Schlatter, Adolf - Der Brief an die Epheser - Heiden macht Christus zu seiner Gemeinde.

2, 11-22.

2, 11. 12: Deshalb behaltet im Gedächtnis, dass vordem ihr, die Heiden am Fleisch, die ihr von denen Vorhaut genannt werdet, die die Beschneidung heißen, die am Fleisch mit der Hand vollzogen wird, dass ihr zu jener Zeit ohne Christus von Israels Bürgerrecht geschieden und den Bünden, die die Verheißung haben, fremd und ohne eine Hoffnung und ohne einen Gott in der Welt gewesen seid.

Weil die Epheser nicht durch ihre Werke und nicht zu ihrem eigenen Ruhm, sondern durch Gottes Gnade in die Gemeinde Jesu gekommen sind, deshalb lässt ihnen Paulus nicht zu, dass sie ihren früheren Zustand vergessen und sich bloß daran freuen, dass es jetzt mit ihnen völlig anders geworden ist, sondern der mächtige Gegensatz zwischen dem, was sie waren, und dem, was sie jetzt sind, soll ihnen immer deutlich bleiben, damit ihnen die Größe der Wohltat Jesu vor Angen stehe und ihr Dank stets seine volle Kraft behalte. Aus demselben Grund hat er ihnen im vorangehenden die dunklen Dinge vorgehalten, die ihre frühere Lebenszeit erfüllten, nicht damit ihre Zuversicht dadurch geschwächt sei, vielmehr dazu, damit ihr Glaube mit Gewissheit auf Christus gewendet sei und ihre Dankbarkeit für seine Gnade groß werde. Darum bringt Paulus jetzt auch den Gegensatz, der sie, die früher Heiden waren, von den Juden trennte, nach seiner ganzen Schärfe zur Darstellung.

„Vorhaut“ ist der Name, mit dem Israel sie belegte, das vor Christus allein Gottes Offenbarung und Verheißung besaß, und mit diesem Namen war ihnen die Gemeinschaft verweigert. Zwar war damit nur auf einen Unterschied am Leib hingewiesen, und die, die sich die Beschneidung heißen, machen damit noch nichts für sich geltend, was wirklich groß und wertvoll wäre, weil ihre Beschneidung bloß von außen und künstlich durch die Operation an einem Glied des Leibes hergestellt ist. Aber auch dieser zunächst nur äußerliche Unterschied hatte seine tiefe Bedeutung und durchgreifenden Folgen. Er stellte fest, dass für sie ohne Christus, ehe sie seine Berufung empfingen, in der durch Gottes Offenbarung gewordenen Gemeinde kein Raum vorhanden war. Der Eintritt in sie war ihnen versagt. Deshalb hatten sie auch keinen Anteil an jenen Bundesschlüssen, die mit göttlicher Geltung das Fundament der alten Gemeinde bilden, mit denen die göttlichen Verheißungen so verbunden waren, dass sie nur denen galten, die unter jenen Verordnungen standen. So waren die Epheser auf das beschränkt, was sich die Menschheit durch ihre natürliche Regsamkeit zu verschaffen vermag, waren nichts mehr als Glieder der Welt, so arm wie diese, ratlos vor dem Tod und vor der Schuld, stumm vor der Frage, wohin ihr Weg sie führe, ohne Ausblick auf ein Ziel, das in einer göttlichen Verheißung seine Verbürgung hätte. Die tiefste Not, die daraus für sie entstand, war die: sie hatten keinen Gott. Viele Götter hatten sie, eben darum keinen. Sie bekamen zwar jetzt von den Heiden oft den Vorwurf zu hören: sie hätten keinen Gott, weil in ihren Häusern kein Götterbild mehr stand und es bei ihnen keine Tempel gab. Aber nicht jetzt, sondern damals, als sie Heiden waren, hatten sie keinen Gott. Diesem ihrem früheren Stand, aus dem es für sie ohne Christus keinen Ausweg gab, stellt nun Paulus das gegenüber, was ihnen Jesus erworben hat.

2,13: Nun aber im Christus Jesus seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, in die Nähe gebracht worden durch das Blut des Christus.

Paulus denkt an Jes. 57, 19, an die Verheißung, dass einst den Fernen und den Nahen das Heilswort gebracht werde. Nun ist sie erfüllt. Dies ist dadurch zustande gekommen, dass Christus dafür sein Blut gegeben hat. Die Beseitigung der Schranke, die früher die Gemeinde umschloss, ist durch den Tod Jesu geschehen; durch ihn erwarb er sich das Recht zur Berufung der Heiden.

2,14: Denn er selbst ist unser Friede, der aus den Zweien eins machte und die als Zaun dazwischenstehende Wand, die Feindschaft, mit seinem Fleische abgebrochen hat.

