Spurgeon, Charles Haddon - An der Pforte - Erweckung.
Sehr viele Personen kümmern sich nicht um die ewigen Dinge. Sie sorgen mehr für ihre Katzen und Hunde, als für ihre Seelen. Es ist eine große Gnade, wenn wir dahin gebracht werden, an uns selber zu denken und daran, wie wir zu Gott und zu der ewigen Welt stehen. Dies ist sehr oft ein Zeichen des kommenden Heils. Von Natur lieben wir die Angst nicht, welche die Sorge um unser Seelenheil uns verursacht, und wir versuchen, wie die Faulen, wiederum zu schlafen. Dies ist große Torheit; denn wir tändeln auf unsere Gefahr hin, da der Tod so nahe und das Gericht so sicher ist. Wenn der HErr uns zum ewigen Leben erwählt hat, so wird Er uns nicht zu unserm Schlummer zurückkehren lassen. Wenn wir vernünftig sind, so werden wir beten, dass unsre Angst um unsre Seele niemals aufhören möge, bis wir wirklich und wahrhaft errettet sind. Lasst uns von Herzen sprechen:
„Er, der für mich hat leiden müssen,
Er soll mein Heiland sein,
Ich will von keinem Troste wissen,
Bis Er mir Trost spricht ein.“
Es wäre furchtbar, träumend hinab zur Hölle zu gehen, und dann die Augen aufzuheben, wenn die große Kluft zwischen uns und dem Himmel befestigt ist. Ebenso schrecklich ist es, wenn wir erweckt werden, dem zukünftigen Zorn zu entfliehen, und dann den warnenden Einfluss abschütteln und zu unsrer Gleichgültigkeit zurückkehren. Ich nehme oft wahr, dass diejenigen, welche ihre Gewissensregungen überwinden, und in ihren Sünden fortfahren, das nächste Mal nicht so leicht bewegt sind. Jede Erweckung, die nicht benutzt wird, lässt die Seele schlaftrunkener zurück, als sie vorher war und macht es weniger wahrscheinlich, dass sie wieder zu heiliger Empfindung angeregt werden wird. Darum sollte unser Herz sehr ängstlich sein bei dem Gedanken, seine Unruhe in irgendeiner andern als der rechten Weise los zu werden. Einer, der die Gicht hatte, wurde davon durch die Arznei eines Quacksalbers geheilt, welche die Krankheit nach innen trieb; und der Patient starb. Durch eine falsche Hoffnung von der Seelenangst geheilt zu werden, wäre eine schreckliche Sache; das Heilmittel würde schlimmer sein, als die Krankheit. Weit besser, dass die Zartheit unsres Gewissens uns lange Jahre der Angst verursacht, als das wir dieselbe verlieren und in unsrer Herzenshärtigkeit umkommen.
Indes ist die Erweckung nicht etwas, wobei man sich beruhigen oder wünschen könnte, dass sie von Monat zu Monat andauerte. Wenn ich jählings aufwache, und finde, dass mein Haus brennt, so setze ich mich nicht auf die Kante meines Bettes nieder und sage zu mir selbst: „Ich hoffe, ich bin wirklich aufgewacht! In der Tat, ich bin sehr dankbar, dass ich nicht fortgeschlafen habe!“ Nein, ich wünsche dem drohenden Tode zu entfliehen und eile deshalb zu der Tür oder zum Fenster, um heraus zu kommen und nicht da zu verbrennen, wo ich bin. Es wäre ein sehr zweifelhaftes Gut, erweckt zu sein und doch nicht der Gefahr zu entrinnen. Gedenkt daran, Erweckung ist nicht Errettung. Ein Mensch kann wissen, dass er verloren ist, und doch niemals errettet werden. Er kann zum Nachdenken gebracht sein, und dennoch in seinen Sünden sterben. Wenn du entdeckst, dass du bankrott bist, so wird die Betrachtung deiner Schulden diese nicht bezahlen. Ein Mensch kann seine Wunden das ganze Jahr lang ansehen, und sie werden der Heilung darum nicht näher sein, weil er ihre Schmerzen fühlt und ihre Zahl beachtet. Es ist ein Kunstgriff des Teufels, den Menschen in die Versuchung zu führen, sich mit einem Sündengefühl zu begnügen; und ein anderer Kunstgriff desselben Betrügers ist der, ihm die Vorstellung beizubringen, dass ein Sünder nicht Christo vertrauen dürfe, wenn er nicht ein gewisses Maß von Verzweiflung habe, um es dem vollendeten Werke des Heilandes hinzuzufügen.
Unsre Erweckung kann nicht dem Heiland helfen, sondern soll uns zum Heiland führen. Mir einbilden, dass mein Gefühl der Sünde dazu beitragen kann, die Sünde hinwegzunehmen, ist abgeschmackt. Es ist, als wenn ich sagte, Wasser könne mein Gesicht nicht reinigen, wenn ich nicht noch länger in den Spiegel sähe und die Flecken auf meiner Stirn zählte. Das Gefühl, dass man der Errettung durch Gnade bedarf, ist ein sehr gesundes Zeichen; aber man bedarf der Weisheit, um es richtig zu gebrauchen und nicht einen Götzen daraus zu machen.
