Schlatter, Adolf - Der Brief an die Epheser - Die Anleitung zum Dank für die empfangene Gabe.
1, 3-14.
1,3: Gepriesen ist der Gott und Vater unsres Herrn Jesus Christus, der uns mit jedem geistlichen Segen mit Himmlischem im Christus gesegnet hat. Zuerst leitet Paulus die Gemeinde zur dankbaren Anbetung Gottes an, die sich auf den Reichtum seiner Gabe gründet. Der Segen, mit dem sie Gott preist, ist in demjenigen Segen begründet, den Gott ihr gewährt hat. Wenn wir Gott „segnen“, so verkünden wir dankbar seine Gnade und Gabe; wenn er uns „segnet“, so spricht er aus, was uns seine Güte verleiht, mit welchen Gaben er uns beschenkt und ausrüstet. Ein solcher Segen Gottes hat die schaffende Macht in sich und ist nicht nur ein Wunsch oder eine Verheißung, sondern bringt uns, was er uns zuspricht. Wenn Gottes Fluch gegen einen Menschen ergeht, so scheidet er ihn von Gott und entzieht ihm seine Gaben, durch die wir das Leben haben; wenn sein Segen zum Menschen kommt, so zieht er ihn in seine Liebe und Gemeinschaft hinein und gibt ihm seine Gaben. Darum entsteht unser Preis Gottes, mit dem wir ihn segnen, daraus, dass er uns gesegnet hat.
Jeden Segen, den Gottes Geist an uns erfüllt, weil er uns diejenigen Gaben zuteilt, die uns der Geist zuträgt, haben wir empfangen. Damit beschreibt uns Paulus den Wert der Gabe, die Gottes Segen uns verleiht, weil es eine unvergleichliche Wohltat ist, dass uns Gott das gewährt, was durch seinen Geist in uns entsteht. Zugleich bezeichnet er dadurch auch die Grenze, über die der Christenstand noch nicht hinausgelangt. Denjenigen Segen haben wir ganz, der uns durch den Geist zu eigen wird, nicht auch schon das, was uns in unserem leiblichen Stand und auswendigen Geschick den Reichtum der göttlichen Gabe sichtbar macht. Hier stehen wir noch unter dem Gesetz des Todes und haben es vielfach nicht bloß am Weltlauf, sondern auch in unsrer eigenen Lebensgeschichte vor Augen, wie sich Gottes scharfes Recht gegen den Menschen kehrt und ihn in das Elend und Sterben führt. Sehen wir aber auf das, was uns Gott inwendig gewährt und durch seinen Geist in unsern Geist hineinlegt, so haben wir lauter Segen vor uns und den Grund zu einer vollen Dankbarkeit.
Denn das, was himmlisch ist, gab uns Gott, und deshalb hat sein Segen die geistliche Art an sich. Denn der Geist stiftet Verbundenheit mit Gott und verschafft uns damit den Besitz dessen, was himmlisch ist. Das Leben und die Herrlichkeit der Himmlischen stammt daher, dass Gott in offenbarer Herrlichkeit bei ihnen ist. Gott haben, heißt daher: das empfangen, was nicht auf der Erde entsteht und die irdische Art an sich hat, sondern was himmlisch ist. Nicht jede irdische Hilfe, nicht jeden leiblichen Gewinn versprach Paulus der Gemeinde, dafür aber mehr als dies, nämlich das, was das Wesen und die Seligkeit der Himmlischen ausmacht und somit das Beste, Innerlichste und Bleibende von dem ist, womit Gott an uns seine Liebe offenbart. Dieser Segen, der in der Verborgenheit, aber auch in der Macht des Geistes das, was den Himmel erfüllt, in uns bewirkt, ist uns in Christus gegeben, der selbst im vollkommenen Sinn im Geist sein Leben hat und das Himmlische besitzt. Darum verschafft die Berufung zu Christus der Gemeinde, dass sie jeden göttlichen Segen hat und das Himmlische erlangt.
Weil dieses Wort des Danks einen unermesslichen Inhalt umspannt, legt es nun Paulus auseinander durch eine Übersicht über die Wohltaten, die uns Gott durch Christus erwiesen hat. Erstens hat er uns in ihm erwählt mit der Bestimmung, dass wir zur Sohnschaft Gottes gelangen; sodann hat er uns in ihm unsere Sünden vergeben und uns aus der Not befreit, in die wir durch sie gebunden waren; weiter hat er uns das Verständnis für seinen Willen gegeben, so dass wir das Ziel seiner Regierung über uns und über der Welt wahrnehmen, das in der Erneuerung aller Dinge in Christus besteht, und endlich hat er uns zu seinem Eigentum gemacht, und uns dadurch, dass wir sein Wort erhielten, seinen Geist gewährt, der uns die vollkommene Erlösung verbürgt.
