Schlatter, Adolf - Der Galaterbrief - Gal. 4, 21-31. Zweierlei Söhne Abrahams.

Schlatter, Adolf - Der Galaterbrief - Gal. 4, 21-31. Zweierlei Söhne Abrahams.

Wer unter dem Gesetz sein will, der muss vor allem das Gesetz hören. Ihn muss die Bibel regieren. Sonst ist sein Gesetzesdienst bloß Heuchelei. Aber Paulus weiß recht gut, wie man die Bibel rühmen kann und doch mit ihr unbekannt ist, ja unwillig sie zu verstehen. Mehr noch: Paulus ist sicher, dass, wer vom Glauben abtritt zum Gesetz, die Schrift nicht hört. Noch weniger tut er das Gesetz; aber er leiht ihm nicht einmal das Ohr. Denn das Gesetz weist über sich selbst empor; es handelt ja an uns als unser Zuchtmeister zu Christus hin.

Die Schrift zeigt uns zwei Kinder Abrahams, Ismael und Isaak, und diese sind verschiedener Art. Ihre Mütter sind verschieden. Die eine ist die Magd, die andere die Freie. Und die Weise ihrer Geburt ist verschieden. Ismael ist in des Fleisches Weise geboren. Der natürliche Wunsch, ein Kind zu haben, fand hier auf dem natürlichen Wege, wie jeder Mensch erzeugt wird, die Befriedigung. Isaak dagegen ist durch die Verheißung erzeugt. Ihn erhielt Abraham darum, weil ihm Gott einen Sohn versprach. Das göttliche Versprechen war die schaffende Macht, durch die der zum Greis gewordene Abraham Isaaks Vater ward. Habt ihr Gesetzesleute, fragt Paulus, das je gehört, so nämlich, dass ihr's bedacht hättet? Nein! Das steht für euch umsonst in der Bibel. Wie könntet ihr sonst so blindlings von Abrahams Kindern reden und mit eurer Abrahamskindschaft prunken, während es doch zweierlei Söhne Abrahams gibt! Ihr habt euch noch nie gefragt, wem ihr gleicht, ob ihr zu Ismael oder Isaak gehört, und euch noch nie sagen lassen, dass die wahren Abrahamskinder durch die Verheißung geboren werden und nicht Söhne einer Sklavin, sondern einer Freien sind.

Nehmt ihr das Zeugnis des Gesetzes an, so wisst ihr, dass die rechten Kinder Abrahams dadurch geboren werden, dass Gott nach seiner allmächtigen Gnade sie ins Leben ruft. Dann wäret ihr gläubig, und eure eigene Gerechtigkeit wäre weg; dafür wäre Christi Verheißung der Eckstein eures Lebens und ihr wäret frei. Ihr Gesetzesleute wollt auf andere Weise Abrahams Kinder sein, als es Isaak war, auf dem Weg des Fleisches, weil ihr aus Abrahams Fleisch und Blut hervorgegangen seid, und als die Knechte, also in der Weise Ismaels. Und doch sagt euch das Gesetz bündig, was solche Abrahamskinder vor Gott gelten. Doch ihr hört das nicht.

Bis hierher lässt Paulus direkt die Geschichte selber reden. Isaak war eine Schöpfung der allmächtigen Gnade Gottes; das ist die Tatsache, die er mit der vollen Wucht apostolischen Geistes den Gesetzesleuten entgegenhält. Er legt bis hierher die Schrift nicht anders aus, als wie er z. B. auch Abrahams Rechtfertigung aus Glauben geltend macht. Er zieht einfach aus der Geschichte die Lehre, die in ihr enthalten ist. Die Tat Gottes zeigt, nach welcher Regel er fährt. Nicht die Macht der Natur, nicht die Kraft des Fleisches, sondern Gottes Verheißung und das Wort seiner Gnade hat Isaak gemacht. Das ist eine sprechende Gottestat, ein Zeichen, das mit hellem Licht unser aller Stellung vor Gott überstrahlt und uns in die Bahn des Glaubens stellt.

Doch nun fährt er fort: Darin liegt noch ein anderer verborgener Sinn. Jene Frauen sind zwei Testamente, V. 25. Er geht damit über die Geschichte Abrahams hinaus und verbindet sie mit dem, was nachher geschehen ist, so dass sie ein Spiegel wird, in welchem der spätere Gang der Dinge bereits sichtbar ist. Jene Geschichte und Gottes späteres Walten stehen miteinander in Zusammenhang. Es besteht zwischen ihnen Verwandtschaft und Ähnlichkeit. Was hernach kam, ist dort bereits vorgebildet, und das gibt jener Geschichte einen neuen höheren Sinn.

