Rubanowitsch, Israel Johannes – Verschiedene Beter - 5. Das Gebet einer Schweinezüchterversammlung.
(Text: Mark. 5, 1-20.)
Das Gebet der Schweinezüchterversammlung hat in seiner Grundlage viel Ähnlichkeit mit dem Gebet des Besessenen. Der Besessene spricht gerade das aus, was viele Leute hier denken. „Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesu, du Sohn Gottes, des Höchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht.“ Derselbe Gedanke bewegt auch diese Versammlung. Die Erscheinung Jesu in ihren Grenzen, hier an diesem Orte, hat für die Gadarener etwas kostspielig begonnen. Sie haben Schweine verloren, sogar sehr viele, und das einzig und allein durch das Kommen des Herrn; und nun machen diese Leute die einfache landwirtschaftliche Berechnung: Wenn das so weiter geht, wenn diese Sache einen solchen Fortgang nimmt, dann können wir bald Bankrott machen, dann hört's auf mit unserer Landwirtschaft! Da wählen denn natürlich solche vernünftige Leute das Diesseits, sie ziehen das Gewerbe und die Erhaltung desselben Jesum vor; und deshalb bitten sie ihn, aus ihren Grenzen wegzugehen.
Seht, das ist nun wieder ein Gebet. Die Gadarener fühlten, dass sie diesem Manne gegenüber keine Gewalt anwenden konnten. Der Besessene dort, den zuvor kein Mensch bändigen konnte, und wenn auch zwanzig auf ihn losgingen, der ist jetzt bekleidet und vernünftig, er ist ein ganz anderer Mensch geworden, und das alles bloß auf Jesu Wort hin. Die Hüter waren Zeugen davon, dass hier gar nichts weiteres geschehen war; auf das Machtwort Jesu hin sind statt dieses Menschen die Schweine zu Grunde gegangen. Jesus stand höher, denn sie alle; das fühlten sie wohl, und deshalb sahen sie keinen andern Ausweg, als ihn zu bitten, dass er aus ihren Grenzen weichen möge. Im Urtext ist das Wort so gegeben: Und sie redeten ihm sehr zu: Bitte, geh aus unsern Grenzen!
Geliebte, ich möchte euch zunächst nur auf das Eine aufmerksam machen: Die Christenheit schaut gedrückt und zum Teil verzagt auf ihre gegenwärtige ohnmächtige Lage; die apostolischen Kräfte sind kaum noch vorhanden; Wunderwerke geschehen fast keine mehr - und da macht man sich denn klar: Wenn die Gemeinde mehr Geistesgaben besitzen würde, dann könnte sie auch viel größeren Erfolg haben, und es würden sich gewiss bedeutend mehr Seelen bekehren. Diese Geschichte hier, meine Teuren, soll den Kindern Gottes aufs Neue den Beweis liefern, dass Wunderwerke nie ausschlaggebend sind für solche Leute, die ihre Herzen für alles Gute verschlossen haben, denen die Schweine lieber sind als Jesus, als ihre eigene Seele. Braucht ihr überhaupt noch ein größeres Wunder, als dasjenige, welches wir in unserem Texte vor uns haben?
Meine Teuren! Jetzt ist weder Erntezeit noch Saatzeit, und doch schlaft ihr. As die Leute im Sommer schliefen, konnte man sie wenigstens entschuldigen; aber nun ist Winter! Woher dieses Schlafen? Es kommt aus eurem irdischen, gleichgültigen, flatterhaften und oberflächlichen Sinn, das ist die Ursache. Soviel ist gewiss, dass Wunderwerke die Leute wach halten würden; da würde ihnen der Schlaf vergehen! Wie würden sie da ihre Köpfe über die Bänke weg strecken, um zu sehen, was geschieht! Dass die Leute sich aber nachher bekehren und dem Herrn hingeben, davon keine Spur! Lazarus wurde vom Tode auferweckt das Volk sah es - bekehrte es sich hernach? Nein! Es heißt vielmehr: von dem Tage an trachteten sie danach, wie sie Jesum töteten.
Das ganze Leben Jesu von seiner Geburt an war eine Zusammensetzung von Wundern und Zeichen. Aber wie viele Bekehrungen hat er erlebt? Wie viele Bekehrungen haben die Apostel erlebt? Seht, es ist durchaus kein Wunder, wenn die Leute schlafen können unter der Predigt. Das Wort Gottes ist nicht schuld, sondern das Hängen an den Schweinen, an den Äckern, am Vieh und am Geld! Die Leute sind mit all diesen Dingen so verwachsen, dass sie viel lieber ihre Seele verlieren, ja dass es sie weniger Überwindung kostet, das Heil ihrer Seele daran zu geben, als um Jesu willen eine Kleinigkeit aufzugeben.
