Palmié, Friedrich - Das heilige Vaterunser - VI. Die fünfte Bitte.
Predigt, gehalten am Sonntag Quasimodogeniti 1887.
Matthäi 6, Vers 12: Und vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unseren Schuldigern.
In die Brotkammer unsers himmlischen Vaters, daraus er mit unendlicher Liebe alle die Millionen lebender Wesen hienieden speist und tränkt und kleidet, hatte uns die vierte Bitte des heiligen Vaterunsers geführt. Auch wir durften aus der unermesslichen Fülle dieser Gottesgaben alles nehmen, was wir zu unseres Leibes Nahrung und Notdurft gebrauchten; ja über Bitten und Verstehen hat so manchem unter uns unser Gott wohl ein voll gerüttelt und geschüttelt Maß in den Schoß gegeben, und uns damit gemahnt zum Loben und Danken gegen ihn, der sich erbarmet wie ein Vater über seine Kinder.
Mit leiblichen und geistigen Gütern reich gesegnet, treten wir aus der Brotkammer unsers Gottes heraus. Da fällt unser Blick auf ein Wort, das uns mit Flammenschrift entgegenleuchtet: bezahle deine Schulden - das Danklied verstummt, das Loben will nicht mehr über unsere Lippen. Warum nicht? Weil in uns plötzlich klagende und verklagende Stimmen laut werden, die uns der Undankbarkeit, des Ungehorsams, des Abfalls von dem zeihen, der uns mit den Beweisen seiner Liebe überschüttet hat. Das ist die Bedeutung der fünften Bitte im heiligen Vaterunser.
Sie erinnert uns an die Größe unserer Schuld,
Sie zeigt uns unsres Gottes Huld und
Mahnt uns gegen unseren Nächsten zur Geduld!
Sie erinnert uns an die Größe unserer Schuld.
Vergib uns unsere Schulden, das ist die stille Beichte, mit der zunächst ein jeder von uns für sich und seine Sünde täglich zu dem Gnadenstuhl Gottes treten und bitten soll, dass der Vater im Himmel nicht ansehen wolle unsere Sünde und um derselben willen solche Bitte uns nicht versagen wolle, ob wir gleich täglich viel sündigen und wohl eitel Strafe verdienen. So wird diese Bitte zugleich der Prüfstein, ob dein Glaube echt und recht, ob dein Verhältnis zu deinem Gott klar und wahr sei. Seiner Heiligkeit gegenüber musst du deiner Sünde, seiner Liebe gegenüber deiner Lieblosigkeit dir bewusst werden; es muss dir klar werden, dass alle deine guten Werke, ein bürgerlich unbescholtenes Leben, ein äußerliches Christentum nicht genügen, um dir den Himmel und die Seligkeit zu sichern, dass du von dir selbst und aus dir selbst nichts weiter bist und bleibst als ein armer, verlorener Sünder, der nichts fordern, nur bitten und seufzen kann: vergib mir meine Schuld.
Die evangelische Bitte hat man darum auch im besonderen diese Bitte genannt, weil ihr Inhalt das eine Hauptstück der Reformation ausmacht: so halten wir nun, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Sie führt uns im Sinne und Geist des Evangeliums zunächst in die Tiefen menschlicher Ohnmacht und Schwachheit, sie nimmt unerbittlich alles das hinweg, was wir vielleicht als Schleier über unsere Sündhaftigkeit decken, womit wir unser sündiges Tun vor Gott, vor der Welt, vor uns selbst entschuldigen möchten. Dunkle Stunden, hässliche Flecken, verklagende Stimmen, die wir so gern aus unserem Leben getilgt sähen, deckt sie vor unserem geistigen Auge auf.
Besinne dich! Warum kannst du an jenem Hause nicht vorübergehen, ohne die Augen niederzuschlagen? Warum nicht jenem Menschen begegnen, ohne zu erröten? Warum nicht an jene Stunde denken, ohne dass eine innere Angst und Unruhe über dich kommt?
