Quandt, Emil - Der Brief St. Pauli an die Philipper - XVI. Lasst uns halten ob dem Wort des Lebens!

Quandt, Emil - Der Brief St. Pauli an die Philipper - XVI. Lasst uns halten ob dem Wort des Lebens!

Am Reformations- und Bibelfest.

Kap. 2, 14-18.
Tut alles ohne Murren, und ohne Zweifel, auf dass ihr seid ohne Tadel und lauter und Gottes Kinder, unsträflich mitten unter dem unschlachtigen und verkehrten Geschlecht, unter welchem ihr scheint als Lichter in der Welt; damit, dass ihr haltet ob dem Wort des Lebens, mir zu einem Ruhm an dem Tage Christi, als der ich nicht vergeblich gelaufen, noch vergeblich gearbeitet habe. Und ob ich geopfert werde über dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens; so freue ich mich, und freue mich mit euch allen. Desselbigen sollt ihr euch auch freuen, und sollt euch mit mir freuen. Amen.

In einem lauten, hellen Freudenklang klingt der verlesene Abschnitt aus. Ich freue mich, sagt der Apostel und wiederholt: ich freue mich mit euch allen. Ihr sollt euch auch freuen, so bittet er und setzt hinzu: und ihr sollt euch mit mir freuen. Ein Freudenklang findet in unseren Herzen lauten Wiederhall an diesem Tage, der so viel Grund zur Freude gibt als Tag des Gedächtnisses an Dr. Luthers 95 Sähe, an dieser Stätte, die immer zum Loben und Danken lockt als die Kirche mit der Thesentür und mit den herrlichen Denkmälern der Reformationszeit. Jubelnd feiern wir heute in der Schlosskirche von Wittenberg das Reformationsfest mit allen Evangelischen und zugleich das Bibelfest mit allen Wittenbergern, die unseren Wittenberger Bibelverein lieben, unterstützen, fördern. Feste stimmen fröhlich, und solch' ein evangelisches Doppelfest macht doppelt fröhlich; wir freuen uns in dem Herrn und abermals sei es gesagt, wir freuen uns allewege.

Worüber freut sich St. Paulus? Worüber sollen sich nach seinem Wunsch seine geliebten Philipper mit ihm freuen? Der Apostel freut sich, dass die philippische Gemeinde in ihrem Glauben an das Wort des Lebens, das er ihr einst gebracht hat, eine lebendige Zeugin dafür ist, dass er nicht vergeblich gelaufen noch vergeblich gearbeitet hat; er freut sich, dass, wenn er auch sein Leben für sie zum Opfer hingeben müsse, doch die Gemeinde ihm noch zum Ruhm gereichen werde am Tage Christi; er freut sich, dass die gläubigen Philipper mitten in heidnischer Umgebung leuchten wie die Sterne in der nächtlichen Welt. Darüber sollen sich auch die Philipper mit ihm freuen; und diese ihre Freude will er vertiefen und zu einer dauernden machen durch die Mahnungen, die er einfügt und deren vornehmste ist, dass sie halten ob dem Worte des Lebens.

Was einst der Apostel den Philippern gebracht hat, das hat der Reformator den Wittenbergern und allen Deutschen gebracht, das Wort des Lebens, das herrliche Evangelium von der Gnade Gottes in Jesu Christo. Was wir auch immer sonst noch unserem Dr. Luther verdanken, das Größte und Köstlichste, was wir ihm verdanken, ist und bleibt die Bibel, die er frei gemacht hat von den Fesseln, durch die sie im Mittelalter gebunden war, die Bibel, die er uns verdolmetscht und zum deutschen Buch der Bücher gemacht hat, die biblische Predigt von der Gerechtigkeit allein durch den Glauben, die er unter uns aufgerichtet hat mit Beweisung des Geistes und der Kraft. Das ist es, was wir heute feiern, mit fröhlicher Begeisterung feiern. Da kann es ja nur die Feier verklären, die Freude vertiefen, wenn wir der Hauptmahnung unseres Textes entsprechen und zu unserem Gelübde machen:

Lasst uns halten ob dem Wort des Lebens.

1. als dankbare Hüter des Worts,
2. als fromme Täter des Worts,
3. als fleißige Verbreiter des Worts.

Gott ist mein Hort, und auf sein Wort soll meine Seele trauen. Ich wandle hier, mein Gott, vor dir im Glauben, nicht im Schauen. Amen.

1.

