Quandt, Emil - Gethsemane und Golgatha - 6. Die Frage von Gethsemane.

Quandt, Emil - Gethsemane und Golgatha - 6. Die Frage von Gethsemane.

Ev. Matth. 26, 40.
Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petro: „Könnt ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?“

Manches berühmte Tal wird uns von den Reisenden genannt und mancher Garten dieser Erde wird von den Sängern in goldenen Liedern gefeiert - aber ist auch in der weiten Welt irgendein anderes Tal so ruhmeswürdig als das Keltertal, in dem der Heiland unsere Sünde gebüßt hat; kann von allen Gärten der Erde sich auch nur einer messen mit dem Garten Gethsemane, in welchem Christus Jesus den Kelch des Vaters trank? Wohl ist das Keltertal ein Tal der dunklen Nacht, aber aus dem Dunkel dieser Nacht ist der helle Tag des Neuen Bundes geboren; wohl ist der Ölbergsgarten von Blut gerötet, aber dieses Blut ist das Blut des Sohnes Gottes, das uns rein macht von aller Sünde. Wieder, immer wieder zieht es uns zu diesem Tale, lockt es uns in diesen Garten; unsere Füße stehen auch heute auf deinem Boden, Gethsemane!

Gethsemanes Schatten! Sie geben Licht um Licht, sie spenden Gnade um Gnade, sie bringen Erkenntnis um Erkenntnis. Gethsemanes Schatten! Sie sind wie ein lebendiger Wasserbrunnen, der den Durst stillt, so oft wir auch kommen und Wasser schöpfen; sie sind wie die funkelnden Sterne am Firmament, die immer neue Grüße ins tiefe Herz hineinsenken, so oft wir zu ihnen emporblicken; sie sind wie seelenvolle Melodien, die das Ohr nimmer müde wird zu hören, aus denen es immer neue Entzückung gewinnt. Gethsemanes Schatten! Sie nehmen uns auch heute auf! Darum denn weg mit allen Bildern dieser Welt! Darum Valet allen Gedanken, die mit der Sorge um der Seelen Seligkeit nichts zu tun haben! Darum auch die Herzen dahin gewandt, wo unsere Füße stehen! Unsere Herzen schlagen dir entgegen, heiliges Geheimnis der Erlösung von Gethsemane!

Schon fünfmal hat sich dieser Wundergarten vor uns aufgetan, und zwar haben das vorige Mal unsere Blicke gehaftet an dem Engel von Gethsemane, der so tröstlich war für unseren Heiland, so tröstlich für uns selbst und für uns selbst auch so erwecklich. Mit dem Gelübde verließen wir das letzte Mal Gethsemane, mit dem Gelübde, auch Engelsdienst zu tun an unserem lieben Herrn in seinen armen, schwachen, kranken Gliedern auf Erden. Wie habt ihr euer Gelübde gehalten, ihr Lieben? Sind in den acht Tagen vom vorigen Sonntage bis heute etliche Seelen durch euch gestärkt im Glauben und gespeist mit dem himmlischen Brote? Habt ihr in diesen acht Tagen fleißig des armen Lazarus gedacht, auf dass er euch nicht einst den Weg versperre, wenn ihr wollt zum Himmel eingehen? Christen, Christinnen, Erlöste des Herrn, Schützlinge des Himmels, von Gottes Engeln wieder acht Tage lang auf den Händen getragen und behütet, auf allen euren Wegen, habt ihr das Vorbild des Engels von Gethsemane auch noch im Gedächtnis behalten? Ihr Hörer der vorigen Sonntagspredigt, seid ihr auch Täter derselben gewesen?

