Oosterzee, Johannes Jakobus van - Aus meiner Trostbibel
1. Woher das Leid?
Dornen und Disteln soll er dir tragen.
1. Mos. 3, 18.
So wird in der alten Urkunde, in der Genesis, das Entstehen auch von Dornen und Disteln im Reiche der Natur dem ersten Sünder von Gott selbst erklärt und wir wollen die Schmerzen des Lebens, deren sprechendes Sinnbild sie sind, immer noch zu den ungelösten Rätseln zählen? Ach, nach dem großen Schöpfungswunder gibt es eigentlich nur ein Rätsel, die Sünde, den schneidenden Misston in dem herrlichen Schöpfungsliede, die sittliche Unordnung im Reiche des allmächtigen und heiligen Gottes. Aber da nun einmal die Sünde besteht und herrscht, was Wunder, dass alles, was in der großen Welt da draußen und in der kleinen da drinnen eigentlich und uneigentlich unter dem Namen „Dornen und Disteln“ zusammengefasst wird, mittelbar oder unmittelbar aus dieser unseligen Quelle entsprossen ist? Es ist ein wahres Wort: „Der Weltacker bringt Herzeleid hervor“ und ebenso unzweifelhaft wahr ist dieses: „Ohne Sünden keine Wunden“.
Dies ist der Unterschied zwischen Gottes Weisheit und der Weisheit der Welt. Diese sagt dir: Der schwache Mensch ist von Natur gut, aber sein Elend auf dieser armen Erde ist der Quell seiner Sünde. Mache sein Dasein erträglich, und er selbst wird gleich besser werden.
Jene sagt: Der Mensch ist gefallen, und seine Sünde ist der Quell des Elendes, die Wurzel der schärfsten Dornen, über die ein heiliger und gerechter Gott das „Wachst und mehrt euch“ ausgesprochen hat. „Wie murren denn die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider seine Sünde.“ (Klagl. 3, 39.) Der Dorn in deinem Fleisch, die Distel vor deinem Fuß, jedes Unkraut auf deinem Herzensacker, in deinem Hause, in deinem Leben stammt her von ihr und immer wieder von ihr. O, wenn man dies wirklich glauben und vor allen Dingen besser bedenken wollte, wie viel weniger Bitterkeit, wieviel mehr Demut würde in dem trauernden Herzen sein, und wieviel begieriger würde wohl manche Hand wieder nach der alten Trostbibel greifen!
„Dornen und Disteln soll dir der Acker tragen!“ Ach, es ist so, und es kann und darf auch nicht anders sein, und es wird auch nicht anders werden, so lange noch nicht alles neu geworden ist. Aber, gottlob, auch noch ein andres prophetisches Wort steht zu unserm ewigen Troste geschrieben (Jes. 55, 13): „Es sollen Tannen für Hecken wachsen und Myrten für Dornen“. Dort klingt der Fluch der Sünde, hier rauscht der volle Trost der Gnade uns entgegen. Möchte uns der barmherzige Gott ein aufrichtiges Verlangen nach diesem Troste geben, möchte er's uns schenken, dass wir diesen Trost so erfassen, so genießen und ihn vor andern so preisen könnten, dass das Wort: „Selig sind, die da Leid tragen“ beides an ihnen und an uns selbst reichlich erfüllt würde!
2. Täuschung und Enttäuschung.
Dieser wird uns trösten.
1. Mos. 5, 29.
Ebenso alt wie die Sünde ist der Schmerz; sollte die Täuschung wohl so viel jünger sein, als der Schmerz? Wie schnell sie in einem gebeugten Herzen erwachte, wie laut und fröhlich sie sich kundgab, aber auch wie sie unausbleiblich der schmerzlichsten Enttäuschung weichen musste, das steht hier deutlich in der alten Urkunde wie zwischen den Zeilen zu lesen. „Dieser wird uns trösten“, ruft der 182jährige Lamech aus, als er seinen neugeborenen Sohn ans Herz drückt, und nennt seinen Namen Noah, Ruhe, Trost, weil er hofft, dass mit ihm endlich der Segen zurückkehren werde, da ja das Erdreich schon lange unter dem Fluche geseufzt hatte. Der Kurzsichtige, der sich nicht einmal träumen lässt von all dem Jammer, den das Kind, auf das er seine Hoffnung gesetzt, schauen wird, der von dem schwachen Geschöpf erwartet, was der allmächtige Schöpfer allein geben kann! Wie, mein betrübter Lamech! Soll dich dieser trösten, er, der selbst mehr Trost nötig haben wird, als all seine Väter zusammen? Er, der bald die fluchbeladene Welt durch sein Wort und Werk verurteilen muss, und sie endlich mit seinen eignen Augen untergehen sieht? Armer Vater, einen Mangel hat Deine frohe Erwartung: Sie kommt Jahrhunderte zu früh. Der Fluch muss noch wachsen, bevor er für immer weichen kann; und der, der ihn endlich abwenden und das verlorene Paradies den Menschenkindern zurückgeben wird, wahrlich, der muss ein ganz anderer sein als dies nichtige Menschenkind, das du mit solch lieblichem, aber so zutreffendem Namen begrüßt hast!
„Dieser wird uns trösten.“ In wie mancherlei Form ist später dieses Wort nicht über menschliche Lippen gekommen, um, wer weiß wie bald nachher, mit schmerzlichem Lächeln wiederholt und - widerrufen zu werden! Im Auge der Mutter war's zu lesen beim Anblick des Säuglings, dessen Geburt wie sie im Stillen hoffte, etwas lang Entbehrtes ausfüllen, einen schmerzlichen Schlag wieder gut machen sollte. Aus Männerherzen sprach es laut, wenn endlich nach langer Sorgennacht der Morgen aufging, der einen neuen Tag irdischen Heiles zu verkünden schien. Der Mensch wird alt, aber in stets verjüngter Gestalt steigen seine Hoffnungen wieder auf; und auch der Christ, der schon längst weiß, dass der wahre Trost hienieden nicht zu finden ist, auch der kann's nicht lassen, ihn immer aufs Neue von der alten Erde zu erwarten. Und das dauert so lange, bis wir Ungelehrigen endlich einmal für alle Zeit lernen, den Quell des Trostes nicht länger zwischen Disteln und Dornen, sondern hoch, weit darüber hinaus zu suchen. „Dieser wird uns trösten.“ Einer allein ist's, bei dem man untrüglichen Grund zu solcher Erwartung hat, und gottlob, der Eine blieb uns nicht unbekannt, Ach, möchten nur alle ihn kennen lernen und suchen! Muss man dann auch seine Hoffnungen zu Grabe tragen, das Grab ist doch weniger dunkel, wenn es die Wiege einer neuen Hoffnung wird, die weit über dieses Leben hinausreicht.
3. Noah aber fand Gnade.
Noah aber fand Gnade vor dem Herrn.
1. Mos. 6, 8.
Ein köstliches „Aber“, welches den untrüglichen Grund alles wahren Trostes erkennen lässt. Die Leiden sind gleich, aber die Leidenden sind verschieden, je nachdem des Einzelnen Verhältnis zu Gott beschaffen ist. Der Herr kennt den Weg der Gerechten, und wo es ihn nach menschlicher Weise geredet - reuen konnte, dass er den Menschen gemacht hatte, da ist es seine Lust, zu erhalten, die auf seine Güte hoffen. Kaum hat Noah die Arche betreten, so schließt der Herr auch schon die Tür hinter ihm zu (1. Mos. 7, 16), und herrscht auch überall Tod und Verderben, zu dieser Wohnung haben sie keinen Zugang. So besteht ein Unterschied zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient; und es gilt auch heute noch in unserer Zeit, die so mannigfach an die Tage der Sündflut erinnert. Und wir, die wir dies alles wissen, sollten wir wohl jemals, auch in den dunkelsten Augenblicken klagen dürfen: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen“? (Jes. 40, 27).
4. Noahs Taube.
Und die Taube kam zu ihm um Vesperzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug's in ihrem Munde.
(1. Mos. 8, 11.)
Welch' eine unbedeutende Kleinigkeit für das sinnliche, und doch welch' unschätzbarer Trost für das geistliche Auge! Diese Taube - was war sie für Noah anders, als ein Bote Gottes; das Ölblatt, was wird es anders, als die Weissagung von dem neuen Leben, das über dem unabsehbaren Grabe der alten Welt ersteht? Und das zur Abendzeit, wenn es dunkel wird draußen, vielleicht auch drinnen, nach Tagen und Wochen der Ungewissheit, der Mühe und Sorge! - Sei willkommen, geflügelter Bote der Gnade und Güte Gottes, nachdem wir auch seine Strenge erfahren haben! Verkündige es manchem Noah in mancher freudelosen Dämmerstande: „Und es wird ein Tag sein - weder Tag noch Nacht; und um den Abend wird es Licht sein“ (Sach. 14, 7).
Und du, meine Seele, behalte ein offenes Auge für den großen Schatz, den auch die kleinsten Tröstungen Gottes enthalten! Jene Taube kehrte nach Verlauf einer Woche nicht mehr zurück zu der Arche; diese erscheint immer wieder, wenn auch noch immer nur mit einem kleinen Vorgeschmack der Pracht und Kraft, die in ihrer ganzen Fülle erst in der neuen Welt uns erwarten. Die Taube kommt zu ihrer Zeit; soll sie aber zu uns in die Arche kommen, so kommt's darauf an, dass auch wir „unsre Hand heraus tun“.
5. Fürchte dich nicht, Abraham.
Fürchte dich nicht, Abraham! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.
1. Mos. 15, 1.
Eins jener Worte Gottes, die wohl verdienten, in jeder Bibel mit großen Buchstaben gedruckt zu stehen. Das erste „fürchte dich nicht“, soweit wir wissen, in der Geschichte der alten Gottesoffenbarung, das später noch so oft wiederholt wird. Schwer musste die Furcht auf Abraham liegen, dass selbst er, der Vater der Gläubigen, solch ein Gotteswort für den Augenblick nötig haben konnte. War vielleicht auf die hohe Spannung und die erregte Gemütsstimmung, von der das vorige Kapitel erzählt, ein tiefer Niederschlag der geistlichen Kraft gefolgt? Stehen vielleicht die fünf geschlagenen Könige wie Schreckbilder vor ihm, oder fühlt er sich doppelt einsam nach der Trennung von Lot? Sei dem, wie ihm wolle. Der himmlische König weiß wohl, warum dieser Abraham gerade heute ein freundliches „fürchte dich nicht“ nötig hat, welches ihm nicht sein eigenes Herz, sondern nur sein Gott zusprechen kann; und der vertreibt jede Unruhe aus diesem Herzen durch das, was er unmittelbar hinzufügt: „Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn“; dein Schild gegen jeden Feind, dein Lohn für jedes schmerzliche Opfer. O, wie versteht unser Gott das Geheimnis, zu rechter Zeit das rechte Wort dem Müden zuzusprechen. Was auch sein Herz beschwert, vor Ihm darf Abraham es offen darlegen; er kann einer Antwort versichert sein, die seine kühnsten Hoffnungen übertrifft.
Und wo ist denn nun die Furcht, die sein banges Gemüt erfüllte? Verschwunden, wie die flüchtige Wolke am Abendhimmel, auf welchen sein Gott ihn schauen hieß, und an ihrer Stelle ein Glaube, den sein Gott ihm zur Gerechtigkeit rechnet.