Dabei geht die Absicht des Apostels darauf, dass wir Gott als den Urheber und das Ziel aller dieser Gaben vor Augen haben, und die Einsicht in uns befestigen, dass hier nicht wir oder sonst ein Mensch, sondern einzig Gott, er aber auch in der Herrlichkeit seiner Gottheit wirksam sei. Daher wiederholt Paulus in dieser Aufzählung den Satz, dass all dies seinen Grund allein im Wohlgefallen Gottes und sein Ziel in Gottes Verherrlichung habe. Wenn es die Gemeinde fasst, dass es Gott ist, der in der Hoheit seines eigenen Willens und zum Preis seiner Herrlichkeit an ihr handelte, dann kann sie nichts von Jesus trennen, weil sie sein Wort mit nichts mehr vertauschen oder vergleichen kann. Das, wodurch Gottes Wille und Gottes Verherrlichung an uns geschieht, hat für uns die absolute Wichtigkeit. Darum kann sie die Gefangenschaft des Apostels in ihrem Christenstand nicht stören, weil er nicht auf dem Willen oder Werk des Apostels beruht, sondern auf Gottes eigener Gnade, die ihr durch Gottes Wirken widerfahren ist. Wird Paulus durch die Gewalt der Menschen weggerafft: keine menschliche Gewalt zerbricht Gottes Willen und Werk.
Die Größe dessen, was wir in Christus empfangen haben, spricht Paulus zuerst dadurch aus, dass er über die Geschichte zum anfangenden Willen Gottes aufwärts schaut. Weil es wirklich Gottes Gnade ist, die sich uns geschenkt hat, so beginnt sie nicht erst an einem bestimmten Tag, nicht erst mit einem auf Erden vollbrachten Ereignis, und wird noch weniger durch unser eignes Wirken hervorgebracht, sondern steht vor der Gründung der Welt. Denn was Gottes ist, das ist älter als die Welt. Deshalb beschreibt Paulus den uns geschenkten Segen zuerst durch die uns erwählende Gnade Gottes.
1,4-6: da er uns ja in ihm vor der Gründung der Welt erwählte, heilig und ohne Makel vor ihm durch die Liebe zu sein, dadurch dass er uns durch Jesus Christus zur Sohnschaft für sich zuvor bestimmt hat nach dem Wohlgefallen seines Willens zum Preis der Herrlichkeit seiner Gnade, mit der er uns im Geliebten begnadet hat. Wir sollen uns bei unsrer Berufung zu Christus nicht vorstellen, dass dadurch etwas völlig Neues entstehe, woran Gott früher nicht gedacht habe; sie enthüllt uns vielmehr das, was in der ewigen Gemeinschaft des Christus mit dem Vater seinen Grund von jeher besaß. Ewig ist seine Liebe auf uns gerichtet, so dass der Schöpfungsrat mit dem Gnadenrat Gottes vereinigt ist. Denn Gottes Liebe, die uns zur Gemeinschaft mit ihm auswählt, hat in seinem ewigen Sohn, der durch seine Gottheit bei ihm ist, nicht nur das sie vollführende Organ, sondern auch den sie tragenden Grund.
Den Vordersatz zu dieser Gewissheit bildet die Überzeugung, dass Christus nicht erst durch seine menschliche Geburt entstand, sondern in einer vollständigen, über alle irdischen Grenzen erhabenen Gemeinschaft mit dem Vater lebt. Diese Überzeugung, die für Paulus völlige Gewissheit besaß, bestimmt sein ganzes Verhältnis zu Jesus und alle Aussagen über Gottes Werk. Weil aber Christus von Ewigkeit her der Geliebte ist, so gibt ihm Gottes Liebe auch sein Amt und Werk, und umfasst auch seine Gemeinde, die er im Verlauf der irdischen Geschichte schaffen wird, auch die Brüder, die er durch sein Sterben und Auferstehen für sich gewinnt und mit sich vereint. Deshalb gelangt Paulus durch Jesus zur Gewissheit einer Liebe Gottes, die uns vor der Gründung der Welt erkoren hat.
