Rubanowitsch, Israel Johannes – Verschiedene Beter – 8. Das Gebet einer erlösten Seele.

Rubanowitsch, Israel Johannes – Verschiedene Beter – 8. Das Gebet einer erlösten Seele.

(Text: Mark. 5, 1-20.)

Wir haben hier von einem und demselben Mann zwei Gebete. Das erste Gebet lautet: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesu, du Sohn Gottes, des Höchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, dass du mich nicht quälst.“ Das zweite Gebet lautet: „Herr, erlaube mir, dass ich bei dir sein darf!“

Wer sieht nicht den Gegensatz in diesen zwei Bitten? Im ersten Gebet findet ihr absolute Entfremdung, gar kein Verlangen nach Vereinigung mit der Person Jesu Christi. „Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesu, du Sohn Gottes, des Höchsten?“ Im andern Gebet aber ist gar kein Wunsch mehr nach Trennung vorhanden, sondern die Bitte, doch in Jesu Nähe bleiben zu dürfen. Im ersten Gebet ist Angst vor der Person Jesu Christi ausgedrückt; im zweiten aber findet ihr völliges und unbegrenztes Vertrauen zum Heiland.

Das erste Gebet enthält den Ausdruck der Furcht, Jesus sei ein Quälgeist: „ich beschwöre dich bei Gott, dass du mich nicht quälst.“ Im zweiten Gebet aber finden wir das tiefe Bewusstsein, Jesus allein ist die Beruhigung, das Glück und der wahre Friede für die Seele. „Was habe ich mit dir zu schaffen? „ so redet ein Besessener, ein von irgendeinem Ding und Wesen ergriffener Mensch außer Gott. Ach, dass ich doch bei dir bleiben dürfte! so spricht ein von Teufeln und unreinen Geistern befreiter Mensch zu Jesus.

Das ist aber nicht nur bei dem Besessenen so gewesen, sondern es ist dies durchwegs die Erfahrung und der Wunsch aller derer, die mit Gott schließlich in Verbindung getreten sind. Auch ich habe Jesum gehasst, wie den Tod, wie nur ein Jude ihn hassen kann; und als ich dann endlich zu der Erkenntnis kam, dass es falsch und unrecht sei, ihn zu hassen, als ich erkannte, dass er ein großer Prophet und Wohltäter sei, da bekam ich große Angst vor ihm und fürchtete, dass er mich endlich so weit bringen könnte, Christ zu werden.

Dieselbe Dame, mit der ich wochenlang über Jesus geredet hatte, verließ ich von jener Stunde an, denn ich sah ein: die Sache kann sich am Ende so herausstellen, dass du ein Christ werden musst. Aus Angst blieb ich 14 Tage zurück!

Aber er hat es mir angetan. Er ist mir in seiner unendlichen Liebe nachgegangen und hat mir die Augen geöffnet. War ich früher ein Spielball Satans, ein von Sünde und Lastern gehetztes Reh - jetzt war auch ich bekleidet und vernünftig wie jener Besessene. Ich kam zur Ruhe, ein tiefer Friede strömte in meine Seele. Ich wurde mit dem Heilsrock der Gerechtigkeit Christi bekleidet und nun strömte volles Licht in mein einst von der Sünde verfinstertes Herz.

Ein Jahr später, es war der 17. Januar 1885, halb 10 Uhr abends, da sprach Jesus das große, erlösende Wort zu mir: Es werde Licht! Fahre aus von ihm, Satan! Wohlverstanden, nicht mit diesen Worten, aber es ging in meiner Seele, in meinem Innern ein ähnlicher Prozess vor. Wieder ein Jahr später übersah ich dieses Leben und verglich es mit demjenigen der vorigen 18 Jahre und - weinte, nicht etwa darum, weil es mir zu schade vorkam, in meinem 19. Jahre ein Stündeler geworden zu sein, sondern deswegen, weil ich bloß ein Jahr von allen glücklich nennen konnte. Das ist auch heute noch mein tiefes Leid, dass ich ihn nicht schon früher gekannt und geliebt und ihm gelebt habe, wie ich hätte leben können und dürfen. Nur ein Verlangen regt sich noch in meiner Brust, es ist der Wunsch einer jeden Seele, welche von der Sündenlast befreit wurde: Ach, Herr, dass ich doch bei dir bleiben dürfte!