So ward Abrahams Glaube erschüttert, gestärkt, geprüft und gekrönt; und nun der unsere, so viele wir Erben der Gottesverheißung geworden sind? Ach, die Furcht, die auch Abraham beseelte, wir kennen sie nur allzu wohl; aber seine innige Gemeinschaft mit Gott, seine vollkommene Aufrichtigkeit gegen Gott, auch hinsichtlich seiner eigenen Schwäche; sein unerschütterliches Vertrauen auf Gott, das auch an ein noch unverstandenes Wort sich unauflöslich anklammert? Ach, darum sind wir ja jämmerlich kleine, schwache, innerlich unglückliche Menschen, weil unser Glaube so jämmerlich schwach ist,
wenn wir ja auch schon angefangen haben, zu glauben. Wohl haben auch wir beständig nötig, aus der Enge unserer wankenden Hütte durch eine höhere Hand bis unter das unermessliche Himmelsdach geführt zu werden und die geheimnisvolle Stimme zu vernehmen: „Siehe gen Himmel!“ Aber wie oft spricht diese Stimme vergeblich! Wir lassen uns ableiten, aber nicht hinaufleiten; missleiten, aber nicht fortleiten; und wird endlich das Auge ein wenig über die Erde hinaus gerichtet, so sehen wir nicht die Sterne, sondern immer wieder nur die siebenfache Wolkenschicht, ohne einen einzigen purpurnen oder silbernen Saum. Wir sind wie die Weisen im Morgenlande, die die Nacht auf ihren Wachttürmen bei ihren Ferngläsern zubrachten, anstatt sich auszumachen und selbst zu forschen, zu forschen insonderheit nach den Sternen, die hinwiesen auf das gelobte Land. Und doch leuchten deren so viele, leuchten so freundlich allen, die nur ihre Schrift zu lesen verstehen; denn: Alle Gottesverheißungen sind ja in ihm, und sind Amen in ihm, Gott zu Lobe durch uns (2. Kor. 1, 20). du, der uns heißt aufschauen, öffne und erhelle du selbst unser Auge, und, o du Allerbarmer, wenn auch wir klein und schwach genug sind, zu zittern vor einem Schmerz, den wir vielleicht niemals erfahren werden, o dann wiederhole auch für uns in solchen stillen Dämmerstanden der Seele das Wort, welches niemand so sprechen kann wie Du: „Fürchte dich nicht, ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn!“
Aus der Enge in die Weite
Aus der Tiefe in die Höh'
Führt der Heiland seine Leute,
Dass man seine Wunder sehe.
6. Verirrt und gefunden.
Der Engel des Herrn fand Hagar bei einem Wasserbrunnen in der Wüste.
1. Mos. 16, 7.
„Ich bin einsam und elend“ jedes dieser beiden Psalmworte (Ps. 25, 16) umfasst zuweilen eine kleine Welt von Schmerzen; aber in welcher Menschenseele haben sie je zusammen einen so schmerzlichen Wiederhall gefunden als in der der verstoßenen und flüchtenden Hagar? Erst so hoch erhoben, und nun so tief erniedrigt; in froher Erwartung und zugleich in ängstlicher Furcht; verbittert, bekümmert und gänzlich verlassen, so ist sie dort bei einem Wasserbrunnen in der Wildnis, und träumt schon von Ägypten, wohin sie zurückkehren will, indem sie den Segen von Abrahams Zelt für immer hinter sich lässt. Aber so wird sie, die arme Magd, auch gefunden von dem, den sie am allerwenigsten suchte; so wird sie zurückgezogen, gerettet, wie vom Rande des Abgrundes, und zur ewigen Ehre des Erbarmers sei's geschrieben, der so hoch thronend, sich doch so tief hernieder beugen kann, die erste Erscheinung des Engels des Herrn, welche die Bibel berichtet, wird dieser Ärmsten der Armen auf ihrem jammervollen Irrwege zuteil! Wie herrlich die Geschichte weitergeht, wissen wir - aber, o mein Herz, kennst auch du die bittere Hagarsstunde, wo auch du im vollsten Sinn des Wortes dich nicht nur einsam, sondern elend fühltest, wo du dich niedersetztest mit bedrücktem Gemüt, mit ruhelosem Gewissen, erniedrigt vor den Menschen, aber noch nicht gebeugt vor Gott; offenbar auf einem Irrwege, offenbar am Sinken, im Begriff, dich selbst zu verlieren, ja - verhütete der Herr es nicht - selbst deinen Gott zu verlieren? Dann lies und lerne, was hier wie zwischen den Zeilen geschrieben steht: Es ist ein Gott, der das Verworfene sucht, der sich niederbeugt, auch zu dem, was die Menschen kaum bemerken, viel weniger noch aufheben würden. Da ist vielleicht schon vieles, aber doch auch wieder noch gar nichts verloren; es braucht wenigstens noch nichts verloren zu sein, wenn du dich nur von dem guten Engel finden lässt, der gerade zur rechten Stunde ausgeht, dich zu suchen, und wenn du dein Ohr nicht abwendest von der doppelten Frage, wo die er an solch einem Wendepunkte mit erhöhtem Nachdruck an dich richtet: „Wo kommst du her, und willst du hin?“ Nur sei deine Antwort, wie die der Hagar, vollkommen wahr, mag dann auch eine Selbstanklage darin liegen; und lasse dich leiten, wie sie, auf den Weg der tiefsten Demütigung, darauf ein zwar erbarmungsreicher aber auch heiliger Gott dich setzen will. Selten wandeln wir irgendwo sicherer, als in dem tiefen Tale der Demut, worin wir unter heißen Tränen unser beflecktes Vorleben begraben, und für die Zukunft nichts weiter begehren, als was der ewig Getreue dem gebrochenen, aber vor ihm gebeugten Herzen verheißt. Der Wasserbrunnen, bei dem wir erst mutlos niedersaßen, wird dann alsbald auch für uns ein Brunnen des Lebendigen, der uns angesehen hat“, und wir schauen durch alle Nebelschleier hindurch hinter der Erniedrigung unsre Erhöhung, hinter der Wüste das Land der Verheißung, und über beiden das freundliche Antlitz dessen, der uns nahe war, als wir ihn ferne wähnten, der unser Elend ansah zur selben Stunde, wo wir es hoffnungslos nannten.
Seele, glaubst du das? Zweifelsüchtige Seele, willst du bei diesem Glauben verbleiben? Und du, der du gewiss nicht ohne eigene Schuld - diesen Glauben verloren hast, sage an, kannst und willst du den Einzigen, der dir helfen kann, außer Acht lassen, und nicht lieber mit seiner Hilfe dahin gelangen, dass du, wie Hagar, mit Freudentränen in den Augen jauchzen kannst: Gerettet!?
7. Und es gingen die beiden mit einander
Und es gingen die beiden mit einander.
1. Mos. 22, 6.
Vielleicht ist dies der rührendste Zug in der rührenden Erzählung von Abrahams Opfer; nur ein kurzes Wort, und doch so anschaulich! Wir sehen sie dort neben einander den einsamen Bergpfad hinansteigen, den ehrwürdigen Vater, der noch nicht sagen kann, was doch alsbald gesagt werden muss; den vielversprechenden Sohn, gebückt unter dem Holze, dessen Bestimmung er nur zu bald vernehmen wird; ruhig, sinnend, meist schweigend - so gingen die beiden mit einander.
Wie viele sind früher und später nach ihnen den steilen Berg des Glaubensgehorsams hinaufgestiegen, um ein Opfer zu bringen, dessen ganze Schwere Gott allein verstand! Also gingen die beiden mit einander, die Eltern mit dem unaussprechlich teuren Pfande, welches sie jedoch dem Herrn abtreten mussten; die Wanderer auf einem Wege, die einander die Hand zum Abschied reichen mussten, auf den hier kein Wiedersehen folgen sollte; die Betrübten und Geprüften, jetzt noch bei einander, aber um alsbald einsam voneinander zu gehen. O, welche Menge stiller Schmerzen, die wir selbst vor den liebsten Augen verbergen; welche Fülle schwerer Schritte, die doch getan werden mussten, - sind nicht immer unausgesprochene Seufzer die bängsten gewesen? Aber du Wanderer auf dem Moriapfade, wisse wohl: Auch auf solchen Wegen ist ein Dritter unsichtbar nahe, um zu stützen, zu lindern, zu leiten; und wenn endlich der schwere, schwere Gang vollbracht ist, wenn die Höhe, zu welcher du zagend emporblicktest, erreicht ist, dann erfährst auch du, dass die Not doch nicht größer ist als der Helfer. Auch du siehst bald den Himmel offen, und hinter der zerrissenen Wolke hervor strahlt dir das Licht der göttlichen Herrlichkeit entgegen. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Der Gott von Moria lebt noch, und Abrahamsopfer werden nie gebracht, ohne dass sie einen ewigen Segen für Priester und Opfer zurücklassen.
„Drum trage du und frage nicht,
Drum wage du und zage nicht.“
8. Also ward Isaak getröstet.
Also ward Isaak getröstet über seiner Mutter.
1. Mos. 24, 67.
Ein erwachsener Sohn, der besonderen Trostes bedarf nach dem Hingange seiner betagten Mutter - fürwahr, ein Bild aus dem heiligen Altertum, lieblich, und auch auffallend genug, um unsre Aufmerksamkeit zu erwecken. Aber ein Gott, der den Verlust einer Sara grade zur rechten Stunde durch das Geschenk einer Rebekka ersetzt, verdient er nicht um dieser Leitung seiner Vorsehung willen ein Gott alles Trostes zu heißen? Gesegnet die Hand, die auf allerlei Weise einen lindernden Balsam auch für die schmerzlichsten Wunden bereitet! Glücklich das Haus, worin es der Liebe nie an Trost fehlt, selbst nicht nach einem unersetzlichen Verluste.
O selig Haus, wo du die Freude teilest,
Wo man bei keiner Freude dein vergisst;
O selig Haus, wo du die Wunden heilest
Und aller Arzt und aller Tröster bist,
Bis jeder einst sein Tagewerk vollendet,
Und bis sie endlich alle ziehen aus
Dahin, woher der Vater dich gesendet:
Ins große, freie, schöne Vaterhaus!
9. Joseph ist nicht mehr vorhanden.
Joseph ist nicht mehr vorhanden.
1. Mos. 42, 36.
Von allen Erzvätern ist sicherlich nicht ein einziger, in dessen Lebensgeschichte wir die Spuren von so viel Trübem und Sündigem finden, als in der des Erzvaters Jakob; und wiederum in Jakobs Geschichte kein Abschnitt, der uns tiefer bewegt, als der, wo er um seinen Sohn Joseph klagt. Unser Text versetzt uns mitten in diese trübe Zeit. seines Lebens und gibt uns zugleich Gelegenheit, einen tiefen Blick in sein Herz zu tun. „Joseph ist nicht mehr vorhanden“, - dieser Klageruf des jammernden Greises erschließt vor unserem Auge eine ganze Welt tiefsten Seelenschmerzes. Dass auch Simeon nicht mehr vorhanden ist, dass man nun auch Benjamin ihm nehmen will, das mag ihn aufs tiefste bekümmern; aber was ist das im Vergleich mit dem Einen, Großen: „Joseph ist nicht mehr vorhanden?“ Das ist der schärfste Dorn für dies allzu gefühlvolle Fleisch; dies das große Fragezeichen in seinem Lebensbuche, welches dort schon Jahre lang stand ohne eine befriedigende Antwort zu finden; dies bei weitem die größte von allen Widerwärtigkeiten, die er erleben musste. Ach, wie unsagbar viel hat er auch in diesem einen Joseph verloren, und auf welch schreckliche Weise, und mit wie geringer Entschädigung! Nein, wir dürfen ihm diesen Schmerzensschrei nicht verübeln, aus dem wir es deutlich heraushören, wie Jakobs Herz durchbohrt ist, wie seine Schuld an ihm heimgesucht wird, wie sein Mut gebrochen ist. Du am allerwenigsten sollst über dieses gebeugte Haupt den Stab brechen, der du selbst früher oder später gestanden hast, vielleicht gar eben jetzt da stehst als einer, der das kostbare Gefäß seiner Hoffnungen in Scherben zu seinen Füßen zerbrochen sieht; du, dem es zu Mute ist, als ob er gegen sich allein von allen Seiten alles einstürmen sähe, und der bei so viel Bitterem grade jetzt mit doppelter Schärfe die alte Herzenswunde brennen fühlt, und im schwarzen Trauerkleide beim Anblick eines leeren Platzes, einer auffallenden Ähnlichkeit jammert: Ach, der Eine ist nicht mehr vorhanden!