Ich habe schon oft hier und anderswo beobachten und bemerken können, was die Leute für ihren Heiland übrig haben. Man braucht nur seine Augen offen zu haben, um zu sehen, wie viele am Opferkasten vorübergehen und herzlich froh sind, wenn sie unbemerkt hinausgelangen. Wie glücklich und zufrieden ist man doch, wenn man von den andern hinausgestoßen wird und sollte es auch einige Stöße und Püffe absehen -, damit man seine paar Rappen für sich behalten kann.
Meine Lieben! Denkt ja nicht, dass ich euch jetzt auf den Geldbeutel klopfen wolle; nur eine Frage möchte ich an euch stellen: Wenn ihr nur so viel für die Wahrheit übrig habt, wo soll dann noch Naum sein für Jesus? Wenn ihr so krampfhaft an eurem Gelde hängt, wo findet Jesus noch ein Plätzchen? Dankbar könnt ihr sein, dass ihr in einer Zeit lebt, wo keine Wunder geschehen; denn Wunder bekehren die Leute nicht, sondern sie machen dieselben nur verantwortlicher. Aber gerettet seid ihr deswegen doch nicht!
Freund, der Mangel an Wundern ist nicht Ursache, dass du noch so kalt, so gleichgültig, so oberflächlich, so sorglos, so tot in Sünden bist; nein, die Schuld liegt an deinem Schwein. Bei den einen ist die Braut oder der Bräutigam, Frau oder Mann das Schwein; bei den andern der Acker oder das Geld; und so könnte man noch lange fortmachen. Schwein ist alles das, woran dein unbekehrtes Herz hängt. Ihr seht also ganz klar, dass, wenn ihr euch bekehren wollt, ihr diese Sachen nicht mehr weiter treiben könnt, wie ihr sie bis jetzt getrieben habt. Auch ist es euch klar, dass ihr euch durch eure Bekehrung am Ende nur neue Ausgaben bereiten würdet und dass ihr euern irdischen Hang und Sinn nicht mehr weiter pflegen dürft. Deshalb bittet ihr ihn einfach, aus euren Grenzen wegzugehen.
Hier haben wir auch den Grund, warum Gemeinden oft ungläubige Prediger wählen. Man bittet Jesus einfach auf Grund der Wahl: Weiche aus unserer Grenze! Nein, man bittet ihn nicht nur, sondern kündet ihm einfach den Gehorsam. - Der Heiland erhört die Gadarener gerade so gut, wie die bösen Geister. Sie baten ihn: Erlaube uns, hier zu bleiben; und siehe, Jesus, der große Geisterfürst, erhört ihr Gebet und sagt: Bleibt hier; sie bitten ihn: Erlaube uns, dass wir in die Schweine fahren, und er gewährt ihre Bitte. Diese Schweinezüchterversammlung sagte ihm: Bitte, geh aus unsern Grenzen; wir haben Angst vor dir! Jesus erhört ihr Gebet und weicht!
Lasst mich euch eine Geschichte erzählen von einem jungen Mann. Derselbe wurde in einer Versammlung vom Worte Gottes tief ergriffen. Er fühlte, dass er sich bekehren sollte. Jener Jüngling aber besaß den Mut, seinem Herrn folgendes Gebet darzubringen: Lass mich doch noch zuerst ein wenig die Welt genießen; ich bin ja jetzt noch so jung - später, wenn ich erst älter geworden bin, will ich mich bekehren. Und Jesus wich von ihm. - Es war alles stille und ruhig geworden. Er ging in die Fremde und hatte reichlichen Verdienst. Nun machte er auch die Bekanntschaft einer Jungfrau. Da geht er wieder einmal in die Versammlung, und zum zweiten Mal klopft und pocht der Geist Gottes gewaltig an sein Herz, zum zweiten Mal tritt ihm der Herr in seinem Worte nahe und mahnt ihn, sich zu bekehren. Doch er antwortet ihm: Ich bin noch so jung und möchte doch die Freuden dieser Welt auch ein wenig mitmachen; zudem möchte ich mich jetzt verheiraten! Später will ich mich dann bekehren! Lass mich jetzt in Ruhe! Und wieder wich der Herr von ihm. 15 Jahre vergingen. Er kam oft in die Versammlungen, aber innerlich schlief er, und das Wort Gottes berührte ihn nicht mehr. Als er 40 Jahre zählte, pochte der Herr zum dritten Mal mächtig an sein Herz, und wieder wurde der Mann erweckt. Aber aufs neue wagt er es, dem Herrn in seinem Gebete zu sagen: Ich habe stets gearbeitet und bis jetzt noch nicht viel von meinem Leben genossen als Mühe und Arbeit. Gestatte mir nun, mein Herr, noch ein Weilchen zu genießen, was ich mit Mühe und Schweiß erarbeitet habe. Bitte, lass mich jetzt noch ein wenig in Ruhe! Und zum dritten Mal wich der Herr von ihm. Viele Jahre zogen vorüber. Als er 60 Jahre zählte, wurde er schwerkrank. Der Prediger besuchte ihn. Allein alles, was er ihm auch sagen mochte, prallte ab; nichts traf ihn mehr. Der Prediger drang in ihn, mahnte ihn, ja drohte ihm. Es half alles nichts. Um den Prediger endlich los zu werden, sagte der Mann zu ihm: Hören Sie, Ihre Arbeit und Mühe, die Sie an mich verwenden, ist ganz umsonst. Ich kann mich nicht mehr bekehren - für mich gibt es keine Gnade und keine Rettung mehr! Ich bin rettungslos verloren. Dann erzählte er ihm die ganze Geschichte und fügte noch bei: Ich habe den Herrn dreimal abgewiesen, all seinen Mahnungen, seinem freundlichen, liebevollen Locken und Rufen kein Gehör geschenkt; und nun ist es für mich zu spät - ewig zu spät! Und als ein Verzweifelter hauchte dieser Mann seine Seele aus. Jesus hat sein Gebet erhört und ist von ihm gewichen. Die Schweinezüchter baten ihn: Weiche aus unserer Gegend. Und Jesus wich von ihnen und stieg in das Schiff.
