Petersen, Eginhard Friedrich – Philemon - 2. Wie Paulus seine Freunde grüßt.

Petersen, Eginhard Friedrich – Philemon - 2. Wie Paulus seine Freunde grüßt.

V. 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesu Christo!

Wer diesen Brief an Philemon schreibt - Paulus, der Gebundene Christi Jesu, zugleich im Namen seines Mitarbeiters Timotheus, des Bruders, und an wen er schreibt an Philemon, den Lieben und Gehilfen, indem er zugleich namentlich der Appia, der Lieben, der Frau des Freundes, und des Archippus, des Streitgenossen, sowie der Gemeinde, im Hause des Philemon gedenkt das zeigte uns die erste Betrachtung. Nun folgt der Gruß. Auch diesen stellte man im Altertum voran, während wir ihn an den Schluss des Briefes zu setzen pflegen. Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesu Christo! lautet der Gruß, nicht anders, als in den sonstigen Briefen des Apostels, obgleich, wie wir sehen, der Brief an Philemon nur ein Privatbrief ist. Der Apostel Paulus redet nicht anders im Leben, als im Amt. Es besteht keine Kluft zwischen seinem Amtsleben und seinem Privatleben. Er führt in seinem Privatleben keine andere Sprache, er hegt da noch weniger einen anderen Sinn. Er ist derselbe hier wie dort. Überall die gleiche Gewissenhaftigkeit und Treue, der gleiche Glaube, die gleiche Liebe. Er bemüht sich, in Allem nur seinem Gott und Heilande zu gefallen und seinem Gott und Heiland in den Menschen zu dienen. Nirgends ist in seinem Leben eine Stelle zu finden, in die man ihm nicht hineinsehen könnte. Klar und wahr liegt sein Privatleben wie sein Amtsleben vor aller Augen da. Davon können wir lernen. Wie oft ist es bei uns doch anders! Wie viele machen in ihrem Privatleben und in ihrem Amtsleben einen merklichen Unterschied, sind in diesem ernst, zuverlässig, strenge, in jenem leicht, seicht, ungeordnet, im Amtsleben fromm, im Privatleben gottlos. Wir selbst, wenn wir einmal darauf achten, wie anders reden wir oft in unserem Privatleben, als in unserem Amtsleben ich denke an Lehrer, an Erzieher, an Diener des Wortes Gottes wie ernst und heilig hier, wie leicht und unheilig dort! Und unser Reden ist ja nur ein Ausfluss unseres Denkens, und Reden und Denken sind nur Begleiter der Tat! Das kann, das darf doch nicht neben einander bestehen. „Geht auch aus Einem Munde loben und fluchen? Quillt auch aus Einem Loche süß und bitter?“ (Jak. 3,10 ff.) Das ist ein Schade für unsere Seele. Es ist ein Beweis, dass wir selber mit uns im Zwiespalt sind, dass unser Herz geteilt ist zwischen Welt und Gott. Das ist zum Verderben für unser Wirken. Kann auch ein Tun im Amte Segen bringen, welches wir mit unserem Leben verleugnen? Stoßen wir das Gute dort nicht wieder um mit dem Bösen, was wir hier verrichten? Ist das Unheil, welches wir mit diesem Doppelwesen anrichten, nicht am Ende größer, als der Segen, den wir etwa mit unserem Amtstun stiften! Wie wollen wir mit solchem Doppelwesen einmal vor das Angesicht dessen treten, der vollkommen in sich einig und wahr ist, und der solche Einigkeit und Wahrheit auch von den Seinen fordert!

Also Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesu Christo! grüßt der Apostel seine Freunde, wie sonst seine Gemeinden. Wir könnten wohl, indem wir diesen Gruß vernehmen, geneigt sein, zu sprechen, wie Maria, die Mutter des Herrn, als der Engel des Herrn, der ihr die Geburt des Heilandes durch ihren Schoß verkündigen sollte, sie mit den Worten „Gegrüßt seist du Holdselige! Der Herr ist mit dir, du Gebenedeite unter den Weibern“ begrüßt hatte: „Welch' ein Gruß ist das!“ (Luk. 1, 29). Wie nichtssagend sind oft unsere Grüße, auch abgesehen davon, dass sie oft so gedankenlos in den Tag hinein gesprochen werden, so ganz nur aus Gewohnheit oder der Form zu genügen. Ein guten Tag!“, „gute Nacht!“, das ist oft alles. Da ist ein „Grüß' Gott!“ und „Behüt' dich Gott!“, womit man sich im Süden unseres Vaterlandes grüßt, doch noch schöner und besser, und selbst der griechische und römische Heide, vom Juden nicht zu reden, bediente sich inhaltreicherer Grüße.

Ein Gruß darf nicht als etwas Bedeutungsloses genommen werden. In der Art, wie wir grüßen, spricht sich die Art unseres Denkens, unsere Gesinnung und die größere oder geringere Tiefe unseres ganzen Wesens aus.