Als was stellt uns Gott vor seinen ewigen Blick? Was macht er zum Merkmal für unsern Lebensstand? Als die Heiligen, die von jedem Makel befreit sind, stehen wir vor seinem Auge. Das hält Paulus nicht für eine Last, vor der wir erschrecken dürften; dem, der hierin ein Unglück sähe, würde er sagen: er widersetze sich noch unbußfertig dem Evangelium. Die Christenheit hat ihre Lust nicht am Bösen, sondern daran, dass Gottes heilige Art an ihr sichtbar wird, weil er sie mit sich verbunden hat. Sie hegt und schützt ihre Flecken nicht, sondern sieht in ihnen ihre Schande und Not. Darin wird der Segen Gottes offenbar, durch den wir zur Anbetung geführt sind, dass er uns von Anbeginn an als die Heiligen kennt, weil aus dieser Absicht der göttlichen Erwählung mit Sicherheit folgt, dass sie sich an uns erfüllen wird. Es ist kein leeres Wort, dass wir nicht im Streit mit Gottes Willen bleiben, sondern zu derjenigen Lebensgestalt gelangen, die der haben muss, der durch Gott lebt. Denn dazu hat uns Gott erwählt und wir werden das sein, wozu wir von Gott erwählt worden sind. Unsre Heiligkeit und Reinheit hat ihr Merkmal daran, dass sie uns vor Gott zukommt, nicht durch menschliches Lob und Urteil, die hier nichts gelten, sondern nach Gottes Maß, das allein für unser Verhältnis zu ihm und für unser ewiges Leben Geltung hat. Sie hat weiter ihr Merkmal daran, dass sie uns durch die Liebe zuteilwird. Gottes Erwählung führt uns nicht dazu, dass wir geschieden von ihm und getrennt voneinander seien, so dass wir in uns selbst verschlossen nichts andres begehrten als unser eignes Glück. Sie gilt der Gemeinde, die mit Gott und miteinander verbunden ist. Deshalb wird sie uns in Christus verliehen, weil er die durch die Liebe vereinte Gemeinde schafft. Darum ist die Liebe, die uns zu Gott und zu den Brüdern wendet, unsre Heiligkeit; sie ist das, was vor Gott rein ist und keinen Makel hat.
Wie uns Paulus Röm. 8, 29 das auf uns gerichtete Erkennen Gottes durch die Bestimmung deutlich macht, die er uns gab, so zeigt er uns auch hier, was Gottes Erwählung uns verleiht, an unsrer Bestimmung. Seine erwählende Gnade macht sich im Ziel sichtbar, das sie uns steckt. Durch die Annahme an Sohnes Statt treten wir in die Stellung, die er uns im Verhältnis zu ihm und zur übrigen Schöpfung verordnet hat. Damit, dass er es zu unsrer Bestimmung machte, als seine Söhne vor ihm zu leben, gab er uns seine erwählende Gnade. Zu ihm selbst hin werden wir in die Kindschaft versetzt. Als Sohn von ihm aufgenommen sein, bedeutet, dass er sich selbst uns zugänglich, bekannt und verbunden macht, so dass wir wie der Sohn beim Vater, bei ihm und für ihn leben. Darum ist uns unsre Vorbestimmung im Christus gegeben; denn wie er selbst der Sohn ist, so besteht auch sein Amt und Werk an uns darin, dass er aus uns Gottes Söhne macht.
Hierfür lässt sich in nichts anderem die Ursache suchen als allein im Wohlgefallen seines Willens, allein in seinem königlichen, freien Entschluss, der uns solches nach seiner eigenen Güte zugeteilt hat. Ebenso kann das Ziel unsrer Bestimmung nur darin bestehen, dass offenbar und gepriesen werde, was für eine Herrlichkeit seiner Gnade eigen ist. Damit der strahlende Reichtum seiner Größe an uns sichtbar werde, deshalb ist dies Gottes Wille über uns, dass er uns zur Kindschaft für ihn verordnet hat.
Das ist nicht nur sein verborgener Wille in seiner ewigen Art, von dem wir nur durch eine Verheißung Nachricht hätten, sondern aus der Erwählung ist die vollendete Tat entstanden, die uns zum Erlebnis geworden ist. Christus ist nicht mehr nur in seinem ewigen Leben im Vater der Grund und Träger einer uns geltenden göttlichen Liebe, sondern er ist zu uns gekommen, hat sie uns gebracht, mit der Tat erwiesen, und zu unserm Besitz gemacht. Im Geliebten Gottes, im ersten, ewigen und herrlichen Empfänger der göttlichen Liebe, hat sie auch uns erfasst, und wie groß die in ihm uns geschenkte Gnade ist, das erkennen wir daran, dass er uns in die Sohnschaft führt, durch die wir vor Gott heilig sind.
