Rubanowitsch, Israel Johannes - Liebe in Tat und Wahrheit - Die Liebe.

Rubanowitsch, Israel Johannes - Liebe in Tat und Wahrheit - Die Liebe.

1. Joh. 3, 18 ff.

Wir haben vergangenen Sommer bereits über einen Teil des 23. Verses gesprochen: „dass ihr glaubt an den Namen seines Sohnes Jesu Christi“. Das ist aber nur die eine Hälfte; die andere lautet: „Und einander lieben, gleichwie er uns ein Gebot gegeben hat.“ Göttlicher Glaube und göttliche Liebe sind so eng mit einander verbunden, wie Licht und Schein; wo das eine fehlt, da ist es unbedingt mit dem andern nicht richtig. Wo der Glaube an den Herrn nicht biblisch ist, da ist sicher auch die Liebe nicht biblisch, und wenn die Liebe zum Herrn nicht göttlicher Natur ist, so kann auch der Glaube nicht göttlich sein. Der Glaube ist die Ursache der Liebe; die Liebe ist die Folge des Glaubens.

Wer Gott nicht ganz vertrauen kann, dem ist es unmöglich, ihn ganz zu lieben. Wer mit Sorgen, mit Ängstlichkeit, mit Kleinglauben in Bezug auf die Führung, Leitung und Vorsehung Gottes zu tun hat, das heißt, fortwährend davon eingenommen ist, in dessen Leben wird immer wieder das äußere Erkennungszeichen der Gotteskindschaft fehlen, und das ist: die Liebe.

Der Glaube bringt uns dem Wesen Gottes nahe, dass wir uns mit ihm verbinden können, so nahe, dass an uns das Wort wahr wird: „Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm“ (1. Korr. 6, 17). Im gleichen Briefe (2, 16) heißt es: „Wir aber haben Christi Sinn“, das heißt Christi Art, die Dinge anzusehen und die Menschen im Sinne und Geiste Christi zu behandeln. In dem schönen Liede „Es kennt der Herr die Seinen“ wird uns das klar gezeigt. Es heißt dort:

„Er kennet seine Scharen
am Glauben, der nicht schaut
und doch dem Unsichtbaren,
als säh' er ihn, vertraut.
Der aus dem Wort gezeuget
und durch das Wort sich nährt
und vor dem Wort sich beuget
und mit dem Wort sich wehrt.

Er kennt sie an der Liebe,
die seiner Liebe Frucht,
und die mit lauterm Triebe
ihm zu gefallen sucht,
die andern so begegnet,
wie er das Herz bewegt,
die segnet, wie er segnet,
die trägt, wie er sie trägt.“

Seht, das sind die bestimmten Erkennungszeichen.

Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer, eine Glut, vor der und in der alles, wenn auch nicht zur Flamme, so doch zur Glut, zum Glühen, zum Fließen gebracht werden kann. Man kann das Eisen nicht zum Brennen bringen, dass es eine Flamme gibt; aber man kann es flüssig machen wie Wasser; man kann es glühend machen wie Feuer. Ebenso kann und wird der Herr auch die Seele, die sich mit ihm verbunden hat, glühend und fließend machen. In euch selbst ist die Glut nicht; ihr seid an und für sich nicht fließend, aber das Feuer macht euch dazu.

Wer dem Herrn vertraut, wer ihm biblisch vertraut, wer an ihn glaubt, wie die Schrift sagt, der kennt keine größere Seligkeit, als stets bei ihm zu bleiben, der hat kein größeres Sehnen und Verlangen mehr, als bei ihm in seinem Hause zu wohnen immerdar. „Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gerne, dass ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu besuchen.“

Wo er sich offenbart, wo er ein und alles ist, da liebt man. Deswegen hat der Heilige Geist den Glauben vor die Liebe gesetzt. Es heißt: „Das ist sein Gebot, dass wir glauben an den Namen seines Sohnes Jesu Christi und uns unter einander lieben, gleichwie er uns ein Gebot gegeben hat.“ Meine Schwester, kannst du lieben? Mein Bruder, kannst du lieben? Könnt ihr einander lieben? Einander lieben heißt sein vis-a-vis lieben, die Person, die dir gegenüber ist. Sei es nun dein Weib, seien es deine Kinder, sei es dein Knecht oder deine Magd, sei es dein Freund oder deine Freundin, seien es Menschen, mit denen du bis jetzt nicht verkehrt hast, die du heute zum ersten Mal siehst, oder sei es auch dein Feind. Einander lieben heißt: eine Person außer mir lieben. Zunächst werden wir es an der Stelle sehen: „Liebet eure Feinde“ (Matth. 5, 44).

