Spurgeon, Charles Haddon - An der Pforte - Schwierigkeiten, die dem Glauben im Wege stehen.
Es mag sein, dass der Leser es schwierig findet, zu glauben; aber er möge es nur näher überlegen. Wir können nicht durch einen unmittelbaren Akt glauben. Der Seelenzustand, den wir als Glauben beschreiben, ist ein Ergebnis, das auf gewisse frühere Seelenzustände folgt. Wir kommen allmählich zum Glauben. Es mag einen Glauben beim ersten Blick geben, aber gewöhnlich gelangen wir auf Stufen zum Glauben; wir fühlen ein Interesse, wir überlegen, wir hören Beweise, wir werden überzeugt und so zum Glauben geführt. Wenn ich also zu glauben wünsche, aber aus der einen oder andern Ursache finde, dass ich nicht dazu kommen kann, was soll ich tun? Soll ich dastehen wie die Kuh, die das neue Tor anstarrt; oder soll ich wie ein vernünftiges Wesen die geeigneten Mittel gebrauchen? Wenn ich etwas zu glauben wünsche, was soll ich tun? Wir wollen nach den Regeln der gesunden Vernunft antworten.
Wenn mir erzählt würde, der Sultan von Sansibar sei ein guter Mann, und dies zufällig eine Sache wäre, die mich interessierte, so nehme ich nicht an, dass ich es irgendwie schwierig finden würde, dies zu glauben. Aber wenn ich aus irgendeinem Grunde einen Zweifel daran hätte, und doch wünschte, die Nachricht zu glauben, wie würde ich handeln?
Würde ich nicht alle Erkundigungen, die ich nur könnte, über Seine Majestät einziehen, und versuchen, durch Lesen der Zeitungen und andrer Blätter die Wahrheit darüber zu erfahren? Noch besser, wenn er zufällig hier im Lande wäre und mich sehen wollte, und ich auch mit Mitgliedern seines Hofes und Bürgern seines Landes reden könnte, so würde ich dadurch, dass ich diese Quellen benutzte, leicht zu einer Entscheidung über die Sache kommen. Erwogene Beweise und erlangte Kenntnis führen hinauf zum Glauben. Es ist wahr, dass der Glaube an Jesum die Gabe Gottes ist; aber er gewährt sie gewöhnlich in Übereinstimmung mit den Gesetzen des Verstandes, und deshalb wird uns gesagt, dass „der Glaube aus dem Hören kommt, das Hören aber aus dem Wort Gottes.“ Wenn du an Jesum glauben willst, so höre und lies, was von. Ihm gesagt wird, denke an Ihn, rede zu Ihm, und dann wirst du finden, dass der Glaube in deinem Herzen aufsprießt, wie der Weizen, der hervorkommt durch die Feuchtigkeit und Wärme, die auf den gesäten Samen einwirken. Wenn ich wünschte, Glauben an einen gewissen Arzt zu haben, so würde ich Zeugnisse von seinen Kuren verlangen, ich würde wünschen, die Diplome, die seine medizinischen Kenntnisse bestätigten, zu sehen, und würde auch gern hören, was er über gewisse schwierige Fälle zu sagen hätte.
Hört viel von Jesu. Seelen kommen zu Hunderten zum Glauben an Jesum, wenn Er ihnen beständig und klar vor Augen gestellt wird. Wenige bleiben ungläubig unter einem Prediger, dessen großes Thema Christus der Gekreuzigte ist. Hört keinen Prediger einer andern Art. Es gibt solche. Ich habe von einem gehört, der in seiner Kanzelbibel ein Papier fand mit den Worten: „HErr, wir wollten Jesum gern sehen.“ Geht zum Gotteshause, um Jesum zu sehen, und wenn ihr nicht einmal seinen Namen erwähnen hört, so begebt euch an einen andern Ort, wo man höher von Ihm hält und wo es deshalb wahrscheinlicher ist, dass Er da gegenwärtig sein wird.
Lest viel von dem Herrn Jesu. Die Bücher der Schrift sind die Lilien, unter denen Er weidet. Die Bibel ist das Fenster, durch welches wir blicken und unsern Herrn Jesum sehen können. Lest die Geschichte Seines Leidens und Seines Todes mit andächtiger Aufmerksamkeit, und es wird nicht lange währen, bis der HErr in verborgener Weise den Glauben in eurer Seele anzünden wird. Das Kreuz Christi belohnt nicht nur den Glauben, sondern erzeugt ihn auch. Mancher Gläubige kann sagen:
„Seh' ich dich blutend und voll Schmerz
Am Kreuze hangen und verscheiden,
So glaubt alsbald mein zitternd Herz,
Dass du für mich so musstest leiden.“
Wenn Hören und Lesen nicht genügt, dann suche durch wiederholte Überlegung zur Gewissheit zu kommen. Glaube entweder oder wisse die Ursache, weshalb du nicht glaubst. Nimm die Sache durch, so sehr du es nur vermagst, und bitte Gott, dir zu helfen, eine gründliche Forschung anzustellen und zu einer ehrlichen Entscheidung nach dieser oder jener Seite hin zu kommen. Betrachte, wer Jesus war, und ob Seine Persönlichkeit Ihm nicht ein Recht auf dein Vertrauen gibt. Betrachte, was Er tat, und ob dies nicht auch ein guter Grund zur Zuversicht sein muss. Betrachte Ihn, wie Er stirbt, von den Toten aufersteht, gen Himmel fährt, und immerdar lebet und für Übertreter bittet; und sieh, ob dies Ihm nicht ein Recht auf dein Vertrauen gibt. Dann rufe Ihn an und sieh, ob Er dich nicht hört. Als Usher zu wissen wünschte, ob Rutherford in der Tat ein so heiliger Mann wäre, wie es gesagt ward, ging er als Bettler zu seinem Hause, erhielt dort ein Nachtquartier und hörte den Mann Gottes in der Nacht sein Herz vor dem HErrn ausschütten. Wenn du Jesum kennen willst, so komme Ihm so nah als möglich, indem du Seine Persönlichkeit erforscht und dich an Seine Liebe wendest.