Das ist eine Frage über die andere, aber es ist eine gute Einleitung für die sechste Predigt über Gethsemane; denn diese ganze Predigt soll eine Fragenpredigt sein, eine Betrachtung über die große Frage, die der Heiland in Gethsemane an Petrus, an seine Jünger richtete: „Könnt ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?“

Diese Frage wehmütigen Klanges ist ein Glied aus einer ganzen Kette ähnlicher Fragen, die uns aus des Herrn Jesu Munde überliefert sind. Eine Frage ist das allererste Wort, das wir aus des Heilands Munde in der Bibel haben, die Frage, die er als zwölfjähriger Knabe im Tempel an seine Eltern richtete: „Was ist es, dass ihr mich gesucht habt; wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?“ Und diese erste Frage blieb nicht die einzige; es gehört mit zum hohenpriesterlichen Leiden des Erlösers, dass er oft, sehr oft wehmütig fragen musste. Als einst in der Schule von Kapernaum die große Menge sich ungläubig abwandte von des Herrn Jesu Buß- und Glaubenspredigt, wandte er sich wehmütig an die Zwölfe und fragte: „Wollt' ihr auch weggehen?“ Als er mitten durch Samaria und Galiläa reisend zehn aussätzige Männer auf ihre inständige Bitte vom Aussage befreit hatte und von allen doch nur einer, ein Samariter, ihm dafür dankte, tat unser Herr die erschütternde Frage: Sind ihrer nicht Zehn rein geworden? Wo sind aber die Neune?“ Als Judas Ischarioth, das verlorene Kind, sich ihm nahte, ihn zu verraten, da empfing er den Verräter mit der Frage: „Mein Freund, warum bist du gekommen?“ Und als der Herr Jesus allein, ganz allein am Karfreitag als ein Fluchopfer für die Sünden der Welt am Stamme des Kreuzes hing, da blickte er fragend gen Himmel und sprach: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ So wehmütig, so seelenvoll, so wunderbar und ergreifend hat der Herr auch in Gethsemane gefragt: „Könnt ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?“

Es ist ja klar, wichtiger als das, was unser Heiland in Gethsemane mit Menschen verhandelt, ist das, was er mit Gott und mit dem von Gott gesandten Engel verhandelt hat. Aber nachdem wir doch nun eben in der Reihenfolge unserer Passionsbetrachtungen über Gethsemane viermal andächtig erwogen haben, wie unser Herr und Heiland mit seinem Gott gerungen, und einmal, wie ihn in seinem schweren Kampf der Engel gestärkt hat: so sind wir auch nun eben an der Stelle angelangt, wo wir dem, was zwischen dem Herrn und den Jüngern in Gethsemane vorgegangen, nachzudenken haben.

Die Frage von Gethsemane:

„Könnt ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?“ soll uns heute beschäftigen.

1) So fragt der Wächter Israels seine schlafenden Jünger;
2) so fragt der Welterlöser die träumende Welt;
3) so fragt der Herr der Kirche auch die erweckten Glieder.

Halte du unsere Augen, du Wächter Israels, dass sie wachen; öffne du unsere Ohren, dass sie deine Stimme hören; erneure du unsere Seelen, dass sie selig werden. Amen.

1.

