Quandt, Emil - Gethsemane und Golgatha - 7. Der Abschied von Gethsemane.
Ev. Matth. 26, 45. 46.
Da kam er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen: „Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hier, dass des Menschen Sohn in der Sünder Hände überantwortet wird. Steht auf, lasst uns gehen; siehe, er ist da, der mich verrät.“
Die Bibel ist, wie das Leben, reich an Abschiedsszenen; die Bibel liefert, wie das Leben, der Bilder viele für die Unterschrift: „Scheiden tut weh.“ Der erste Abschied der Bibel ist jener erste Abschied, den die Erde überhaupt gesehen und der die Wurzel aller späteren Abschiede ist, der Abschied des gefallenen Adam vom Paradiese, da der heilige Gott den sündigen Menschen aus dem Garten Eden treibt und lagert davor die Cherubim mit dem flammenden Schwerte, ein Ausgang aus der Gnade und ein Eingang in den Zorn, ein Ausgang aus dem Leben und ein Eingang ins Sterben, ein Ausgang aus dem verlorenen Paradiese und ein Eingang in das Tränental der dornenvollen Erde. Auf diese erste verhängnisvolle Scheideszene sind tausend andere gefolgt; die merkwürdigsten im Alten Testamente sind der Abschied Abrahams, da er aus seinem Vaterlande und aus seiner Freundschaft und aus seines Vaters Hause im nackten Glauben an den allmächtigen Gott nach Kanaan zog und es ward ihm sein Glauben zur Gerechtigkeit gerechnet; der Abschied der Kinder Israel aus Ägypten, da sie das Land der Frondienste und der Fleischtöpfe unter Führung des Mannes Mose verließen, mehr gezogen, als ziehend, um durch Wüstensand auf rauer Bahn auch zu pilgern nach Kanaan; der Abschied der frommen Naemi aus dem Moabiterlande, da sie, eine kinderlose, trauernde Witwe, einsam und allein heimkehren wollte nach ihrem geliebten Bethlehem und ihre Schwieger, Moabitin Ruth, es sich doch nicht nehmen ließ, mit ihr zu scheiden von Moab, mit ihr zu pilgern nach Bethlehem, indem sie sprach: „Rede mir nicht darein, dass ich dich verlassen sollte und von dir umkehren; wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ Im Neuen Testamente zeigt uns kein Leben so viel Scheideszenen als das apostolische Leben Pauli; am ergreifendsten unter denselben ist Pauli Abschied von den ephesinischen Ältesten am Strande von Milet, da sie mit einander niederknieten und beteten und viel Weinens unter ihnen allen ward und fielen Paulo um den Hals und küssten ihn, am allermeisten betrübt über das Wort, das er sagte, sie würden sein Angesicht nicht mehr sehen und dann sein Abschied von den Christen zu Cäsarien, da Paulus sprach: „Was macht ihr, dass ihr weint und brecht mir mein Herz? Denn ich bin bereit nicht allein mich binden zu lassen, sondern auch zu sterben zu Jerusalem um des Namens willen des Herrn Jesu.“ Aber alle diese und ähnliche Scheideszenen sündenvoller Menschen, die uns in den Büchern der Heiligen Schrift geschildert werden, was sind sie doch gegen die Trennungsstunden Jesu Christi, des Gottmenschen, der wie er in allen Stücken seinen Brüdern gleich geworden ist, so ihnen auch gleich geworden ist im Scheiden und Meiden, der ein Säugling noch, flüchtig vor dem Schwert des Herodes, scheiden musste von seinem Geburtsorte Bethlehem, in dessen Leben sich so früh der Auszug Israels aus Ägypten wiederholte, der von den Nazarenern verworfen aus Nazareth scheiden musste als ein Prophet, der in seinem Vaterlande nichts galt, der dann umhergezogen ist im Lande seines Eigentums von Dan bis Berseba, immer kommend und gehend, als ein Mann, der nichts hatte, da er sein Haupt hinlegte, der auf Golgatha im Dornenkranze geschieden ist von Maria und Johannes, von seinen Feinden und von seinen Freunden, um in die Nacht des Todes zu wandern, der endlich auf der Ölbergsspitze, da er gen Himmel fuhr, königlichen Abschied nahm von einer Welt, deren Monarch er war und deren Bürger er geworden war, die er geliebt hatte mit mehr als Mutterliebe, und die ihm seine Liebe vergolten hatte mit glühendem, tödlichem Hass, die er mit seinem teuren Blut erlöst hatte, für die er nun durch die Jahrtausende hindurch im Allerheiligsten des Himmels wacht und sorgt und betet und auf die er einst zurückkehren wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Von allen diesen Scheideszenen des Sohnes Gottes aber sind nun in der christlichen Kirche diejenigen vorzüglich mit diesen Namen genannt worden, die da fallen in die Nacht, da er verraten ward, und auf den Tag, da er gekreuzigt ward, und eine von diesen Szenen, vielleicht die größte von allen, haben wir heute vor Augen, den Abschied unseres Heilandes von Gethsemane.
