Quandt, Emil - Gethsemane und Golgatha - Das zweite Wort der gekreuzigten Liebe.

Quandt, Emil - Gethsemane und Golgatha - Das zweite Wort der gekreuzigten Liebe.

Ev. Lucä 23, 39-43.

Aber der Übeltäter einer, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: „Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns.“ Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: „Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und zwar wir sind billig darinnen, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes gehandelt.“ Und sprach zu Jesu: „Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und Jesus sprach zu ihm: „Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“

Das ist die alte, schöne, prächtige biblische Geschichte von dem bekehrten und begnadigten Schächer am Kreuz, eine der köstlichsten unter den köstlichen Perlen der Schrift. Es gibt auch eine alte, schöne Legende über den Schächer, und ehe wir die Geschichte betrachten, möchte ich wohl gerne die Legende erzählen. Die Legenden, ich weiß es wohl, sind durch den Missbrauch, den die römische Kirche davon gemacht hat, unter uns Protestanten nichts weniger als beliebt, und manche Protestanten sprechen ihren Predigern geradezu das Recht ab, auf einer evangelischen Kanzel eine Legende zu erzählen. Allein ich lasse mir dies Recht nicht nehmen. Ich weiß, dass auch der schnödeste Missbrauch eines Dinges den rechten Gebrauch nicht aufhebt. Wo die Legenden als Quellen der Glaubenslehre gebraucht werden, da werden sie missbraucht auf Kosten der Bibel, und gegen solchen Missbrauch gilt es fort und fort zu protestieren. Aber wo die Legenden gebraucht werden als das, was sie sind, als religiöse Dichtungen, da werden sie recht gebraucht und können dazu dienen, das Gemüt mit frommen Gedanken zu füllen und andächtig zu stimmen für eine Predigt über eine biblische Geschichte. Nicht ins Allerheiligste gehören die Legenden, wohl aber in den Vorhof, wie Orgelton und Glockenklang.

Ich will die alte Legende über den Schächer erzählen. Aus einem und demselben jüdischen Vaterhause gingen, so besagt die alte, sinnvolle Dichtung, zwei Brüder in die Welt hinaus, auf zwei verschiedenen Wegen und doch beide dem Tod entgegen. Der eine, Dismas mit Namen, rau und wild von Sitten, in Sündenglut entbrannt, gerät in eine Schande über die andere, wird Mitglied einer Räuberhorde und schweift mit derselben in Wäldern und Gebirgen drei Jahre lang gottlos umher. Der andere, Judas geheißen, sparsam, und ein Freund des Fastens und Betens, bei Priestern und Schriftgelehrten von Kind an wohlgelitten, lernt den Messias kennen, der damals im jüdischen Lande umherzog als Lehrer und Helfer; er schließt sich der kleinen Schar seiner Begleiter an und wandert mit ihm von Ort zu Ort. Am Ende der drei Jahre wird Dismas auf seinen blutigen Streifzügen von Dienern der Obrigkeit gefangen genommen, und als er, in Ketten, in Jerusalem eintritt, ist gerade Palmsonntag: der Messias, Jesus Christus, hält unter dem Hosiannaruf der jauchzenden Menge seinen Einzug in die Königsstadt und mit ihm auch Judas. Aber während Dismas seine eisernen Ketten mit tiefer Reue trägt, brütet Judas den Gedanken des Verrats in seinem Herzen aus. Gar bald wird aus dem argen Gedanken die arge Tat geboren; Judas verrät des Menschen Sohn für dreißig Silberlinge mit einem Kuss, und der gute Heiland, verraten und verkauft, muss nun dulden Schläge, Geißeln und Hohn und das ganze Meer von Plagen und sich auf die Würgebank von Golgatha begeben. Und als er so hinwandert zur Schädelstätte unter der Last des Kreuzes, fleht er: „O Vater, verraten hat ein Jünger mich, gib statt dieses einen verlorenen mir einen anderen wieder, eh' ich sterbe.“ Doch muss der Heilige Gottes die Kreuzeshöhe hinan und hinauf aufs Kreuz; lästerndes Gewirr umrauscht ihn, die Jünger sind geflohen oder stumm; da öffnet der Mitgekreuzigte zur Rechten, Dismas ist's, die Lippe zu einem armen: Herr, gedenk' an mich! und siehe, der Herr gewinnt in ihm einen Jünger. Judas in Verzweiflung über dem verkauften Blut geht hin und erhängt sich selbst und verdammt sich selbst; Dismas aber nimmt an der Schwelle des Todes den Platz des Judas ein und wird von dem Herrn mit dem Paradiese beschenkt.