Und nun noch ein Wort! Könnt ihr jetzt begreifen, warum es den 2000 Geistern so sehr daran gelegen war, in der Gegend der Gadarener zu bleiben? Seht, Leute, denen ein Schwein mehr gilt, als ihre Seele, bei denen ein Schwein mehr Wert hat als ihr Heiland, die öffnen sich für Geister. Das ist gerade das weite Gebiet, welches sich die bösen Geister ausersehen haben; hier ist ein großes Feld für ihre Tätigkeit. Sieh, das ist auch dein Los, - je mehr du am Irdischen und Vergänglichen klebst und hängst, umso mehr präparierst du dich dazu, eine Behausung böser Geister, eine Behausung Satans zu werden.
Es sind gewiss solche Leute unter uns, die schon manchmal tief ergriffen wurden vom Worte Gottes; und vielleicht waren sie vergangenen Juli1) auf dem Sprung, sich dem Heiland zu übergeben, aber die Schweine hielten sie zurück! Sie kamen nicht zum Durchbruch; irgendetwas hielt sie zurück. Seid ihr weiter gekommen? O nein, euer Herz ist bedeutend kälter und wo möglich noch härter geworden! Und Jesus wich aus ihrer Grenze; das heißt: du bist der Hölle und dem Satan preisgegeben. Er wich.
Ihr Alten und Jungen, ihr Männer und Jünglinge, ihr Frauen und Jungfrauen, sagt: Ist es euch zum Lachen zu Mut? Könnt ihr angesichts solcher Worte noch oberflächlich, kalt und ungerührt bleiben? O, ich warne euch und rufe jeden zum Zeugen wider den andern, dass, wenn ihr euch nicht bekehren wollt, Jesus gerne weicht. Ihr könnt ihn ganz von euch ferne halten. Jesus hat nie mit Gewalt und mit Zwangsmitteln einen Menschen gedrückt, bis er endlich Ja gesagt. Das wird er auch bei euch nicht tun. Ihr könnt ihn schon los werden; ihr sollt ihn aber auch los werden - macht es nur wie die Gadarener!
Ihr habt das Lied heute Abend gehört, wo es hieß: Hau ihn ab, den unfruchtbaren Baum. Lange stand dieser unfruchtbare Baum; er ist noch da aber schon ist ihm die Axt an die Wurzel gelegt. Wer kann wissen, wie nahe dein Ende ist? Eins ist gewiss und du kannst dessen versichert sein, dem Heiland liegt es nicht so sehr daran, viele für sich zu gewinnen, oder dass viele zu ihm gehören. Als einst über eine scharfe Predigt seine Jünger sich ärgerten, war der Heiland gar nicht bestürzt darüber; im Gegenteil, er wandte sich an die Zwölfe und fragte sie: Wollt ihr auch weggehen? - 10,000 halbe Christen machen noch keinen ganzen aus, und nur ganze Leute will der Herr in seinem Reiche haben. Wenn ihr nicht bereit seid, euch dem Herrn ganz zu übergeben, so kann er euch nicht brauchen, so will er euch nicht haben. Wenn ihr nicht bereit seid, um seinetwillen alles daranzugeben, die Schweine, den Acker, das Geld und alle diese Dinge, so fahret hin damit und bleibt in Gadarena! Denn wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes. Sie aber baten ihn, aus ihren Grenzen wegzugehen. Amen.