Palmié, Friedrich - Das heilige Vaterunser - I. Die Anrede.
Predigt, gehalten am 3. Advent 1886.
Matthäi 6, Vers 9: Vater unser, der du bist im Himmel.
In den kommenden Predigten soll - so Gott mir Kraft und Leben gibt die Rede sein von dem allerbekanntesten, heiligsten und seligsten Troste, den wir auf Erden haben, von einem treuen Freunde, der uns hier unten von der Wiege bis zum Grabe begleitet, mit dem wir täglich wohl verkehren, ohne uns des vollen Segens, den wir in seinem Besitz haben, ganz bewusst zu werden, von dem großen, gemeinsamen Bande, welches die ganze Christenheit aller Zungen und Zeiten umfasst, von der Himmelsleiter, auf deren sieben Stufen wir bis zu dem Throne des Allmächtigen in der Höhe hinaufsteigen können, um Gottes Gnade für uns und unser armes Leben herabzuholen, von dem Gebete aller Gebete, das doch so oft hienieden die Märtyrerkrone tragen muss: vom heiligen Vaterunser.
Jedes Wort in ihm hat seine besondere Bedeutung. Sein äußerer Aufbau wie sein innerer Zusammenhang ist ein Meisterwerk, wie es nur der schaffen konnte, aus dessen Liebe einst die ganze Welt mit ihren wunderbaren Ordnungen hervorgegangen ist. Auf der höchsten Höhe, beim Vater im Himmel, fängt es an; es steigt herab in die Erdennot des ärmsten Menschen mit der Bitte um das Stückchen täglichen Brotes, dessen er zum Leben bedarf; es geht hindurch durch alle Mühen und Sünden und Versuchungen dieses Lebens, um uns zuletzt wieder zu dem Ausgange zurückzuführen, in das Reich, in dem es keine Sünde und kein Seufzen und keinen Tod mehr gibt, in dem alle Bitten und Gebete sich in das ewige Halleluja begnadigter, erlöster Gotteskinder wandeln.
Für jede Lebenslage, jeden Lebensstand passt es; für jede Gemütsstimmung, jede Freude, jeden Schmerz hat es einen Ausdruck. Kein Gut Himmels und der Erden, das es nicht betend suchte, kein Trost, den es dem Suchenden nicht gewährte. Es gleicht, wie Spangenberg, der Bischof der Brüdergemeinde, sagt, einem großen gewaltigen Königsschloss mit unzähligen Sälen und Kammern: die Anrede das Portal, die erste Bitte die Schlosskapelle mit dem Heilig, heilig, heilig der Seraphine und Cherubine, die zweite der große Thron- und Audienzsaal, in dem die Völker des Gottesreiches sich sammeln, die dritte das Konferenz- und Rats-Zimmer, die vierte die Brotkammer, die fünfte die Rentkammer, die sechste die Zeug- oder Rüst-Kammer, die siebente das Paradies, der schöne Garten der Ewigkeit.
Und dieses Schloss mit allen seinen Schätzen gehört nicht einem fremden, unnahbaren Herrn, sondern es gehört unserem Vater im Himmel und darum auch uns, seinen lieben Kindern auf Erden - das ist das selige Geheimnis, das uns die Anrede des heiligen Vaterunser schauen lässt, indem sie vor unseren Augen enthüllt:
unsers Glaubens Felsengrund,
unserer Liebe Segensbund,
unserer Hoffnung Ziel und Stund.
Vater - mit dem herrlichsten und tröstlichsten Namen, den wir Menschen hier auf Erden kennen, hebt das heilige Vaterunser an; an das köstlichste und seligste Verhältnis, in dem wir einst die Tage unserer Kindheit verlebt, will uns das Wort, so oft wir es sprechen, erinnern, an unseres irdischen Vaters treues Sorgen und unserer irdischen Mutter heißes Lieben; wie waren wir einst in ihm so selig Gott aber will uns damit locken, dass wir glauben sollen, Er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, auf dass wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater!
Unsers Glaubens Felsengrund ist darum dies eine, erste Wort im heiligen Vaterunser. Wo der Jude bebend „Herr“, und der Heide zitternd „Gott“ sagt, da darf der durch Jesum Christum erlöste Christ vertrauensvoll seine Hände heben und „Vater“ sprechen, seiner Liebe und seines Erbarmens allzeit gewiss durch den, der unser Fleisch und Blut angenommen hat und unser Freund und Bruder geworden ist, durch den eingeborenen Sohn Gottes selbst. Welche Zeit im ganzen Kirchenjahre könnte uns das gewaltiger und eindringlicher predigen als die heilige Adventszeit, in der wir stehen, als das heilige Weihnachtsfest, dem wir entgegengehen? Dort an der Krippe zu Bethlehem, da sollen wir verstehen und einsehen lernen die unermessliche Liebe dieses unsers rechten Vaters, dem sein eingeborener Sohn nicht zu teuer ist, sondern der ihn für uns hingibt, dass er uns armen und verlorenen Sündern die frohe Botschaft bringe, die allein das unruhige, zagende Herz zufrieden machen und mit hellem Troste erfüllen kann: dass wir trotz aller unserer Sünde und Schuld dennoch unsers himmlischen Vaters liebe Kinder sein sollen!
