Rubanowitsch, Israel Johannes – Verschiedene Beter - 6. Das Gebet einer Schweinezüchterversammlung. - Das Gebet eines Pharisäers.
„In den Tod gingst du für mich, aber was tat ich für dich?“1) Wenn jede Seele, die hier ist, sich so fragen würde, was könntet ihr dann zur Antwort geben? Was hast du um Jesu willen schon aufgegeben? Was hat dich dein Heiland schon gekostet? Hast du schon um seinetwillen ein Schwein aufgegeben? Hast du schon um Jesu willen zehn Franken geopfert? Hast du schon um seinetwillen einen Gang gemacht? Hast du um Jesu willen schon dieses und jenes getan? Um Jesu willen? Was habt ihr schon für ihn getan? Prüft euch, ihr Christen! Ihr habt für alles andere Zeit, für alles andere Kraft, für alles andere Geld, nur nichts für Jesum. Wenn es auf die Person Jesu, auf seinen Willen, auf sein Reich oder auch auf seine Anhänger ankam, da hattet ihr gar nichts übrig oder doch nur so wenig, dass ihr euch wahrhaftig schämen müsst. ein solches Jammerleben, ein solches Geizleben, ein solches Laster- und Sündenleben, ein derartiges Schmutzleben bis in die grauen Tage hinein geführt zu haben? Alles, was man sein eigen nennen kann, hat man Jesus zu verdanken, und dennoch für ihn nicht einmal ein Fränklein übrig zu haben, ist das nicht schrecklich? Leute, Leute, denkt an euer Ende?
Dieser irdische Sinn, dieses Hängen an Geld und Gut, dieses Leben nur für das Diesseits, das alles wird euch noch einmal teuer zu stehen kommen! Was jene Leute in Gadarena, angesichts ihres Verlustes an den Schweinen, offen herausgesagt: Herr, gehe von uns hinweg! das habt ihr tatsächlich schon hundertmal getan. Wie oft hat der Geist Gottes zu euern Herzen geredet, wievielmal habt ihr Jesu warme Hand am Herzen verspürt, wie oft war es euch so, als müsstet ihr jetzt wirklich einmal Ernst machen und ein anderes Leben beginnen! Aber, was habt ihr getan, ihr Männer, als es Laut in eurem Innern hieß: Jetzt muss es anders werden? Da seid ihr in die Wirtschaft gegangen und habt dort ein Glas Wein ums andere getrunken; ihr habt euch dort wieder Luft gemacht; nachdem Gottes Geist euch ergriffen hatte, habt ihr euch darüber geärgert, und zwar mit der Berechnung, dadurch das Wort Gottes zum Schweigen zu bringen und es unter die Füße zu bekommen. Ihr habt die beste Gelegenheit ausgesucht, um das zu vergessen, was ihr gehört habt. War es nicht ebenso wie bei den Gadarenern: Herr, gehe von mir weg! Ihr seid dem Herrn absichtlich aus dem Wege gegangen seit euren Jugendjahren bis heute, bis ihr Menschen wurdet, die unter dem Schall des lebendigen Gotteswortes schlafen und schnarchen können, die unter dem scharfen, zweischneidigen Schwert lachen und spotten. Wenn der Herr euch mit seinem Wort ins Gewissen greift, könnt ihr es noch ins Lächerliche ziehen.
Herr, gehe weg von uns! Das haben einzelne von euch, wenn auch auf andere Weise, sicher gesprochen. Wenn ihr gewusst habt, da kommt ein Prediger, welcher gerne um eure Seelen werben möchte, so habt ihr euch entweder versteckt, oder ihr habt euch ein Herz gemacht, ihm eine freche Stirn zu bieten, ihm gottloses Zeug ins Gesicht zu werfen und ihm am Ende noch die Türe zu weisen. Im Herzen habt ihr gesprochen: Weiche von mir, ich habe nichts mit dir zu tun und will nichts mit dir zu tun haben. Geh weg von mir. Habt ihr das nicht getan, ihr Männer und Jünglinge, ihr Frauen und Jungfrauen? Diese Frechheit kommt besonders bei den Jungen vor, was ihr tiefes Gefallensein bewiesen; aber auch alte Gottlose gibt es genug. Ich kenne euch ja nicht; aber mein Herr kennt euch bis auf die Knochen und bis in eure letzte Vergangenheit. Es sind am Ende Leute unter uns, die ihre Verwandten oder andere Personen abgehalten haben, das Wort Gottes zu hören. Diejenigen, die ihr Gewissen derart belasteten, haben nicht nur dem Heiland die Türe gewiesen, sondern sie entrissen ihm auch noch andere. Geh hinaus von mir!