Man sieht sich umgeben von Versuchungen und Anfechtungen aller Art; man spürt in seinem Innern die Neigung zur Welt; man hat erfahren gelernt, wie schwach und hilflos man Satan gegenüber ist; man hat so recht gefühlt, wie machtlos und schwach man auch nach der Wiedergeburt noch ist. Darum ringt sich umso inniger die Bitte empor: Ach, Herr, dass ich doch bei dir bleiben dürfte!

In einer Stadt, in der ich seiner Zeit auch Evangelisationsversammlungen hielt, kam am ersten Abend unter andern ein Mann herein, der ein abschreckendes Beispiel war. Wenn etwas Schlechtes, Gemeines, Gräuliches oder recht Schmutziges vorkam, so dachte man gleich: Aha, der hat es getan. Er war wie von zehn Teufeln besessen.

Dieser Mann kam, von Neugierde getrieben, in die Versammlung, um zu hören, was da gesprochen wurde. Mit einem Fluch kam er zur Türe herein. An jenem Abend behandelte ich keinen Text, weil der größte Teil meiner Zuhörer aus Sozialdemokraten bestand. Ich wählte ihren Text: „Tue recht und scheue niemand.“ Die Worte, die ich an jenem Abend redete, gingen diesem Manne tief zu Herzen der lasterhafte Mensch ging anders hinaus, als er gekommen war. Als er am nächsten Tage in die Fabrik kam, fiel es allen auf, dass er so stille hereintrat, und sie sahen wohl, dass etwas Besonderes vorgegangen sein müsse. Sein Gruß war sonst gewöhnlich ein Fluch, ob er nun fröhlich oder übel gestimmt war. Er war der Schrecken, die Angst und Pein seiner Frau und des ganzen Hauses; kurz, er war ein Scheusal.

Als er nun so still hereintrat und an seinen Webstuhl ging, da wussten seine Mitarbeiter gar nichts zu sagen; sie konnten nicht begreifen, was eigentlich mit ihm vorgegangen sei. Als sie sich endlich von ihrem Staunen erholt hatten, wurde er gefragt, was ihm fehle, ob er krank sei oder ob in seiner Familie ein Unglück passiert wäre. Er antwortete ihnen: Lasst mich gehen, ich bin jetzt durchaus nicht zum Lachen aufgelegt; lasst mich in Ruhe! Kurz, es vergingen keine drei Tage, so war dieser Mann bekehrt und wiedergeboren und ein Beispiel für die ganze Fabrik.

Nach zwei Jahren kam in einer andern Stadt ein gutgekleideter Herr zu mir und stellte sich vor, ohne dabei seinen Namen zu nennen. Ich sah ihn prüfend an, konnte mich aber nicht erinnern, ihn je gesehen zu haben. Er fragte mich: „Kennen Sie mich denn nicht?“ Ich antwortete: „Nein!“ Er entgegnete: „Ich bin ja der und der - wissen Sie nicht mehr in jener Versammlung?“ - wie war er verwandelt! Welche Veränderung war mit diesem Manne vorgegangen! Während früher seine Kleidung aus Lumpen und Fetzen bestand, wie dies bei den meisten Trunkenbolden der Fall ist, hatte ich jetzt einen anständigen, feingekleideten Mann vor mir. Früher sah er aus wie eine wandelnde Leiche, jetzt war seine Gestalt kräftig, stark und gesund. Der Teufel war von ihm ausgefahren, und er durfte nun die Jahre her bei Jesus sein. Das war's. Und nun hatte die Gemeinde einen Mann gewonnen, die Frau bekam einen Mann, und er selbst ist frei geworden. Das alles hat Jesus getan! Der Besessene bat, dass er doch bei ihm bleiben dürfe.

Hättet ihr nur die geringste Spur einer Ahnung, wie selig es einer von Jesus befreiten Seele zu Mute ist, wenn er das erlösende Wort zu ihr gesprochen und sie aus dem Kot und Schlamm der Sünde herausgezogen und zu einem neuen Menschen gemacht hat, ihr würdet alles anwenden und versuchen, dass eure Seelen gerettet würden und ihr diese Dinge an euch selbst erleben könntet. Dann würdet ihr begreifen lernen, dass solche erlöste Seelen alles verlassen können um Jesu willen, dass sie Weib und Kinder, Geld und Ehre daran geben können für ihren geliebten Heiland. Ja ihr könntet dann verstehen und begreifen, warum solche Seelen sogar ihr Haupt auf den Block legen - um Jesu willen.