Aber wie kommt er von den beiden Müttern in Abrahams Hause zu den beiden göttlichen Testamenten und Bündnissen?1) Das scheint ja ein willkürlicher Sprung. Zweierlei Kinder Abrahams gab es eben nicht bloß zu Abrahams Lebzeiten. Auch jetzt stehen jene beiden so gänzlich verschiedenen Arten von Kindern Abrahams nebeneinander. Immer wieder, z. B. eben damals wieder in Galatien, gibt es unter seinen Kindern Knechte und Freie, aus dem Fleisch und aus der Verheißung geborene. Woher kommen diese zweierlei Kinder Abrahams? Daher, weil es zwei Testamente Gottes gibt und nicht nur eins. Gottes Bund und Testament stellt uns an den Ort, an welchem wir vor Gott stehen. Darum ist dasselbe der Mutter vergleichbar. Wie von der Mutter her das Kind seine Art und Stellung empfängt, so erhalten wir sie durch den Bund, in dem wir uns befinden, und durch das Testament, das uns gegeben ist. Ob ich ein Knecht bin oder ein Freier, und auf die Weise des Fleisches oder durch die Verheißung mit Abraham verbunden bin, das hängt davon ab, in welchem Testament ich stehe. Wie es damals zwei verschiedene Söhne Abrahams gab, weil es zwei verschiedene Mütter gab in seinem Haus, so gibt es jetzt zwei verschiedene Klassen von Kindern Abrahams, weil Gott zwei verschiedene Bünde gestiftet hat.

Dass es zwei Testamente Gottes gibt und nicht nur eines, das war der Stein, an welchem die jüdischen Leute strauchelten. Sie blieben am ersten Testament Gottes hängen und rühmten sich dessen und verachteten um seinetwillen Gottes neues Testament. Seht, sagt Paulus, was in Abrahams Haus geschah. Hagar hat ihm freilich einen Sohn geboren; aber dabei lässt es Gott nicht bewenden. Jetzt erst kommt noch die Stunde, wo auch Sarah einen Sohn empfängt, und erst dieser ist das rechte Kind Abrahams vor Gott. Die beiden Frauen Abrahams bereiten euch darauf vor, dass auf den Alten Bund noch ein neuer folgt, und zu jenen Kindern, welche im Alten Bund erzeugt werden, noch andere kommen, welche die rechten Kinder sind.

Wie kommt es denn, dass es in Israel Knechte gab, die an der Freiheit keinen Anteil hatten? Das macht dasjenige Testament, welches Gott am Sinai gegeben hat. Das Gesetz kann keine freien Kinder gebären; es gebiert in die Knechtschaft hinein. Wer das Gesetz zur Mutter hat, so dass er nichts anderes hat, als was das Gesetz ihm gibt, der bleibt ein Sklave ewiglich. Wir wissen ja schon aus manchem Wort des Briefs, in welchem Sinn und wie mächtig das Gesetz in die Knechtschaft führt, und dies darum, weil es gebunden ist an die Fleischesart. Das Gesetz hob zwar eine heilige Gemeinde aus den übrigen Völkern heraus, aber das war noch ein Naturgewächs, auf Fleisch gestellt, durch natürliche Verwandtschaft mit Abraham verbunden, anders nicht; sie war noch kein geistliches Gewächs, noch nicht das Werk der Gnade, die über der Natur und von ihr frei sich Kinder schafft. Darum ist das Gesetz vom Sinai die Hagar, eine Mutter von Knechten in des Fleisches Kraft, und diese Hagar ist die Mutter vieler Kinder; sie stirbt nicht und ihre Kinder sind ohne Zahl.

Auch die Lage des Sinai hat der Apostel hervorgehoben, damit die Hagar das Bild des Gesetzes sei. Ismael wuchs in Arabien zum großen Volk heran; aber diese arabischen Kinder Abrahams schloss kein Jude in die Verheißung ein; sie standen ja gänzlich neben der heiligen Geschichte draußen. Nun aber hat Gott in Arabien, eben dort, wo der knechtische Sohn der Hagar wohnt, das Alte Testament verordnet. Israel hat das Gesetz empfangen in der Heimat Ismaels. Und vielleicht2) hat er auch ein arabisches Wort „Hagar“ im Sinn, welches Fels und Berggipfel bedeutet. Hört nur, sagt er, wie die Araber ihren Berg benennen. Was ihr vom Sinai bekommt, das habt ihr buchstäblich von der Hagar. So heißt ja der Sinai dort. Doch ist weder die Lage noch der Name des Bergs der wesentliche Grund, um deswillen das Gesetz eine neue Hagar ist, sondern der wesentliche Grund liegt darin, dass das Gesetz so wenig als die Hagar ein freies Kind gebären kann.

