Petersen, Eginhard Friedrich – Philemon - 4. Die große Freude und Freudigkeit und die noch größere Liebe des Apostels.
Philemon 7-9.
Wir haben aber große Freude und Trost an deiner Liebe, denn die Herzen der Heiligen sind erquickt durch dich, lieber Bruder. Darum, wie wohl ich habe große Freudigkeit in Christo, dir zu gebieten, was dir ziemt, so will ich doch um der Liebe willen nur ermahnen, der ich ein solcher bin, nämlich ein alter Paulus, nun aber auch ein Gebundener Jesu Christi.
Dank und Bitte war es, womit der Apostel seines Freundes alle Zeit im Gebet gedenkt, Dank für den in der Liebe sich erweisenden Glauben des Philemon, Bitte, dass dieser Glaube seines Freundes durch Erkenntnis der ganzen Liebe und Güte Christi kräftig werde. Beides, Dank und Bitte, geziemt dem Christen fort und fort im Hinblick auf sein inneres Leben. Der Christ ist in seinem Glauben nie so weit, dass er nicht weiter zu kommen wünschen müsste; täglich machen sich ihm Lücken, und je nach der veränderten Lage seines Lebens neue Lücken seines Glaubens fühlbar. Er ist aber auch nie so zurück, dass er nicht Ursache hätte, Gott für seinen Glaubensstand dankbar zu sein. Nicht nur zu danken, aber auch nicht nur zu bitten, sondern beides alle Zeit zu verbinden, muss er als seine Aufgabe ansehen. Wollte er das eine auf Kosten des andern tun, so würde er von der Gesundheit seines christlichen Lebens weichen. Und der Christ darf bei aller Unvollkommenheit seines Glaubens jeder Zeit zur Bitte den Dank gesellen. In jedem Christenleben gibt es Augenblicke, in denen wir es inne werden, dass wir mehr Glauben haben, als wir selber meinten. Zu Woltersdorf, dem Liederdichter, kam einst ein junger Mann, der klagte, er müsse verzweifeln, er sehe in seinem inneren Leben gar keine Fortschritte. „Da will ich Ihnen einen Rat geben,“ antwortete Woltersdorf. „Da drüben ist ein Wirtshaus. Gehen Sie hin, trinken, spielen, tanzen Sie nach Herzenslust!“ „Das kann ich nicht mehr,“ erwiderte der Jüngling. „Das können Sie nicht mehr, sagen Sie,“ lautete die Entgegnung des Dichters. „Sehen Sie, dass die Gnade dennoch an Ihnen wirkt?“ Und eine Frau, die ein Unglück hatte und stets nur murrte, wurde von demselben Woltersdorf aufgefordert, ihr Gesangbuch herzureichen. Er nahm das Buch, schlug den Gesang auf: „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ und machte Miene, das Blatt, auf dem die Worte standen, herauszureißen. Da erschrak die Frau. „Was wollen Sie?“ rief sie, „Nein, das tun Sie nicht!“ Woltersdorf erwiderte: „Aber, was die Worte sagen, das glauben Sie ja längst nicht mehr.“ Die Frau aber flehte: „Reißen Sie die Worte nicht heraus!“, bis er ihr das Buch unversehrt zurückgab. So hast auch Du manch frommes Blatt im Buch Deines Lebens, mein Christ! Wenn es herausgerissen werden sollte, so würdest Du erschrecken und nun erst merken, wie wert es Dir ist. Und manches Böse, was Du nicht überwunden zu haben meinst, es würde Dich mit Entsetzen erfüllen, wenn von Dir gefordert werden würde, es zu tun. Verzweifle nicht an Deinem Christenstande! Danke und bitte zugleich für denselben! Sorgt nichts, sondern in allen Dingen lasset eure Bitte in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden!“ (Phil. 4,6.) Das gilt auch im Hinblick auf unseren Christenstand.
In dieser dankbaren Stimmung für seinen Freund fährt auch der Apostel in seinem Briefe fort: Wir haben aber große Freude und Trost an Deiner Liebe, denn die Herzen der Heiligen sind erquickt durch Dich, lieber Bruder!