Der Jünger wird Verbrecher,
Zum Jünger wird der Schächer.

Das ist die Legende vom Schächer, eine der sinnigsten und tiefsten christlichen Legenden, eine der schönsten poetischen Arabesken, mit denen sinnende Liebe das Kreuz von Golgatha geschmückt hat. Wir lassen jedoch die Legende der Zweck, zu dem ich sie mitteilte, ist erreicht, wenn unser Interesse für den Schächer am Kreuz neue Anregung empfangen hat wir lassen die Legende und versenken uns in die Geschichte vom Schächer, wie sie die Bibel als wirklich geschehen erzählt. In der biblischen Geschichte vom Schächer ist der Stern und Kern das Wort, das Jesus Christus zum Schächer spricht: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein,“ und um dieses Wort insbesondere soll sich unsere heutige Andacht sammeln.

Das zweite Wort der gekreuzigten Liebe betrachten wir, wie es ist

1) ein Wort der höchsten Freude im tiefsten Leide,
2) ein Wort des höchsten Trostes im tiefsten Elend,
3) ein Wort der höchsten Offenbarung im tiefsten Dunkel.

Deine sieben Kreuzesworte, o Herr, sind wie sieben volle Trauben an einem köstlichen Weinstock. Gib uns die Süßigkeit Deines zweiten Kreuzeswortes heute zu schmecken, Herr Jesu, Amen.

1.

Es gibt viel Leid auf dieser Erde, viel tränenvolles herzzerreißendes Leid. Aber das allertiefste Leid, das je ein Menschenkind gelitten hat auf Erden, das hat des Menschen Sohn gelitten, da er am Kreuze hing auf Golgatha. In die grauenhaften Tiefen seines Leids am Kreuz werden wir dann insbesondere andächtig zu blicken haben, wenn wir das vierte Wort: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ?“ und das fünfte Wort: „Mich dürstet!“ hier miteinander betrachten werden. Heute wollen wir uns an dem bloßen Eindruck, dass der Herr Jesus im tiefsten Leid am Kreuze hing, genügen lassen und unser Auge vielmehr auf der Freude beruhen lassen, die ihm in diesem seinem Leide durch die Bekehrung des Schächers ward. Freude, hohe, himmlische Freude klingt durch das Wort, das er dem Schächer zuruft: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein“; es ist dies Wort ein Wort der höchsten Freude im tiefsten Leide.