Und nun fügt Paulus zum Berg der Gesetzgebung das jetzige Jerusalem hinzu, die Stadt, wo das Gesetz regiert. Der Sinai, sagt er, steht neben dem jetzigen Jerusalem, natürlich nicht auf der Landkarte, sondern in der inneren Verknüpfung der Geschichte nach der göttlichen Haushaltung. Am Sinai hat Gott geordnet, was das jetzige Jerusalem werden kann. Es war bestimmt, die Stadt zu sein, wo man Gott nach dem Gesetze dient, und empfängt deshalb nicht mehr, als was ihm das Gesetz verschaffen kann. Der Gesetzesbund, der Gesetzesberg und die Gesetzesstadt, das alles steht auf derselben Lebensstufe. Dieselbe göttliche Ordnung gestaltet alle drei. Und in all dem hat die Hagar ihr Ebenbild.

Auch Jerusalem ist eine Mutter. Diesen Fortgang des Bildes verstand jeder Bibelleser leicht. Die prophetischen Schriften vergleichen ja Jerusalem beständig einer Mutter, deren Kinder ihre Bürger sind. Jerusalem war das Herz und Zentrum Israels; dort besaß die alttestamentliche Gemeinde ihre sichtbare Vereinigung. Die Gemeinde ist aber die Mutter ihrer Glieder; sie erzeugt dieselben in ihrem Schoß, wie ja auch wir von den „Kindern unseres Volkes“ sprechen. Allein Jerusalem kann seinen Kindern nicht mehr geben, als es selber hat: Es ist mitsamt seinen Kindern im Knechtes stand.

Jerusalem hat so wenig als die Hagar je einen Freien geboren, je einem Menschen in des Geistes Kraft das Leben gegeben. Die wahrhaftigen Güter hat es nicht.

Die Verheißung ist nicht ihm zugefallen. Das ewige Leben ist nicht erschienen in seinen Mauern. Es ist nicht die Wohnung der echten Kinder Gottes, die zum Vater herzugerufen sind. Die alte Gemeinde ist eine Magd, und ihr Leben Frondienst. Sie müht sich mit dem Buchstaben und der Satzung; ihr Gottesdienst ist ein Schatten, noch nicht Wahrheit, ihr Reichtum ein Bild und noch nicht Wesen und Kraft. Sie quält sich unter dem Gesetz der Sünde und unter dem Zepter des Todes. Sie dient und wartet, bis das neue kommt.

Wenn der Apostel von einem jetzigen Jerusalem spricht, so denkt er zugleich an ein künftiges, an eine künftige Stadt Gottes, in der Gottes große Gemeinde versammelt ist. Dieselbe wird alsdann eingegangen sein in Gottes Frieden, hält den Reichtum der göttlichen Gabe in ihrer Hand, schaut Gott von Angesicht und lebt in der Fülle des ewigen Geistes.

Diese ist frei.

Doch der Blick auf die Zukunft wird nur angedeutet. Der Apostel lenkt unsern Blick nicht von der Gegenwart ab. Es steht nicht so, dass es jetzt nur Kinder der Sklavin gäbe und erst hernach Kinder der Freien, als ob jetzt erst die Hagar vorhanden wäre und Sarah noch nicht geboren hätte. Nein! schon jetzt hat nicht nur Hagar Kinder, sondern auch Sarah hat Samen erlangt.

Wer sind Sarah und ihre Kinder? Das sollen wir nun verstehen, nachdem uns die Hagar gezeigt worden ist, auch ohne dass alle Punkte der Vergleichung vom Apostel aufgezählt werden. Sarah ist das Neue Testament Gottes, das uns Christus bringt, die Erfüllung der Verheißung in der Gnade Christi. Dieses Testament erzeugt wie Sarah durch göttliche Gnade und Gabe freie Kinder. Die Gnade Christi macht frei und gibt das Leben in des Geistes Kraft, und das allein sind die echten Kinder Abrahams.

