Er predigte am Nachmittag von derselben Kanzel herab, während Buckingham ihm mit seiner schwarzen Mönchskapuze gerade gegenüber saß. Nachdem er von der bildlichen Redeweise der Heiligen Schrift gesprochen hatte, sagte Latimer, dass solche bildlichen Ausdrücke allgemein in allen Sprachen gebräuchlich wären und von jedermann verstanden würden. „So z. B.,“ fuhr er nach dem Platz, wo Buckingham saß, gewendet fort, „wenn der Maler einen Fuchs in einer Mönchskapuze predigend darstellt, so ist kein Mensch so dumm, das für einen wirklichen Fuchs zu halten, sondern ein jeglicher sieht, dass er damit gewarnt werden solle, sich vor der Heuchelei, List und Verstellung in Acht zu nehmen, welche sich so oft hinter jenen Kapuzen verbergen.“
Vor wie nach seiner Erhebung zum Bischof predigte Latimer in der Regel überaus einfach und gemütlich, und ganz dem Gesichtskreis und dem Geschmack derjenigen angemessen, vor welchen er zu reden hatte. Seine Predigten sollten von jedem Freunde eines körnigen Englisch gelesen werden. Wir haben nur für eine Mitteilung Raum, welche zeigt, wie schlicht und populär er zu reden vermochte: „Ein Biedermann hatte einstmals einen Freund zu Tische geladen. Er sprach zu ihm: „Wenn du kommst, sollst du mir sehr willkommen sein. Aber das sage ich dir zuvor, du wirst nur eine karge Mahlzeit aufgetischt finden, nur eine Schüssel, mehr nicht.“ „Und was wird's denn geben?“ fragte jener. „Einen Pudding1), weiter nichts.“ „Meiner Treu,“ sagte der andere darauf, ich kenne ja gar nichts Schöneres! Von allerlei Speisen behagt diese meinem Gaumen ganz sonderlich. Um einen Pudding liefe ich stracks um die ganze Stadt!“ Bestochene Beamte und Richter sind noch viel ärger hinter einem Trinkgeld her, als wie jener Mann hinter seinem Pudding.“ - Latimer hatte es darauf abgesehen, dass seine Worte im Gedächtnis haften und eine Sinnesänderung hervorbringen sollten.
Darum war es weise, sie in eine Form zu kleiden, von welcher man erwarten konnte, dass sie von Mund zu Mund getragen werden würde. Ich möchte wetten, dass diese Pudding-Geschichte mehr als ein Dutzend feingedrechselter Reden zur Verbesserung der Rechtspflege beigetragen hat. Das nenne ich praktisch gepredigt. Bei alledem ging er mit den Sünden der Vornehmen ebenso rückhaltlos ins Gericht, wie mit denen gemeiner Leute, und das in Worten, welche viel zu aufrichtig und gut gemeint waren, um fein poliert zu sein.
Seinen unerschrockenen Mut bewies dieser edle Diener Gottes durch sein Auftreten gegen Heinrich VIII. Es war Sitte, am Neujahrstage dem Könige ein reiches Geschenk darzubringen. Latimer überreichte ihm statt dessen einst ein Neues Testament, in welchem er ein Blatt umgeknifft hatte, worauf der Spruch stand: „Die Hurer und Ehebrecher wird Gott richten.“ Das hätte ihm den Kopf kosten können. Doch der dicke Heinz, anstatt zu zürnen, bewunderte seinen Mut. Ein anderes Mal predigte er vor Heinrich, und da Herr Hugo, wie er es liebte, seine Meinung sehr offenherzig heraussagte, so missfiel die Predigt Seiner Majestät. Er erhielt also den Befehl, am folgenden Sonntag noch einmal zu predigen und das gegebene Ärgernis zu sühnen. Nachdem er seinen Text verlesen, begann der Bischof folgendermaßen: „Hugo Latimer, weißt du auch, vor wem du heute predigen sollst? Vor dem hohen und mächtigen Monarchen, des Königs Allerhöchster Majestät, der dich töten lassen kann, wenn du ihn zornig machst. Also nimm dich in acht, dass du nicht ein Wort sagen mögest, welches ihm missfallen könnte. Aber halte dir auch ein anderes vor Augen, Hugo: weißt du nicht, von wannen du kommst, als wessen Botschafter du gesendet bist? Von wem anders, als von dem allmächtigen Gott! Dem Allgegenwärtigen, der alle deine Wege sieht, der deine Seele in die Hölle zu werfen Macht hat! Darum siehe zu, dass du deine Botschaft wohl ausrichtest!“ Und nun folgte dieselbe Predigt, nur noch um ein gut Teil kräftiger, als am vorhergehenden Sonntag. Die Kirche war aus, der Hof war voll gespannter Erwartung, welches das Schicksal des redlichen, kreuzbraven Bischofs sein würde. Nach dem Mittagsmahl ließ der König Latimer vor sich rufen und fragte ihn mit finsterer Miene, wie er sich unterstehen könnte, solche Predigt zu halten. Dieser ließ sich auf die Kniee nieder und antwortete, er sei das seinem Gott und seinem königlichen Herrn schuldig, habe weiter nichts als seine Pflicht getan und Gewissens halber also geredet. Da erhob sich der König, ergriff ihn bei der Hand, umarmte ihn und sagte: „Gelobt sei Gott, dass ich einen so redlichen Diener habe!“
Unter Eduard VI. besaß Latimer großen Einfluss, aber die Regierung der Maria brachte ihn in ernstliche Konflikte. Unerschrocken, ehrenhaft, lauter wie er war, freute er sich bei der Aufforderung, sein Bistum niederzulegen; und als ihm der Prozess gemacht und er vor Gericht geladen wurde, wankte er nicht einen Augenblick, sondern erschien, um unseren allerheiligsten Glauben bis in den Tod zu verteidigen. Seine Worte am Marterpfahl waren für den Mann charakteristisch. Zum Bischof Ridley gewendet, der mit ihm zum Tode geführt wurde, sagte er: „Haltet euch brav, Magister Ridley, und seid ein Mann! Wir werden, will's Gott, heute in England ein Feuer anzünden, das nie wieder auslöschen wird!“
Ja, das walte Gott!
2. Hugh Peters.
1599-1660,
Der am meisten verleumdete Mann seiner Zeit war Hugh Peters, welcher nach der Restauration als Rädelsführer der sogenannten großen Revolution hingerichtet worden ist. Gewöhnlich wird er als gemeiner Spaßmacher und Marktschreier dargestellt, während man viel mehr Ursache hat, in ihm einen eifrigen Verkündiger des Evangeliums zu sehen. Wir gönnen ihm hier eine Stelle, nicht weil wir ihn durchweg bewundern, sondern um einem Mann Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, welcher fälschlich angeklagt worden ist.
Vor seiner Bekehrung war er ein frecher Sünder; aber hernach wurde er ein gewaltiger Prediger des Wortes Gottes. An der Heiligen-Grabes-Kirche war seine Predigt sehr beliebt, und gab, was viel mehr sagen will, Hunderten den Anstoß zur Bekehrung. Als er in einem Gebet für die Königin Worte eingeflochten hatte, welche vorauszusetzen schienen, dass sie der Buße bedürfe, - was ja wohl wahrscheinlich der Fall gewesen sein wird - wurde er durch Laud eingekerkert. Schließlich entwich er außer Landes und wurde Pastor in Holland, später in Amerika. Er erfreute sich dort eines so bedeutenden Rufes, dass seine Kolonistenbrüder ihn in einer wichtigen Angelegenheit als Vermittler nach der Heimat entsandten. Hier wurde er durch den Ausbruch des Bürgerkrieges zurückgehalten; während desselben war er Feldprediger, nahm an vielen Schlachten teil, und wurde oft an das Parlament abgeschickt, um über den Stand der Dinge Bericht zu erstatten.
Eine Zeit lang war Peters Sekretär Oliver Cromwells. Carlyle führt seine Beschreibung der Einnahme des Basing-Hauses2) an und nennt ihn einen Mann, „über welchen der Leser so viel Lügen gehört hat.“ Mit äußerster Bosheit haben die Kavaliere3) seinen Charakter angeschwärzt, in der Absicht, seine Hinrichtung durch Karl II. zu rechtfertigen, die aber tatsächlich nichts anderes, als ein Justizmord gewesen ist. Ein glaubwürdiger Biograph äußert sich über ihn folgendermaßen: „Peters war nicht in allen Dingen ein vorsichtiger Mann; er war vorschnell und übereilt im Reden. Aber er war ein wahrheitsliebender und aufrichtiger Mann, welcher eines unbescholtenen Rufes in Kreisen genoss, die nichts Gemeines und Niedriges unter sich duldeten; ein Mann, welcher unendlich hoch über denjenigen stand, die ihn verleumdet haben.“
Man pflegte damals allgemein der Redensart sich zu bedienen, dass die Heiligen das Lob Gottes im Munde und ein zweischneidig Schwert in der Hand führen müssten. Das traf bei Peters viel zu genau zu. Er war der „streitbare Pfarrer“ seiner Zeit. Aber gleich den Männern von Stahl und Eisen, unter welchen er amtierte, war er ein frommer Soldat, ja, seine Frömmigkeit machte ihn zum Soldaten. Unsere Überzeugungen und Sympathien gehören nicht jener Seite; aber wir sind den Kriegern der Republik zu großen Dank schuldig, um mit einem schnellen Urteil bei der Hand zu sein. Hugh Peters selbst erfüllte ein brennender Eifer, und da seine Predigten für Soldaten berechnet waren und auf stürmische politische Verhältnisse Bezug haben, so glichen sie aller Wahrscheinlichkeit nach knorrigem Eichenholz, so dass sie feinen Kavalieren allerdings keineswegs lieblich in die Ohren tönten. Aber die gemeinen Späße, welche ihm in die Schutze geschoben wurden, rühren offenbar gar nicht von ihm her, da sie schon umliefen, als er noch nicht geboren war. Ein Besitzer des kleinen, auch im britischen Museum befindlichen Büchleins, welches alle diese gemeinen Witze erzählt, hat auf Grund seiner Forschungen Anmerkungen dazu veröffentlicht und nachgewiesen, dass die Mehrzahl dieser Anekdoten lediglich untergeschoben sind. So z. B. „No. 1: Das ist eine normannische Geschichte aus dem 12. oder 13. Jahrhundert. No. 14: Entlehnt aus Taylors „Werke des Wasserdichters“ usw.
Dessen ungeachtet mag in einigen Geschichten, wie z. B. den nachfolgenden, wohl ein Körnlein Wahrheit enthalten sein. Als er in einem Dorfe ein Gebet hielt, bemerkte er in der Kirche das Wappen des Königs. Sofort brachte er die Worte an: „Gütiger Gott, bewahre uns vor dem Joch der Tyrannei“; und indem er seine Arme gegen das königliche Wappen ausstreckte, setzte er hinzu: „Schirme deine Knechte vor den Krallen des Löwen und dem Horne des Einhorns!“
Als er den Vorzug der Christen vor den Heiden behandelte und zeigte, wie diese von einem natürlichen Instinkte geleitet würden, während wir die Predigt des Wortes Gottes haben, bemerkte er, das Wort habe ja auch in der Tat unter uns die freieste Bahn, „denn ich glaube sicher, kaum ist's zum einen Ohr hinein, so ist's zum andern auch schon wieder hinaus.“
Er traf einst einen Freund mit einer tiefen Wunde im Kopf, welche er in einem törichten Streit davongetragen hatte. Erst hielt er ihm seine Unbesonnenheit vor, schließlich sagte er: „Jetzt kommt freilich der gute Rat zu spät; geh' mit zum Wundarzt, ich werde dich verbinden lassen.“ Der Chirurg begann das Blut abzuwaschen und das Gehirn zu untersuchen, um zu sehen, ob es verletzt wäre. Da rief Peters: „Was fällt Ihnen ein, wie können Sie bei dem danach suchen? Wenn er Hirn besessen hätte, so hätte er sich auf einen so verrückten Handel nicht eingelassen.“
Hugh Peters versündigte sich durch seine eifrige Verteidigung der Sache des Parlaments an der gesamten kirchlich und königlich gesinnten Partei; gleichzeitig stieß er die Presbyterianer vor den Kopf, indem er für die Duldung aller Sekten eintrat. Dies letztere wurde ihm schließlich als das allerschlimmste Verbrechen angerechnet: denn Männer, welche ihrer Zeit voraus sind, pflegen immer um solcher Ansichten willen verunglimpft zu werden, welche, wenn ihre Zeit gekommen ist, bei Jedermann Eingang finden. So viel steht doch wohl moralisch fest: der Sekretär Oliver Cromwells, der Mann, welcher einen Philipp Nye und Goodwin zu intimen Freunden, einen Milton zum Apologeten hatte, kann kein schlechter Mensch gewesen sein. Seine Eigentümlichkeiten entsprangen aus seiner leidenschaftlichen Begeisterung für die Sache der Freiheit und aus seiner wunderbaren Doppelnatur als Pastor und Kriegsmann.
In den Schriften Hugh Peters' sind keinerlei Anzeichen dafür, dass er ein Spaßmacher gewesen; aber eine Menge Zeugnisse seines Geistes und Gedankenreichtums. Das kleine Büchlein, welches den Titel führt: „Eines sterbenden Vaters letztes Vermächtnis an sein einziges Kind“ schrieb er eigenhändig kurz vor seiner Hinrichtung. Es ist reich an Sprüchen heiliger Weisheit. Einige davon mögen hier zum Schluss einen Platz finden.
„Wer die Religion benutzen will, um irgendetwas anderes, als Gottes Ehre und das Heil seiner eigenen Seele zu gewinnen, der wird zuletzt ein böses Geschäft machen.“
„Lass Christum deine Weisheit sein, so wärst du solcher Weisheit voll! Der Witz muss tüchtig beschnitten werden, ehe er Segen stiften kann. Ich habe seine Wirkungen kennen gelernt, obgleich ich nicht behaupten kann, selbst davon viel besessen zu haben. Aber das habe ich erfahren: ist er nicht geheiligt, so gleicht er dem Schwert in der Hand eines Wahnwitzigen. Er wird missbraucht zu losem Geschwätz, törichten Späßen und zur Verspottung solcher Personen, welche schwächer sind als wir selbst; ja oft verleitet er den Menschen, mit Gottes hochheiligem Worte Scherz zu treiben.“
„Wenn ich in Kürze dahin fahren werde, wo die Zeit aufhört, wo weder Glockenton noch Hahnenschrei an der Stunden flüchtigen Lauf mehr gemahnen, dann verzage nicht, sondern lege dein Haupt an die Brust dessen, der dich behüten kann, weil er über den Wogen thront.“
3. Daniel Burgess.
1645-1713.
Der Name Daniel Burgess begegnet uns in der Regel nur in allerhand kurzweiligen Geschichten; das ist jedoch nur ein neues Beispiel dafür, wie ein würdiger Mann dazu kommen kann, in den Ruf der Lächerlichkeit zu geraten. Er war Dissenter und ein Mann von großer Kühnheit, freimütiger Sprache und einer eigentümlichen, anziehenden Predigtweise; daher ist es nicht zu verwundern, wenn er von übelgesinnten Menschen zum Lustigmacher gestempelt worden ist. Es gab damals noch kein Gesetz zum Schutz der Dissenter, oder wenigstens fand sich kein Beamter, der bereit gewesen wäre, es zu handhaben. Daher hatten Burgess und seine Gemeinde allerlei nichtswürdige Plackereien von Seiten gemeiner Menschen zu erdulden. Als man ihn aber dazu drängen wollte, die Störenfriede zu verklagen, gab er nur zur Antwort: „Nein, ich habe ihnen von Herzen vergeben und werde niemals auf Rache sinnen.“ Solche Worte kommen nicht aus dem Munde eines Possenreißers.
Seine Zuhörer erwarben für ihn ein Versammlungs-Haus in der Brydges-Street, Covent Garden, wo sich jederzeit eine sehr zahlreiche Versammlung einfand. Ein Biograph sagt: „Da sich dasselbe in der Nachbarschaft des Theaters befand und in seiner Umgebung viele gottlose Narren wohnten, welchen Sünde und Religion zum Gespött geworden war, so befanden sich unter seinen Zuhörern häufig solche, welche nur kamen, um sich über Religion, Dissenter und Daniel Burgess lustig zu machen. Vermöge seines unerschrockenen Mutes, seines beißenden Witzes und seiner schlagfertigen Beredsamkeit wusste er sich gerade diesen Umstand trefflich zu Nutze zu machen. Denn oft richtete er seine Augen direkt auf jene Spötter und redete sie persönlich in lebhaften, ernsten, durchbohrenden Worten an, so dass er das gesegnete Werkzeug zur Bekehrung manch eines Menschen wurde, welcher nur gekommen war, um ihn zu verhöhnen!“
Dreißig Jahre lang war er Pastor seiner Gemeinde, während welcher Zeit man in der Carey-Straße ein neues Gotteshaus erbaute. Dasselbe wurde durch Sacheverells4) Pöbelhausen gänzlich zerstört, und auf Kosten der Regierung wieder aufgebaut. Jedoch belästigten die Ausgaben und Unruhen, welche man ihnen verursachte, die Gemeinde im höchsten Grade. Er starb im Januar 1713, im 68. Jahre seines Lebens, und wurde in St. Clement Danes-Strand begraben. Ein Schriftsteller sagt: „Es ist seinen Biographen entgangen, dass der berühmte Lord Bolingbroke einst sein Zögling war; die Welt hat alle Ursache zu bedauern, dass Seine Herrlichkeit eins nicht gelernt hat, was Daniel Burgess ihn wohl hätte lehren können. Denn dieser war, trotz all seiner Schnurren, welche ihn so manches Jahr zur Zielscheibe eines Swift, Steele und anderer Witzbolde jener Zeit gemacht haben, doch ein Mann von echter, aufrichtiger Frömmigkeit.“
Eine Geschichte wird von ihm erzählt, welche wohl wahr sein könnte; doch wissen wir's nicht bestimmt. Er predigte einst über das Kleid der Gerechtigkeit und sagte: „Wer von euch einen guten und billigen Anzug haben will, der geht wohl nach der Monmouth-Straße. Will er einen Anzug auf Lebenszeit haben, so geht er auf das Kanzleigericht, da bekommt er einen Prozess auf den Leib geschneidert, woran er sein Lebtage zu tragen hat5). Wollt ihr aber ein Gewand für die Ewigkeit, so müsst ihr zu Jesu Christo gehen, und das Kleid seiner Gerechtigkeit anlegen.“ Wahrscheinlich ist aber das Zitat zusammengestoppelt. Der Leser mag's cum grano salis nehmen.
Obschon sich die gottlosen Witzlinge damaliger Zeit in der Erfindung alberner Geschichten über Burgess gefielen, so ist doch für jeden unparteiischen Beurteiler so viel klar, dass er ein bedeutender Mann von tiefer Frömmigkeit gewesen sein muss. Denn als die „Gesellschaft zur Verbesserung der Sitten“ gestiftet ward, wurde kein anderer, als er ausersehen, um die erste Predigt zu halten. Sie erschien im Druck unter dem Titel: „Güldene Lichtputzschere“ und kann als schlagender Beweis dafür dienen, wie der treffliche Mann verunglimpft worden ist. Denn eine Rezension erklärt, sie „wimmele von erzwungenen Wortwitzen.“ Wir haben sie uns verschafft, können aber auch nicht ein einziges Wortspiel darin finden, ja kaum etwas, was sich als besondere Seltsamkeit anführen ließe höchstens die folgende Stelle: „Christi Diener sind die Ärzte eurer Seelen. Wir sind keine Musikanten, um euch die Ohren zu kitzeln; auch keine Zuckerbäcker, um euch den Gaumen zu letzen; sondern Ärzte, die eure Krankheiten heilen sollen. Und wenn euch auch unsere unentbehrlichsten Arzneimittel widerwärtig sind, so dürfen wir sie euch drum doch nicht vorenthalten, um euch mit süßem Gift aufzuwarten.“ Jener Rezensent hat diese Predigt ganz gewiss mit keinem Auge gesehen, sondern hat bloß nach dem Titel darüber geurteilt. Die allererste Wahl eines Predigers seitens einer Gesellschaft, welche über die hervorragendsten geistlichen Kräfte verfügte, würde wohl schwerlich auf einen bloßen Spaßmacher gefallen sein!