Du und ich - seine Kinder! Haben wir schon recht bedacht, welch eine Fülle von Trost und Seligkeit in dieser Gewissheit liegt? Kein König und kein Gewaltiger dieser Erde kann sich mit ihm messen an Hoheit und Herrlichkeit, mit ihm, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, und du bist sein Kind! Das ist ein Adelsbrief, gegen den alle irdischen Titel, Ämter und Würden eitel Tand und Flitter sind; er macht auch den ärmsten und geringsten unter uns, der an diesen Vater glaubt, zu einem Königssohn und einer Königstochter und stattet ihn aus mit Königswürden und Königsrechten, die bis in die Ewigkeit hineinreichen.
Und dieser dein königlicher Vater hat auch die Macht und den Reichtum, dich, sein Kind, königlich auszustatten mit ewigen, unvergänglichen Königsgütern und mit Königsschuh dich zu umgeben: sein ist die ganze Erde, und darum gehört sie auch uns, seinen Kindern; wir haben ein heiliges Kindesrecht an allem, was auf ihr ist, und seinen Engeln hat er Befehl gegeben über uns, dass sie uns auf den Händen tragen, damit wir unseren Fuß nicht an einen Stein stoßen. Wo unserer irdischen Eltern Treue und Sorge um uns enden, da hebt seine Treue und seine Sorge an,
„die ohne Ende hebt und trägt,
die in seinem Dienst sich üben!“
Und er ist der gütigste Vater, allzeit bereit, alle unsre Sünde und Übertretung allen Menschen zu vergeben, wenn sie nur mit rechter Reue und Buße zu ihm zurückkehren; er hätte keine größere Freude, als wenn alle verlorenen Kinder, satt der Träberkost dieser Welt, sich aufmachten, um heimzukehren in den Schutz und Frieden seines Vaterhauses.
Er ist der gütigste Vater, glaub es nur, auch dann, wenn er dir heiße Wünsche versagt, frohe Hoffnungen zerstört, die Geliebten deines Herzens nimmt was hier dir schwer und unbegreiflich schien, worüber du hier nach törichter Kinder Art gemurrt und geseufzt, glaub's nur, dafür wirst du einst im Lichte voller Erkenntnis am lautesten und fröhlichsten danken, weil du dann verstehen wirst, dass es Liebe, nichts als unaussprechliche Liebe war, welche durch solche Zucht dich hinziehen wollte zu ihm, deinem Vater!
Das erste Wort im heiligen Vaterunser ist der Felsengrund, auf dem unser Gebet sich ausbaut, das zweite zeigt uns den Segensbund christlicher Gemeinschaft in der Liebe. Vater unser sprichst du; ob du gleich im Gebete dein eignes Anliegen, deine eigene Sorge, dein eignes Leid hinträgst vor den Thron dessen, der dein Erlöser und Nothelfer ist, ob dir gleich dein Heiland selbst geboten hat, dass du in solchen Stunden, wo du dich mit deinem Gott bereden willst, dich abschließen sollst in deinem Kämmerlein, damit die Welt mit ihren tausend Gestalten und Bildern nicht störend und hemmend zwischen deinen Gott und dich trete, dennoch gebietet derselbe Heiland dir, nicht zu sagen mein Vater, sondern Vater unser, und ein herrlicher, tröstlicher Gedanke liegt für jeden Beter in diesem Wörtlein, der Gedanke, dass ich mit meinem Glauben, Lieben und Hoffen, das mich die Hände zum Gebet heben lässt, nicht allein dastehe in der großen, weiten Welt, sondern dass ich täglich, stündlich umgeben bin von einer großen Schar mitbetender Brüder, die in derselben Not, unter demselben Kreuz wie ich hier ringen und beten, die ganze streitende Kirche hienieden und die triumphierende im Himmel mit ihren Engeln, Aposteln, Märtyrern und Heiligen, ja mein alleiniger Mittler und Fürsprecher bei Gott, mein Heiland, sie alle beten mit mir für mich: „Vater unser“, und stärken mein glaubensarmes Herz und stützen meine gebetsmüden Hände, eine große Gemeinschaft aller Gotteskinder im Himmel und auf Erden.