Gleichwie wir nun aber unseren Herrn nicht allein in Gethsemane hineingehen sehen, sondern in Begleitung von Jüngern, und wie wir während seiner Kämpfe in Gethsemane neben dem wachenden und betenden Jesus die schlafenden Jünger fanden, so sehen wir auch nun den Herrn nicht allein aus Gethsemane scheiden, sondern mitsamt seinen Jüngern. Und wie wir selber hier sechsmal immer, will's Gott, im Geist und in der Wahrheit mit dem Herr Jesu in Gethsemane zusammen gewesen sind, so nehmen auch wir nun in dieser unserer siebenten Betrachtung zusammen mit ihm Abschied von Gethsemane, um in dieser Karwoche immer im Geiste weiter mit unserem lieben Heilande zu wandern, Schritt für Schritt von Gethsemane zu Hannas, von Hannas zu Kaiphas, von Kaiphas zu Pilatus, von Pilatus zu Herodes, von Herodes wieder zu Pilatus, von dem Palast des Pilatus auf die via Dolorosa, bis dann am Karfreitag unsere Seele weilt auf Golgatha, sitzend unter Jesu Kreuze und bedenkend, was uns da für ein Trieb zur Buße reize.
So haben wir denn heute den Abschied von Gethsemane als einen dreifachen zu betrachten. Wir erwägen
1) Christi Abschied von Gethsemane;
2) der Jünger Abschied von Gethsemane;
3) unseren eigenen Abschied von Gethsemane.
Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir;
Wenn ich den Tod soll leiden,
So tritt du dann herfür;
Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Ängsten
Kraft deiner Angst und Pein. Amen.
1.
Da kam er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen: „Ach wollt ihr nun schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hie, dass des Menschen Sohn in der Sünder Hände überantwortet wird; steht auf, lasset uns gehen, siehe er ist da, der mich verrät.“ So lauten die letzten Worte unseres Erlösers, die uns den Ausgang unseres Herrn aus Gethsemane schildern. Mit dem Worte: „Lasst uns gehen“ nimmt der Heiland Abschied von der langen, bangen Stunde seines mittlerischen Seelenleidens, um nun hineinzugehen in die Stunde, da er in der Sünder Hände überantwortet werden sollte.
