Rubanowitsch, Israel Johannes – Verschiedene Beter - 4. Das Gebet des Besessenen.
(Text: Mark. 5, 1-20.)
Noch eine kurze Bemerkung über das Gebet der bösen Geister möchte ich machen. Es ist schauerlich ernst, meine Teuren, dass die abgeschiedenen Geister wie auch der reiche Mann in der Qual (Luk. 16) die Gelegenheit für die Ausschaffung ihres Seelenheils nicht benutzt haben. Jener Mann in der Hölle, sowie auch die Legion Geister, welche ruhelos umherirren, sie beten ja sie beten! Der reiche Mann in der Pein fleht: „Vater Abraham, erbarme dich mein und sende Lazarus, dass er das Äußerste seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge, denn ich leide Pein in dieser Flamme.“ Es fällt ihm aber nicht ein, zu beten: Vater Abraham, willst du nicht Fürbitte einlegen für mich, damit ich aus dieser Qual komme! Viel weniger noch fällt es ihm ein, zu beten: O Gott, sei mir Sünder gnädig, und vergib mir meine Vergangenheit!
Seht, meine Teuren, Buße gibt es in der Hölle nicht, so wenig als Reue, nämlich Buße und Reue zum Leben. Die Geister hier beten, und zwar mit großer Angst. Sie glauben an Jesu Größe und an seine Macht, sie kennen ihn wohl, wenn auch die Menschheit ihn nicht kennt, und angesichts seiner Majestät, seiner Herrlichkeit und Gewalt beten sie zu ihm; aber nicht um Gnade, nicht um die Vergebung ihrer Sünden flehen sie ihn an, - nicht um Vergebung ihrer Vergangenheit, sondern sie bitten nur für den Augenblick.
Jener Mann bittet nur für den Augenblick, dass seine Zunge gekühlt werde; diese Geister bitten nur, dass sie bleiben können, wo sie sind. Sie benutzten die kostbare Gelegenheit, die ihnen durch die Erscheinung Jesu geboten wurde, nicht. Meine Teuren, wer denkt da nicht an jene Zerfahrenheit, an jenes Überrumpeltwerden, wer denkt nicht an solche Leute, die ihre Geistesgegenwart verloren haben bei Brand und Feuerschaden? Da brennt das Haus! Was soll man zunächst tun? Seht, statt das Beste und Wertvollste herauszuholen und in Sicherheit zu bringen, greifen die Leute gewöhnlich nach den unnützesten Dingen und laufen damit fort. Ihre Geistesgegenwart ist dahin! Da, wo dieselbe nötig ist, fehlt sie gerade, da ist die größte Verwirrung vorhanden. Wo man sich in der Qual befindet und der Retter einem entgegentritt, da vergisst man, was man beten soll.
Im Gebet des Besessenen findet ihr dies nirgends. Sein Gebet lautet ganz anders. Als er Jesus von ferne kommen sieht, da fällt dieser Mann, den keine Fußfesseln halten konnten, zu Boden und huldigt ihm in der Erkenntnis dessen, was er ist. Was bittet er? Mit lauter Stimme sprach er: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesu, du Sohn Gottes, des Höchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht.“ Das ist sein Gebet. Hier seht ihr genau dieselbe unglückliche Verwirrung wie bei den Geistern; aber man kann es hier vielleicht etwas besser verstehen, denn dieses Menschen Verstand ist beeinflusst und gefangen genommen von einer andern Macht. Ihr seht den Besessenen in jenem Augenblick im rechten Lichte. Er hat wie die Geister nur das eine Bewusstsein: Jesu Nähe ist für mich Qual, und da, wo er hinkommt, wartet meiner Unglück, Verderben und Untergang. Aus dieser tiefsten Überzeugung und innersten Herzensangst heraus betet er das, was wirklich sein Unglück ist: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesu, du Sohn Gottes, des Höchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, dass du mich nicht quälst.“
Das ist wahr, ihr habt euch nie mit ihm abgegeben, ihr habt euch bis dahin noch nie mit ihm zu schaffen gemacht; ihr habt nie daran gedacht, den Willen des Herrn kennen zu lernen, viel weniger noch, denselben zu tun. Alles andere hatte für eure Seelen mehr Interesse, als das, was Jesus angeht. Man hat bis jetzt immer in den Tag hineingelebt, als gebe es keinen Gott und Heiland; man hat bis jetzt immer so gehandelt, als wäre er nichts, und nun wo man im Kot und Schlamm steckt, wo man in den tiefen Sumpf des Lasters geraten ist, wo man nun gezwungen ist, das zu tun, was man nicht will; wo man mit eigenen Augen sehen muss, dass man es gut und schön hätte haben können; wo man nun sich selbst das Grab gräbt und mit eigener Hand die Pulsader zerschneidet, - was hat man dann eigentlich noch mit ihm zu schaffen?