Nicht der Jude hat sich mit dem Heiden versöhnt, noch der Heide mit dem Juden. Sie konnten es auch nicht, denn sie waren nicht nur durch ihre Laune oder Hoffart geschieden, sondern durch die Weise, wie Gott ihre Geschichte geordnet und jedem seinen Platz bestimmt hatte. Daher stand zwischen ihnen eine Wand, die als Zaun die alte Gemeinde einhegte, und den Heiden den Zutritt zu ihr verschloss. Was aber dem Menschen unmöglich war, hat Christus getan. Mit ihm kam der Friede, der die beiden entzweiten Teile der Menschheit vereinigt hat. An ihm haftet er, an seinem Kommen und an seinem Werk und seiner Herrschaft. Denn er hatte die Vollmacht, den Zaun abzutun, dadurch nämlich, dass er sein Fleisch und damit sein irdisches Leben in den Tod dahingegeben hatte. So lange auch er im Fleisch lebte, war er als Jude selbst unter das Gesetz gestellt, für Israel gesendet und von den Heiden geschieden; weil er aber sein Fleisch an das Kreuz gab, da war er frei für alle, von der Gebundenheit an Israel los, fähig Heiden und Juden zu berufen, für beide der Spender einer neuen Gnade und der Schöpfer einer neuen Menschengestalt. Der Auferstandene ist nicht mehr ein Jude, darum auch nicht mehr ein Widersacher der Heiden, nicht mehr ein Prediger der Beschneidung, die am Fleisch geschieht. Er hat den Vorzug des Juden in den Tod gegeben, als er selber starb, und damit der Welt den Gewinn erworben, dass er nun für alle als aller Heiland lebt.

Es bedarf aber noch einer tieferen Erwägung, damit wir ganz verstehen, warum erst mit dem Sterben Jesu die Scheidewand fiel, die bisher die Heiden von der geheiligten Gemeinde abgeschieden hat. Die Feindschaft hat er mit seinem Fleisch beseitigt,

2, 15a: da er das Gesetz der Gebote mit den Satzungen abgetan hat.

Durch das Gesetz entstand der Zwiespalt zwischen den Juden und den Heiden. Dieses verbot dem Juden, dem Heiden die Hand zu reichen, und verschloss dem Heiden die Türe, wenn er zum Bund und zur Verheißung Gottes herzutreten wollte. Die Trennung zwischen ihnen konnte nicht eher überwunden werden, als bis das Gesetz unwirksam gemacht und zu seinem Ende gebracht war. Dazu hat aber Christus das Kreuz getragen, damit dem Gesetz gegeben sei, was ihm gebührt, der ganze Gehorsam und die vollständige Erfüllung, und jetzt erst als Lohn für sein Sterben hat er am Gesetz nicht mehr die Schranke seines Heilandsamts. Nun ist er auch in Israel der Heiland derer, die das Gesetz verklagt, und unter den Heiden derer, die das Gesetz ausschloss.

Das Gesetz war darum für die Heiden ein Hindernis, weil es aus bestimmten Geboten, die die Geltung von festen Satzungen hatten, bestand. Diese Gebote setzten das fest, was nur Israel als seinen Dienst Gott darzubringen hatte. Der Jude konnte diese Gebote nicht brechen, weil das Auflehnung gegen Gott gewesen wäre, und der Heide konnte sie nicht annehmen; denn nicht das war Gottes Meinung, dass alle Völker Juden würden. Daher schufen diese Satzungen eine unaufhebbare Kluft zwischen ihnen und der musste zuerst kommen, der das Recht hatte, nicht im Streit mit Gott, sondern im Gehorsam gegen ihn, nicht nach eigener Willkür, sondern zur Verherrlichung Gottes das Gesetz abzutun. Das konnte nur der Christus und er nur als Gekreuzigter, dadurch dass er die Satzung und das Gericht des Gesetzes auf sich nahm in jenem Gehorsam, den er in der Dahingabe seines Bluts vollzogen hat.

Nun stand er über dem Gesetz im Vermögen etwas Neues zu beginnen. Denn warum hat er das Gesetz abgetan?

2, 15 b. 16: damit er aus den beiden einen einzigen neuen Menschen schaffe, als der, der Frieden wirkt, und die beiden im selben Leibe mit Gott durch das Kreuz versöhne als der, der die Feindschaft an sich selbst getötet hat.

