Spurgeon, Charles Haddon - An der Pforte - Unnötige Fragen.

Spurgeon, Charles Haddon - An der Pforte - Unnötige Fragen.

In unsern Tagen ist ein einfacher, kindlicher Glaube sehr selten; das Gewöhnliche ist, nichts zu glauben, und alles in Frage zu stellen. Zweifel sind so reichlich wie Brombeeren, und alle Hände und Lippen tragen Flecken davon. Mir scheint es sehr sonderbar, dass die Menschen Schwierigkeiten aufstöbern in betreff ihres eigenen Heils. Wenn ich zum Tode verurteilt wäre, und einen Wink von Gnade hätte, so bin ich gewiss, ich würde nicht meinen Verstand brauchen, um Gründe ausfindig zu machen, weshalb ich nicht begnadigt werden sollte. Ich könnte es meinen Feinden überlassen, dies zu tun; ich würde mich in einer ganz andern Richtung umsehen. Wenn ich dem Ertrinken nahe wäre, würde ich lieber nach einem Strohhalm greifen, als einen Rettungsgürtel von mir wegstoßen. Gegen sein eigenes Leben aufzutreten, ist eine Art von Selbstmord in Worten, dessen nur ein Tor sich schuldig machen würde. Gegen deine einzige Hoffnung Beweisgründe beibringen, gleicht dem törichten Mann, der auf einem Ast saß und ihn abhieb, so dass er zur Erde fiel. Wer anders als ein Idiot würde das tun? Doch scheinen viele Menschen spezielle Anwälte für ihr eigenes Verderben zu sein. stöbern die ganze Bibel durch nach drohenden Sprüchen; und wenn sie damit fertig sind, so gehen sie zur Vernunft, zur Philosophie, zum Unglauben, um sich die Tür vor dem Gesicht zu verschließen. Gewiss, dies ist eine armselige Beschäftigung für einen vernünftigen Mann.

Viele, die nicht ganz von religiösen Gedanken wegkommen können, versuchen es heutzutage, den unbequemen Druck des Gewissens abzuwehren, indem sie die großen Wahrheiten der Offenbarung in Frage stellen. Natürlich müssen in der Bibel große Geheimnisse enthalten sein; denn wie kann der unendliche Gott so sprechen, dass alle seine Gedanken von endlichen Menschen gefasst werden können? Aber es ist der Gipfel der Torheit, diese tiefen Dinge erörtern zu wollen, und einfache seelenrettende Wahrheiten beiseite zu lassen. Es erinnert einen an die zwei Philosophen, die im Wirtshaus über die Ernährung disputierten und hungrig vom Tisch aufstanden, während der einfache Landmann am andern Tische keine Fragen tat, sondern Messer und Gabel mit großem Fleiße gebrauchte, und fröhlich seines Weges ging. Tausende freuen sich jetzt im HErrn, weil sie das Evangelium wie kleine Kinder angenommen; während andere, die stets Schwierigkeiten sehen oder erfinden können, die tröstliche Gewissheit des Heils immer noch nicht zu ergreifen vermögen. Ich kenne viele, sehr anständige Leute, die entschlossen scheinen, niemals zu Christo zu kommen, bis sie verstehen können, wie die Lehre von der Erwählung sich mit der freien Einladung des Evangeliums verträgt. Ich könnte gerade ebenso wohl beschließen, nie ein Stück Brot zu essen, bis es mir erklärt wäre, wie es ist, dass Gott mich lebendig erhält, und dass ich doch essen muss, um zu leben. Die Sache ist, dass die meisten von uns schon genug wissen, und dass das, was wir wirklich nötig haben, nicht Licht im Kopfe ist, sondern Wahrheit im Herzen; nicht Hilfe bei Schwierigkeiten, sondern Gnade, damit wir die Sünde hassen und Versöhnung suchen.

Hier lasst mich eine Warnung hinzufügen, gegen das Mäkeln am Worte Gottes. Keine Gewohnheit kann verderblicher für die Seele sein. Es ist einfach törichte Anmaßung, niederzusitzen und den Schöpfer zu korrigieren; das Herz wird dadurch nur immer verhärteter. Wer beim Lesen der Bibel nach Willkür dieselbe zerstückelt, wird bald allen Glauben verlieren. Das Gefühl der Ehrfurcht ist ein gesundes, aber der Hochmut, das von Gott eingegebene Wort zu bekritteln, zerstört jedes richtige Gefühl gegen Gott.