Der klarste Beweis aber dafür, dass Daniel Burgess ein trefflicher und gediegener Mann gewesen sein muss, liegt für uns in den drei Tatsachen, dass seine Zeitgenossen ihn für würdig hielten, um ihm in der Reihe der berühmten „Morgen-Andachten“6) auch eine Predigt zu übertragen; dass ferner ein so ausgezeichneter Mann, wie Dr. Bates, ihn hoch verehrte; dass endlich Matthew Henry ihm eine Gedächtnis-Predigt hielt, worin seine populäre Redeweise hervorgehoben und gebührend gewürdigt wird. Ein Auszug aus derselben möge diesen kurzen Abriss beschließen:
„Er hat oft gesagt, er wolle lieber wirksam, als fein predigen, obschon er glaube, dass es ihm vielmehr Geistesmühe koste, einfach, als wie anderen, fein zu sein. Er wolle gern ungewöhnliche Wege einschlagen, um die Sünder zu treffen und zu überreden, sich zu Gott zu bekehren. Der beste Schlüssel sei derjenige, welcher ins Schloss passe und die Tür aufschließe - er brauche dann nicht von Silber oder Gold zu sein. Viele haben bekannt, dass sie zuerst in keiner anderen Absicht zu ihm gegangen sind, als um ihn zu verspotten, und ihren Scherz mit seinen Worten zu treiben; dass sie aber mit einem so tiefen Einblick in den Zustand ihrer Seele und in die Geheimnisse einer anderen Welt fortgegangen seien, dass, wie sie hoffen dürften, eine glückliche Sinnesänderung der schließliche Erfolg gewesen sei.“
„In seinen Predigten behandelte er vorwiegend die wichtigsten, allen wahren Christen gemeinsamen Grundlehren des Glaubens, und ein kompetenter Beurteiler sagt mir, dass er dieselben so trefflich und so überzeugend klar darzustellen verstand, wie nur irgendeiner, den er je gehört. Sehr oft beklagte er das Wachstum des Deismus und des Unglaubens unter uns, und legte kräftiges Zeugnis dagegen ab, indem er sagte: er hege alle Furcht vor einem „Christentum ohne Christum.“ Mit Parteiangelegenheiten und aussichtslosen Streitigkeiten befasste er sich jedoch grundsätzlich nicht, sondern ließ seine einzige Passion die sein, die Leute zum Glauben an Jesum Christum zu führen und selbst sein Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit zu führen. Mit ganz besonderer Sorgfalt legte er die zwei Testamente, vom Gesetz und von der Gnade, aus und warnte vor den beiden Klippen des geistlichen Hochmuts und der Verzagtheit. Hin und wieder wandte er auch einfache Gleichnisse und überraschende Redewendungen an, auch kleine Erzählungen von der Art, wie man sie in Bischof Latimers Predigten in großer Menge findet. Dies letztere haben ihm manche zum Vorwurf gemacht; aber sicherlich sind ihm auch viele Geschichten boshafter Weise angedichtet worden. Das waren nichtswürdige Lügen, vom Lügengeist in der Absicht eingegeben, um seiner ausgezeichneten Wirksamkeit entgegen zu arbeiten. Es war gar nichts Ungewöhnliches, dass eine Menge Personen ihn wissentlich falsch schilderten, eine Neigung, in welcher ein höchst bedauerlicher Widerwille gegen ernste Gottseligkeit zu Tage trat. Ein Herr war einst aus reiner Neugierde hingegangen, um ihn zu hören; nachher wollte er durchaus nicht glauben, dass es Daniel Burgess gewesen sei, denn eine bessere Predigt (meinte er) habe er in seinem ganzen Leben noch nicht gehört.“
4. John Berridge.
1716-1793.
John Berridge, Landpfarrer zu Everton, ist von John Wesley als einer der einfältigsten und zugleich gefühlsinnigsten aller jener Männer gepriesen worden, deren sich Gottes Gnade als Werkzeuge bedient hat, um lebendiges Christentum zu erwecken. Er war ein Mann von ausgezeichneter Gelehrsamkeit; nicht nur war er mit den gelehrten Sprachen so vertraut, wie mit seiner Muttersprache, sondern er besaß auch eine gründliche theologische, logische, mathematische und metaphysische Bildung. Es findet also sein exzentrisches Wesen nicht etwa darin seine Erklärung, dass er ein Dummkopf gewesen wäre. Durch einen ungewöhnlich klaren Verstand, schnelle Auffassungsgabe, durchdringenden Scharfsinn, glänzende Phantasie übertraf er die meisten. Dabei rann eine Ader harmlosen Humors durch alle seine öffentlichen und privaten Reden. Sein Biograph sagt, dass dieser Umstand den (so zu sagen) strengen Ernst der Religion milderte, und seine Gesellschaft selbst für Personen von minder strengen Ansichten angenehm machte. Doch fügt er hinzu: „Es ist sehr merkwürdig, dass derselbe niemals seine eigene Ernsthaftigkeit zu stören vermochte; er selbst verzog keine Miene, auch wenn andere sich vor Lachen ausschütten wollten.“
Vor seiner Bekehrung hielt er reine Moralpredigten; aber nachdem er vom Heiligen Geist berufen worden, eiferte er für die Lehre von der freien Gnade und predigte das Evangelium in seiner allerlautersten Gestalt. Im Amte war er die Treue selbst: er durchreiste beständig die Grafschaften Cambridge, Bedford, Hertford und Huntingdon und hielt durchschnittlich 10-12 Predigten in der Woche, wobei er von Ort zu Ort ritt. An einen Freund schrieb er: „Ich glaube, einem Londoner oder Bather Theologen würden meine wöchentlichen Rundreisen ebenso wenig behagen, wie einem verweichlichten Pastor, welcher sein liebes Ich am liebsten in Watte packen möchte. Lange Reittouren auf kotigen Wegen bei Wind und Wetter ungemütliche Wirtshäuser mit dürftiger Heizung - drei, vier Kinder um dich herum schreiend und lärmend gemeine Kost und kärgliches Getränk die Betten erbärmlich gemacht und die Decken so steif wie Bretter! Um fünf Uhr morgens heraus und predigen, um sieben Uhr zum Frühstück Tee, der ekelhaft duftet - um acht Uhr zu Pferde mit ewig ungeputzten Stiefeln - und endlich nach Hause, voll Lob und Dank für alle erfahrene Barmherzigkeit.“
Als einst eine Beschwerde gegen ihn erhoben worden war, ließ ihn der Bischof kommen und verwies es ihm, dass er zu allen Stunden und alle Tage predigte. „Hochwürdiger Herr Bischof,“ wandte er ein, ich predige nur zweimal.“ „Und wann, Herr Pfarrer?“ „Zur Zeit und zur Unzeit, hochwürdiger Herr Bischof.“
Die religiöse Erweckung, welche eine Folge seiner Wirksamkeit war, ist bemerkenswert sowohl wegen ihrer Tiefe und Dauer, als auch wegen der Verfolgungen, welche sie über sein eigenes Haupt heraufbeschwor. Die Geistlichkeit und der Landadel machten gegen ihn mit dem niedrigsten Pöbel gemeinsame Sache. Zwanzig bis dreißig Jahre lang nannte man ihn nie anders, als den „alten Teufel.“ Doch das alles rührte ihn nicht im geringsten. Denn andererseits harrten seiner große Volkshaufen, wo er nur erschien; seine eigene Kirche war fast buchstäblich bis unter das Dach vollgepfropft: denn man erzählt von Leuten, die hinaufkletterten, um sich auf die Querbalken des Dachstuhls zu setzen; die Fenster waren in- und auswendig, ja selbst die Kanzeltreppe bis oben hinauf besetzt, so dass man Berridge förmlich erdrücken zu wollen schien. Ein Wunder war es freilich nicht, wenn sich das Volk so zu ihm drängte. Denn seine Rede verband mit durchdringendem Ernst die populärste Einfalt, so dass jeder Bauersmann mit Genuss das Evangelium in einer Zunge predigen hörte, welche er verstand, und mit einem Feuer, dem er nicht zu widerstehen vermochte.
Seine Predigten, welche nicht nach dem herkömmlichen Zuschnitt waren, hielt er häufig fast aus dem Stegreif. Er erklärte selbst, dass er auf der Kanzel sich oft fast außer Stande fühle, mit seinen Gedanken bei der Sache zu bleiben, und sich wie ein „Haubenstock mit einer Perücke“ vorkomme. Seine Zuhörer hatten diesen Eindruck jedoch nicht, wurden vielmehr durch seine Worte zu glühender Begeisterung hingerissen. Als er einst die Kanzeltreppe zu Tottenham, Court Road, hinaufging, schien ihn sein Gedächtnis im Stich zu lassen. Daher begann er seine Predigt mit folgenden Worten: „Als ich mich gestern Abend auf den Weg hierher machte, nahm ich einen Beutel voll des schönsten Weizenbrotes mit, welches ich euch vorsetzen wollte. Auf der Kanzeltreppe riss mir aber der Boden aus dem Beutel, und nun habe ich weiter nichts für euch, als fünf Gerstenbrote und ein wenig Fischlein. Die sollt ihr nun aber auch heiß aus dem Ofen haben, und Gott gebe, dass sie eine zuträgliche Speise für eure Seelen sind.“
Er hatte eine laute Stimme, beherrschte sie aber vollkommen. Oft waren 10-15.000 Menschen auf freiem Felde um ihn versammelt - aber alle hörten und verstanden ihn. Zwanzig Meilen weit kamen oft Leute daher, um ihn zu hören; sie trafen schon um 7 Uhr früh in Everton ein, waren also bald nach Mitternacht von Hause aufgebrochen. In den ersten Jahren seiner Amtsführung wurde er oft Zeuge außergewöhnlicher Szenen, indem die Erweckungen einen ähnlichen Charakter annahmen, wie etliche Jahre vorher in einigen Teilen des nördlichen Irlands: sie traten nämlich in Begleitung körperlicher Wirkungen auf. Die Erscheinungen dieser Art waren wohl sehr eigentümlich, doch müssen wir gestehen, wir haben kein rechtes Vertrauen zu ihrem geistlichen Charakter und bedauern, dass sie vorgekommen sind. Nachdem sie eine Zeitlang angehalten, verloren sich übrigens das Geschrei und die Zuckungen, und das Werk schritt stetig und in geordneter Weise vorwärts. Inmitten aller Aufregung verlor jedoch Berridge niemals den Kopf, wurde niemals fanatisch, noch über das Maß exaltiert, sondern blieb einer der demütigsten und natürlichsten Menschen.
Seine Redeweise war zweifelsohne sehr eigentümlich und durchaus originell. In einem Briefe schreibt er: „Ich bin auf Rekrutenwerbung für Herrn Venn in Godmanchester gewesen, einer volkreichen und gottlosen Stadt nahe bei Huntingdon, und fand geduldiges Gehör bei einer zahlreichen Zuhörerschaft. Ich hoffe, er selbst soll nun auch nächstens ein paar Scheunen einweihen und darin predigen, um seine Hürde in Yelling7) etwas zu füllen. Grund genug ist wahrhaftig dazu da, wo so viele Menschen aus Mangel an Erkenntnis verloren gehen. Ist denn eine grillenhafte Wohlanständigkeit wichtiger, als die Rettung der Menschen? Müssen die Sünder scharenweise zur Hölle fahren, nur damit wir uns keinerlei Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen lassen? Ungebundenheit schlimmster Art zieht ungestraft durchs ganze Land und eine Ungebundenheit edelster Art sollte nicht ungerügt davonkommen? Ich sagte zu dem lieben Bruder, er solle nur nicht bange sein, dass man ihn als Schafdieb verklatsche; er habe ja den Schafen nur gepfiffen, um sie auf eine bessere Weide zu führen, und habe es weder auf ihr Fleisch, noch ihr Vlies abgesehen. Ich glaube auch, er kann kaum noch viel tiefer in der Achtung der Leute sinken, denn er hat sein Ansehen mit allen Ehren dadurch verloren, dass er das lautere Evangelium verkündigt hat. Die hämische Welt macht zwischen uns beiden keinen größeren Unterschied, als zwischen Satan und Beelzebub. Wir sind schon alle beide mit Hörnern und Klauen ausgestattet - bloß dass man mich für den unverschämteren Teufel hält.“
Berridge ließ sich wenig dadurch anfechten, wenn die gottlose Welt ihn ebenso behandelte, wie seinen Meister. Er verlangte nichts weiter, als diejenigen selig zu machen, welche ihn zu schmähen beliebten.. Seine Werke sind uns durch den Druck zugänglich geworden. Alles, was wir von seinem Leben wissen, findet sich unter den Nachrichten, welche jenen vorausgeschickt sind. Wir haben also keine Veranlassung, näher darauf einzugehen.
5. Rowland Hill.
1744-1833.
Es liegt nicht in unserer Absicht, eine Lebensgeschichte Rowland Hills zu schreiben; wir wollen nur die äußeren Umrisse einer einfachen Skizze, und zwar vom exzentrischen Gesichtspunkte aus, zeichnen. Als Prediger war Rowland Hill der Sohn von John Berridge, dessen Kirche er als Student von Cambridge aus zu besuchen pflegte: allsonntäglich ritt er nach Everton hinüber, um ihn zu hören. Von diesem Veteranen lernte er ohne Zweifel die Freiheit und Einfachheit der Sprache, welche ihn immer auszeichnete. Er verkehrte auch viel mit John Stittle, einem von Berridges Bekehrten, einem ganz eigenartigen Manne, welcher viele Jahre hindurch zu Cambridge, Green Street, predigte. Wie innig sie befreundet waren, kann man aus folgender Geschichte schließen, welche William Jones mitteilt: „Als Hill einst auf dem Wege nach Duxford war, um für die Missionsgesellschaft zu predigen, rief er plötzlich aus: „Ich muss nach Cambridge, und die Witwe eines alten Geistlichen besuchen, welche dort lebt; ich muss ihr eine Botschaft auftragen.“ Man drang in ihn, nicht hinzugehen, doch blieb er fest bei seinem Vorsatz. Er brachte einige Zeit bei der ehrwürdigen Witwe zu, und erreichte Duxford kurz vor dem Abendgottesdienst. Als er seines Freundes Payne Haus betrat, sagte er: „Denke nur, nun habe ich meine Botschaft bei der alten Dame doch vergessen;“ und schien fest entschlossen, nach Cambridge zurückzukehren. Doch blieb er während der Kirche da, und als man ihn nun fragte, ob die Botschaft denn so wichtig wäre, antwortete er: „Jawohl, lieber Herr, ich wollte die alte Dame, welche bald in den Himmel kommt, bitten, Johnny Stittle zu grüßen und ihm zu sagen, ich hoffte, ihn bald wiederzusehen.“
Hills erste Predigten waren Wanderpredigten: er war glücklich, wenn er eine Kirche oder auch nur einen Betsaal hatte; jedoch ein Dorfanger, eine Scheune, ein Zimmer, ein Schuppen mussten wie's kam auch gut sein. Im Schoße des Überflusses ist er als Prediger nicht gehätschelt worden, ebenso wenig bildeten Vollblut-Aristokraten seine Umgebung, um ihn vor jedem Lufthauch aus den Regionen des gemeinen Lebens zu behüten. Er gab sich vielmehr recht gründlich mit dem Volke ab; dadurch ist er ein Volksmann geworden und bis an sein Ende geblieben. Doch verband er mit einer adligen Gesinnung, wie sie dem Geburtsadel immer eigen sein sollte, eine ungekünstelte Einfalt und herzliches Wohlwollen, wodurch er sich bei Personen aller Stände wert machte. Er war jeder Zoll ein Mann, dachte mit seinem eigenen Kopf und handelte ebenso - mit der Freiheit eines großen selbstgewissen Geistes, welcher nur zu den Füßen Jesu Christi sich beugt. Dabei war er in Tat und Wahrheit ein Kindesgemüt, ein Natanael, in welchem kein Falsch war, ungekünstelt, natürlich, durchsichtig, ohne alles gemachte Wesen, aufrichtig. Von einem Manne, der das Evangelium wohl kannte, sich aber zu fürchten schien, es offen zu predigen, sagte er: „Er predigt das Evangelium gerade so, wie ein Esel eine Distel frisst, sehr vorsichtig.“ Er selbst machte es gerade umgekehrt! -
Ein festes Predigtamt bekleidete er an Surrey-Chapel und in Wotton-under-Edge8). Er nannte sich scherzhaft „Oberpfarrer zu Surrey-Chapel, Landpfarrer zu Wotton und Hilfsprediger auf allen Feldern und Landstraßen in ganz England und Wales.“
Chapel wurde von vielen „das runde Haus“ genannt; diese Form sollte Hill gewählt haben, damit sich der Teufel nicht in irgendeiner Ecke verstecken könnte. Berridge beschreibt die Örtlichkeit als „einen der wüstesten Winkel von London, ein wahres Paradies für Höllengeister“. Es lag dicht bei dem Sammelplatz von Lord George Gordons protestantischen Raufbolden9), und war in mehr als einer Hinsicht ein übler Platz - umso mehr tat ihm das Evangelium not. Der geräumige Bau war der Mittelpunkt philanthropischer, pädagogischer, religiöser Werke jeglicher Art, und man würde schwerlich ein Gebäude finden, von welchem mehr wohltätige Einflüsse ausgegangen sind.
In Wotton lebte Hill, wie er sagte, in einem „paradiesischen Winkel“, sein Haus stand nahe bei dem Kirchlein, ringsum eine anmutige Landschaft. Er sagt von seinem Dorfe: „Als ich zuerst Gloucestershire kennen lernte, war dieser Ort voll roher Verfolger; seitdem sie mit dem Evangelium begnadigt worden, sind sie wunderbar sanft geworden.“ Wir haben den Ort mit großem Interesse besucht, und wurden auch auf den Fleck hingeführt, wo der teure alte Rowland zu sitzen, und mit dem Fernrohr die Leute zu beobachten pflegte, welche von den benachbarten Hügeln zur Kirche herabstiegen, um sie nachher durch Erwähnung dessen, was er gesehen, zu überraschen. Sowohl in London, wie auf dem Lande war er der allgemeine Wohltäter, und stand mit Leuten aller Art in Verbindung. In London konnte man ihn mit den Händen auf dem Rücken in die Schaufenster starren sehen; auf dem Lande waren die Hütten und die Kornfelder sein Studierzimmer. Ein Freund hat mir eine Anekdote erzählt, welche ich noch nicht gedruckt gesehen habe: Er hörte in Wotton von einer Frau, welche wegen ihrer Würste berühmt war. Er ließ sie rufen und kaufte sich einen Vorrat. „Nun gute Frau,“ fragte er, „wie kommt das, dass Ihr so schöne Wurst machen könnt?“ „Ja nun,“ antwortete sie, „ich denke mir, es ist eine Gabe Gottes.“ Hill schüttelte den Kopf und begann bald, seinen Handel zu bereuen, denn die Würste erfanden sich als verlegene Ware. Später erzählte er die Geschichte als ein Beispiel, wie die Menschen oft ihre schlechten Sachen durch heuchlerisches Geschwätz an den Mann zu bringen suchen, und als Beweis für die Tatsache, dass Fanatismus oft im Verein mit Schurkerei auftritt. „Eine Gabe Gottes,“ sagte er, „und doch taugt das Erzeugnis dieser herrlichen Gabe gar nichts.“ Wir teilen es mit als Beleg dafür, wie er jedem unbedeutenden Vorfall eine treffende Bedeutung abzugewinnen verstand.
Unser Freund Charlesworth vom Stockweller Waisenhause hat ein Leben Rowland Hills herausgegeben, welches nach unserem Urteil seine Vorgänger übertrifft, indem es ein vollständig ausgeführtes Lebensbild des trefflichen Mannes gibt. Da es leicht zu haben ist, so verweise ich unsere Leser darauf. Wir erinnern uns, einmal in einer Zeitschrift aus jenen Tagen einen Artikel gelesen zu haben, in welchem Rowland Hill ganz in demselben Stile verlästert wird, in welchem es heutzutage das Sonnabendsblatt („ The Saturday“) besorgt. Es war mir ein rechter Trost zu sehen, wie auch unsere Vorfahren von der Lästerzunge gestochen worden sind und ihr Gift überlebt haben. Es erhellt zwar aus vielen Aussprüchen zeitgenössischer Schriftsteller, namentlich von der Art jenes Biographen, welcher dadurch, dass er seinen Witz nur niedrig anschlägt, dem Mann recht eigentlich die Seele aus dem Leibe zu reißen unternommen hat - es erhellt zwar daraus, dass selbst viele ernste Personen ihn als einen guten Bruder ansahen, dessen Schwachheit man ja allerdings ertragen, aber doch gelinde rügen müsse. Jedoch diese Meinung teilen wir ganz und gar nicht. Er hat vielleicht seinem Humor zu viel freien Spielraum gestattet, das mag wohl sein; aber das war viel besser, als wenn er (was so viele tun!) ihn und seine anderen Fähigkeiten unter dem turmhohen Federbett eines bornierten Formalismus hätte ersticken wollen. Wenn wir unsere Brüder mit den langweiligen Gesichtern jeden Frohsinn verdammen hören, so fällt uns die Geschichte vom heiligen Dr. Durham ein, einem schottischen Theologen, welcher einen Kommentar zum Hohenlied Salomonis und zur Offenbarung geschrieben hat. Seine Biographen berichten, er sei zu aller Zeit so ernst gewesen, dass er sehr selten über etwas lächelte, noch seltener lachte.