Sein Beruf ist, aus dem Juden einen Menschen zu machen, der aus Christus Leben, Geist und Liebe schöpft, und aus dem Heiden einen Menschen zu machen, der ebenso am Christus den hat, der ihn begabt und regiert. So entsteht hier ein neuer Mensch, und zwar ein einziger, nicht hier ein anderer als dort, weil es hier und dort derselbe Christus ist, der beide erfasst, zu sich zieht und auf seinen Weg leitet. Darum, weil beide im Christus leben, gilt, dass hier weder Jude noch Heide mehr ist und sie zwischen sich zum Frieden kommen. Die natürliche und volkstümliche Mannigfaltigkeit, mit der Gott alle Zweige am Baum der Menschheit ausstattet, ist damit nicht zerstört; nur sind das jetzt nicht mehr Unterschiede, die in unser Verhältnis zu Gott hinausreichen und uns darum im Gewissen mit einer unaufhebbaren Scheidung voneinander trennen. Diese Unterschiede stehen tief unter der Berufung Jesu, die sich an alle wendet, und durch sie breitet sich der Friede über alle aus.

Das wäre freilich nicht möglich, wenn nicht beide mit Gott in den Frieden gebracht würden. Die Einigkeit zwischen den beiden Hälften der Gemeinde ist durch ihre Versöhnung mit Gott bewirkt. Am Kreuz des Christus wird offenbar, dass alle im Streit mit Gott stehen, sowohl der Jude, als der Heide, alle der Versöhnung bedürfen, durch die sie in Gottes Liebe eingeführt werden. Eben dazu ist der Christus gestorben und hat das Gesetz abgetan, damit diejenige Feindschaft gestillt sei, die die Wurzel aller Zerwürfnisse und Zwietracht ist, die, welche den Menschen wider Gott und Gott wider den Menschen setzt. Jetzt nachdem der Jude sich nicht mehr zum Streit gegen Gott erhebt, um ihm seine eigene Gerechtigkeit aufzudrängen, ihm seine Sünde durch seinen Gottesdienst lieb zu machen und seine Wohltaten als ihm gehörig nur für sich und sein Volk zu fordern, nun, da er darauf verzichtet hat, mit Gott zu hadern, dafür erkannt hat, dass ihm Gott eine Gnade erwiesen hat, die den in der Sünde Toten mit Christus in das Leben versetzt, nun ist er auch imstande, dem Heiden die Bruderhand zu geben nicht mit hohler Gebärde und unwahren Worten, sondern in einem echten Frieden, der aus demjenigen fließt, den Gott ihm mit sich selbst bereitet hat. Ebenso hat nun der Heide allen Spott, Groll und Bitterkeit gegen den Juden verlernt, weil ihm dieser auch gegen Gott aus dem Herzen genommen ist und er den erkennt, der ihn aus dem Hader mit Gott heraus in seine Gnade hinüberhob. Damit ist allen dargereicht, was ihnen zum Frieden miteinander hilft. Im Blick auf Jesu Kreuz reichen sich die Menschen die Hand, weil sie dort Gottes Hand erfassen, die ihre Schuld abtut und ihnen die Gnade bietet. Jeder sieht hier sein altes Wesen gerichtet und abgetan; jeder hat aber auch eine neue Zukunft vor sich, in die er unter Jesu Leitung tritt. So hat Christus für uns alle der Feindschaft mit seinem eigenen Leibe, als er sich selbst in den Tod gab, den Tod gebracht.

2, 17.18: Und er kam und hat Frieden verkündet euch, die ihr fern ward, und denen, die nah waren, weil wir durch ihn beide im selben Geist zum Vater die Hinzuführung haben.

Als er seinen Leib in den Tod gab, ging er weg von uns, aber er kam nicht nur in den Ostertagen zu den Jüngern wieder, sondern als der unsichtbare Begleiter seiner Boten und Erfüller seines Worts zur ganzen Christenheit. Er kam zu ihr nach dem prophetischen Wort als Friedensbote, weil er alle, Juden und Heiden, zum einen Vater hinzuführte, so dass sie sich im Glauben und Gebet an ihn halten dürfen, weil sie nichts mehr von ihm scheidet, kein Gesetz, keine Verurteilung, kein Zorn und Unwille Gottes, der ihnen den Zugang zu ihm verwehrte. Dass wir Gott in gläubiger Gewissheit kennen und haben, das gibt uns Christus durch den Geist. Dieser ist aber wieder nicht ein zwiespältiger oder vielfacher Geist, sondern der eine, eben der seine, der durch Jesu Gegenwart und Gnade in uns ist. Wie er mit dem einen Leibe, den er in den Tod gab, für alle die Versöhnung hergestellt hat, so beruft er auch alle durch den einen Geist, durch den er ewig lebt und herrscht, zu Gott, womit allen gegeben ist, was ihnen nötig ist, damit sie miteinander im Frieden stehn.