Aber wo ist die Stadt, in der diese freie Gemeinde ihre Heimat und Vereinigung hätte? Das alte Israel hatte sein Jerusalem, und sein Herz hing an ihm. Nach Jerusalem schaute sein Auge bei jedem Gebet. Nach Jerusalem zu pilgern war der Ruhm seines Lebens, und sie wurden nicht müde auf Jerusalems Erhöhung zu hoffen. Die neue Gemeinde hat ihr Auge vom jetzigen Jerusalem abgewandt. Sie hat es fahren lassen als eine Stadt, von der kein Stein auf dem andern gelassen wird. Sie hat deswegen keine Stadt auf Erden mehr, sondern ist zerstreut und verborgen in der Welt. Ist sie nicht ärmer geworden als das alte Israel? Darum weil in diesem Stück die Kinder der Sarah denjenigen der Hagar nachzustehen scheinen, darum erläutert Paulus an seiner Vergleichung ausdrücklich diesen einen Punkt und zeigt uns die Stadt Gottes, die der Sarah und dem Neuen Bund entspricht: Das Jerusalem aber, das droben ist, ist frei, und das ist unsere Mutter, V. 26.

Vom jetzigen Jerusalem ging der Blick zunächst hinaus auf das Jerusalem, das künftig ist. Aber das künftige ist bei Gott schon gegenwärtig. Es ist droben und das jetzige ist drunten. Das künftige ist das himmlische. Für uns ist es deshalb erst zukünftig, weil wir von ihm noch geschieden sind durch jenen festen Verschluss, der uns in unserer irdischen Natur festhält und alles himmlische uns unsichtbar macht. Aber über unserer niederen Region ist nicht Leere und Öde. Gottes Nähe ist nicht leer; er wohnt in einer großen Stadt, die lauter Leben ist, in der Mitte unendlicher Werke, die dem ewigen Geiste entstammen, unter unzählbaren Kindern, für die er viele Wohnungen hat. Dort ist das wahrhaft königliche Haus seines Gesalbten und derer, die ihm untergeben sind, und dort der rechte Tempel, in dem ihm seine echten Priester dienen. Was ihr verlassen habt, sagt Paulus, als ihr Jerusalem fahren ließet, das ist nur das niedere, auf die Erde verpflanzte Bild des himmlischen Baues. Dort ist die Freiheit daheim, und das ist unsere Mutter. Von dort stammt unser Leben. Denn Christus kommt von oben und bringt uns das himmlische Gut. Von oben herab wird der Glaube in uns geboren und der Geist uns geschenkt.

So hat Gott gehandelt nach seinem Wort beim Propheten Jes. 54, 1. Der Prophet sah zwei Frauen, die eine unfruchtbar, kinderlos und ohne Mann, die andere mit Mann und Kindern begabt. Aber nicht diese ist die glückliche und kinderreiche, sondern der selige Jubel und die große Kinderschar fällt derjenigen zu, die unfruchtbar und einsam war. So ging's in Abrahams Haus. Hagar gebar, als Sarah noch ohne Hoffnung war. So ging's mit den beiden Bünden Gottes. Das Gesetz kam, ehe der Herr der Verheißung erschien. So ging's zu des Propheten Zeit; das alte, reiche, blühende Jerusalem ging unter, und die kleine, arme, gefangene Schar in Babylonien ward Gottes Volk. So ging's zu Jesu Zeit. Das große, stolze Israel der Hohepriester und Schriftgelehrten sank dahin, und aus der kleinen, verachteten Jüngerschar ward Christi ewiges Reich und großes Volk. Überall geht das Irdische dem Himmlischen zunächst voran und überdeckt es mit seinem Schatten. Es scheint groß und stark, und das, was von oben kommt, arm und klein, eben weil es seine Kraft und seinen Reichtum noch droben hat. Allein hier gilt im höchsten Sinn, dass man den Tag nicht vor dem Abend loben soll. Der Ausgang macht offenbar, was von unten und was von oben ist.

Groß und stolz stand damals noch Jerusalem auf Erden und rühmte sich, Gottes Stadt zu sein, und verachtete die, welche Jesu dienten. Die jüdischen Leute in Galatien urteilten ebenso. Auch ihnen erschien die Gemeinde, die sich auf Geist und Glaube gründete, als ein armes, unfruchtbares und verlassenes Weib. Darum beredeten sie die Heiden, sich nach der irdischen Stadt umzusehen als nach ihrer Heimat und Burg. Es gilt aber, nach dem Wort der Schrift die verlassene Mutter für seliger zu achten, als die stolze, und Christo Glauben zu halten, dass das, was durch ihn von oben kommt, größer ist, als was von unten ist, und dass Gott denen die Herrlichkeit und Freude geben wird, die durch Geist im Glauben wandelten.