Ja, es ist auch so hart, es ist auch so natürlich; und doch, sollte es wohl gut, wohl weise, wohl christlich sein, das Nichtvorhandensein dieses einen Joseph oben an zu stellen in der Reihe der Dinge, die uns zuwider zu sein scheinen? Jakob hat später wohl Zeit genug gehabt, sich über sein kleinmütiges Klagen zu schämen; und wir, die wir die herrliche Entwicklung grade dieses dunkelsten Teiles seiner Geschichte kennen, wir haben darin wie in einem hellen Spiegel „das Ende des Herrn gesehen, dass der Herr barmherzig ist und ein Erbarmer“. Wie zeigt sich's auch hier wieder, dass Gottes Wege nicht unsre Wege sind und seine Gedanken so viel höher als der Menschen Gedanken! - Joseph ist nicht mehr vorhanden; aber grade dadurch wird Jakob geläutert. Die sichtbaren Götzen Labans hat er schon längst zerbrochen; aber es muss auch der letzte Abgott dadrinnen in seinem Herzen zerschlagen werden, auf dass Gott allein sein Ein und Alles werde; wie könnte sonst aus Jakob je ein Israel werden? - Joseph ist nicht mehr vorhanden - aber grade dadurch wird Joseph herangebildet zur schönsten Lebensbestimmung, denn nicht durch das väterliche Zelt, sondern durch den fremden Kerker hindurch führt für ihn der Weg zum Throne. Ach, der Schmerz macht uns so oft selbstsüchtig, und die Selbstsucht lässt uns so schnell vergessen, dass das, was wir als Mangel empfinden, für die, die wir lieb haben, wohl die Ursache zeitlichen und ewigen Gewinnes sein könnte! Endlich: Joseph ist nicht mehr vorhanden, aber grade dadurch wird beiden, Jakob und Joseph, die selige Freude bereitet, als die Stunde des Wiedersehens anbricht, und der so lange Betrauerte endlich noch, bevor es bricht, an dem jauchzenden Vaterherzen ruht. Ist's noch nötig, das Ende der unnachahmlich schönen Erzählung zu wiederholen und in der grauen Vergangenheit die Weissagung einer ewigen Zukunft zu sehen?
O, meine Seele, gehe mit deiner Erfahrung zu Rate, dann wird dein Klagen zu Lob und Preis! Schaue hin auf Jakob, auf Joseph, auf Jesus, und rechne, so du im Glauben beharrst, fest auf eine Stunde, - vielleicht erscheint sie dir an dieser, gewiss aber an jener Seite des Grabes in der du mit stillem Erstaunen entdeckst, wie alles, was hier wider dich zu sein schien, doch endlich sich für dich wandte, und wie denen, die Gott lieben, alles, alles zum Besten dienen muss, auch das schwärzeste Trauerkleid der Seele, sei's nun um Lebende oder Tote getragen. Und du, der du vielleicht selten laut, aber umso mehr im Stillen seufztest: Joseph ist nicht mehr vorhanden - lerne endlich mit seligem Lächeln auf dem tränenfeuchten Antlitze dieses viel größere Wort wiederholen: Jesus ist doch da, und Er allein ist mir, auch wenn ich von allen verlassen bin, im Leben und Sterben - genug!
Du hier mein Trost und dort mein Lohn,
Sohn Gottes und des Menschen Sohn,
Des Himmels großer König:
Von ganzem Herzen preis' ich dich;
Hab' ich dein Heil, so rühret mich
Das Glück der Erde wenig.
Zu dir komm' ich; wahrlich keiner
Tröstet deiner sich vergebens,
Sucht er dich nur, Brot des Lebens.
10. Durchglüht, aber nicht verzehrt.
Und der Busch ward nicht verzehrt.
2. Mos. 3, 2.
Nicht verzehrt! Nec tamen consumebatur1)! Eine der reformierten Kirchengemeinschaften unseres Erdteils wählte diese bedeutungsvolle Überschrift zu ihrem Siegel, einem brennenden Dornbusch. Wie wir wissen, weist sie hin auf die heilige Erzählung, oder vielmehr auf den ewig denkwürdigen Ort, wo der Herr dem Moses zuerst erschien, in der Stunde, da er zu seiner prophetischen Mission berufen wurde. Der Dornbusch nahe beim Horeb, durchglüht von der mächtigsten Glut, aber doch nicht versengt oder verzehrt: ein treffendes Bild des Volkes Israel, wie es damals war: hart geängstigt und gequält von seiner Jugend an, nicht allein bei den ägyptischen Ziegelöfen, sondern durch alle Jahrhunderte seiner wunderbaren Geschichte hindurch; beständig gezüchtigt, erniedrigt, bis an den Rand des Abgrundes gewissermaßen geführt, und doch sichtbar immer wieder bewahrt, errettet, aus der Tiefe wieder hinaufgeführt durch eine höhere Hand und einen starken Arm, und sogar heute noch, nach seiner jahrhundertelangen Zerstreuung, das ewige Volk, das seine ganz einzigartige Stellung einnimmt unter all den Völkern der Erde. Ein sprechendes Gleichnis zugleich auch von der leidenden und streitenden, aber allezeit wieder beschirmten, gestärkten, triumphierenden Gottesgemeinde, vom Anfang der apostolischen Zeit an bis hindurch an das Ende der gegenwärtigen! Aber dürfte man dies Gleichnis nicht mit eben dem Rechte ein klares Bild nennen vom Leben und Leiden - äußerlichen und innerlichen - so vieler geliebten Kinder Gottes auch in unserer Umgebung, die hingegeben waren in so viel bange Bedrängnis, aber auch oft wunderbar gerettet und erhalten worden sind in den größten Trübsalen? Siehe, während die prächtigen Eichen um sie herum verschont bleiben, wird der schwache, geringe Dornstrauch heimgesucht; während bei so manchem Weltkinde, so zu sagen, nicht einmal der Rauch des Feuers durch die Kleider hindurchdringt, wird der Ofen der Trübsal für so manches kostbare Glaubensgold geheizt zu siebenfacher Glut. Wahrlich, diese überraschende Erscheinung mag zugleich ein befremdliches Rätsel heißen, für den wenigstens, dem der Mut fehlt, um mit Moses zu sprechen: Ich will doch hingehen, dass ich sehe dieses große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennet. Denn unter allerlei Formen wiederholt sich ja noch immer dieselbe Erscheinung, ja, ein doppeltes Rätsel zeigt sich hier aufmerksamer Betrachtung.
Woher kommt es, dass grade dieser Dornbusch so brennen muss, und wiederum, wie mag es kommen, dass er trotz der großen Glut nicht verzehrt wird? So fragen wir noch oft, unwillkürlich erschrocken bei dem Blicke auf so unendlich viel Leid, rings um uns und in uns. Aber treten wir, wie Moses, hinein in Gottes Heiligtum, so überrascht uns eine neue Offenbarung der göttlichen Macht und Heiligkeit einerseits, aber andererseits auch der göttlichen Gnade und Treue. Ja fürwahr, hier ist der Herr in dem Feuer der Prüfung, welches von seinem Angesichte ausgeht, um die Sünden der Seinen heimzusuchen, ihre Unlauterkeit zu läutern, ihre Unreinigkeit zu verzehren; seine Offenbarungen sind zu gleicher Zeit Urteile, aber seine Urteile darf man wieder Befreiungen nennen. In der Feuersglut kommt er selbst mit herzlichem Erbarmen, um ihr Elend anzusehen, ihre Tränen zu trocknen, ihre Bande zu lösen; und in Ewigkeit bleibt er eingedenk des Bundes seiner Gnade. Ja, der Dornbusch muss brennen; denn wo ein heiliger Gott in Berührung tritt mit einem sündigen Geschöpfe, da kann es nicht abgehen ohne Heimsuchungen, Läuterungen, Ausstrahlungen seiner Majestät, die nun einmal nichts erträgt, was mit ihrer innerlichen Heiligkeit in Widerspruch ist. - Doch wo nun die Glut dieser Majestät leuchtet, da verzehrt sie drum nicht dasjenige, was sie kaum ertragen zu können scheint; der Dornbusch muss, aber kann auch brennen, ja grünen in der roten Flamme, weil Gott in ihr ist wie in seinem Tempel von unverbrennbarem Holz. Er, der sein Eigentumsvolk läutert, schont und erhält das unvergängliche Leben, das in ihm gegründet und gewurzelt ist. Er erhält sein Werk mitten in den Jahren, mitten im Zorn gedenkt er des Erbarmens. Und das letzte große Gesicht, welches der letzte Gottesmann am Ende der Zeiten mit anbetendem Seelenentzücken sehen wird, es wird sein eine durchläuterte Gottesgemeinde, unvergänglich grünend in den Flammen des Weltbrandes am jüngsten Tage: Durchglüht, aber nicht verzehrt!
Herrliche Offenbarung! Sollte in ihr nicht auch für uns eine Weckstimme ertönen wie an jenem Tage für Moses; und was hat die Weckstimme uns zu verkünden? Uns, die wir zuweilen aus nächster Nähe solche Rätsel schauen, ja deren eigenes Leben vielleicht Zeiten enthielt, die uns unwillkürlich an ein Rätsel denken ließen? Möge der Heilige Geist selbst uns Verständnis geben zur richtigen Lösung. Soviel ist klar: Flammen und Funken sind das Ärgste nicht, was wir im Dornbusch dieses Lebens zu fürchten und also auch nicht unbedingt hinweg zu bitten haben; es sind eben Rätsel, die aber früher oder später für den Glauben Lichtstrahlen werden; und nicht verzehrt zu werden siehe da dasjenige, worauf es am Ende ankommt, aber wovon auch das Israel Gottes in der Menschheit sich fest überzeugt halten kann. Sind und bleiben wir nur des Herrn, gleichviel wie's auch gehen möge: die alte Siegelinschrift der schottischen Kirche wird das letzte Wort auch unsrer Geschichte sein: Nec tamen consumebatur. „Wie durchs Feuer“ werden wir behalten, aber doch, wir kommen zum Ziel, und ist die Flamme einmal gelöscht, dann strahlt die Pflanzung Gottes in ewigem Glanze, aber hinfort - ohne läuterndes Feuer.
11. Auf Umwegen.
Da nun Pharao das Volk gelassen hatte, führte sie Gott nicht auf die Straße durch der Philister Land, die am nächsten war; denn Gott gedachte, es möchte das Volk gereuen, wenn sie den Streit sahen, und wieder in Ägypten umkehren. Darum führte er das Volk um auf die Straße durch die Wüste am Schilfmeer.