Von seinen Jüngern und Freunden verlassen, von seinen Feinden verhöhnt und verspottet hängt der Herr in unnennbarer Qual Leibes und der Seele am Marterholz. Der Wohltäter der Menschheit sieht sich von der Menschheit als einen gemeinen Übeltäter behandelt; der, der nie eine Sünde getan, muss sterben, wie Verbrecher sterben, und selbst sein hochherziges Gebet, sein erstes Wort am Kreuz: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ wird überschrien von den losesten Spöttereien, von den giftigsten Lästerworten. Wird sich denn keine Stimme, auch nicht eine erheben, und sagen: „Er ist unschuldig!“ Ist denn die ganze Menschheit so erstorben, und verdorben, dass auch nicht ein einziger Mund mehr sich öffnet, um zu protestieren gegen den himmelschreienden Justizmord, mit dem Israel seinen Messias, mit dem die Menschheit ihren Heiland tötet? Doch es öffnet sich wahrhaftig noch ein Mund zum Protest, es erhebt sich in der Tat eine Stimme zur Verteidigung der Unschuld Jesu Christi, und diese Stimme kommt von einer Seite, von der es weder Menschen, noch Engel erwartet hätten. Einer der Mitgekreuzigten hat eben noch eingestimmt in die allgemeine Verspottung des Herrn, da tut der andere Schächer seinen Mund auf, straft seinen Genossen und spricht: „Dieser, dieser Jesus, hat nichts Ungeschicktes gehandelt.“ Die Form, in der der Schächer sein Zeugnis ablegt, kann nicht ungeschickter sein, der arme Schächer hat keine Dogmatik gelernt; aber der Inhalt seines Zeugnisses ist sonnenklar: Dieser hat nichts Ungeschicktes gehandelt, das soll heißen: „Dieser Mann ist ein unschuldiger Mann!“ Wie musste dieses Zeugnis von seiner Unschuld aus des Schächers Munde die Seele des gekreuzigten Heilandes erquicken! Wer je in der Lage war, von seinen besten Freunden verkannt und von seinen Feinden schadenfroh verspottet zu werden, und wer da erfahren, wie wohltuend es ist, unerwartet irgendwo und irgendwie noch ein einziges Menschenherz zu finden, das nicht in das allgemeine Urteil einstimmt, sondern ein Verständnis für uns hat und uns angelegentlich verteidigt, der wird etwas von dem innerlichen Jauchzen ahnen können, das der Heiland empfand, als unter all dem Hohn und Blut von Golgatha der Schächer sprach: „Dieser Jesus hat nichts Ungeschicktes gehandelt.“

Aber der Schächer sagt noch mehr. Seine Worte sind nicht nur Worte des Zeugnisses für Christi Unschuld, sie sind auch Worte bußfertiger Erkenntnis der eigenen Schuld. „Wir, so sagt der Schächer in Bezug auf sich und seinen Sündengenossen, wir sind billig in der Verdammnis, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind.“ Jesus Christus war gekommen in die Welt, die Sünder zur Buße zu rufen, und da er nun sterbend am Kreuze hing, hatte er den Schmerz, ringsum auf Golgatha Unbußfertigkeit, Verhärtung, Verstockung zu sehen - wie musste es da doch die Nacht seines Schmerzes als ein schöner Sonnenstrahl durchbrechen, als dieses Wort ernstester Buße an sein Ohr ertönte: „Wir sind billig in der Verdammnis, wir empfangen, was unsere Taten wert sind.“ Der Dichter sagt: „Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder.“ Jesus Christus sagt: „Es ist Freude vor den Engeln Gottes im Himmel über einen Sünder, der Buße tut.“ Die Freude der Gottheit und ihrer Engel füllt die Brust des gekreuzigten Jesus, da der mitgekreuzigte Schächer seine Missetat bekennt und erkennt und Buße tut.

Und diese Freude des Heilands sie steigert sich zur himmelhohen Wonne, als der bußfertige Schächer, die ganze Heilsordnung in wenigen Minuten durchlaufend, zum Glauben an den Erlöser durchdringt und aus diesem Glauben heraus betet das schlichte und doch so gewaltige, das demütige und doch so freimütige Gebet: „Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Diese Schächerbitte, dieses liebevolle Anschmiegen des gebeugten Sünders an seinen ewigen Erbarmer, musste dem Heiland seine schönsten irdischen Lebensstunden in Erinnerung bringen, wie er sie verlebt hatte unter den Tränen einer Maria Magdalena, unter der Narde einer Maria von Bethanien, unter dem Liegen eines Johannes an seiner Brust. Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst welch' ein Glaube liegt in dieser Bitte! Der Glaube, der nichts als Ohnmacht sieht und doch die Allmacht erfasst, der Glaube, der lauter Jammer sieht und doch durch den Schleier des Jammers hindurchsieht, die Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit, der Glaube, dass der gekreuzigte Jesus der Herr ist, dass dieser Herr ein unvergängliches Himmelreich hat, dass dieser Herr des Himmelreichs der reuigen Sünder gedenkt! Wahrlich, solchen Glauben hatte der Herr im Leben kaum gefunden, wie er ihn nun im Sterben fand. Todesschmerzen durchglühen fieberhaft seine heiligen Glieder und sein frommes Blut tropft von dem dorngekrönten Haupt hernieder auf das Kreuz, aber mit bebender Lippe ruft er in überwallender Wonne dem bußfertigen, dem gläubigen, dem geretteten Schächer zu: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“ ich gehe nicht