Ist uns nicht schon damit das volle Evangelium gesagt? Kann Paulus noch fortfahren, die göttliche Gnade noch höher führen und noch reicher vor uns entfalten? Ja; denn damit, dass Jesus die göttliche Gnade uns so bringt, dass wir sie empfangen und erleben, tritt sie an unsre Sünde heran, und damit kommt noch ein neuer, wichtiger Punkt zur Sprache, der uns die Größe der göttlichen Gnade nach einer neuen Seite fühlbar macht. Dadurch wird deutlich, was uns die irdische Arbeit Jesu erworben hat. Weil uns schon unsre Erwählung in Christus gegeben ist, darum wird uns auch alles Weitere, was sich auf die ewige Gnade Gottes aufbaut, in ihm zuteil, so dass der Preis der Gnade Gottes fortwährend zum Preis Jesu, und zur Verkündigung seiner Wohltat wird.
1,7: in dem wir die Erlösung durch sein Blut haben, die Vergebung für die Fehltritte, nach dem Reichtum seiner Gnade. Aus dem Bösen entsteht für uns der Zustand der Knechtung und Gebundenheit, weil aus der Sünde eine Schuld wird, die die Strafe auf uns legt. Es gibt kein Wohlgefallen Gottes am Bösen; darum bewirkt es uns die Geschiedenheit von Gott, seinen Unwillen und Widerstand gegen uns, Ohnmacht und Tod. Aus dieser Haft, in die uns das Böse bringt, führt uns Christus heraus; an ihm haben wir den, der uns von Schuld, Zorn und Gericht freizumachen vermag, und diese unsre Freisprechung hat er durch sein Blut bewirkt. Am irdischen Werk Jesu hebt Paulus sein Sterben als das Wirksamste und Kostbarste heraus, weil uns Jesus mit der Preisgabe seines Bluts und der Übernahme des Tods die Vergebung erworben hat. Gottes Verzeihen deckt unsre Verfehlungen zu, lässt die Liebe und Gemeinschaft ihretwegen nicht fallen, sondern stiftet sie über sie hinweg neu. Nicht anders können wir zur Sohnschaft gelangen, nicht anders vor Gott als die Heiligen und Makellosen stehen, als so, dass uns Verzeihung verschafft wird. Diese ist uns aber als die Frucht des Todes Jesu gewährt.
Das ist wieder nicht ein Erfolg der menschlichen Frömmigkeit oder der Arbeit der Christenheit, sondern ein Erweis der vollkommenen Gnade Gottes. Nicht ihre Schwäche hat bewirkt, dass Jesus den Kreuzesweg ging, als bedürfte Gott Jesu Blut, damit die Gnade in ihm erwache, sondern ihr Reichtum hat sich darin erwiesen, dass er durch den Tod seines Sohnes uns die Erlösung bereitete. Seine Gnade, die sich nie mit Bösem befreundet und es nie an uns hegt und schützt, bietet uns eine solche Vergebung an, die die Sünde nicht übersieht und begünstigt, sondern in ihrer ganzen Fluchwürdigkeit offenbart und richtet, und dennoch alle ihre Folgen tilgt und uns Gottes Liebe in neuer Vollkommenheit verschafft.
Mit der Darbietung der Erlösung hat uns Gott sofort noch eine weitere Gabe gereicht, nämlich die Erkenntnis, die seinen Willen sieht. Dass uns das Blut des Christus die Verzeihung erwarb, das würden wir nie entdecken und darum auch nie erlangen, wenn uns die Gnade nicht zugleich das Wort gäbe, durch das uns Gottes Werk gedeutet und die Weisheit gegeben wird, die es versteht. Das ergibt den dritten Punkt, den Paulus zur Beschreibung der göttlichen Gnade stellt.
1, 8-10: die er an uns durch jede Weisheit und Einsicht groß machte, da er uns das Geheimnis seines Willens kundtat nach seinem Wohlgefallen, das er bei sich für die Verwaltung der Fülle der Zeiten festgesetzt hat, alles im Christus zu seinem Bestand zu bringen, sowohl das, was in den Himmeln, als das, was auf der Erde ist. Wie uns die Schuld gegen Gott in einen Zwiespalt bringt, der das Gegenteil zur Kindschaft ist, so scheidet uns auch die Unwissenheit und Blindheit von ihm, während es das Merkmal des Sohnes ist, dass er den Vater kennt und seinen Willen versteht. Bliebe uns dieser unbekannt, so könnten wir ihn nicht lieben, noch ihm dienen und gehorchen. Darum gehört es zu der in der Erwählung gegründeten überreichen Gnade, dass sie uns weise und verständig macht.