2 Mos. 13, 17, 18.
„Die grade Linie ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten,“ das haben wir schon in unserer Jugend gehört; aber wer ist Jüngling und Mann geworden, ohne es immer wieder zu erfahren, dass der Lauf des Lebens noch lange nicht immer an die grade, sondern vielmehr an die gebogene und krumme Linie erinnert? In der Tat, auf die Gefahr hin, dass jemand uns die spöttische Frage vorlegt, ob denn in unseren Augen die Wege des Herrn nicht grade seien, dürfen wir kühn behaupten, dass auf dem Gebiete der anbetungswürdigen Regierung Gottes grade die ungrade Linie die schönste ist, ja dass sie keine seltene Ausnahme ist, sondern vielmehr feste Regel zu sein scheint in der Vollführung seines Ratschlusses mit den Seinen. Auf einem Umwege führte Gott sein Volk in das Land seiner Bestimmung. Nicht auf dem nächsten Wege, durch der Philister Land kommt Israel nach Kanaan, sondern es muss sich zufrieden geben mit dem langen, langen Zug durch die Wüste am Schilfmeer. seltsame Wahl, möchte man da wohl sagen, und doch - wie vielen ist es früher und später ganz ebenso ergangen? Gewiss, Gott allein kennt den kürzesten Weg, aber darum wählt und geht Er ihn noch lange nicht immer; Er führt uns auf dem besten Wege, wenn der dann auch länger und rauer ist. Was ist, um nicht weiter zurückzugehen, der Aufenthalt des Moses in Midian anders als solch ein scheinbar zweckloser Umweg? Auf einem Umweg über Hebron gelangt David auf den längst verheißenen Thron zu Jerusalem; und der große Davidssohn, warum musste der als Kind von Bethlehem nach Nazareth grade durch Ägypten geführt werden, und warum geht sein Leidenstag von dem Richthause des Pilatus nach Golgatha durch den Palast des Herodes? Auf welche Weise wird zuletzt des Paulus Sehnsucht Rom zu sehen, endlich erfüllt - und Onesimus, der als ein Dieb seinem Herrn entlief, auf welchem Wege kehrte er als Christ zu ihm zurück? Auf einem Umweg, scheinbar zwecklos und willkürlich gewählt, und oft wohl wären wir geneigt von Aufenthalt, Zeitverlust, verlorener Mühe zu reden und doch ….. Auf einem Umwege - das Wort könnte als Überschrift stehen über den Jahrbüchern der Geschichte der Kirche, der Mission, der Welt. Noch mehr; wiederholt sich diese Regel nicht immer wieder auch im geistlichen Leben? Gewiss, von dem Augenblicke an, wo du mit wahrhaftigem Glauben den Heiland angenommen hast, bist du bewahrt vor dem zukünftigen Zorn; aber bist du wirklich, fühlst und zeigst du dich wirklich als ein Erlöster des Herrn? Ach, wie viel Stillstand, Aufenthalt und Rückgang in der kleinen Welt im Innern; wie viel Umwege, die uns immer weiter weg zu führen scheinen von dem Ziele unsrer irdischen und himmlischen Berufung! Wir glaubten näher als je zu sein beim Hafen der Ruhe, und auf einmal sind wir weiter davon als je zuvor, und das Schifflein ist zurückgeschleudert in die brandenden Wogen. Wahrlich, man braucht kein Prophet zu sein, um aus tiefstem Herzensgrund das Wort des Propheten zu wiederholen: „Ich weiß, Herr, dass des Menschen Tun steht nicht in seiner Gewalt, und steht in niemandes Macht, wie er wandele oder seinen Gang richte (Jerem. 10,23).“ Auf Umwegen; - Gott handelt mit gutem Grunde so, und er will, dass der Mensch darauf achte, damit sein Glaube nicht aufhöre, auch dann nicht, wenn's uns ganz anders geht, als wir gedacht und geträumt hatten. Der kürzere Weg wäre, wie der Zusammenhang lehrt, in diesem Falle für Israel grade am wenigsten geeignet gewesen; darum wählt Gott den längeren. Gerade weil die ewige Weisheit durchaus nicht mit der Zeit zu rechnen braucht, nimmt sie umso mehr Rücksicht auf unsre tiefsten Bedürfnisse. Die Umwege sind Meisterzüge auf der Karte, die ein höherer Finger uns vorgezeichnet hat; und wer kann es aussprechen, was für unvergessliche Erfahrungen er diesen Umwegen, seiner Seele zu ewigem Segen, zu verdanken hatte. Am Ende erscheinen sie uns doch immer als die besten Wege, und auch - als die nächsten. Und dabei sollten wir noch klagen, widerstreben, vorauslaufen wollen? Weit eher geziemte sich's uns, glaubensvoll zu sprechen:
Du führest, Herr, die Deinen
Nicht immer wie sie's meinen,
Doch stets nach deinem Rat.
Ob ich mich auch betrübe,
Bleibt doch dein Rat voll Liebe;
Das zeigt der Ausgang mit der Tat.
Wenn ich hier Tiefen sehe,
Und es nicht ganz verstehe,
Was du mit mir getan,
Kann ich doch des mich trösten:
Du nimmst mich, mich Erlösten,
Gewiss dereinst zu Ehren an.
12. Von Mara nach Elim.
Und sie kamen (von Mara) nach Elim, da waren zwölf Wasserbrunnen und siebzig Palmbäume, und lagerten sich daselbst ans Wasser.
2. Mos. 15, 27.
Mit Recht hat ein frommer Glaube zu allen Zeiten in Israels Zug durch die Wüste ein sprechendes Bild nicht nur manches menschlichen, sondern auch - in großen Zügen wenigstens - des Christenlebens gesehen; und ist hier auch manches, was sich gar nicht, oder doch nur kaum in Übereinstimmung bringen lässt, in manchem Zug der Geschichte ist noch immer der Ausdruck einer ewigen Wahrheit zu finden. Auf Umwegen - so ging's damals; und so geht es auch heute noch immer auf der Reise nach dem himmlischen Kanaan, und auf diesen Umwegen fehlt es auch gar nicht an Steinen des Anstoßes. Aber Gott sei Dank: „Von Mara nach Elim“ die Worte enthalten noch etwas mehr, als einen alten Reisebericht; sie sind im christlichen Sinne ein Lebenssymbol, mehr denn wert, dass mans mit offenen Augen anschaut und mit beiden Händen ergreift. An Maras fehlt's am allerwenigsten in diesem Lande der Prüfungen; auch nicht an Stellen, wo wir Labung und Erquickung erwarten und bittere Enttäuschung finden. Daran kann und darf es nicht fehlen, wär's auch nur um uns zu erinnern, dass die Fleischtöpfe Ägyptens für immer hinter uns liegen. Aber doch lernen wir aus ihnen nicht allein die Bitterkeit des Lebens, wir lernen daraus auch das kräftige Heilmittel kennen: das geheimnisvolle Holz, das alles Bittere süß macht; und jetzt geht es, wenn Gottes Stunde gekommen ist, auf sein Geheiß wieder mit seinen Erlösten durch die Tiefe in die Höhe, durch Entbehrung zum Genuss, durch Kampf zum Frieden von Mara nach Elim. „Und da waren zwölf Wasserbrunnen und siebzig Palmbäume, und lagerten sich daselbst ans Wasser.“
Mein Bruder, meine Schwester, kennst du auch solch ein liebliches Elim? Siehst du es vielleicht auf deinem Dornenpfad in einiger Entfernung schon vor dir liegen? Scheide dann nicht von diesem Blatte in deiner Trostbibel, ohne drei einfache Lehren mitzunehmen. - Schaue oft von Elim nach Mara zurück; das wird deine Dankbarkeit für das liebliche Heute umso reichlicher machen.
Verwechsle nicht das irdische Elim mit dem himmlischen Kanaan; ein Palmbaum ist noch kein Weinstock, eine Oase noch kein Paradies. Elim kann wohl ein Vorbild des gelobten Landes sein, aber es kann es nimmermehr ersetzen. -
Endlich: Klage nicht allzu sehr, wenn du alsbald wieder von Elim weiterziehen musst. Gewöhnlich finden wir mehr Behagen, als wirklichen Nutzen in der Ruhe. Es ist wohl zu beachten, dass gleich der erste Ruheplatz Israels nach Elim schon ein Schauplatz von Unzufriedenheit und Widerspenstigkeit wird. So sind wir; und darum ist es gewiss gut, dass wir auch zu Elim hören: Ruhe ein Kleines. Auch Elim liegt bald, gleichwie Mara, hinter uns; aber das Bessere kommt und bleibt!
13. Also blieben wir.
Also blieben wir im Tal gegen dem Hause Peors.
5. Mos. 3, 29.
Es gibt in den fünf Büchern Moses einzelne Berichte, die bei aller Kürze nicht wenig zu denken geben. So ist es auch mit diesem scheinbar so unbedeutenden Worte aus dem letzten Jahre von Moses Lebensgeschichte, wenn wir es nämlich in seinem merkwürdigen Zusammenhang betrachten. Eben hat der Gottesmann mit feuriger Inbrunst die Bitte um Aufhebung des Urteils ausgesprochen, welches ihn von Kanaan schied. Aber vergebens; es ist, als hätte Gott vergessen, gnädig zu sein; er darf das gelobte Land schauen, aber dann hat er nichts weiter zu tun, als Josua an seine Stelle zu setzen und seine eigne Todesstande zu erwarten. Und nun, nachdem er vergeblich die Bergeshöhe des Gebetes bestiegen, bleibt auch er in dem tiefen Tal, wo Israel noch immer lagerte. „Also blieben wir“, das Schwert in der Seele, keine einzige Klage auf den Lippen, ohne zu wissen, wie lange, ohne zu begreifen, warum. „Im Tal“, ja, wohl ein Tal im doppelten Sinne des Wortes für eine Mosesseele, die zu solchen Bergeshöhen emporstieg, höher noch als der Hügel Pisga; hier, wo die Aussicht in jeder Weise beschränkt, das Warten einförmig, das Leben freudenlos ist, in dem Gebirge Abarim, wo Israel sich später an den Baal hing. „Gegen dem Hause Peors“, wo er nach Vollendung der vierzigjährigen Wüstenreise dem widerspenstigen Israel noch einmal das Gesetz vorlegen musste, ohne aber selbst die Freudenbotschaft zu hören, dass auch ihm das gelobte Land geöffnet sei. Ist das nicht hart, ja, wäre es nicht allzu hart, wenn es keinen Himmel gäbe, der das ersetzt, was die Erde doch nie geben kann?
„Also blieben wir“
O halte dir den Spiegel vor, du, der so schnell bereit ist zu klagen auch bei der geringsten Enttäuschung! Und du nicht minder, stolzer, hochfliegender Geist, dem es so leicht zu enge ist in der kleinen Hütte, in dem alltäglichen Kreise, bei deiner einförmigen, scheinbar so undankbaren Aufgabe; der du schon so lange nach einem Bethel auf Erden suchtest, und noch nichts anderes als ein freudenloses Haus Peors gefunden hast. Da gilt es, Geduld und Glauben der Heiligen (Offb. 13, 10) an den Tag zu legen; da gilt es, ganz bedingungslos sich zum Grundsatze zu machen: Hat Gott der Herr keine Eile, so habe ich auch keine! Sich fest vorzunehmen, ihm nicht anders, nicht weniger und kürzer, nicht leichter zu dienen, als er von uns verlangt hat, und den Psalm von dem entwöhnten Kinde zu wiederholen (Psalm 131), wenn das volle Lied der ewigen Erlösung uns noch nicht von den Lippen fließen kann. „Meine Seele ward entwöhnt, wie einer von seiner Mutter entwöhnt wird“ wie viele beten es oft nach, ohne auch nur von ferne daran zu denken, was das zuweilen kostet! Im Hause Peors will man nicht bleiben, ohne dass man selbst diese und jene Bedingung stellt: Nicht zu lange, nicht zu alleine, und - auch nicht ohne außergewöhnliche Entschädigung. Ach, wie weit bleibt auch der Beste hinter Moses zurück, dessen Leben mit einer Zeit scheinbar nutzlosen Wartens anfing und auch beschlossen ward. Herr, wenn es dir gefällt, mich je in solch' eine Schule zu schicken, so bitte ich dich, lass mir vor allem andern nicht die ganz besondere Unterweisung deines Heiligen Geistes fehlen!
Ich will gehn in Angst und Not,
Ich will gehn bis in den Tod.
Ich will gehn ins Grab hinein
Und doch allzeit fröhlich sein.
Wem der Stärkste bei will stehn,
Wen der Höchste will erhöhn,
Kann nicht ganz zugrunde gehn.
14. Nicht träge, aber ruhig.
Sei stille, meine Tochter, bis du erfährst, wo es hinaus will; denn der Mann wird nicht ruhen, er bringe es denn heute zu Ende.
Ruth 3, 18.