„Könnt ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?“ so fragt der Wächter Israels seine schlafenden Jünger. Hatten sie doch alle gesagt: „Lasst uns mit Jesu ziehen, dass wir mit ihm sterben!“ Hatte doch Petrus insonderheit gesagt: „Wenn ich auch mit dir sterben müsste, so will ich dich nicht verleugnen“ - nun von Männern, die mit ihm sterben wollten, konnte der Herr ja wohl beanspruchen, dass sie mit ihm Eine Stunde wachten. Mit ihm! Für ihn sollten, für ihn konnten sie ja nicht wachen; sein heiliges Wächteramt konnte kein Mensch, auch ein Petrus, auch ein Johannes nicht, dem Sohn Gottes abnehmen. Er hat ja auch dieses Amtes, seelsorgerlich zu wachen über seinem Volke, allezeit gerne allein gewartet, nicht nur vor seiner Menschwerdung, als der treue Menschenhüter, als der heilige Wächter Israels, der nicht schläft, noch schlummert, sondern auch seit seiner Menschwerdung, da sich in unser Fleisch und Blut gekleidet hat das ew'ge Gut. Was Paulus im Hebräerbriefe den Gläubigen über ihre Lehrer schreibt: „Sie wachen für eure Seelen!“ das sehen wir im höchsten Maße vorgebildet an dem Lehrer über alle Lehrer, da er in den Tagen seines Fleisches für die Seelen der Seinen gewacht und gebetet hat, treuer als die Treuesten. Keine Morgenstunde war ihm zu früh, kein Mittag zu hoch, kein Abend zu spät, kein Tag zu heiß, keine Nacht zu kühl, kein Ort zu einsam zum Wachen und zum Beten. Wiewohl er ohne Unterlass betete für die Seinen, ja die ganze Welt allezeit betend auf seinem Herzen trug, so ging er doch auch vielfach zu besonderem Gebet in die Stille der Wüste, in die Einsamkeit der Berge und sonderte sich besondere Zeiten, ja ganze Nächte zum Wachen und Beten aus. Ehe der Herr die zwölf Jünger erwählte, durchwachte er eine ganze Nacht auf einem einsamen Berge und erbetete sie sich von seinem Vater und legte sie mit priesterlichem Flehen an des Vaters Herz. Dem forschenden Nikodemus opferte er eine andere Nacht, ringend um seine Seele, dass er sie fürs Himmelreich gewänne. Als der Wellen Macht in der dunklen Nacht seine Jünger auf ihrem Schifflein bedrängte, kam er ihnen zu Hilfe in Sturm und Nacht. Und so hat denn der Heiland auch die letzte Nacht seines Lebens im Fleisch, die Nacht, da er verraten ward, wachend und betend für Israel, für die Welt zugebracht. Hat er sich aber so im Stande seiner Niedrigkeit allezeit bewiesen als den Wächter Israels, als den Hüter seiner Kinder, so wacht er nun erst recht für sein Volk, nachdem er Alles vollbracht hat und durch das Kreuz zur Krone gegangen ist und thront zur Rechten des Vaters. Hier unten wechseln Tag und Nacht, aber droben ist keine Veränderung noch Wechsel des Lichts und der Finsternis, da wacht Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit und betet als unser Fürsprecher bei dem Vater, bis auch der Wechsel hier unten ein Ende hat, und die gläubige Gemeinde nach der wehevollen Nacht dieser Zeit triumphierend einzieht in das selige Licht der Ewigkeit.