Leute, warum habt ihr das getan? Könnt ihr für solch eine satanische Handlungsweise irgendeinen Grund angeben? Könnt ihr dem Herrn irgendetwas vorwerfen in seinem Leben, in seiner Lehre oder in seinem Wandel? Gewiss nicht! Es ist durchaus keine Entschuldigung für euch, wenn ihr sagt: Die Stündeler machen es auch nicht; sie leben auch nicht so, wie Jesus gelebt. Schande über sie, wenn sie es nicht tun; aber es ist keine Entschuldigung für euch! Beschämt dieselben dadurch, dass ihr es tut. Wenn ihr wisst, dass Jesus etwas verlangt, die Stündeler es aber nicht tun, so gehört ihr doch zu jenen Leuten, welche den Willen des Herrn wissen. Das Wort Gottes sagt: Wer den Willen des Herrn weiß und tut ihn nicht, der wird doppelte Streiche leiden müssen.
Wir rollen mit ungeheurer Schnelligkeit und furchtbarer Kraft dem Ende zu; und auffallend ist es, dass Jesus gar keine besonderen Frevel und Verbrechen als Zeichen seiner Ankunft angibt. Wir lesen Matth. 24, 37-39: Aber gleich wie die Tage Noahs vor der Flut waren - jetzt merkt wohl auf: sie aßen, sie tranken, sie heirateten und wurden verheiratet, bis zu dem Tage, da Noah in die Arche einging, und sie es nicht erkannten, bis die Flut kam und sie alle hinwegnahm, also wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein.
Das brennendste Kennzeichen für die Ankunft des Herrn ist also eine durchgehende Gleichgültigkeit gegenüber Gott und der eigenen Seele. Es ist der irdische Sinn, das Kleben und Hängen an der Kreatur, mag es nun ein Schwein sein oder ein Mensch; es ist der Hang an Geld und Gut. Das ist das Spezielle der letzten Zeit: der eine lebt für seine Pfeife, der andere für seinen Tabak der dritte für sein Mastvieh der vierte für seine Bücher - wieder ein anderer für sein Weib und ich weiß nicht, was alles! Man sucht sich hienieden ein Paradies zu schaffen, um neben Gott sein Genügen zu haben, ohne zu überlegen, ob man dabei zu Grunde gehe oder nicht; das ist den Leuten total gleichgültig; sie fragen nichts danach, sie leben nur so in den Tag hinein und wenn die Wahrheit in ihrer ganzen Schärfe, in ihrer ganzen Kraft und Klarheit an ihre Seele herantritt, da wissen sie sich schon zu helfen, um dieselbe wieder los zu werden. Es ist und bleibt nun einmal Wahrheit: Wer sich zu Jesus bekehren will, der muss sich ganz und völlig ihm übergeben und sein ganzes Leben rückhaltlos in die Hand seines Herrn legen. Das bedeutet dann durchaus nicht, dass der Heiland euch verderben und verhungern lassen werde, dass ihr elend zu Grunde gehen müsst? Habt ihr vielleicht schon gesehen, dass die Stündeler am Verhungern sind oder dass ihre Felder weniger Ertrag hatten? Ich glaube nicht. Daraus folgt, dass die Bekehrung zu Jesu nicht Ruin des für uns zum Leben Notwendigen bedeutet. Könnt ihr den Stündelern nachsagen, sie haben euch schon hie und da um einen Franken betrogen? Bitte, nennt diesen Stündeler, und ich bin überzeugt, dass die ganze Stündelerschaft sich darüber entsetzen wird. Oder könnt ihr sagen, dass irgendein Stündeler betrunken gewesen wäre und dass er seine Frau geschlagen hätte? Nennt ihn er wird ein Schrecken für die ganze Gesellschaft sein.
Das ist Tatsache, dass auch Stündeler fallen und in den tiefsten Schmutz sinken können, aber Regel ist es deswegen nicht, bloß Ausnahme. Dagegen ist es Tatsache, dass bei Irdischgesinnten alle Laster vertreten sind, und zwar nicht als Ausnahme, sondern als Regel. Daraus folgt, dass die Stündeler moralisch besser sind als die andern. Gegen diese Tatsache kann kein Mensch auftreten. Da kann man denn doch sehen, dass ein Mensch, welcher sich Jesus hingibt, weder wirtschaftlich noch moralisch ruiniert wird. Wir wissen vielmehr, dass Gott seinen Segen auf die Seinigen legt, und wenn es auch durch viele Trübsale geht, so wissen wir doch, dass wir durch dieselben ins Reich Gottes eingehen werden. Haben etwa die Gottlosen weniger Trübsal?
Versammelte, die Zeit ist so kurz! Wie, wenn des Menschen Sohn heute kommen würde? Wie viele Leute würde er wohl finden, die los sind von der Kreatur, die frei sind von dem Irdischen, von ihrem Geld und Gut, die einzig und allein nur an ihm hängen; die nur für ihn da sind? Fragt euch selbst! Prüft euch vor eurem Gott!