allein ins Paradies, ich ziehe von der ganzen Menschheit doch wenigstens Einen hinterdrein! Ich bringe meinem himmlischen Vater doch wenigstens Eine gerettete Seele als Siegesbeute meines Riesenkampfes mit. All' mein Leben, Lieben, Leiden, Sterben gilt der ganzen Menschheit, aber ob die ganze Menschheit daran vorübergehe, es soll mich nicht gereuen, da ich wenigstens eine gerettete Seele mit hinübernehme in die selige Welt. „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“ Freude, Freude, Jubel und Wonne atmet dies zweite Wort der gekreuzigten Liebe; es klingt wie Harfenspiel und Psalterklang. Es ist ein Wort der höchsten Freude im tiefsten Leide; denn das Leid ist Heilandsleid und die Freude ist Heilandsfreude.

2.

Wir haben das Wort vom Paradiese erwogen nach einer Beziehung hin, über die meist geschwiegen wird, in erster Beziehung auf den heiligen Sprecher, wir erwägen es zum zweiten in der Beziehung, in der es sonst meist ausschließlich betrachtet wird, in seiner Beziehung zu dem Schächer. Für den Schächer ist dies Wort ein Wort des höchsten Trostes im tiefsten Elende. Das tiefste Elend ist, wenn der Tod an die Tür pocht und der Mensch, der sterben muss, hat ein sündenvolles Leben hinter sich und alle Schrecken der Verdammnis vor sich. Das tiefste Elend ist, wenn das Leben, diese kurze Nutznießung der Erde, auf die Neige geht und nun die Sinne anfangen zu verzagen, weil die Sünden das Leben verklagen. In diesem allertiefsten Elend befand sich der Schächer. Sein Leben war eine Kette von Sünden gewesen und zwar von solchen Sünden, die auch vor der Welt übellauten, von Sünden, die ihm den Missetätertod zuzogen. Gibt es auch für einen solchen Sünder, wie er war, noch einen Trost im Sterben? Ach, der Unglückselige, er sehnt sich nach Trost. Nicht nach Trost dieses Lebens wie sein sündiger Kamerad, der die Frechheit hatte, dem Erlöser in eisiger Ironie zuzurufen: „Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns!“ und der keine andere Hilfe begehrte, als wieder vom Kreuz herabzukommen; nicht nach solchem Trost dieses Lebens verlangte der reuige Schächer nein, sein irdisches Leben war durch seine Sünden verwirkt; er anerkannte die Todesstrafe für Verbrecher als gerecht und von Gott geboten; wir empfangen, was unsere Taten wert sind,“ darüber war er mit sich vollständig im Reinen. Aber nach Trost des ewigen Lebens sehnte sich der Ärmste. Vor dem ewigen Verlorengehen zitterte er; nach Vergebung der Sünden vor Gott, nach Versöhnung mit Gott, nach Gottes Himmel bangte und verlangte er. Er hatte in längst vergessenen Jahren auch einmal das Alte Testament gelesen, jetzt tauchte, er wusste nicht wie, Jes. 53 in ihm auf. Dass der, der zwischen ihm und seinem Schuldgenossen so unschuldig und geduldig am Kreuze hing, dass Jesus Nazarenus der leidende Messias von Jesaja 53 war, diese Ahnung war ihm durch den Heiligen Geist in die Seele gesenkt; und das erste Wort der gekreuzigten Liebe: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun,“ stimmte so überraschend zum Schlusse von Jes. 53, wo es heißt: „Er hat sein Leben in den Tod gegeben und ist den Übeltätern gleichgerechnet und er hat Vieler Sünden getragen und für die Übeltäter gebeten,“ dass der arme Schächer innerlich gewiss ward: Er ist's, der gekreuzigte Nazarener ist der Messias von Jesaja 53, der um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen geschlagen ward.