Für ihn braucht kein Mensch zu wachen, auch in der Nacht von Gethsemane nicht, wo der große Gottessohn um unsertwillen in die tiefste Erniedrigung eingegangen ist. Aber dass seine Jünger mit ihm wachten, danach verlangte in jener trübsten der Nächte des Heilands trauerumfangene Seele. Denn es ist menschlich, in großem Schmerz Teilnahme zu suchen, und Jesus Christus, der Sohn Gottes, hatte die menschliche Natur an sich genommen. Es tut dem Menschenherzen wohl im bitteren Weh, wenn eine liebende Menschenhand, ob sie uns auch das Weh nicht verscheuchen kann, doch uns den Angstschweiß von der Stirne wischt. Aber unser Herr hat in seiner bängsten Stunde die Teilnahme, die er bei Menschen suchte, nicht gefunden. Dass er sie bei allen Jüngern nicht suchen durfte, das stand ihm fest, noch ehe er in die bange Stunde ging; er ließ die acht Jünger am Eingange des Gartens zurück, setzt euch hier, bis dass ich dorthin gehe und bete,“ er mutete ihnen den Anblick seiner unbegrenzten Seelenpein nicht zu, für welchen ihre Augen nicht stark genug waren. Aber seine drei stärksten Jünger, Petrus, Jakobus, Johannes nimmt er mit sich hinein in den Garten; diese drei hatte er auch sonst in besonderen Fällen näher um sich gehabt, wie bei der Auferweckung der Tochter Jairi und da er auf dem Berge Tabor verklärt wurde. So sollen sie auch nun bei ihm sein, nicht nur als Zeugen seiner Seelenangst, sondern auch dass er in seiner unaussprechlichen Angst einigen Trost und Erleichterung aus ihrem Umgang schöpfen möchte. Allein, was der Heiland bei ihnen suchte, ist ihm nicht zu Teil geworden. Als er von seinem ersten Gebetskampf in Gethsemane zu den Dreien kam, fand er sie schlafend und als er wieder und wieder kam, fand er sie wieder und wieder schlafend. Es ging hier wie mit den zehn Jungfrauen, da der Bräutigam verzog, wurden sie alle schläfrig und entschliefen. Als Fischer hatten sie ganze Nächte hindurch beim Fischfang gewacht, als Jünger konnten sie nicht Eine Nachtstunde mit ihrem im Staube ringenden Meister wachen. Wir fühlen es der Frage: „Könnt ihr nicht Eine Stunde mit mir wachen,“ ja wohl alle ab, wie nahe dem Heiland die Schlaftrunkenheit seiner Treuesten geht, wie ihm diese Schlaftrunkenheit, den bitteren Kelch, den er trinken muss, nur noch bitterer macht. O ist hier ein Menschenherz, das seinen Schmerz allein tragen muss, das mit unverstandenem, ungeteiltem Leid seine Lebensstraße ziehen muss, auch die Allernächsten, auch die Allerliebsten haben für diesen Schmerz weder Verstand, noch Gefühl, und die es verstehen, die es mitfühlen könnten, denen darf mans doch aus allerlei Rücksichten nicht sagen: „Brüder, Schwestern im Schmerz ohne Teilnahme, seht auf euren Heiland, der hat das auch durchgemacht und hat's in unmessbarem Grade durchgemacht dies einsame Weinen, wo kein Auge mitweint, dies Ringen mit flutenden Wogen, wo keine Menschenhand hilft. Und Er, der Herzog, ist hindurchgekommen, siegreich hindurchgekommen, auch ohne Teilnahme der Menschen; er hilft auch seinen kummervollen Gläubigen hindurch, siegreich hindurch, auch durch den Schmerz, im Schmerz keine Teilnahme zu finden, hindurch; lässt auch ein Haupt sein Glied, welches es nicht nach sich zieht?“

Doch die ihr klagt, wenig oder gar keine Teilnahme zu finden für eure Sorgen und eure Leiden, wollt ihr nicht auch einmal klagen über eure eigene Kühlheit, mit welcher ihr Last und Leid eures Nächsten anseht? Ja, das möchtest du wohl, du egoistischer Mensch, in deinem eigenen Kummer beklagt, bemitleidet, getröstet werden - aber wenn dir denn nun Andere ihre Sorgen sagen, zu dir von ihrem Kummer sprechen, warum bist du dann doch so schrecklich zerstreut, so nur mit halben Ohren dabei, oft so kühl bis ins Herz hinein? Kain ist längst tot und begraben, aber die Kainsfrage: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ ist die immer lebendige Melodie, nach welcher bis auf diesen Tag der Egoismus alle seine Lieder spielt! Ich habe es von ganz gescheiten Leuten als Lebensweisheit rühmen hören, unbekümmert um das Wohl und Wehe der Andern, sich das Mitgefühl nur für die eigene Familie zu reservieren. Das mag Weisheit der Brahmanen sein, aber nach dem Evangelium ist es Torheit, Torheit und himmelschreiende Sünde. Und wenn ihr euren Heiland in Gethsemane blutschwitzend mit dem Tode ringen seht, dann sollt ihr wissen, dass unter den Sünden, die den Sohn Gottes da bis auf den Grund der Erde niederdrückten, auch die Sünde eurer Teilnahmslosigkeit gegen euren Nächsten ist. Auch diese Sünde hat Er da getragen; sonst müssten wir verzagen; erbarm Dich unser, o Jesu.

2.

„Könnt ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?“ so fragte einst der Wächter Israels, da er die Kelter alleine trat, die schlafenden Jünger. „Könnt ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?“ so fragt noch heute der erhöhte Welterlöser die träumende Welt.