Wie kann Paulus von „jeder Weisheit“ sagen: sie sei von Gott uns dargereicht? Er denkt an die vereinigte Gemeinde, nicht bloß an diesen oder jenen Christen, der freilich oft nur eine geringe Erkenntnis hat; und doch braucht deshalb keiner die ihm nötige Weisheit zu entbehren, weil das, was ihm fehlt, andern gegeben ist und er von ihnen lernen und sich unterweisen lassen kann. Die Epheser haben auch nicht in eigener Erkenntnis ihr Verständnis des Christus und seines Rats gewonnen, sondern verdankten es der Weisheit des Apostels, der sich samt den andern Boten Gottes in dieses „wir“ mit einrechnet, denen das Geheimnis des göttlichen Willens enthüllt worden ist, vgl. 3, 3. Das, worauf es hier ankommt, ist die Gegenwart des Worts in der Gemeinde, das ihr Gottes Regierung und das Ziel seines Werkes zeigt und sie seinen Willen finden lehrt. Was für eine Gnadengabe uns auch damit verliehen ist, macht uns ein Rückblick auf den früheren Stand der Menschheit deutlich. Sie hat bisher den Willen Gottes nicht gekannt, den wir jetzt kennen; er blieb ihr ein Geheimnis, das auch im prophetischen Wort noch nicht so ausgesprochen war, dass es ihr zur Erkenntnis gekommen wäre. Auch hier hat nicht der Mensch das Verdienst, diesen Fortschritt bewirkt zu haben, als könnten wir uns in das Verständnis des göttlichen Geheimnisses hinaufschwingen, und es Gott nehmen, ohne dass er uns die Erkenntnis seines Willens gäbe. Er allein machte als die Gabe seiner Gnade sein Geheimnis offenbar, und auch nachdem es seine Regierung vor uns enthüllt hat, behält es die undurchdringliche Art einer göttlichen Festsetzung, die wir sehen, weil sie ausgeführt ist, wissen, weil sie offenkundig in der Geschichte vor uns steht, aber nicht erklären können anders als so, dass wir darin den Vorsatz erkennen, den Gott in Kraft seiner eigenen göttlichen Vollmacht bei sich selber festgestellt hat.
Dieser Vorsatz Gottes hat angeordnet, was bei der Erfüllung der Zeiten geschehen soll, die dann voll geworden sind, wenn sie das ihnen geordnete Maß erreichten und keine längere Frist und Dehnung mehr einzutreten hat. Über dem Geschichtslauf steht das ihn überschauende und ordnende Auge Gottes, das ihm das Maß und Ziel gegeben hat. Weil uns unsre Vorbestimmung im Christus gegeben ist und sie durch ihn zur Wirklichkeit werden wird, so ist dieses Vollsein der Zeiten mit seiner Offenbarung und Herrschaft gegeben. Es gilt daher in gewissem Sinn, dass die Fülle der Zeiten eingetreten ist, weil Christus gekommen und gegenwärtig ist, vgl. Gal. 4, 4, und zugleich, dass sie noch nicht voll geworden sind, sondern sich noch weiter dehnen und weiter wachsen müssen, da sie ihre Vollendung erst mit der neuen Offenbarung Jesu erhalten. Aber in beiden Beziehungen gibt dieselbe Veranstaltung der Zeit die Vollendung, weil es in beiden Beziehungen Christus ist, der den Lauf der Zeit und Geschichte zu ihrem Ziele bringt. Der Ausdruck „Verwaltung“ ist vom Hauswesen entlehnt, das durch eine geordnete Verwaltung im Gang erhalten und für seinen Zweck fruchtbar gemacht wird. So hat Gott auch für den Moment, in dem die Zeiten des Hoffens und langsamen Wachsens fertig sind, seine Einrichtung getroffen, durch die nun sein Wille an der Menschheit geschieht und alles in der Welt zu seinem Ziele fruchtbar wird. Zu wissen, wohin Gottes Wege gehen, was seine Verwaltung aus der Menschheit macht und wohin er sie führt, das macht uns weise. Durch diese Weisheit werden wir zu seinem Dienst geschickt und lernen als seine Söhne seiner Leitung folgen. Ehe es bekannt war, wie Gott die Vollendung der Zeiten herbeiführen und was er dann tun werde, blieb sein Wille für alle ein unerforschliches Geheimnis; jetzt dagegen schauen wir, was seine Regierung schafft.