Ob der Mann wohl Kinder gehabt hat? Wie mag er wohl als Vater gewesen sein? So lautet die Geschichte: „Der Pfarrer William Guthrie zu Finwick traf Durham kurz vor seiner letzten Krankheit in einer Familie nahe bei Glasgow, und da er ihn etwas trübsinnig fand, so suchte er ihn durch eine muntere, scherzende Unterhaltung zum Lächeln oder zum Lachen zu bringen. Durham war sehr unmutig über die harmlose Freiheit Guthries und mit sich selbst unzufrieden, dass er auch so heiter war. Hernach hielt Guthrie nach der löblichen Sitte jener Familie und auf ihren Wunsch ein Gebet, und zeigte dabei den größten Ernst, Sammlung und lebendige Andacht. Als er vom Gebet aufstand, umarmte Durham seinen Freund zärtlich und rief aus: „O William, du bist ein glücklicher Mann! Wenn ich so lustig gewesen wäre, wie du vor dem Gebet, so würde ich zwei Tage lang nicht wieder ernst werden und weder zum Gebet, noch zu einer anderen frommen Übung aufgelegt sein.“ Durch diesen Vorfall lernte aber Durham milder über seine lebhafteren Brüder urteilen. Möchte es manchem sauertöpfischen Griesgram ebenso gehen, wenn er zufällig dies Büchlein lesen sollte!
Hills Name hat einen lieblichen Klang im südlichen London, und wenn du von ohngefähr einen seiner alten Zuhörer triffst, wirst du mit Freuden wahrnehmen, wie sein Auge bei der bloßen Nennung seines Namens aufleuchtet. Er verstand es zu machen, dass Religion eine Wonne und der Gottesdienst eine Lust war, ja, dass noch jetzt die Erinnerung daran den Alten ein Quell der Herzensfreude geblieben ist, so oft sie sich die Tage ihrer Jugend ins Gedächtnis zurückrufen, wo Rowland Hill, der liebe gute alte Rowland Hill, wie sie ihn gern nennen, auf der Höhe seines Ruhmes stand.
6. Matthew Wilks.
1746-1829.
Was Rowland Hill auf der einen Seite der Themse war, das war auf der andern Seite Matthew Wilks. Derselbe kam 1775 nach London und John Berridge hatte Anteil an seiner Anstellung bei den Tabernakel-Kirchen, welche Whitefield gesammelt hatte. Er war eine gebietende Erscheinung, besaß große Schlagfertigkeit und ein besonderes eigenartiges Wesen; gleich anderen würdigen Männern ist er aber auch deshalb verleumdet worden, weil er eine humoristische Ader hatte. Das verschlägt wenig, da der treffliche Mann ganze Scharen zu Jesu geführt hat und ein treuer Hirte der Herde war, welche er zusammen brachte. Er war einer der Begründer der „Londoner Missions-Gesellschaft,“ des „Evangelischen Magazins,“ der „Irischen evangelischen Gesellschaft,“ der „Bibel-Gesellschaft“ und der „Religiösen Traktat-Gesellschaft“ („Religious Tract Society); wegen seiner großen praktischen Erfahrung wurde er zur Leitung aller möglichen christlichen Liebeswerke berufen.
Manch einen schnurrigen Ausspruch hat er getan; z. B. um den Text „seht zu, wie ihr vorsichtig wandelt“ recht klar auszulegen, beschrieb er eine Katze, wie sie oben auf einer mit Glasstücken belegten hohen Mauer dahinschreitet. Wir haben dieses Bild als lächerlich bezeichnen hören; können aber nichts Tadelnswertes darin finden. Beobachte einmal jemand eine Katze auf solchem Gange, und sage dann, ob es ein treffenderes Bild des vorsichtigen Wandels gibt. Eine andere Geschichte erscheint uns aber allerdings unwahrscheinlich; er soll einmal aus dem Text: „Let him that is upon the house top not come down“„ (Wer auf dem Dache ist, steige nicht hernieder) die vier Worte top (k) not come down („Kopfschleife herunter!“) herausgerissen und nun gegen einen damals üblichen Kopfputz geeifert haben. Dagegen hat uns ein Herr versichert, er habe ihn einmal eine kleine Waage emporhalten sehen, als er über den Text predigte: „Du bist auf einer Waage gewogen!“ Wir wollen unseren Gewährsmann nicht antasten; doch erscheint es uns wahrscheinlich, dass Wilks nicht wirklich eine Waage dagehabt, sondern dass er das Emporhalten der Waage und den Akt des Wiegens so anschaulich dargestellt hat, dass in späteren Jahren die Phantasie dem Gedächtnis zu Hilfe kommen und ihm eine wirkliche Waage und Gewichte vorspiegeln konnte.
Wilks' Predigt auf dem Jahresfest der Londoner Missionsgesellschaft machte ungeheuren Eindruck. Der Text war schon auffallend genug: „Die Kinder lesen Holz, so zünden die Väter das Feuer an, und die Weiber kneten den Teig, dass sie der Melecheth des Himmels Kuchen backen, und Trankopfer den fremden Göttern geben, dass sie mir Verdruss tun.“ Jer, 7, 18.
Als der Text vor einer überaus zahlreichen Versammlung verlesen war, schien sich in aller Augen das Befremden über die Wahl des Predigers auszuprägen. Er hatte jedoch noch nicht lange gesprochen, als das Gefühl des Befremdens dem reiner Freude wich, und alle überzeugt schienen, dass der Text zwar ungewöhnlich, aber keineswegs unpassend sei. Nachdem er die abgöttische Verehrung der Himmelskönigin, den inbrünstigen Eifer der Götzendiener und die dabei beteiligten Personen geschildert hatte, fuhr er fort: „Jetzt will ich dem einmal euer Liebeswerk gegenüberstellen, euren Eifer vergleichen, eure Gehilfen mustern!“ Diese Anwendung war wunderbar fein angelegt, wirkungsvoll durchgeführt und das Hören und Lesen desjenigen Teils, welcher sich auf die Gehilfen bezog, nämlich die Männer, Frauen und Kinder, gab die Anregung zur Gründung von Hilfsvereinen, welche jetzt wie ein Nez das ganze Land überziehen und zur Unterstützung des Werkes Jung und Alt, Arm und Reich verbinden. Einen so außerordentlichen Erfolg dürfte wohl selten eine einzelne Predigt gehabt haben. Jedoch auch abgesehen von dem Eindruck der gehaltenen Predigt, besitzt dieselbe sowohl rücksichtlich ihres Inhalts, wie der Form der Darstellung einen bedeutenden Wert.
Außer einer dürftigen, kleinen Denkschrift und wenigen skizzenhaften Predigtentwürfen ist nichts von all den großen und herrlichen Worten, die Wilks gesprochen, auf die Nachwelt gekommen. Auch die Geschichten, welche von ihm erzählt werden, charakterisieren ihn mehr als Menschen, denn als Prediger. Meinem ehrwürdigen Freunde, Herrn George Rogers, verdanke ich folgende Mitteilungen:
„Matthew Wilks war sehr komisch in seinem Äußern, seiner Stimme, seiner Sprache. Gerade wie Hill, war er klar in seinen evangelischen Betrachtungen, sehr wirksam und von verdienstvoller Popularität. Er hat mich oft besucht und mich gebeten, für ihn in „beiden Tabs10)“ (wie er sie nannte) zu predigen. Er sah streng aus, hatte aber ein weiches Herz. Folgende zwei Geschichten, welche ich für authentisch halte, habe ich von einem gemeinsamen Freunde von mir und Wilks mitgeteilt erhalten:
Als einst ein junger Mann der Londoner Missionsgesellschaft empfohlen worden war, und fast alle Direktoren sich gegen seine Aufnahme erklärten, fand er an Matthew Wilks einen entschiedenen Fürsprecher, und derselbe beharrte mit solchem Nachdruck auf seiner Meinung, dass die übrigen ihm vorwarfen, er sei herrschsüchtig. Sobald die Debatte zu Ende war, begab sich Wilks in das Zimmer, wo der Aufzunehmende der Entscheidung des Komitees harrte und sagte zu ihm: „Wohlan, junger Mann, Sie sind angenommen. Aber wenn ich nicht meinen herrschsüchtigen Kopf aufgesetzt hätte, wären Sie niemals hineingekommen!“ Dieser junge Mann war aber kein anderer, als John Williams, der Märtyrer von Erromanga. Ein Geistlicher aus dem Westen Englands besuchte Wilks und klagte ihm, dass er wegen einer Schuld in großer Gemütsbekümmernis sei. Wilks sagte: „Sie sind aber auch ein rechter Tor! Warum haben Sie Schulden gemacht!“
„Ja,“ erwiderte der andere, „es kam so ganz allmählich, ein Taler zum andern, ich konnte es nicht ändern; meine Frau war krank, mehrere Kinder starben, und das Einkommen ist sehr knapp.“ „Wie viel sind Sie schuldig?“
„Etwa siebenzig Pfund.11)“
„Sie sind ein rechter Tor! Nächsten Sonntag sollen Sie in Greenwich predigen.“
„Ach, ich bin zu niedergeschlagen!“
„Das schadet nichts, Sie müssen, und ich werde an den Herrn, bei welchem Sie speisen werden, ein paar Zeilen schreiben.“
Montag kam er wieder zu Wilks, und erzählte, der Herr, bei welchem er zu Mittag gegessen, habe ihm zehn Pfund gegeben. „Schön, sagte Wilks, aber ein Tor bleiben Sie doch, dass Sie Schulden gemacht haben.“ Damit zog er noch zehn Pfund heraus und meinte, er habe sie von einem andern Herrn für ihn erhalten. Da er bemerkte, wie gerührt jener war, setzte er hinzu: „Ein Tor sind und bleiben Sie aber doch!“ Nochmals zog er zehn Pfund heraus, nannte ihn heftiger als zuvor einen Toren, und fuhr so fort, ihm immer wieder zehn Pfund hinzulegen und ihn zu schelten, bis die siebenzig Pfund voll waren. Endlich sagte er: „Nun gehen Sie nach Hause und seien Sie nie wieder ein solcher Tor, der Schulden macht!“ Er bewies damit eine große Menschenkenntnis; denn er bewahrte dadurch den armen Mann davor, dass er über die große unerwartete Hilfe außer Fassung geriet.“
Doch konnte Wilks auch furchtbar streng sein, und namentlich, wenn er Zweifel an der Brauchbarkeit und Lauterkeit eines Kandidaten des Predigtamtes hegte, so kannte er kein Erbarmen. So hatte er einst einen jungen Menschen derartig drangsaliert und eingeschüchtert, dass er kaum eine einzige Frage zu beantworten wusste. „Junger Mann,“ sagte Wilks, „Sie werden niemals fürs geistliche Amt etwas taugen, Sie scheinen ja gar nichts zu wissen. Können Sie mir sagen, welches ist der Unterschied zwischen Moses und mir?“
„Na, na, na!“ warf der gutmütige Dr. Waugh dazwischen, welcher das junge Schlachtopfer gern erlösen wollte, solche Fragen dürfen Sie ihm aber auch nicht vorlegen. Doch mit Verlaub, ich werde Ihnen sagen, welcher Unterschied zwischen Ihnen und Moses ist: Moses war der sanftmütigste aller Menschenkinder!“12))
Erfinderischer und zugleich liebenswürdiger war die Art, wie er einem Amtsbruder zu einer Frau verhalf. Er schickte denselben zu der Dame ins Haus mit folgendem Briefchen: „Geehrtes Fräulein! Gestatten Sie, dass ich Ihnen meinen werten Freund, Herrn Pastor A., vorstelle.
Was 'ne rechte Katz' ist,
Die wittert, wo die Ratz' ist!
Ihr ergebener Matt. Wilks.“
Die Dame musste den Herrn bitten, ihr den Brief zu erklären, es entspann sich eine heitere Unterhaltung, man lernte sich gegenseitig bewundern und das Ende vom Liede war eine Hochzeit. So löste sich das Rätsel von „der Katze und der Ratze.“
Solcherlei Schnurren brauchen wir nicht gerade nachzumachen; übel wäre es dagegen nicht, wenn alle Geistlichen ebenso fleißig wie er die Bibel lesen wollten: er las sie viermal des Jahres sorgfältig durch. Auch war er sehr darauf bedacht, dass seine Compastoren und Hilfsprediger ein gutes Gehalt bezogen, während er selbst mit 200 Pfund13) zufrieden war, und davon verschenkte er noch die Hälfte. Er liebte die Armen und die Armen liebten ihn. Seine Gewalt über seine Gemeindeglieder war sehr bedeutend, denn sie hatte in der Liebe ihren Grund. Die gemeinen Leute hörten ihn gern, und unter ihnen hat er lange im Segen gewirkt. Die Arbeiten, welche er in Angriff nahm, haben Bestand gehabt, sonderlich die Vereine, welche er ins Leben gerufen hat. So hat der Herr seinem Werk Gelegenheit gegeben, die Feuerprobe der Zeit zu bestehen, und das ist eine harte Probe, in welcher schon manche anspruchsvolle Wirksamkeit in eitel Rauch aufgegangen ist. Man nenne ihn, wenn's sein muss, immerhin exzentrisch: unser Gebet zu dem Herrn soll sein, dass er uns ein wenig an dem Segen teilnehmen lasse, welcher auf den Werken von Matthew Wilks ruht. „Er fördere das Werk unserer Hände, ja, das Werk unserer Hände wolle er fördern!“
7. William Dawson.
1773-1841,
William Dawson, Landwirt und Methodistenprediger in Yorkshire, verdient es, zu den Exzentrischen gerechnet zu werden, jedoch nicht etwa wegen ausgedehnter Verwendung des Witzes in der Predigt. Grobe Lügen sind über ihn verbreitet worden; die gemeine Welt hat ihn so dargestellt, als wäre er der reine Komiker gewesen - allein ohne jegliche Veranlassung. Er verstand allerdings, treffend zu antworten; auch waren seine Predigten von einem leisen Humor angehaucht. Was ihn aber vorzüglich auszeichnet, war die wunderbare dramatische Gewalt, vermöge welcher er seinen Zuhörern alles lebendig und leibhaftig vor die Augen stellte und so die tiefsten Eindrücke hervorbrachte. Dr. Osborn teilt uns Folgendes mit: „Der Witz war nicht die spezifische Gabe Dawsons; vielmehr in der ungeheuren Lebendigkeit und in der Glut seiner Einbildungskraft, die eine unzweideutige Lehre und einen lauteren Charakter zur Grundlage hatte, darin lag die Wurzel seiner Kraft, und zwar welch' einer gewaltigen Kraft!“ In einer kurzen Skizze über Dawson von R. A. West lesen wir folgende Beschreibung seines äußeren Menschen, in welcher wir sofort das eigentümliche Ineinander von Landwirt und Prediger erkennen: „Zum ersten Mal hörte ich Dawson auf der Kanzel im Jahre 1828. Seine Erscheinung und sein Benehmen erschien mir ungeistlich. Zwar trug er einen schwarzen Rock und eine schwarze Weste, auch ein weißes Halstuch. Aber seine unteren Extremitäten steckten in groben wollenen Beinkleidern und er trug Stulpstiefeln, wie sie damals und noch jetzt zum Sonntags- und Markttagskostüm eines wohlhabenden englischen Landwirts gehören. Auf dem Wege zur Kanzel durchschritt er die Kirche mit schwerfälligem Gange, gerade als ob er über ein gepflügtes Ackerfeld dahinginge, beide Hände in den Hosentaschen, halb pfeifend, halb die Melodie eines guten alten methodistischen Liedes summend. Dessen war er sich aber offenbar selbst nicht bewusst, denn seine Augen hafteten träumerisch am Boden, und er schien gegen seine ganze Umgebung völlig abgeschlossen zu sein. So oft ich ihn später wiedergesehen habe, in dieser Haltung habe ich ihn nie wieder betroffen.“
Er war stets natürlich und bäuerlich. Der Geruch eines Feldes, das der Herr gesegnet hat, ruhte auf ihm und die Menge hatte ihre Freude daran, ihn zu hören. Mit welcher Gewalt er ihnen etwas vor die Augen malen konnte, sieht man aus Folgendem. Als er über die Rückkehr des verlorenen Sohnes predigte, hielt er plötzlich an, sah nach der Türe, und nachdem er ihn in seiner Verkommenheit geschildert, rief er fröhlich: „Da drüben kommt er angeschlürft! Macht Platz, macht Platz - da ist er!“ Und das war so packend, dass eine ganze Anzahl sich nach der Tür umdrehten, ja, dass einige dazu aufstanden, weil sie das Gefühl hatten, es müsse Jemand in dem beschriebenen Aufzuge zur Kirchtüre hereinkommen. In derselben Predigt gab er die Antwort des Vaters an den anderen Sohn, welcher zornig war und nicht hineingehen wollte, folgendermaßen wieder: „Gräme dich nur nicht; der Verlorene bekommt ja nur ein Kalb, der Verlorene bekommt nur ein paar Schutze, der Verlorene bekommt nur einen Ring und ein Kleid. Dir aber gehört alles, was ich habe!“ Einen ähnlichen Eindruck, wie durch jene Hindeutung nach der Tür, erzielte er in einer Predigt über das Zauberweib von Endor. Seine Schilderung ergriff die Phantasie dermaßen, dass bei den Worten: „tritt zurück - tritt zurück! da ist sie!“ verschiedene von den guten Leuten ihre Augen unwillkürlich auf den Fleck richteten, auf welchen er selbst herunter sah und mit dem Finger deutete, als ob sie im nächsten Augenblick aus dem Fußboden auftauchen und den Anwesenden sichtbar werden müsste.
In einer Predigt über Offenb. 6, 7-8 äußerte er sich gegen den Schluss, wie folgt: „Und da es das vierte Siegel auftat, hörte ich die Stimme des vierten Tiers sagen: Komm und siehe zu. Und ich sah und siehe ein fahles Pferd und der darauf saß, des Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Komm also her und sich die furchtbare Lage des verlorenen Sünders; mache die Augen auf und siehe es selbst. Da geht er hin auf dem breiten Wege des Verderbens - jeder Fußtritt führt ihn tiefer in die Sünde hinein jeder Atemzug mehrt sein Verderben - jeder Augenblick entfernt ihn weiter vom Himmel, näher hin zur Hölle! Weiter, immer weiter geht er, Tod und Hölle sind ihm auf den Fersen, schnell, unermüdlich verfolgen sie ihn! Mit flüchtigem, unhörbarem Huf setzt das fahle Ross und sein fahler Reiter dem Gottlosen, Unglückseligen nach. Sieh da, sieh da, sie kommen ihm näher, sie holen ihn ein!“ Bei diesen Worten saß die Versammlung so vollkommen regungslos, dass man das Ticken der Uhr deutlich in jedem Winkel der Kirche hören konnte. Jetzt hielt er plötzlich an mit einer Gebärde, wie nur er es vermochte, so dass gar keine Unterbrechung einzutreten schien. Er lehnte sich mit dem Ausdruck gespanntester Erwartung über die Kanzelbrüstung, und indem er seine durchdringenden Augen auf die, welche ihm zunächst saßen, heftete, fuhr er in einem fast geisterhaften Flüsterton fort: „Horch, horch, der schnelle Reiter naht und das Gericht folgt ihm - das ist sein rastloser Schritt horch!“ Jetzt ahmte er einen oder zwei Momente das Ticken des Pendels nach und rief dann mit Aufbietung seiner ganzen Stimme: „Herr, errette den Sünder, errette ihn! Der Tod packt ihn, die Hölle hinterdrein! Siehe da, sein langer Arm ist schon erhoben, das tödliche Geschoss schwingt er zum Wurf! O mein Gott, errette ihn, errette ihn! Denn wenn der Reiter den Unglückseligen einholt, wenn er seinen Streich nach ihm führt - nieder fällt er, rücklings stürzt er die Hölle hinter ihm, und indem er rücklings niederstürzt, blickt er nach oben und kreischt: verloren! verloren! verloren! Zeit verloren, Sonntage verloren, Kraft verloren, Seele verloren - Himmel verloren - alles verloren! verloren auf ewig! Rücklings stürzt er hin, alle seine Sünden hängen wie tausend Mühlsteine an seinem Halse und reißen ihn hinunter in den feurigen Abgrund! Komm und siehe zu! Herr, errette ihn! O mein Gott, errette ihn! Komm und siehe zu! - - Gepriesen sei Gott Reiter hat ihn noch nicht eingeholt, noch ist Zeit, noch ist Raum für den armen Sünder, noch kann er gerettet werden, noch ist er nicht in die Hölle hinuntergestürzt! - Kommt und seht zu! Euch haben Ross und Reiter noch nicht eingeholt, ihr habt vor euch noch eine angenehme Zeit, einen Tag des Heils! Kommt und seht zu! Gott der Vater lädt euch ein! Gott der Vater gebietet euch! Gott der Vater schwört, dass er kein Gefallen an eurem Tode habe, sondern dass ihr lebt! Jesus Christus kommt und sucht euch! Dreißig Jahre lang ist er umhergezogen, um euch zu erretten! Er stirbt am Kreuz; mit seinen ausgestreckten Armen ruft er: Kommt her zu mir, hier sollt ihr Ruhe finden! Wer an mich glaubt, der wird nimmermehr sterben!“ - Der Eindruck war so markerschütternd, dass zwei von den Anwesenden in Ohnmacht fielen und dass der Prediger all seinen Takt und seine Selbstbeherrschung zusammennehmen musste, um durch den Sturm hindurchzureiten, welchen seine eigene lebendige Darstellung heraufbeschworen hatte.
