Quandt, Emil - Der Brief St. Pauli an die Philipper - XVII. Timotheus, das Vorbild junger evangelischer Theologen.
Epiphanias.
Kap. 2, 19-24.
Ich hoffe aber in dem Herrn Jesu, dass ich Timotheum bald werde zu euch senden, dass ich auch erquickt werde, wenn ich erfahre, wie es um euch steht. Denn ich habe keinen, der so gar meines Sinnes sei, der so herzlich für euch sorgt. Denn sie suchen alle das Ihre, nicht das Christi Jesu ist. Ihr aber wisst, dass er rechtschaffen ist; denn wie ein Kind dem Vater, hat er mit mir gedient am Evangelio. Denselbigen, hoffe ich, werde ich senden von Stund an, wenn ich erfahren habe, wie es um mich steht. Ich vertraue aber in dem Herrn, dass auch ich selbst schier kommen werde. Amen.
Es ist ein alter, ehrwürdiger Brauch unseres Wittenberger Prediger-Seminars, vor dem Beginn der theologischen Arbeiten und Übungen im neuen Jahr das Epiphaniasfest in der Thesenkirche zu feiern mit gemeinsamem Genuss des hochwürdigen heiligen Abendmahls und mit einer vorangehenden Erquickung aus dem sprudelnden Borne des göttlichen Worts. Je mehr der Glanz des uralten Epiphaniasfestes im allgemeinen Bewusstsein der evangelischen Christenheit vor der heiligen Pracht des viel jüngeren Weihnachtsfestes verblichen ist, desto treuer wollen wir an der Seminarsitte hangen, in unserer stillen, geistlichen Gemeinschaft durch Wort und Sakrament den Tag zu feiern, von dem einst Augustinus sagte, dass er mit nicht minderer Geistesfreudigkeit und Dankbarkeit zu begehen sei, als Christi Geburtstag, und den Gregor von Nazianz als den heiligen Tag des Lichtes pries, der uns hoch über die Erde emporhebe und uns gegeben sei, über Gott und göttliche Dinge nachzudenken und zu forschen.
Unser frommes Nachdenken und Forschen hat zum Brennpunkt den verlesenen Abschnitt aus der Epistel St. Pauli an die Philipper. In diesem Abschnitt bewegt sich alles um die eine Gestalt des jugendlichen Freundes und Gehilfen St. Pauli, des liebenswürdigen Timotheus, eine Gestalt, in welcher sich die Erscheinung Jesu Christi als in einem lebendigen Spiegel lieblich abbildet und vorbildet. Paulus spricht die Hoffnung aus, ehe er selber wieder nach der Befreiung aus den Banden, mit denen er um Christi willen gefesselt sei, zu seinen geliebten Philippern kommen werde, ihnen den Timotheus senden und denselben wieder zurückempfangen zu können, damit er erquickt werde, wenn Timotheus ihm erzähle, wie es in Philippi stände. Das ist der Rahmen für das Bild; das Bild selbst ist Timotheus, von Pauli Meisterhand gemalt.
Ich wüsste kein schöneres biblisches Bild, das den Brüdern unserer Seminargemeinschaft als Vorbild im neuen Jahre und weit darüber hinaus zu gesegneter Nachfolge vorleuchten könnte, als das Bild des Timotheus, das der apostolische Raphael uns im Philipperbrief gezeichnet hat. Ist es auch kein Epiphaniasbild im engeren Sinne wie das Bild der anbetenden Weisen aus dem Morgenlande oder wie das Bild des heiligen Täuflings im Jordan mit der schwebenden Taube, so gibt es doch für die Epiphaniasfeier unseres engeren Kreises in der ganzen heiligen Bildergalerie des Neuen Testamentes kein anziehenderes Bild, als dieses. Wir schauen es an zum Sinnen und Beginnen.
Timotheus, das Vorbild junger evangelischer Theologen
1. in der Liebe zu Paulus,
2. in der Liebe zu den Philippern,
3. in der Liebe zu dem Herrn Jesus Christus.
Herr, unser Gott, wir tragen das Bild des irdischen Adam; verkläre uns durch deine die Jahre überdauernde Gnade je länger je mehr in das Bild des himmlischen Adam. Amen.
1.
