Oosterzee, Johannes Jakobus van - Das Brot des Lebens.

Oosterzee, Johannes Jakobus van - Das Brot des Lebens.

Predigt über Johannes 6, 48.

Gehalten zu Rotterdam 1851.

Johannes 6, 48.

Ich bin das Brot des Lebens.

Nie erfuhr das Israelitische Volk deutlicheren Beweis von Jehovas sichtbarer Sorge für seine irdischen Bedürfnisse, als im zweiten Monat nach dem Auszuge aus Ägypten. Die Kräfte von Hunderttausenden sind erschöpft durch die Mühseligkeiten der Reise; die Speisekörbe sind geleert und ausgeschüttet; die unermessliche Wüste droht eine unermessliche Grabstätte zu werden, - da ist's, als zerschmelze selbst der Himmel von Schmerz mit der beklagenswerten Schar. „Ich will für dieses Volk Brot vom Himmel regnen lassen“, so spricht Jehovah zu Mose und als am frühen Morgen der Nachtschleier von dem Lager weggehoben wird, liegt mit dem Tau das Manna auf den Boden gesät als Geschenk aus unsichtbarer Vorratskammer. Jehovah hat das Geschrei der Bedrängten gehört und seine Herrlichkeit in der Wildnis bezeugt. Und so oft in späteren Jahrhunderten seine Führung mit Abrahams Samen von Dichtern oder Propheten gepriesen wird, wird dieser Zug als einer der schönsten verkündigt: „Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.“

„Wahrlich, wahrlich! Moses hat Euch nicht das Brot vom Himmel gegeben.“ So erklang fünfzehn Jahrhunderte später die Stimme eines Nachkommen von jenen wunderbar gespeisten Vorfahren. Wie? wird unter Israel die Herrlichkeit des Wunders verkannt und noch etwas größeres als das Manna erblickt? Wer ist Er, der es wagt, sich über den größten der Propheten zu stellen und noch edlere Speise zu geloben, als das geheimnisvolle Wunderbrot war? Wer ist Er? Nach dem Äußern seht Ihr ihn da stehen ohne Gestalt und Schöne als einen einfachen Rabbi in der Synagoge von Kapernaum, von einer ungestümen Schar umgeben, die gestern ein Zeichen gesehen hatte und heute ein größeres Zeichen zu sehen begehrt. Aber für das Auge des Glaubens steht er da in einem Glanze, vor dem der Glanz Mosis verschwindet und unter die Zeitpunkte im Leben des Herrn, wo er seine stille Majestät am meisten offenbarte, rechnet ihr sicher auch den Zeitpunkt, wo er das geheimsinnige, aber vielbezeichnende Wort hat hören lassen: „Ich bin das Brot des Lebens.“

„Ich bin das Brot des Lebens.“ Es gibt Worte in der Heiligen Schrift, meine Zuhörer, die man mit Recht ein Evangelium in dem Evangelium genannt hat; Worte, die der Geist der Weisen nicht ergründen, der Reichtum der Sprache nicht umschreiben, welche die Ewigkeit allein in ihrer ganzen Tiefe erklären kann. Worte, bei denen man unwillkürlich wünschen möchte, der Sitte einer ausländischen religiösen Sekte zu folgen, die sich beim Lesen der Heiligen Schrift ganz in stilles Nachdenken vertieft und bei sich selbst einkehrt, um zu hören, was die Stimme des Geistes drinnen bezeugt, statt in breite Entwicklung sich einzulassen. Zu solchen Worten, die nur der Geist Gottes uns einigermaßen erfassen lassen kann, weil sie selbst Geist und Leben sind, gehört auch das Wort unseres Textes. Gewöhnlich denkt der oberflächliche Zuhörer, dass der Prediger, welcher solch ein Wort gewählt hat, sich eine leichte Aufgabe gestellt habe ungefähr eben so leicht als es ist, das Meer in seiner ganzen Tiefe zu ergründen oder eine würdige Beschreibung von einem hellen Sternenhimmel zu geben. „Brot des Lebens,“ schon der Ausdruck hat etwas Volles und Reiches, was man bei jeder Umschreibung verliert. Willst Du es nennen: ein Brot, das Leben gibt, vermehrt, erhält; der Wortlaut lässt es zu, aber Du hast schon unwillkürlich die Erklärung des Herrn an Schärfe und Nachdruck geschwächt. Aber vor Allem das Bild: „ein Christus, ebenso unentbehrlich für die Seele, als Brot für den Leib,“ wer hat es je würdig geschildert? Wer erforscht die Tiefe und Fülle des Bewusstseins dessen, der es fühlte, dass Er, Er allein in sich trüge, was Alle bedürfen und außer ihm überall vergebens suchen? Wahrlich, beim ersten Hören scheint der Ausspruch fast zu stolz, besonders auf den Lippen dessen, der sich selbst sonst von Herzen demütig genannt hat. Und doch, dass er Wahrheit für das Herz, Wahrheit für die Welt, Wahrheit für die Ewigkeit enthält, das wünsche ich euch heute zu bezeugen. Indessen würde ich bei dem großen Reichtum der Sache selbst verlegen sein, wollte ich ihn nach allen Seiten entwickeln, wenn nicht der Text mir einen Wink gäbe, um die rechte Mitte zwischen Nichterledigung und Überladung von Gedanken zu finden. Der Text ist in gewisser Beziehung die Überschrift über das ganze wichtige Kapitel; der Leuchter so zu sagen, der mitten in diesem Teil des Heiligtums steht, um den Schatten von unsern Füßen zu vertreiben. Was ist natürlicher, als dass ich das Textwort bestimmt im Lichte des Textkapitels betrachte? Der Hauptinhalt des Kapitels ist euch bekannt, meine Zuhörer. Es umfasst den Bericht über die erste wunderbare Speisung, die darauf folgende Rede des Heilandes in der Synagoge zu Kapernaum über das Brot aus dem Himmel, endlich die dadurch hervorgebrachte Scheidung zwischen seinen bloß äußerlichen und seinen aufrichtig gläubigen Nachfolgern. Es versetzt uns grade mitten in das öffentliche Leben des Herrn und lässt uns den Wendepunkt entdecken, wo seine Laufbahn, bis hierher voll steigenden Ruhms, zu einem sichtbaren Thron zu führen scheint, aber sich nun umwendet und hinabsteigt, um an einem Kreuzesstamm zu endigen. O, dass die Erwägung solch eines Wortes auch heute zu einem Wendepunkte in manchem inwendigen Leben führen möchte! Wohlan, schenkt mir eure aufmerksame Andacht, wenn ich den Fußstapfen des Herrn folge, um eines seiner erhabensten Worte mit einer seiner ausgezeichnetsten Taten in Verbindung zu bringen. Schlagt mit mir das Auge auf das Zeichen der Brote und seht, wie Jesus als das Brot des Lebens noch dasselbe Bedürfnis antrifft; noch dieselbe Größe bezeugt; noch dieselbe Sättigung bereitet; noch dieselbe Huldigung verdient; noch dieselbe Scheidung herbeiführt; wie an und nach dem Tage der Speisung, welche Johannes uns beschreibt. Und du, Herr, gib uns jetzt, gib uns allewege dieses Brot! Amen.

1. Sollte es wahr sein, dass Jesus als das Brot des Lebens noch dasselbe Bedürfnis antrifft? Richtet das Auge auf die Wüste von Bethsaida, meine Lieben, und Ihr findet dort den Herrn einem Bedürfnis gegenüber, das für Alle peinlich ist und von Niemand befriedigt wird.