O wie jammervoll ist das doch: Was Jesus Christus einst wachend errungen, das verschläft, das verträumt die Welt! zu jenen Jüngern in Gethsemane konnte der Heiland sagen: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach;“ zu den Namenchristen dieser Tage kann er das nicht sagen; bei den Weltmenschen unserer Zeit ist der Geist nichts weniger als willig, sondern im Gegenteil total unwillig, mit Christo auch nur eine Stunde zu wachen. Nicht als ob sie überhaupt das Wachen nicht verständen! Da verwacht ja doch die gelehrte Welt ihre Nächte über den Problemen der Wissenschaft, da verwacht die ästhetische Welt ihre Nächte über den Tragödien und Komödien der Bretter, da verwacht die lustige Welt ihre Nächte in Reigen, Tanz und Maskerade, da verwacht die gemeine Welt ihre Nächte am Kartentisch und in der Spielhölle und in anderen Höllen, da verwacht die Verbrecherwelt ihre Nächte in Missetaten und Schanden.

zum Wachen an und für sich ist der Geist der Welt ja immer willig genug, für dieses Wachen auch das Fleisch durchaus nicht schwach; arbeitsvolles Wachen, genießendes Wachen, sittenloses Wachen, frevelhaftes Wachen gibt es genug. Aber mit Jesu wachen, bei Jesu und seinem Worte wachen das ist's, was die Welt nicht will. Eine einzige Stunde nur am Tage, was sage ich? eine einzige Stunde nur aus der Woche, eine Sonntagsstunde nur auszusondern für den Welterlöser, um vor ihm sich auf sich selber zu besinnen, auf das Woher? auf das Wohin? um zu hören auf den Notschrei der eigenen armen Seele, auf diesen gellenden, schrillenden Schrei: „ wehe, wie hast du die Tage verbracht!“ das mögen sie nicht, die wunderlichen Leute dieser Welt; sie wollen lieber fort und fort sich und Andere täuschen, als nur einmal Eine Stunde lang in den Spiegel der Wahrheit, die da ist in Jesu Christo, schauen.

Man sorgt, dass nichts dem Leibe fehle,
Die Hütte schmückt man reich und schön,
Doch die Bewohnerin, die Seele,
Lässt man verschmachten und vergehn;
Und wenn es außen tobt und lärmt,
Sitzt sie daheim, still, abgehärmt!

Vielleicht haben sie noch eine Bibel im Hause von Vater oder Mutter her, sie lesen sie nicht; die Glocken läuten und locken zur Kirche, sie kommen nicht mehr oder doch so selten, wie es irgend der gesellschaftliche Anstand erlaubt; sie kommen etwa mit Menschen der sogenannten ernsten Richtung, d. h. auf Deutsch der Richtung zum Himmel, zusammen; sie suchen es aufs ängstlichste zu vermeiden, dass das Gespräch eine religiöse Färbung annimmt. Sie können, sie wollen, sie mögen nicht wachen in Bezug auf ihre Seelen und den Heiland ihrer Seelen; sie gebärden sich wie ein unwirscher Mensch, den man aus süßen Träumen weckt und der die Weckstimme nicht hören will, sondern sich auf die andere Seite legt, um weiter zu schlummern, um weiter zu träumen. Arme, träumende Welt willst du dich erst wecken lassen, wenn die letzt' Posaun' erklingt, die auch in die Gräber dringt o wie fürchterlich, unmittelbar aus süßen Träumen in das ewige Feuer zu fahren - ach, der Mann, der deine und der Welt Sünde trug, möchte nach seiner Heilandsliebe dich jetzt schon wecken in dieser deiner Zeit, damit du noch vor dem Sterben erkenntest, was zu deinem Frieden dient.

„Könnt ihr nicht Eine Stunde mit mir wachen?“ so fragt mahnend, weckend der Welterlöser die träumende Welt.