Die Worte erinnern an 2. Kor. 7, wo der Apostel, nachdem sein Gehilfe ihm günstige Nachricht über den Stand der korinthischen Gemeinde gebracht hat, schreibt: „Ich rede mit großer Freudigkeit zu euch, ich bin erfüllt mit Trost, ich bin überschwänglich in Freuden in aller unsrer Trübsal.“ Auch dort befindet er sich, wie hier, da er an Philemon schreibt, in Trübsal der Gefangenschaft um des Evangeliums willen zu Rom. Also in Trübsal sein, gefangen sein, um des Evangeliums willen Schmach erleiden, vielleicht dem Tode entgegensehen und doch große Freude haben, verstehen wir das? Das ist die Frucht des Christentums. „Unser Glaube,“ schreibt Johannes vom Christenglauben, „ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Ja, „der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Wo andere klagen, verzweifeln, murren, da dankt der Christ, da hat er große Freude und Trost. Wem einmal im Leben etwas ernstlich von der „großen Freude,“ welche der Engel des Herrn in der Nacht auf dem Felde bei Bethlehem den Hirten verkündigte, ins Herz gedrungen ist, dem blühen an allen Wegen Rosen unter den Dornen; auf die eine oder andere Weise wird ihm immer wieder große Freude geschenkt, ja, er hat in sich selbst einen unversieglichen Quell der Freude. „Freut euch in dem Herrn allewege!“ (Phil. 4,4), das erfährt der gläubige Christ. Der Mensch bedarf der Freude, wie die Blume des Lichts. „Wir müssen dafür sorgen, dass wir überall ein Freudenkämmerlein in unserem Herzen haben,“ hat ein bekannter Geistlicher (der sel. Blumhardt) gesagt. Wollen wir das haben, so glauben wir an den Herrn!
Die große Freude, die der Apostel in seiner Trübsal hat, ist die Freude an der Liebe Philemons, vermöge deren die Herzen der Brüder durch ihn erquickt werden. Womit erquickt, wird nicht gesagt. Wir können es aber aus dem Anfang des Briefes schließen, da von der Gemeinde im Hause des Freundes die Rede war: also wohl nicht nur mit leiblicher Hilfe, die er den armen, notleidenden Christen zu Teil werden ließ, sondern vor allem mit geistlicher Gabe, damit auch, dass er den Christen seines Ortes was gewiss viel Mühe und Unbequemlichkeit brachte und in jener Zeit der Verfolgungen des Christentums nicht ohne Gefahr war für ihre Versammlungen sein Haus einräumte. Genug, dass ihre Herzen durch ihn erquickt wurden, d. h. eigentlich gestillt, wie ein Kind an der Brust seiner Mutter gestillt wird. Das ist, seitdem der Herr sein „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ gesprochen hat, die Pflicht aller derer, die ihm nachfolgen wollen, dass sie die Herzen anderer erquicken. wie köstlich ist diese Pflicht! Wie wohl tut es dem Herzen, wenn es liebevoll durch Jemanden erquickt wird! Wie wohl mag es den Herzen der Christen zu Kolossä getan haben, wenn sie sich dort im Hause des Philemon unter allen ihren Sorgen und Ängsten traulich zum Gebet versammeln durften! Ja, wie einem Kinde, das an der Brust der Mutter gestillt wird, so mochte es ihnen da werden: das Sorgen hörte auf, die Angst beschwichtigte sich. - Und wie leicht ist sie, die Pflicht, zu erquicken! Wie wenig gehört dazu, sie zu üben ein freundliches Wort, ein gütiger Blick, ein kleines Opfer unserer Ruhe, unsrer Bequemlichkeit, unserem Geiz gebracht! - Und wenn sie nicht leicht ist, wie überwiegt doch der Wert, ein Herz erquickt zu haben, alle Mühe und Gefahr, die wir selbst dabei bestehen!