Gott hat uns als seinen Willen für die Vollendung der Zeit geoffenbart, dass im Christus alles seine wesentliche Endgestalt erhalte. Das Gleichnis, das Paulus verwendet, ist von dem hergenommen, der eine längere Rede oder vieles umfassende Darstellung dadurch zusammenfasst und vollendet, dass er den entscheidenden Hauptpunkt heraushebt und das Wesentliche an ihr deutlich macht. Wenn die Vollendung der Zeiten eintritt, kommt in allem die Hauptsache und der wesentliche Kern ans Licht. Was nur vorbereitende Dienste tat, ist dann erledigt und abgetan. Nun braucht es kein Gerüst mehr, der Bau ist da; die Blätter können welken, denn die Frucht ist reif. Das nun offenbar gewordene Geheimnis besteht aber darin, dass alles im Christus zu seinem von Gott gewollten Sinn und Ziel und bleibenden Bestand gelangt. Für alles ist das Verhältnis zu Christus das Entscheidende, und das Ziel nur durch die Verbundenheit mit ihm zu gewinnen. Alles andere erweist sich als nebensächlich, vergänglich und unwirksam. Was die Welt ist, was Gott mit der Gründung der Menschheit wollte, wozu er die alttestamentliche Gemeinde schuf, was Jesu irdische Arbeit sollte, wozu er die Christenheit macht, ja sogar, was die himmlischen Geister sind und wozu sie bei seinem Throne stehen und bei seiner Regierung mitwirken: alles erhält dadurch seine bleibende Gestalt und seinen deutlichen Sinn, dass es seinen Platz durch die Herrschaft des Christus bekommt und ihm als Werkzeug dient. Dies zu wissen, macht weise und verständig. Wir kennen dadurch für unsre eigene Lebensführung und für jede Arbeit, die wir an anderen tun, das Ziel, auf das sie gerichtet sein muss, damit sie fruchtbar sei und Bleibendes schaffe, was Gottes Regierung für sich hat und von ihr erhalten werden wird. Was leerer Schein ist und was echte Wirklichkeit hat, was vergehen muss und was bleibt, was ein Irrweg menschlicher Torheit und eitle Mühsal ist, und was unvergängliche Frucht schafft, das lernen wir an uns und andern dadurch unterscheiden, dass wir im Christus den kennen, der allem die fruchtbare Lebendigkeit und ewige Vollendung gibt.
So hat uns Paulus den göttlichen Segen schon reichlich ausgelegt, und ist doch mit ihm noch nicht zu Ende. Dass es durch Jesu Kreuz für uns Vergebung der Sünden gibt und dass wir an seiner Erkenntnis über Wahn, Blindheit und närrisches Tun hinausgehoben sind und Gottes Willen sehen, ist noch nicht alles, was uns die göttliche Gnade gewährt. Denn sie zieht uns selbst mit unserm ganzen Lebensstand zu Gott. Mit der Vergebung der Sünden ist weggeräumt, was uns verdarb und von Gott schied, was legt er nun in unser neues Verhältnis zu ihm hinein? Er hat uns Weisheit dargereicht, aber gibt er uns nur Erkenntnis, nicht noch mehr, nicht auch eine Gabe, die uns selbst mit Wesen, Willen und Werk mit ihm vereint? Gewiss! Paulus hat ja schon gesagt, dass alles, auch wir, im Christus die Erneuerung und Vollendung finden, und das hören wir nicht nur als eine Lehre, die ein bloßer Gedanke bliebe, sondern haben dies erlebt und an unserer eigenen Geschichte vor Augen.
1,11: in ihm, in dem auch uns das Los traf, sein Eigentum zu sein, als die, die zuvor bestimmt waren nach dem Vorsatz dessen, der alles nach dem Rat seines Willens wirkt. Die Berufung kam zu uns, die jener Vorbestimmung entsprach, die uns die Sohnschaft zuteilte. Dafür haben wir aber wieder nicht uns zu rühmen, oder an unser richtiges Verhalten zu denken, als hätten wir uns selber dadurch in die göttliche Gnade eingeführt. Gerade hier, wo Paulus ihren Übergang in unsern persönlichen Besitz beschreibt, sorgt er dafür mit besonderem Ernst, dass jeder eigne Ruhm ausgeschlossen sei und die Gemeinde Christus von Herzen danke, durch den sie ihren ganzen Anteil an Gott erhalten hat. Darum braucht er das Los als Bild, das der nicht lenken und vorausbestimmen kann, den es trifft; er kann es nur hinnehmen so, wie es fällt. Deshalb kam die Berufung an uns, weil uns das Los beschieden war, dass wir Gottes Gnade empfangen und zum Glauben an Jesus gelangen. Deshalb erinnert er wieder an die Vorbestimmung, aus der Gottes Walten über uns entsteht und in der Jesu ganzes Heilandsamt begründet ist, und schärft uns ein, dass hierbei Gottes eigener Vorsatz das Entscheidende ist, und dass Gott aus seinem Vorsatz nicht einen leeren Gedanken oder nichtigen Wunsch macht, sondern ihn mit seiner göttlichen Kraft vollführt, so dass nichts als sein eigener Nat ihn hierbei bestimmt, nicht menschliches Werk und Verdienst. Daraus entsteht die große Zuversicht und der gewisse Trost der Christenheit, dass ihre Frömmigkeit nicht ihre eigne Sache ist, nicht das Produkt ihrer Willensmacht oder die Folge ihres Rechts, sondern dass ihre Verbundenheit mit Gott auf ihm steht und durch seinen Vorsatz und sein Wirken geschaffen ist, das sich nicht stückweise oder bloß anfangsweise äußert, sondern das Ganze gibt und alles wirkt, wie es ihm gefällig ist. Nur so können wir Gottes Eigentum werden, nie so, dass wir auf den Flügeln unsrer religiösen Kraft uns zu ihm erhöben; nur so entsteht eine Gemeinde, die ihm gehört, dass er selbst sie bereitet. Darum hat sie auch eine neue, unermesslich reiche Zukunft vor sich.