Einige Leute scheinen förmlich verliebt in ihre Zweifel, Befürchtungen und Nöte. Man kann sie nicht davon hinwegbringen, sie scheinen damit verwachsen zu sein. Man sagt, die größte Not, die man mit den Pferden habe, wenn ihr Stall brennt, sei die, dass man sie nicht aus ihren Ständen heraus bringen kann. Wenn sie nur der Leitung folgen wollten, so könnten sie den Flammen entgehen; aber sie scheinen vor Furcht gelähmt. So hindert die Furcht vor dem Feuer ihre Flucht vor dem Feuer. Leser, wird deine Furcht vor dem zukünftigen Zorn, dich hindern, demselben zu entrinnen? Wir hoffen nicht.
Einer, der lange im Gefängnis gesessen, war nicht willig, herauszukommen. Die Tür war offen; aber er bat mit Tränen um die Erlaubnis zu bleiben, wo er so lange gewesen. Das Gefängnis lieben! An den eisernen Riegeln und der Gefangenkost hängen! Gewiss, mit dem Gefangenen muss es nicht ganz richtig im Kopfe gewesen sein! Bist du willig, ein Erweckter zu bleiben und nichts weiter? Begehrst du nicht, sofort Vergebung zu erlangen? Wenn du in Angst und Furcht verharren willst, gewiss, so musst auch du etwas von Sinnen sein! Wenn Friede zu haben ist, so habe ihn sogleich! Warum in der Dunkelheit der Grube bleiben, wo deine Füße im Schlamm versinken? Es ist Licht zu haben; wunderbares und himmlisches Licht; warum im Dunkel liegen und in Angst sterben? Du weißt nicht, wie nahe dir das Heil ist. Wenn du es wüsstest, so würdest du sicherlich die Hand ausstrecken und es nehmen, denn es ist da, und es ist zu haben, du brauchst es nur zu nehmen.
Denke nicht, dass Gefühle der Verzweiflung dich für Gottes Barmherzigkeit bereit machen würden. Als Bunyans „Pilger“ auf seinem Wege zur Pforte in den Sumpf der Verzweiflung fiel, meint ihr da, dass der an seinen Kleidern klebende, faule Schlamm dieses Sumpfes eine Empfehlung für ihn war, die ihm desto leichter Einlass am Ziele seines Weges verschaffte? Es ist nicht so; der Pilger dachte keineswegs so; und ebenso wenig darfst du es. Nicht das, was du fühlst, wird dich retten, sondern das, was Jesus fühlte. Wenn irgendeine heilende Kraft in den Gefühlen wäre, so müssten es doch wenigstens gute sein; und das Gefühl, das uns an der errettenden Macht Christi zweifeln lässt und uns abhält, das Heil in Ihm zu finden, ist keineswegs ein gutes, sondern ein schreckliches Unrecht gegen die Liebe Jesu.
Ein Freund ist gekommen, uns zu besuchen und ist durch unser von Menschen wimmelndes London mit der Eisenbahn, Pferdebahn oder dem Omnibus gefahren. Plötzlich erbleicht er. Wir fragen ihn, was ihm fehle und er antwortet: „ich habe meine Brieftasche verloren, und sie enthielt alles Geld, was ich in der Welt besitze.“ Er rechnet die Summe bis auf den Pfennig uns vor, beschreibt die Schecks, die Wechsel, die Banknoten und die Münzen. Wir sagen ihm, es müsste ihm ein großer Trost sein, dass er so genau mit dem Umfang seines Verlustes bekannt sei. Er scheint den Wert unserer Tröstung nicht einzusehen. Wir versichern ihm, dass er dankbar sein sollte, ein so klares Gefühl seines Verlustes zu haben; denn viele hätten ihre Brieftaschen verlieren können, ohne imstande zu sein, ihren Verlust zu berechnen. Unser Freund wird indes dadurch nicht im geringsten aufgeheitert. „Nein,“ sagt er, „dass ich weiß, was ich verloren, hilft mir nicht, es wieder zu gewinnen. Sage mir, wo ich mein Eigentum finden kann, dann hast du mir einen wirklichen Dienst erwiesen; aber das bloße Bewusstsein meines Verlustes ist durchaus kein Trost.“ Ebenso ist es ganz recht, zu glauben, dass du gesündigt hast und dass deine Seele der Gerechtigkeit Gottes verfallen ist; aber das wird dich nicht erretten. Die Errettung geschieht nicht dadurch, dass wir unser eigenes Verderben erkennen, sondern dadurch, dass wir völlig die in Christo Jesu bereitete Erlösung ergreifen. Ein Mensch, der nicht auf den Herrn Jesum blicken will, sondern beharrlich nur auf seine Sünde und sein Verderben, erinnert uns an den Knaben, der einen Schilling durch die Öffnung in einen Londoner Abzugskanal fallen ließ und stundenlang davor stehen blieb und Trost darin fand, zu sagen: „Er rollte gerade hier hinein; gerade zwischen diesen zwei eisernen Stangen sah ich ihn hinunter fallen.“
Der Arme! Lange kann er sich aller einzelnen Umstände seines Verlustes erinnern, ehe er auf diese Weise nur einen einzigen Pfennig in seine Tasche zurückbekommt, womit er sich ein Stück Brot kaufen kann. Ihr seht, worauf dies Gleichnis abzielt; lernt daraus.