Die Gemeinde zu Philippi konnte sich einer glorreichen Vergangenheit rühmen. Philippi war diejenige europäische Stadt, in der der Hilferuf Europas: „Komm herüber und hilf uns!“ die erste Erhörung gefunden hatte; zu Philippi hatte die Evangelisation Europas ihren Anfang genommen durch die Predigt St. Pauli von dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Die Purpurkrämerin von Philippi, der der Herr das Herz auftat, dass sie darauf acht hatte, was von Paulus geredet ward, war die erste europäische Christin; der Kerkermeister von Philippi mit seiner berühmten Frage: „Was muss ich tun, dass ich selig werde?“ war der erste europäische Christ. Außer jenen beiden hatten sich bald noch viele andere, Männer wie Epaphroditus und Clemens, Frauen wie Evodia1) und Syntyche2), von ihrem eitlen Wandel nach heidnischer Weise zum Herrn Jesu bekehrt und waren im Glauben an das Evangelium Kinder Gottes geworden, und es hatte sich an ihnen allen das Wort des Herrn erfüllt: „Ihr seid das Licht der Welt; es mag die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.“ Jahre waren vergangen, allerlei Irrlehrer waren aufgetreten, aber die philippische Gemeinde war dem Worte der frohen Botschaft vom ewigen Leben in Jesu Christo treu geblieben; dass die Philipper demselben auch ferner treu bleiben, dass sie halten möchten, was sie halten, das wünscht ihnen Paulus mit dem kleinen und doch so großen Sätzchen, der das schlagende Herz unseres Textes ist: „Damit, dass ihr haltet ob dem Wort des Lebens.“ Er sagt damit: Euch ist das Wort des Lebens vorlängst verkündigt; ihr seid durch das Wort des Lebens glückliche Kinder Gottes geworden, leuchtende Sterne in der dunklen Welt; so haltet nun das Wort des Lebens fest als dankbare Hüter, damit euer Schatz euch nicht genommen werde, eure Leuchtkraft nicht erlösche, eure Kindschaft sich nicht auflöse und meine Freude an euch nicht verloren werde.

Die Gemeinde zu Wittenberg kann sich auch einer glorreichen Vergangenheit rühmen. Wittenberg ist diejenige europäische Stadt, in der die Jahrhunderte lange Sehnsucht nach einer Reformation an Haupt und Gliedern zuerst Erfüllung fand; in Wittenberg hat die Reformation der europäischen Christenheit ihren Anfang genommen durch die Predigt Dr. Luthers vom alleinseligmachenden Wort im alleinseligmachenden Glauben. Auch von Wittenberg galt im 16. Jahrhundert der Spruch der Bergpredigt: „Ihr seid das Licht der Welt; es mag die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.“ Jahre sind seit jener erlauchten Zeit vergangen, Jahre und Jahrhunderte; die alte römische Irrlehre hat wieder triumphierend ihr Haupt erhoben, und allerlei vernünftelnde Wirrlehre meistert die Heilige Schrift. Ist die Wittenberger Gemeinde unter den Wandlungen der Zeit treu geblieben, allzeit treu ihrem Gotte und dem Worte Gottes und dem Glauben der reformatorischen Väter? Statt der Antwort verweise ich wie auf ein Gleichnis auf die Schicksale der Wittenberger Schlosskirche, in der wir heute feiern. Wie oft ist sie zerschossen, dann wieder notdürftig hergestellt, dann wieder noch zu Anfang dieses Jahrhunderts zertrümmert, dann aber herrlich hergerichtet und ausgeschmückt und am 31. Oktober 1892 in Gegenwart des deutschen Kaisers und der deutschen evangelischen Fürsten und kirchlichen Würdenträger und einer großen Gemeinde festlich neugeweiht. Gott der Herr schenke auch unserer Gemeinde und allen Gemeinden der evangelischen Christenheit neue Weihe, neue Begeisterung, nicht bloß zu singen: „Das Wort sie sollen lassen stahn und keinen Dank dazu haben“, sondern auch zu ringen nach der Treue gegen Gottes Wort, dass wir Gottes Wort im deutschen Luthergewande allzeit festhalten als unseren teuersten Schass, dass wir als dankbare Leute behüten und auf unsere Kinder vererben, was wir ererbt von unseren Vätern haben. Ehrfurcht vor der Bibel, meine Lieben! Vor ihrem klaren Lichte zerrinnt die glänzende römische Luftspiegelung in nichts, erbleicht das ganze Heer der Irrlichter des vergötterten Verstandes. Im Lichte des Wortes Gottes sehen wir das Licht, darum lasst uns halten ob dem Wort des Lebens als dankbare Hüter!