Seht jenen 90jährigen Greis! Man legte ihm die Wahl zwischen Leben und Tod vor und sagte ihm, er solle nur etwas zum Räuchern für einen Götzen in die Schale werfen, er brauche gar nichts zu sagen, dann werde ihm das Leben geschenkt; andernfalls, wenn er es nicht tue, werde er den wilden Tieren vorgeworfen. Was tat wohl der Alte? Er antwortete: „Sechsundachtzig Jahre diene ich nun meinem Herrn, und er hat mir noch nie etwas Übles getan, sondern nur Gutes. Wie sollte ich ihn verleugnen können? „ Er wurde den Löwen vorgeworfen.

Sechsundachtzig Jahre - das ist weder Rausch noch Schwärmerei! Solches Glück aber kann nur Jesus geben, und dies bewiesen sich selbst im Tode noch als eine Macht.

Ein katholischer Pilger befand sich auf dem Wege nach Jerusalem, um dort am heiligen Grabe anbeten zu können. Während er im Orient an einem Walde vorüberging, hörte er ein furchtbares, schreckliches Gebrüll. Er erkannte bald, dass das die Stimme eines Löwen sein müsse; aber es prägte sich Angst und Furcht aus in diesem Gebrüll. Der Pilger folgte dem Klagerufe und fand einen Löwen, welcher in einem Netze verstrickt war. Das Tier sah ihn so flehend an, als wollte es sagen: Ach, befreie mich doch! Der Pilger zog das Schwert heraus und zerschnitt die Stricke. Was geschieht jetzt? Wird sich die Bestie auf ihn stürzen und ihm seinen Dienst lohnen? O nein! Der Löwe ließ, als Zeichen der Ergebenheit, seinen Schwanz hängen und sah ihn an. Der Pilger wusste gar nicht, was er denken sollte und wollte seinen Weg weiter fortsetzen. Doch der Löwe folgt ihm auf dem Fuße nach - eine Stunde, zwei, drei, vier Stunden, den ganzen Wald hindurch. Endlich kam eine Stadt in Sicht und als sie derselben immer näher kamen, dachte der Pilger, nun werde sich der Löwe wohl zurückziehen. Doch es war Täuschung. Denn wie ein Hündlein folgte das Tier dem Pilger nach und ging mit ihm in die Stadt. Aller Augen waren auf die beiden gerichtet. Der Löwe wich keinen Schritt von seinem Retter; er verließ ihn nicht mehr. Als der Pilger sich einschiffen musste, um an seinen Bestimmungsort zu gelangen, bat er den Kapitän um die Erlaubnis, den Löwen mit sich auf das Schiff nehmen zu dürfen; aber es wurde ihm aus Rücksicht auf die übrigen Passagiere abgeschlagen. Wie nun der Löwe sah, dass das Schiff den Hafen verließ und man ihn nicht mitnehme, da sprang das Tier ins Wasser und schwamm dem Schiffe so lange nach, bis es erschöpft in den Wellen versank.

Seht, solch eine Bestie war auch ich einmal; jeder Wiedergeborene ist einst eine solche gewesen. Wir hassten und wurden gehasst. Da kam der Pilger des Weges und löste uns aus den Fesseln der Sünde und des Todes.

Hier in unserem Text handelt es sich um eine Bestie, welche sich Tag und Nacht in den Gräbern aufhielt; die Leute hatten Furcht und Schrecken vor ihr. Da kommt der Herr, löst die Bande und was geschieht? Von jener Stunde an folgt der Besessene wie ein Hündlein seinem Herrn nach und bittet ihn: Ach, dass ich doch bei dir bleiben dürfte! Das ist so natürlich, das kann ja gar nicht mehr anders sein! Wo Jesus einmal Bande gelöst, wo er eine Seele aus der Gefangenschaft errettet hat, da ist ein Bedürfnis, ein Sehnen und Verlangen vorhanden, doch bei ihm sein zu dürfen. Hesekiel 16, 8 heißt es: Da ging ich an dir vorüber und sah dich, und siehe, deine Zeit war die Zeit der Liebe; und ich breitete meinen Zipfel über dich aus und bedeckte deine Blöße. Und ich schwur dir und trat in einen Bund mit dir, spricht der Herr Jehova, und du wurdest mein.