Aufregend müssen auch die Gottesdienste gewesen sein, wenn die Zuhörer vernehmlich auf seine Anreden antworteten. So als er einst die Gemeinde aufforderte, ihre Herzen dem Herrn zu geben, legte er die Hand auf die Brust, schlug die Augen zum Himmel empor und sprach: „Hier ist meines!“ Da rief eine Stimme von der Galerie: „Und meines auch, Billy!“
Als er zu Ancoats, Manchester, über Richter 8, 4: „Sie waren müde und jagten doch nach“ predigte, waren aller Augen voller Tränen. Als nun Pastor und Gemeinde im höchsten Stadium der Gefühlserregung standen und eine kleine Pause eintrat, schlug die Uhr zwölf. Das unterbrach die herrschende Stille, wie der Glockenton in einer durchwachten Nacht beim Scheiden des alten Jahres. Sofort richtete er seine Augen nach der Vorderseite der Galerie und als wäre die Uhr eine Person, sprach er zu ihr: „Rede du nur, Uhr, ich bin noch nicht fertig.“ Obschon von Seiten des Auditoriums schwerlich Jemand erwartete, dass er seine Rede mit dem Glockenschlage schließen würde, so hatte man doch ganz den Eindruck, als ob in allen eine enttäuschte Hoffnung wieder auflebte und einen sonnigen Schimmer auf jedes Antlitz zauberte.
William Dawson war ein selbständiger Mann. Als die Natur ihn bildete, wich sie von der Schablone ab; doch möchten wir wohl wünschen, sie hätte uns einen anderen seines Schlages wiedergegeben. Von seiner Schlagfertigkeit in witzigen Antworten zum Schluss noch ein Beispiel. Folgendes Gespräch fand zwischen Dawson und einem tadelsüchtigen Herrn statt: „Ich hatte gestern das Vergnügen, Sie zu hören.“ Dawson: „Hoffentlich haben Sie nicht nur gehört, sondern auch einen Segen gehabt.“
„Freilich! doch mag ich eigentlich solche Gebetsversammlungen am Schluss14) nicht leiden; sie zerstören nur die guten Eindrücke, welche man vielleicht anderweitig empfangen hat.“
O.: „Sie hätten sich nur dabei der Gemeinde anschließen sollen.“
„Ich war auf der Galerie, beugte mich über die Brüstung und habe alles gesehen. Aber ich konnte der Sache keinen Geschmack abgewinnen. Ich verlor sogar all den Segen, den ich von der Predigt empfangen hatte.“
O.: „Das ist aber auch sehr erklärlich.“
„Wieso?“
O.: „Sie sind aufs Dach gestiegen und haben dem Nachbar in den Schornstein hineingeschaut, um zu sehen, was für ein Feuer auf seinem Herde brennt: dabei haben Sie die Augen voll Rauch bekommen. Wären Sie durch die Tür und in das Zimmer gegangen, hätten Sie sich mit der Familie um den Herd des Hauses gesetzt, so hätten Sie die Wohltat des Feuers so gut, wie jene, genossen. So aber, lieber Herr, ist Ihnen der Rauch in die Augen geschlagen.“
8. Jakob Gruber.
1778-1850.
Als die Bevölkerung der Vereinigten Staaten noch spärlich und weitzerstreut war, hätten öffentliche Gottesdienste gar nicht abgehalten werden können, wenn nicht der Herr ein Geschlecht eifriger Wanderprediger erweckt hätte, welche schnell von einem Weiler, einer Ansiedelung zur andern zogen und durch ihren außerordentlichen Eifer das heilige Feuer in Brand erhielten. Wir denken dabei an eine Periode, welche etwa vor 100 Jahren beginnt und bis gegen 50 Jahre vor dem gegenwärtigen Zeitpunkt reicht. Die Männer dieser Zeit mussten notwendigerweise von starker Leibeskraft sein, sonst hätten sie die Beschwerden ihres unsteten Berufslebens nicht zu ertragen vermocht; aber sie waren auch zugleich von handfester Geistesart, und mussten es sein, weil die Leute, mit welchen sie zu tun hatten, derb angefasst werden wollten. Infolgedessen waren sie natürlich rau und ungehobelt - was hätten sie sonst anfangen sollen? Kann man auch mit einem Schermesser einen Urwald rasieren? Oft zeigen sie einen wilden Humor, daneben sind sie aber vom glühendsten Eifer beseelt. Jedenfalls bedurfte ihr Geist des freiesten Spielraums, wollten sie nicht unter der Last ihrer ungemütlichen und versuchlichen Lebensweise zusammenbrechen. Eins steht fest: das Werk, welches Gott ihnen befohlen, haben sie vollführt und Amerika als ein christliches, anstatt eines heidnischen Landes hinterlassen; das letztere hätte ohne ihre Bemühungen leicht der Fall sein können. Wir loben nicht alles, was sie getan haben; noch viel weniger wollen wir sie als Vorbilder aufstellen. Aber es erscheint uns nutzbringend, zu sehen, wie andre ihre Arbeit angegriffen haben; darum wollen wir von Jakob Gruber erzählen, einem Manne, von welchem seine Zeitgenossen gesagt haben: „Er ist ein Charakter, und nicht anderer Leute Nachtreter.“ Wir werden uns wesentlich darauf beschränken, Auszüge aus seiner Biographie von W. P. Strickland zu geben, welche hierzulande noch nicht bekannt ist. Dies Kapitel wird etwas länger ausfallen, da wir Gruber zugleich als Repräsentanten der amerikanischen Hinterwäldler-Evangelisten vorführen möchten.
„Im Anfange des laufenden Jahrhunderts tauchte am Sitz der Philadelphia-Konferenz ein junger Mann auf, welcher von der Überzeugung durchdrungen war, es sei sein Beruf zu predigen. Seine Eltern waren deutscher Abkunft und im lutherischen Glauben aufgewachsen. Die deutsch-protestantische Kirche hatte viele Jahre lang ausschließlich den religiösen Bedürfnissen der Umwohner Nahrung dargeboten. Diesem friedlichen Verhältnis machten zwei Methodistenprediger ein Ende, welche das Land in Bezirke einteilten, und weil sie beanspruchten, Nachfolger der Apostel zu sein, es für keinen Raub hielten, nach dem Beispiel jener das Land zu durchziehen und das Evangelium zu predigen, wo sie nur immer eine offene Tür fanden.
Ihre eigentümliche Art und Weise, der bewunderungswürdige Ernst ihrer Predigten erregte die Aufmerksamkeit des Volkes, sonderlich des jüngeren Teils; die Blockhäuser und Scheunen, wo sie auftraten, waren daher immer gedrängt voll Menschen.
„Der junge Gruber hörte diese Bezirksprediger mit Bewunderung und obgleich sie von den gesetzten und nüchternen Protestanten als wild und fanatisch ausgegeben wurden, fühlte er sich doch zu ihren Versammlungen eigentümlich hingezogen. Es wehte eine solche Glut in ihren Gebeten, solcher Eifer, solcher Ernst beseelte ihre Predigten, solche Gewalt lebte in ihren Gesängen, dass er vollständig bezaubert wurde und sich ihm die Gewissheit aufdrängte, er müsse sich bekehren. Seine Gebete um ein neues Herz wurden bald erhört und voller Freuden pilgerte er mit seinen Eltern nach dem Versammlungsort, um mit ihnen die methodistische Kirche zu besuchen.
„Damit der Leser eine zutreffende Vorstellung von dem religiösen Zustande jenes Landstrichs gewinne, geben, wir eine Schilderung wieder, wie sie Gruber selbst entworfen hat. Er sagt: „Die methodistischen Prediger kamen in die Nachbarschaft und hielten verschiedene Versammlungen ab. Als Erfolg ihrer Arbeit begann sich eine religiöse Erweckung zu zeigen; eine beträchtliche Anzahl von Personen wurden bekehrt und bekannten, dass sie Vergebung der Sünden erfahren hätten. Einige Gemeindeglieder der deutschen Kirche gingen zu ihrem alten Pastor und gaben ihm den Wunsch zu erkennen, etwas von dieser neuen Lehre zu hören. Auf ihre Fragen nach den Erfahrungen von der Sündenvergebung antwortete er: „Ich bin zwanzig Jahre lang Prediger gewesen, ich weiß nicht, ob mir meine Sünden vergeben sind; ich halte es überhaupt für unnötig, das zu wissen.“ Es erschien manchen gar nicht wunderbar, dass er sich über diesen Punkt in Unklarheit befand, da er häufig betrunken war. Eine alte Frau, Mitglied der deutschen Gemeinde, nahm einst an einer Erweckungs-Versammlung teil; als nun etliche anfingen, Gott zu preisen, dass er ihnen ihre Sünden vergeben habe, schüttelte sie bedächtig das Haupt und sagte: „Das ist nicht möglich; wenn die da hätten 160 Fragen beantworten müssen, wie ich, ehe ich in die Religion kam, so würden sie bald merken, dass das nicht so schnell geht.“
„Unter den ersten Wanderpredigern, welche Pennsylvanien um jene Zeit besuchten, war der exzentrische Valentin Cook. Er kam ganz frisch aus den Hörsälen der Universität Cokesbury und war vielleicht der erste Prediger der amerikanischen Methodistenkirche, welcher Universitäts-Bildung besaß. Als er daher erschien, erregte er allgemeine Aufmerksamkeit, zumal ihm der Ruf voranging, er besitze einen akademischen Grad. Die deutschen Protestanten hegten, wie verschiedene andere Kirchen, welche wir namhaft machen könnten, die Vorstellung, dass man ohne klassische Bildung zum Predigen unfähig sei. Infolgedessen hatte man vor Cook vielmehr Respekt, als vor seinen Kollegen. Seine Gelehrsamkeit schützte ihn jedoch durchaus nicht immer vor respektwidriger Behandlung, wie man aus Folgendem sieht: „Nachdem er einst einen ganzen Tag ohne Erquickung in einer Gegend gereist war, wo niemand ihn kannte, gelangte er am Abend an das Haus eines deutschen Ansiedlers und bat um Futter für sein Pferd und Speise für sich selbst. Da er ein großer, gefährlich aussehender Mensch war, so hielt ihn die am Spinnrade sitzende biedere Hausfrau für einen Irländer. Sie war über seine Erscheinung auch nichts weniger als beglückt, doch besorgte sie ihm auf Geheiß ihres Mannes ein Vesperbrot, dann setzte sie sich wieder an das Spinnrad, indem sie ihrem Mann mürrisch auf Deutsch zurief: „Wenn doch der Kerl am Essen ersticken wollte!“ Cook verzehrte das aufgetragene Mahl, bat um Erlaubnis, beten zu dürfen, und nachdem es ihm gestattet worden, kniete er nieder und sprach ein brünstiges deutsches Gebet: er bat den Herrn, die gütige Frau am Rade zu segnen, und ihr ein neues Herz zu schenken, damit sie auch freundlicher gegen Fremdlinge sein könnte. Solche direkte Heimzahlung war mehr als die Frau ertragen konnte: sie stand auf und voller Verdruss über ihren gottlosen Wunsch lief sie aus dem Hause.
„Wir erwähnen diese Vorfälle, damit der Leser eine Vorstellung davon erhält, in welcher Zeit der junge Gruber seine Laufbahn als Prediger antrat. Da er ein lebhafter Jüngling war, so wurde er bald aufgefordert, seine Gaben in öffentlichem Gebet und Ansprachen zu üben. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, so erhob sich auch hier ein Sturm von Verfolgungen, nicht nur von Seiten solcher, die außerhalb der Kirche und Familie standen, sondern auch von seinen eigenen Angehörigen. Vater, Mutter, Brüder, Schwestern erhoben sich wie auf Verabredung gegen den jungen Ermahner15) und nötigten ihn dadurch, seine Heimat zu verlassen, und anderswo ein günstigeres Feld aufzusuchen. Eifrigere Methodisten fassten dies alles nun ganz anders auf, als der junge Jakob erwartet hatte, und überzeugten ihn, dass es sichtlich ein Wink der Vorsehung sei, er solle alles verlassen und sich ganz ausschließlich dem Beruf eines Predigers widmen. Diese Auffassung sollte bald hernach zur Tat werden. Als er zu Fuß und allein nach der Stadt Lancaster seines Weges dahinschritt, begegnete er einem der Wanderprediger, welcher nach kurzer Unterredung ihn überzeugte, dass es seine Pflicht sei, Prediger zu werden, und ihn in einen benachbarten Bezirk schickte, um in eine Vakanz einzutreten. Demzufolge schaffte er sich ein Pferd an und begab sich auf seinen Posten.
„Da das Gebiet der Konferenz auch ungesunde Gegenden in sich schloss, so musste er darauf gefasst sein, von dem unerschrockenen Bischof Asbury auch in solche Landstriche geschickt zu werden, wenn auch nur, um seine Herzhaftigkeit auf die Probe zu stellen. Mancher junge Mann hat da auch nach nur einjährigem Dienst seinen Lauf vollendet; bei Gruber sollte dies jedoch nicht der Fall sein. Er hatte eine gewaltige Konstitution, einen eisernen Körperbau und konnte ein so ungewöhnliches Maß von Strapazen, Arbeiten und Mühsalen ertragen, dass selbst seine Amtsgenossen ihn bewundern mussten.
„Das zweite Amtsjahr brachte unser junger Reiseprediger in einer Gegend zu, wo weite wüste Strecken sich zwischen den Ansiedelungen ausdehnten; das führte neue Beschwerden mit sich. Doch ließ er sich durch nichts schrecken: er stieg auf die Berge, drang durch die Wälder, und suchte die Blockhäuser auf, welche hin und her zerstreut lagen, um den Insassen das Evangelium zu verkündigen. Hier arbeitete er unverdrossen mit Eifer und Hingebung. Durch seine feurigen Ansprachen wurden viele erweckt und bekehrt.
„An einem Orte innerhalb seines Wirkungskreises lebte ein Mann in großer, an Verzweiflung grenzender Gemütsbekümmernis. Er weinte viel und betete fast ohne Unterlass, aber fand keinerlei Trost. Gruber besuchte ihn, sprach lange mit ihm und wies ihn auf eine Reihe von Bibelsprüchen hin, welche auf seinen Fall passten. Trotzdem konnte er ihn nicht überzeugen, dass irgendwelche Verheißung ihm gelten könne, weil er glaubte, dass seine Gnadenfrist verstrichen, seine Hoffnung vernichtet sei. So entspann sich denn folgendes Zwiegespräch zwischen Gruber und dem verzweifelnden Manne: „Was wird aus Ihnen werden?“ „Ich gehe verloren.“ „Wohin kommen Sie denn?“ „In die Hölle.“ „Wenn Sie wirklich in die Hölle kommen, so werden Sie wohl ganz allein darin sitzen.“ „Wie meinen Sie das?“ „Genauso, wie ich's sage; denn wenn Sie weinend und betend in die Hölle kommen, so werden alle Teufel davonlaufen. Ich habe nie gelesen oder gehört, dass Jemand weinend und betend in die Hölle gekommen ist.“ Da erhellte ein Lächeln sein Antlitz, wie wenn die Sonne durch Wolken bricht. Fort war die Verzweiflung, und starke, freudige Hoffnung lebte in seiner Seele auf.