Wenn je ein Mensch fühlt, dass er eines Heilandes bedarf, nachdem er die Schrift in stolzem kritischem Geiste behandelt, so findet er sehr leicht, dass sein Gewissen ihm im Wege steht und ihn hindert, Trost zu schöpfen, indem es ihn an seine schlechte Behandlung des Wortes Gottes erinnert. Es kommt ihn schwer an, Trost aus Stellen der Bibel zu entnehmen, die er von oben herab behandelt, oder als der Beachtung unwürdig sogar ganz beiseite gesetzt hat. In seinem Elend scheinen die heiligen Sprüche seines Unglücks zu spotten. Wenn die Zeit der Not kommt, so geben die Brunnen, die er mit Steinen verstopft hat, ihm kein Wasser für seinen Durst. Hüte dich, wenn du ein Schriftwort verachtest, dass du nicht den einzigen Freund verwirfst, der dir in der Stunde der Angst helfen kann.

Ein Herr war gewohnt, sich jeden Morgen von seinem Diener ein Kapitel aus der Bibel vorlesen zu lassen. Wenn etwas nicht mit seinem Urteil zusammenstimmte, rief er strenge: „Hans, streiche das aus.“ Eines Tages dauerte es sehr lange, bis Hans anfing zu lesen. Er blätterte in dem Buche umher, bis sein Herr ausrief: „Hans, warum liest du nicht?“ Da antwortete Hans: „Herr, es ist kaum noch etwas übrig, es ist alles ausgestrichen!“ Einen Tag war dies, den andern das, dem Herrn nicht angenehm gewesen, und er hatte so viel ausstreichen lassen, bis nichts mehr übrig war, ihn zu trösten oder zu belehren. Lasst uns nicht durch scharfe Kritik unsre eignen Güter vernichten. Wir mögen morgen diese Verheißungen nötig haben, die heute unnötig scheinen; und jene Teile der Heiligen Schrift, die am meisten von den Ungläubigen angegriffen sind, mögen sich noch als wesentlich für unser Leben erweisen. Deshalb lasst uns das unschätzbare Kleinod der Bibel hüten, und beschließen, nie eine einzige Zeile davon aufzugeben.

Was haben wir mit dunklen Fragen zu tun, so lange unsre Seelen in Gefahr sind? „Der Weg, der Sünde zu entrinnen, ist deutlich genug, dass auch die Toren darauf nicht irren mögen.“ Gott hat unsrer nicht gespottet mit einem Heil, das wir nicht verstehen können. Glaube und lebe ist ein Gebot, das ein Kindlein begreifen, und dem es gehorchen kann.

„Zweifle nicht mehr, glaube nur,
Frage nicht, empfange nur;
Nagle an das Kreuz des Herrn
Alles, was von Ihm hält fern.“

Statt an der Schrift zu mäkeln, wird der, welcher vom Geiste Gottes geleitet wird, sich sofort Jesu anschließen. Wenn er sieht, dass so viele tausende anständige, vernünftige Leute auch angesehene Leute ihr Alles Christo anvertrauen, wird er dasselbe tun, und das fernere Aufschieben unterlassen. Dann hat er ein seliges Leben begonnen, er wird von Angst befreit sein, und wird die völlige Liebe erfahren, welche alle Furcht austreibt. Warum sollte der Leser das nicht augenblicklich tun? O, dass er es täte!

Ein Metzger in Newark, New Jersey, erhielt einen Brief aus seiner alten Heimat in Deutschland mit der Anzeige, dass ihm durch den Tod eines Verwandten eine beträchtliche Summe Geldes als Erbschaft zugefallen sei. Er war gerade daran, ein Schwein zu schlachten. Nachdem er den Brief gelesen, nahm er rasch seine schmutzige Schürze ab, und vollendete seine Arbeit nicht, sondern verließ die Werkstatt, um Vorbereitungen zu treffen für die Rückkehr nach Deutschland. Tadelt ihr ihn, oder meint ihr, dass er in Newark bei seinem Block und Hackmesser hätte bleiben müssen?

Seht hier die Wirkung des Glaubens. Der Metzger glaubte, was ihm mitgeteilt war, und handelte sogleich danach. Er war ein vernünftiger Mann!

Gott hat den Menschen seine Botschaft gesandt, die ihnen die frohe Nachricht vom Heil bringt. Wenn ein Mensch glaubt, dass die Botschaft wahr ist, so nimmt er den ihm angekündigten Segen an, und beeilt sich, ihn zu ergreifen. Wenn er wahrhaft glaubt, wird er sogleich Christum annehmen mit allem, was Er zu verleihen hat, wird von seinem gegenwärtigen bösen Wege umkehren und die Pilgerreise nach der himmlischen Stadt antreten, wo der volle Segen genossen werden soll. Er kann nicht zu früh heilig werden, oder zu früh die Wege der Sünde verlassen. Wenn ein Mensch wirklich sehen könnte, was die Sünde ist, würde er davor fliehen, wie vor einer tödlichen Schlange, und sich freuen, durch Christum Jesum von ihr befreit zu werden.

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