Nun der Messias von Jesaja 53 - sollte er nicht die Starken, die Sünder der stärksten Art, zum Raube haben? Der arme Schächer wagt's und sagt's: „Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und nun der barmherzige Heiland hatte ja nur auf diese Schächerbitte gewartet, um das tröstende Wort der ewigen Begnadigung zu sprechen.

Dem Lamm ist nichts zu schlecht,
Sie sind ihm alle recht;
Was Keiner mehr mag leiden,
Was alle Menschen meiden,
Das darf noch zu ihm kommen,
Wird von ihm angenommen.

„Wahrlich, ich sage Dir,“ so spricht sein holdseliger Mund dem Schächer zu, du wirst heute mit mir im Paradiese sein.“ Der Schächer war gerettet, gerettet noch an der Schwelle des Todes. Das irdische Leben mochte nun unter der Tortur des Kreuzes zermalmt werden, das ewige Leben war ihm sicher, aus Gnaden im Glauben an den Messias von Jes. 53. Nicht vergebens hatte er sich noch in letzter Stunde nach dem gekreuzigten Heiland gewandt. Nichts Irdisches hatte der Messias am Kreuze mehr zu verschenken, denn sie hatten ihm auch das Letzte, was er hatte, seine Kleider, genommen; aber der ganze Himmel war noch sein und Paradiese zu verschenken war er auch am Kreuz, ja am Kreuz erst recht im Stande, und der Vorsatz: „Wahrlich, ich sage dir,“ ist so viel als: „Ich schwöre es dir zu!“

„Du sollst heute mit mir im Paradiese sein,“ spricht er zu dem reuigen Schächer. Seliger Schächer, dies Wort deines Heilandes ward dir ein Wort des höchsten Trostes im tiefsten Elend.

Und dieses Wort als goldenes Trostwort für elende Sünder - Gottes Engel haben es aufgefangen und haben es durch die Jahrhunderte getragen als ein Wort der ewigen Erbarmung für reuige Sünder auf allen Schädelstätten der Erde. Niemals redet die Heilige Schrift der Abschaffung der Todesstrafe für Mörder das Wort: wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden, das ist und bleibt Lehre beider Testamente; „wir empfangen,“ sagt der hingerichtete Verbrecher im Geiste beider Testamente, „was unsere Taten wert sind.“ Aber niemals hat es irgendeine andere Religion zu einem Satz so kühner Erbarmung gebracht, als die Religion der Bibel, zu dem Satz: Auch Schächer können selig werden, wenn sie nur, von diesem Wenn hängt freilich Alles ab, wenn sie nur noch vor dem letzten Seufzer an ihre Brust schlagen und die Gnade Jesu Christi anrufen. Wer auf diesen Satz hin frech sündigen wollte, wer ein Leben in Unglauben, Sünden und Schanden führen wollte mit dem Hintergedanken: „Ich kann mich ja im legten Stündlein noch bekehren, also lustig leben und doch selig sterben!“ - ein solcher Mensch wäre närrisch, gleichwie ein Schiffer närrisch wäre, der mitten in dem Ocean sein Schiff in Stücken schlüge, um darnach den Schwimmgürtel zu probieren, den er für den Fall der Not unter seinem Kopfkissen liegen hat. Solche närrische Menschen, die das Schiff ihres Lebens in tausend Stücke schlagen, um mit dem Schwimmgürtel an das Gestade der ewigen Heimat zu schwimmen, sollen an den anderen Schächer denken, der hatte den Herrn Jesum im Sterben dicht bei sich und hat sich doch nicht zu ihm bekehrt, sondern hat ihn gelästert und ist in die Hölle gefahren. Der Sat: „Auch Schächer können selig werden,“ gilt nicht den leichtsinnigen Seelen, sondern den erschütterten Seelen. Und ist nun hier in unserer Mitte heute eine erschütterte Seele, eine Seele, der all' ihre Sünden aufs Gewissen fallen, eine Seele, die den Tod des Leibes, der uns Alle trifft, reumütig hinnimmt und spricht: Es ist dem Menschen gesetzt einmal zu sterben,“ alle Menschen müssen sterben, aber wir empfangen mit dieser Todesstrafe, die der liebe Gott immer noch nicht abgeschafft, alle, was unsere Taten wert sind; „ist hier eine Seele, die sich über Leben, über Sterben hinaus nach dem ewigen Leben sehnt liebe Seele, bekehre dich, so lange es heute heißt, rufe Jesum Christum an, sprich ein armes: „Herr, gedenk' an mich!“ so wird auch das Wort gelten, das Wort des höchsten Trostes im tiefsten Elend: „Wahrlich, ich sage dir, heute sollst du mit mir im Paradiese sein!“