Der Abschied unseres Herrn von Gethsemane ist, das springt zuerst in die Augen, ein siegreicher Abschied; er verlässt den Ölbergsgarten wie ein triumphierender Feldherr die Wahlstatt eines ungeheuren Entscheidungskampfes verlässt. Trauernd und zagend war er in Gethsemane hineingegangen und Betrübnis bis an den Tod hatte seine Seele hier umfangen; mit bebenden Händen hatte er den Kelch des Vaters an seine Lippen gesetzt und betend gerungen, ob es möglich wäre, dass die Stunde der tiefen Mitternacht schneller ihm verränne; mit dem Aufbieten aller seiner gottmenschlichen Kraft und so, dass ihm der Blutschweiß von der Stirne rann, hatte er angekämpft gegen die feurigen Pfeile der Bösewichte. Aber nun, da er sagen kann: „Steht auf, Lasst uns gehen;“ nun ist das Gericht zum Siege durchgeführt, nun ist es erwiesen, dass der Fürst der Welt wohl seinen Leib noch töten, aber ihm die Seele nicht töten kann; nun ist der Kelch, der angefüllt war mit aller Bitterkeit der Sünden der Welt und des über den Sünden waltenden Zornes Gottes, nun ist dieser Kelch geleert. Anders, ganz anders als der Eingang war, ist der Ausgang aus Gethsemane; zagend ging der Herr hinein in die Schreckensstunde, mutig geht der Herr hinaus; in den tiefen Staub warf er sich wie ein Wurm beim Eingang, hochaufgerichtet als ein Held und siegreicher Herzog steht er da beim Ausgang; aller Angst, die er an unserer Statt im göttlichen Gerichte ausgestanden, enthoben, verlässt er mit den Seinen des Gartens dunkle Schatten, und aus dem dunklen Gewölke des Mittlerleidens, das in Gethsemane seine Seele umzogen hatte, ist glanzvoll wieder hervorgebrochen das Licht seiner Herrlichkeit, die Glorie seiner Gottesmajestät und zwar in so gewaltiger Weise, dass die Knechte und Schergen, die gekommen sind ihn zu fangen, auf sein bloßes Wort: „Ich bins“ zurückweichen und zu Boden fallen, wie einst alle seine Feinde zu Boden sinken werden, wenn die großen Zeichen geschehen an Sonne, Mond und Sternen und in den Wolken des Himmels wiederkommen wird mit großer Kraft und Herrlichkeit derselbige, in welchen sie gestochen haben. Das Ende eines Dinges ist besser, als sein Anfang, sagt der weise Salomo, und wenn dieser Spruch irgendwo passt, dann passt er hier in Gethsemane; denn mit Zittern und Zagen fing die Stunde in Gethsemane an und mit Siegerkraft und Heldenmut hat sie geendet.
Der Abschied unseres Herrn von Gethsemane ist aber nicht nur ein siegreicher, sondern auch ein wehmütiger Abschied. Das letzte Wort, das der Herr in diesem Garten sprach: „Siehe, er ist da, der mich verrät“ lehrt uns das aufs klarste. Wenn der Heiland sonst mit seinen Jüngern in Gethsemane gewesen war, dann hatte er nicht Elfe, sondern Zwölfe bei sich gehabt; mit den Zwölfen war er sonst immer in diesem Asyl am Ölberg ein- und ausgegangen. Dieses letzte Mal aber fehlte der zwölfte Jünger, und erst jetzt, nachdem die große Schmerzensstunde durchgekämpft ist, erst jetzt kommt er - wie, hat er sich verspätet?
wie, hat er sich in der dunklen Nacht verirrt? Ja, doch er hat sich verirrt, so weit verirrt, wie überhaupt ein Jünger Jesu sich nur irgend verirren kann; dreißig jämmerliche Silberlinge haben ihn als Irrlichter umtanzt, und er ist ihrem unheimlichen Glanz gefolgt und hat sich von ihnen locken lassen in den Sumpf des Abfalles, in den Sumpf des Verrates hinein, und als Verräter kommt er nun nach Gethsemane, und ach, nur allzu rasch hat er sich in die neue Rolle hineingelebt, als ob er dies Handwerk schon lange getrieben, nicht als ein Lehrling, vielmehr als ein Meister im Verrat, ohne die allergeringste Verlegenheit, mit einer Frechheit, die etwas Satanisches hat, kommt er, des Menschen Sohn zu verraten mit einem Kuss. „Mein Freund, warum bist du gekommen?“ so fragt ihn wehmütig der erhabene Meister; aber diese wehmütige Seelenstimmung, sie drückt sich auch schon in diesem Worte aus, mit dem der Sieger von Gethsemane Gethsemane verlässt: „Er ist da, der mich verrät!“ So zog einst David als Sieger in Jerusalem ein, aber mitten durch den Siegesreigen zitterte die Klage der Wehmut: Absalon, mein Sohn, mein Sohn!“ So verband nachmals Paulus unmittelbar mit seinem Triumphliede: „Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten,“ den Seufzer aus gepresstem Herzen: „Demas hat mich verlassen und diese Welt lieb gewonnen.“ Absalon, Judas Ischarioth, Demas - drei dunkle Gestalten der heiligen Geschichte, aber Judas Ischarioth ist die dunkelste; und weil der Herr mit dem Blicke auf diese Gestalt des Verräters aus Gethsemane scheidet, darum ist sein Abschied, so siegreich er ist, doch zugleich ein wehmütiger.