Die träumende Welt, die, was Jesus Christus einst wachend erwarb, schlafend verschleudert, die träumende Welt, ist sie auch heute, ist sie auch hier vertreten? Gott weiß es, der Herzenskündiger, der Flammenaugen hat, Menschenkind, so hör' es doch, Flammenaugen, vor denen dein ganzes Herz auch mit seinen verborgensten Falten offen liegt, wie ein aufgeschlagenes Lesebuch. Gott weiß es, Menschenkind, vielleicht hast du doch noch den Kinderspruch behalten: „Herr, du erforschest mich und kennst mich; ich sitze oder stehe auf, so weißt du es, du verstehest meine Gedanken von ferne.“ Gott weiß es, Gott kennt dich, und dieser allwissende Gott lässt dir durch meinen armen Mund heute sagen, träumendes Kind der Welt, Kind der träumenden Welt: „Wache auf, der du schläfst; und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten!“ Ach willst du schlafen und ruhen, während die Abgründe gähnen, während die Lawinen rollen, während der Krater raucht, während die Donner dröhnen und die Blitze zucken? Ach, willst du, armes Menschenkind, weiter schlafen und in den Tag hineinträumen, da sich doch schon zwischen deinem braunen Haar die weißen Kirchhofsblumen zeigen? Sieh einmal, du Menschenkind, im Lenze des Lebens, unter den blühenden, duftenden Rosen der Jugend, da versteht man noch nicht recht den Spruch aus Jesaja: Alles Fleisch ist Heu und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde, das Heu verdorret, die Blume verwelkt“ aber nun, nach so und so viel Jahren, sieh einmal, nun solltest du doch klüger geworden sein, nun solltest du doch merken, worauf das geht, merken: du bist das Heu, das verdorrt, du bist die Blume, die verwelkt. Hat dich denn noch nie der Schauer der Vergänglichkeit ergriffen, nun so wehe er dich denn jetzt an wie ein brausender Sturm und verwehe dir deine Träume und mache dir die Augen klar und lehre dich erkennen, dass es für dich Zeit ist, die allerhöchste Zeit zu fragen: „Was muss ich tun, dass ich selig werde?“ zu betteln: „Herr Jesu, du Sohn Gottes, erbarme dich meiner“

Menschenkind, lass dich durch deine Vergänglichkeit zur Wachsamkeit mahnen! Rasch tritt der Tod den Menschen an, und wie entsetzlich, wenn diese Nacht deine Seele von dir gefordert würde, und du, und du hättest deiner Seele Heil versäumt und verträumt! Vor einem bösen, unbußfertigen Tode behüte uns, lieber Herr Gott! Denn hinter dem Tode, ja wenn du auch ein träumendes Weltkind bist, das ahnst du doch, das sagt dir doch dein Gewissen, das weißt du doch trotz deines Kopfschüttelns, trotz deiner spöttischen Lippen, du weißt es doch, dass dem Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben und danach das Gericht! Dazu bist du viel zu klug, als dass du im Ernste denken könntest, dass die Weltgeschichte einmal im Sande verrinnen würde; das sprichst du auch bloß dem Dichter nach, weil es so schön klingt: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht;“ du weißt es besser, wie der Satz lauten muss: „Die Weltgeschichte endet mit dem Weltgericht!“ Nun aber, wenn du das weißt, wenn du das ahnst, was die Kirche glaubt, dass der jetzt so viel verkannte, so viel geschmähte Jesus Christus, der Retter der Welt, einst wiederkommen wird als Richter der Welt, zu richten die Lebendigen und die Toten, auch dich zu richten, lebendig oder tot wie kannst du dann doch nur schlafen und träumen wollen? Wache auf, richte dich auf, umklammere deinen Heiland, flehe ihn an:

Richter der gerechten Rache
Schenke Nachsicht meiner Sache,
Eh' ich zum Gericht erwache!

„Könnt ihr nicht Eine Stunde mit mir wachen?“ fragt der Welterlöser die träumende Welt. Ach, ist hier nicht ein Weltkind, das durch diese Frage seines Heilands erschüttert und gewonnen, es bis zu der Antwort heute bringt: „Ach, dass ich dich so spät erkannte, du hochgelobte Liebe du! Vergib, vergib mir mein langes Träumen, von nun an will ich wachen, nicht Eine Stunde nur, mein Leben will ich mit dir durchwachen, Mann von Gethsemane, Sohn Gottes in der Höh!“

3.