„Auf der nächsten Konferenz wurde Gruber nach dem Winchester-Bezirk geschickt. Ihn begleitete ein junger Amtsgenosse, Namens Richards. Dieser junge Mann beeinträchtigte selbst im höchsten Grade den Erfolg seiner Wirksamkeit durch die närrische Idee, er müsse, um den geistlichen Stand würdig zu repräsentieren, eine extra feierliche und heilige Amtsmiene ausstecken. Das „Sauer-sehen“, wie unser Heiland es an den Pharisäern rügte, war niemals ein Kennzeichen echter Geistlichkeit. Einer von den alten Predigern, welcher sich selbst überlebt hatte und immer nur bei der einen alten Leier blieb: „Ihr seid Sünder! Ihr seid Sünder!“ bemerkte gelegentlich, er möchte wohl wünschen, dass einige von den älteren Amtsbrüdern so feierlich wären, wie jener junge Mann. Bischof Asbury hörte die Bemerkung und antwortete lächelnd: „Bringen Sie aber auch Galle und Blut in Anschlag?“ Dabei fällt mir eine Antwort ein, welche einst ein leichtherziger, fröhlicher, talentvoller junger Geistlicher einer frommen Dame gab, als diese missbilligend zu ihm gesagt hatte: „Wenn Sie doch auch so ernsthaft sein wollten, wie Bruder C.!“ „Hoho, sagte der junge Bruder lachend, wenn's mich erst ebenso grimmig im Unterleibe zwackt, wie den, dann verspreche ich, ebenso ernsthaft dreinzuschauen.“
„Er war nun sechs Jahre in seinem Amte gewesen, und hatte so tüchtige Proben seiner Treue und seines Erfolges abgelegt, dass der treffliche Bischof Asbury ihn zu dem mehr verantwortlichen Beruf eines vorstehenden Ältesten für tauglich erachtete. So wurde er im Jahre 1807 zum Vorsteher des Greenbrier-Districts ernannt. Derselbe umfasste einen wilden Landstrich in Virginia, welcher für den unwirtlichsten im Gebiete der Baltimore-Konferenz galt. Nach seinen eigenen Worten hatte er „harte Arbeit, grobe Kost, schlechte Wege.“ Aber doch hatte er in Anbetracht dieser Widerwärtigkeiten zahlreich besuchte Versammlungen. Gegen Ende des Jahres wurden in jedem Bezirk Feldgottesdienste, sogenannte Camp Meetings, gehalten, wobei Hunderte sich bekehrten. In der Tat wäre auch in jenen Tagen ein solcher Gottesdienst ohne zahlreiche Bekehrungen und ohne starkes Wachstum der Kirche ein großes Wunder gewesen. Denn damals erschien schon eine einfache Vierteljahrs-Versammlung langweilig und nutzlos, wenn nicht wenigstens etliche bekehrt und für die Kirche gewonnen wurden, und man sich nicht zur Veranstaltung einer Erweckungs-Versammlung eines sogenannten Revivals, für das künftige Vierteljahr einigte. Bei Beschreibung solcher Camp-Meetings sagt Gruber: „Etliche waren ungehalten, dass bei denselben so viel wildes Feuer zu Tage trete, und nannten die Prediger die Feuer-Compagnie. Aber wir haben auch wärmendes und schmelzendes Feuer nötig, kein zahmes Feuerchen oder gemalte Flammen oder dergleichen.“
„Während seiner dreijährigen Arbeit in diesem Distrikt hatte er mancherlei Beschwerden zu überstehen. Bei der Beschreibung dieser Mühsale erzählt er: „Es war in einer sehr kalten Winternacht. Ich hielt einen Fußsteig für einen näheren Weg an mein Reiseziel, kam aber ganz aus der Richtung. So wanderte ich zwischen Bergen und Hügeln umher, und erstieg schließlich den Gipfel eines solchen, um zu sehen, ob ich nicht eine Lichtung entdecken, oder Hunde bellen oder Hähne krähen hören könnte alles umsonst. Nach Mitternacht ging der Mond auf; jetzt konnte ich meine Spur sehen, denn der Schnee lag knietief. Ich ging zurück, bis ich wieder auf den rechten Weg kam und erreichte mein Quartier zwischen vier und fünf Uhr morgens. Die Familie war in großer Angst und meinte, ich käme spät; ich fand vielmehr, dass es früh sei. Nachdem ich mich niedergelegt und ein wenig geschlafen hatte, stand ich auf, frühstückte, und begab mich auf meinen Tagemarch, um zwei Verabredungen nachzukommen.“
„Am Schlusse des ersten Jahres in diesem Distrikt hatte er eine Reihe von Arbeitsstätten, welche bis Baltimore reichte. Auf seinem Wege zu denselben musste er durch eine wilde Gebirgsgegend, durch welche nur ein unbedeutender Fußweg führte. Kein einziges Blockhaus war auf zwanzig Meilen in der Runde zu finden. Gegen zehn Uhr machte er sich auf den Weg ins Gebirge. Er hatte erst wenige Meilen zurückgelegt, als er den Fußsteig knietief mit Schnee bedeckt fand, so dass keine Spur davon zu sehen war. Er suchte sich zurecht zu finden, so gut es ging, und rückte vorwärts. Im Laufe des Tages fing es an zu regnen, wodurch die Reise noch unbehaglicher wurde. Endlich erreichte er den Cheatfluss, fand ihn aber bedeutend angeschwollen und in der Mitte mit Eis bedeckt. Als er mit großer Anstrengung das Eis erreicht hatte, stieg er vom Pferde, ließ dieses auf dasselbe hinaufspringen und stieg dann wieder auf. Zum Glück brach das Eis nicht und er kam wohlbehalten ans andere Ufer. Nun drang er vorwärts durch das Gehölz, bis ihn die Nacht überfiel, er den Weg verlor und sich im Walde verirrte. Der Regen, welcher fortwährend herniedergeströmt war, verwandelte sich in Schnee und der Wind blies fürchterlich. Überdies wurde es je länger desto kälter. Er wusste nicht mehr was anfangen, nur eins er betete. Die Nacht brachte er im Sattel zu. Durch das Tosen des Sturmes konnte er das Gebrüll des Panthers und das Heulen des Wolfes hören. Es war eine entsetzliche Nacht; aber endlich brach doch der Morgen an. Er fand seinen Weg und binnen kurzem gelangte er an die Behausung eines Freundes. Die Familie erschrak bei seinem Anblick, und war erstaunt, dass er eine so gefahrvolle Reise unternommen habe; man wisse nicht, ob schon jemals ein Mensch vor ihm im Winter jenes Stück Wildnis passiert habe. Weder Ross noch Reiter hatten seit ihrem Aufbruch auch nur einen Bissen gegen Strapazen abgehärtet und verspürten auch keinerlei nachteilige Folgen. Nachdem er sich durch Speis und Trank erquickt hatte, brach er nach dem Orte der Verabredung auf, dankbar, den überstandenen Gefahren entronnen zu sein.“
„Gruber teilt verschiedene Vorfälle mit, welche sich bei den Camp-Meetings ereigneten. Einst erschienen, so erzählt er, verschiedene freche Sünder, um für ihren Herrn, den Teufel, eine Lanze zu brechen. Aber unser Feldhauptmann Immanuel nahm sie gefangen und machte sie recht frei“. Ein edler, kräftiger Jüngling mit einnehmendem Äußern war traurig und in großer Betrübnis und fand keinen Trost. Da zog er eine große Pistole aus der Tasche, um sich zu verteidigen, falls jemand es wagen sollte, mit ihm von Religion zu reden. Er legte sie auf die Bank neben sich - da segnete ihn der Herr und verlieh ihm einen großen Sieg über seine Feinde.“
Gruber war furchtbar streng gegen alles weltliche Wesen; namentlich konnte er eitlen Kleiderputz nicht leiden, sondern griff ihn öffentlich an und verspottete ihn. In unserer putzsüchtigen Zeit könnte ein wenig heilsamer Spott dieser Art auch nicht schaden.
„Als er einmal irgendwo predigte, trat eine ungewöhnlich große Dame ein. Sobald er sie bemerkte, hielt er ein und sagte: „Macht Platz für die Dame; man sollte meinen, sie wäre groß genug, um gesehen zu werden, auch ohne den Federpusch auf ihrem Hute“!“ Nach einigen Tagen suchte die Dame Gruber auf und beklagte sich, dass er so grob gegen sie gewesen wäre. „Ei, Schwester,“ antwortete er, „waren Sie denn das? Bedaure, dass ich Sie nicht gekannt habe; denn Ihnen hätte ich etwas mehr Verstand zugetraut.“
„Einst machte es auf einem Camp-Meeting besondere Schwierigkeit, die Versammlung in Ruhe und Ordnung zu halten, da eine größere Anzahl jüngerer Personen außen umhergingen, in Gruppen zusammentraten und sich unterhielten. Der vorsitzende Älteste bat sie in sehr artigen und höflichen Worten, sich niederzusetzen. Aber Niemand schien es zu verstehen oder Lust zu haben, der Bitte nachzukommen. Das junge Volk hörte nicht hin, was man auch sagte, sondern spazierte und schwatzte weiter. Gruber war auch anwesend und ärgerte sich höchlichst. Er trat an das Redepult und donnerte heraus: „Herr Präsident, Sie haben die jungen Leute da „Herren“ und „Damen“ genannt, das haben sie nicht verstanden. Heda, Jungens (fuhr er fort, nach rechts hinüber deutend), kommt mal her, und setzt euch dahin, und ihr Mädchen, kommt her und setzt euch hierher auf die linke Seite!“ So ernst und bestimmt das auch klang, so war seine Art doch so komisch, dass sie auf einmal Acht gaben, lächelnd herankamen und sich niederließen.“
Bei uns würde diese Art von Anrede grob und beleidigend sein, auch schwerlich den beabsichtigten Erfolg haben. Doch Jakob Gruber kannte seine Leute und wusste sie zu nehmen. Es gibt ja Menschen, welchen eine höfliche Anrede geziert klingt, sie denken, sie habe nichts zu bedeuten, und lassen sie zum einen Ohr hinein, zum andern hinaus. Führt man aber eine offenherzige, derbe, gebieterische Sprache, so sehen sie, es ist Ernst, und folgen. Es hängt viel davon ab, was für Leute es sind, mit welchen wir zu tun haben; aber auch auf unser Alter und unsere Stellung kommt nicht wenig an. Ein junger Geistlicher z. B., der eben von der Universität käme, würde es sich keinesfalls erlauben dürfen, gleichaltrige Personen als „Jungen“ und „Mädchen“ anzureden. Aber ebenso wenig würde unsere wohlerzogene junge Welt es selbst dem ältesten Theologen verzeihen, wollte er sie in diesem Ton vermahnen. Für die Praxis wollen wir daraus lernen, jedes Ding so anzugreifen, wie es eben recht ist, und immer so zu reden, dass man hoffen kann, seinen Zweck zu erreichen. Die Furcht vor einem Verstoß gegen die Etikette sollte man ebenso gut vermeiden, wie eine ordinäre Ausdrucksweise, welche unnötigerweise Anstoß erregt. In eine solche Lage, wie sie Gruber zu so drastischem Vorgehen veranlasste, werden wir nun wohl voraussichtlich niemals kommen. Sollte es doch der Fall sein, so müssen wir all unsere Geistesgegenwart aufbieten; hoffentlich haben wir dann ebenso guten Erfolg, wie er.
Bei einem andern Camp-Meeting nahe bei Baltimore hatte bereits die Trompete das Zeichen zur Beendigung der Andacht in den Gebetsabteilungen gegeben, als einer, ungehalten darüber, dass er schon aufhören sollte, zu singen und zu beten fortfuhr. Da wurde Gruber ungeduldig und schrie mit lautester Stimme: „Recht so, liebe Brüder, blast alles Feuer aus.“ Derselbe Gedanke ist uns auch schon oft genug gekommen, wenn unweise Brüder weiterplapperten, nachdem der Geist des Gebets schon vollkommen erschöpft war. Lange Gebete und lange Ansprachen blasen das Feuer aus, welches sie anfachen sollen.
Grubers spätere Jahre waren mehr ruhig und still, aber es fehlte keineswegs an aufregenden Ereignissen. Die Sünder seiner Zeit waren ebenso exzentrisch, wie die Prediger, welche sie zu bekehren sich abmühten. Wenn sie von der Kanzel herab mit scharfen Waffen angegriffen wurden, so waren sie nicht faul, sich kräftig zu wehren. Gruber sagt: „Ich wurde noch ein zweites Jahr in den Dauphin-Bezirk gesandt. Außergewöhnliche Ereignisse fanden nicht statt, nur dass einige Schufte gemeinster Art unser Bethaus in Harrisburg in die Luft zu sprengen versuchten. Eines Sonntags stiegen sie des Nachts nach der Predigt durch ein Fenster hinein und legten Pulver mit einem Schwefelfaden unter die Kanzel. Es gab einen Knall, wie von einer Kanone und zertrümmerte die Kanzel und etliche Fensterscheiben. In kurzem war der Schade ausgebessert und wir fuhren mit unseren Versammlungen fort. Mein Kollege in diesem Jahr war ein armes Bürschchen, das für sein Leben gern eine gute Partie gemacht hätte. Er brachte es auch glücklich heraus, welche Mädchen reich waren; aber die Mädchen kamen dahinter, dass er faul war, und so geschah es, dass er mit der Seelenbekehrung wenig, mit dem Heiraten gar kein Glück hatte. Manche junge Herren denken sich, wenn sie erst eine Frau haben je eher, desto besser - so werden sie wie im Paradies leben; und manche junge Frauenzimmer bilden sich ein, wenn sie nur einen Pastor bekommen können, so werden sie mindestens einen Engel besitzen. Aber mancher und manche hat sich gründlich verrechnet!
„Beim Besuch der Konferenz in Philadelphia im Jahre 1830 wurde er dazu ausersehen, auf seiner alten Kanzel zu St. Georgen eine Predigt zu halten. Als Text nahm er Psalm 84, V. 5: „Wohl denen, die in deinem Hause wohnen, die loben dich immerdar.“ Da er noch immer eine unangenehme Erinnerung an die unfreundliche Behandlung hatte, welche ihm einst von Seiten einiger Glieder jener Gemeinde widerfahren war, und welche schon am Ende des ersten Jahres zu seiner Entfernung von da führte, so fühlte er sich veranlasst, dies seinen Zuhörern durch witzige und beißende Anspielungen zu verstehen zu geben. Er stellt das Thema auf: „Das Wesen derer, welche im Hause des Herrn wohnen,“ und zählte drei Merkmale auf:
1. Sie waren ein demütiges Volk, gern bereit, einen bescheidenen Platz im Hause Gottes einzunehmen, ja jeden beliebigen Platz, wenn sie nur in der Kirche verweilen durften. Es gab aber gewisse andere Leute, die waren so stolz und hochfahrend, dass sie in der Kirche wie einst König Saul um eines Hauptes Länge über alles Volk hervorragen wollten, sonst aber lieber gar nicht kamen, sondern sich an der Türe herumdrückten.
2. Sie waren ein genügsames Volk; wenn nicht alles genau passte, so nahmen sie es, wie's war und versuchten damit fertig zu werden, so gut es ging. Gewisse andere Leute sind aber so unruhig und ungeduldig, dass sie es in der Kirche gar nicht aushalten, geschweige denn darin wohnen können, sondern herein und herauslaufen, wodurch sie sich selbst und andere stören.
3. Sie waren ein zufriedenes Volk, fanden bei allem etwas Gutes heraus und waren dankbar dafür. Möchte wer da wollte ihr Pastor sein, immer würden sie etwas hören, was ihnen Belehrung und Ermunterung gewähren würde. Gewisse andere Leute sind aber gar nicht zufrieden zu stellen, sondern haben immerfort an ihrem Pastor etwas auszusetzen. Der eine predigt zu laut, der andere zu lange; der eine so grob und verschroben, der andere so prosaisch und langweilig, dass sie sich durchaus nicht erbauen und befriedigt fühlen können. Wenn die Menge, welche der Herr gesättigt hat, ebenso hätte sein wollen, wie diese Leute sind, so würden sie niemals satt geworden sein. Wenn der eine geschrien hätte: „Johannes, du sollst mir nichts geben, Petrus soll's tun“; und ein zweiter: „Andreas soll mir etwas geben, nicht Jakobus“; und wieder einer: „Ich will bloß Brot und keinen Fisch“; und noch einer: „Ich will bloß Fisch und kein Brot“ - wie hätte man sie satt machen wollen? Solche unzufriedene Menschenkinder können niemals im Hause Gottes wohnen; werden sie nicht hinausgejagt, so sterben sie draus weg - leben können sie nicht!“
„Obschon er in seinem Urteil über junge Geistliche manchmal recht streng war, so hegte er doch allezeit eine väterliche Zuneigung gegen sie und war nur darauf bedacht, ihre Fehler zu verbessern. Wir halten es aber doch für unrecht, wenn er einmal einen jungen Gelbschnabel, der den Methodismus angegriffen hatte, öffentlich züchtigte, indem er im Gebet sagte, der Herr möchte sein Herz ebenso würbe machen, wie seinen Kopf, das würde ihm ganz heilsam sein.
„Ein junger Geistlicher, welcher sehnlichst wünschte, sich in seiner Kanzelberedsamkeit zu vervollkommnen und großes Vertrauen zu Vater Gruber hatte, schrieb an ihn und bat um Rat. Nun hatte er die üble Angewohnheit, die Worte in die Länge zu ziehen, besonders wenn er in Eifer geriet. Da Gruber dies für den größten Fehler an seinen Predigten hielt, so schickte er ihm folgende lakonische Antwort:
„Lieber-äh! Bruder=äh! - Wenn-äh Sie-äh predigen-äh wollen-äh, so-äh nehmen-äh Sie-äh sich-äh in-äh Acht-äh, dass-äh Sie-äh nicht-äh äh-äh sagen-äh! Ihr-äh Jakob-äh Gruber-äh.“
„Am drolligsten fast und nicht wenig eindrücklich war's, wie er einmal einer ganzen Gemeinde eine Lektion erteilte. Es hatte nämlich in einer Kirche die Gemeinde die unschickliche Mode, bei einem bestimmten Teile des Gesanges der Kanzel den Rücken zuzuwenden. Eines Tages hielt Gruber den Gottesdienst und wie gewöhnlich machte die ganze Gemeinde auf einmal kehrt und präsentierte dem Pastor den Rücken. Sofort machte dieser auch kehrt und wies der Gemeinde seine Rückseite. Als nun nach dem Liede das Gebet folgen sollte, war die Gemeinde ganz erstaunt, als der Pastor abgewandt dastand und die Wand anstarrte. Der Wink war verständlich und die unschöne Sitte unterblieb.“
Das Lebensende Grubers beschreibt Martin folgendermaßen:
„Am Abend des 23. Mai wurde er plötzlich kränker, indem er mehrere Ohnmachten und Schwindelanfälle bekam. Er wurde allmählich schwächer und schwächer, bis 48 Stunden nachher das Ende erfolgte. Er fühlte, dass dasselbe mit Macht herannahe und seufzte nach einer seligen Erlösung. Er bat den Bruder Blake, wenn man bestimmt sähe, dass es zum Sterben ginge, so möchte er einige Brüder und Schwestern um sein Lager versammeln, um Zeuge zu sein, wie „glücklich geborgen“ er wäre. Bei seinem Scheiden sollten sie in vollem Chor das Lied singen: „Ich steh' an des Jordans stürmischem Strand.“
Einige Stunden vor seinem Tode fragte er Bruder Blake, ob er die Nacht noch überleben könnte; derselbe gab zur Antwort, er glaube es nicht. „So werde ich also,“ sprach er darauf, „morgen meinen ersten Sabbat im Himmel feiern den letzten Sabbat in der Kirche auf Erden, den ersten in der Kirche droben;“ und mit sichtlicher Bewegung fügte er hinzu:
„Wo immer und ewig der Sabbat währt,
Und nie die Gemeinde heimwärts kehrt.“
Als Bruder Blake nun merkte, dass es rasch zu Ende ging, ließ er seinem Wunsche entsprechend das erwählte Lied singen. Aber noch ehe es aus war, war sein Bewusstsein dahin. Der Gesang verstummte, eine Totenstille trat ein, nur von Zeit zu Zeit durch sein Röcheln unterbrochen. Ein überwältigendes Gefühl der Gegenwart Gottes ließ jedes Herz in heiliger Rührung zerschmelzen. Noch eine Minute, und sein seliger Geist schwang sich zur langersehnten Ruhestatt empor.“
Sollte jemand die persönlichen Eigenheiten eines solchen Mannes einem allzu strengen Gericht zu unterwerfen nicht umhin können, so möchten wir ihn doch dringend bitten, es erst einmal besser zu machen. Uns ist eins mehr als nur wahrscheinlich: wollten die Pastoren ihr Werk mit mehr Eifer treiben, so würden noch viel mehr sogenannte Exzentrizitäten zum Vorschein kommen. Denn diese sind gar oft nichts weiter, als ein Merkmal wahren Eifers, ein Beweis, dass der Mann beides ist, natürlich und voll energischen Lebens. Wenn ein Fischer mit einer seidenen Angelschnur und kunstvoll zurechtgemachtem Köder Fische zu fangen fertig bringt, nun gut, der danke seinem Schöpfer! Fängt er aber trotz seiner vorzüglicheren Gerätschaften doch nichts, so verrät er einen unerträglichen Hochmut, wenn er sich in absprechenden Urteilen über die Art und Weise solcher Amtsbrüder ergeht, welche als Menschenfischer mehr Glück haben, als er selbst. „Jeder auf seine Weise,“ ist ein trefflicher Grundsatz. Lasst doch Apollo fein und Petrus einfach sein! Sobald sie nur beide redlich, voll Gebetseifer und dem Evangelio treu sind, wird sie auch Gott alle beide segnen. Und daher würde es ihnen übel anstehen, wollten sie sich gegenseitig etwas am Zeuge flicken. Wir werden niemals zu irgendjemandem sagen: „Sei exzentrisch!“ Aber wenn er es ist und nun einmal nicht anders kann, so werden wir ebenso wenig sagen: „Sei nicht so exzentrisch!“ Der schiefe Turm zu Pisa verdankt ein gut Teil seiner Berühmtheit eben dem Umstande, dass er schief ist. Ist er nun auch kein vollkommenes Muster architektonischer Schönheit, so würden wir doch keineswegs dafür sein, ihn niederzureißen. Man kann zehn gegen eins wetten, wollte ein Baumeister einen zweiten schiefen Turm zu bauen versuchen, er würde nur eine ungeheure Ruine fertig bringen. Und deshalb wäre er kein glücklich gewähltes Vorbild. So aber steht er da, und wer möchte wünschen, dass er anders wäre? So diene auch du, lieber Bruder, dem Herrn mit deinen allerbesten Gaben, und suche es immer besser zu tun; was für Eigenheiten du dann auch an dir hast, die Gnade Gottes wird sich in dir verherrlichen!
9. Eduard Taylor.
1793-1871.
Wir wenden uns nun zu „Vater Taylor,“ dem Matrosenprediger von Boston. Das ist nicht der Vater Taylor von Kalifornien, letzterer ist ein jüngerer Mann; sondern Eduard Taylor, vom Bethelhause, derselbe, von welchem Charles Dickens in seinen „American Notes“ folgende Schilderung gibt: „Der einzige Geistliche, welchen ich in Boston gehört habe, war Taylor, welcher sich vorwiegend an die Seeleute heranmacht und welcher einst selbst Seemann gewesen ist. Seine Kapelle fand ich ganz unten am Hafen, in einer der alten, engen, am Wasser gelegenen Straßen: auf dem Dache flatterte eine blaue Fahne frei und lustig im Winde. Der Prediger war ein verwitterter, hässlicher Mann, 56-58 Jahre alt. Tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht; er hatte dunkles Haar und ein ernstes durchdringendes Auge. Dennoch war der Gesamteindruck seiner Persönlichkeit freundlich und angenehm. Sein Text lautete: „Wer ist die, die herauffährt von der Wüste und lehnt sich auf ihren Freund?“ Hohelied 8, 6.