Von der Stunde an, wo Jesus einem ins neue Leben gerufen hat, achtet man auf keine Schwierigkeiten mehr. Da fragt man nichts mehr danach, ob andere über uns lachen oder spotten, ob Satan hetzt und verfolgt; das ist ganz gleich. Wir können nicht mehr anders, denn wir haben jetzt nur den einen Wunsch und die eine Bitte: Ach, Herr, dass ich doch bei dir bleiben dürfte.

Und nun, Versammelte! Früher dachte der Geizhals, er könne alles eher missen, als sein geliebtes Geld, wenn aber Jesus ihn von seinen Fesseln und Banden befreit, dann kann er das Geld wohl tausendmal missen, seinen Herrn aber nimmermehr. Er legt ihm alles zu Füßen mit der Bitte: Herr, wenn ich nur bei dir sein darf. Der Lüstling dachte, er könne Himmel und Seligkeit missen, wenn er nur seiner Lust Genüge leisten dürfe. Ist er aber wirklich erlöst und von dem Zauber Satans befreit worden, dann schämt er sich nicht nur seiner Vergangenheit, sondern er verflucht sie sogar. Man trägt eben nur noch das Verlangen in sich, bei Jesus unter dem Kreuze zu bleiben, um seinetwillen zu leiden und ihm allein zu leben. Der Trunkenbold dachte: In diesem Gläschen ist mein Glück, daran hängt mein Leben. Kommt aber Jesus und leuchtet in seine Seele, siehe, da lässt er sein Gläschen gerne zurück, nur um bei Jesus bleiben zu dürfen. - Ebenso erging es der Jungfrau. Sie hat jenen jungen Mann so sehr geliebt, dass sie glaubte, ohne ihn nicht mehr leben zu können. Aber siehe, da kam Jesus, und durch sein Erscheinen ging eine neue Welt in ihrem Herzen auf. Der Jüngling wurde so klein, dass er angesichts der Größe des Heilandes völlig verschwand; und gern legt sie den geliebten Bräutigam zu den Füßen Jesu hin. Wenn sie nur Jesus haben kann, wenn sie nur bei ihm bleiben darf, dann hat sie genug! Ebenso ging es auch dem Jüngling. So geht es jeder Seele mit all den Schätzen und Dingen, die ihr früher so wertvoll erschienen.

Dieser Besessene, von dem unser Texteswort redet, hatte sicher eine Familie, welche ihn liebte; wohl hat er für die Seinigen gefühlt; aber was waren sie seinem Jesus gegenüber? Sie verschwanden alle vor ihm. Edelstein ist Edelstein Gold ist Gold Schwein ist Schwein Wirtschaft ist Wirtschaft; aber alles muss dem Heiland gegenüber verschwinden. Wo er sein Rettungswerk in einer Seele vollzogen hat, da ist nur ein Verlangen, nur ein Wunsch : Ach, Herr, dass ich bei dir sein dürfte!

Jener Besessene durfte nicht bleiben nach seinem Sinne. Er musste zurückkehren, um zu verkündigen, was Jesus an ihm getan hatte. Im Herzen durfte er dennoch seinem Befreier nahe sein und für ihn leben.

Und jetzt noch ein kurzes Wort zum Schluss! Magst du auch noch so verkommen, ja der schrecklichste Mensch in der ganzen Versammlung sein, wenn du ein Verlangen nach Jesu hast, o so glaube fest und zuversichtlich: Er wird auch dich erretten, wie er jenen Besessenen errettete. Seele, wenn du noch so viele Kostbarkeiten besitzen würdest und hättest keinen Heiland im Herzen, dann könntest du niemals ahnen, welches Glück man in Jesu empfindet und genießt. Ebenso wenig wie ein Blinder das Licht erkennen oder ein Taubstummer Sinn für Musik haben kann, so wenig hast du, unbekehrtes Herz, eine Ahnung von der Seligkeit in Jesu. Wir, die wir Jesum angehören, dürfen bei ihm bleiben. Ihr aber, die ihr noch nicht gerettet seid, sucht den Herrn, weil er zu finden ist, ruft ihn an, weil er nahe ist. Amen.

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