Der Grund aber, warum der Apostel so große Freude und Trost an der Liebe des Philemon hatte, war wohl nicht nur, dass die Herzen der Brüder durch ihn erquickt wurden, sondern ebenso sehr, wenn nicht noch mehr, die Liebe zum Herrn, die aus all' dieser Güte hervor sah, wie er denn vor allem von der Liebe, die sein Freund gegen den Herrn Jesum habe, vorher gesagt hat eine Freude besonderer geistlicher Art, wie die Welt sie nicht kennt, aber eben deshalb ein Beispiel und Beweis, wie dem Christen auch dort die Freude blüht, wo sie der Welt in Trübsal untergeht. Wissen wir von solcher Freude? Ist es uns, wie dem Apostel, auch eine große Freude, wenn wir unsere Freunde, unsere Brüder, unsere Kinder in solcher Liebe sehen, wenn wir hören und merken, dass Christus ihre Liebe ist, und in Christo dann jeder der Erquickung bedürftige Nächste? Ist uns das eine Freude, so fehlt es uns auch in Trübsal an großer Freude nicht, so findet sich für das Licht der Freude und des Trostes immer Gelegenheit, ins Dunkel unseres Lebens hinein zu scheinen. Bereiten wir aber auch andern solche Freude? Stehen wir selbst in solcher Liebe? Könnte Einer auch von uns sagen, wie der Apostel vom Philemon sagt: Ich habe große Freude und Trost an Deiner Liebe? Er, der schreibt: „Freut euch in dem Herrn allewege“, der mahnt auch: „Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen!“ Wer Freude in dem Herrn haben will auch in trüber Zeit, Freude an der Liebe, die der Andere übt, der soll auch bereit sein, Liebe zu erweisen, Liebe in dem Herrn, um ähnlich dem Herrn und an Stelle des Herrn die Herzen der Brüder zu erquicken. Paulus hat das getan. Er hat nicht nur Freude an der Liebe des Anderen gehabt, sondern auch solche Freude der Liebe seinem Nächsten bereitet. Das zeigt uns der Fortgang seiner Worte.
Darum, wiewohl ich habe große Freudigkeit in Christo, Dir zu gebieten, was Dir ziemt, so will ich doch um der Liebe willen nur ermahnen.
Dass der Apostel dem Philemon gebieten darf, dass er ein Recht dazu hat, ist außer Zweifel. Er ist und bleibt trotz aller Freundschaft für ihn der Apostel, er ist sein geistlicher Vater. Aber er hat auch große Freudigkeit, dem Philemon zu gebieten. Und daran liegt es. Das Recht zu gebieten, haben wir nun kraft unsrer Stellung schon oft: als Eltern unseren Kindern, als Herrschaften unseren Dienstboten, als Vorgesetzte unseren Untergebenen zu gebieten, aber was hilft es uns, wenn uns die Freudigkeit zu gebieten fehlt? Es ist ohnehin ums Gebieten kein so leichtes Ding, wie man oft meint; das Gehorchen ist oft leichter, als das Gebieten. Vollends ohne Freudigkeit, da wird uns das Gebieten zur Qual, so groß auch das Recht ist, welches wir dazu haben. Ohne Freudigkeit fehlt unserem Gebieten auch die Kraft. Wir sollten nicht nur um unsrer selbst, sondern auch um dessen willen, dem wir gebieten, dahin streben, mit Freudigkeit gebieten zu können. Mit Freudigkeit gebieten, das überwindet auch, wenn es Not tut, zagende oder widerstrebende Gemüter. Und doch, wie oft fehlt uns diese Freudigkeit! Wie oft sind wir furchtsam, ängstlich, sei es, weil wir es mit übelwollenden Leuten zu tun haben, sei es aus eigener Scheu. Manchem ist ja auch seine besondere blöde Natur ein Hindernis. Wer kann denn mit Freudigkeit gebieten? Ich habe große Freudigkeit in Christo, Dir zu gebieten, schreibt der Apostel dem Philemon. Also nicht in sich selber hat er sie, obgleich er doch ein so angesehener Apostel ist, auch nicht in der großen Freude, die er an der Liebe des Philemon hat, sondern darin, dass er sich in seinem Herrn und Heiland weiß, dass er das Bewusstsein hat, dass der Herr auch bei seinem Gebieten ihm zur Seite steht. Auch hier gilt ihm sein Wort (2. Kor. 3,5) „Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, etwas zu denken, als von uns selber.