„Er führte seinen Text nach allen Seiten aus und wendete ihn auf alle mögliche Weise an, aber immer geistreich und mit einer urwüchsigen Beredsamkeit, welche ganz dem Gesichtskreis der Zuhörer angepasst war. Wenn mein Eindruck mich nicht täuscht, so studierte er auch deren Neigungen und Erkenntnisvermögen eifriger, als die Kunst, seine Gaben zur Geltung zu bringen. Seine Bilder waren alle dem Meer und den Vorkommnissen des Seemannslebens entnommen und oft wunderbar treffend. Er erzählte ihnen von „jenem berühmten Manne, Lord Nelson“ und von Collingwood. Nichts war an den Haaren herbeigezogen, sondern er brachte es alles so einfach, ungesucht und natürlich, dass es seinem Zwecke diente und nicht wenig dazu beitrug, seine Rede in hohem Grade wirksam zu machen. Manchmal, wenn er von seinem Gegenstande hingerissen wurde, hatte er eine ganz eigentümliche Art an sich, seine große Quartbibel unter den Arm zu nehmen, und damit auf der Kanzel hin und her zu gehen, wobei er beständig mitten auf die Versammlung herabsah. So als er seinen Text auf die allererste Zusammenkunft seiner Zuhörer anwandte und die Verwunderung der Kirche schilderte über die Vermessenheit, mit welcher sie für sich eine Gemeinde zu bilden unternahmen: da machte er mit seiner Bibel unter dem Arm plötzlich halt, und fuhr in seiner Rede folgendermaßen fort:
„Wer sind denn die da? Wer sind sie? Was sind das für Burschen? Wo kommen sie her? Wo gehen sie hin? Ja, woher!? Wie lautet die Antwort? (Er bog sich weit über die Kanzel und deutete mit der rechten Hand abwärts) Von unten! (Er fuhr zurück und sah die Matrosen vor sich an) Von unten, liebe Brüder, heraus aus den Luken der Sünde, welche der böse Feind über euch zugeklappt hatte da kommt ihr her! (Ein paar Schritte hin und her) Und wo geht ihr hin? (Plötzlich stillstehend) Wo geht ihr hin? Hinauf! (Ganz sanft und aufwärts deutend) Hinauf! (lauter) Hinauf! (noch lauter) Da geht ihr hin, mit günstigem Winde, alle Segel prick und prall steuert ihr direkt los auf die Herrlichkeit des Himmels, wo es keine Stürme, keine widrigen Winde gibt, wo die Mutwilligen Niemanden mehr quälen und die Müden Ruhe finden dürfen. (Wieder ein paar Schritte) Da geht ihr hin, meine Freunde, dahin! Das ist der Ort, das ist der Hafen, das ist die Bergungsstätte! Ein gesegneter Port! Still ist's Wasser da, ob auch die Winde umsetzen und Ebbe und Flut wechseln mögen! Da treibt man nicht strandwärts auf die Klippen! Da reißt kein Ankertau, kein Schiff treibt in die offene See hinaus, da heißt's Friede, Friede, Friede, - eitel Friede! (Wieder ein paar Schritte, er nahm die Bibel unter den linken Arm) - Was? Diese Burschen kommen von der Wüste her? Wirklich? Ja! Von der grausigen, unfruchtbaren Wüste der Sünde, wo weiter nichts wächst, als der Tod! Aber lehnen sie sich denn nicht auf irgendetwas? Lehnen sie sich auf nichts, diese armen Matrosen? (Drei Schläge auf die Bibel) Doch ja! Jawohl! Sie lehnen sich auf den Arm ihres Freundes! (Wieder drei Schläge) Auf den Arm ihres Freundes! (Drei Schläge und ein Gang hin und her) Lotse, Leitstern, Kompass allzumal in einem, ist sie in aller Händen hierauf! (Drei Schläge) Hierauf!! Flink und flott stellen sie bei der Arbeit ihren Mann; drohen wilde Gefahren, furchtbare Nöte sie sind im Herzen fröhlich und unverzagt durch sie (zwei Schläge)! Darum finden sie Kraft, eben diese armen Matrosen finden die Kraft, aus der, Wüste herauszukommen, weil sie sich auf ihren Freund lehnen, darum fahren sie empor empor empor -“ bei jeder Wiederholung des Wortes hob er die Rechte höher und höher, so dass er schließlich mit weit emporgestreckter Hand dastand, wobei er sie mit eigentümlich verzückter Miene anschaute und das Buch triumphierend an die Brust drückte. Dann lenkte er allmählich zu einem andern Teile seiner Predigt über.“
Wir sind von Charles Dickens nicht so begeistert, um seinem Gutachten über einen Prediger irgendwelche gewichtige Beweiskraft auch in Bezug auf die erfolgreiche Tüchtigkeit des Mannes zuerkennen zu können. Jedoch was die Beurteilung der Lebendigkeit des Vortrages und der Energie des Ausdrucks angeht, da dürfte es wohl kaum einen zuverlässigeren Kritiker geben.
Taylor hielt seine erste ordentliche, offizielle Amtsrede vor einer methodistischen Vierteljahrs-Konferenz, welche berufen war, um seine Fähigkeiten zu prüfen. Man erzählt sich, dass er bei dieser Gelegenheit die Dreistigkeit gehabt habe, zum Text die Worte zu nehmen: „Bei dem Leben Pharaos, ihr seid Kundschafter.“ Indes sagt sein Biograph, obschon er dies Wort in der Predigt mit angebracht haben möge, so sei doch sein Text selbst bescheidener, wenn auch immer noch auffallend genug gewesen: „Ich bitte euch, lasst mich leben.“ Wie er hinzufügt, erkannten seine Richter, dass durch sein Feuer und seine Gaben die ihm anklebenden Mängel mehr als aufgewogen wurden und, seiner Bitte gemäß, „ließen sie ihn leben.“ Wir sehen gar nicht ein, was sie hätten anders tun können; denn keine Konferenz wäre stark genug gewesen, ihn tot zu machen.
Nachdem er einige Jahre als Reiseprediger gewirkt hatte, fand erst der Meister seine Werkstatt: Vater Taylor schlug in Boston seinen Wohnsitz als Pastor der methodistisch-bischöflichen Kirche auf, mit der ausdrücklichen Weisung, unter den Matrosen zu arbeiten. Seine Kapelle fasste anfänglich 500 Menschen und war sofort bis auf den letzten Platz gefüllt. Er begann im Jahre 1828 mit der ganzen Energie eines Erweckungspredigers, indem er oft viermal des Tages predigte. Es fiel ihm niemals ein, seine Redeweise zu polieren und dadurch ihre wirksamsten Seiten abzuschleifen. Er sprach, was sein Herz ihm eingab, und arbeitete so, wie der Heilige Geist ihn trieb. Er arbeitete für zwei, erntete aber auch zwiefältigen Segen. In kürzester Zeit empfand ganz Boston seine Geistesmacht; der Reichtum und die Bildung der Stadt lagen ihm ebenso wohl zu Füßen, wie ihre Armut und ihre Rohheit. Ein stattliches Bethaus wurde ihm erbaut, ein sehr geräumiger Bau, eine passende Stätte seiner Wirksamkeit; und sein seelenerweckender Dienst machte das „Bethelhaus“ berühmt in allen Landen.
Es war aber auch kein Wunder, dass besonders Matrosen, aber auch andere Klassen der Bevölkerung nach Verhältnis, in Scharen herbeiströmten, um Taylor zu hören. Denn derselbe war ein Mann von großer Menschenliebe, mannhaft, freimütig, rechtschaffen, kindlich und offenherzig, bei alledem von glühender Liebe zu Christo und den verlorenen Sündern erfüllt. Seine Predigt konnte niemals langweilig sein, bei einer so weißglühend heißen Natur war das schlechterdings unmöglich. Er sprach mit furchtbarem Erust und zwang die ringsum Sitzenden, auf seine Worte Acht zu geben. Allerdings was empfindsame Anstandsideen und delikate Höflichkeitsrücksichten betrifft, diese Zwangsjacke so vieler andern Redner, damit gab er sich nicht ab. Er sprach mit Matrosen, nicht zu nervenschwachen Zierpuppen; gegen jene „Söhne des Sebulon“16) erschloss und ergoss sich aber auch sein großes Herz in einer das Gemüt ansprechenden, lichterloh emporflammenden Beredsamkeit. Jemand, der ihn im Jahre 1835 hörte, äußert sich über ihn so: „Seine Beredsamkeit war wunderbar; seine Herrschaft über die Zuhörerschaft schien absolut. Tränen und Lächeln wechselten auf unserm Antlitz ab, wie Regen und Sonnenschein an einem Apriltage. Er hatte eine so glänzende Phantasie, wie nur je eine Funken gesprüht und wie Feuer geleuchtet hat. Seine Predigt war Poesie durch und durch, obschon sie in Feuerströmen und Flammenbächen hervorbrach. Sie glich dem Flimmern der Morgenröte, deren Silberglanz ohne Aufhören in Purpur übergeht und wieder rückwärts sich wandelt. Aber das eigentliche Geheimnis seiner magnetischen Zaubergewalt lag in seiner überfließenden Liebe, welche weder Grenzen hatte, noch Rücksichten auf Ort und Zeit kannte. Keinerlei Förmlichkeiten schoben sich als bannende Scheidewand zwischen ihn und seine Hörer; es war gerade so, als spräche er mit einem jeden von uns in einem Privatzimmer. Es kam vor, dass er eine einzelne Person aufs Korn nahm und sie ganz insonderheit anredete, ganz ebenso freimütig, als wäre er ihr auf der Straße begegnet: „Ei sieh da, du biedere Teerjacke,“ so wendete er sich an einen Matrosen, auf welchen zufällig sein Blick fiel, „bist du auch wieder im Hafen? Gott segne dich! Pass ja auf dein Steuer, damit du allmählich in einen noch lieblicheren Hafen einlaufen kannst! Horch! Hörst du nicht, wie des Himmels Glocken über die See herüberklingen?“
Dem Komischen war in seiner Predigt ein breiter Spielraum vergönnt, wie wir glauben mit Recht. Dem reinen Sinn ist keine Gabe des menschlichen Geistes gemein und unrein. Auch der Humor kann, ja er sollte immer geheiligt sein. Wir räumen ein, er ist eine Gabe, welche schwer zu zügeln ist; aber wenn er unter gehöriger Kontrolle steht, so vergilt er reichlich alle Mühe, die auf ihn gewendet wird. Es können ja z. B. auch Kinder mit Schießpulver unendlichen Schaden anrichten; und doch, welches Machtmittel ist dasselbe in der Hand eines tüchtigen Mannes, welcher seine Kraft zu lenken versteht. Taylor brachte die Leute auch nur zum Lachen, damit sie lernen sollten, zu weinen. Er berührte die eine natürliche Saite des menschlichen Herzens, damit eine andere mitschwingen möchte; während manche Prediger so unnatürlich sind, dass die menschliche Natur ihrer Hörer sich sträubt, ihre Operationen sich gefallen zu lassen.
Ihr, mit eurer ewigen, langweiligen „Angemessenheit“, bevor ihr andere verurteilt, deren liebevoller Dienst Tausende zum Himmelreich geführt hat, überlegt nur auch einmal, wie unermesslich hoch über euch hinweg er seinen Flug richtete; denkt daran, dass er trotz seiner Verletzung eurer nichtsnutzigen Regeln ein Mann war, welchen zu ehren dem Herrn gefiel. Ist's nicht also: ein paar Dreierlichte halten sich über die Sonne auf, weil sie auch einige Flecken hat, und weil sie mit ihrem erleuchteten Verstande nicht merken, dass jene Flecken nichts anderes, als nur minder hell glänzendes Licht sind. Ein anderes aber mögen sie sich gefälligst merken, dass nämlich, (gleichviel, ob jene Flecken nun Flecken sind oder nicht), 10,000 solche Talgstümpfchen, wie sie sind, selbst dem verlorensten Strahl der Sonne auch nicht annähernd gleichkommen!
In den Gebetsversammlungen warf Vater Taylor, wie ein Vater im Kreise seiner Familie, jeglichen Zwang ab und enthüllte sein Innerstes mit kindlicher Unbefangenheit. Eine der merkwürdigsten Kundgebungen dieser Art erfolgte einst nach der Ansprache eines fremden Besuchers, welcher von dem Tode eines sehr gottlosen Menschen erzählte, der einige Tage zuvor mit einer Pulvermühle zu Wilmington in die Luft geflogen war. Er fiel zerquetscht und zerrissen wieder zu Boden und schenkte nun sein Herz dem Herrn. Und wer sollte nun nicht in jenes Wort des Heiligen aus alter Zeit einstimmen: „Meine Seele müsse sterben des Todes der Gerechten, und mein Ende werde wie dieser Ende!“ Plötzlich erhob sich Vater Taylor: „Ich kann aber nicht dulden, dass ein solcher Lumpenkerl hier an den Altar geschleppt wird. Ich will nicht hoffen, dass von meinen Leuten irgendjemand darauf spekuliert, sein ganzes Leben lang dem Teufel zu dienen, um ihn dann beim letzten Atemzuge zu prellen. Bildet euch nur ja nicht ein, Gott dadurch ehren zu können, dass ihr ihm die letzte Schnuppe eines verlöschenden Lichtes anbietet! Ihr werdet auch höchst wahrscheinlich niemals mit einer Pulvermühle auffliegen! Der heilige Mann übrigens, der da erwähnt wurde, fuhr er fort, ist Bileam gewesen, der gemeinste Schuft, welcher im Alten und Neuen Testament vorkommt. Und nun hoffe ich, wir hören nie wieder etwas von Bileam oder von seinem Esel!“
Seine eigenen Gebete glichen auch eher den Ergüssen eines Orientalen, als der Aussprache eines nüchternen Sohnes der kühleren Westländer; so waren sie voll überschwänglichen Bilderreichtums. Man denke z. B. an das Gebet bei Einweihung einer neuen Kirche: „Sollte irgendein Mensch sich unterfangen, auf dieser Kanzel Ketzereien auszusäen, oder irgendetwas anderes zu predigen, als Jesum Christum und sein Kreuz, den treibe du, o Herr, hinaus aus diesem Hause und fege seine Fußstapfen vom Boden fort!“ An dem Sonntage vor seiner Abfahrt nach Europa bat er den Herrn, während seiner Abwesenheit seine Kirche gut zu versorgen. Plötzlich hielt er inne und brach in die Worte aus: „Was hab' ich da gemacht? Gezweifelt an der Vorsehung des Himmels! Der Gott, welcher dem Walfisch eine Tonne Heringe zum Frühstück beschert, sollte der nicht auch für meine Kinder sorgen?“ Dann fuhr er fort und beendigte sein Gebet in Ausdrücken größeren Gottvertrauens.
Seine Wirksamkeit auf einem besonderen Arbeitsfelde ist nicht allgemein bekannt. Er wohnte am Nordende der Stadt, nahe bei den niedrigsten Höhlen des Lasters; daher wurde er oft an die Sterbebetten prostituierter Frauenzimmer gerufen. Da der Ruf der Exzentrizität sowie seine Sittenreinheit ihn gleicherweise vor dem leisesten Schatten eines Verdachtes schützten, so leistete er einer jeden derartigen Aufforderung Folge.
Zu jeder Stunde, am Tage wie des Nachts, ging er seinem hohen Beruf in den verrufensten Schlupfwinkeln der Sünde nach. Niemals hatte er ein hartes Wort für die Gefallenen, nie eine Entschuldigung für ihre Missetat. Er empfing oft Warnungen, sich auf solche Einladungen nicht einzulassen. Nur insofern nahm er Notiz davon, als er seinen Rohrstock bei Seite legte, welcher sonst sein ständiger Begleiter war, den er aber niemals mitnahm, wenn er die Keller und die Dachstuben von North-Street besuchte. Das war der einfältige Mut eines Streiters Christi; zugleich war es aber auch die weiseste Vorsicht.
Es ist uns schmerzlich, berichten zu müssen, dass Vater Taylor, nach vielen Jahren rühmlicher Wirksamkeit, zehn Jahre lang ganz allmählich dahinschwand, indem seine Geisteskräfte langsam erloschen. Es ist des Herrn Wohlgefallen also gewesen; für den alten Mann aber und seine Freunde war es ein großer Kummer, zu sehen, wie er einem Wrack gleich mit abgerissener Takelage und ohne Licht im Kompasshäuschen umhergetrieben wurde.
So verging ein Mann, welchen Emerson einen von den zwei größten Dichtern der Vereinigten Staaten genannt hat. Er war Paedobaptist17) und Arminianer, und wich in tausend Punkten von unseren Ansichten ab, welche wir für schriftmäßiger halten, als die seinigen. Trotz alle dem legen wir mit williger Hand einen Totenkranz auf den Sarg dieses trefflichen und wahrhaftigen Mannes und bekennen: „Wollte Gott es gäbe Männer, die seinen Platz ausfüllen könnten!“
10. Eduard Brooke.
1799-1871.
Unsere wesleyanischen Brüder haben kürzlich aus der Zahl ihrer Geistlichen einen Mann von hervorragender Tüchtigkeit verloren, das letzte überlebende Glied einer kleinen Schar einfältiger, aufrichtiger, eifernder Männer, welche zu ihrer Zeit gewaltige Seelenbekehrer waren, aber zugleich in dem Ruf gestanden haben, dass sie etwas exzentrisch seien. William Dawson und Samuel Hick haben einen würdigen Nachfolger in Squire Brooke gefunden, welcher 1871 zur ewigen Ruhe einging. Es liegt uns zwar fern, seine ganze Theologie zu unterschreiben oder zur Bewunderung aller seiner Gewohnheiten und seines ganzen Benehmens einzuladen. Jedoch sind uns solche Menschen unverständlich, welche nur dann einen Mann anzuerkennen und zu bewundern sich entschließen können, wenn sie in jeder Lehrmeinung vollständig miteinander übereinstimmen. Brooke ist seinerzeit gründlich heruntergerissen worden und gewisse skandalsüchtige Blätter sagten ihm die unwürdigste Aufführung nach. In Wirklichkeit war er aber ein einfältiger, wenn auch etwas absonderlicher Verkündiger des uralten Evangeliums; und dazu hatte der Herr ihn mit gewaltiger Kraft ausgerüstet.
Squire18) Brooke stammte aus einer wohlhabenden Yorkshirer Familie, welche in den wilden Heidestrecken des Nordens ein ansehnliches Gut besaß. Seine Eltern gehörten früher, als Eduard noch ein Knabe war, zur Staatskirche, kamen aber erst nach Jahren durch die Predigt ihres Sohnes zur Erkenntnis des Herrn. Eduard wurde nicht, wie es eigentlich Sitte gewesen wäre, nach Eton oder Harrow geschickt, sondern seiner eigenen Neigung gemäß wurde ihm gestattet, auf dem väterlichen Gute zu bleiben, um zu fischen, zu jagen, zu schießen, sich zu rüstiger, kerniger Körperkraft und zu einem originellen Geistesleben zu entwickeln. Zwischen Fels und Heide, zwischen Waldbäumen und Farnkraut fand Eduard Brooke mit seinen Hunden und seiner Flinte beides: Kurzweil und Gesundheit. Wenn er hinter den Rüden her durch das Land pürschte, genoss er Zerstreuung und übte zugleich seinen Mut durch die Jagd. Bis zu seinem 22. Lebensjahre scheinen ihm religiöse Gedanken fern gelegen zu haben. Doch, wie wir Calvinisten nach unserer Lehre annehmen, rückte der von dem Herrn festgesetzte Zeitpunkt heran und die allmächtige Gnade erließ ihren Haftbefehl gegen ihn, indem sie in unendlicher Liebe beschloss, ihn für sich in Fesseln zu schlagen.
Zu Anfang des Jahres 1821 stand Eduard Brooke eines Morgens auf, um, wie immer, seinem Vergnügen nachzugehen. Zu seinem Lieblingszeitvertreib ausgerüstet, die Flinte in der Hand, die Hunde hinter sich so durchkreuzte er das Honley-Moor, als ihm ein einsamer Mann mit einer Botschaft Gottes begegnete. Dieser Mann war ein Prediger der Urmethodisten (Primitive Methodists)19), Namens Thomas Holladay, einer von jenen strengen, eifrigen Evangelisten, deren rigorose Sittenstrenge von vielen geringschätzig über die Achsel angesehen wurde, welchen aber der Erfolg ihrer Arbeit eine Legitimation ausgestellt hat, höher, als Bischöfe sie erteilen können eine Legitimation, welche durch den Herrn der Kirche beglaubigt und versiegelt ist.