Unter den lieblichen Frauengestalten des Alten Testamentes steht sicher nächst Ruth, der Moabitin, die schwergeprüfte Naemi vorne an. Naemi, erst die liebliche, glückliche, liebende Gattin und Mutter, dann als arme Witwe die betrübte Mara aber stets treu ihrem Gotte und ihrer getreuen Schwiegertochter mit aller Kraft, die ihr die eigene Schwäche noch gelassen hat, stets eine starke Stütze! Für sich selbst begehrt sie ja nichts mehr, aber das Glück ihres Kindes geht ihr tief zu Herzen, als sie nun zusammen nach Bethlehem zurückkehrten. Wie spricht dies treue Mutterherz, als sie mit Freuden vernimmt, dass der Herr gleich im Anfang Ruths Gang nach Boas Tenne gesegnet hat; und wie preist ihr ehrerbietiger Glaube die Güte dessen, der beider Wege so bald zusammengeführt hatte! Guter Rat wird ebenso bedachtsam erteilt, als dankbar angenommen; und als nun endlich der Augenblick naht, der über die Zukunft der Ruth und ihres Geschlechtes entscheiden soll, da vernimmt sie das Wort ruhigen Vertrauens: „Sei stille, meine Tochter, bis du erfährst, wo es hinaus will“ - und dieses Vertrauen wird alsbald durch den Erfolg über Bitten und Erwarten belohnt.
Können wir dies hören oder lesen, ohne dass mancherlei Gedanken in uns aufsteigen? Wie kann man das treuherzige Wort der Naemi in Bezug auf Boas und Ruth ansehen, ohne dass unsere Gedanken zu dem sich erheben, bei dem und in dem das hier Gesagte Wahrheit ist in noch viel höherem Sinne? Siehe, so viele wir aus der Finsternis gebracht sind zu Gottes wunderbarem Licht, und so viele wir das Bethlehem, das Brothaus der Seele kennen lernten, das Christus dem Sünder erschlossen hat, ist auch für uns die Zeit des Entbehrens, des Suchens und Fürchtens vorbei. Aus seiner Fülle hat uns der Herr schon unendlich mehr geschenkt, als wir verdienten oder erwarteten; und der uns so viel bescherte, hat im Stillen uns noch größeres zugedacht. Jesus Christus ist der große Erlöser der ohne Ihn verlassenen und so tief bekümmerten Seele, aber in Ihm will Gott mit uns einen ewigen Bund machen, nämlich die gewissen Gnaden Davids“. (Jes. 55, 3). Er hat uns schon eine Stelle unter seinen bevorzugten Dienern eingeräumt, aber er will sich noch enger mit uns verbinden, ja er will nicht ruhen, bevor die letzte Scheidewand zwischen ihm und uns gefallen ist, und die Magd des Herrn, die zu seinen Füßen niedergesunken ist, zur auserkorenen Braut geworden ist, die an seinem Herzen ruht. Dies ist das gute Werk, welches er in jedem heilsbegierigen Herzen angefangen hat, und das er nicht ruhen lässt bis auf den Tag der Zukunft unsers Herrn Jesu Christi.
Schon hat er auch uns das Höchste und Beste verheißen: auch uns, wie Boas der Ruth, die reichen Unterpfänder seiner Gnade und Treue dargereicht. Das Verlobungswort ist schon im Stillen, aber ganz unzweideutig gesprochen; noch fehlt allein die große Tat, die uns ganz in den neuen Zustand versetzt; aber dazu muss erst seine Stunde gekommen, dazu muss diese Dämmerzeit vorbei und an ihre Stelle der neue Tag getreten sein. Was kann der feste Glaube in dieser Übergangszeit Besseres sprechen zu der lebendigen Hoffnung, als das ruhige und kräftige: „Sei stille, meine Tochter, bis du erfährst, wo es hinaus will; denn der Mann wird nicht ruhen, er bringe es denn zu Ende?“ Nicht allein unser Glück, sondern auch seine eigne Ehre steht bei der Erfüllung seines Treugelöbnisses auf dem Spiel; und dies ist die große Hauptsumme aller seiner Gelöbnisse: „Der Herr wird dein ewiges Licht sein, und die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben.“ (Jes. 60, 20.) Aber ist es nicht zum Weinen, dass so mancher, der aufrichtigen Herzens ist, nicht halb so viel Glauben an die Heilsverheißungen Jesu Christi zeigt, als die einfältige Naemi an das Versprechen des ehrlichen Boas?
15 Gleichlautend und doch verschieden.
Er ist der Herr; er tue, was ihm wohlgefällt
(Eli, 1. Sam. 3, 18.).
Der Herr aber tue, was ihm gefällt
(Joab, 2. Samuel 10, 12).
Er mache es mit mir, wie es ihm wohlgefällt
(David, 2. Sam. 15,26.).
Des Herrn Wille geschehe
(die Gemeinde in Cäsarea, Apostelgeschichte 21, 14.).
Mit bebendem Herzen hat der greise Eli Samuels Bericht von dem Urteil vernommen, welches sein Haus bedroht. Aus der Ferne hört er den Sturm heranziehen, fühlt sich aber gänzlich machtlos, ihn aufzuhalten. Wozu soll er auch noch ferner ankämpfen gegen den Strom, der ja doch bald auch ihn selbst mit fortreißen wird? Er lässt sein Haupt sinken und übergibt sich als ein Mann, mit dessen Widerstande es vorbei ist. - „Dein Wille, Herr, geschehe“ ist hier das Bekenntnis einer mutlosen, zaghaften Unterwerfung.
Misslicher als je dünken dem Joab die Aussichten des Krieges, da gleichzeitig zwei mächtige Feinde gegen das wenig vorbereitete Israel drohend heranrücken. Er trifft alle Maßregeln, die Kriegskunst und Gelegenheit ihm an die Hand geben, macht mit seinem Bruder Abisai die nötige Absprache, versäumt auch nicht, seinen Worten einen recht männlichen, heldenhaften Ton zu geben, und schließt die kurze Tagesordnung mit einem frommen: „Der Herr aber tue, was ihm gefällt!“ Auf den Lippen des rauen, blutgierigen, unheiligen Joab wird das wohl nichts mehr heißen sollen, als: In Gottes Namen vorwärts; und im Übrigen tapfer dreinschlagen!
„Dein Wille, Herr geschehe“ ist bei ihm das Bekenntnis eines oberflächlichen Glaubens.
Fliehend vor Absalom steht der tiefgedemütigte David bereit, den Bach Kidron zu überschreiten begleitet von einer Anzahl Getreuer, auch von Zadok mit der Lade Gottes. Wird er auch dieses Heiligtum mit in die Gefahr ziehen, welcher er entgegen geht? Dazu ist sein Verstand zu klar, seine Ehrfurcht zu groß, seine Demut zu tief. Auch von der Lade kann er scheiden; Gott wird geben, dass er sie wiedersieht, wenn die Rettung gekommen ist; und kommt sie nicht, so wird doch David an Gottes Treue und Erbarmung nicht irre werden. Ist er auch - mag's nun gehen, wie es will - der Lade getrennt, in keinem Falle ist er doch fern von Gott. Hier ist keine Mutlosigkeit, wie bei Eli, kein stolzer Mut, wie bei Joab. Hier ist das „Dein Wille, Herr geschehe“ das Bekenntnis der ungeheuchelten Bußfertigkeit, die vor Gott in der Tiefe kniet und grade darum auch stark ist in unwandelbarem Gottvertrauen.
Jahrhunderte später ist eine Christenschaar unter Tränen und Gebeten bei einander, denn sie fürchtet, Paulus möge ihr entrissen werden; aber kaum hat sie seine glaubensvollen Worte vernommen, da bedenkt sie auch, dass man hier dem Herrn nicht länger in den Weg treten darf, und beugt gleichsam vor ihm das Haupt mit den Worten: Des Herrn Wille geschehe! Das Bekenntnis völligen Aufgehens des eigenen Willens in Gottes Willen.
So ist auch hier noch lange nicht alles so gut und fromm, wie es aussieht. Viermal derselbe Seufzer, unter sehr verschiedenen Umständen und von verschiedenen Lippen ausgesprochen - und noch immer in mancher bangen Stunde laut oder im Stillen wiederholt. Wer von uns hat ihn nicht auch oft ausgestoßen, wer von uns tut's nicht noch immer bald oberflächlich, bald aus tiefstem Herzen heraus - und in welchem jener vier Beispiele erkennen wir am deutlichsten unser Bild? Am niedrigsten ist ohne Zweifel Joabs Stimmung, - manchmal natürlich auch diejenige Elis; aber viel höher diejenige Davids, und noch viel gehobener als diese die der Christen zu Cäsarea. Ist das zu verwundern, da sie den kannten, der in Gethsemane ringend jenes kindliche: Dein Wille geschehe! gebetet hatte, so wie noch nie jemand weder vor noch nach ihm? Und so kann auch unsre Unterwerfung nur da eine wahrhaft kindliche, willige, freudige sein, wo auch für uns der Wille des Herrn der Wille des Vaters geworden ist. Wir sind des Heilandes wahre Jünger noch nicht, wenn nicht auch von uns nach kürzerem oder längerem Streit gesagt werden kann: „Sie schwiegen“ - und das werden wir nicht tun, so lange die tiefe Demut Davids uns fremd ist, die uns auch unter den schwierigsten Umständen daran erinnert, dass das, was wir einbüßten, doch immer noch gering ist im Vergleich zu dem, was wir verdient haben. Sind wir aber in diese Schule der Demut geführt worden, sind wir dabei von allem vermessenen Selbstvertrauen entwöhnt, dann braucht uns auch nie, wie dem zitternden Eli, der Mut ganz zu sinken. Auch das Missgeschick, das wir mit unserer schwachen Hand nicht wenden können, kann noch für uns selbst, oder für andere nach uns ein Segen werden, und müssen wir endlich fallen, so fallen wir doch in die Hände eines Gottes, der auch inmitten seines Zornes noch des Erbarmens gedenkt, und der niemals tut was gut ist in seinen Augen, ohne dass es zugleich auch als das Beste erscheint für das Herz, das ihn wirklich sucht.
Es kann mir nichts geschehen,
Als was er hat ersehen
Und was mir selig ist;
Ich nehm' es, wie ers gibet;
Was ihm von mir beliebet,
Erkies ich auch zu jeder Frist.
16. Verlassenheit.
Ich bin allein übrig geblieben.
1. Kön. 19, 14.
Allein zu sein ist sicherlich an und für sich gar kein Unglück; hat doch jemand irgendwo sogar die Einsamkeit das Element großer Geister genannt. Gar mancher weiß ohne Zweifel von lieblichen stillen Stunden zu erzählen, die er im Verborgenen zugebracht hat. Jedoch, allein sein und allein übrig geblieben sein, das ist ein unermesslicher Unterschied, und man hört letztere Klage selten, ohne dass sich unwillkürlich mit einem Gefühle der Wehmut eine gewisse Bitterkeit paart. Auch große und starke Geister haben oft weiche Herzen, und je und dann kommen Augenblicke, wo auch der Mutigste in der Rennbahn niedersinkt, weil er sich nicht mehr durch das Mitgefühl und die Gemeinschaft eines andern gestärkt und getragen fühlt.
So ist es hier mit Elias, der innerlich gebeugt und gebrochen seinen letzten Gefährten wegsandte und nun allein in der Wüste umherirrt. Dass er nicht mehr fern ist von dem Ende seiner Laufbahn, kümmert ihn wenig, aber diesem Ende nahe zu sein in der Weise wie er es ist, enttäuscht, unverstanden, ohnmächtig! - Wie ist doch alles so ganz anders gekommen, als er gehofft und erwartet hatte! Es ist jetzt alles noch viel schlimmer als damals, wo er den Kampf begann: dieser fiel ab, jener leistete nicht, was er hatte erwarten lassen, und Gott selbst scheint ein gleichgültiges Schweigen zu beobachten nein doch, er spricht ja zu seinem Diener wie im sanften Säuseln, aber um ihn noch einmal zu fragen: Was machst du hier, Elia?