Stets höher war der Ruhm von Jesu Worten und Taten gestiegen, als das zweite Osterfest seines öffentlichen Lebens herannahte. Von allen Seiten ist die Schar herzugeströmt, die an seinen gesegneten Lippen hängend, die Flüchtigkeit der Stunden vergisst und ihre Kranken zu seinen Füßen niederlegt. Alle werden nach ihren verschiedenen Bedürfnissen von ihm belehrt und unterwiesen, ermahnt und getröstet; und aufs Neue bezeugt es Israels Hirte, dass er ein wachsames Auge auf alle die irrenden Schafe hält. Aber endlich enteilt der Mittag zum Abend; die Sonne neigt ihr strahlendes Haupt zu dem Spiegel des Galiläischen Meeres hinab, die Schar ist fern von Hause und wird begierig nach Brot. Brot - wie sollten sie es auch entbehren können, die fünftausend Männer mit ihren Frauen und Kindern? Ruhe können sie noch eine Weile entbehren; den Schlaf können sie noch einige Stunden von den matten Augen verdrängen; aber Brot - haben sie das nicht, so laufen sie Gefahr, auf dem Wege zu verschmachten! Geliebte, wir wissen es gottlob! nicht, was das Wort Hunger bezeichnet, in seiner ganzen entsetzlichen Macht. Aber was es heißt, - o, wenn ihr es nicht lest auf dem Antlitz der unabsehbaren Schar, so fragt Jakobs Söhne danach, die in Kanaan den schmachtenden Blick nach dem Korn Ägyptenlands wenden; fragt den verlorenen Sohn danach, der an dem Schweintroge ausruft: „ich vergehe vor Hunger“; fragt Lazarus danach, der an der Tür des Reichen um einige Brosamen bettelt! Und nun, je höher die Seele ist als der Leib, desto dringender sind ihre Bedürfnisse, desto peinlicher ist das Gefühl von Hunger und Durst, das sie quält. Kennet ihr dieses Gefühl, Geliebte? Wir Alle werden nach dem inwendigen Menschen als Kinder des Elends geboren und Missbefriedigung ist die traurige Krankheit, die ihr in zahllosen Formen antrefft bei Allen, welche die Erde bewohnen. Alle bedürfen wir nach Geist und Gemüt unendlich mehr, als die Welt uns geben kann und mehr als wir es wissen, gleichen wir dem Eroberer des Altertums, der, als er ein Weltreich nach dem andern mit seinem Schwerte überwunden hatte, endlich in Tränen ausbrach, weil er auch des Mondes nicht Meister werden konnte. Entgegnet mir nicht, Geliebte, dass ihr diesen peinlichen Hunger der Seele bei den allerwenigsten entdeckt. Ich stimme euch bei: so tief ist die Menschheit entartet, dass sie ihre höchsten Bedürfnisse verkennen, unterdrücken, verbergen kann; aber ich weiß es ebenso, dass die Seele, welche überhaupt nicht nach dem Unendlichen hungert, tot ist durch die Sünde, gleichwie der Leib, der keiner Speise mehr bedarf, eine Beute des Grabes wird. Ich weiß auch, dass Gott kein Mittel unversucht lässt, um dieses Bedürfnis nach etwas Höherem in unserm inwendigen Menschen lebendig und wach zu halten. Ich weiß vor Allem, dass selbst die Hast, womit der Weltling von Genuss zu Genuss jagt, der größte Beweis dafür ist, dass er wohl bei dem Endlichen schwelgen, aber bei dem Endlichen keine Ruhe finden kann. Nein, nicht darin liegt unser Unglück, dass wir keine unendlichen Bedürfnisse fühlen, sondern darin besonders, dass wir die Sättigung derselben auf dem dürftigsten Wege suchen. Und sind wir einigermaßen aufrichtig vor Gott und treu gegen uns selbst; für Jeden von uns kommen früher oder später die Stunden, wo er tiefer als zuvor begreift, dass dieses unersättliche inwendige Verlangen noch nicht befriedigt sein würde, ob auch die ganze Welt ihm zu Füßen gelegt würde. Du, denkender Geist, der du unaufhaltsam forscht, um das Rätsel von Gottes Wesen, von deinem eigenen Herzen, von deiner zukünftigen Bestimmung zu ergründen; der du überall Gewissheit suchst und überall auf Ungewissheit triffst; der du deine Frage: „was ist Wahrheit?“ beständig mit der Klage ablösen musst: wir sind von gestern her und wissen nichts - hast du keinen Hunger? Du, unruhiges Gewissen, das du gebückt und gedrückt unter dem Gefühl deiner Sünden da sitzt: du darfst dich nicht vor Gott aufschließen und kannst dich doch nirgends vor ihm auf Erden und im Himmel verbergen; du fühlest täglich die Last deiner Schulden steigen und kannst dich doch selbst der Last nicht entschlagen - hast du keinen Hunger? Du, unersättliches Herz, das schlägt und jagt in unserm Innersten, das jeden Morgen aufs Neue nach Glück und Genuss ausschaut, und so manchen Abend über eine endlose Leere, selbst nach dem ausgesuchtesten Genusse, klagen muss - hast du keinen Hunger? O, meine Geliebten, wenn wir aufmerksam all den Stimmen der unruhigen Welt draußen und der unergründlichen Welt drinnen lauschen, dann ist's uns, als lösten sich alle Atemzüge der Menschheit in einem einzigen Seufzer auf; als zeigten sich Züge stiller Wehmut auf so manchem Angesicht, das von Genuss und Freude erglänzt; als würde die Lebensgeschichte jedes menschlichen Herzens eine lebenslange Leidensgeschichte. Nachjagen ohne zu erlangen, erlangen ohne zu würdigen, würdigen ohne zu behalten, behalten ohne glücklich zu sein, das ist das Los unserer Tage. Kaum beginnst du zu leben, da beginnst du zu schmachten nach etwas Vollkommeneren, als dir das Gegenwärtige bietet; du siehst es, meinst du, in einer schönen Zukunft dir entgegenglänzen; du jagst ihm nach mit stets schnellerer Fahrt und stets eiligerem Drang; nun wirst, nun kannst du es greifen - Armer, es zeigt sich, dass du ein Schattenbild ergriffen hast, wo du ein Ideal zu finden dachtest. Alsbald siehst du, dass du am Glücke vorbeigeeilt bist; dass es hinter dir liegt; dass du in deine Schritte nicht wieder zurück kehren kannst. Und doch, das Gegenwärtige befriedigt dich nicht; und schon nimmt dir die Erde mehr, um dir weniger und weniger zu geben. Kennst du die Armut der Bedürftigen nicht, so lernst du die Armut des Reichtums erfahren; und fehlte es dir nie an Gelegenheit zu genießen, umso schneller fühlst du deine Empfänglichkeit zum Genießen abstumpfen. So eilt das Leben dahin schneller als Adlersflügel; das Herz lernt durch manche peinliche Erfahrung sich weislich mit Wenigerem zufrieden stellen, als es anfangs vom Leben gefordert hatte; aber zwischen dem sich zufrieden stellen und gesättigt sein, guter Gott! welch' unermesslicher Unterschied! Das unterdrückte Bedürfnis lässt sich nicht minder nagend als das unbefriedigte fühlen und es kann mit Wahrheit gesagt werden: aus drei Worten besteht die ganze innerliche Geschichte eines menschlichen Lebens, aus einer Erinnerung an das Vergangene, einem Seufzer über das Gegenwärtige und einer Hoffnung auf das Zukünftige. Eine Erinnerung, die uns unaufhaltsam quält; ein Seufzer, der uns unwillkürlich verrät; eine Hoffnung, die uns beständig irre führt, - Seele, hast du keinen Hunger noch Durst?