O, meine Teuren, habt doch keine Angst; gebt euch dem Herrn mit eurem ganzen Leben hin; und ihr sollt es erfahren, dass ihr nicht zu Grunde geht, sondern dass er euch aufwärts, himmelan führt! Denn die gepflanzt sind in dem Hause Jehovas, werden blühen in den Vorhöfen unseres Gottes. Noch im Greisenalter treiben sie, sind saftvoll und grün, um zu verkünden, dass Jehova gerecht ist und kein Unrecht ist in ihm.
Mein heutiges Thema - das Gebet eines Pharisäers - habe ich nicht besprochen, möchte euch aber doch noch einiges darüber sagen, und zwar an der Hand des Gleichnisses vom Pharisäer und vom Zöllner. Wir lesen Luk. 18, 11 und 12: „Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst also: O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen der Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche; ich verzehnte alles, was ich erwerbe.“ Da habt ihr nun das Gebet eines Pharisäers. Was fällt euch in diesem Gebet auf?
Seht, das Auffallendste in diesem Gebet ist, dass es heißt: Ich bin nicht wie die Ehebrecher und Hurer, ich bin nicht wie die Mörder. Ach, was bin ich doch nicht alles! Was bin ich doch für ein braver Mann! Ich bin eine so brave Frau! eine so brave Jungfrau! Ich bins zum ersten, ich bins zum zweiten, und ich bins zum dritten Mal! Das ist das Gebet des Pharisäers. Es mag euch lächerlich erscheinen, aber es ist doch wahr!
Diese Pharisäer sind so überaus gut, dass ihnen nur noch die Flügel fehlen, um in den Himmel fahren zu können; infolgedessen brauchen sie sich auch nicht zu bekehren. Sie sind ja keine Mörder, keine Ungerechten, keine Ehebrecher das alles sind sie nicht; sie tun viel Gutes und haben so viele gerechte Taten aufzuweisen, und so oft sie sich mit andern vergleichen, so bekommen sie immer den ersten Preis; sie werden immer wieder prämiiert; natürlich vor sich selbst.
Seht, diese Leute stehen, trotzdem sie täglich dreimal und noch mehr beten, genau so vor Gott, wie die Irdischgesinnten. Sie sind eben so gut, dass sie die Gnadenhand Jesu gar nicht mehr bedürfen. Darum können sie auch nicht begreifen, dass man immer von Gerechtigkeit, von Gnade und vom Blute Christi spricht. Solche Leute, wie diese Pharisäer, haben den Himmel längst verdient. Da denkt so ein guter Mann, so eine gute Frau: Ja, wenn alle so wären wie ich, dann könnte Gott wohl zufrieden sein! Nicht wahr, so denkt ihr, die ihr heute Abend hierhergekommen seid, bei euch selbst? Prüft euch nur, ob es nicht so ist.
Noch eins sage ich euch: Das durchschlagendste bei dem Pharisäer ist, dass sein Gebet keine Beugung und keine Spur von Demut enthält. Sucht mit einer Laterne wahre Demut bei ihm, aber ihr werdet keine finden; euer Suchen wird vergeblich sein. Denn wahre Demut erlangt man nur bei Jesu, sie kommt nur von ihm. Solche Leute wie diese haben den Heiland nicht in ihren Herzen.
Und nun, ihr Lieben, wie steht es bei euch? Betet ihr überhaupt oder betet ihr gar nicht? Klebt ihr noch an den Dingen dieser Erde, oder aber, klebt ihr etwa an euch selbst? Die Irdisch gesinnten aus Gadarena hingen an ihren Schweinen, an ihrem Acker, an ihrem Mastvieh, an ihrem Geld, die Pharisäer dagegen konnten ihr Geld wohl für Gott ausgeben, aber sie klebten an sich selbst. Mögen es nun Schweine sein, an denen euer Herz hängt, mag es Geld und Gut sein oder am Ende das eigene Ich, seht, das alles gehört in den Staub! Ihr seid von Erde und geht wieder zur Erde. Wenn du nicht an Jesus klebst, dann ist dein Ende Verderben und Untergang!
Und nun, meine Freunde, prüft euch vor Gott! Könnt ihr mir wirklich böse sein? Könnt ihr mir das, was ich euch in dieser Stunde gesagt habe, zürnen? Bitte, sagt es mir. Noch eins: Könntet ihr noch Achtung vor mir haben, wenn ich euch die Wahrheit nicht sagen würde? Ich suche mich damit durchaus nicht zu schützen, aber ich möchte euch ins Gewissen reden.
Der Heiland wartet schon lange und ruft euch zu: „Das tat ich für dich, was tust du für mich?“ Amen.