2.

Der Adel verpflichtet, der Besitz des Wortes Gottes verpflichtet noch mehr. Wozu? Das sagt Paulus in dem Eingang unseres Abschnittes, wenn er da sagt: Tut alles ohne Murmeln und ohne Zweifel, auf dass ihr seid ohne Tadel und lauter und Gottes Kinder unsträflich mitten unter dem unschlachtigen und verkehrten Geschlecht, unter welchem ihr scheint als Lichter in der Welt, damit, dass ihr haltet ob dem Wort des Lebens. Die Philipper sollten und wir desgleichen sollen das Wort des Lebens nicht nur festhalten, sondern uns selber danach halten als fromme Täter des Worts.

Wir sollen alles, was uns in unserem Christentum zu tun und zu tragen vorkommt, ohne Murren und ohne Zweifel tun und tragen. So mahnt uns Gottes Wort nicht nur an unserer Stelle, sondern auch an hundert anderen Stellen. Wir sollen in der Kraft des Herrn, der, wie das Wollen, so das Vollbringen gibt, unsere Lebensaufgabe lösen, und wenn sie noch so schwer ist, unsere Lebensschicksale leiden, und wenn sie noch so hart sind, ohne Murren darüber, dass Gott uns solches schickt, ohne Zweifel darüber, dass Gott uns solches schickt. Zur Zufriedenheit mit Gottes Wegen und zur Ergebung in Gottes Wege mahnt uns die Bibel fast auf jedem Blatt; die Weisungen kehren immer wieder: „Lass dir an Gottes Gnade genügen“ und „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen.“ Das evangelische, auf Gottes Wort gegründete Christentum ist ein Christentum ohne Murren, ohne Zweifel, ist zufriedenes, ergebenes Christentum. Solchem Christentum nachzujagen, fordert uns jedes neue Reformationsfest auf; wollen wir dem Worte Gottes, dem lauteren Evangelium, dessen wir uns rühmen, keine Schande, sondern Ehre machen, so müssen wir es als unseren größten Gewinn erachten, wenn wir gottselig sind und lassen uns genügen und werfen unser Vertrauen auf den Gott nicht weg, der uns seinen Sohn gegeben und darum alles gibt, was uns zum ewigen Heile hilft. Lasst uns fromme Täter des Wortes sein, die in dem bunten rätselvollen Leben sich zur Regel machen: „Was Gott gebeut, das muss geschehen; das andere wird er selbst versehn!“

Wir sollen ohne Tadel und lauter sein als Gottes unsträfliche Kinder, so mahnt St. Paulus weiter im engsten Zusammenhang mit der eben ausgesprochenen Warnung vor Murren und Zweifeln. Wir sind Gottes Kinder im Glauben an Gottes Wort; Gott hat uns gezeugt nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, auf dass wir wären Erstlinge seiner Kreaturen. Darum gilt es, meine lieben Brüder und Schwestern, dass wir uns auch je länger, je mehr als Gottes unsträfliche Kinder beweisen durch Tadellosigkeit den anderen gegenüber, durch Lauterkeit unserem Gott und uns selber gegenüber. Die katholische Kirche hat ihre tadellosen Heiligen, die sie als Nothelfer anruft; die evangelische Kirche hat ihre Sichheiligenden, die zu Gott beten: „Meister, lass dein Werk nicht liegen, hilf mir beten, wachen, siegen, bis ich steh' vor deinem Thron“. Wir werden nach evangelischer Lehre auf Erden nie das evangelische Lebensideal, das neutestamentliche Persönlichkeitsideal, erreichen; trotz aller Bekehrung, trotz aller Gläubigkeit wird der alte Adam mit uns gehen, bis wir sterben; auch das denkbar frömmste evangelische Leben schließt mit dem Schwanenliede: „Kyrie Eleison! Gott sei mir Sünder gnädig!“ Das demütigt uns wohl, aber es entmutigt uns nicht. Wir jagen täglich der Heiligung nach, ohne die niemand Gott schauen wird. Immer tadelloser nach außen, immer lauterer, wahrer und klarer nach innen, das ist das Ziel, nach dem wir ringen auf Grund unseres evangelischen Christentums, auf Grund des teuren Wortes Gottes. Lasst uns, so rufen wir heute einander zu, lasst uns halten ob dem Wort des Lebens als fromme Täter!

3.