Auf seinen Dienst bedacht, war Holladay „zur Zeit und zur Unzeit“ bei der Hand, um eine Gelegenheit zur Wirksamkeit wahrzunehmen. Indem er an dem jungen Jägersmann vorüberging, grüßte er ihn ehrerbietig und sprach in mitleidigem Ernst: „Junger Mann, Sie suchen das Glück da, wo es nicht zu finden ist!“ Fort zog der Mann Gottes seine Straße, und ließ sich wahrscheinlich nicht träumen, dass dieser auf gut Glück entsandte Pfeil durch die Fugen des Panzers hindurch den Jüngling ins Herz getroffen hatte. Und doch war dies in der Tat der Fall.
Heimwärts kehrte der verwundete Jägersmann; die Worte Holladays klangen noch in seinen Ohren nach: „Junger Mann, Sie suchen das Glück da, wo es nicht zu finden ist!“ Die Zeit war günstig. Es war eine Zeit der Heimsuchung für die dortige Gegend: der Geist Gottes schwebte auf dem Volke. Eine große Erweckung griff mehr und mehr um sich.
Der erweckte junge Mann fing an, Gebetsversammlungen in den Bauerhäusern zu besuchen, und besprach sich mit den frommen Männern in der Nachbarschaft. Dadurch wurde seine Seelenangst sehr erheblich gesteigert und ein brennendes Verlangen nach Erlösung entflammt.
Es war an dem Hochzeitstage seiner Schwester; da er wegen der Bekümmernis seines Herzens wenig aufgelegt war, die Festlichkeiten mitzumachen, so durchwachte er die vorhergehende Nacht, indem er in der Bibel las und mit Gott im Gebete rang.
„In heißem Flehn die ganze Nacht
Hat der einsame Beter zugebracht.“
Gegen 4 Uhr kniete er an dem alten Lehnstuhl in der Küche seines väterlichen Hauses nieder und flehte um Gnade durch des Mittlers Blut. Verzweiflung wollte seine Seele umnachten. Doch wie Jakob, der mit dem Engel bis Tagesanbruch rang, so sprach er entschlossen: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“
Solch gewaltige Beharrlichkeit war ein Zeugnis echten Glaubens. Er vermochte Jesum Christum als seinen Heiland zu ergreifen; und indem er mit seinem Herzen an die Gerechtigkeit glaubte, wurden ihm diese Worte zugesprochen gerade, als ob eine Stimme vom Himmel sie ihm deutlich und eindringlich zuriefe: „Deine Sünden, ob ihrer gleich viele sind, sind dir vergeben; gehe hin mit Frieden und sündige hinfort nicht mehr.“ Alle Furcht, alle Trauer war verflogen, und zum Glauben hindurch gedrungen, freute er sich in unaussprechlicher, seliger Freude.
Triumphierend über seine wunderbare Erlösung, war sein erster Gedanke der, es anderen kundzutun. Er eilte ins Zimmer seiner Schwester und erzählte ihr, dass Jesus Christus ihn selig gemacht habe - welch' herrliche Botschaft an dem Morgen ihres bräutlichen Ehrentages! Dann lief er, obgleich es noch sehr früh war, ins Dorf und weckte einen Mann des Gebets, Namens Ben Naylor, dessen Herz, wie er wusste, ihn verstehen würde, und teilte ihm mit, wie er den Herrn gefunden habe. Die beiden riefen einen dritten herzu, Namens Jakob Donkersley, damit auch er ihre Freude teile. Und von diesem glückseligen Kleeblatt stieg ein Lobgesang empor, dessen jubelnde, wonnevolle Töne Musik in Gottes Ohren gewesen sein, den Gesang der Engel geweckt und der Seligkeit des Himmels einen erneuten Anlass gegeben haben müssen. Denn „es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“
Von diesem Augenblick an war Eduard Brooke, wie er selbst sagen würde, ein „funkelnagelneuer Mensch.“ Er konnte nichts halb tun, und darum brach er ein für alle Mal mit seinem bisherigen Leben; und da er fand, dass auch das Jagdvergnügen einen zu großen Reiz für ihn hatte, gab er es entschlossen dran. „Lieber Herr,“ sagte er zu einem christlichen Freunde, „ich fand, dass die Pforte enge war, so drückte ich mich hindurch, und ließ Pferde, Hunde und die ganze übrige Welt draußen.“ In seinem Eifer, von allem loszukommen, worin eine Versuchung für ihn lag, befahl er, seine Hundeställe niederzureißen. Sein Vater, der es hörte, wollte es hindern und gab einen Gegenbefehl, indem er meinte: „Eduard wird hoffentlich seine Hundeställe bald wieder brauchen.“ Allein alles umsonst: der Würfel war gefallen, das Kamel war durch das Nadelöhr hindurch gegangen und konnte auf einem so engen Wege nicht wieder zurück. Eduard Brooke besuchte die Gebetsversammlungen in Bauerhäusern, sprach mit den Arbeitsleuten in der Mühle, hielt Ermahnungen in der Küche seines Elternhauses, unterrichtete Wandersleute auf der Landstraße und war auf dem besten Wege, ein „gewaltiger Jäger vor dem Herrn“ zu werden, ein Nimrod, dessen Wildpret die Seelen der Menschen waren.
Brookes erster Anfang ist ein rechter Beweis für den Segen kleiner Versammlungen in Zimmern und Privathäusern, wo ungelehrte, ängstliche und ungeübte Anfänger sich bei ihren ersten Redeversuchen sicherer fühlen können. Hätte er nicht bei solchen Zusammenkünften hervortreten können, so hätte es sich leicht ereignen mögen, dass er sein Lebtage stumm geblieben wäre. Denn vor einer großen Versammlung wäre er niemals im Stande gewesen, seine ersten Versuche anzustellen. Unser Gewährsmann bemerkt sehr richtig: „Die Hausversammlungen sind die beste Pflanzschule zur Entfaltung geistlicher Gaben. In einzelnen unserer Stadtbezirke, wo es nur wenige aber große Kirchen gibt, wo die Kanzeln ohne Unterschied mit ordinierten Geistlichen besetzt sind, wo auch die Sonntagsnachmittags-Gottesdienste eingestellt sind und Säle oder Häuser zur Missionsarbeit nicht dargeboten werden: wo sollen die Männer, welche der Heilige Geist treibt, sein Wort zu predigen, eine Gelegenheit finden, ihren Beruf durch praktische Betätigung zu erweisen und ihre Predigtgaben durch fleißige Übung zu entfalten?“
In solchen Versammlungen wagte es Eduard Brooke zuerst, die Botschaft des Heils zu verkündigen, welche wie ein Feuer in seinen Gebeinen brannte, bis er es satt war, dasselbe zu dämpfen und sich nicht länger halten konnte. Hier fand er Ermutigung und Kraft zu weiterem Wirken.
Nachdem er im Ausblick zu Gott die Sache mit christlichen Freunden überlegt und besprochen hatte, wurde die Verabredung getroffen, dass Eduard Brooke seinen Beruf zum Predigtamt erst einer Beurteilung durch andere unterziehen sollte. Zu diesem Zweck sollte er in Jakob Donkersleys Stube predigen, einem großen Raum, welcher einem dreifachen Zweck als Werkstatt, Schlafzimmer und Versammlungsplatz diente, wo die Nachbarn sich zur Anbetung Gottes vereinigten. Der Gottesdienst wurde gebührend angekündigt und man sah dem ersten Predigtversuch des jungen Squire mit Spannung entgegen. Das Zimmer war gedrängt voll und manches Herz erhob sich in ernstlichem Gebet zu Gott, dass er seinen jungen Knecht ermutigen und ihm bei dieser Probe seinen Beistand verleihen möchte. Derselbe nahm einen Text, welcher seiner eigenen felsenfesten Überzeugung entsprach: „Die Gottlosen müssen zur Hölle gekehrt werden.“ Da er im Bewusstsein inneren Berufs die Sache angriff und sein demütiges Vertrauen auf Gott setzte, so erfuhr er den göttlichen Beistand und errang einen glücklichen Erfolg.
Die Nachricht, dass der junge Squire angefangen habe zu predigen, durchlief die ganze Umgegend wie ein Lauffeuer, und erregte nicht geringe Sensation. Gelegenheit seine Gaben weiter auszubilden, bot sich bald allerorten, und er benutzte sie, als wären sie ein Ruf Gottes. Alle, welche den Squire in seinen wilden Tagen gekannt hatten, und welche seine wunderbare Bekehrung erfuhren, strömten in Scharen herbei, um ihn zu hören. Die Ankündigung, der Squire Brooke werde predigen, zog nicht allein andere junge Squires herbei, sondern machte sogar die Wirtshäuser nah und fern leer, und wurde für manchen Wilddieb, Boxer, Taubenjäger, Trunkenbold und gewohnheitsmäßigen Sabbatschänder der Anlass, wieder den Weg ins Haus Gottes zu finden. Sein Name brachte Versammlungen zuhauf, wie sie sonst niemand zusammenbringen konnte: es kamen hartgesottene Sünder, Zöllner und Huren, wüste Gesellen und Auswürflinge der menschlichen Gesellschaft: eine Schar, bei deren Anblick im Hause Gottes des Predigers Herz vor Freude gehüpft haben und außer sich geraten sein muss.
Unter dem Eindruck so eigentümlicher Versammlungen, welche sich, um ihn zu hören, zusammenfanden, und mit Berücksichtigung der Tatsache, dass vielen seiner Zuhörer in ihrem fleischlichen und ungebildeten Sinn jedes Verständnis für theologische Ausdrücke und gelehrte Erklärungen abging, so dass ihnen die gewöhnliche Predigtweise unfasslich gewesen wäre: so wich er mit Fleiß von dem Tone seiner ersten Predigt ab und eignete sich eine andere Weise an, welche, wenn man von dem Zweck der Predigt und seiner ausnahmsweisen Lage absehen will, der Kritik manche Blöße darbieten mochte, und jedenfalls im Munde eines Nachahmers gar übel klingen würde.
Wir können uns nicht anheischig machen, auch nur im Umriss Brookes langes und segensreiches Leben zu schildern, sondern müssen uns bescheiden, einzelne Begebenheiten mitzuteilen, welche sowohl seine Exzentrizität, als seinen Eifer kennzeichnen. Er ließ nach und nach alle seine weltlichen Beschäftigungen im Stich, um Seelen zu gewinnen, und da er ein sehr bedeutendes Vermögen besaß, so reiste er auf eigene Kosten weit und breit umher und predigte das Evangelium ohne Geld und ohne Lohn, ein Lebenszweck, um welchen man ihn bewundern, aber auch zugleich beneiden muss. Auf seinen Wanderungen und sonst überhaupt war er immer darauf aus, mit einzelnen Personen zusammen zu treffen, mit welchen er auf seine eigene Weise umging und zwar mit merkwürdigem Erfolg. Man höre Folgendes:
Ein Mensch, Mitglied der Sheepridger Gesellschaft20) war unglücklicherweise ein Freund starker Getränke, bis dieser Feind ihn schließlich völlig in seine Gewalt bekam. Eines Tages befand er sich in einer Schänke bei leichtfertigem Zechgelage. Die Überredungskünste seiner Frau vermochten nicht, ihn daraus fortzubringen, so dass sie schließlich den Squire um seine Vermittlung anging.
Schnurstracks machte sich dieser in Begleitung der betrübten Frau auf den Weg, und als er das Haus erreicht hatte, trat er sofort an den Schanktisch, wo eine Anzahl alter Säufer nach ihrer Gewohnheit saßen und zechten. Mitten unter ihnen saß jener gesunkene Mann. „Was machst du hier?“ sagte der Squire, indem er mit seinen Augen den armen Abtrünnigen zu durchbohren schien, „das ist kein Platz für dich!“ Bestürzt durch die unerwartete Erscheinung Brookes und von seinem Gewissen geschlagen, gab der Mann keine Antwort, sondern sah aus, als ob er am liebsten in den Boden hätte sinken mögen, um dem furchtbaren Blick aus des Squires strafenden Augen zu entgehen. „Komm mit heraus und komm mit heim“, sagte der Squire, und als der Missetäter noch immer sitzen blieb, fasste er ihn am Rockkragen und zog ihn mit hinaus auf die Straße.
Die Saufbrüder waren höchlichst entrüstet über diesen Frevel an der persönlichen Freiheit ihres Genossen; sie sprangen auf und stürzten zu seiner Befreiung herbei. Da wandte sich der Squire um, blickte seinen Widersachern ins Auge, hob seinen nervigen gewaltigen Arm empor und sagte: „Wer wagt's, mich anzurühren?“ Dann ging er mit seinem Gefangenen davon, erteilte ihm gute Ratschläge und es ist Grund vorhanden zu der Hoffnung, dass er nie wieder in sein Laster zurücksank.
Einst fuhr er zur Frühlingszeit an einem wundervollen Sonntagmorgen zu einer Zusammenkunft, wobei ihn sein Mitarbeiter O. Smith, Laienprediger zu Sheffield, begleitete. Plötzlich rief Brooke: „Halt an, Smith!“ Brooke stand im Wagen auf, und rief einem Manne, welcher in einiger Entfernung auf dem Felde Brennnesseln sammelte, zu: „Heda, komm mal her!“ Zugleich winkte er ihn mit der Hand heran. Als der Gerufene an den Zaun trat, sagte Brooke: „Du armer törichter Sünder, willst du denn deine unsterbliche Seele an einem Sonntagmorgen für ein paar lumpige Brennnesseln dem Teufel verkaufen?“ Dann schaute er ihm ernsthaft ins Gesicht und setzte feierlich hinzu: „Gott sei deiner Seele gnädig, Amen!“ und in demselben Atem rief er: „Vorwärts, Smith!“ Als sie wieder gemütlich weiterfuhren, sagte er: „Ich durfte nicht zusehen, wie der Mann seine Seele um Brennnesseln verkaufte, ohne ihn zu warnen.“
Ein anderes Mal fuhr er nach einem Dorfe in Derbyshire, wo er am späten Nachmittage zu einer Predigt erwartet wurde. Vor einem Wirtshause an der Straße hielt er an, und nachdem er sein Pferd besorgt hatte, bestellte er seine gewöhnliche Mahlzeit, Schinken und Eier. Da trat ein stattlicher, wohlhabend aussehender junger Landmann ins Gastzimmer, und setzte sich nieder, um auszuruhen. Der Squire machte einige freundliche Bemerkungen, und als sein Mahl aufgetragen wurde, lud er jenen ein, teilzunehmen. Die Einladung wurde dankbar angenommen. Während sie die schmackhaften Speisen verzehrten, ging dem Jüngling das Herz auf und eine anregende Unterhaltung kam in Fluss. „Heute Abend erwarten wir einen ganz wunderlichen Prediger in unserm Dorfe,“ sagte er. „Er hat eine besondere Gabe, Gebetsversammlungen zu halten und geht darauf aus, alle Menschen zum Methodismus zu bekehren.“
„Ei was,“ sagte der Squire, den die Sache offenbar zu interessieren schien, haben Sie ihn denn schon einmal gehört?“
„Nein,“ erwiderte jener, „ich noch nicht, aber mein Bruder hat ihn gehört.“
„Was sagte denn der von ihm?“ fragte der Squire weiter.
„Er sagte, er hätte in seinem ganzen Leben noch nie solch einen verdrehten Kunden gehört; er hätte wahrhaftig nicht gewusst, ob bei ihm im Oberstübchen alles richtig wäre. Ich werde aber,“ setzte er hinzu, „selbst hingehen, um ihn zu hören!“
„Tun Sie das, lieber Freund, und nehmen Sie Ihren Bruder mit, vielleicht sagt er etwas, was Sie beide gebrauchen können.“
Sie gingen, und wer beschreibt das Erstaunen des jungen Mannes, als der Prediger die Kanzel bestieg und er in ihm seinen freundlichen Gastgeber aus dem Wirtshause an der Straße erkannte. Im Verlauf der Predigt wurde sein Herz ergriffen und seinem Bruder erging es ebenso. Bei der Gebetsversammlung am Schluss befanden sie sich beide unter den bußfertigen, gnadesuchenden Seelen und wurden beide bekehrt, nicht nur zu Methodisten, sondern zu gläubigen Christen.
Hier ein Beispiel seiner charakteristischen Briefe, kurz, aber voll Feuer und Flamme: „Lieber John - In Erwiderung Deiner Zeilen bitte ich, Dir sagen zu dürfen, dass unser Werk zu Honley nicht umsonst gewesen ist. Es hat sich eine neue Klasse gebildet und etwa ein Dutzend Personen sind eingetreten. Zwei fanden den Frieden. Gelobt sei Gott! Wir werden wachsen! Die ganze Hölle ist auf den Beinen; wir müssen rings um die Bollwerke von Zion herumgehen, und seine Paläste wohl im Auge behalten. Endlich und zu guterlegt werden wir über alle triumphieren. Ich sage alle. Vorwärts, John, ans Werk! Wandle in Gottes heiliger Nähe. Sei ein Recke in der Heiligung, geselle Dich zu den ersten und besten Männern Deiner Zeit. Ringe mit Gott, wandle in der Herrlichkeit. „Vorwärts“ heißt des Christen Feldgeschrei, vorwärts zum gewissen Siege über Sünde, Welt und Hölle! Tritt alles weltliche, modesüchtige Wesen unter die Füße! Erkenne den Willen Gottes und tue ihn! Tue ihn von Herzen, freudig, ganz, ewig der Himmel wird Dein Führer, Dein Hort, Dein alles in allem sein! Herzliche Grüße! In Deinen Gebeten gedenke Deines Eduard Brooke.“
Wir nehmen mit Bedauern Abschied von Squire Brooke, indem wir die letzten Aufzeichnungen seines Tagebuches wiedergeben: „Noch einmal und zum Schluss: Ihr werdet erlöst werden. „Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.“ „Du wirst noch Größeres, denn das sehen!“ „Du überschüttest ihn mit gutem Segen.“ „Ich will euch mehr Gutes tun, denn zur vorigen Zeit.“ „Meine Seele ist wie einer, der von seiner Mutter entwöhnt wird.“ Und dann, vielleicht um die völligere Aneignung der unendlichen Gnade seines Bundesgottes auszudrücken und eine festere Zuversicht, als er je zuvor besessen, schreibt er mit zitternder, ihrer Kunstfertigkeit bald entkleideter Hand: „Nie zuvor!“
Wir wundern uns nicht, dass seine Denkwürdigkeiten schon in fast viertausend Exemplaren verbreitet sind21). Sie sind ausgezeichnet gut geschrieben, und wir gratulieren Herrn Lord zu seinem Geist und seinem Geschick.
11. Billy Bray,
der ungelehrte Seelen-Bekehrer.
Viele Christen, welche gern bereit sind, beträchtliche Verschiedenheiten in den Charakteren der Menschen zu ertragen, ja selbst zu bewundern, halten doch, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, gewisse bestimmte Grenzen in Gedanken fest, innerhalb welcher sich jene Verschiedenheiten bewegen dürfen. Insofern scheren sie doch wieder alles über einen Kamm, und werden sich vermutlich mehr oder minder gewaltsam drehen und winden, um diese Ungereimtheit zu rechtfertigen, ehe sie sich herbeilassen, in ihren Zauberkreis gewisse exzentrische und regellose Formen urwüchsigen Geisteslebens zuzulassen, welche trotz alledem nicht wenig zur Verherrlichung des Herrn beigetragen haben. So sind wir meist alle einigermaßen tolerant gegen die Launen gebildeter Leute; ja, wir verehren die Schrullen eines Genies - während eine nur gelinde Eigenheit, welche im Verein mit Unwissenheit auftritt, oder die Wunderlichkeiten eines Mannes, der nicht lesen und schreiben kann, uns unausstehlich sind. Was man bei einem feinen Herrn als berechtigte Eigentümlichkeit zulässig findet, über das wird bei einem armen Manne die Nase gerümpft, als wäre er ganz und gar verdreht. Solche Sklaven sind, die meisten Menschen gegenüber Glacé-Handschuhen und straffen Geldbeuteln, dass sie vor einem aristokratischen Spleen katzbuckeln, ja, sich just so anstellen, als ob sie an einem gräflichen Geldsacke eben dasselbe bewunderten, was ihnen an einem redlichen Habenichts widerlich ist. Diese Parteilichkeit im Urteil haftet in gewissem Grade selbst Christen an, welche doch mehr als alle andern sich verpflichtet fühlen sollten, die Dinge nach ihrem eigenen, inneren Wert zu messen, ohne sich durch den trügerischen Glanz des Reichtums und der äußeren Lebensstellung irre führen zu lassen. Wir fordern für ungelehrte Christen einen ebenso freien Spielraum zur Entfaltung ihrer Originalität, als man ihnen zugestehen würde, wenn sie wohlunterrichtete Söhne reicher Familien wären. Wir lassen uns ein treffendes Wort nicht verunglimpfen deswegen, weil etwa ein grammatischer Schnizer darin vorkommt, noch einen feurigen, geistsprühenden Herzenserguss belächeln deshalb, weil er in ungefüge Ausdrücke gefasst ist. Betrachte dir den Mann, wie er ist; halte ihm seine mangelhafte Erziehung, seine äußeren Lebensumstände, seine Umgebung zugute; aber wende dich nicht mit Verachtung von etwas ab, was in Gottes Augen vielleicht unendlich viel mehr wert ist, als alle jene Feinheiten und Zierlichkeiten, auf welche nur eingebildete Schwachköpfe hohen Wert zu legen belieben.