„Könnt ihr nicht Eine Stunde mit mir wachen?“ so fragt der Herr der Kirche auch die erweckten Glieder. Denn es ist ein Unterschied zwischen Erwecktsein und zwischen Wachsamsein, ein Unterschied nicht nur in der Theorie, sondern leider auch in der Praxis; unter denen, die durch Gottes Barmherzigkeit erweckt sind aus der Finsternis zum Licht, aus dem Unglauben zum Glauben, sind so Manche, die ihr Christentum so schläfrig treiben, dass sie in Gottes Wegen wandeln nicht wie die, die den Weltschlaf ausgeschlafen haben, sondern wie die Nachtwandler. Erweckte Leute waren ja auch die Dreie in Gethsemane, Petrus, Jakobus und Johannes; doch konnten sie sich des Schlafes nicht erwehren, und der Herr musste sie warnen: Wacht und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt.“ Die Anfechtung, die über die Jünger von Gethsemane kam, war sicherlich das Hineinragen dämonischer Mächte in jene bange Nacht, wie ihnen Christus denn zuvor gesagt, dass der Satan ihrer begehrt habe, sie zu sichten, wie den Weizen. Solcher Anfechtungen aber von Seiten der Finsternis auf die Jünger des Herrn ist unsere Zeit vielleicht voller, als jede andere; und gefallen, gefallen ist aus den Reihen der Gläubigen in unseren Tagen schon Mancher, weil er zwar erweckt, aber nicht wachsam war. Die Kinder dieser Welt lässt der Versucher ja zufrieden, denn sie hat er schon; aber an diejenigen, die der Welt entflohen sind und zu Christi Fahne schwören, macht er sich wieder und immer wieder heran und geht unter ihnen. umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge:

Ach es ist
Satans List
Über viele Frommen
Zur Versuchung kommen!

Wehe, wer in solchen Anfechtungen nicht gesammelt, nicht wachsam ist! Ich erinnere nur eben an den schmachvollen Fall dieses und jenen erweckten Christen unserer Tage in sittlicher Beziehung eine schauderhafte Folge jenes unmännlichen, weichlichen und verschwommenen Christentums, wie wir es heutzutage nicht selten finden, das zu feige ist, ins eigene, wilde Fleisch einzuschneiden, das Fleisch zu kreuzigen mit seinen Lüsten und Begierden. Aber am Ende ist es ein nicht minder schmachvoller Fall, wenn ein erweckter evangelischer Christ bei irgendeinem Wirbelwind, den eine neue Sekte macht, sich wie ein Rohr hin und her bewegt und sich das Ziel verrücken lässt von solchen Menschen, vor denen Paulus warnt, die nach eigner Wahl einhergehen in Demut und in Geistlichkeit der Engel, des sie nie keins gesehen haben und sind ohne Sache aufgeblasen in ihrem fleischlichen Sinne. Die neuen Propheten hüben und drüben, unter den Weltkindern machen sie keine Propaganda, die lachen über die Sektiererei; die neuen Propheten, unter den nüchternen, festgegründeten evangelischen Gläubigen machen sie auch keine Propaganda, die weinen über die Sektiererei; aber unter den Menschen einer verschwommenen, bloß gefühligen Gläubigkeit fischen die Sektierer manche Seele weg; Niemand ist so leicht zu überwältigen, als wenn er nicht wacht, als wenn er schläft. Gegenüber dem Falle in groben Sünden und dem Abfalle von der heiligen, christlichen, durch Gottes Barmherzigkeit reformirten Kirche mag es geringer dünken, wenn ein gläubiger Mensch von der Anfechtung des Kleinmuts sich also übermannen lässt, dass er nicht bloß ins Zagen, sondern auch ins Verzagen gerät, oder wenn Menschen, die denselben allerheiligsten Glauben bekennen, mit einander in widerwärtiger Weise zanken und hadern, sei es um Geistliches, sei es gar um Irdisches, und wenn sie noch dazu diese ihre schmutzige Wäsche in öffentlichen Blättern vor der Welt waschen - aber wie traurig, wie überaus traurig ist doch auch das, namentlich weil die Welt immer dem Heilande auf die Rechnung zu setzen pflegt, was seine Jünger verschulden; wie traurig ist das, und woran anders liegt es doch, als dass die Gläubigen dieser Tage so wenig wachsam sind.