Du denkst nicht daran, dich auf einen Standpunkt zu stellen mit dem Propheten in der Wüste; und doch, sind seine Gefühle, sind seine Erfahrungen dir gänzlich unbekannt? Es sind gewiss diejenigen von mehr als einem zwar treuen, aber entmutigten Diener des Herrn in dieser ermattenden Zeit. Sogar ein Apostel des Unglaubens klagte vor einigen Jahren, dass sein Buch ein Vierteljahrhundert lang seinen Weg recht einsam gemacht habe. Aber was ist das gegen die Erfahrung so manches Christen, der den Mut behielt zu fragen - nicht nach dem, was die Menschen wollen, sondern danach, was der Herr von ihm verlangt! Mit den heiligsten Überzeugungen steht man heutzutage oft allein, sogar im geselligen Freundeskreise; man schöpft, um über Wasser zu bleiben, rastlos, aber auf einem Schiffe, das merkbar im Sinken begriffen ist; nicht wenige treten zurück, und tönt's leise in deinem Innern - soll ich nicht auch hingehen? „Ich bin allein übrig geblieben.“ Erkennt dieser oder jener von euch sein Bild, meine Brüder und Schwestern? So lasst euch wenigstens dies gesagt sein: dein Gefühl ist die natürliche Folge davon, dass du höher stehst und strebst als die andern. Tausende von Insekten tanzen sorglos in dem Lichte eines einzigen Sonnenstrahls, aber nur der Adler steigt vom hohen Felsgesteine kühn der Sonne entgegen. Ganz verlassen bist du nie, so lange du noch einen Gott der Verlassenen kennst. Ja auch dann sogar, wenn der letzte hingegangen ist, ist deine Verlassenheit noch nicht vollkommen, deine Einsamkeit nicht so tief als du dachtest. Elias kennt sie nicht, die siebentausend Getreuen in Israel, aber umso besser kennen sie ihn und halten im Stillen ihren Blick hoffnungsvoll auf ihn gerichtet, und darum - nicht mehr in die Wüste, aber wieder hinein ins freudenlose Leben! Gott hat noch was für dich; vielleicht ist's etwas, das du genießen, wahrscheinlicher aber etwas, das du tragen, ganz gewiss aber ist's etwas, was du tun oder worum du streiten sollst. Nur dieses merke dir: Sei williger als Elias, der wohl das gekränkte „Ich“ vernehmen ließ, und von einem trostlosen „sie“ zu sprechen wusste, aber das „du“ des Glaubens und der Hoffnung auf seinen Gott hier vergaß. Elias kannte noch nicht den, der das große Wort sprach: Ich bin nicht allein, sondern der Vater ist mit mir. Du kennst ihn; so zeige denn, dass seine Herrlichkeit nicht vergeblich an dir vorübergegangen ist!
Dennoch bleib ich stets an dir,
Wenn mir alles gleich zuwider;
Keine Trübsal drückt in mir
Die gefasste Hoffnung nieder,
Dass, wenn alles bricht und fällt,
Dennoch deine Hand mich hält.
17. Sieben Tausend.
Und ich will lassen überbleiben sieben Tausend in Israel, nämlich alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal, und allen Mund, der ihn nicht geküsst hat.
1. Kön. 19, 18.
Die siebentausend Getreuen in Israel, die ersten Stillen im Lande gewissermaßen, von denen die Geschichte redet, verdienen wohl, beständig in Ehren gehalten und auch von uns in einer Zeit, wo Abfall und Unglaube in solchem Maße herrschen, mit Ehrerbietung betrachtet zu werden. Gibt's ja auch leider unendlich viel mehr Böses in der Welt, als die meisten glauben wollen: hier steht, uns zum bleibenden Troste geschrieben, dass auf ihr doch auch noch immer mehr Gutes zu finden ist, als selbst die Besten vermuten; und wie in einem hellen Spiegel wird uns in diesem Gottesworte das Bild und das Heil der aufrichtigen Gottesfurcht in böser Zeit nach dem Leben vor Augen gestellt.
Aufrichtige Gottesfurcht ist - das zeigt sich hier gleich recht deutlich - eine Macht im Leben, welche sich nicht in Worten, sondern in Kraft offenbart. Wo war je eine so starke Versuchung, als die in Eliä Zeit zum Dienste des Baal? Das Königshaus geht voran, die Mehrzahl des Volkes folgt nach: die Sinnlichkeit reizt, die Selbstsucht erhebt ihre mächtige Stimme. - Doch gibt's noch immer solche, die zurückbleiben, wo die Posaunen das verderbte Israel zu abgöttischer Festesfeier rufen; immer noch solche, die den Mut haben, nein zu sagen, sagen auch alle Ahabs und Isebels ja; immer noch solche, die sich standhaft weigern, das Götzenbild zu küssen und vor ihm die Knie zu beugen, und wenn's ihnen auch das Leben kosten sollte. Charaktervolle Männer, glaubensstarke Frauen, an sich selbst vielleicht ängstliche Naturen wie Obadja, aber in diesem Stück fest entschlossen, keinen Zoll, ja um keines Haares Breite nachzugeben: ein Überbleibsel nach der Wahl der Gnade; wie Paulus sie nennt (Röm. 11, 5). Siehe da, aufrichtige Gottesfurcht selbst in den trübsten und dunkelsten Tagen. Aber, achte wohl darauf, nicht in Juda finden wir sie, sondern in dem viel tiefer gesunkenen Israel, und ebenso in den Zeiten mannigfacher Verirrung, Auflösung und Verfolgung auch der späteren Gottesgemeinde. Lebendig war sie im dunklen Mittelalter in den Tälern der Albigenser und Waldenser, lebendig in der Zeit des Abfalls im vorigen Jahrhundert in den Herzen und in den Kreisen eines Lavater, eines Stilling, eines Tersteegen und so vieler andern, deren die Welt nicht wert war. Lebendig auch in unsrer Zeit - wenn auch grade nicht da, wo wir sie am ersten suchen und erwarten sollten. Denn noch immer ist ja die wahre Gottesfurcht vor den Augen der Menschen verborgen. Hatte nicht Elias selbst das Vorhandensein und die Bedeutung dieser sieben Tausend vergessen oder verkannt, sodass er, der hochgestellte Prophet des Herrn, durch eine besondere Offenbarung noch auf sie hingewiesen werden musste? So sehen ja auch wir nur allzu leicht hinweg über das, was nicht sofort ins Auge fällt, oder suchen in weiter Ferne, was wir viel näher als wir denken, ja in unsrer eignen Umgebung finden können. Wir denken, das Gute sei vorzugsweise bei den hoch aufgeschossenen Eichen im Garten des Herrn zu finden und übersehen das niedrige Heideblümchen, das in stiller Einfalt zu unsern Füßen blüht. Wir suchen es bei den Säulen des Tempels Gottes, derweil vielleicht ein vergessener Türhüter bei Gott unendlich viel höher angeschrieben steht. Uns ist ja die Gabe, die Menschen nach ihrem wahren Werte abzuwägen und zu schätzen versagt; aber versuchen wir's trotzdem einmal, so ist's gewiss, an dem, was bei den Menschen am wenigsten angesehen ist, gehen wir zu allererst, vielleicht unwillkürlich, vorüber. Ein Unterschied in der Kleidung, in Namen und Stand und Aussehen führt zu tausendfacher Verkennung; und die siebentausend Getreuen sind sicherlich fast eben so viel Verkannte gewesen.
Genug, dass trotz- und alledem aufrichtige Gottesfurcht Gott dem Herrn immer noch wohlbekannt ist und unter seinem besonderen Schutze steht. Gott sieht eine Schar von siebentausend Getreuen, wo Elias in seiner krankhaften Einbildung auf der verlassenen Wahlstatt nur einen einzigen ermattenden Streiter erblickt. Er sieht fromme Elisas pflügen, während dort hinten die Baalspriester Weihrauch opfern, und hört arme Witwen beten, derweil anderwärts stolze Isebels lästern. Was Wunder auch, da Er, der sie kennt und schätzt, sie selbst hat übrig bleiben lassen? Arme sieben Tausend, wenn eure erprobte Treue keine kräftigere und höhere Stütze gekannt hätte, als eigene Weisheit und Kraft! Aber Er, der euch berief, blieb getreu; er ließ euch nicht versuchen über Vermögen und stärkte beständig, was seine eigene Hand geschaffen hatte.
Aber so musste es denn wohl, auch in diesem Falle, offenbar werden: aufrichtige Gottesfurcht ist auch für andre ein unschätzbarer Segen. Wer von den sieben Tausend hätte sich's auch nur träumen lassen, dass er auch nur ein Geringes wiegen würde in Gottes Waagschale, und dass der Hinweis auf das Vorhandensein eines so geringen und schwachen Menschenkindes, wie er oder sie, nur irgendwelche Bedeutung haben könnte für den großen Propheten der Wüste? Und doch war's so, und es ist auch so geblieben bis auf den heutigen Tag. Die sieben Tausend sind und bleiben in jeder Umgebung das Zeichen und Unterpfand, dass die Pforten der Hölle die Gemeinde der Auserwählten nicht verschlingen sollen. Sie sind und bleiben das Licht einer dunklen Welt, das Salz einer erniedrigten Kirche, das Bindemittel einer in der Auflösung begriffenen Gesellschaft, und für manches ermattende Eliasherz der Anker einer unerschütterlichen Hoffnung. Die hundert Baalspriester mit ihren hunderttausend Nachfolgern vergehen; die sieben Tausend und die mit ihnen gehen, bleiben, überwinden und ererben das Erdreich; und wo sie im Tode dahingehen, da leben sie fort in andern, in ihrem Werke, im Gottesreiche, bis endlich der letzte der Getreuen aus der streitenden Kirche in die triumphierende hinübergegangen ist.
O du Kind der Welt, das du so hoch gestellt bist, was hilft es dir, wenn du nicht, nicht einmal im fernsten Grade verwandt bist mit dem geistlichen Adel der siebentausend Getreuen? Und du vergessener, missachteter Diener des Herrn, was schadet es dir, dass du dein Brot mit Tränen essen musst, wenn nur von dir das Zeugnis abgelegt werden kann: bei den Menschen zwar gering geachtet, aber wert gehalten bei Gott? Es ist eine Unwahrheit, was einmal der spottende Unglaube sagte: Gott stelle sich immer auf die Seite der augenblicklichen Mehrzahl. Von Ewigkeit zu Ewigkeit bleibt er auf der Seite der Standhaften und Getreuen.
18. Zu gering?
Sollten Gottes Tröstungen so gering vor dir gelten?
Hiob 15, 11.
Eine Frage, die Eliphas an den leidenden Hiob richtet, die natürlich nichts anders, als eine möglichst starke Verneinung sein soll - eine Frage, die später unzählige Male auch von christlichem Munde wiederholt worden ist. Wirklich weist diese Frage auf einen scheinbaren Widerspruch hin, hinter dem sich jedoch nur eine entsetzliche Möglichkeit verbirgt.
Gottes Tröstungen zu gering - und das noch wohl für jemand, der behauptet, ihn zu kennen und zu lieben? Fürwahr, beim ersten Anhören klingt das ebenso lächerlich, als wenn man fragte: Ist das Meer vielleicht nicht weit genug, oder ist die helle Mittagssonne zu dunkel? Denke nur an den himmlischen Ursprung dieser Tröstungen, welche uns dazu durch das Evangelium so viel deutlicher als dem größten Dulder des Altertums kund getan werden; Tröstungen, die entsprungen sind aus dem Vater- und Mutterherzen dessen, der über sein seufzendes Kind keine anderen Gedanken hat, als Gedanken des Friedens. Denke an den reichen Inhalt dieser Tröstungen, die so ganz und gar alles umfassen, was der Mensch, der Sünder, der Christ täglich aufs neue vonnöten hat um sich zu wappnen gegen den dreifachen Feind, die Sünde, das Leiden und den Tod. Denke an die wohltätige Absicht dieser Tröstungen, durch die das Herz nicht nur erquickt, sondern wahrhaftig geheilt wird, ja so erneuert und Gott geheiligt, dass auch aus der Tränensaat alsbald eine Ernte der herrlichsten Freuden ersteht. Denke endlich, um nicht mehr zu nennen, an die oft erprobte Kraft dieser Tröstungen, für welche selbst die höchsten Lobeserhebungen zu gering sind. - Wo wäre die Not, für die hier keine Hilfe zu finden wäre? Wann käme eine Zeit, in der sie ihre Wirksamkeit verlören? Wo wäre das aufrichtige Herz zu finden, dem sie ganz vergebens angeboten würden? Und was für die Glaubensriesen aller Zeiten, für Patriarchen und Propheten, für Apostel und Märtyrer, mit einem Worte für die größten Kreuzträger mehr als genug war, das sollte für so viele Zwerge unsrer Zeit zu gering sein? Für einen Hiob sicherlich vollkommen ausreichend, aber für dich und mich doch zu gering! Aber dann müssten wir doch sehr große Leute, oder Gottes Tröstungen sehr klein sein, dass sie für uns nicht mehr genügten!