So kann nun Paulus in einem mächtigen Schlusssatz beschreiben, was die Epheser daran haben, dass sie zu derjenigen Gemeinde gehören, die durch Jesu Kreuz entstanden ist.

2, 19-22: Also seid ihr nicht mehr Fremdlinge und Beisassen, sondern Mitbürger der Heiligen und Angehörige Gottes, da ihr auf die Grundmauer der Boten und Propheten aufgebaut seid, wobei Christus Jesus ihr Eckstein ist, in dem jeder Bau ineinander gefügt zu einem heiligen Tempel im Herrn heranwächst, in dem auch ihr mit zum Bau verwendet werdet für die Wohnstätte Gottes im Geist.

Nun haben sie mit denen, die durch die Berufung zu Gott geheiligt sind, dasselbe Recht und denselben Platz und werden Gott nicht anders finden, als wie er sich zu allen seinen Heiligen von jeher hielt und halten wird. Nun gehören sie zu denen, die als Gottes Kinder sein Haus bilden und mit ihm verbunden sind. Wie es sich mit dem Haus verhält, das aus den Angehörigen besteht, zeigt nun Paulus dadurch, dass er die andre Bedeutung von „Haus“, wobei an die Wohnung gedacht wird, als Gleichnis benützt.

Die unterste, den Oberbau tragende Mauer sind Jesu Boten, durch die die Gemeinden entstanden sind, die im Glauben an Christus vereint sind, und durch die auch die Epheser als lebendige Steine in diesen Bau eingefügt worden sind. Mit ihnen sind die Propheten der Christenheit vereint, weil durch sie der Gemeinde Gottes Wille bezeugt worden ist, dass sein Wort auch zu den Heiden gebracht werde1). Darum haben sie wirksam dazu mitgeholfen, dass die alle vereinende Kirche entstanden ist. Von denen, die das Wort Jesu zuerst erhielten und sagten, unterscheidet Paulus sodann die, die es von ihnen im Glauben übernommen haben, die in seinem Gleichnis durch diejenigen Bausteine dargestellt sind, die auf die untersten Mauern hingelegt sind. Jesu Platz und Amt in diesem Bau beschreibt er mit dem Wort aus Jes. 28, 16: er sei der Eckstein, von dem die Festigkeit des Hauses abhängt, weil er das Gefüge der Mauer herstellt. Er gibt den vielen Boten, die sein Wort sagen, die Einheit und die unverlierbare Autorität, und der ganzen Gemeinde ihren sichern Bestand und ihre Verbundenheit miteinander. Wo immer darum so gebaut wird, dass Gottes Haus entsteht, da ist der Bau von ihm erfasst und mit der übrigen Christenheit innerlich vereint in Kraft des großen Friedenswerks, das aus seinem Versöhneramt fließt. Weil aber jeder Bau, oder ohne Bild: jede Gemeinschaft von Christen in allen ihren einzelnen Vereinigungen von Ort zu Ort und Volk zu Volk mit ihm verbunden ist, darum können sie auch zu einem heiligen Tempel heranwachsen, der das in Wahrheit ist, was Israels Tempel figürlich war. In ihnen hat Gott seine Gegenwart und Offenbarung; durch sie entsteht seine Anbetung. Dabei sollen die Epheser nicht nur an Gottes großes Werk in der gesamten Menschheit denken, sondern sich mit dankbarem Herzen sagen, dass hier von ihnen selber die Rede ist, nicht nur von dem, was Christus anderswo für andre tut, sondern von dem, was sie selbst von ihm empfingen. Darum richtet Paulus den letzten Satz an die Epheser. Sie selber sind im Christus mit in diesen Bau eingefügt, dessen Wesen und Zweck darin besteht, dass Gott hier wohne und gegenwärtig sei, dadurch nämlich, dass sein Geist hier wohnt und waltet.

Das bildet den Besitz der Gemeinde, auch wenn Paulus gefangen ist und stirbt. Sie ist nicht um des Apostels willen gegründet, sondern um Gottes willen, nicht zur Verherrlichung des Paulus, sondern zur Wohnstätte Gottes, und hat darum an dem, was sie empfangen hat, den mächtigen Grund zur vollen Freudigkeit und Dankbarkeit, auch jetzt, wo sie über das betrübt sind, was dem Apostel widerfuhr. Damit hat sich Paulus den Weg zu dem bereitet, was er ihr seiner Lage wegen zur Stärkung gegen jeden Anstoß sagen will.

1)
Die andre Deutung, dass Paulus hier an die alttestamentlichen Propheten denke, weil er die alt- und neutestamentliche Gemeinde als einheitliches Werk Gottes vor Augen habe, hat 3, 5 gegen sich.
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