Der Abschied unseres Herrn von Gethsemane ist indessen dann erst nach seinem Hauptcharakter erfasst, wenn wir, was höher steht als Sieg und Wehmut, die Ergebenheit ins Auge fassen, mit welcher der Heiland aus seiner letzten Gebetskammer nun hinaustritt in die feindliche Welt. Ein freier Abschied von der Freiheit, das ist der Kern und Stern des Ausgangs von Gethsemane. So leidvoll auch bis hierher das Leben des Heilandes gewesen war, so viel Abweisung er auch erfahren, so viel Schmach er auch erduldet, so viel Drohungen er auch hatte hören müssen, so hatte sich doch von den Tagen von Bethlehem an bis zur Nacht von Gethsemane auch nicht eine Menschenhand an ihm vergreifen dürfen, frei war der Herr allezeit unter Israel gewandert, und glaubten ihn die Feinde ja einmal in ihrer Gewalt zu haben, so strich er mitten durch sie hindurch, und ihre Augen wurden ihnen von Gott gebunden, dass sie ihn nicht sahen. Auch in Gethsemane noch, eine so tiefe Stufe der Erniedrigung er hier auch betrat, war der Heiland frei; wohl lastet hier Gottes Hand schwer auf ihm, als dem Träger unserer Sünden, aber von Menschenhänden war er frei. Das sollte nun anders werden; vor dem Eingange des Gartens lauerte schon der Verräter und mit ihm die ganze Schar der hohenpriesterlichen Knechte und Diener, um Hand an den Heiland zu legen und ihn gebunden nach Jerusalem zu führen. Der Heiland wusste das, er sprach: „Die Stunde ist hier, dass des Menschen Sohn in der Sünder Hände überantwortet wird;“ und wie er es vorher wusste, so stand es auch vollständig in seiner Gewalt, den höllischen Plan des Verrates zu Schanden zu machen und auch diesmal, wie früher, mitten durch die Feinde hindurchzustreichen. Aber Er, der zu unserer Erlösung schon so Vieles daran gegeben, wollte nun eben auch seine Freiheit für uns daran geben. Durch den Missbrauch der Freiheit war einst die Welt gefallen; um die gefallene Welt zu erlösen, opfert der Mittler seine Freiheit und ließ sich binden von der Sünder Händen, auf dass wir nicht einst den Missbrauch unserer Freiheit ewig müssten büßen, „an Händen und an Füßen gebunden in der Höll.“ Es hätte nur eines Winkes seiner Hand bedurft, und die ganze Rotte, die vor Gethsemane stand, wäre vom Erdboden verschlungen, wie einst die Rotte Korah, die sich wider Mose empörte, zu gerechtem Gericht aber wie wäre dann die ewige Erlösung erfunden? Nein, indem Christus aus Gethsemane hinaustritt, verzichtet er frei auf seine Freiheit, gibt sich frei in die Hände der Menschen, überlässt sich als ein Ausgelieferter zunächst der unreinen Hand des treulosen Judas und lässt sich dann weitergeben von Hand zu Hand, bis in die Hand der Henker, die ihm seine Hände ans Kreuz nageln. Wie ein königlicher Löwe steht er da, wie er aus dem Schatten der Ölbäume hervortritt, aber wie ein Lamm lässt er sich zur Schlachtbank führen und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scheerer. Ade, Gethsemane, ade, du Freiheit des Menschensohnes! Der Abschied unseres Heilandes von Gethsemane ein freier Abschied von der Freiheit zur Sühne des Missbrauchs unserer Freiheit. Frei hat der Heiland den Kelch in Gethsemane getrunken, so bitter er auch seinem Herzen ward; frei und willig stellt er sich nun beim Ausgang aus Gethsemane auch seinen Feinden dar und lässt sich aus dem Tal der Seelenqual von des Feindes Händen führen nach der Höhe seiner leiblichen Qual, aus Gethsemane nach Golgatha. O Lamm Gottes unschuldig, allzeit erfunden geduldig!