Aber wie ungereimt es auch erscheinen mag, es ist dennoch eine erschreckende Möglichkeit vorhanden, dass diese unschätzbaren Tröstungen für zu gering gehalten werden können. Und was mehr ist, es gibt eine traurige Wirklichkeit, über die wir uns kaum trösten könnten, wenn nicht Gottes Wort das Licht auch in der Finsternis scheinen ließe. - Wie stehen denn die meisten Dulder den Tröstungen Gottes gegenüber? Ach, es ist nur allzu leicht, sie anzuhören, ohne sie zu ergreifen, sie zu genießen, ohne den Trost, den sie spenden, festzuhalten und wirklich getröstet und geheiligt zu werden. Und noch mehr, man kann sie andern darbieten, ohne doch selbst allezeit ihre volle Kraft zu schmecken; man tut dann zwar groß, aber Gott weiß, was zuweilen im Herzen sich regt, während der Mund von so lieblichen Dingen Zeugnis ablegt. Umgeben von milden Trostesquellen gleicht man doch einem dürren Acker; man braucht nur zu schöpfen, wie jene Seeleute, die schier vor Durst vergingen, weil sie nicht wussten, dass sie schon aus dem Salzwasser in das süße Jahrwasser gekommen waren; und doch verschmachtet man oft mitten im Überfluss! Ja, wo wäre wohl der Fromme zu finden, der nicht je und dann das Haupt beschämt zur Erde neigen müsste, wenn er geradezu gefragt würde: Sollten Gottes Tröstungen so gering vor dir gelten?
Traurige, beunruhigende Erscheinung! Liegt vielleicht der Grund dafür in dem, was Eliphas unmittelbar folgen lässt: Aber du hast irgend noch ein heimlich Stück bei dir!? So ist es gewiss! Nicht bei Gott, sondern nur bei uns liegt die Schuld so großer Armut gegenüber so unerforschlichem Reichtum!
Darum mein Herr und Gott! nimm mir alles Eigene und Verkehrte, dass du mich mit deinen Gaben füllen und erquicken kannst und ich es lerne mit Paulus, deinem Knechte, dich zu preisen: Gelobet sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal.
Sein Geist spricht meinem Geiste
Manch süßes Trostwort zu,
Wie Gott dem Hilfe leiste,
Der bei ihm suchet Ruh',
Und wie er hab' erbauet
Ein' edle neue Stadt,
Wo Aug' und Herze schauet,
Was es geglaubet hat.
19 Leidige Tröster.
“Ihr seid allzumal leidige Tröster.“
Hiob 16, 2.
„Leidige Tröster“ - sind sie auch dir wohl einmal auf deinem Dornenpfade begegnet, mein leidender Bruder - oder gehörst vielleicht du, dem dies Blatt in die Hände kommt, selbst zu ihrem Geschlecht? Es wäre gar nicht zum Verwundern, denn kein Geschlecht ist so alt wie dieses und ist in so viel Verzweigungen über Gottes weite Welt verbreitet. Eliphas mit seiner beschränkten Weisheit und prahlerischen Beredsamkeit - Bildad mit seiner unzarten Gefühllosigkeit und Härte - Zophar mit seiner ungestümen Heftigkeit und seinem Dünkel - man trifft sie in allerlei Gestalt; leidige Tröster alle miteinander, die deine Wunden weder heilen, noch ihnen Linderung verschaffen, sie vielmehr heftiger schmerzen lassen woran sie erkennen?
Ebenso wie die Tröster Hiobs - nehmen wir die Dichtung einen Augenblick für Geschichte - sind es keine Fremden, die uns nichts angehen; keine Feinde, die es schlimm meinen, sondern Freunde sind es, die kommen „ein jeglicher aus seinem Ort, um Hiob zu klagen und zu trösten“. Freunde, freilich im weiteren Sinne, aber herzlose Freunde. Sie kommen, wie's sich guten Bekannten und Nachbarn geziemt, um dir ihre Teilnahme auszudrücken, wenn die böse Zeit über dich hereingebrochen ist, wie sie dies in gleichem Falle auch von dir erwarten würden, und haben einen Schatz von Worten mitgebracht denen nichts fehlt als das Herz, und ihr ungebetener Besuch wird dir schon dadurch zu einer neuen Art von Versuchung. Freunde sind es, ja, das zeigten sie schon durch ihr Kommen - aber ungeschickte. Sie suchen auf ihre Weise deine Betrübnis zu lindern, aber sie begehen Missgriff über Missgriff und gießen Essig auf deine Wunden statt Balsam. Was sie dir zu geben haben, sind Redensarten, schön gesetzte, oft gehörte die du selbst vielleicht noch schöner aussprechen könntest als sie aber eben darum nichts weiter als Wortklang, worin du alles andre eher und mehr hörst als das Herz! Kein Wunder; bleiben sie auch nicht stumm, sie sind und bleiben unmündig, unfähig, was ihr geistliches Verständnis angeht, etwas, sei es nun von den Wegen, die Gott dich führt, sei es von den schmerzlichen Leiden deines Herzens zu ergründen und zu verstehen. Darum kommen sie stets mit Allgemeinheiten, die jedoch kaum zu deiner Lage passen; mit einem Bibelspruche, aber einem solchen, den du nicht auf dich beziehen kannst; mit einem Liedervers, aber einem, der deinem Gedächtnis entschwunden ist. Es ist nicht anders möglich, endlich muss sich's zeigen, dass sie unvermögend sind, auch nur einen einzigen Strahl himmlischen Trostes in dein trostloses Herz fallen zu lassen. Sie sind ja - es ist wahr - sehr rein in der Lehre, sehr logisch in ihren Gründen, auch sehr freimütig, dich zu strafen, wenn sie nur etwas in den Seufzern deines Herzens, zwischen den Zeilen deines Briefes zu finden glaubten, was doch nach ihrer Meinung sich für deine Lippen nicht passte. Aber, aber, was geben solche Tröster; was nehmen sie dir von deinem Drucke, was bringen sie am Ende zuwege? Armer, armer Hiob! Bei einem solchen Schas solcher Freunde! Und von dieser Seite hattest du vielleicht Verständnis erwartet auf deinen mitleiderweckenden Schrei: Erbarmt euch meiner, o meine Freunde, denn Gottes Hand hat mich berührt!
Leidige Tröster - wie ihnen begegnen? Möge der größte Kreuzträger des Altertums es euch sagen aus dem Schatze seiner Leidenserfahrung: ertrage ihr Kommen! Auch dir werden sie nicht ausbleiben, wenn sie hören von dem Unglück, das über dich gekommen ist“. Auch das gehört dazu, meine betrübten Brüder und Schwestern: zum Trauerkleid und den Tränen der Besuch der Freunde; an jedes Bethanien des Schmerzes grenzt ein Jerusalem mit seinen teilnahmsvollen Juden. Ihr lebt nun einmal in der Welt, in diesem oder jenem Stande, in diesem oder jenem Kreise; ihr müsst auch da hindurch; blieben sie ganz fort, es würde ja auch nicht gut sein; es sind doch in gewisser Weise eure Freunde: Freunde des besten Freundes; sie wollen euch auf ihre Weise trösten, wenn ihr Trost auch nur ein leidiger Trost ist. Ertragt ihren Unverstand, ohne euch auf einen Wortstreit einzulassen; kein fruchtloserer Wortstreit als mit einem, der deutlich zeigt, dass ihm jedes Organ fehlt, um das Geheimnis unseres tiefsten Schmerzes zu verstehen. Vergebt ihnen ihre Härte, wenn sie eine Wunde wiederum bluten machen, die sie hätten schonen können und müssen! wie ja auch Hiob gleich bereit war, seinen so sehr verständigen und doch so ungerechten Freunden zu vergeben. Vergeltet nicht Böses mit Bösem, nicht Scheltwort mit Scheltwort; und endlich: erwartet alles allein von dem besseren Tröster. Der gequälte Hiob findet keinen Trost, bevor er nicht in Wahrheit hat verstehen lernen, was es heißt: sein Vertrauen von allen Geschöpfen abziehen und allein auf Gott setzen. Wann werden wir doch endlich einmal unsre letzte Täuschung über die Welt, die Menschen, die Frommen fahren lassen? Es gibt schließlich nur Einen, der uns nie die Veranlassung geben wird, ihn einen „leidigen Tröster“ zu nennen.
20. Einer, der alles weiß.
Du siehst ja, denn du schaust das Elend und Jammer, es steht in deinen Händen; die Armen befehlens dir: du bist der Waisen Helfer.
Psalm 10, 14.
Kein Psalm beginnt trauriger als der 10. mit diesem betrübten: Warum? Herr, warum trittst du so ferne?
Ja, mein ungenannter Dichter, stände dieses Wort nicht schon so lange mit so großen Buchstaben vor manchem verdunkelten Blick, deine und unsre Lebensgeschichte würde nicht mit solchem Rechte den Namen einer lebenslangen Leidensgeschichte verdienen. Aber die riesengroßen Fragezeichen bei so manchem dunklen Punkte, sie lassen uns weder bei Tage noch bei Nacht Ruhe; und wenn man dann noch zunächst keinen andern Gott kennt, als einen Gott in der Ferne - sicherlich, die Antwort kann nicht sonderlich befriedigend sein. Doch geht die lange Reihe der Fragen und Klagen noch immer weiter, gewöhnlich ohne auch bei dem letzten „Warum?“ nur einen Zoll breit näher zum Ziele gekommen zu sein; denn mit unseren krankhaften Grübeleien lässt Gott sich am allerwenigsten seine Geheimnisse entreißen. Und doch - erhebt sich dieser Psalm der Trostlosigkeit auf einmal zu einem Lied der Hoffnung und frohen Erwartung, denn von dem, was es nicht zu ergründen vermag, hat sich das Auge auf einmal hingewandt zu dem, was er besser lesen kann, und an Stelle des fernen Gottes den Gott, der da nahe ist, in seiner ganzen Fülle erkannt.
Es kommen im geistlichen Leben Zeiten, wo die Hand sich gleichsam instinktmäßig ausstreckt nach dem, was am nächsten liegt und was das Herz am allerwenigsten entbehren kann. So ertönt hier, wie aus der Tiefe einer angefochtenen Seele heraus, der Ruf: „Du siehst ja, denn du schaust das Elend und Jammer“.
Dies Wort es erklärt zwar noch lange nicht alles, aber es wiegt doch alles das auf, was drückt.