Allerdings ist es wahr, dass das Kind Gottes liebt, aber wer von uns weiß nicht, dass es auch Kinder Gottes sein können, denen wir feindlich gegenüberstehen. Kommt es nicht häufig unter dem Volke Gottes vor, dass man andern Kindern Gottes feindlich gesinnt ist? Oder ist euch dies alles ganz fremd? Habt ihr noch nie etwas davon vernommen, dass Gottes Kinder sich als Gegner behandeln, dass sie sich gegenseitig auszuweichen suchen, und sollte es sich begeben, dass sie einander einmal auf dem Wege begegnen, dann fühlt jeder von ihnen einen empfindlichen Stich in seinem Herzen! Das sind ja ganz natürliche Menschen! Ja, da sitzt man zu Hause und schmiedet sogar noch Ränke, um auf irgendeine Weise jenen Bruder, dem man feindlich gesinnt ist, zu kränken und Rache an ihm auszuüben oder um seinem rachedurstigen Herzen Luft machen zu können. Kennt ihr solche Dinge nicht? Ihr habt wahrscheinlich noch keine günstige Gelegenheit gehabt, um das ausführen zu können.

Nicht, als ob es zum Geistesleben gehörte, dass die Kinder Gottes einander feindlich gegenüberstehen müssen; aber wenn man nicht im Geiste ist, dann ist man eben im Fleisch. Es gibt unter den Gotteskindern sehr viel Gemisch von Fleisch und Geist.

Also das ist sein Gebot, dass wir uns unter einander lieben; und so bestimmt er uns ein Gebot gegeben hat, so bestimmt muss die Liebe da sein. So gewiss er uns etwas geboten hat, so gewiss muss auch die Erfüllung des Gebotes bei uns stattfinden.

Wie äußert sich die Liebe? Wie liebt man? Woran erkennt man sie an sich selbst und an den andern? Das ist ein Zwiefaches. Da ist eine verneinende und eine bejahende Seite; da ist also etwas, wo die Liebe immer „Nein“ und etwas, wo sie immer „Ja“ zu sagen pflegt.

Die Liebe hütet sich wohl, die geliebte Person zu verletzen, sie zu kränken und zu beleidigen oder in irgendeiner Weise ihr wehe zu tun. O wenn ihr nur an natürliche Liebe denken wollt, ihr Mütter gegen eure Kinder, ihr Männer gegen eure Frauen, ihr Frauen gegen eure Männer, so habt ihr die Sache ja auf der Hand. Ihr habt euch zusammengenommen, und zwar ohne Berechnung; es lag in euch, nur ja nicht die geliebte Person zu verletzen; und ist es wirklich einmal vorgekommen, dann wart ihr höchst unglücklich, nicht nur einmal, sondern wohl zehnmal, hundertmal habt ihr um Verzeihung gebeten und noch immer zittert euch das Herz darüber.

Seht, das ist Liebe, wenn man Angst hat, die geliebte Person zu verletzen und zu kränken. Man sucht alles zu vermeiden, was ihr schaden könnte, und kam es dennoch einmal vor, dass man sie beleidigte oder kränkte, dann tat man es entweder aus allzu großer Übereilung oder aber in der höchsten Not. Es ist natürlich eine große Ausnahme, wenn so etwas einmal vorkommt.

Die Liebe denkt nach, wie sie der geliebten Person Freude bereiten und wie sie derselben wohl tun könne. Also ganz nach dem Sprichwort: „Die Liebe ist erfinderisch.“ Sie tut nicht nur das, was die geliebte Person sagt und wünscht, nein: „Dein Wunsch

ist mir Gebot.“ Man sucht es ihr von den Augen abzulesen, was man wohl tun könnte, um ihr eine Freude zu bereiten, was man ihr geben könnte, um sie zu beglücken. Wo der andere nichts ahnt, da beschäftigt sich schon die Liebe damit, dem Geliebten eine Freude zu machen. Ist es nicht so? Man spürt für sich selbst ein tiefes Glück, wenn man der geliebten Person wohltun kann.

Seht, das ist Liebe! Das heißt einander lieben wie sich selbst. Das ist die göttliche, die reine Liebe. Und dies ist sein Gebot, dass wir einander lieben sollen, gleichwie er uns ein Gebot gegeben hat. Amen.

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