In dem Wörtlein „unser“ liegt aber neben diesem Troste auch die Mahnung, für einander zu beten. Alle die, die unserem Herzen durch Bande des Blutes oder der Freundschaft nahe stehen, alle Gotteskinder, ja alle Menschen schließen wir mit diesem Wörtlein in unser Gebet ein: unser Haus, unsere Gemeinde, unsere Stadt, unseren König, unser Vaterland, die ganze Christenheit, ja selbst alles, was aus Juden- und Heidentum noch hineingerettet werden soll in die offenen Vaterarme unsers Gottes. Haben wir alle in Gott durch unseren Heiland einen Vater gefunden, so sollen wir bedenken, dass wir untereinander Brüder, weil Kinder desselben Vaterhauses sind, in dem alle leiden, wenn ein Glied des Hauses leidet. Könntest du's über dein Herz bringen, deinen leiblichen Bruder zu verstoßen, wenn er, sei's auch durch eigene Schuld, heut krank oder hungrig an deines Hauses Tür anklopfte? Würdest du dich versagen der Schwester, die in ihrer Not sich an dich wendet und Erbarmen von dir erhofft?
Und nun denke heut an alle die Tausende draußen in der großen Welt, an alle die Frierenden und Hungernden, die Siechen und Krüppel, die Verlorenen und Aufgegebenen, denke an die Witwen und Waisen, die Alten und Gebrechlichen - ach dass du einmal, nur einmal hineinsehen könntest in das Elend und die Not, die eine einzige Nacht auch in deiner Gemeinde zudeckt, das Herz würde dir in Liebe und Erbarmen brechen gegen alle deine sorgenden, verlorenen Brüder, mit denen dich der Segensbund des heiligen Vaterunsers verbunden, an die dich täglich aufs Neue das eine Wörtlein „unser“ erinnern soll. Der wahre Gottesdienst ist der, Witwen und Waisen in der Trübsal zu besuchen und sich von der Welt unbefleckt zu erhalten!
Vater unser, der du bist im Himmel - das ist das dritte Stück in der Anrede; es verbürgt uns nicht allein die Erhörung unserer Gebete durch den, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, es will uns auch daran erinnern, dass wir selbst uns noch auf der Wanderschaft befinden und dass unsere Heimat da ist, wo unser Vater ist, im Himmel. So oft wir das Vaterunser zu beten anheben, soll unsere Seele wie eine Lerche in die Lüfte steigen, der Heimat der Seele zu: „Die Heimat der Seele ist oben im Licht!“ Um wie vieles tröstlicher müssen sich in solcher Hoffnung die Führungen und Fügungen unseres irdischen Lebens gestalten, wie muss im Lichte solcher Hoffnung sich unser irdisches Leben füllen mit Ewigkeitsgehalt und Ewigkeitsglanz, der uns schon hienieden etwas ahnen lässt von der Herrlichkeit, die an uns soll offenbart werden. Wie wird in solcher Hoffnung unser Herz sich täglich sehnen nach Gemeinschaft und Verkehr mit dieser ewigen Heimat, wie wird es uns täglich treiben, aus der Unruhe und Vergänglichkeit dieses Lebens in die Stille zu flüchten, zu jenem Leben in Gott, jenem Hineinversenken in die Geheimnisse seines Wortes, welches der geheime Quell ist, aus dem uns stets neue Schaffensfreudigkeit und Schaffenskraft entspringt, wie leicht werden vor allen Dingen im Lichte dieser Hoffnung die Leiden und Trübsale dieser Zeit zu tragen sein, wir ahnen, dass sie nicht wert sein sollen der künftigen Herrlichkeit.
Das Alles gilt für unsere eigene Person, das gilt auch für die ganze Welt. In dieser heiligen Adventszeit, in der wir das gnadenreiche Kommen unsers Heilandes in unseren Herzen zurüsten, gedenken wir auch des zweiten und letzten Advents unsres Herrn am Ende der Tage.
Nicht ein Gerichtstag allein soll er sein nach der Schrift, sondern auch ein Tag höchster Gnaden, seligster Vollendung für Himmel und Erde, die sich an ihm erneuern werden zu einer Hütte Gottes bei den Menschen, in der Gott Alles in Allen sein wird.
Das ist das letzte, das höchste Ziel aller Christenhoffnung, das ist die selige Gnadenstunde, auf welche die Anrede des heiligen Vaterunsers hinweist, nach welcher die ganze Kreatur sich mit uns sehnt. Dann erst ist die Heimat und der Vater uns ganz wiedergegeben, dann, wenn durch Himmel und Erde nicht mehr glaubend und hoffend, nicht mehr bittend und flehend, sondern im Schauen von Angesicht zu Angesicht jauchzend und triumphierend der Lobgesang aller erlösten, seligen Gotteskinder klingen wird:
Vater unser, der du bist im Himmel!
Amen!