„Ja,“ - sagst du, „aber du tust nicht wohl daran, Prediger des Evangeliums, also die schmerzhaften Stellen des Gemüts aufzudecken. Kann die Welt sich nicht erheben zu den hohen Forderungen unseres Herzens, wohlan, so wollen wir das Herz zu erniedrigen trachten zu den niederen Sphären der Welt; es bleibt doch immer ein Bedürfnis, von Niemand befriedigt, das du uns tiefer fühlen lässt.“ Von Niemand auf Erden - darin habt ihr Recht, meine Zuhörer; wollt ihr ein Bild davon sehen, so geht in die Wüste von Bethsaida. Da wandelt unter den dichten Scharen ein Knabe mit fünf Broten und wenigen Fischen; er ist vielleicht bereit, sie um einen guten Preis zu verkaufen; aber was sind diese unter so viel Tausende? Da habt ihr ein Bild von dem, was die Welt hat, um den Hunger der Seele zu stillen; Krumen, wo ihr kräftige Bissen; einzelne Bissen, wo ihr ganze Brote verlangt. Was sage ich, dieses Bild ist noch zu parteiisch und schmeichelnd - der Knabe hatte zwar wenige, aber doch wirkliche Speise: Die Welt gibt euch Spreu, wo ihr nach Korn, und Steine, wo ihr nach Brot verlangt habt. Wohlan, Geliebte, gebt euch selbst Rechenschaft von der Sättigung, die ihr in ihrem Schoße gefunden habt. Es lag nicht daran, dass sie zu wenig versprochen hat: aber ob sie Wort gehalten hat - danach fragt euer eigen Gewissen! Du, nach Wahrheit Hungernder, bist mit deinen Lebensfragen in ihre Lehrschule gegangen; du hast von dem Einen behaupten hören, was dir ein Anderer bestritt und ein Dritter nur zweifelhaft versichern durfte; du hast auf deine dringendsten Fragen ein Schweigen zur Antwort empfangen, oder wo man dir gewisser antwortete, da schien es hier Betrug, dort Vermutung, dort Zweifel zu sein - bist du satt geworden? Du, der nach Ruhe des Gewissens hungert, du hast auf Erden, wo du keinen Strom des Friedens finden konntest, doch gesucht nach einem Strome der Vergessenheit, worin du dich untertauchen könntest. Aber als du nun das feuchte Haupt wieder erhobst, schlug da wirklich das Herz mit ruhigeren Schlägen; hast du da über den Strömen des Sinnengenusses keine Stimme rauschen hören: „der Himmel vergaß nicht; der Himmel vergaß nicht;“ und nochmals - bist du satt geworden? Und nun noch das warme und doch so arme Herz im Busen, das so viel gesucht und so wenig gefunden hat auf Erden: soll ich dir die Geschichte seines Leidens erzählen? Du dachtest dein Haupt in einen Freundesschoß nieder zu legen, und siehe, es war ein scharfer Stein, der dich verwundete; du jagtest nach Ehre; aber Ruhm ist eine Wintersonne, die glänzt, aber nicht erwärmt, und Weihrauch stillt keinen Hunger der Seele; du dientest um Gold; aber Metall ist kein Brot für den Geist; du suchtest nach Genuss und hast entweder Berauschung oder Beschwerden gefunden; bei Gott und bei deinem Gewissen, bist du wirklich satt geworden? Erwachen bisweilen keine Stimmen in deinem Herzen, Kind dieser Welt, wie diese: Das ist doch das Leben nicht, welches die Seele bedarf, so sie vor Mangel nicht umkommen soll; ein Leben für Brot, ein Leben für Kunst, ein Leben für Handel, ein Leben für Wissenschaft allein, ein Leben mit Einem Worte, wobei man nicht aufhört, beständig zu sterben, noch ehe die Sterbestunde naht? Nein, leben - das heißt: völlig befriedigt sein; das heißt: fühlen, danken, bezeugen, dass man nach dem inwendigen Menschen lebt; das heißt: sich entwickeln, sich erheben, die Flügel aus einander schlagen und sich ewig zu fühlen in jedem Augenblick der Prüfungszeit - o, wer das, das noch mal Adams Söhnen schenken könnte, deren Herz zu branden nicht aufhört, schon ehe es zu brechen anfängt! Verlangt ihr das, Geliebte, nein, dann schlagt den Blick nicht wehmütig zur Erde: sie kann euch eben so wenig sättigen, als wenn die fünftausend Männer in den Sand gegraben hätten, um den Hunger mit Steinen und Staub zu stillen. Nicht die Erde muss sich öffnen, um das lebendige Brot daraus hervor wachsen zu lassen, die Himmel müssen sich erschließen, um das lebendige Brot daraus niedersteigen zu lassen. Und Gott sei Dank! die Himmel sind erschlossen worden: „Ich bin das Brot des Lebens,“ sagt Jesus!

2. Kommt und seht zweitens, wie er als solches noch immer dieselbe Größe bezeugt, wie in der Geschichte des Textes. Seht sein Erbarmen gegenüber dem tiefen Bedürfnis, seine Machtbezeugung gegenüber der tiefen Machtlosigkeit der Welt.