2.
Der Herr hat keinen einsamen Abschied von Gethsemane genommen, vielmehr war es ein gemeinsamer Abschied Christi und seiner Jünger. Lasst uns gehen, so lautet des Meisters Losung, da er von Gethsemane scheidet; lasset uns gehen; ich, der Meister, verlasse nun das Keltertal, und ihr, die Jünger, sollt es mit mir verlassen. Und nun, wie haben denn die Jünger Gethsemane verlassen? Betrachten wir nun zum zweiten den Abschied der Jünger von Gethsemane.
Der Abschied der Jünger von Gethsemane ist, das kann ein Blinder sehen, ein ungemein trostloser, so trostlos, wie ihr Aufenthalt und Benehmen in Gethsemane von Anfang an gewesen war. Sie hatten geschlafen, so lange die Kampfesstunde ihres Meisters währte, sie schlafen auch jetzt noch, da diese Stunde verronnen ist und die Stunde des Verrats und der Gefangennahme hereinbricht. „Ach, wollt ihr auch nun noch schlafen und ruhen,“ so muss der Herr sie am Ende der Stunde noch fragen, wie er sie mitten in seinem Seelenschmerz zweimal hat fragen müssen, „könnet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?“ Wir merken, nichts, gar nichts sind dem Herrn die Jünger gewesen, weder zum Anfang, noch in der Mitte, noch am Ende; er hat nur Plage von ihnen gehabt. O, wie gar nichts sind doch alle Menschen, auch die gläubigen Menschen! Wie ist und bleibt doch nur Einer groß, nur Einer fleckenlos, nur Einer herrlich und heilig und hehr! Sonne des Geistes, Licht des Lebens, Christus Jesus, Sohn Gottes im Gewande des Staubes - nur du, nur du bist unfehlbar, und auch ein Petrus ist ein armer Schläfer und Träumer. Jesus Christus, du wunderbarer Mann mit den holdseligen Lippen, mit den leuchtenden Gottesaugen, mit dem Diadem von Dornen um die göttliche Stirn, Jesus Christus nur du, nur du bist immer dir selber gleich, immer liebenswürdig; auch ein Johannes kann in Schlaf verfallen, in Teilnahmslosigkeit und Träumerei. Verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen verlässt; auch die stärksten Menschen, auch die liebsten Menschen, auch die frömmsten Menschen sind Fleisch, geboren vom Fleisch, arme Sünder, alle egoistisch mehr oder minder, mit Sand in den Augen, wo andere Augen weinen. Es erbleicht ja dem nachdenkenden Menschen aller äußerlicher Glanz der Sterblichkeit schon außerhalb Gethsemanes. Man braucht nur ein paar Mal in Sterbekammern gewesen zu sein, so wird Einem das strahlende Hofkleid der hochgeborensten Dame gerade so leichenblass wie das grobe Linnenkleid der ärmsten Bäuerin im Lande, und die Brust fühlt beim Anblick der blühenden Jungfrau mit duftenden Rosen im Haar dasselbe Mitleid, wie beim Anblick der greisen Bettlerin mit gläsernen Augen. Es ist nicht alles Gold was glänzt, Staub ist die gefallene Menschheit, und nackter Staub oder vergoldeter Staub, das ist der einzige Unterschied, und auch dieser Unterschied verschwindet im Grabe, im Grabe wird Alles zu Asche, auch das Flittergold. Man muss das heutzutage wirklich öfters sagen auf der Kanzel; denn manche Freunde, die in dem vergoldeten Leben leben, vergessen das manchmal, dass sie Staub sind wie die anderen Leute. In Gethsemane aber erbleicht noch ein anderer Glanz der Menschen, als der äußerliche; in Gethsemane erbleicht auch der Heiligenschein, in dem uns sonst die Jünger des Herrn strahlen.