Zu einer Zeit hätte ich Beweise nötig haben können, um an den Herrn Jesum zu glauben; aber jetzt kenne ich Ihn so gut, da ich Ihn erprobt habe, dass es sehr vieler Beweise bedürfte, bis ich an Ihm zweifelte. Es ist mir jetzt natürlicher zu trauen, als zu misstrauen. Dies ist ein Sieg der neuen Natur; es war nicht so zuerst. Der Glaube ist meistens anfangs noch schwach; aber ein Akt des Vertrauens nach dem andern macht das Glauben zur Gewohnheit. Die Erfahrung bringt dem Glauben Bestätigung.
Ich bin nicht vom Zweifel beunruhigt, weil die Wahrheit, die ich glaube, ein Wunder an mir gewirkt hat. Dadurch habe ich ein neues Leben empfangen, das mir einst fremd war. Es geht mir, wie dem Mann und seiner Frau, die seit Jahren in einem Leuchtturm wohnten. Ein Besuchender, der kam, um den Leuchtturm zu sehen, blickte aus dem Fenster über die Wasserwüste hinaus und fragte die Frau: „Sind Sie nicht bange bei Nacht, wenn der Sturm wütet, und die großen Wellen gerade über die Laterne spritzen? Fürchten Sie nicht, dass der Leuchtturm und alles, was darinnen ist, fortgerissen werden wird. Ich bin gewiss, ich würde bange sein, mich einem schlanken Turm inmitten der Wellen anzuvertrauen.“ Die Frau erwiderte, dass der Gedanke ihr jetzt niemals käme. Sie hatte so lange da gewohnt, dass sie sich eben so sicher auf dem einsamen Felsen fühlte, wie sie es je auf dem festen Lande getan. Und als ihr Mann gefragt wurde, ob er keine Sorge hätte, wenn ein Orkan tobte, antwortete er: „Ja, ich habe die Sorge, die Lampen gut rein zu halten und die Lichter brennend, damit kein Schiff scheitere.“ Was die Sorge um die Festigkeit des Leuchtturms oder seine eigene persönliche Sicherheit betraf, so hatte er das alles überwunden. Ebenso geht es dem gereisten Gläubigen. Er kann demütig sprechen: „Ich weiß, an welchen ich glaube, und bin gewiss, dass Er kann meine Beilage bewahren bis an jenen Tag.“ Hinfort mache mir niemand Mühe mit Zweifeln und Fragen; ich trage in meiner Seele die Malzeichen der Wahrheit und der Macht des Geistes, und ich will nichts mehr von euren verkehrten Schlussfolgerungen wissen. Für mich ist das Evangelium Wahrheit. Ich wage meiner Seele ewiges Geschick auf die Wahrheit des Evangeliums, und ich weiß, dass kein Wagnis dabei ist. Meine einzige Sorge ist, die Lichter brennend zu halten, damit ich andern dadurch nützen kann. Möge der HErr mir nur Öl genug geben für meine Lampe, so dass ich einen Strahl über das dunkle und trügerische Meer des Lebens werfen kann, und ich bin ganz zufrieden.
Nun, du ängstliche Seele, wenn es so ist, dass dein Prediger und viele andere, denen du Vertrauen schenkst, vollkommenen Frieden und Ruhe in dem Evangelium gefunden haben, warum solltest du es nicht? Ist der Geist des HErrn eingeengt? Tun nicht Seine Worte denen gut, die aufrichtig wandeln? Willst du nicht auch ihre errettende Kraft versuchen? Sehr wahr ist das Evangelium, denn Gott ist der Urheber desselben. Glaube es. Sehr mächtig ist der Heiland, denn Er ist der Sohn Gottes. Traue ihm. Sehr wirksam ist Sein teures Blut. Erwarte dadurch Vergebung. Sehr liebevoll ist Sein gnädiges Herz. Eile sofort dahin.
So möchte ich in den Leser dringen, Glauben zu suchen; aber wenn er nicht willig ist, was kann ich mehr tun? Ich habe das Pferd ans Wasser gebracht, aber ich kann nicht machen, dass es trinkt. Man gedenke indes hieran, der Unglaube ist eigenwillig, wenn einem Menschen Beweise vorgelegt sind, und er sich weigert, sie sorgfältig zu prüfen. Wer nicht wünscht, die Wahrheit zu kennen und anzunehmen, hat es sich selbst zu danken, wenn er stirbt mit einer Lüge in seiner rechten Hand. Es ist wahr: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden“; es ist ebenso wahr: „Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“
–