Ja, wohl mochte die Schrift es bezeugen, dass uns ein mitleidiger Hohepriester in Christo geschenkt ist! Oder habt ihr es nicht beachtet, Zuhörer? Der Herr wartet nicht, sein Zeichen zu tun, bis dass die fünftausend Männer wie Ein einziger Mann ihm zu Füßen gebeugt sind mit dem Worte: „Prophet, gib uns Brot; Mann Gottes, erbarme dich über unsere hungrigen Kinder!“ Er übersieht selbst den ganzen Schauplatz von Elend und Not, von Vielen gefühlt, aber von Niemandem geklagt. Er macht seinen Philippus aus eigenem Antrieb darauf aufmerksam, und während die Jünger zu ihm kommen mit dem natürlichen Rat: „Lass die Scharen von dir, dass sie hingehen umher in die Dörfer und Märkte und kaufen sich Brot (Markus 6, 36.),“ da breitet er im Stillen die Entwicklung des Wunderplanes vor und bezeugt, dass seine Gedanken nicht nur anders sind, sondern auch höher sind als der Menschen Gedanken. Nein, es soll nicht von dem Hirten Israels gesagt werden, dass er hungrige Schafe und durstige Lämmer Stunden weit abirren lasse, dass sie selbst sich eine Weide suchen; denn er selbst braucht nur zu winken, um der schmachtenden Herde Speise und Erquickung zu bieten. Und schweigt Aller Mund, er liest in Aller Augen das Bedürfnis; es ist ihm, als hörte er alle die stillen Seufzer nach Brot sich in Einen Jammerton auflösen, der auf sein liebevolles Herz zurückfällt, um darin das schlummernde Machtwort zu wecken: ich will's, seid gesättigt!“ Als er selbst einige Monate früher in der Wüste hungerte, hatte er der Versuchung widerstanden, Steine in Brot zu verwandeln; doch das wäre auch für ihn selbst gewesen; hier drängt das Bedürfnis Anderer. Und schiebt er auch die Rettung noch auf; scheint es, als ob die Nachtruhe gesucht werden müsste, bevor Jemand das Abendbrot gebrochen - es ist, als ob das erhabene Schweigen des Vaters Einen Augenblick vor dem Machtwort vernommen würde: „es werde Licht!“ und es ward Licht. Ist das nicht das Bild der Erbarmung Christi, Geliebte? So wie er hier auf einem hohen Berge saß, lebte er vor seinem Kommen ins Fleisch auf dem hohen Thron des Weltalls. Die Welt rief ihn nicht an, dass er herabsteigen und ihren Jammer lindern möge; sondern er selbst warf den ersten Blick der Erbarmung auf die Welt von Sündern, die in so mancher Beziehung der Wüste von Bethsaida gleicht, wo die hungrige Schar einander drängt und ein dunkler Abend von Elend und Sorgen einbrechen will. Er sah alle menschliche Weisheit und Kraft geradezu machtlos da stehen, um die höchsten Bedürfnisse unseres Geschlechtes zu erfüllen, wie der Eine arme Knabe mit seinem Fische und seinem Gerstenbrote da stand. Und nun, während Alle hoffnungslos frugen: wer wird sättigen? da stieg er aus Erbarmen nieder aus der Höhe, um der Welt das Leben zu geben. Wie ein Weizenkorn ließ er in die Erde sich werfen, damit er Tausenden zur Speise dienen möge: und jetzt, eingegangen in die himmlische Scheune, fühlt er noch immer das Liebesherz von Erbarmen erglühen. Mein hungernder Mitsünder, der du fragst nach Licht und Kraft und Frieden, höher als die Welt sie geben kann; o, du tust wohl daran, dass du die schmerzhaften Stellen deines Herzens vor dem Auge der Menschen verbirgst. Die Welt hat umso weniger Mitleiden, je mehr sie selbst Mitleiden verdient; die Welt - sie ist ein Ägypten in der Zeit der Unfruchtbarkeit; nur der Eine Joseph hat Korn aufgehäuft in vollen Scheunen! Aber kennst du ihn, der mehr ist als Joseph, so freue dich, dass er Mitleiden mit deiner Schwachheit hat. Oder kennst du ihn auch nicht, so freue dich nochmals; denn er hat mehr Mitleiden mit dir, als du mit dir selber; er erforscht die Bedürfnisse, die du dir selber verbirgst; er denkt daran dich zu sättigen, während du trachtest ihm zu entfliehen! Und meine nicht, dass die Erbarmung Christi über dir erst um teuren Preis erkauft werden muss, erst auf fast unzugänglichem Wege gesucht werden muss. Er erbarmt sich einzig um seines Namens willen, wie er es im Texte tat. Die Schar bietet ihm kein Gold, bevor er ihr das Brot abstehen soll; du hast ihm nicht zuvor eine Zahl guter Werke aufzuzeigen, bevor du dich selbst würdig erachten kannst, Gegenstand seines Mitleidens zu werden. Nicht weil du etwas zu geben hast, sondern grade weil du in dir selber nicht das Mindeste besitzt, bist du bemitleidenswert für ihn und könntest du bis hierher durch halsstarrigen Unglauben ihn verhindern, dich mit seinem Gute zu sättigen, so kannst du ihn doch nicht verhindern, dein tiefes Elend von ganzem Herzen zu betrauern! O, dass ich allen Hungrigen und Durstigen unter uns alle Seligkeit des Gedankens eingießen könnte: „Jesus hat Mitleiden; Jesus kann es fast nicht ansehen, dass unser inwendiger Mensch Gefahr läuft, vor Mangel umzukommen!“ Ich weiß es, das allein ist noch kein Brot für die Seele, aber es ist doch schon Tau für den Acker. Und sollte er, der mit dem Tau genetzt hat, das Brot in seinen Händen zurückhalten?

Aber seht dann Jesu Machtbezeugung gegenüber der tiefen Machtlosigkeit der Welt. Als die Jünger meinen, dass die Stunde zum Aufbruch geschlagen habe, da brach für den Herrn die Stunde des Wundertuns an. Er lässt die Scharen sich niedersetzen, die Brote sich zureichen, die Worte der Danksagung hören: „Gelobt sei Gott, der das Brot aus der Erde lässt kommen und den Fisch aus dem Meere.“ Und nun fängt er an zu brechen, ohne dass der Vorrat sich verringert, und was von der Sorge der Liebe verteilt wird, wird von der Hand der Allmacht unaufhörlich ersetzt. Alle essen und werden zu gleicher Zeit erfüllt mit Speise und Fröhlichkeit. Ich will eure Andacht nicht ermüden, Geliebte, mit der Beurteilung so mancher Auffassung, wonach man diese Erzählung bald als eine künstlich erdichtete Fabel, bald als einen natürlich erklärbaren Vorfall dargestellt hat. Gläubige haben danach kein Bedürfnis; Ungläubige werden mich sonst jederzeit zur Beantwortung jedes ehrlichen Zweifels bereitfinden. Lieber lasse ich euch in diesem Zeichen einen Beweis von dem unerforschlichen Reichtum Christi zur Befriedigung unserer höchsten Bedürfnisse entdecken. Ja, wie es hier seiner himmlischen Majestät geziemte, diese Schar selbst zu sättigen, ohne dass sie in Städte und Flecken hinging, so ist er vollkommen im Stande, den Hunger der Seele zu stillen, ohne dass wir zu einem anderen als zu ihm hingehen. Und fragt ihr, wie er uns das Brot des Lebens ist und wünschet ihr eurem Geist eine Vorstellung klarer zu machen, die für das heilsbegierige Gemüt so einladend ist Geliebte, dann seht euch vor allen Dingen vor, dass ihr nicht scheidet, was in dem Evangelium so nahe zusammengefügt ist. Es gibt nicht Wenige, die zustimmen, dass Jesu Lehre das Brot des Lebens ist. „Er offenbart - sagen sie uns - das Wesen Gottes; er zeigt uns den Weg der Vollkommenheit; er lässt uns auf eine selige Unsterblichkeit hoffen.“ Viele Andere fügen hinzu: „Jesu Tod vor Allem ließ ihn uns zum Lebensbrot werden, indem er uns versöhnte mit Gott und in die Gemeinschaft des Vaters zurückführte.“ Ihr habt Wahrheit, Geliebte, aber doch noch nicht die volle Wahrheit gesprochen und seid auf eurem Standpunkte gleich dem, der die Herrlichkeit der Sonne aus dem Glanze eines einzelnen Strahles erblicken oder über lebendiges Wasser urteilen will und bei dem Bache stehen bleibt, ohne zu der klaren Quelle empor zu steigen. Nicht die Lehre Jesu - wie unvergleichlich vortrefflich sie ist, - selbst nicht der Tod Jesu - wie unentbehrlich zur Vergebung der Sünden er ist, - Jesus selbst wird in dem Evangelium das Brot des Lebens genannt, und hier seht ihr, warum er diesen Ehrennamen verdient. So lange der Mensch im Paradiese noch nicht von Gott geschieden war, war er auch nicht des wahrhaftigen Lebens beraubt. Aber seit er von dem Baume der Versuchung gegessen hatte, wurde ihm der Zugang zu dem Baume des Lebens versagt. Die Sünde verursachte Zwiespalt mit, Scheidung von, Widerstand gegen Gott und dadurch den Tod der Seele. Das wahre Leben konnte der Sünder nur wiederfinden durch Wiederherstellung seiner Gemeinschaft mit Gott; denn Gott und das Leben sind Eines. Aber wie sollte der Übertreter selbst die Kluft wegsinken lassen, die er mit eigener Hand gegraben hatte? Ach, sich selber überlassen kann er nur abirren von Gott, der die Quelle des Lebens ist und mit jedem Schritte umso gewisser einem ewigen Tode entgegen gehen. Nicht inwendige Lebens-Erhaltung, Stärkung, Erquickung, sondern an erster Stelle das verlorene Leben selbst hat er nötig nach Geist und Gemüt, und nur durch ihn kann es wiedergeschenkt werden, der das Leben in ihm selber besitzt. Seht, da steigt der Sohn Gottes aus dem Himmel der Herrlichkeit nieder. In ihm ist das Leben, wie in der Sonne alles Licht und alle Wärme und fruchtbarmachende Kraft für diese Erde gleichsam in Einem Mittelpunkte vereinigt ist. Er offenbart das Leben der Welt durch seine Erscheinung auf Erden; er schenkt ihr das Leben durch seinen blutigen Tod; er teilt das Leben persönlich seinen Gläubigen mit durch die Kraft seines Heiligen Geistes. Und wenn nun die Seele hungert nach diesem Einen und Großen, wobei sie nur allein wirklich leben kann, da ist in Ihn selbst, wie in das leibliche Brot für den Leib, alle Kraft zur Lebenserweckung, zur Lebensstärkung, zur Lebenssättigung für verlorene Sünder gelegt. Was hungerst du länger nach unzweifelhafter Wahrheit? Du bist dem Wanderer gleich, der nach einem einzelnen Lichtstrahl schmachtet, während die Sonne bereits seit vielen Stunden hoch über seinem Haupte aufgestiegen ist; komm und siehe ihn, der die Wahrheit selbst heißen mag. Er verklärt den Vater; er enträtselt das Leben; er eröffnet das Geheimnis des Grabes: setze dich als Kind zu seinen Füßen nieder! Was hungerst du länger nach Seelenruhe? du bist dem abgematteten Hirsch gleich, der atemlos an dem Brunnen vorbeirennt, wo volle Labung wartet; nicht dort unten, nicht dort außen, sondern dort oben bei Christo ist Friede, und er wird drinnen niedersteigen und wohnen, wenn du an seinem Kreuze Gnade gesucht hast! Was hungert dein Herz nach Liebe? Die Welt hat nichts, das wert genug ist, dein ledig Herz daran zu knüpfen; aber hier ist ein Freund, über den du dich nie beklagen wirst, dass du ihn zu viel, sondern immer, dass du ihn zu wenig geliebt hast! Ja, da siehst du das Geheimnis, warum Christus das Brot des Lebens ist. So wir glauben und damit Eins sind mit ihm, gießt er sein eigenes Leben, seine eigene Liebe aus in unser Herz; und diese Liebe befriedigt uns, während sonst eine ruhelose Leere uns martert; und diese Liebe macht uns stark, während wir sonst so schwach und so träge sind; und diese Liebe lässt uns ewig leben, ob die Zeit auch unsern Leib zu verschleißen droht. Wahrlich, wie der Tod durch Eine Speise, so ist auch das Leben der Seele durch Eine Speise geworden - durch Jesum, das himmlische Brot!