Es trifft bei allen Heil'gen ein,
Sieht man erst in ihr Buch hinein,
Dass sie voll vieler Sünde sein!
Du wunderst dich oft, jugendliches, neubekehrtes Menschenkind, wenn du die traurige Wahrnehmung machst, dass auch die für Helden und für Heldinnen in Israel gelten, ihre Schoßsünden, ihre schwachen Stunden, ihre bedenklichen Einseitigkeiten haben, und bitter enttäuscht fliehst du oft von den Christen zu dem Gotte der Christen - nun sieh, mein Kind, das ist nichts Neues unter der Sonne, das ist in Gethsemane auch schon so gewesen; Jesus Christus allein tritt aus dem Schatten des Ölgartens groß und erhaben und fleckenlos hervor, Petrus dagegen und Jakobus und Johannes bieten einen trostlosen Anblick. Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine freundliche Lüge; so schmerzlich es ist, es ist doch die Wahrheit, auf Menschen, auch auf die frömmsten und besten, ist kein unbedingtes Verlassen; und wenn die alten Heiden das Sprichwort hatten: „Zuweilen schläft auch der gute Homeros,“ so zeigt uns Gethsemane, wie es uns das Leben zeigt: Zuweilen schlafen auch die treusten Jünger des Herrn. Gott sei Dank, dass unsere Hilfe nicht von den Jüngern, nicht von den Menschen kommt, sondern von dem einigen Nothelfer Jesus Christus.
Schweigsam zum Andern war der Abschied der Jünger von Gethsemane. Das lehrt der Text, der Herr weckt sie: „Steht auf,“ der Herr veranlasst sie zum Gehen: „Lasst uns gehen,“ der Herr zeigt ihnen die drohende Gefahr: „siehe, er ist da, der mich verrät!“ Sie lassen sich wecken, sie gehen mit, sie gehen der Gefahr entgegen aber sie reden kein Wort dabei, sie schweigen. Als dieselben drei Jünger mit ihrem Meister auf dem Berge der Verklärung waren, da waren sie durchaus nicht schweigsam, da konnte Petrus sagen: „Herr, hier ist gut sein, hier wollen wir Hütten bauen,“ da hatten sie alle, auch als sie vom Berge herabgingen, dies und das zu sagen und zu fragen. Aber im Tale der Erniedrigung des Herrn redeten sie keine Sterbenssilbe, und auch nun, da sie auf seine Aufforderung dies Tal mit ihm verlassen, sind sie so stumm wie die Fische im Wasser. Wie haben wir uns diesen ihren schweigsamen Abschied von Gethsemane zu deuten? Scham einerseits, Angst andererseits, Scham und Angst schlossen den Jüngern die Lippen. Sie hatten vor dem Beginnen der Passion des Herrn Alle den Mund so voll genommen, sie hatten sich zuvor gerühmt, den Kelch auch trinken zu können, den er trank, sie hatten gelobt, ihm treu zur Seite zu stehen, auch wenn sie mit ihm sterben müssten und nun schon die allererste Probe in Gethsemane hatten sie so überaus jämmerlich bestanden; so mussten sie den Ort dieser Probe Gethsemane ja mit dem durchbohrenden Gefühle verlassen, sich in sich selbst schmählich geirrt zu haben und dem guten Meister in seiner Seelenpein nur zur Last gewesen zu sein; so gehen sie schweigend mit ihm, weil sie sich vor ihm schämen müssen. Aber sicherlich ängstigen sie sich auch; es ist doch nicht von ungefähr, dass dieselben Leute, die der Herr durch seine Bitte um Teilnahme für seinen Seelenschmerz schlechterdings nicht aus dem Schlaf zu rütteln vermochte, nun mit einem Male aufwachen, da der Herr davon spricht, dass der Verräter kommt. So schläfrig sie bisher gewesen waren gegenüber dem Schmerz des Herrn, so munter wurden sie nun, als sie fürchten mussten, selbst mit in die Katastrophe verwickelt zu werden. Und so schweigen sie, weil sie mit sich selber beschäftigt sind und an ihre eigene Gefahr denken. Man sagt das wohl von den Menschenkindern: Stille Wasser sind tief“; ach ihr Lieben, stille Wasser können oft auch sehr flach sein, und ein schweigsames Christentum ist meist sehr flach. Wer glaubt, der redet; wer glaubt, der plappert nicht, aber er redet. Scham und Angst dagegen schließen den Mund.