Diesen Spott und Trotz derer, die das suchen, was auf Erden ist, zeigt uns die Schrift schon in Abrahams Haus. Gleich als sich die Nachkommenschaft Abrahams zu spalten begann, entstand zwischen beiden Teilen Streit. Ismael hat nichts gemerkt von der Würde und Größe, die dadurch Isaaks Eigentum geworden ist, dass er nicht auf dem Wege des Fleisches, sondern des Geistes geboren ward. In des Geistes Weise ist er geboren, weil der Grund seiner Geburt Gottes Verheißung war, die durch Geist ins Herz seiner Eltern geschrieben ward, so dass sie Glauben fand, und die auch zur Erfüllung kam durch des göttlichen Geistes belebende Macht. Aber Ismael beugte sich nicht vor der Hoheit des göttlichen Waltens, für das er kein Auge besaß. Wie Geist und Fleisch allezeit wider einander sind, so auch dazumal. Das wiederholt sich jetzt wieder in den Gemeinden. Die, welche doch nur fleischliche Kinder Abrahams sind, schelten die in Glaube und Geist lebenden: „ihr seid ja bloß gläubig! ihr seid nicht beschnitten; beschneidet euch!“ Aber die Schrift zeigt uns schon an Ismael den Ausgang dieses Kampfs. Die Magd und ihr Sohn werden weggetrieben und gehen leer und ohne Erbe weg. Das wird allen Abrahamskindern begegnen, die auf ihr Fleisch sich verlassen. Denn das Himmelreich erben nur die, welche für Gott durch den Geist geboren sind.

Wo haben wir nun unsern Platz? Wir sind in Isaaks Weise der Verheißung Kinder. Gottes gnadenreiches Wort hat uns zu Kindern gemacht, und darauf allein stützen wir uns. Und um seiner Verheißung willen werden wir nicht hinausgestoßen mit der Sklavin, sondern Gott hat uns herzugerufen, damit wir seine himmlische Gabe empfangen. Also sind wir der Magd, dem Gesetz, dem irdischen Jerusalem nicht mehr verbunden, sondern gehören der Freien, dem Bund Christi und der wahrhaftigen im Himmel gegründeten Gemeinde an. Das ist unser Platz, den Jesus uns verliehen hat.

Das ganze Gemälde hatte mit jedem Zug für die Galatischen Gemeinden ergreifende Wahrheit. Ihr strebt darnach, Abrahams Kinder zu sein. Gut! aber besinnt euch doch: was wollt ihr werden, ein Ismael oder ein Isaak? Ihr wendet euch zum Sinai; das ist Ismaels Land. Ihr heißt das Gesetz Gottes Testament; ja wohl! dasjenige, welches in die Knechtschaft führt. Ihr erkauft euch um einen schweren Preis das Bürgerrecht im jetzigen Jerusalem: das ist die dienende Magd. Ihr habt nicht genug an Gottes Verheißung: sie hat den Isaak gemacht und macht alle freien Kinder Gottes. Ihr verachtet das Testament der Gnade: es ist dasjenige, das Freiheit gibt. Ihr verleugnet den Geist, der Glauben schafft: nach dem Geist ward Isaak geboren. Ihr stört die Glaubenden auf ihrem Weg und sprecht ihnen ihr Erbe ab: eben dies tat Ismael, aber es gelang ihm nicht. Denn das Fleisch verwelkt und was drunten ist, vergeht; was aber droben ist, das bleibt.

Die Auslegung der Patriarchengeschichte, die uns der Apostel damit gegeben hat, ist wahrhaftig keine Spielerei, sondern voll von durchdringender Wahrheit, ein lösendes Wort für alle Zweifel und Verirrungen, die uns aus dem Glaubensweg hinauslocken.

1)
Ich brauche beide Worte, weil keines derselben für sich allein die Meinung des Apostels völlig widergibt. Das Wort, welches er braucht, war ursprünglich der Name für das Bündnis. Aber Paulus schaut dabei nicht mehr auf das Zusammenwirken zweier Parteien, die selbständig durch ein Bündnis sich vereinigen, sondern er denkt an die königliche Verfügung Gottes, an die Festsetzung des göttlichen Willens, durch welche uns zugeteilt ist, was uns Gott geben will. Insofern ist Testament der bessere Ausdruck. Nur ist er deshalb nicht ganz passend, weil nicht an den Tod dessen gedacht ist, der die Verfügung trifft. Das Testament ist die Willenserklärung des lebendigen Gottes, durch die er unsere Stellung vor ihm bestimmt.
2)
Ich sage „vielleicht“, weil die alten Bibeln die folgenden Worte verschieden geben. Entweder sagt Paulus: denn der Berg Sinai ist in Arabien; dann hat er nur auf die Lage des Berges hingewiesen, dass Israel das Gesetz nicht im Lande der Verheißung gegeben ward. Oder Paulus hat gesagt: denn der Name Hagar ist der Berg Sinai in Arabien. Dann denkt er an ein arabisches Wort Hagar.
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