Besinne dich! Wenn die Stimme des Versuchers auch Entschuldigungen jeder Art für dich und deine Sünde bereit hält, wenn kein Mensch von deiner geheimen Sünde etwas wüsste und ahnte, Einer weiß sie und kennt sie und liest in deinem Herzen wie in einem aufgeschlagenen Buche! Menschengericht magst du entfliehen, seinem Gerichte nimmer! Menschen magst du belügen und betrügen, ihn nimmermehr! Was fragst du noch, was trotzt du noch, was zweifelst du noch? In den Staub mit dir, du armes, sündiges Menschenkind! Bei Gott gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünde zu vergeben! Darum bitte, kämpfe, ringe um diese Gnade: vergib mir meine Schuld!
Aber nun beten wir: vergib uns unsere Schulden! Nicht an die eigene Sünde allein, die dich zu Boden drückt, sollst du denken bei dieser Bitte, nein, an die Gesamtsumme der Schuld, die auf deinem Volke, der Christenheit, der ganzen Welt wie eine erdrückende Zentnerlast liegt, an der du durch deine Sünde die Mitschuld trägst. Die vollen Zuchthäuser und die überfüllten Rettungshäuser, die unnatürlichen Verbrechen und Freveltaten, die sich von Tag zu Tag häufen, der Abfall der großen Volksmassen vom Glauben, das Sichauflehnen gegen jede Ordnung, der tiefe Verfall der Sitten und dabei das geheime innere Grauen vor den kommenden Strafgerichten, das alles mahnt dich, mahnt das Geschlecht dieser Tage zum täglichen Kyrie Eleison, Herr erbarme dich! Vergib uns unsre Schulden!
Aber dasselbe Wort zeigt uns auch unsers Gottes Huld.
Sein eingeborener Sohn war's, der seinen Jüngern diese Bitte in das Herz und auf die Lippen gelegt hat; wenn ihr betet, sollt ihr sprechen: Vater unser, der du bist im Himmel, vergib uns unsere Schulden - und versiegelt hat er uns die Erhörung dieser Bitte in jener heiligen Erlösungsstunde, da er am Kreuze für seine Feinde betete: Vater, vergib ihnen, da er dem bußfertigen Schächer die Tore des Paradieses öffnete: wahrlich, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein. Vergib uns unsere Schulden! Aus Sündennot und Sündenelend klingt der Ruf zum Himmel empor, und dort am Throne des Vaters nimmt ein heiliger Mund dieses „vergib“ wieder auf und macht es zu einem: „Vater, vergib ihnen“ keine Jungfrau Maria, kein Apostel und kein Märtyrer, der einige und alleinige Hohepriester und Mittler des neuen Bundes, Jesus Christus, Gottes Sohn selbst ist unser Fürsprecher und Fürbitter, er, der alle unsere Schulden auf sich genommen und auf ewig durch sein Leiden und Sterben gesühnt hat! Glaub's nur einmal, ergreife nur einmal dieses Verdienst deines Heilandes wie unermesslich groß muss unsers Gottes Liebe gegen uns sein, dass er seines eigenen Sohnes nicht verschont hat, wie groß unsers Heilandes Erbarmen mit unserer Schwachheit, dass er täglich für dieselbe bittet bei dem heiligen und gerechten Gott. Liebe Freunde! Je öfter wir solcher Liebe nachsinnen, je mehr wir uns in dies Geheimnis der fünften Bitte versenken, umso mehr werden wir verstehen, dass Gottes Wege, die er mit uns geht, nicht ins Gericht, sondern zu jener Freistatt führen, da auch für uns eine ewige Erlösung erfunden! Glaubst du das?
Wir alle kennen das köstliche Bild, das unsers Heilandes Meisterhand zu dieser Bitte gezeichnet hat in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, der sein väterliches Erbe in der Fremde mit Prassen durchgebracht, der alles verloren hat, nur eins nicht, den Glauben an das Erbarmen seines Vaters. Und dieser letzte Rest von dem Reichtum der Güte, die er einst aus dem Vaterhause mitgenommen, der führt das verlorene Kind wieder heim, wenn auch nur mit dem Gedanken, dort hinfort als Knecht zu dienen, wo es einst als Kind des Hauses geherrscht. Der Vater aber nimmt das Kind in Gnaden wieder an und veranstaltet ein groß Freudenmahl.