3. Sagte ich's nicht, Geliebte, dass das Textwort leichter ausgesprochen, als ausgepredigt werden könnte? Darum freut es mich, dass das Textkapitel mich anleitet, euch noch ein wenig näher im Einzelnen auf das Heil in Christo hinzuweisen. Ich sagte drittens, dass der Herr, als das Brot des Lebens, noch dieselbe Sättigung bereitet, wie bei dem Wunder der Brote; und ich hatte dabei weniger das Brot als solches, als vielmehr die Art der Speisung mit dem Brote im Auge. Und was sehen wir da denn in der Wunderwüste? Der Herr macht aus dem Wenigen viel. Der Herr gibt nie so viel, dass nicht immer noch übrig bleibt.

Der Herr macht aus dem Wenigen viel. „Was sind diese unter so Viele?“ so sprachen die bekümmerten Jünger, als sie den geringen Vorrat mit der Menge verglichen, die gesättigt werden musste. Und wohl mochten sie so sprechen, denn sie waren noch unbekannt mit der geheimen Kraft einer Liebe, die aus dem Geringen das Größte hervorgehen und über den Speisekörben gleichsam den Segen „wachst und mehrt euch“ hören ließ. Handelte Jesus eigentlich nicht immer in gleicher Weise, wo er einer hungrigen Welt Speise des ewigen Lebens austeilte? - Da betreten zwölf Apostel die Wildnis in der jüdischen und heidnischen Welt, wie zwölf Getreidekörner auf einen unabsehbaren Acker geworfen. „Was sind diese unter so Viele?“ Aber der Herr wirkt im Verborgenen mit; jedes Korn wird ein Halm, jeder Halm trägt andere Körner; Ein Petrus gewinnt dreitausend Seelen; Ein Paulus pflanzt in zwei Weltteilen das Panier des Kreuzes auf; aus dem Kleinsten sind Tausende geworden und aus dem Geringsten „ein mächtiges Volk“ nach dem prophetischen Wort. (Jesaia 60, 22.) - Nun werden die ersten Evangelien, die Apostelgeschichte, die Briefe geschrieben; einzelne lose Schriften, die eine Freudenbotschaft des Heils für Millionen enthalten. „Was sind diese unter so Viele?“ Aber die Schriften sind dazu bestimmt, durch zahllose Hände abgeschrieben, durch zahllose Pressen vertausendfacht, in zahllose Sprachen übersetzt und verbreitet zu werden: siehe, von dem Baum der Heiligen Schrift sind schon Millionen Blätter über die ganze Erde gesät! - Die Schrift wird später verdunkelt, im Klosterstaub vergraben, fast von der Erde verbannt in der Zeit des dunklen Mittelalters. Da erweckt Gott in dem Jahrhundert der Reformation zwei Männer zu Wittenberg und zwei im Schweizerlande, um sein Wort gereinigt ans Licht zu ziehen. „Was sind diese unter so Viele?“ Siehe, unter der Hand des Herrn der Heerscharen, der sie versammelt und scharet, wächst die Zahl seiner Kriegsknechte an; von allen Seiten stehen welche auf, die gegen Irrtum und Aberglauben zu Felde ziehen; das kleine Wölkchen, wie eine Manneshand groß, breitet sich aus zu einem drohenden Wetter, das sich gegen das mächtige Rom erhebt! Ich weiß es, Geliebte, diese Fälle lassen nur eine teilweise Vergleichung zu, und die wunderbare Vervielfältigung im Texte wiederholte sich in späteren Jahrhunderten nicht mehr. Aber ich will auch nicht dartun, dass der Herr auf so außerordentliche Weise, sondern dass der Herr selbst durch seine eigene Kraft das Wenige zu Vielem werden lassen kann. Und dass er das noch tut, wie wird es uns einleuchten, wenn wir das Grundgebiet des innerlichen Christenlebens betreten! Ist in dir, Freund des Herrn, auch nur ein kleiner Anfang von Erkenntnis, von Glauben, von Liebe durch seine Gnade erweckt, siehe, wie er noch das Schwache stärkt, den Funken zur Flamme anbläst, und auf dem Fundamente, das er selbst gelegt hat, stets höher zu bauen fortfährt. Wie er hier durch seine Jünger Speise an die Scharen austeilen ließ, so sendet er noch seine Diener aus, um euch auf ihn, das Brot des Lebens, hinzuweisen. Und wird die Arbeit gesegnet, seht, dann wird der zarte Keim der Erneuerung in euch fester gewurzelt, breiter entwickelt, schöner an Blüten, reicher an Früchten. Einen Lichtstrahl lässt der Herr in die Seele fallen, - da beginnen die Nebel zu weichen; da werden die Augen erleuchtet; da werden Geist, Gemüt, Gewissen gereinigt; da wird Gottes Bild in dem Sünder wieder hergestellt. O erquickender Gedanke, wenn wir, eure Diener, so tief unsere Schwachheit fühlen der Größe der Sache gegenüber; wenn wir, Freunde des Reiches Gottes, unsere Zehnzahl oder Hundertzahl von Heidenboten mustern angesichts der Millionen, die noch sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und wenn wir fragen: „Was sind diese unter so Viele?“ Geliebte, wir blicken dann auf unsern Text. Zu allen Zeiten gefiel es der höchsten Weisheit, aus dem Kleinsten das Größte hervor zu rufen: aus Einem Abraham eine Nachkommenschaft, zahlreich wie die Sterne des Himmels; aus Einem Apostelkreis das Licht und das Salz dieser Welt; aus Einer Fünfzahl von Broten eine Speise, für fünfmal Tausend mehr als genug - gepriesen sei der Herr, der Wunder tut! Er macht aus dem Wenigen viel!