Freilich kann der schönste inhaltreichste Gruß zur leeren Form und Phrase werden, und je schöner und inhaltreicher er ist, desto schlimmer ist es, wenn er zur Form und Phrase wird. Aber warum muss er denn zur Form und Phrase werden? Legen wir doch mehr hinein in unser Grüßen! Legen wir unser Herz, unsere Liebe hinein! Wie segensreich könnte ein solches Grüßen sein! Wie wohltuend, wie tröstend, wie herzerquickend! Vor allem grüßen wir einander, wenn nicht in Worten, so doch im Geist der Liebe Christi! Wie manches Böse, was so leicht zwischen uns Menschen ersteht, könnte dadurch verhindert, wie manches Gute, was zwischen uns so leicht verloren geht, dadurch erhalten werden!

Der Apostel meint es mit seinem Gruße ernst. Wie er es sagt. so möchte er es seinen Lesern auch gegeben wissen, „ein Mann, ein Wort.“ Es ist ihm ein ganzer heiliger Ernst, wenn er schreibt: Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesu Christo!

Gnade ist das Erste, Friede das Zweite. Gnade ist der Boden, Friede die Frucht, die auf diesem Boden erwächst. Gnade ist, was Gott zum Leben in ihm uns schenkt, Friede, was wir auf Grund des von Gott uns zu solchem Leben Geschenkten genießen. Wer Gnade hat, bekommt auch Frieden, und wer Friede haben will, muss vor allem Gnade empfangen. Gnade, das ist im biblischem Sinne ein vielumfassendes gehaltreiches Wort. Es ist vor allem die Erfahrung, dass Gott uns trotz unsrer Sünde nicht verwirft, dass er uns unsere Sünden vergibt, dass er gerade um unserer Sünde willen mit uns Mitleid und Erbarmen hat. Aber es ist noch mehr.

Es ist auch das Wohlgefallen, mit welchem Gott uns als seine Kinder ansieht und auf unser Tun blickt; es ist alle Kraft, die uns zu einem gottwohlgefälligen Leben und Wandel geschenkt wird, aller Segen, der von oben unser Tun und Werk begleitet. Was Gnade nach der Schrift ist, das geht demnach tief in unser ganzes Leben hinein. Wenn ihr Dienenden, um mit dem Apostel zu reden, (1. Petr. 2,20) „um Wohltat willen leidet und erduldet“, d. h. stille seid und das Euere tut, auch wo euch von euren Herrschaften Unrecht geschieht, das ist Gnade bei Gott. Gnade ist es ebenso, wenn es Herrschaften und Vorgesetzten gegeben wird, ihre Untergebenen in deren Schwächen und Fehlern mit Geduld zu tragen, wenn es Jedem an seinem Platze gegeben wird, seine Last geduldig zu tragen. Gnade ist es, wenn Einer die Gabe hat, das Wort Gottes in seiner tieferen Bedeutung zu erfassen und hinwiederum auch die Tiefen desselben anderen zu erschließen. Gnade ist es, wenn Jemand kindlich froh und zuversichtlich glauben kann, wenn er in täglicher Buße steht, wenn er ein Friedenskind ist, das Frieden hat und Frieden übt. Gnade ist es, wenn einem Menschen alles, was er anfasst, wohl gelingt, wie dem Joseph im Hause des Potiphar, und er selbst unter Gottes sichtbarem Segen an Leib und Geist gedeiht, wie der Jesusknabe, unser Herr und Heiland, an Leib und Geist gedieh. (Luk. 2,40.52.) Das alles und so, wie sie es, ein Jeder an seinem Teile, besonders brauchen, wünscht der Apostel seinen Lesern, wünscht er auch uns, wenn er schreibt: Gnade sei mit euch!

Und Friede! Auch das ist ein umfassendes inhaltschweres Wort. Es bedeutet einen Zustand allseitigen Wohlbefindens, da man gegen Feinde nach Innen und Außen geschützt ist und in seinem Eigentum, „unter seinem Weinstock und Feigenbaum“, sitzt und die Früchte, die Gott Einem beschert, mit Gott genießt. Wer Frieden hat, der spricht zu dem Herrn: „Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“ Er weiß wohl noch, dass er ein sündiger Mensch ist, aber er weiß auch, dass Gott ihm seine Sünde vergibt. Er leidet wohl noch Not und Ungemach, aber er getröstet sich auch der Hilfe und Gnade des Herrn. Er hat nicht immer Ruhe, aber Stille; er hat Sorge und Mühe, Arbeit und Kampf, aber er empfindet Freude. „Ihn stört kein Weltgetümmel, sein Geist hebt sich zum Himmel.“ Und der Himmel lässt sich zu ihm herab. Er fühlt keine Bitterkeit, keine Feindschaft und Rache. Wird er gekränkt, so verschmerzt er es; wird er angegriffen, so hält er Stand. Nervenschwachheit lernt er überwinden, aufkommender Verstimmungen wird er Herr, unlautere Lüste rühren ihn nicht an. Friede ist wie ein See, in welchem sich die Sonne Gottes spiegelt, aber auch wie ein Wall, der alles Böse schützend fern hält. Kein größeres Gut, kein höheres Glück, als Friede. Die Reichsten, die Gesündesten, die Angesehensten sind arm, wenn ihnen Friede fehlt, die Ärmsten, Kränksten und Niedrigsten reich, wenn sie ihn besitzen. Friede! ist der tiefste Ruf der Menschenseele. Wir wissen es oft nicht, wir verstehen es nicht, aber was uns hintreibt auf den Weg unseres Lebens, dass wir Arbeit, Vergnügen, Freude, Genuss und Ehre suchen, das ist im Grunde das Verlangen nach Frieden. Selbst in der verirrtesten Gestalt, wenn der Mensch sich in Befriedigung seiner Lüste ergeht, wenn er dem Irrlicht menschlicher Afterweisheit folgt, wenn er sich in den Taumel wilder Freiheit stürzt, es ist doch im Grunde, ihm selber unbewusst, der Drang nach Frieden. Mit diesem Gruß des Friedens sollen wir Christen, wir Prediger des Evangeliums zumal, sei es mit ausdrücklichem Wort oder mit stillschweigendem Gedanken, zu den Menschen in die Häuser treten, und wo ein Kind des Friedens ist, da wird nach der Verheißung des Herrn unser Friede auf ihm beruhen; wo aber nicht, so wird sich unser Friede wieder zu uns wenden. (Luk. 10,5.6.)

