Rubanowitsch, Israel Johannes – Verschiedene Beter – 10. Das Gebet der Braut.
„Ja, dieses Volk habe ich mir gebildet, dass es meinen Ruhm verkündige“ (Jes. 43, 21). „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündet, der euch berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte“ (1. Petr. 2, 9). „Lobe den Herrn, meine Seele und alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen. Der dein Leben vom Verderben erlöst und dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit. Der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler“ (Ps. 103, 1-3).
Das zuletzt verlesene Wort ist deshalb so bedeutungsvoll, weil weder Gott noch die Bibel der Seele zurufen: „Lobe den Herrn, meine Seele.“ Es ist Selbsterinnerung, Selbstzuruf, Selbstunterweisung, ein Bedürfnis für uns alle.
„Kommt, lasst uns Jehova zujubeln, lasst uns zujauchzen dem Fels unseres Heils! Lasst uns ihm entgegengehen mit Lob, lasst uns mit Psalmen ihm zujauchzen; denn ein großer Gott ist Jehova und ein großer König über alle Götter. In dessen Hand die Tiefen der Erde und die Höhen der Berge sind, dessen das Meer ist. Er hat es ja gemacht und das Trockene, seine Hände haben es gebildet. Kommt, lasst uns ihm huldigen, lasst uns niederknien vor Jehova, der uns gemacht hat! Denn er ist unser Gott und wir sind das Volk seiner Weide und die Herde seiner Hand. Heute, so ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht, wie zu Meriba, wie am Tage von Massa in der Wüste, als eure Väter mich versuchten, mich prüften und sie sahen doch mein Werk! Vierzig Jahre hatte ich Ekel an dem Geschlecht, und ich sprach: Ein Volk irrenden Herzens sind sie. Aber sie haben meine Wege nicht erkannt; so dass ich schwur in meinem Zorn, sie sollten zu meiner Ruhe nicht eingehen“ (Ps. 95).
Was ist nun dein Beruf? Vor ihm im Staube zu liegen. Und deine Würde? Ihn anzubeten. Warum lebst du hier? Um seinen Namen zu verkündigen; nicht, um es dir hienieden wohl sein zu lassen und dich so einzurichten, als wäre die Erde dein ewiger Bestimmungsort.
Hier haben wir den Grund, warum Jesus jenem Besessenen nicht gestattete, bei ihm zu bleiben, nachdem er gerettet war, sondern ihm vielmehr den Auftrag erteilte, hinzugehen und zu verkündigen, wie viel der Herr an ihm getan und wie er sich seiner erbarmt habe. Dieser Mensch sollte seinen Ruhm verkündigen. Aber noch etwas können wir aus der Geschichte des Besessenen lernen. Wir dürfen uns weder zu Schwärmereien noch zu einem Gemüts- und Gefühlswesen hinreißen lassen; die Hauptsache ist nicht, ein freudiges Herz zu haben, das höher schlägt als dasjenige anderer Leute. Darin besteht das wahre Wesen des Christentums nicht, so sehr auch diese Schwärmereien und Gefühlsausbrüche den Kindern Gottes nahe liegen. Da denkt so manche Seele: O, wenn ich nur fühlen könnte und ein freudiges Herz und den rechten Frieden hätte! Aber der Friede, den sie meinen, ist durchaus nicht der richtige. Gehe hin, tue, was Jesus dir sagt, das ist der Beruf, das Leben und Wesen des Christentums.
Das Gebet der Braut, über das ich heute Abend zu sprechen gedenke, findet ihr Offenb. 22, 17: „Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen da dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“
Die Braut bittet: Komm! Warum? Nun, aus dem einfachen Grunde, weil sie in schweren Familienverhältnissen lebt; der Vater ist schlecht gegen sie und die Mutter nicht gut. Da wünscht sie nun, ein eigenes Heim, einen eigenen Herd zu haben, und deswegen möchte sie je eher je lieber Hochzeit machen. Ist ein derartiges Zustandekommen einer Ehe nicht erbärmlich? Bei einer solchen Braut kann doch von wahrer Liebe keine Rede sein! Wer sähe das nicht ein? Man möchte es eben gut haben, darum will man so schnell als möglich heiraten.
Die Sehnsucht nach der Ewigkeit, das Heimweh nach Neu-Jerusalem, welches sich oft in den Liedern der Heiligen, sowie in den Gebeten der gläubigen und wiedergeborenen Seelen ausdrückt, kann an und für sich ganz begründet sein! Es ist begreiflich, dass sie des Leidens los werden und gern in bessere, angenehmere Verhältnisse kommen möchten. Das ist ganz natürlich. Es ist das Gebet einer Braut, wie man sie heutzutage oft findet, aber das Gebet der Braut Jesu Christi ist es niemals. Diese sehnt sich nicht heraus aus den Schwierigkeiten, ebenso wenig wie ihr Bräutigam versuchte, aus denselben herauszukommen. Sie folgt dem Lamme, wohin es irgend gehen mag, auf den Wegen, welche ihr verordnet sind und zu ihrer Vervollkommnung dienen sollen, mögen es auch Täler der Todesschatten sein, - sie folgt ihm dennoch. Sie geht, wohin er sie führt, und ihr Weg ist derselbe wie der ihres Bräutigams.
Zwischen der Braut Jesu und ihrem Bräutigam muss eine Wesensgleichheit vorhanden sein. Christus wurde vollkommen gemacht durch Gehorsam. Die Braut Christi hat nur ein Ziel, und das ist: Vollkommen zu werden; darum sind ihr auch alle Trübsals- und Leidenswege willkommen, und sie kann dieselben sogar mit Freuden begrüßen. „Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Schmähungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten für Christum; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2. Kor. 12, 10). Da sagt man dann nicht: Ich trage es mit Geduld, man muss eben zufrieden sein.
Die Braut ruft nicht deswegen „Komm“, damit sie selbständig sein und herrschen könne; nein, das liegt ihr ebenso fern, wie es ihrem Bräutigam fern gelegen. „Er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an; ward gleich wie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tod am Kreuze“ (Phil. 2, 7-8). Alles, was er hatte, gab er hin.
Es liegt einer wahren Brautseele ferne, avancieren oder weiterkommen zu wollen, auf dass sie zur Herrlichkeit gelangen könne. Hier könnt ihr euch prüfen und nachforschen, wie es in dieser Beziehung mit euch steht. Und da möchte ich besonders ein Wort richten an diejenigen Geschwister, welche glauben, vor den andern einen Vorrang zu haben, und meinen, sie allein seien die Brautseelen; damit meine ich die lieben Geschwister aus der Apostolischen Gemeinde, aber nicht nur sie allein.
Erlaubt mir eine Frage: Warum wollt ihr denn allein die Braut Jesu Christi sein? Aus welchem Grunde verlangt ihr nach Jesum? Warum habt ihr Lust und Freudigkeit, abzuscheiden? Ist dies wirklich bei euch der Fall? Bittet ihr überhaupt um sein baldiges Erscheinen? Ist euch denn der Gedanke an das Sterben, an die Verwandlung so lieb? Aber angenommen, es wäre so bei euch, was ist euer Beweggrund? Vielleicht um den Versuchungen und Schwierigkeiten zu entgehen, um die Schmach Christi dadurch los zu werden, oder bittet ihr am Ende deshalb für sein Kommen, um in Glorie erscheinen und sagen zu können: Seht, wir sind die Gesalbten, wir sind die 144,000 auf dem Berge Zion. Wir möchten in Herrlichkeit prangen vor seinem Throne! Wenn es also mit euch steht, dann kann ich nur sagen: Eine solche Braut ist Jesu gar nicht würdig.
Wenn ihr doch nur hinter den Gedanken kommen und einsehen würdet, dass es durchaus nicht der Liebe entspricht, zu denken: Ich will schnell heiraten, damit ich selbständig werde und aus der Not komme. Eine keusche, edle Braut würde vor diesem Gedanken erröten, wenn er auch nur mit Blitzesschnelle das Herz durchzuckte. Dieser Wunsch, selbstständig zu werden, bewiesen gerade die Unlauterkeit des Herzens.
Der Geist und die Braut sprechen: Komm! Es ist bezeichnend, dass der Heilige Geist und die Braut vereint sind und einstimmig rufen: Komm! Es gibt nur einen Beweggrund, der uns frei machen kann, und das ist der reinste und göttlichste; er ist der Liebe am würdigsten: Jesus selbst.