1, 12: damit wir zum Preis seiner Herrlichkeit seien, wir, die wir im Christus zuvor die Hoffnung erlangt haben. Was Gott an uns getan hat, hat darin sein Ziel, dass sich seine Herrlichkeit an uns offenbaren soll. Nicht schon damit genügen wir der Absicht des Paulus bei diesen Worten, dass wir uns als abhängig von Gott fühlen, als ganz abhängig, so dass Gottes Wille und Werk über unsern Lebensstand entscheidet. Freilich schärft er es uns ein, dass wir den Grund unsers Christenstands nicht in uns selber suchen, sondern es uns deutlich machen, dass einzig Gott uns diesen geben konnte und gegeben hat. Damit ist aber erst ein Anfang erreicht, aus dem leicht eine Verirrung werden kann, wenn er keinen Fortgang hat. Unsre Gewissheit, dass wir von Gott abhängen, wird dadurch wahr und ernst, dass wir unsern Christenstand nicht nur aus Gott herleiten, sondern auch zu ihm hin mit ganzem Verlangen wenden und für ihn fruchtbar machen. Aus Gott zu Gott, das ist der Weg, den Paulus der Gemeinde zeigt. Aus dem Vorsatz Gottes, der ihr ihren Ort vor Gott bestimmt, ergibt sich für sie die unermesslich reiche Hoffnung, die in die Herrlichkeit Gottes hinüberschaut. Ihr Hoffen ist ihr, wie alles, was sie hat, durch ihre Gemeinschaft mit Christus verliehen. Dass sie diese bewahre, das ist für sie der Weg zur Herrlichkeit. Da sie noch nicht an ihr erschienen ist, so hat sie die Hoffnung zuvor, ehe der Preis der göttlichen Herrlichkeit durch sie entsteht, bevor es an ihr sichtbar wird, wie herrlich Gott schließlich seine Söhne macht und wie Großes er ihnen verleiht. Dadurch aber, dass sie sich jetzt schon, ehe das Ziel erreicht ist, vom Christus zur Hoffnung erwecken lässt, und diese nicht anderswohin wendet, sondern auf ihn gerichtet hält, erreicht sie jenen Stand, durch den Gottes Herrlichkeit an ihr sichtbar und gepriesen werden wird.
Es lässt sich aber noch genauer sagen, was jenes Los in sich schließt, das uns zuteil geworden ist, und jetzt setzt Paulus absichtlich die Anrede ein, das „ihr“, damit jeder Leser daran erinnert sei, dass er an seiner eigenen Person den vollen Segen Gottes erlebt habe. Erst jetzt gibt er seinen Worten diese auf die Epheser zielende Form, weil ihr Christenstand nichts Sonderliches ist, sondern sie ihn in der großen Gemeinschaft aller haben, zu denen das Evangelium gekommen ist. Ihre Erwählung ist keine andere als die, die allen Kindern Gottes gilt; sie haben die Vergebung der Sünden, wie alle, und ihr Einblick in Gottes Geheimnis und ihre Berufung zu ihm ist nicht von anderer Art als die, die im Christus allen gegeben ist. Darin besteht die Segnung, die ihnen Gott gegeben hat, dass sie sich in das große „Wir“ einschließen dürfen, das Gottes ganze Gemeinde umfasst. Aber in dieses „Wir gehören“ auch sie hinein, und sie sollen sich deutlich machen, was sie damit empfangen haben, dass Paulus ihnen Gottes Gabe als ihr persönliches Eigentum zusprechen darf.
1,13: in dem auch ihr, da ihr das Wort der Wahrheit, die gute Botschaft von eurer Errettung, hörtet, in dem auch ihr, da ihr gläubig wurdet, mit dem Heiligen Geist der Verheißung versiegelt worden seid. Dass sie das Wort hörten, und zwar so, dass es ihnen den Glauben gab und nun in ihnen steht als Gewissheit, die sie trägt, auch das gehört zur geistlichen Segnung Gottes mit dem himmlischen Gut. Der Wert und die Macht dieses Wortes beruhen darauf, dass es „das Wort der Wahrheit“ ist, nicht täuscht, nicht in Meinungen oder Wünschen seinen Inhalt hat, sondern ihnen Gottes wirkliche Gnade, vollbrachte Tat und geschehendes Werk ansagt. Dass das, was ihnen verkündigt wurde, Wahrheit ist, hat wegen des Inhalts der Botschaft die allergrößte Wichtigkeit, weil sie ihnen mitteilt, dass ihnen die Rettung von allem, was sie zu verderben vermag, von Wahn, Schuld, Elend, Tod und Gericht, nicht nur winke, nicht nur möglich und vielleicht erreichbar sei, sondern von Gott ihnen bereitet ist.