“ Auch hier liegt es ihm fern, auf Menschengüte sein Vertrauen zu setzen. Wie überall, so schöpft er auch hier seine Freudigkeit allein aus der Verbindung, in welcher er mit dem Herrn steht, und aus dem Vertrauen auf dessen Gnade. So aber, in Christo, hat er auch große Freudigkeit, dem Philemon zu gebieten. Können wir anders Freudigkeit, große Freudigkeit, haben, zu gebieten? Wir wollen einmal nicht an die Menschen denken, die uns das Gebieten mit ihrem Trotz oder ihrer sonstigen Unart erschweren, wir wollen unsere eigene Person in Betracht ziehen. Woher die Scheu, auch dem Willigen zu gebieten? Ist es nur die natürliche Blödigkeit unseres Herzens? Ist es nicht noch etwas Tieferes, Ernsteres, nicht auch der Mangel eines guten Gewissens? Ich wenigstens muss gestehen, ich habe mir oft, wenn ich andern gebieten wollte, sagen müssen: Wer bist Du denn? Bist Du nicht ein armer sündiger Mensch? Bist du nicht vielleicht unwerter, als der, dem Du gebieten willst? Und das hat mir die Freudigkeit zu gebieten geraubt. Ich habe das Gefühl gehabt: Wenn der Andere wüsste, wie es um Dich steht, er würde Dir den Gehorsam aufkündigen und sagen: Du hast kein Recht, mir zu gebieten! Und mancher wird Gleiches von sich gestehen. Es kann ja nicht anders sein. Überall sind Rechte mit Pflichten verbunden, und Freudigkeit, ein Recht zu üben, kann ich nur haben, wenn ich die mit demselben verbundene Pflicht erfülle. Mit dem Recht zu gebieten ist auch die Pflicht verbunden, dass ich im gegebenen Falle selbst das tue, was ich dem Anderen gebiete, und von der Erfüllung dieser Pflicht hängt die Freudigkeit des Gebietens ab. In dem Maße, als ich mir sagen muss: Du tust ja selbst nicht, was Du dem Anderen gebietest, Du bist selbst nicht fleißig, nicht treu, nicht wahr, nicht ehrlich, muss die Freudigkeit, es zu gebieten, weichen. Mit Freudigkeit gebieten kann darum von sich selber im Grunde nur der, der mit Ernst gehorchen gelernt hat, gehorchen, meine ich, nicht nur Menschen, sondern Gott. Ist Christus, der höchste Gebieter, anders, als durch das Tal des Gehorchens zu der Höhe seines Gebietens gelangt? „Wiewohl er Gottes Sohn war, hat er doch an dem, dass er litt, Gehorsam gelernt“ (Heb. 5.8), und „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist“ (Phil. 2,8). Wer aber kann sagen: Ich habe das Gehorchen mit Ernst gelernt, ich habe, wo es Not tat, meinen Willen immer unter den Willen Gottes und der Menschen gebeugt, ich habe immer meine eigene Lust bekämpft, meinen eigenen Trotz bezwungen, in der Selbstverleugnung mich geübt? Wie nun, wenn uns so die Freudigkeit zu gebieten fehlt, sollen wir dann das Gebieten lassen? O nein!, Das könnten und dürften wir oft ja nicht. Aber das sollen wir tun, was wir überall tun sollen, wenn uns Freudigkeit fehlt: zu dem uns flüchten, der eben solchen Weg des Gehorsams und der Selbsterniedrigung für uns gegangen ist, und Gott bitten, dass er um dessen willen uns allen Mangel an eigener Gerechtigkeit und alle Sünde vergebe und trotz all' unsrer Sünde uns gnädig sei.
Sie kann aber noch wo anders her stammen, die Scheu zu gebieten. Wir wollen zu gern den Menschen gefallen, oft bestimmten Menschen; mit unserem Gebieten aber fürchten wir, ihr Missfallen zu erregen. Ist das der Grund unsrer Scheu, wie sollen wir dann auch da anders, als in Christo, Freudigkeit zu gebieten haben? Er allein vermag das verkehrte, menschengefällige Herz aus unserem Herzen zu nehmen, er allein uns zu geben, dass wir ihm gefallen wollen, und dass wir auf alles Wohlgefallen der Menschen verzichten, wenn wir ihm dabei nicht gefallen können. Und endlich, liegt die Scheu zu gebieten in unsrer besonderen blöden Natur, mit seiner Hilfe können wir auch unsere besondere Natur überwinden lernen, und gelingt es uns oft, gerade das, was uns nach unsrer besonderen Natur am schwersten wird, mit der größten Freudigkeit zu tun.