Adams & Co.
Nach dieser langatmigen Einleitung lassen wir einige Bemerkungen über William Bray von Cornwall folgen, welcher verschiedene Jahre lang Laienprediger unter den „Bibel-Christen“22) war. Wir bitten ihn aber um Entschuldigung, dass wir ihn mit einem Namen genannt haben, den er niemals geführt hat, und nennen ihn darum noch einmal mit gehöriger Genauigkeit Billy Bray. Dieser treffliche Mann war einst ein dem Trunk ergebener, lasterhafter Bergmann, aber Gottes Gnade machte aus ihm einen überaus eifrigen, entschiedenen Nachfolger Jesu Christi. Seine Bekehrung war sehr merkwürdig und war von denselben heftigen Gewissenskämpfen begleitet, welche so oft diese große Umwandlung bei starken, leidenschaftlichen Naturen zu begleiten pflegen.
Als er endlich wirklich Frieden gefunden hatte, brachen ihm (wie uns erzählt wird) die Tränen aus den Augen, und das erinnert uns an einen andern jungen Mann, welcher vor mehr als zwanzig Jahren den Herrn auf ganz ähnliche Weise fand, erinnert auch daran, wie Georg Fox, der Quäker, und John Bunyan, der Baptist, die heilige Wandlung erfuhren. Kinder Gottes pflegen unter sehr verwandten Umständen geboren zu werden: ihre Verschiedenheiten treten zumeist als Frucht späterer Jahre hervor. In ihrer Wiedergeburt, wie in ihren Gebeten scheinen sie eins zu sein. Bray wurde durch die furchtbare Anfechtung geprüft, er könne niemals Gnade finden; aber mit der Verheißung: „Sucht, so werdet ihr finden,“ löschte er diesen feurigen Pfeil des Bösewichts aus, und zu rechter Zeit erkannte er durch eigene selige Erfahrung, dass diese Verheißung wahr sei. Köstlich einfach und ergreifend sind seine eigenen Worte: „Ich sprach zu dem Herrn: Du hast gesagt: „Wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan;“ ich habe den Mut, es zu glauben. In einem Augenblick machte mich der Herr so selig, dass ich nicht beschreiben kann, was ich empfand. Ich jauchzte vor Freude. Ich pries Gott von ganzem Herzen für das, was er an einem armen Sünder, wie ich, getan hatte: denn ich konnte sagen, der Herr hat mir alle meine Sünden vergeben. Ich glaube, es war im November 1823, den Tag vermag ich nicht mehr anzugeben. Ich weiß aber noch, wie all und jedes Ding mir auf einmal ganz anders aussah, die Leute, die Felder, das Vieh, die Bäume. Ich war wie in eine neue Welt versetzt. Den größten Teil meiner Zeit verbrachte ich mit Loben und Preisen Gottes. Ich konnte mit David sagen: „Der Herr zog mich aus der grausamen Grube, und aus dem Schlamm, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich gewiss treten kann. Und hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unseren Gott.“ Ich war von Kopf bis zu Fuß ein neuer Mensch. Ich erzählte allen, die ich traf, was der Herr an mir getan hatte. Viele habe ich sagen hören, es hielte ihnen hart, von ihren Genossen loszukommen; ich dagegen konnte mich nicht schnell genug an sie heranmachen, um ihnen zu erzählen, wie Großes der Herr an meiner Seele getan hatte. Etliche meinten, ich sei verrückt; andere, sie würden mich am nächsten Löhnungstage schon wieder herumbringen. Aber, gelobt sei Gott! es ist nun schon über vierzig Jahre her, und sie haben mich heute noch nicht herumgebracht. Sie sagten, ich sei verrückt, sie meinten wohl verzückt denn, Preis sei dem Herrn! ich bin seit jener Zeit immer unaussprechlich selig gewesen.“
Kaum war Billy bekehrt, so sah er sich auch schon nach anderen um. Er betete für seine Mitarbeiter, und seine Gebete wurden erhört, indem mehrere zu Christo kamen. Er hatte einfältigen Glauben; er glaubte an die Kraft des Gebets, und war fest überzeugt, Gott höre ihn; so erwartete er auch die Erfüllung seiner Bitte, sobald er um die Seelen seiner Kameraden flehte. Es steckte Leben in ihm, er war kein Duckmäuser. In der ihm eigenen Weise tat er alles, was er tat, mit Energie, ja selbst ein beträchtliches Maß physischer Kraft wendete er auf bei seinem Jubelgeschrei und seinen Freudensprüngen. Er erzählt uns bald nach seiner Bekehrung: „Ich war sehr glücklich bei meiner Arbeit, und konnte springen und vor Freuden tanzen, unter der Erde und auf der Erde.“
„Etwa ein Jahr nach seiner Bekehrung begann Bray, die Menschen öffentlich zu ermahnen, sie möchten Buße tun und sich zu Gott wenden. Gegen Ende 1824 wurde sein Name in das Verzeichnis der Laienprediger23) aufgenommen, und seine Arbeit zur Bekehrung der Seelen war sehr gesegnet. Er wählte durchaus nicht immer einen Text, wie es sonst Sitte ist, sondern begann seine Ansprachen gewöhnlich mit einem Liederverse, irgendeiner Erfahrung aus seinem eigenen Leben oder sonst einer Anekdote. Dabei verstand er die glückliche Kunst, alle Klassen zufrieden zu stellen und zu fördern, sowohl reich als arm, und alle Geistesrichtungen, weltliche und fromme, strömten zu ihm. Bis an sein Lebensende erfreute er sich derselben Popularität. Wohl nie zuvor hat ein Prediger in Cornwall einen so ausgebreiteten und dauernden Ruf besessen, wie er, und die Ankündigung, er werde auf einem Missionsfest oder bei irgendeiner andern Gelegenheit sich hören lassen, genügte, um Scharen herbeizulocken, mochte nun neben ihm da sein oder nicht da sein, wer wollte. Manchmal machten seine Gleichnisse und Anwendungen gewaltigen Eindruck. Ich habe ihn einmal mit großem Erfolg vor einer zahlreichen, hauptsächlich aus Bergleuten bestehenden Versammlung reden hören. Es waren nämlich in der Nähe zwei Bergwerke, das eine sehr blühend, das andere gerade das Gegenteil die Arbeit schwer, das Lohn gering. In seiner Predigt schilderte er, wie er selbst eine ganze Woche in der letzteren Grube gearbeitet habe, am Zahltage aber sei er nach der anderen, besseren hinübergegangen, um sich dort die Löhnung zu holen. „Ob er denn nicht an der andern Grube in Arbeit stehe,“ habe ihn da der Zahlmeister gefragt. Jawohl, aber das Lohn gefiele ihm hier besser. Er habe eifrig geredet, aber vergeblich und sei mit dem unwiderruflichen Bescheid fortgeschickt worden: wenn er hier Lohn haben wollte, so müsste er hier auch arbeiten. Gerade so sei es auch im Reiche Gottes so lautete die Anwendung, deren Eindruck auf die Versammlung ein tiefgehender war, Christo müssten sie dienen, wenn sie an seiner Herrlichkeit teilnehmen wollten; dagegen wenn sie jetzt dem Teufel dienten, so würden sie auch von diesem ihren Lohn empfangen. Das Gleichnis war wahrlich einfach genug, aber es leuchtete dem Verstande ein und überwand das Herz seiner Zuhörer.
In manchen seiner Versammlungen ging es aufregend genug her, um das Vorurteil hochempfindsamer und zartbesaiteter Seelen zu verletzen. Selbst solche, welche das unbedingteste Vertrauen und die wärmste Zuneigung zu Billy hatten, konnten doch an manchen äußeren Kundgebungen, wie sie gelegentlich in ihrer Gegenwart vorfielen, nicht die Freude finden, wie er selbst. Billy konnte „Totheit,“ wie er es nannte, weder an einem Christen, der sein Bekenntnis ablegte, noch an einer Versammlung leiden. Er hatte mehr Verständnis für singende, jauchzende, vor Freuden springende Personen, als für
„Ein Herz, das sich in stummer Ehrfurcht neigt,
Und das, in heißer Liebe glühend, schweigt.“
Der Methodismus ist die Mutterkirche von Cornwall und Bray war ein echtes, wenn auch ungelehrtes Kind von ihrem Fleisch und Bein. Gerade so wie nun John Wesley mit der Gnade Gottes den „Wochengroschen“ zusammenzunehmen verstand, so war auch Brays Frömmigkeit keineswegs bloß Jubel und Jauchzen, sondern sie war nach vielen Richtungen hin in hohem Grade praktisch. Billy war ein gewaltiger Kirchenerbauer. Er erhielt ein kleines Stück Erbland von seiner Mutter; das ebnete er mit eigener Hand und grub die Fundamente zu einer Kapelle aus, welche den Namen „Bethel“ tragen sollte. Unter vielen entmutigenden Reden und Erfahrungen von Freund und Feind, sonderlich seitens der ersteren, bebaute er wirklich den Platz, indem er mit eigenen Händen arbeitete; zu gleicher Zeit bettelte er Steine, bettelte Bauholz, bettelte Geld zu Arbeitslöhnen. Seine eigene Habe gab er alle hin, und wer in der Umgegend irgendetwas missen konnte, den bewog er gleicherweise, etwas beizusteuern. Müßige Zuschauer meinten zwar, Billy sei verrückt geworden, und nannten ihn deshalb Silly („simpel“); aber dieser bemerkte treffend: „Die klugen Leute hätten in der Kapelle nicht predigen können, hätte der Silly Billy sie nicht gebaut.“ Sobald er aber den ersten Bau fertig hatte, ließ er sich bewegen, einen zweiten anzufangen. Er tat sehr Not, viele redeten davon, aber keiner hatte das Herz, Hand anzulegen, außer Billy Bray. Er erbettelte sich ein Stück Land, und borgte ein Pferd und ein Fuhrwerk von dem Geber. Und wenn er dann sein eigenes mühseliges Tagewerk unter der Erde vollbracht und seine fünf kleinen Kinder versorgt hatte, dann machte er sich erst mit seinem Sohn an diese Arbeit: sie trugen Steine, sie führten Mauern auf und arbeiteten oft genug des Tages zwanzig Stunden. Er hatte wegen dieser zwei Kirchen einen schweren, inneren Kampf durchzukämpfen; wir erzählen am besten mit seinen eigenen Worten: „Als wir die Kirche bis zur Höhe der oberen Türschwelle aufgebaut hatten, raunte mir der Teufel ins Ohr: „Schau, Billy, sie haben sich alle aus dem Staube gemacht und dich mitsamt der Kapelle allein stehen lassen ich machte doch auch, dass ich fortkäme!“ „Satan,“ antwortete ich, da kennst du Billy schlecht! So wahr mir Gott hilft, ich werde die Kapelle fertig schaffen, und sollte ich mir die Haut von den Händen arbeiten.“ Hinfort ließ der Satan mich in Ruhe. Manches Mal hatte ich Blasen an den Händen und sie sind zu Zeiten recht schlimm gewesen. Allein ich achtete nicht darauf, ich rechnete vielmehr so: „Steht die Kapelle nur hundert Jahre, und wird alle Jahre bloß eine Seele bekehrt, so sind das hundert Seelen. Dann würde ich reichlich belohnt werden, wenn ich einst in den Himmel käme, denn es steht geschrieben: „Die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, werden leuchten wie die Sterne immer und ewig.“ Und so dachte ich, wenn mir das widerführe, so wäre ich reich genug.“ Die Kapelle ward nach einiger Zeit fertig, und der Tag der Einweihung rückte heran: wir hatten Predigt, doch der Prediger war zwar ein kluger Mann, aber ein toter Mann. Ich glaube, an dem Tage ist nicht allzu viel Gutes geschehen, denn es war für den Prediger und die Gemeinde tote, verlorene Zeit er wusste viel Logik, aber wenig vom Vater. „Es liegt nicht an jemandes Stärke oder Gewalt, sondern an meinem Geist, spricht der Herr.“ Käme es auf menschliche Tüchtigkeit und Klugheit an, so wäre ich ohnmächtig; denn meine Tüchtigkeit ist gering und meine Klugheit noch geringer. Aber, Gott sei Dank! sein ist das Werk, und er kann arbeiten, mit wem er will. Am zweiten Sonntage nach Einweihung der Kapelle sollte ich predigen. Ich sprach folgendermaßen: „Ihr wisst, ich habe an dieser Kapelle nicht gearbeitet, um meinen eigenen Säckel zu füllen, sondern zu nutz und frommen der Nachbarn und zum Heil der Seelen und Seelen muss ich gewinnen und werde ich gewinnen.“ Der Herr segnete uns auf wunderbare Weise. Zwei Frauen schrien um Gnade, und als ich das sah, sprach ich: „Nun ist die Kapelle schon bezahlt!“ Der gnädige Gott arbeitete hier auch fernerhin, und bald stieg die Seelenzahl der Gemeinde von fünfzehn auf dreißig. Ihr seht, wie gnädig mir der Herr gewesen ist: ich bat um eine Seele jährlich, und er schenkte mir schon im ersten Jahr fünfzehn. Lobt und preist seinen heiligen Namen, denn er ist freundlich und seine Güte währt ewig. Eine Seele gilt ja so viel, wie tausend Welten. Unsere kleine Kapelle hatte drei Fenster, an der einen Seite eins, an der andern zwei. Der alte böse Feind, der keine Kapellen leiden kann, stiftete seine Diener an, zum Hohn unsere Kapelle das „Dreiauge“ zu nennen. Aber Gottlob! sie ist inzwischen zu klein für die Gemeinde geworden; sie ist darum erweitert und hat nun statt drei Fenster sechs; wenn sie wollen, können sie sie also nunmehr „Sechsauge“ nennen. Viele von denen, die dort bekehrt sind, sind durch Gottes Barmherzigkeit bereits im Himmel, und wenn auch wir einst dorthin kommen, wollen wir ihn mit voller Kraft loben und preisen, und niemals soll er das letzte Lied zu hören bekommen!“
Kaum hatte er das zweite Gotteshaus fertig, als er auch schon ein drittes und größeres in Angriff nahm. Bei diesem Unternehmen hatte er Gelegenheit, sein Talent im Kollektieren, wie seinen Eifer im Geben und Arbeiten vollends zu entfalten. Er hatte eine hohe, und wie wir glauben ganz richtige Meinung von seiner Aufgabe, die Steuern von des Herrn Haushaltern einzusammeln. „Einst begleitete ihn ein Freund auf solcher Bettelfahrt; als sie sich dem Hause eines vornehmen Herrn näherten und Billy auf die Vordertür loszusteuern schien, riet jener, sie wollten lieber zur Hintertür hineingehen. Nein, sagte Billy, ich bin eines Königs Sohn, ich gehe vorn hinein!“ „Ein anderes Mal geriet er auf einem Missionsfest fast außer sich, als im Bericht eine Summe erwähnt wurde, welche man für Lumpen und Knochen gelöst hatte. Als er zum Sprechen auftrat, sagte er: „Ich glaube nicht, dass es recht ist, die Sache des Herrn mit alten Lumpen und Knochen zu unterstützen. Der Herr verdient das Beste und darf nur das Beste haben.“ Wohl gesprochen, Billy! So ist's recht, das ist lautere Theologie!
Billy wusste auch, wie man dem Teufel und seinen Gesellen mit ihren eigenen Waffen zu Leibe geht. Als er einmal spät in dunkler Nacht von einer Versammlung heimkehrte und einen einsamen Weg passierte, versuchten etliche liederliche Buben gemeinster Art, ihm durch allerhand schreckliche Töne bange zu machen. Er aber ging singend seines Weges. Endlich schrie einer mit grässlicher Stimme: „Billy Bray, ich bin der Teufel, ich sitze hier in der Hecke!“ „Gott sei Dank,“ sagte Billy darauf, „Gott sei Dank; ich wusste gar nicht, dass du so weit ab wärst!“ Um seine eigenen Worte zu gebrauchen: was hätte der Teufel solch einem, wie er war, anhaben können?
Eine der segensreichsten Früchte seiner tiefen Frömmigkeit war seine ungeheuchelte Demut und das ununterbrochen klare Bewusstsein seiner Abhängigkeit von Gott. Die Knechte des Herrn sind ohne seine Hilfe ebenso schwach, wie andere Leute, gerade wie Simson, als er seine Locken verloren hatte. Hier eine von seinen Erfahrungen. „Als ich im St. Neots-Bezirk war und eines Sonntags zu Redgate predigte, wo die Kirche ganz mit Menschen gefüllt war, schenkte der Herr mir beim Predigen große Kraft und Freiheit. Aber plötzlich nahm er seinen Geist von mir und ich vermochte kein Wort hervorzubringen. Doch ist gerade dies wohl eine der eindringlichsten Predigten gewesen, die mancher von ihnen jemals gehört hat. Wieso? fragt ihr, während du wie ein Narr dreinschautest und nicht im Stande warst ein Wort zu sagen? Allerdings; denn gleich darauf fuhr ich also fort: Ich bin froh, dass ich stecken geblieben bin, und zwar aus einem dreifachen Grunde: erstens ist's eine Demütigung für mich und lehrt mich, meine gänzliche Abhängigkeit von Gott erkennen und weniger meiner eigenen Kraft vertrauen. Zweitens ist's ein Zeugnis wider euch, die ihr ungöttlich seid. Denn ihr meint, wir können sagen, was wir wollen, es sei ohne Gott oder mit Gott, das bleibe sich gleich. Das könnt ihr aber nun nicht mehr sagen; denn ihr habt gehört, wie ich vorhin sprach; da aber der Herr seinen Geist fortnahm, konnte ich kein Wort mehr sagen. Ohne meinen Herrn konnte ich gar nichts. Drittens ist's eine Ermunterung für solche junge Leute aus eurer Mitte, die vielleicht auch eines Tages, wie ich, berufen werden, die Kanzel zu besteigen. Wenn es ihnen nun auch so erginge, wie mir, dass der Herr seinen Geist von ihnen nähme, so würden sie vielleicht denken: es taugt nicht, dass ich versuche, zu predigen oder eine Ansprache zu halten; ich blieb beim letzten Mal stecken, ich werde es nicht wieder versuchen. Nun aber könnt ihr füglich also sprechen: den alten Billy Bray sah ich auch einmal stecken bleiben, wie ich der achtete gar nicht drauf, sondern sagte, er sei froh, dass der Herr ihn habe auch einmal stecken lassen. Billy Brays Herr ist mein Herr und ich freue mich, dass er mich auch hat stecken lassen. Denn wenn ich der Gemeinde nutzen und Gott ehren kann - weiter will ich nichts. Dann sprach ich noch eine ganze Weile und sagte dem Volk, was der Herr mir zu sprechen eingab.“
Da er in solchem Geist predigte, konnte Bray sicher darauf rechnen, Segen zu ernten und er erntete ihn in der Tat. Manche Redner und Doktoren der Theologie nehmen sich neben Billy Bray sehr klein aus, sobald man das geistliche Amt nach seinem Erfolge in der Bekehrung der Menschen misst. Sie werden noch kleiner aussehen, wenn einst die Seelen, welche durch arme, geringe Redner gerettet worden sind, wie die Sterne glänzen werden, während ihr eigener rhetorischer Ruhm und ihre prahlerische Gelehrsamkeit stockfinster sein wird.
Damit genug! Im Übrigen verweisen wir den Leser auf Billy Brays Denkwürdigkeiten, verfasst von F. W. Bourne und herausgegeben vom Bible Christian Book Room, Paternoster Row 26.