Was will das Gleichnis uns lehren? Den evangelischen Gnadenweg der Erlösung und Wiedergeburt, den jeder einzelne Mensch gehen muss, den Weg, der mit dem Kyrie Eleison der fünften Bitte beginnt und mit dem Halleluja des dritten Artikels: „ich glaube an eine Vergebung der Sünden“ endigt. Wir müssen abnehmen, damit Christus in uns wachse, wir müssen uns der Größe unserer Schuld bewusst werden, damit wir die Größe seiner Gnade recht empfinden, wir müssen auch an uns einen Karfreitag erleben, an dem wir den alten Menschen mit seinen Sünden und Lüsten ans Kreuz schlagen, dann folgt auch für uns ein selig Ostern, ein Auferstehen zu einem neuen Leben in Unschuld und Gerechtigkeit.
Und auf diese Frucht der rechten Buße, auf dieses neue Leben in heiliger Liebe weist uns der zweite Teil der fünften Bitte hin: wie wir vergeben unseren Schuldigern. Das Wahrzeichen unserer Sündenvergebung und Gotteskindschaft hat Dr. Martin Luther diese Worte der Bitte genannt; in ihrer Erfüllung liegt für uns selbst die innere Gewissheit, dass wir der Vergebung unserer Sünden teilhaftig geworden sind, die Welt aber soll daran erkennen, dass wir Jesu Jünger und Gottes Kinder sind; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.
Ein wunderbares Wort ist's, wie wir vergeben unseren Schuldigern.
Der alte natürliche Mensch redet nicht so, sein Wahlspruch lautet: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nur wer an sich und seinem Herzen die Größe der Liebe Gottes in der Vergebung seiner Sünde erfahren, nur wer selbst die Seligkeit gekostet, die in der Gewissheit liegt, ich bin im Frieden mit meinem Vater, nur wer von seinem Heilande und an seinem Heilande gelernt hat, dass das höchste, weil seligste Glück nicht im Nehmen, sondern im Geben besteht, in jenem Sichselbsthingeben und Opfern für die Brüder, nur der wird auch gegen seinen Nächsten die Geduld üben, die sich durch nichts erbittern lässt, sondern in allen Fällen den Nächsten entschuldigt, Gutes von ihm redet und Alles zum Besten kehrt. Das Wahrzeichen des lebendigen Christentums ist die Liebe, nicht jene, die mit Ausnahmen liebt, nicht eine solche, die unter den bitteren Erfahrungen der Undankbarkeit ermattet und nachlässt, sondern jene, die Alles, auch das Leben geben kann um deswillen, der sein Leben für uns Alle in den Tod gegeben.
Liebe Brüder! Welche Bedeutung gewinnen doch diese Worte in einer Zeit, die sich abmüht, ein Radikalmittel zu finden für die mancherlei Schäden des Leibes und der Seele, an denen die Menschheit in den verschiedenen Ordnungen und Ständen krankt. Hier ist das Heilmittel für alle äußeren und inneren Gebrechen: wie wir vergeben unseren Schuldigern! Schafft dem Evangelio von der Gottes- und Menschenliebe freie Bahn in unserem Geschlecht, löset die Fesseln, in denen die Glaubens- und Liebeskräfte der evangelischen Kirche gehalten werden, ihr alle, die ihr Jesu Namen tragt, werdet ihr vor allem wahre Jünger und Nachfolger eures Heilandes darin, dass euer ganzes Denken, Fühlen, Wollen von heiliger Liebe regiert und verklärt wird! Unser Glaube war der Sieg, der die alte Welt einst überwunden, unsere Liebe ist der Sieg, der diese neue, unsere Zeit überwinden wird. Nun bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe: diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen! Amen.