Indes, wiewohl der Apostel große Freudigkeit in Christo hat, dem Philemon zu gebieten, will er doch um der Liebe willen nur ermahnen. Liebe vor Recht, Liebe sogar vor großer Freudigkeit, das Recht zu üben! Das ist der Sinn des Apostels. Er hat das Recht, dem Freunde zu gebieten, er hat große Freudigkeit in Christo, das zu tun, aber um der Liebe willen, nämlich der Liebe, die der Freund hat, und die der Apostel selbst zu üben bemüht ist, die aber im Grunde die Liebe Christi ist, verzichtet er darauf, von seinem Recht Gebrauch zu machen, und lässt das bittende Ermahnen an Stelle des Gebietens treten, von seinem Freunde nur durch die Liebe zu erlangen, was er nach dem Rechte von ihm fordern könnte. Wo hat der Apostel das gelernt? In der Schule seines Gottes selbst. Hat nicht auch Gott ein Recht, uns zu gebieten, und hat er um der Liebe willen nicht auf die Ausübung dieses Rechtes verzichtet? Hat er nicht Liebe vor Recht ergehen lassen, da er seinen Sohn zur Erlösung für uns gesandt hat, und vermahnt uns nun bittend, sein Wort anzunehmen, anstatt es uns zu gebieten? Wie sagt doch der Apostel in seinem zweiten Briefe an die Korinther (5,19 ff)? Gott war in Christo und versöhnt die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu, und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt und Gott ermahnt durch uns, so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Ja, da in Christo hat Gott selbst um der Liebe willen das bittende Ermahnen an Stelle des Gebietens gesetzt, und da hat auch der Apostel das bittende Ermahnen um der Liebe willen an Stelle des Gebietens gelernt.
Wollen wir nicht auch so lernen? Sollen wir es nicht? Ein Recht, ja das haben wir in manchen Verhältnissen, zu gebieten. Aber für den Christen gibt es ein Höheres, als das Recht, das ist die Liebe. (Vgl. Matth. 5,38 ff.) Um der Liebe willen ach, wie Not tut es uns, dass wir um der Liebe willen recht viel tun oder lassen! Es rächt sich so schwer, wenn wir die Liebe versäumen, es straft sich so furchtbar am eigenen Gewissen, viel furchtbarer oft, als wir vorher es uns denken. Nicht, dass wir durchaus das Recht der Liebe opfern sollten, dass wir immer an Stelle des Gebietens das bittende Ermahnen setzen müssten. Das Recht muss sein, das Gesetz darf neben dem Evangelium nicht fehlen. Der Apostel selbst hat auf sein Recht bestanden, als er in Philippi, unschuldig verurteilt, forderte, dass die Hauptleute, die ihn ins Gefängnis gesetzt hatten, selber kämen und ihn herausführten (Apostelgesch. 16). Auch das Gebieten muss sein, Autorität muss sein. Der Mensch ist zu schlecht, zu schwach, zu verkehrt, um der gebietenden Macht über sich entbehren zu können. Wohin sollte es führen, wenn Eltern ihren Kindern, Herrschaften ihren Dienstboten, Vorgesetzte ihren Untergebenen nicht mehr gebieten wollten. Die Welt besteht durch Gebieten und Gehorchen. Ja, es gibt Fälle, in denen das Recht zu gebieten geradezu zur Pflicht wird, Fälle in der Erziehung z. B., wo der Christ sich sagen muss: hier darf ich, auch wenn ich es möchte und könnte, dem Belieben des Kindes es nicht überlassen, hier muss es gehorchen. Das Kind muss zu seinem Heile gehorchen lernen. Darum darf ich in diesem Falle nicht vom Gebieten abgehen. Ob das Kind an einem ihm zugedachten Vergnügen teilnehmen will oder nicht, das kann ich vielleicht seiner Wahl anheimstellen, dass es aber die ihm aufgegebene Arbeit mache, oder dass es Anderen ein Vergnügen durch seinen Eigensinn nicht störe, das muss ich von ihm fordern.
Dennoch, der Christ soll bei allem Recht und bei aller Pflicht nie die Liebe außer Augen lassen. Er soll sehen, wo er von der Regel eine Ausnahme machen, an Stelle des Gebietens das Bitten und Ermahnen eintreten lassen könne. So lange er irgend mit letzterem auskommen kann, soll er dieses anstatt des Gebietens anwenden. Insbesondere sollen, wenn ein Apostel wie Paulus sich so freundlich bescheidet, wir Prediger nicht meinen, dass wir uns etwas vergeben, wenn wir in unserem Amte von diesem Bitten und Ermahnen fleißig Gebrauch machen. (2. Kor. 1,24. 1. Petr. 5,3.)