Es ist in neuerer Zeit von einem gelehrten Schriftausleger nach dem anderen darauf hingewiesen worden, dass, was Dr. Luther übersetzt: „damit dass ihr haltet ob dem Wort des Lebens,“ im tiefsten Sinne des ursprünglichen griechischen Ausdrucks besagen wolle: „damit dass ihr hineinhaltet das Wort des Lebens,“ nämlich es als ein helles Licht hineinhaltet in das verkehrte, verwirrte Geschlecht, das Gottes Wort noch nicht hat oder nicht haben will, sondern dahin wandelt in dem Dunkel und der Finsternis des Unglaubens und Aberglaubens. Wenn dem so ist, so kann es keine Frage sein, dass der Apostel gemeint hat, die Philipper erschienen und sollten immer mehr erscheinen als Lichtbringer für die Welt dadurch, dass aus ihrem ganzen Leben, Wesen, Wirken, Walten und Wandeln das Wort des Lebens ausstrahle als das die Seelen lockende und labende Licht des Lebens. Wenn ganz dasselbe sicherlich auch für uns gilt, dass wir durch unser Leben und Lieben aller Welt verkündigen sollen die Tugenden des, der uns berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht, so kann doch auch das keine Frage sein, dass für uns in dieser Mahnung auch die Mahnung zur Bibelverbreitung liegt. So Vieles und so Großes jene ehrwürdigen Christen von Philippi vor uns voraus hatten, das Eine haben wir vor ihnen voraus und verdanken dies Eine der Reformation, dass wir das Wort des Lebens in unserer deutschen Bibel haben; wir können also und weil wir's können, sollen wir auch das Wort des Lebens in die Welt leuchten lassen durch Verbreitung der Bibel, durch Unterstützung der Bibelverbreitungsvereine mit Beiträgen und Fürbitten. Wir sollen und wir wollen halten ob dem Wort des Lebens nicht nur als dankbare Hüter des Worts und als fromme Täter des Worts, sondern auch als fleißige Verbreiter des Worts.

Wittenberg ist keine große Stadt, und der Wittenberger Bibelverein ist kein großer Verein. Doch aus dem kleinen Wittenberg ist die große Reformation gekommen, und unser kleiner Bibelverein ist ein Glied der großen evangelischen Kette der Bibelgesellschaften, einer Kette, die das Erdenrund umspannt. Die preußische Hauptbibelgesellschaft, deren Zweigverein unser Wittenberger Verein ist, hat in Gemeinschaft mit den anderen, gleichen Zwecken dienenden Bibelgesellschaften im vorigen Jahre allein in unserem deutschen Vaterlande ca. 300 000 Bibeln und dazu ebenso viele Neue Testamente verbreiten können. Das ist doch ein triefender Segen, eine große Gnade Gottes, eine geweihte Arbeit der Christen. Wohl dem, der mitgearbeitet hat! Wohl dem, der fortarbeitet! Wohl dem, der in die Arbeit eintritt!

Reformationsfest, Bibelfest! Ist es genug, dies Doppelfest im Gotteshause zu feiern? nein, das eigene Haus darf nicht zu kurz kommen. Reformationsfest im Hause, was bedeutet es? Es bedeutet, dass wir arbeiten sollen an unserer eignen Seele und an den uns anvertrauten hausgenössischen Seelen, dass wir nachdenken sollen, ob nicht am eignen Herd eine Reformation an Haupt und Gliedern nötig sei, dass wir beten sollen: O Jesu, kehre bei mir ein, mein Haus soll deine Kirche sein! Bibelfest im Hause, was ist das? Es ist das dankbare Lesen der Heiligen Schrift mit Weib und Kindern und der erbauliche Schluss: Wer Gottes Wort hat, hat genug. Was man hat und gerne hat, dafür lobt man Gott; wir preisen den Herrn am Reformationsfest für die vollkommene Gabe seines gütigen Wortes. Was man hat und gerne hat, das teilt man gerne mit; geteilte Freude, doppelte Freude; wir geloben unserem Gott am Bibelfest: Wir wollen die Bibel verbreiten. Amen.

1)
Evodia war eine frühe christliche Frau aus Philippi, die im Neuen Testament (Philipper 4,2) erwähnt wird
2)
Syntyche (gr. für „gutes Ereignis“/„Glück“) war eine prominente christliche Frau in der Gemeinde zu Philippi im 1. Jh. n. Chr., die gemeinsam mit Evodia den Apostel Paulus im Evangelium unterstützte. Im Philipperbrief (Phil 4,2-3) ermahnt Paulus beide namentlich, sich nach einem Streit zu versöhnen und im Herrn einmütig zu sein.
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