3.

Groß ist das zweite Wort der gekreuzigten Liebe, groß und reich, stundenlang könnte man davon reden und könnte es doch nimmer ausschöpfen. Man hat die Frage oft aufgeworfen, ob ein Prediger sich auspredigen könne. Gewiss kann er das, und wenn er noch so viel Gaben hat, sich kann er immer auspredigen in ein paar Jahren, aber Gottes Wort kann er nimmer auspredigen; das Wasser, das in deiner Karaffe ist, das trinkst du bald aus, aber den Ocean schöpfst du nimmer aus. Das zweite Wort: der gekreuzigten Liebe ist wie jedes Wort aus Jesu Munde unerschöpflich. Wir können und wollen heute nur noch zum Dritten in kurzen Andeutungen betrachten, wie es auch ist ein Wort der höchsten Offenbarung im tiefsten Dunkel.

Das tiefste Dunkel ist des Grabes Dunkel. Das Grab, so singt ein weltlicher Dichter,

Das Grab ist tief und stille
Und schauderhaft sein Rand;
Es birgt die dunkle Hülle
Ein unbekanntes Land..

Unbekannt, dunkel, sehr dunkel ist das Land, das hinter dem Tode liegt, und was Menschenwitz darüber sagt und sinnt, widerspricht sich aufs Gröbste und ist, wenn es nun einmal gestorben sein muss, keinen Pfennig wert. Der Tod ist eine so ungeheure, so urgewaltige Realität, dass neben ihm auch die großartigste menschliche Philosophie eine sehr armselige Figur bildet; Realitäten sind nur mit Realitäten siegreich zu bekämpfen; die Dunkelheit des Todes bedarf einer lichten Offenbarung, wenn sie soll überwältigt werden. Nun in seinem zweiten Wort am Kreuz gibt Jesus Christus die höchste Offenbarung für das tiefste Dunkel, wenn er zum gläubigen Schächer spricht: „Du wirst heute mit mir im Paradiese sein!“ Heute noch im Paradiese - also es kommt kein Fegefeuer, das ist eine pure päpstliche Erfindung; Gott sei Dank, es geht für die Gläubigen ohne Fegefeuer, also auch ohne die ziemlich kostspieligen Totenmessen, direkt ins Paradies. Mit mir wirst du im Paradiese sein - also die Gläubigen, die schon im Leben bei Jesu waren, bleiben auch im Sterben bei Jesu, Jesus lässt sie nicht, wo Jesus ist, da sind sie auch.

Das Land, das hinter dem Tode liegt, es ist kein dunkles Land für die, die ihrem Stern, die ihrem Jesus folgen; denn es ist das Jesusland, das Paradies, unter dessen Lebensbäumen uns wird sein, als ob wir träumen; bring, uns, Herr, ins Paradies!

Damit schließen wir unsere Betrachtung über dies zweite Wort der gekreuzigten Liebe; wenn wir einst sterben sollen, dann wollen wir dieses Wort festhalten, es ist die Schenkungsurkunde, die arme bekehrte Sünder zu Erben des Paradieses einsetzt. Amen.

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