Und nun andrerseits: er gibt nie so viel, dass nicht immer noch übrig bleibt. Woher sind die zwölf vollen Körbe mit Brocken gekommen und wie kann am Ende der Mahlzeit mehr Speise da sein, als zu Anfang derselben? Ja, das ist das Geheimnis einer Liebe, die nicht sofort denkt, dass sie zu viel oder genug gegeben hat, sondern vielmehr fürchtet, dass sie zu wenig tun möchte; das ist das Wunder einer Allmacht, die es hier deutlich bezeugen will, dass sie gekommen ist, nicht nur auf dass man das Leben, sondern eben, auf dass man volles Genüge habe! - Als es Manna in der Wüste geregnet hatte, sprach Moses zu Israel: „Sammelt davon Jeder, so viel er essen mag; ein Gomer für jedes Haupt, nach der Anzahl eurer Seelen. (2. Moses 16, 26.)“ Es war ein genügendes, aber doch bescheidenes Maß; eine notwendige Einschränkung, damit Niemand zu wenig haben sollte, wenn ein Anderer zu viel genommen hätte. In der Wüste von Bethsaida gibt Jesus ohne Maß und Einschränkung; keine Anfrage wird abgewiesen; keine Sparsamkeit den Gästen gepredigt; keine Berechnung des Gastgebers folgt; es heißt „heische, was ich dir geben soll“; und so viel auch verbraucht wird, selbst als nicht mehr verlangt wird, so ist doch noch zum Verteilen übrig geblieben. Nicht anders ist es mit Christo selber, dem Brote des ewigen Lebens. In ihm wohnt eine Fülle von Licht, von Kraft, von Gnade, die in der Tat unerschöpflich ist. Ihr dürft so viel aus dieser Fülle genießen, dass ihr euch ganz erquickt und gesättigt fühlt; nie könnt ihr so viel daraus nehmen, dass die Fülle selbst zu leer würde. Und nicht anders steht es mit dem Evangelium, dem Hauptmittel der Gnade, wodurch der Herr uns auf sich, als das wahre Lebensbrot weiset. Hier liegt ein Stoff zur Erforschung, zur Bewunderung, zur Anbetung, der immerzu vor unsern Augen sich ausbreitet, immerzu unter unsern Händen gleichsam anwächst. Was kann kürzer und einfacher sein, als das Textwort, womit der Herr eure Seelen speisen will? Ich suche ihn zu ergründen, zu entwickeln, von bekannten oder minder bekannten Seiten euch darzustellen und ich hoffe, dass ihr gesättigt heimkehren werdet. Aber wird er denn auch bei der gründlichsten und vollständigsten Betrachtung erschöpft sein? Es wird noch Speise dabei übrig bleiben, wie in der Wüste für die Körbe, und ein Anderer wird später vielleicht erquickende Kräfte darin nachweisen, die ich nicht einmal andeutete. Nein, es genügt dem Herrn nicht, dass die Hungrigen für einmal gesättigt werden, es müssen die Speisekörbe vollgehäuft bleiben: nicht bloß die augenblicklichen Bedürfnisse der Seele werden von ihm befriedigt; er verbürgt auch die Befriedigung für später. Da ist eine sterbende Jüngerin des Herrn; ihr Leben lang hat sie in seiner Gemeinschaft geschmeckt und gesehen, wie freundlich er war; was das heilsbegierige Herz bedurfte, davon hat er ihr beständig ein volles Maß in den Schoß geschüttet - ist nichts übrig geblieben für die letzten Stunden des Lebens? Dafür hat der Herr noch einen letzten Trost, noch eine ungeahnte Entzückung, noch einen tieferen Frieden bewahrt, als die Seele zuvor schmecken durfte. Die Gesättigte geht hin in Frieden, aber es war bis zum letzten Atemzuge noch unendlich mehr Speise als Hunger vorhanden. - Da ist droben der Erlösete, der alle seine Bedürfnisse erfüllt findet und durch den zweiten Adam das Leben wieder gewann, das er in dem ersten Adam verlor. Er wird bei seinem Eintritt in den Himmel gesättigt mit dem Gute aus Gottes Hause und aus dem Heiligtum seines Palastes; gesättigt so dass nun doch endlich keine Speise mehr übrig bleibt? Noch Seelenspeise genug in diesem Christus, eine ganze Ewigkeit hindurch; noch immer neuer Genuss aufbehalten, wenn man den alten geschmeckt hat; noch immer etwas aufbewahrt um zu geben, selbst wenn man kaum etwas mehr zu verlangen weiß - wahrlich, wahrlich, wohl darf die Schrift von einem unergründlichen Reichtum Christi bezeugen!

4. Mir, Geliebte, ward wieder die Ehre zu Teil, diesen Reichtum zu verkündigen; euch das Vorrecht, denselben aufgeschlossen zu sehen. Gewiss muss, wenn ihr glaubt, der Herr als das Brot des Lebens euch teuer sein. Aber dann hört ihr euch auch gern hinweisen auf die Huldigung, die er als solcher verdient, eine Huldigung, deren offene Lehrschule die Wüste heißen mag. Sie besteht darin, so rufen die Scharen uns zu, dass die Gabe heilsbegierig empfangen, und der Geber zum Könige erhoben wird.

Die Gabe heilsbegierig empfangen. Ja, meine Lieben, darin geht die Schar uns voran. Niemand ist widerspenstig, als der Herr ihn zum niedersitzen, empfangen, danksagen auffordert; Niemand hält sich hoch, um den Hunger, der ihn quält, vor der Jünger Augen zu verbergen; Niemand weigert sich anzunehmen, was er vielleicht in jenen Städten und Flecken für eine Hand voll Geld bekommen kann. Nein, alle strecken die Arme heilsbegierig nach dem Christus aus, sobald er die von Segen überströmenden Hände ihnen zureicht, und als der Herr Hungrige an seine gastfreie Tafel im grünen Grase genötigt hat, da tritt kein Einzelner in den dunklen Schatten zurück, der sich lieber von ihm nicht gesättigt sehen möchte! Welch eine Predigt des Evangeliums würde das sein, wobei sich dieselbe Erscheinung wiederholte; wobei Niemand dächte: „von diesem Brote des Lebens habe ich schon so oft gehört;“ wo jeder fragt: „was sollen wir tun, damit wir die Werke Gottes mögen wirken?“ Aber ach! es bedarf bloß eines flüchtigen Blickes auf und um uns, Geliebte, um zu überzeugen, dass viele in Betreff des himmlischen Brotes nicht den tausendsten Teil des Interesses bezeugen, das sie der vergänglichen Speise zuwenden. Oder sage ich zu viel mit dieser Anklage? Aber dann werft den Blick um euch her; werft ihn zunächst auf euch selbst. Um das irdische Brot plagen sich unzählbar Viele im Schweiße ihres Angesichtes; man bittet darum, als wäre die vierte Bitte des vollkommensten Gebetes die vornehmste von allen; man steht frühe auf und geht spät zur Ruhe bloß um einen dürftigen Bissen; man legt sich Anspannung, Aufopferung, sogar Erniedrigung auf, um das Brot des Überflusses, der Notdurft, der Armut zu essen, und noch schätzt man sich glücklich, wenn man zwischen den Dornen und Disteln der Erde einen genügsamen Bissen gewinnen durfte. Da tritt Christus auf mit dem einen Worte, das Jedem, der es vernimmt, das Herz vor Freuden muss aufspringen lassen. „Ich bin das Brot des Lebens,“ so spricht er seit Jahrhunderten; er bietet es Allen an; er schenkt es umsonst; und der Mensch, wohlan, was wird er antworten? Hier eine Ausflucht, dass man das himmlische Brot doch eigentlich so nötig nicht habe; dort eine misstrauische Untersuchung der Glaubensbriefe dessen, der sich so hohe Ehrentitel zuerkennt; dort ein streitiger Prozess über die Eigenschaften und die Natur dieses Brotes, statt einfach zu probieren, ob es speise und sättige; anderwärts heimliche Abneigung, etwas umsonst zu empfangen, was man lieber für eigen Geld und Lohn erwerben will!, wohl muss das menschliche Herz verdorben und böse sein, dass sogar die einzige, so einfache Bedingung einer heilsbegierigen Annahme dessen, was Christus uns schenkt, drinnen so viel Widerstand findet. Geliebte, ich verurteile Niemanden; der Herr sendet noch, wie zu jener Stunde, seine Diener aus, wohl um Speise anzubieten, aber nicht um ein Urteil zu sprechen. Aber euer eigenes Gewissen möge es euch sagen, ob ihr schon zu ihm gekommen seid, um aus seiner Fülle zu nehmen Gnade um Gnade. Worin wir uns auch unterscheiden, es gibt unter uns drei Sorten von Menschen: gesättigte mit, hungernde nach dem Brote des Lebens in Christo, und eine dritte Sorte, die noch keinen Hunger fühlt. Der letzte Zustand mag wohl der traurigste heißen, besonders wenn er mit dem Wahn verbunden ist, dass man reich und gar satt geworden sei, an keinem Dinge Mangel und genug für die Ewigkeit habe. Aber wie seid ihr sonst gestimmt, die ihr unerneuerten Gemütes in voller Ruhe dahin lebt; die ihr mit euch selber befriedigt seid, mit den Dingen der Welt, mit eurer eigenen ebenso ungegründeten als unbestimmten Hoffnung für die Zukunft; die ihr es höchstens für eine Last oder eine Pflicht, aber für keine Lust achtet, von Jesu zu hören; die ihr nicht wisset, was es heißt, persönlich in seiner Gemeinschaft zu leben? Ach, Geliebte, wenn ihr es in dieser Stunde nicht gefühlt habt, dass ihr bettelarm seid, um die höchsten Bedürfnisse eures Herzens zu befriedigen; dass ihr Jesum selber zu eurem Teil und Gut haben müsst, wenn ihr nicht die unglücklichsten aller Menschenkinder sein wollet; dass mit Einem Worte das Leben außer ihm der Tod der Seele, die Ewigkeit außer ihm dunkle Nacht ist dann habe ich für euch ohne Segen gearbeitet und kann euch nur betend der Barmherzigkeit Gottes befehlen. Aber haben heute in euch Stimmen gesprochen, die nur zu lange schwiegen, so bitte ich euch, betäubet das Gefühl von Missbefriedigung, von Unruhe, von Leerheit nicht. Peinlich mag es euch fallen; es sind die Furchen, die Gott auf dem Acker eures Herzens zieht, um Saat für den Himmel hineinzustreuen. Fragt euch selbst im Lichte der Ewigkeit, ob es außer Jesu etwas gibt, das euren Seelen wirklich das Leben schenken kann. Hütet euch ebenso sehr den Hunger der Seele zu betäuben, als ihn im Genusse der Welt und der Sünde zu sättigen. Fleht zu Gott mit gebeugten Knien, wie ein Hungriger nach Brot würde schreien, dass er selbst euer Seelenauge aufschließe und mit eigener Hand zu Christo euch führe. Und kommt dann demütig auf seine Stimme heran wie Einer, der nichts zu verdienen, sondern alles zu erbitten hat. Kommt zu dem Sohne Davids um Lebensbrot, wie Mephiboseth, der hilflose Sohn Sauls, sich als Krüppel an Davids Tische niedersetzte, um von seiner Hand gespeist zu werden. Ist euer Herz einer freudenlosen Wüste gleich, hört, hört die Stimme des Rufenden: bereitet den Weg des Herrn. Wenn ihr nur hören wollet, schon seit Jahren verlangt das hungernde Herz nach Speise; die Welt hat nichts zu sättigen; was hat euch doch eure Seele getan, dass ihr sie lieber vor Hunger sterben, als sie zu Jesu kommen lasst?

Oder sagt ihr „ich habe die Gabe heilsbegierig und gläubig empfangen“ - so wird es sich darin beweisen, Zuhörer, ob ihr dann auch den Geber zum König erhoben habt. So - ihr wisst es wollten es, nach dem Bericht des Evangeliums, die kaum gesättigten Scharen. Aufspringend von ihren Sitzplätzen wogen alle durch einander, dem Wundertäter ihren Dank zu bezeugen. Wo es an Worten gebricht, murmelt man schon von Zepter und Krone: wen sollte man besser zum Monarchen wählen können, als einen Gottesmann, der seine Untertanen aus eigenem unerschöpflichen Vorrat umsonst und vollkommen sättigt? In gewisser Beziehung hat die Schar recht geurteilt, Geliebte, und wenn wir gleichwohl lesen, dass der Herr ihnen bedachtsam entwich, so tat er das fürwahr nicht deshalb, weil er das Königtum selbst, sondern allein deshalb, weil er einen irdischen Thron verschmähte. Nein, euch wird er nicht betrüben oder sich eurer Huldigung entziehen, heilsbegierige Gemüter, wenn ihr ihm mit der Bitte naht: „Herr, hast du meiner Seele das wahre Leben geschenkt, so besteige nun in meinem Herzen den Thron und herrsche ewig als König darinnen!“ Was sage ich, zu keinem geringeren Zweck bietet der Vater euch das Brot des Lebens an, als damit ihr vor dem Sohne als Untertanen eure Knie beugen sollt. Und fragt ihr, wann ihr ihn als euren König ehren sollt? Dann, Geliebte, wenn ihr euch so innig mit ihm vereinigt, wie mit Speise und Trank, die ihr genießt; wenn ihr, seit ihr einmal gesättigt seid, ihm folgt, wohin er euch vorangeht und nicht nur in ihm, sondern auch für ihn leben wollt. Was er einmal der Schar von Kapernaum sagte: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esset und sein Blut nicht trinket, so habt ihr kein Leben in euch,“ das sagt er zu euch und zu mir mit heiligem Nachdruck. Nichts mehr, aber auch nichts minder verlangt er, denn dass ihr ihn selbst als die Speise und den Trank des ewigen Lebens nicht nur über alles begehrt, sondern auch über alles hochschätzt. Kommt denn, Geliebte, und baut in der Kraft Gottes Throne in euch für ihn, der Thron und Zepter verließ, um der Welt sein Fleisch zum Leben zu geben! Bittet ihn, dass er selbst drinnen regiere durch seinen heiligen Geist und das Bedürfnis der Befriedigung, die Schwachheit der Kraft, den Hunger dem frohen Genusse weichen lasse! Aber dann auch unter betendem Aufsehen nach Oben die Wahl getan oder erneuert, seinen Thron in unserm Herzen mit keinem Andern zu teilen und ihm als rechtmäßigem Alleinherrscher über Alles zu dienen. Törichter, als die Juden gehandelt hätten, als sie Jesum wohl zum Könige hatten machen wollen, doch nur als Mitregenten mit Herodes, dem Vierfürsten, törichter würdet ihr handeln, wolltet ihr euer Herz teilen zwischen der Welt, die euch Gift, und Jesu, der euch Brot zur Speise bereitet. Alles muss Christus euch sein oder er wird euch endlich nichts. Zuhörer wählet denn, wählet zwischen der Speise, die vergänglich ist und der Speise, die da bleibt ins ewige Leben!

5. Und das bringt mich von selbst zu unserm letzten Gedanken. Als Brot des Lebens bringt Jesus noch dieselbe Scheidung zu Wege, wie nach seinem glänzenden Wunder. Welche Scheidung seht ihr ihn am Schlusse dieses Kapitels machen, Geliebte? Die Scheidung zwischen Nachfolgern, die ihn verlassen, weil er nichts mehr gibt als das lebendige Brot, und Jüngern, die ihm treu bleiben, weil sie nichts Geringeres als das lebendige Brot bei ihm finden.

„Gibt er nichts mehr als das lebendige Brot für die Seele,“ - so dachten und sprachen die irdisch-gesinnten Juden - „dann können wir ihn als unserm Heiland nicht folgen.“ Den Tag vorher haben sie fast vor ihm gekniet im Staube, weil sie von den Broten gegessen hatten und satt geworden waren; aber jetzt fragen sie: ist dieser nicht Josephs, des Zimmermanns Sohn? Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Sie schütteln ihr Haupt bei diesem Worte; sie wenden ihr Herz von ihm ab; und ehe der Abend eingebrochen ist, sind die Tausende von Anhängern Jesu zu Hunderten, die Hunderte zu Zehnern eingeschmolzen! Und der Herr - er lässt sie ungehindert hingehen; denn er will keine Nachfolger, die von ihm etwas Geringeres als das Brot des Lebens verlangen; er kann nichts sein für den Menschen, der mit der Erde und ihren Gaben befriedigt ist und nicht nach Gemeinschaft mit Gott hungert. So dient Christus, grade als das Brot des Lebens, für Viele zur Auferstehung, aber auch für Viele zum Fall. Gehet es nicht noch so, Geliebte? Ja, wenn der Herr ein Mittel anböte, Brot für den Leib zu finden und Arme zu Reichen zu machen, auch in unserer Zeit würden tausende von Stimmen sich zu seiner Ehre hören lassen und zahllose Arme würden sich erheben, ihn auf den Thron der Fürsten zu setzen. Nun er aber bloß Seelenbrot anbietet, wendet die Welt ihr Ohr lustlos von seiner Liebesstimme ab. Und wird es ihr geradezu gepredigt, dass er allein Alles ist für die, welche tot sind in Sünden und Übertretungen; dass all unsere Weisheit und Tugend und Kraft nichts vermag, um unsern Seelen wahrhaftiges Leben zu schenken; dass es keine andere Wahl gibt, als ihn selbst zu unserm Teil zu besitzen, oder vor ewigem Hunger und Kummer zu sterben - dann wiederholt sich dieselbe Erscheinung. Man zieht sich zurück; man spricht von Übertreibung und Schwärmerei; man sagt, solch' eine Christuspredigt stehe nicht mehr auf der Höhe der Zeit! - „Nicht mehr auf der Höhe der Zeit!“ Ach, wir fürchten, Geliebte, dass unsere Zeit in mancher Beziehung nicht mehr auf der Höhe einer solchen Christuspredigt steht, und in ihrem trotzigen Wahn den Wert eines Evangeliums übersieht, das dem armen Menschen durchaus allen Ruhm in sich selber nimmt! Regte sich heute in euch, meine Zuhörer, etwas von dem Ärgernis der hochmütigen Juden, so folgt immerhin ihren Fußstapfen und geht weg von Jesu. Er wird euch nicht zwingen, ihn um das Brot des Lebens zu bitten. Er kann euch entbehren, hier unter den Hungrigen, die er speist; droben unter den Gesättigten, die ihm in Ewigkeit danken. Er kann euch entbehren was sag' ich, nein, er will euch nicht entbehren, weil er weiß, dass ihr ihn nicht werdet entbehren können. Im Geiste steht er selbst hier im Gotteshause vor euch, wie in der Synagoge zu Kapernaum, um es auch euch, auch den Größten, den Besten, den Glücklichsten unter uns zu wiederholen: „Nur wer zu mir kommt, den soll nimmermehr hungern, und wer an mich glaubt, den soll nimmermehr dürsten.“ Geliebte, seht zu, was ihr ihm antworten wollt. Entweder „diese Rede ist hart, wer kann sie hören“ oder „Herr, zu wem sollen wir gehen als zu dir?“

So war es auf der andern Seite. „Gibt er nichts Geringeres als das lebendige Brot“ - so dachte Petrus mit den treuen Freunden des Herrn - „dann würde auch das Weggehen von Christo nichts geringeres als mein Todesurteil sein.“ Christen, reichet ihr wirklich die Hand der Gemeinschaft denen, welche dieses Wort von ganzem Herzen wiederholen? Wisset es wohl, ihr habet dabei nicht die Majorität auf eurer Seite, aber die Wahrheit gewiss; und ihn vor Allem, der euren hungrigen und durstigen Seelen zu einer wahren Speise und zum Tranke des ewigen Lebens geworden ist. Aber ist er euch unaussprechlich teuer, zeuget dann auch wie Petrus laut von ihm, vor Freunden und Feinden. Christen, unsere Zeit ist mehr, als Viele glauben, eine solche, wo Viele hungern und dürsten nach dem inwendigen Menschen. Von allen Seiten umringen sie euch, die da fragen nach Wahrheit, nach Verbesserung, nach Freude, und die Welt wird nicht müde, die Hungrigen immer dringender an ihren Festtisch zu nötigen und ihnen zuzurufen: „kommt, esst von meinem Brote und trinkt von meinem Wein, den ich euch gemischt habe.“ Ich bitte euch, weiset ihr sie stets lauter und dringender auf den Einen, bei dem Alles zu finden ist, was das Leben zum Leben machen kann und dem Tode den Todesschrecken nimmt. Aber bezeugt es denn auch, dass ihr für euch selbst in ihm das höchste Gut gefunden habt, und wenn der Herr auch in unsern Tagen stets deutlicher die sichtbare Grenzlinie zieht zwischen solchen, die äußerlich, und solchen, die von ganzem Herzen ihm nachfolgen, lasst es offenbar werden, wo ihr eurerseits stehen wollet. Stellet euch dieser Welt nicht gleich, und gebraucht ihren unschuldigen Genuss höchstens als Erquickung, nimmer als Nährkost auf dem Wege eures Lebens, gleichwie die Jünger im Vorbeigehn von einzelnen Ähren pflückten, die sie auf dem Acker antrafen, ohne deshalb sich aufzuhalten in der Nachfolge dessen, den sie als das wahre Lebensbrot kannten. Lasset eure Gemeinschaft mit dem Herrn stets inniger, ungeteilter, fröhlicher werden und lernt eure höchsten Bedürfnisse stets tiefer ergründen, damit ihr in ihm umso reichlicher Sättigung sucht. Gedenkt oft daran, auch in dunklen Lebensstunden, wie er euch, Todesschuldigen, das Leben in seiner Gemeinschaft geschenkt hat, gleich wie Jesus selbst seine Jünger hernach auf dem Schiffe noch zurückwies auf das wiederholte Wunder mit den Broten. Achtet jede Erfahrung für Gewinn, die euch lehrt, dass auf dem Acker der Welt die Speise für die Seele nicht wächst, und freuet euch, möge geschehen, was da wolle, dass das Brot in Christo euch gewiss und das Wasser des Lebens euch versichert ist. Und müsset ihr hier Tränenbrot essen und seht ihr kein Paradies, sondern eine Wüste um euch her, wo eure Speise zu Ende geht und euer Abend naht, hebet dann eure Häupter empor und wisset, dass eure Erlösung nahe ist. In dem himmlischen Eden stehet der Baum des Lebens blühend und seine Früchte fallen nicht ab und Niemand geht dort ungesättigt davon. Selig sind, die unter seinem Schatten ruhen. Sie hungern nicht mehr und sie dürsten nicht mehr. Amen!

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