Dadurch, dass das Wort zu ihnen kam nach Gottes gnädiger Regierung, ohne dass sie es suchten, dadurch traf sie jenes Los, durch das sich Gottes Vorsatz an ihnen er füllt. Was taten sie? Nichts, als dass sie das Wort hörten und es so hören konnten, dass sie glaubten. Weil ihnen Gottes Segnung das Glauben beschert hat, ward ihnen auch im Christus das Siegel verliehen, das sie als Gottes Eigentum kennzeichnet, heiligt und beschirmt: der Heilige Geist, von dem die Verheißung sprach und mit dessen Gegenwart sie sich erfüllt. Dass Gottes Segnung geistlich sei, damit begann das Dankgebet; dass die Gemeinde im Geiste das Siegel hat, durch das sie zu Gottes Eigentum gemacht ist, damit schließt dessen Auslegung.
Allerdings haben wir damit noch nicht das Ganze empfangen, was uns Gottes Wohlgefallen bestimmt hat. Zwar ist jene Erwählung, die es uns beschert, vor Gott heilig und ohne Flecken zu sein, damit für uns zum Erlebnis geworden, aber noch nicht zur Vollendung gekommen, und jene Vorbestimmung, die uns zu Gottes Söhnen machte, bleibt noch das Ziel unseres Hoffens. Doch kann sich daran, dass wir die Gnade noch nicht in der Erneuerung unsers ganzen Wesens, sondern erst im Geist erleben, kein Zweifel oder Undank heften; denn mit der Gegenwart des Geistes ist uns auch die ewige Vollendung verbürgt.
1, 14: der das Angeld für unser Erbe ist auf jene Erlösung hin, durch die wir Gottes Eigentum werden, zum Preis seiner Herrlichkeit. In der Bestimmung zur Sohnschaft liegt die Anwartschaft auf das Erbe, das für uns noch in Gottes Händen liegt und mit dem ewigen Leben in unsern Besitz übergeht. Von diesem ewigen Gut ist uns jetzt nur ein Teil, aber schon ein Teil gewährt, ähnlich wie der Käufer, der dem Verkäufer das Angeld gibt, den Kauf dadurch abschließt und ihm die Entrichtung der vollen Summe verbürgt, vgl. 2 Kor. 1, 22. Dieses erste Stück unsers künftigen Besitzes ist der Geist, der uns nicht mehr genommen werden wird, sondern auch in der ewigen Herrlichkeit die uns belebende Macht bleibt, die uns mit Gott vereint und mit Christus verbunden hält. Er macht es uns sichtbar und gewiss, dass wir auf das ganze Erbe warten dürfen.
Jene göttliche Tat, durch die wir es erhalten werden, heißt Paulus wieder Erlösung, doch nun in anderer Beziehung, als wie er in V. 7 von ihr sprach. Dort sah er auf die Frucht des Todes Jesu, durch die uns Schuld, Fluch und Gericht abgenommen sind; hier schaut er vom gegenwärtigen Christenstand hinaus auf die neue Befreiung, die uns einst widerfahren wird, ähnlich wie in Röm. 8, 23, wo er von der Erlösung des Leibes spricht, auf die wir warten. Er meint die Beseitigung jener Ketten, die uns das Fleisch, die Welt und der Tod jetzt anlegen, die uns erst dann zuteil wird, wenn an uns das Sterbliche durch das Unsterbliche ersetzt sein wird. Werden wir aus dieser Knechtschaft, die wir jetzt in Geduld und Gehorsam zu tragen haben, herausgeführt, so ergibt dies eine „Aneignung“ oder „Erwerbung“, nämlich so, dass wir dadurch zu Gottes Gemeinde und Kinderschar, zu Gottes Haus und Tempel werden, noch in einem höheren Sinn, als es jetzt von der Gemeinde Jesu gilt: sie sei Gottes Besitz. Von dem, was uns bedrückt, werden wir dazu befreit, damit wir dann in der Weise der ewigen Vollendung Gott angehören ganz und gar. Darum ist die höchste und beste Frucht, die daraus entstehen wird, der Preis seiner Herrlichkeit.