Gnade wünscht der Apostel seinen Lesern und Friede, aber Gnade und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesu Christo. Gott dass er ist, wird nirgends in der Schrift gelehrt; überall wird es als etwas, was sich von selbst versteht, vorausgesetzt. Nur bezeugt wird von ihm, was er tut und getan hat von Anfang an. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (1. Mose 1,1) beginnt die Bibel. Aber die, welche an keinen Gott glauben, werden Toren genannt. „Die Toren sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott.“ (Ps. 14.1.) Ebenso selbstverständlich wünscht der Apostel seinen Lesern Gnade und Friede von Gott. Denn was anders ist Gnade, wie sie unser Leben schirmend, segnend, heiligend frönt, als eine Gabe von Gott! Kein Mensch kann sie sich geben, kein Mensch sie sich selber nehmen. Und zwar eine Gabe von Gott unserem Vater ist sie, d. h. von dem, welcher in Christo unser Vater ist, weil er in Christo das Werk der Versöhnung der Welt mit sich selber vollbracht hat, und von dem Herrn Jesu Christo weil durch Jesus Christus alle Gnadenmitteilung Gottes an uns vermittelt ist. Wie könnten wir anders, als von diesem Gott und diesem Herrn Gnade empfangen, wir sündigen Menschen? Wir können doch nicht selbst uns mit Gott versöhnen, nicht selber unsere Sünde sühnen, nicht aus uns selber göttliche Kraft und göttlichen Segen schaffen. Und ebenso Friede, was ist er anders, als eine Gabe desselben Gottes und desselben Herrn? Wer Friede haben will, der muss vorerst befriedigt werden. Von selbst hat kein Mensch Friede, es sei denn ein erträumter, ein falscher Friede. Befriedigt aber, wahrhaft befriedigt, wird der Mensch nur, wenn die Unruhe seines Gewissens gestillt, und das Bedürfnis seines Herzens nach Gerechtigkeit, Wahrheit und Leben erfüllt wird, und hinwiederum die Unruhe des Gewissens wird nur dadurch gestillt, dass wir Vergebung unsrer Sünden bei Gott erlangen, das Bedürfnis unseres Herzens nach Gerechtigkeit, Wahrheit und Leben nur dadurch erfüllt, dass wir die Gerechtigkeit, die Wahrheit und das Leben, die im Evangelium geoffenbart sind, finden. Friede kann darum, ebenso wie Gnade, in Wahrheit nur mit dem sein, der seine Sünde und seine innere Armut in ernstlicher Buße erkannt hat und im Glauben an Christus seines Heils bei Gott gewiss geworden ist. Indem darum der Apostel seinen Lesern Gnade und Friede von Gott und dem Herrn Christus wünscht, wünscht er ihnen damit auch, dass sie in der Buße erhalten werden und im Glauben bestehen, und wenn wir uns den Wunsch des Apostels für uns selber aneignen wollen, müssen wir uns auch auf den Weg der Buße und des Glaubens weisen lassen und uns prüfen, ob es mit unsrer Buße und mit unserem Glauben recht bestellt ist. Du aber, Herr unser Gott und Heiland, lass den Gruß Deines Apostels uns ins Herz geschrieben sein! Grüße uns selbst mit solcher Gnade und solchem Frieden! Hilf uns, dass wir in aufrichtiger Buße und in lebendigem Glauben verharren! „Erforsche uns, Gott, und erfahre unser Herz, prüfe uns und erfahre, wie wir es meinen, und siehe, ob wir auf bösem Wege sind, und leite uns auf ewigem Wege!“ Hilf uns auch, dass wir im Geist auch einander grüßen, wie dein Apostel seine Freunde grüßt! Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/p/petersen/philemon/petersen-philemon_-_ii.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain