Rubanowitsch, Israel Johannes – Verschiedene Beter – 1. Der Gebetserhörer.

Rubanowitsch, Israel Johannes – Verschiedene Beter – 1. Der Gebetserhörer.

Psalm 65, 1-9: „Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion, und dir bezahlt man Gelübde. Du erhörst Gebet, darum kommt alles Fleisch zu dir. Unsere Missetat drückt uns hart, du willst unsere Sünden vergeben. Wohl dem, den du erwählst und zu dir lässt, dass er wohne in deinen Höfen, der hat reichen Trost in deinem Hause, deinem heiligen Tempel. Erhöre uns nach deiner wunderbaren Gerechtigkeit, Gott, unser Heil, der du bist Zuversicht aller auf Erden und ferne am Meer. Der die Berge festsetzt in seiner Kraft und gerüstet ist mit Macht; der du stillst das Brausen des Meeres, das Brausen seiner Wellen und das Toben der Völkerschaften, dass die fernsten Bewohner sich fürchten.“ Amen.

Und nun möchte ich euch auf den dritten Vers unseres Psalms aufmerksam machen. Dieser soll die Einleitung zu unsern Vorträgen werden. Du Gebetserhörer, zu dir wird alles Fleisch kommen und kommt alles Fleisch. So der Herr Gnade gibt, habe ich die Absicht, in den kommenden Tagen verschiedene Stufen von Betern zu besprechen.

Es heißt hier: Zu dir kommt alles Fleisch; das will so viel sagen wie: Alles, was Fleisch hat, kommt zu dir, weil du ein Gebetserhörer bist. Versammelte, hier ist niemand so reich, hier ist niemand so gesund, dass er nicht einmal in die Lage kommen könnte, beten zu müssen, und zwar weil die Not ihn dazu treibt. Auch glaube ich, dass manche unter uns sind, die seit Jahren nicht mehr gebetet haben, und zwar gerade deswegen, weil es ihnen bis jetzt gut gegangen ist, weil sie stets gesund waren, weil das Geschäft geblüht hat und ihr Trotz noch nicht gebrochen worden ist. Aber aller Tage Abend ist für dich noch nicht gekommen; und wenn die Schatten jenes Tages auf dein Leben fallen werden, dann kann es wohl sein, dass, obgleich du nie vorgehabt hast, zu beten, obwohl Beten der Gegenstand deines Spottes gewesen ist, auch du noch beten wirst.

In diesem Worte ist allerdings nicht das enthalten, dass unbedingt alles, was Fleisch hat, beten müsse, beten werde, wohl aber dieses, dass alle Gattung von Fleisch sich zu ihm wendet.

Alle Gattung! Von dem höchsten irdischen Wesen, dem Menschen, bis zu dem niedrigsten der Tiere, von dem vollständig bewussten Seufzer eines fühlenden Gemütes bis zum unbewussten Seufzer eines Tieres - dieses alles wendet sich zu Gott, dieses alles darf und kann sich zu ihm wenden, weil er ein Gebetserhörer ist. Zu dir kommt alles Fleisch!

Damit ist bereits schon angedeutet, dass das Beten an und für sich noch kein Beweis ist von irgendeinem Freundschaftsverhältnis zu Gott, ebenso wenig wie auch das Vieh auf dem Felde, wie die Schafe auf den Triften in einem besonderen Freundschaftsverhältnis zu Gott stehen. Dennoch steht geschrieben Ps. 147, 9: „Der dem Vieh sein Futter gibt, den jungen Raben, die da rufen.“ Ebenso wenig wie das Vieh in einem besonderen Freundschaftsverhältnis zu Gott steht, ebenso wenig ist es für dich ein Beweis, dass du in einem besonderen Freundschaftsverhältnis zu ihm stehst, weil er dein Gebet einmal erhört hat.

Was unser Texteswort uns sagen will, ist: Schaut ihn an: wie groß, wie reich, wie hehr muss Der sein, der allen Bedürfnissen gewachsen ist. Schaut ihn an und fürchtet ihn! Wie groß, wie erhaben, wie reich ist Gott, dass er jede Gattung von Fleisch von dem kleinsten lebenden Wesen an anhören kann und anhören will und keines von ihm übersehen oder vergessen wird. Betet ihn an, wie gut und lieb ist er, dass, obgleich wir Kreaturen sind, die gar nicht in einem besonderen Freundschaftsverhältnis zu ihm stehen, die sich sonst in ihrem Leben gar nicht um ihn bekümmert haben, die sich aber in ihrer großen Not an ihn gewandt, er ihnen dennoch hilft! - Wie groß, wie erhaben, wie reich, wie gut bist du, o Gott, dass du alles Fleisch zu dir kommen lässt und erhörst! Wie gut bist du, mein Gott, dass du mich, der ich die vernünftigste unter den Kreaturen bin, erhört hast, dass du mir meine Bitte gewährt und mir gnädig aus der Not geholfen hast. Anbetung dir! Zu dir kommt alles Fleisch!

Versammelte, lernt aus dieser Tatsache euern Gott verstehen. Seht, für den Wurm, der in der Erde umherkriecht, für die Eintagsfliege im Juli und August, für den Adler in seinem Horste, - für das Fischlein im Meer, - für den Walfisch im großen, weiten Ozean, für das Mäuschen und den Elefanten, für alle sorgt er; denn alles Fleisch kommt zu ihm. Schaut die Sperlinge an! Sie alle versorgt der Vater im Himmel, und auch dich versorgt er. Wenn du auch nur einen Augenblick darüber nachdenken wolltest, wie du dich in deinem ganzen Leben zu ihm gestellt hast, und wie er trotz deiner vielfachen Untreuen sich dennoch von deiner Bitte rühren und bewegen lässt, o mein Freund, liegt es da nicht auf der Hand, wie gut Gott ist!

Wenn er so gut ist, wie schlecht musst dann du sein, dass du dich bis jetzt noch nicht in das richtige Verhältnis zu ihm gesetzt hast. Aber, wenn du nun aus diesen Tatsachen deine einfachen Schlüsse ziehst und siehst dort irgendeine Kreatur in der Not, eine Kreatur, dir gleich, die sich aber wie die unvernünftigen Tiere um ihren Gott nicht kümmert, und jetzt ist große Not bei ihr eingekehrt. Was sollst du nun tun? Auch in solchem Falle darf ich zu ihm sagen: Zu dir kommt alles Fleisch.

Hört es, ihr Männer und Frauen, hört es, ihr Jünglinge und Jungfrauen, höre es, du Trunkenbold: Alles Fleisch kommt zu ihm. Er ist ein Gebetserhörer, rufe ihn an! Auch du darfst dich zu ihm nahen, denn das Wort Fleisch ist bezeichnend dafür. Fleisch ist ein Wort, welches in der Bibel gewöhnlich das Gemeine, das Unreine, das Sündliche und alles, was Gott missfällig ist, bezeichnet. Fleisch bezeichnet die Kreatur in ihrem sündlichen Zustande, wie sie von Gott abgefallen ist. Und wisst ihr auch, wie weit dieses reicht? Bis in die Gespenster-, ja sogar bis in die Teufelwelt hinein! Alles, was sich irgendwie mit dem Worte Fleisch verbinden lässt, das darf zu ihm kommen als zu dem Gebetserhörer; das heißt zu dem, der die Not sieht, um sie abzuwenden, der die Bitte anhört, um sie zu erfüllen.

Zu dir kommt alles Fleisch! Deswegen darf auch ich kommen. Ich bin kein Heiliger oder Gerechter, ich bin kein Frommer, kein Reiner; aber ein Unreiner, ein Unheiliger, ein Ungerechter, ein Sünder unter den Sündern bin ich. Doch alles Fleisch kommt zu dir; und weil auch ich nur zu starkes Fleisch bin, weil auch ich nur zu tief gesunken bin, deswegen komme ich zu dir! Habt ihr Unglück in euern Familien oder in eurem Geschäft, habt ihr irgendeine Krankheit in eurem Leibe, oder habt ihr vielleicht Sieche in euern Häusern? Sagt mir, meine Teuren, wo drückt euch der Schuh? Womit ist eure Seele belastet? Betet ihn an, den Gebetserhörer; auch ihr dürft zu ihm kommen, denn zu ihm kommt alles Fleisch! Amen.

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