Ich fühl's, du bist's, dich muss ich haben,
Ich fühl's, ich muss für dich nur sein;
Nicht im Geschöpf, nicht in den Gaben,
Mein Ruhplatz ist in dir allein.
Hier ist die Ruh, hier ist Vergnügen,
Drum folg ich deinen sel'gen Zügen.
Es wird als etwas Großes in der Welt angestaunt, wenn ein Kronprinz, um ein Mädchen aus dem Volke zu heiraten, auf den Thron, auf seine Erbschaft und Würde verzichtet. Sucht er dadurch irgendwelche Vorteile? Nein; für das Mädchen, das er liebt, erscheint ihm kein Preis zu hoch. Ebenso ist es im umgekehrten Verhältnis. Noch vor kurzem habe ich in einer Zeitung gelesen, dass eine Fürstin sich einem Zigeuner hingegeben habe. Sie hat alles verlassen, weil sie ihn über alles liebte. Seht, das ist eine richtige Braut; und so soll auch eine Braut Jesu Christi sein. Bei der Bekehrung und Wiedergeburt ist die Bitte „Ach, Herr, erlaube mir, dass ich bei dir sein darf“, auch vom Geiste Gottes gewirkt und bildet gleichsam die Wurzel; aber dann liegen der Seele oft ganz andere Dinge nahe, als die Person Jesu. Man möchte Frieden genießen und die rechte Freude besitzen, und vor allen Dingen die selige Gewissheit des Heils haben. Ist dies erlangt, so besteht die größte Sorge darin, dass die Freudigkeit wieder schwinden könnte. Es ist den Seelen oft wenig darum zu tun, Jesum selbst zu gefallen.
Komm! ruft die Braut. Wisst ihr, worauf es eigentlich ankommt? Nur auf eins: Jesu zu leben, ihm allein zu dienen und zu gefallen suchen. Es kommt darauf an, dass wir aus tiefstem Herzensgrunde sagen: „Wenn ich dich nur habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde; wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du, Herr, dennoch allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“
Welches ist die richtige Stellung, die eine Brautseele einnehmen soll? Es kommt mir gar nicht darauf an, ob ich einst eine Krone bekomme oder in der ersten Reihe bin, ob ich mit Herrlichkeit und Ehre geschmückt und geziert werde - nein, ich wäre zufrieden, wenn ich nur an der Schwelle stehen dürfte. Ihr denkt wohl, nur selig sein, das sei mir die Hauptsache! Nein, das meine ich nicht, wenn man schon den Spruch „Nur selig“ an vielen Wänden findet. Nein, nicht nur selig, und wenn ich auch an der Schwelle stehen bleiben müsste, es kommt mir einzig darauf an, dass ich ihm gefalle, dass er mit mir zufrieden sein und seinen Willen voll und ganz an mir ausführen kann. Mein Blick, mein Tun, die Motive meiner Worte, meines Händedrucks, das alles muss ihm geschehen. Er muss an mir zu seinem vollen Schmerzenslohne kommen.
So muss es der Braut Jesu zu Mute sein, dann ruft sie: Komm! Wie der Ruf des Geistes rein ist, so ist auch der Auf der Braut rein. Ist Jesus dir alles? Bewegt dich nur der eine Gedanke, deinem Heiland allein zu gefallen? Sieh, die Braut Jesu folgt ihrem Bräutigam, ganz gleich, ob's nun durch Not oder Trübsal, durch Verfolgungen oder Schmach, durch Schmerzen oder das Todestal gehe; sie folgt dem Lamme, wohin es auch gehen mag. So ist es bei einer wahren Brautseele. Wenn es wirklich bei dir so ist, dann weiß ich, dass du dir nichts darauf einbildest. Eine richtige Brautseele sagt nicht: Ich gehöre zu den 144,000; sie weiß nur das Eine, dass sie ihn von Herzen liebt und ihm folgt, wohin er sie führt. Deshalb ruft sie, von heißer Sehnsucht erfüllt: Komm, Herr Jesu, komme bald!