Der Mann will nicht gequält sein - ganz einfach er will eben quallos bleiben. Das ist's! Darum bittet dieser Besessene, der ein Schrecken der ganzen Gesellschaft war, der Mann, der Tag und Nacht einem wilden Tiere gleich dahingelebt hat und der sich selbst mit Steinen zerschlug, Jesus solle ihn nicht quälen. Seht hier diesen Widerspruch! So begegnet es euch immer wieder im Leben. So ist's immer. Hört einmal jenen Trunkenbold, wie er sagt: So darf und kann es nicht mehr weiter gehen; o nein! Ich untergrabe meine Gesundheit, vernachlässige meine Familie, meine Haushaltung; wir werden von Tag zu Tag ärmer, meine Frau wird durch das viele Darben immer kränker und leidender, meine Kinder haben nichts, womit sie sich bekleiden können; ich verliere meine Ehre, meine Arbeit, mein Hab und Gut! Nein - so darf es unmöglich weiter gehen! Ich darf nicht mehr weiter trinken, sagt jener Mann. Er will sich nicht quälen. Aber derselbe Mann, der es schon so oft eingesehen hat, dass er durch sein elendes, jämmerliches Leben seine ganze Familie dem sicheren Ruin entgegenführt, dass er durch seine Trunksucht das Lebensglück der Seinigen zerstört - derselbe Mann sitzt wieder in der Wirtschaft, trinkt ein Glas ums andere gibt seinen letzten Rappen hin - und ruiniert so sein eigenes Leben, seine Familie, seine Kinder! Bringt man ihm aber das Heil nahe, dann entsetzt er sich darüber und sagt: Lasst mich in Ruhe! Quält mich nicht. Ihr könnt solch einen armen Trinker ganz erbittert machen; ihr könnt ihn vollständig außer sich bringen mit dem Angebot: Komme zum Herrn! Solch ein Trunkenbold wäre imstande, seine Frau fast totzuschlagen beim Hören solcher Worte. Das ist schrecklich, furchtbar, Geliebte. Aber was ist denn eigentlich mit jenem Manne, der das Unglück ja selbst über seine Familie hereingeführt hat, der leben will und sich dabei selbst tötet? Seht, es ist dasselbe, was wir hier bei dem Gebet des Besessenen sehen. Dieser Trunkenbold hat die Überzeugung: Da, wo Jesus hinkommt, ist Qual und Pein. Das ist's!
Genauso ist es mit jedem lasterhaften Menschen. In diesem Gebet liegt der tiefste Grund, warum so viele sich bis jetzt noch nicht bekehrt haben, und warum man sich nicht bekehren will. Jeder Mensch will glücklich sein; jeder ist zum Glücklichsein angelegt; jeder strebt danach und wenn er dabei auch einsieht, dass er sich selbst mit Leib und Seele ruiniert und zu Grunde richtet: er will es doch nur lassen unter der Bedingung, dass man ihm etwas Besseres dafür bietet. Da hört ihr ihn dann sprechen: Was habe ich denn mit Jesus zu schaffen? Was habe ich denn mit der Bibel zu schaffen? Lasst mich doch in Ruhe! Lasst mich meine eigenen Wege gehen! Ich bitte dich, quäle mich nicht!
O meine Brüder, meine Schwestern! Sind das nicht eure Stimmen? Seelen, ich halte nicht dafür, dass ihr besessen seid, aber sagt mir: Warum seid ihr denn bis jetzt noch nicht zu Jesus gekommen, zu dem, der doch nur euer Bestes sucht? Der tiefste Grund, warum ihr bis heute noch ferngeblieben seid, ist der: Ihr glaubt, wenn ihr zu ihm kommt, dann müsst ihr unglücklich sein. Geliebte, ihr könnt durch Gewohnheit mancherlei Dinge anhören; ihr könnt mit eurem Verstande vieles zugeben; aber dass ihr den Sprung tun werdet, euch dem Heilande zu übergeben und zu überlassen - ihm angehören zu wollen, davon kann keine Rede sein; denn ihr fürchtet, dass es um euch geschehen ist, wenn ihr das tut. Das ist die Sache! Wenn ihr glauben würdet, dass er derjenige sei, der er wirklich ist, ihr wärt längst zu ihm gekommen. Aber jetzt lautet euer unausgesprochenes Gebet: Ich bitte dich, du willst mich nicht quälen. Freilich, wenn es einmal zum Sterben geht, dann ist Jesus gut genug. Da denkt man: Ich habe ja so wie so nicht viel zu verlieren; und wenn man zwischen zwei Übeln die Wahl hat, so wählt man natürlich das leichtere und ergreift Jesus, damit man wenigstens neben der Hölle durchkommt. Aus diesem Grunde greifen sie dann bei Jesus zu, aber dass des Heilands Nähe Glück, dass sein Name Rettung für alle bedeutet, davon hat die Menge keine Ahnung.
Hier haben wir auch die Ursache, warum bekehrte und wiedergeborene Leute sich noch nicht bis auf Herz und Geldbeutel dem Heiland geweiht haben. Warum? Sie fürchten, es ist um sie geschehen!
Es war dem Besessenen mit seinem Gebete toternst. Wenn er je einmal Angst gehabt in der Zeit seiner eigenen Qual, so war es jetzt - in diesem Augenblick. Er denkt: Nun ist das Unglück über mich hereingebrochen; nun ist es da! Geliebte, könnt ihr wohl einen Augenblick fühlen, was das Herz Jesu bewegt haben muss in jenem Momente, wo er den Besessenen befreite? Ihr, die ihr euch bis jetzt noch nicht bekehrt habt, könnt es unmöglich fühlen. Ihr Mütter habt vielleicht eine leise Ahnung davon; denn ihr wisst, wie euch zu Mute war, wenn ein Kind in Fiebergluten lag; wenn ihr ihm die Kissen zurechtgelegt und es von allem nichts sieht und bemerkt und euch nur so anstiert wenn es euch nicht mehr kennt.
Genau so muss es Jesu zu Mute sein, wenn ihr in ihm den größten Feind seht, statt den besten Freund, den Retter eurer Seele; wenn ihr in seiner Liebe nur Feindschaft erblickt. „Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesu, du Sohn Gottes, des Höchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, du willst mich nicht quälen.“
Amen.