Ich habe keinen, der so gar meines Sinnes sei, so hat Paulus niemals sonst von irgendeinem anderen seiner vielen Begleiter und Mitarbeiter und Reisegenossen gesprochen; nur dem einzigen Timotheus hat er dies Lob gegeben. Und dies Lob fällt umso schwerer in die Waagschale, als die großen Männer der Menschheit, und Paulus ist einer der allergrößten, meist das Schicksal der Könige in der Welt teilen, nämlich auf einer Höhe zu stehen, die nicht nur steil, sondern auch einsam ist; große Männer haben in der Hoheit ihres Wesens, Denkens und Strebens in den seltensten Fällen einen ebenbürtigen, gleichgesinnten Freund zur Seite. Man hat die Bedeutung des griechischen Wortes, das Luther mit dem deutschen Ausdruck „sogar meines Sinnes“ übersetzt, abschwächen wollen, als wenn es nur besage, dass Timotheus mit Paulus in der Fürsorge für die philippische Gemeinde ein Herz und eine Seele gewesen sei. Aber das ist ein ganz willkürliches Unterfangen. Der griechische Ausdruck, der im Neuen Testamente nur an dieser unserer Stelle vorkommt, bezeichnet nach seiner Grundbedeutung und nach den zwei einzigen Stellen, an denen er früher vorkommt, im Agamemnon des Aischylos und in der griechischen Übersetzung von Psalm 55, 14, wo Luther verdolmetscht: „du bist mein Geselle“, einen Geistesverwandten in jeder Beziehung, einen Gleichgesinnten ohne Beschränkung. So also haben wir uns den Timotheus zu denken: Ein jugendlicher Mann, dem Paulus an anderen Stellen sagt: „Fliehe die Lüste der Jugend“, und „Niemand verachte deine Jugend“; ein Grieche von Vaters Seite und wie es scheint, ein wohlhabender Grieche, denn sonst hätte er, der kein Handwerk nebenbei trieb und obendrein oft kränkelte, die Kosten für seine vielen Missionsreisen nicht bestreiten können; ein Jude von mütterlicher Seite her und von seiner Mutter Eunike und deren Mutter Lois, der ehrwürdigsten Großmutter, die die Bibel nennt, von Kindesbeinen an unterwiesen in der Heiligen Schrift mit dem Hinweis auf die Seligkeit im Glauben an den Messias; zum Christentum bekehrt mitsamt Mutter und Großmutter durch Paulus in Lystra auf seiner ersten Missionsreise und auf der zweiten von ihm zum Gehilfen am Dienst des Wortes erwählt und nach vorausgegangenem Bekenntnis des christlichen Glaubens vor vielen Zeugen durch Handauflegung trotz seiner Jugend zum christlichen Prediger geweiht, arbeitete er hinfort an der Verkündigung des Evangeliums nicht nur in Gemeinschaft mit Paulus, sondern auch in Pauli Denkweise und Lehrweise und in vollster rückhaltloser Pietät gegen Paulus als seinen geistlichen Vater, der ihn wiederholt sein geistliches Kind nennt und der in unserem Text zu dem ersten Lobe des Timotheus noch das andere mehr persönliche hinzufügt: „Wie ein Kind dem Vater, hat er mit mir gedient am Evangelio“. Ein wundervolles Zeugnis, von dem mit Recht gesagt ist: „Das Zeugnis ist doppelt rührend durch den unregelmäßigen Satzbau“. Paulus durfte wohl sagen, dass Timotheus ihm gedient habe, wie einem Vater; so innig war seine treue, persönliche Anhänglichkeit. Aber Paulus verbessert sich, er will dem jungen Timotheus noch ein höheres Zeugnis geben und fährt darum fort: er hat mit mir gedient, Gott gedient, Christo gedient, auch gedient am Evangelium von der Gnade Gottes in Christo.
Timotheus in seiner Pietät gegen Paulus und in seiner Geistesverwandtschaft mit dem hohen Apostel ein leuchtendes Vorbild für euch, liebe Brüder, die ihr hier als Kandidaten des evangelischen Predigtamts in Gemeinschaft miteinander und mit uns, euren leitenden Freunden, der evangelisch-theologischen Vertiefung und Verinnerlichung lebt. Die evangelische Theologie ist in ihrem tiefsten Kerne paulinische Theologie, so wahr unser evangelischer Kirchenvater Dr. Martin Luther, auf dessen Gestalt, Grabstätte und Thesentür wir hier schauen, der deutsche Paulus ist und die reformatorische Theologie die Wurzeln ihrer Kraft im Römerbriefe und Galaterbriefe hat. Unser jetziger erlauchter Kaiser hatte ganz Recht, als er einmal im Blick auf den Hochaltar hier äußerte, in der Wittenberger Schlosskirche müsse zur Rechten des Herrn Christus eigentlich nicht Petrus, sondern Paulus stehen. Gewiss alles ist unser, auch Petrus und Johannes und Jakobus und die anderen; aber vor allem ist Paulus unser, der große Lehrer der Rechtfertigung armer Sünder ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben an den heiligen Christ. Lest, meine Brüder, die Episteln Pauli und die Bücher Luthers wieder und immer wieder mit den Augen kindlicher Liebe zu unseren heiligen geistlichen Vätern; lebt euch immer mehr ein in die Denkweise Pauli, die so kühn ist und doch so demütig, so frei ist und doch so gewissenhaft; geht seine heroischen Gedankengänge mit und immer wieder mit und bleibt immer seinem Grundsatz treu für Theorie und Praxis: „Nicht dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach,“ dem Grundsatz, den Dr. Luther preist, wenn er sagt: „Ein Christ ist nicht im Sein, sondern im Werden.“ So werdet ihr als rechte Timotheusse durch das neue Jahr gehen, Nachfolger des jugendlichen Mannes von Lystra in der Liebe zu Paulus.
2.
Es ist Timotheus zum anderen ein Vorbild für junge geistliche Männer in seiner Liebe zu den Philippern. Ich habe keinen, fährt St. Paulus fort zu sagen, der so herzlich für euch sorgt, so herzlich, genauer, so echt und lauter; in der ersten Epistel an Timotheus nennt Paulus den Timotheus mit demselben griechischen Ausdruck sein echtes und rechtes geistliches Kind, Dr. Luther übersetzt da seinen rechtschaffenen Sohn. Indem Paulus den Philippern diese Schilderung seines jungen Gesinnungsgenossen gibt, schreibt er ihnen nichts Neues. Er kann hinzufügen: Ihr wisst, dass er rechtschaffen ist; gemeint ist: ihr kennt seine Bewährtheit aus eigener Anschauung. Timotheus hatte sich schon bei der Gründung der philippischen Gemeinde durch Paulus und dann, so oft er auf seinen Dienstreisen oder gelegentlichen Besuchsreisen nach Philippi gekommen war, der dortigen Christen mit voller, lebendiger Teilnahme und herzlicher, auf ihre Verhältnisse und Umstände eingehender Liebe angenommen. Timotheus war den Philippern ein werter junger Freund, den sie alle kannten und dem sie dankbar waren, dass er seine geistliche Begabung gern ihnen zugutekommen ließ und mit seinem seelsorgerischen Pfunde in den Zeiten, die er bei ihnen verlebte, unter ihnen wucherte.
Welche Gemeinde der Herr der Kirche über kurz oder lang unter deinen Hirtenstab stellen wird, mein Bruder, oder unter deinen, mein Freund, gehört der verschleierten Zukunft an. Im Großen und Ganzen sind ja unsere jüngeren geistlichen Brüder jetzt auf längeres Warten verwiesen, als ob die Ernte klein wäre und der Arbeiter zu viel! Dies Warten kann für den Einzelnen schmerzlich sein und ist im Großen und Ganzen das Zeichen kümmerlicher Zeiten für die evangelische Kirche. Aber wenn dieses Warten demütigt, so soll es doch nimmermehr entmutigen. Man soll sich der unbekannten künftigen Brautgemeinde, der man einst zu innigster Verbindung die pastorale Hand reichen wird, schon in der Wartezeit in herzlicher Liebe verloben und sich täglich geloben und dem Gelübde in der eigenen Herzens- und Gedankenwelt weiten Raum gewähren, dass man der künftigen Gemeinde ein Timotheus sein will zu rechtschaffenem geistlichen Dienst nicht um des Brotes willen, sondern um der Liebe willen; nicht um versorgt zu sein, sondern um zu versorgen; nicht um ein bequemes Leben in pastoraler Gemütlichkeit auf Erden zu haben, sondern um die anvertrauten unsterblichen und teuer erkauften Seelen mit heiligem Eifer und brüderlicher Sanftmut zu dem ewigen Leben in Jesu Christo zu führen, das mit seinen unaussprechlich großen Segensströmen Himmel und Erde umfasst.
Unterdessen seid ihr, meine liebe Brüder, in Wittenberg Glieder der Wittenberger Gemeinde und könnt euch innerhalb derselben schon jetzt in praktischen Timotheusdiensten üben, wie ihr denn auch tut. Wenn ihr in der Lutherschule Wittenberger Kinder unterrichtet, katechisiert und erbaut und mitwirkt an unseren Kindergottesdiensten, wenn ihr Wittenberger Jünglingen im Jünglingsverein mit Rat und Tat beisteht zur Pflege edler Geselligkeit auf christlichem Grunde; vor allem wenn ihr an den gottesdienstlichen Stätten unserer Lutherstadt und vornehmlich in dieser Schlosskirche Jungen und Alten das Wort des Lebens predigt; so wandelt ihr damit vor aller Augen in den Fußtapfen des Timotheus. Möge das Vorbild, das er euch in seiner Liebe zu den Philippern gibt, euch im neuen Jahre immer strahlender vor Augen und im Herzen schweben zu eurem Besten und zum Besten der Stadt und zur Fortdauer der alten gesegneten Verbindung zwischen dem Predigerseminar und der Stadtgemeinde.
3.
Es erübrigt uns noch, denjenigen Zug im Charakterbilde des Timotheus zu beachten, der sich aus dem Satze ergibt, mit dem Paulus seine Aussage von der Gleichgesinntheit des Timotheus begründet, aus dem Satze: Denn sie suchen alle das Ihre, nicht das Christi Jesu ist. Wir lassen es dahingestellt sein, wer die Anderen waren, auf die der dunkle Schatten des apostolischen Urteils fällt: Sie suchen alle das Ihre. Wir wollen ihre Namen gar nicht wissen, wir begnügen uns im Blick auf diese Selbstsüchtigen, auf sie und ihre unzähligen Nachfolger, mit der praktischen Bemerkung des ehrwürdigen Vaters Heubner: „Niemand hat mehr falsche Freunde als Jesus. Wie selten mag also auch unter Christi Dienern ein ganz reiner uneigennütziger Sinn sein. Die Grobinteressierten dienen ihrem Bauche oder dem Mammon, die Feineren ihrer Ehre, ihrem System, ihrer Schule.“ Je dunkler der Schatten, je heller das Licht. Wir freuen uns des vollen Lichtes, das auf die Gestalt des Timotheus fällt. Er ist ein wahrer Freund Jesu Christi, der nicht das Seine, sondern ausschließlich das, was des Herrn Jesu ist, sucht, erstrebt und fördert. Darin vor allem ist er ein Gleichgesinnter des Apostels Paulus, dass er sich ganz dem Herrn Jesu hingegeben hat und Christus der Mittelpunkt seines Lebens und Liebens und Wirkens ist. ein herrliches Paar! Paulus, der alternde Mann mit seiner flammenden Liebe zu dem heiligen Christ, der sich seiner erbarmt hat am Tage von Damaskus und dessen Malzeichen er an seinem Leibe trägt; und Timotheus, sein herziger junger Freund und Gesinnungsgenosse, der in ungefärbtem Glauben an Jesum Christum liebevoll nur für Christus lebt und für die Ausbreitung seines Reiches; Paulus mit dem Wahlspruch: „Christus ist mein Leben“ und Timotheus mit dem Wahlspruch: „Ich suche nicht, was mein ist, sondern was meines Herrn Jesu ist“; Paulus und Timotheus, beide zusammen an der Spike des Philipperbriefes die Gemeinde grüßend als Knechte Jesu Christi und im Leben wetteifernd in der seelsorgerlichen Liebe zur Gemeinde. Vorbildlich ist ja auch diese köstliche gemeinschaftliche Liebe des älteren und des jüngeren Freundes zu dem einigen Herrn und Heiland für unsere Seminarverhältnisse, aber ich will die Anwendung unserem eignen privaten Nachdenken und Beten überlassen und meinem Thema getreu nur zum Schluss hervorheben: Timotheus das Vorbild junger evangelischer Theologen zuletzt und zuliebst in der Liebe zu dem Herrn Jesus Christus.
O meine Brüder, unser Mund hat sich zu euch aufgetan, unser Herz ist getrost. Das ist so schön, so wundervoll an unserer Seminargemeinschaft, dass wir alle eins sind in dem Einen, was not ist und was so selig ist, dass wir alle, wie Zinzendorf, nur eine Passion haben, und die ist Jesus Christus, dass wir uns alle, auch bei theologischen Meinungsverschiedenheiten immer in dem Einen wieder treffen, wieder finden, wieder herzlich lieben, in dem einen Liebesbekenntnis: „Du wirst mir schöner, schöner, immer schöner, du heißgeliebter, hochgelobter Herr; dein Marterbild, du heiliger Versöhner, wird mir von Jahr zu Jahr gewaltiger.“ Die Liebe zum Herrn und Heiland, die kein anderes Interesse kennt, als ihm zu dienen, ihm sich zu opfern im Sinne des Versleins: „Du, mein Jesu bist es wert, dass man dich im Staube ehrt und sich in deinem Dienst verzehrt“, diese Liebe zu dem, der uns zuerst geliebt, sei euer Panier, sei unser aller Panier für das Jahr, in das wir eingetreten sind, und für alle Jahre.
O Timotheus, bewahre, was dir vertraut ist, so schrieb einst Paulus an seinen jugendlichen Gesinnungs- und Amtsgenossen. Freunde, so rufe ich euch zum guten Ende zu, bewahrt die Erbschaft des Timotheus, die Liebe zu Paulus, die Liebe zur Gemeinde, die Liebe zum Herrn Jesus Christus, welcher sei hochgelobt in Ewigkeit. Amen.