Schweigsam war der Abschied der Jünger von Gethsemane, ebenso schweigsam, als trostlos. Und doch hat der Herr durch diese Jünger sich nachmals die Welt erobert, und die Kirche ist erbauet auf den Grund der Apostel. Welch ein Wunder! Das ist kein Wunder, wenn geniale Eroberer an der Spitze schlachtgewohnter Regimenter sich Reiche gründen, in denen die Sonne nicht untergeht; aber dass der Mann von Gethsemane mit dieser Hand voll Jünger, die so trostlos und so schweigsam mit ihm Gethsemane verlassen, seiner milden Majestät den Erdkreis untertänig gemacht hat, das ist ein Wunder, das ist das Wunder aller Wunder.
Wunderbarer König, Herrscher von uns allen,
Lass' dir unser Lob gefallen!
3.
Siegreich, wehmütig und ergeben war unseres Heilandes Abschied von Gethsemane; trostlos und schweigsam schieden die Jünger von Gethsemane; welchen Abschied wollen wir zum Schluss nun machen, ihr und ich, die Gemeinde und ihr Prediger, die wir sieben schöne Feierstunden im Schatten dieses Wundergartens gefeiert haben? Unser Abschied von Gethsemane wie muss er sein?
Da denke ich zuerst an dich, der du vor sechs Wochen hier in unsere erste Gethsemane-Predigt hineintratest, wie in so manche frühere Predigt, als ein Weltkind, das einmal fromm sein wollte, und das darum wiederkam in die zweite und auch in die dritte Gethsemanebetrachtung und dann weiter bis in die heutige hinein. Dir will ich eine Geschichte erzählen, die uns das Altertum berichtet. Es war einmal ein Jüngling, der trat, seines Weges und seines Glückes gewiss, das blonde Haar mit Rosen bekränzt, zufällig in den Hörsaal eines Weisen und hörte hier vom wahren Glück des Menschen reden. Und unter dem Zuhören streifte er heimlich und verstohlen eine Rose nach der anderen herunter und warf sie an die Erde. O Jüngling, den ich meine, o Jungfrau, die es angeht, Gethsemane ist mehr und ist dir mehr gewesen als der Hörsaal eines Weisen, der Ölbergsgarten hat sich dir aufgetan als ein Garten, in welchem dein Erlöser deine Sünde auf seine Seele nahm und diese deine Sünde zu sühnen gerungen, gebetet, geblutet hat o Menschenkind, wenn du nun heute scheidest von Gethsemane, so sollst du von dir getan haben alle die tauben Blüten, die dir die Welt bis dahin reichte, so sollst du unter die Füße treten all' die Kränze der Augenlust, der Fleischeslust, des hoffärtigen Lebens! Dein Abschied von Gethsemane heute geschehe im tiefsten Ernst, und wenn du heimgekehrt bist, dann denke: „das hat der liebe Gott dem Prediger um meinetwillen befohlen, dass er in dieser Passionszeit siebenmal hat über Gethsemane predigen müssen; mich hat damit der liebe Gott siebenmal gerufen, siebenmal gelockt, siebenmal gezogen; mein Gott, mein Heiland, du bist mir nun zu stark geworden; gegen deine Liebe gibt es keine andere Rettung, als dich wieder zu lieben.“ Mein Freund, du wärest übrigens nicht der einzige, dem es so ginge; Gethsemane hat schon Manchen bekehrt, und es ist Mancher als ein Weltkind in diesen Garten gegangen und als ein Gotteskind herausgekommen. Das macht der blutige Schweiß, mit dem Christus Jesus den Boden dieses Gartens benetzt hat.
Gläubige Brüder und Schwestern, ich würde mich an euch, die ihr euch mit mir gemeinsam in diesen sechs Wochen erbaut habt an den kündlich großen Geheimnissen des wundersamen Keltertals, an euch, von deren Gebeten ich mich getragen fühlte unter diesen sieben Predigten an euch, die ihr, wie ich zum Teil aus eurem Munde weiß, von Sonntag zu Sonntag euch freutet auf die stillen, heimatlichen, wunderbaren Schatten Gethsemanes. Auch euch will ich eine Geschichte erzählen: Es stand in alter Zeit, so berichtet ein sinnvolles, schwedisches Lied, im hohen Norden ein dichter Wald und in dem Walde ein Kloster und in dem Kloster lebte ein Mönch frommen Gemüts und forschenden Geistes. Dieser Mönch geht an einem Frühlingsmorgen betend und sinnend hinein in den Wald und kommt unter dem Beten und Sinnen immer weiter und weiter. Und siehe der Wald wird immer schöner und prächtiger. Längst hat er die Eichen und Tannen hinter sich, dann ist er durch Myrtenbüsche gegangen, dann durch stattliche Reihen von Zedern und endlich sieht er sich von lauter Palmen umgeben. Er will stehen bleiben, aber der von fern her klingende Gesang eines Vogels lockt ihn weiter. Aus dem Wipfel einer Palme ertönt der Gesang, und zu ihrem Fuße steht der Mönch endlich still, hinanstaunend nach dem Vogel mit dem prächtigen Gefieder und dem wundersamen Gesange. Und der Vogel singt so wehmütig, als klagt er um Vergangenes und Verlorenes, und doch sind diese Töne der Wehmut nicht die Grundtöne des Gesanges, sondern dazwischen klingt eine freudige, selige Melodie von einer ewigen, unvergänglichen Herrlichkeit. Und der Mönch horcht entzückt; ihn umweht es, wie Luft des Paradieses, und seine Augen fließen über von Tränen der Rührung und der Dankbarkeit. Meine Lieben, wir sind so miteinander durch den heiligen Wald von Gethsemane gegangen, nun stehen wir am Fuße der Palme, und das Lied mit der doppelten Melodie, das Lied der Klage um Vergangenes und Verlorenes, das Lied der Freude um die wieder erworbene, ewige Herrlichkeit klingt uns im Herzen und will's Gott, so nehmen wir diesen Doppelklang mit nach Hause. So sei denn unser Abschied von Gethsemane auch ein doppelter, gerührt und dankbar; und wenn ihr mit einer Träne im Auge heute heimkehrt, so soll es eine Träne sein, die beides verkündigt, euer Schuldgefühl und euren Dank für die gesühnte Schuld.
Und mein Abschied von Gethsemane!? Es ging einmal ein Prediger auf die Kanzel, aber, da er seine wohlausgearbeitete Predigt beginnen wollte, erstarb ihm das Wort im Munde, und er konnte, übermannt von seiner Unwürdigkeit, nur den einen Vers stammeln, den einen Vers, ich will mit diesem Verse meine Gethsemane-Predigten schließen:
Ach Gott, hier steh' ich Armer,
Der Zorn verdient hat;
Gib mir, o mein Erbarmer,
Den Anblick deiner Gnad'.
Amen!