Aber, wie steht es denn mit den andern Brüdern und Schwestern, die noch nicht so weit sind? Was sollen sie machen? „Wer es hört, der spreche: Komm!“ Wenn das, was du bis jetzt geglaubt, nicht mehr im Einklang steht mit diesen Dingen, und du siehst ein, dass du auf falschem Wege gewesen bist bis jetzt - was nun? Wer es hört, der spreche: Komm! Du darfst gleichwohl um sein Kommen bitten und rufen; es bringt auch dir Heil, Segen und Gnade. Es ist gar keine Frage, ob auch du rufen darfst! O stimme mit ein, schon allein deshalb, weil der Geist ruft: Komm! Diejenigen, die seines Geistes sind, tun solches; sie haben ein tiefes Verlangen, dass jene Zeit der Erquickung vom Angesichte Gottes bald kommen möchte und Satans Herrschaft für immer ein Ende gemacht werde.
Ihr dürft nicht nur, sondern ihr sollt auch alle beten: Komm! Wer es hört, der spreche: Komm! Und wen da dürstet, der komme. Wen dürstet, ein Gotteskind zu werden, wer Verlangen und Sehnsucht hat, dem Herrn ganz zu leben, der komme nur! Kommt, denn es ist alles bereit; alles ist offen. Wen da dürstet, der komme und nehme das Wasser des Lebens umsonst. Wer bekommt das Wasser des Lebens?
Jeder danach Dürstende. Das gilt euch nicht, die ihr nicht bereit seid, alles um des Heilandes willen zu opfern. Das gilt denjenigen nimmer, welchen die Worte nicht zu einem Herzensschrei geworden: Rette mich, sonst sterbe ich hier.
Seht, es ist gerade so, wie im täglichen Leben. Da kommt eine Frau aus der Stadt zurück; sie hat etwas eingekauft und sagt nun zu ihrem Manne: „Rate einmal, was das gekostet hat? „ Er entgegnet: „Ich denke so Fr. 5!“ „Nein, nur Fr. 2!“ Und der Mann sagt: „Das ist ja ganz umsonst.“ Wenn Jesus von uns verlangt, dass wir ihm unsere Lumpen und Fetzen geben sollen für seine Gnade und Herrlichkeit, und er uns dann als Ersatz dafür die Kleider des Heils und den Rock der Gerechtigkeit, den er selbst für uns erworben, schenken will; sagt, ist denn das nicht umsonst? Ist es überhaupt nicht ein Wunder, dass sich Jesus so weit herablässt? Wir können ihm nie genug dafür danken, wenn er uns unsere Fetzen und Lumpen abnimmt. Das ist wohl des Dankes wert!
Komm zum Heiland, und bist du auch noch so verkommen; hast du aber trotzdem ein Verlangen, einen Durst nach Jesum, so komm und nimm das Wasser des Lebens umsonst.
Die Zeit ist vorüber. Das Wort und die Verkündigung desselben hat euch gezeigt, dass Jesus ein Gebetserhörer ist, und dass alles Fleisch zu ihm kommen darf. Aber das Fleisch, das zu ihm kommt, darf nicht Fleisch bleiben, sondern es muss geistlich werden. Da muss der Geist Jesu Raum finden und zur Herrschaft kommen. Wie viele von euch haben empfunden, dass der Geist Gottes zu euern Herzen geredet hat? Habt ihr nicht des Geistes gewaltigen Zug verspürt? Und doch habt ihr euch dem Herrn nicht übergeben? Warum? O ihr werdet es einst in der Ewigkeit bitter bereuen, aber dann ist es zu spät! Mein Freund: Heut' lebst du, heut' bekehre dich, eh es Morgen wird, kann's ändern sich. Wer trägt dann wohl die Schuld, wenn dein Weg in die Hölle mündet? Jetzt hält Gott noch seine Gnadenhand nach dir ausgestreckt, um dich zu retten. Weise ihn nicht ab, sonst gehst du durch eigene Schuld verloren!
Zu dir kommt alles Fleisch! Ihr dürft alle kommen, wie ihr seid. Jesus macht euch zu andern, neuen Menschen. Er macht aus steinernen Herzen fleischerne und aus solchen Leuten, die bis jetzt nur für den irdischen, vergänglichen Staub gelebt, Menschen, die nur noch für ihn leben.
Ach, wen da dürstet, der komme und trinke das Wasser des Lebens umsonst. - kommt und bekehrt euch; gebt euch Jesu ganz hin. Ihr werdet es in Ewigkeit nicht bereuen. lasst euch alle bitten! Ich rufe euch im Namen Jesu Christi zu: „Wen da dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ Amen.