Wir meinen, dabei zu verlieren, wenn wir mehr bitten, als gebieten? Gott lehrt uns, dass wir dabei gewinnen. Zwar irdische Vorteile gewinnen wir vielleicht nicht dabei. Geld zu gewinnen, Macht zu gewinnen, Ehre und Ansehen zu gewinnen, dazu ist das Recht geeigneter, als die Liebe, das Gebieten förderlicher, als das Bitten und Ermahnen. Aber es gibt höhere, als die bloßen irdischen Vorteile. Der Mensch hat ein Herz, das wirst Du gewinnen. Dein Nächster hat eine unsterbliche Seele, die wirst Du vielleicht retten. Liebe, bittendes Ermahnen in der Liebe, lockt das Gute im Menschen hervor, das Gute, das edlere Teil, auch in dem verkommensten Menschen. Der Schächer am Kreuz beweist es uns, der den Herrn für seine Mörder bitten hörte, und alsbald, nachdem er vielleicht noch eben ihn verhöhnt hatte, sich zu ihm wandte und sprach: „Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst!“, der Schulmeister, von dem so schön erzählt wird (Funcke, Reisebilder 2), dass er den hochmütigen Landrat, von dem er am meisten seiner Frömmigkeit wegen verspottet worden war, als derselbe in selbstverschuldetes Elend geraten war, in sein Haus aufnahm und den erst noch Trotzenden endlich durch seine unermüdete liebevolle Behandlung überwand. Und wer beweist es nicht? Wir bedürfen keiner einzelnen Beispiele. Ein jeder beweist es, dem die Liebe Gottes in Christo, sein bittendes Ermahnen um Buße und Glaube und Rettung der Seele zu Herzen gegangen ist. Die ganze Welt lässt es uns sehen, soweit sie unter dem Einfluss des Evangeliums durch Gottes Geist erneuert und geheiligt ist.
So groß auch euer Recht, so ernst eure Pflicht: „Seid niemand nichts schuldig, denn dass ihr euch untereinander liebet!“ (Röm. 13,8) „Denn das da gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen, Du sollst nicht töten, Du sollst nicht stehlen, Du sollst nicht falsch Zeugnis geben, Dich soll nichts gelüsten, und so ein ander Gebot mehr ist, das wird in diesem Wort verfasset: Du sollst Deinen Nächsten lieben als Dich selbst.“ „Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung.“ Auch, wenn ihr euer Recht verfolgt und eure Pflicht übt, vergesst nicht, es in der Liebe zu tun! Gott sieht auf euch; seiner Liebe verdankt ihr euere Seligkeit.
„Herz und Herz vereint zusammen
Sucht in Gottes Herzen Ruh,
Lasset eure Liebesflammen
Lodern auf den Heiland zu!
Er das Haupt, und wir die Glieder,
Er das Licht, und wir der Schein,
Er der Meister, wir die Brüder,
Er ist unser, wir sind sein!“
Der ich ein solcher bin, nämlich ein alter Paulus, nun aber auch ein Gebundener Jesu Christi, setzt der Apostel zu seinem: Wiewohl ich habe große Freudigkeit in Christo Dir zu gebieten, was Dir ziemt, so will ich doch um der Liebe willen nur ermahnen, noch hinzu. Wozu das? Um zu sagen: Desto mehr will ich mich darauf beschränken, um der Liebe willen nur zu ermahnen, weil das liebevolle bittende Ermahnen dem Alter und dem Zustande der Gebundenheit mehr ansteht, als das Gebieten? Vielleicht ist es ähnlich, wie 1. Kor. 7, wo der Apostel sagt, er wolle keinen Zwang daraus machen - er habe darüber kein Gebot des Herrn nur nach seiner Meinung sei eine Frau seliger, wenn sie nach dem Tode ihres Mannes ledig bleibe, dann aber durch den Zusatz: „Ich halte aber, ich habe auch den Geist Gottes,“ dem Missverständnis wehrt, als habe man nicht nötig, auf seine Meinung Wert zu legen. Jedenfalls will er durch den Hinweis auf sein Alter und den Zustand seiner Gebundenheit das Gewicht seiner Worte verstärken und das Herz des Philemon rühren, dem in dem Briefe enthaltenen Anliegen ein desto geneigteres Ohr zu schenken. Steht uns bei unserem Anliegen weder ein Gewicht wie das des Alters noch wie das der Gebundenheit und Gefangenschaft um des Evangeliums willen zur Seite, so sollen wir umso mehr die Liebe geltend machen, die in Christo uns und unseren Nächsten verbindet, und umso ernstlicher mit dem Sänger des Liedes bitten:
Liebe, Du hast es geboten,
Dass man Liebe üben soll.
O so mache doch die toten,
Trägen Herzen lebensvoll!
Zünde an die Liebesflamme,
Dass ein jeder sehen kann,
Wir, als die von Einem Stamme,
Stehen auch für Einen Mann!
Amen.