Es sagt ja wohl unser Herr: „der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Aber sagt er das zur Entschuldigung der Seinen? Nein, nimmermehr, sondern zu ihrer Warnung, zu ihrer Mahnung. Dass das Fleisch schwach ist, das wird keinen Christen wegen seiner Sünden entschuldigen am Tage des Gerichts; sondern weil das Fleisch schwach ist, darum soll der Christ immer auf seiner Hut sein, dass er dem Fleisch nicht den Willen tue, dass er nicht im Fleische einmal vollende, was er im Geiste angefangen hat. Das entschuldigt den Träger einer kostbaren Vase, wenn er sie fallen lässt, nicht, dass die Vase so zerbrechlich ist; sondern man macht ihn auf die Zerbrechlichkeit der Vase darum aufmerksam, damit er sich eben beim Tragen recht in Acht nehme. Eben weil wir unseren Schatz in irdischen Gefäßen tragen, darum müssen wir recht behutsam, recht sorgsam, recht wachsam sein.

Nimm mit Furcht ja deiner Seele,
Deines Heils mit Zittern wahr;
Hier in dieser Leibeshöhle
Schwebst du täglich in Gefahr.
Halt ja deine Krone feste,
Halte männlich, was du hast;
Recht beharren ist das Beste,
Rückfall ist ein böser Gast.

Wachsamkeit, Wachsamkeit, ihr erweckten Glieder der Gemeinde Jesu Christi, Wachsamkeit gehört zum wahren Christentum, da ohne frisst das verzärtelte Fleisch das Öl des Glaubens hinweg, und es bleibt nichts übrig als faules Holz. Wie muss der Glaube beschaffen sein, der die Gläubigen vor einem schmachvollen Falle, Abfalle, Rückfalle, Verfalle bewahren kann? Die ganze Schrift antwortet auf diese Frage: „Der Glaube muss wachsam sein!“ „Wacht und betet,“ ruft in Gethsemane unser Herr den Dreien zu. „Seht zu, wacht und betet,“ ruft er ein ander Mal und ähnlich oft allen seinen Jüngern zu. „Frühe wache ich zu dir, mit meinem Geist wache ich zu dir!“ heißt es bei den Psalmisten und Propheten. Und die Apostel mahnen uns: „Wacht, steht im Glauben, seid männlich und seid stark. Haltet an am Gebet und wacht in demselben mit Danksagung. So lasset uns nun nicht schlafen, wie die Andern, sondern wachen und nüchtern sein!“ Worauf denn aber schließlich alles christliche Wachen hinausläuft, das hat wohl am besten der selige Bogatzky gesagt: „Ein Christ hat zwei wachsame Augen, mit dem einen sieht er sich stets als einen Sünder, mit dem anderen in Christo ohne Sünde an.“.

Unsere Andachtsstunde ist zu Ende. Es war dies ja auch Eine Stunde, in welcher wir bei unserem lieben Heiland in Gethsemane gewacht haben. Ach Mancher von uns. hat vielleicht auch diese Stunde hindurch nicht immer die Augen der Seele offen gehabt, sondern unter dem Predigen dies und das geträumt. Denn tief gewurzelt ist die Neigung des Fleisches zur Schläfrigkeit und Unachtsamkeit. Der Mann von Gethsemane, der für unser Schlafen und Träumen und Phantasieren bis zum Tode hat leiden müssen, vergebe uns in seinem Blute unsere Sünden und stärke uns durch seinen Heiligen Geist zu einem erweckten, wachsamen, wahren Christentum. Wohl dem Menschen, der dem Herrn gehorcht, dass er wacht an seiner Tür täglich; die Knechte, die der Herr wachend findet, werden eingehen zu ihres Herrn Freude.

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