Den unschätzbaren Trost, den der Glaube an die vollkommene Allwissenheit Gottes, insonderheit in Fällen des Verkanntwerdens und Verlassenseins, gewährt, welcher Kreuzträger hat ihn nicht erfahren? Und doch, welches Zeugnis, hervorgegangen aus der Erfahrung, hat ihn je seinem vollen Werte nach zu schildern vermocht? Verstanden zu werden, das ist das erste Bedürfnis, welches das leidende Herz fühlt, und - das letzte, welches es auf Erden erfüllt sieht. In manchen Augenblicken verstehen wir den unschätzbaren Wert der Beichte, aber sollte ein Beichtiger vollkommenes Vertrauen verdienen, so dürfte er nicht minder allwissend und zugleich nicht minder barmherzig und allmächtig sein als Gott. Nur der Gnadenthron kann beides sein: Beichtstuhl und Zufluchtsort. „Du siehst ja, denn du schaust das Elend und Jammer.“ Nur einer ist es, von dem das gesagt werden kann; vergessen wir das nicht! Wir erwarten noch immer so leicht von Menschen, was doch nur Gott geben kann, und wir sind verstimmt, wenn sie dann auch nicht einmal von ferne ahnen, was uns quält. Ach, und es kann doch wirklich da nicht viel Ahnungsvermögen vorhanden sein, wo so mancher Tag, so manche Nacht ausgefüllt wird mit den eignen kleinen und großen Sorgen! Es schmerzt uns, ja, aber es ist doch zugleich unser Glück, dass wir so wenig von den Menschen verstanden werden. Einer ist doch immer da, der uns allezeit versteht, nicht nur weil, auch nicht nachdem, sondern damit wir alles in seine Hände legen sollen. Und dieser Eine unendlich vieles bleibt uns zwar an ihm verborgen, aber doch steht zweierlei fest: er hat ein warmes Herz und ein nie trügendes Gedächtnis. Zu ihm dürfen wir mit allem kommen, ihm werden wir nie lästig werden, und grade die Bemitleidenswertesten unter den Menschen, die Armen und die Waisen, sie sind ihm gegenüber die glücklichsten, denn wer hat, um so zu sagen, auf ihn ein älteres Anrecht als sie? Und darum, was auch drückt und droht, unsre „Warum?“ können lästige Fragen werden, aber nie werden sie unser letztes Wort bleiben; denn von allem dem, was uns zuwider ist, bleibt ihm nichts verborgen, und er, der alles weiß, wird und muss endlich den Sieg davontragen. Was auch unsern Seelenfrieden bedroht, was auch List und Gewalt wider sein heiliges Wort und seine Kirche ersinnen denn auch das, meine Brüder, zählt ja mit in unsrer Leidensgeschichte keines der Worte, worauf des Glaubens Ruhm und Trost sich gründen, wird vergehen.
21. An jener Seite.
Ich will aber schauen dein Antlitz in Gerechtigkeit; ich will satt werden, wenn ich erwache nach deinem Bilde.
Psalm 17, 15.
„Wie wird's sein, wie wird's sein“ so seufzt wohl manchmal im Stillen das gebeugte Gemüt, aber stets bleibt am Ende die Antwort: „Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden.“ Doch fehlen auch der Glaubenshoffnung nicht entzückende Fernblicke, die wohl geeignet sind, uns mit den schmerzlichen Erinnerungen zu versöhnen und auch über die dunkelste Aussicht uns zu erheben; und wir brauchen nicht einmal über unser Psalmbuch hinauszugehen, um in einer neuen Form zu finden, wie der Fromme, der seines Gottes gewiss ist auch in ihm persönlich des ewigen Lebens versichert bleibt. Ebenso entschieden spricht hier für unser Gefühl der Schluss des 17. wie der des 16. Psalms. Oder hätte der Dichter hier wirklich nichts andres ausgesprochen, als die Aussicht auf ein fröhliches Erwachen an dem Morgen eines neuen Tages hienieden, wie einige meinen, oder - wie andere hinzufügen wollen - auf einen reicheren Genuss der Gnade Gottes nach vorherigem Entbehren derselben? Aber dann müsste man sagen, dass er wirklich sehr hohe Worte für verhältnismäßig nicht so sehr bedeutende Dinge gewählt hätte, und dass der Gegensatz, den er hier macht zwischen sich selbst und dem „Teil“ und Los der hochbevorzugten Kinder dieser Welt, davon zuvor die Rede war, gänzlich missglückt, ja wir möchten fast sagen lächerlich sei. Nein, wir dürfen nur den Psalm in seinem Zusammenhang lesen und uns dabei so viel wie möglich in des Sängers Seele versetzen, um zuletzt auf einen höheren Standpunkt geführt zu werden. Andere, von deren Los er von dem barmherzigen Gott bewahrt zu bleiben bittet, mögen kein höheres Teil begehren, als was ihnen dieses Leben gebracht hat, und mögen beim Tode alles Ihrige andern zurücklassen - er hat an jener Seite eine schönere Aussicht entdeckt, die im Stande ist, ihn über das Entbehren alles andern zu trösten. Was für eine Aussicht? In drei Worten lässt sie sich zusammenfassen. Schauen nicht die sündige, eitle Welt, sondern Gottes gnadenreiches Antlitz mit hellen Augen; satt werden nicht durch die Früchte eines zeitlichen Erbteiles, die wie Schatten verschwinden, sondern durch das Bild Gottes selbst, das höchste Gut, das Abbild und zugleich die Bürgschaft der höchsten Wirklichkeit. Und, als notwendige Bedingung endlich, des einen und des andern: erwachen aus dem Todesschlaf, dem die „Leute“ ohne Gott, die alles verlieren, rettungslos verfallen. Was dünket dich, verdient, in solches Licht gestellt, nicht auch der siebzehnte Psalm ein Psalm des Lebens zu heißen?
Ja wahrlich, einer herrlichen Aussicht mag sich der Glaube dem Unglauben gegenüber - auf christlichem mehr noch als auf israelitischem Standpunkte - rühmen. Und kehren wir nun die hier angedeuteten Grundzüge um, so steigt wiederum eine Aussicht auf ein Heil vor unseren Augen auf, für welche jeder Lobgesang zu klein ist. Welch eine Aussicht für nichtige Sterbliche, für unwürdige Sünder, für müde Kreuzträger, die so lange von allem entwöhnt waren, wobei die Seele leben wollte, die übersättigt waren durch Mühe und Verdruss, als ihrem köstlichsten Teil hienieden! Ein fröhliches Erwachen wie aus einem wirklich erquickenden Schlafe, neugestärkt, um einen schöneren Tag zu beginnen. Ein klares, helles Schauen, aber nicht mehr ein Schauen dieser alten Erde mit alledem, was diesen alten Augen so viele bittere Tränen entlockte, sondern ein Schauen von Gottes Angesicht, der höchsten und vollkommensten Wahrheit, der reinsten Schönheit, der glanzvollsten Heiligkeit, aber ein Schauen in Gerechtigkeit“, welches zum Niederknieen zwingt, nicht länger zum Fliehen. Ein Sattwerden des Herzens, das hier immerfort fragte: Hast du keinen andern Segen? Schon allein die Vorstellung eines solchen Heiles als eines für den einzelnen erreichbaren müsste unser Herz vor Entzücken höher schlagen lassen. Wohl ist es hier am Platze mit einem andern Psalm auszurufen: „Wie groß ist deine Güte, die du verborgen hast denen, die dich fürchten, und erzeigest denen, die vor den Leuten auf dich trauen. (Psalm 31, 20.)
Und doch, wie tief stehen oft wir, dir da sagen, so großer Dinge gewärtig zu sein! Möchte doch auch ich so beten wir bebend, aber dieses gewisse, feste: „Ich aber will“ kann es vielleicht darum unserem Herzen so schwer werden, weil uns fehlt, was der Dichter offenbar besaß, das Zeugnis eines guten Gewissens vor Gott? Man erzählt von einem berühmten Manne aus dem griechischen Altertum, er habe bei der Rückkehr aus der Schlacht eine prächtige goldene Kette zu seinen Füßen liegen sehen, aber, ohne sie anzurühren, seinem Sklaven zugerufen: „Nimm du sie auf und schmücke dich damit; du kannst es getrost tun, denn du bist nicht Themistokles.“
Wo ist der Christ, der sich der Hoffnung auf die himmlische Herrlichkeit rühmt, und der dann auch - im guten Sinne zu viel christlichen Stolz und Adel besitzt, um noch nach manchen Dingen zu greifen, an denen sich die Kinder dieser Welt ergötzen? Zu dem Höchsten hat man das Angesicht gewandt und weist trotzdem das Niedrige nicht zurück. Man hat den Feind geschlagen und gleich darauf legt man sich selbst die Beute als Zierde an. Man schmachtet nach dem höchsten Gut und hält sich doch nicht zu gut für so viel Kleines und Schlechtes, und dann seufzt man noch über so viel geistliche Dürrheit und Dunkelheit. Herr, tue uns die Augen auf, dass wir erkennen, wie groß und herrlich unsere Hoffnung ist, und löse du die Bande, die uns noch halten an dem Nichtigen und Niedrigen, dass wir mit Eifer trachten nach dem, das droben ist!
Ach wann werd' ich dahin kommen,
Dass ich Gottes Antlitz schau?
Werd' ich nicht bald aufgenommen
In den schönen Himmelsbau,
Dessen Grund den Perlen gleichet,
Dessen Glanz die Sonne weichet,
Dessen wundervolle Pracht
Alles Gold zu Schanden macht.
22. Augen und Füße.
Meine Augen sehen stets zu dem Herrn, denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.
(Psalm 25, 15.)
So ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, aber und das ist ein seliges Vorrecht - sie brauchen darum noch nicht alle in demselben Zustande wie das eine zu sein. Das Auge kann sich noch hell und unversehrt emporrichten, wenn auch der Fuß eines Kindes Gottes zeitweise - vielleicht nicht ohne eigene Schuld - verwirrt ist in einem dichten Netze von drückenden Sorgen, die es ihm für den Augenblick unmöglich machen, einen Schritt vorwärts oder rückwärts zu tun auf dem Wege des Lebens. Die Füße im Netz die Hände ungeschickt, um die Maschen desselben auseinander zu reißen der Feind vielleicht auf den Fersen, so dass man ganz unmöglich fliehen und doch auch ebenso unmöglich bleiben kann, wo und wie man ist: - was bleibt in solch hilflosem Zustand noch übrig? Was sonst, als die Stimme, die noch rufen, was denn vor allem, als das Auge, das noch mit freudigem Hoffnungsblick aufschauen kann zu der Hand, die auch den am schmerzlichsten gefesselten Fuß loslösen kann, einen Augenblick vordem der Verderber naht? Ja, „er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen“ das bleibt die Hoffnung des Glaubens; aus jedem Netze: aus dem des Kleinglaubens und des Zweifels, das ich mit meinen eigenen Händen geknüpft habe; aus dem Netze quälender Sorgen und endloser Verwicklungen, die mir ein lästiger Freund oder ein listiger Feind bereitet hat; aus dem Netze des Satans, der danach trachtete, meine Seele zu sichten wie den Weizen, und der mich zu Zeiten - leider! überwunden hat! Er wird es tun, wenn möglich noch vor meinem Tode, und er wird mir noch einmal geben im Lande der Lebendigen zu wandeln mit festem Fuße, auf freier weiter Bahn, in schönerem Lichte als zuvor; und wenn nicht vorher, so doch gewiss nach meinem Tode, wenn der letzte Strick des letzten Feindes für immer zerrissen sein wird. An den Füßen wird er das nötige schon tun, wenn nur die Augen allezeit ausschauen zum rechten Orte; auf das gläubige Aufsehen hier unten folgt ein ewiges Getröstetwerden. Aber, schaut das Auge immer nur auf das fesselnde Netz, dessen Maschen es bereits zahllose Male gezählt hat, dann wird's uns ganz gewiss allzu enge werden, und das Netz wird am Ende zu einem Stricke, daran sich die Verzweiflung bindet. Nicht von dem Fuße und seiner Fessel, sondern von dem Auge und dessen Licht hängt am Ende unsere Rettung ab. Manch einem ging's schon lang schlimm genug, aber besser wurde es nicht, solange er nicht anfing, lauter als bisher zu seufzen: Wende dich zu mir und sei mir gnädig, denn ich bin einsam und arm!
So der Dichter. Und du? präge dir doch diesen 25. Psalm tief ins Gedächtnis ein und wiederhole dir bald dieses, bald jenes Wort von Grund deiner Seele; er ist eine Schatzkammer, in der du nicht leicht auf den letzten Heller gerätst.
23. Zu meiner Seele.
Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe.
Psalm 35, 3.
Es gibt unter den Psalmen viele, die wir von Anfang bis zu Ende nachbeten können, z. B. den 23. 25., 130., ich hoffe, der Hauptsache nach auch den 139. Dagegen gibt es andere, von denen bloß ein kleiner Teil für unsere persönlichen Bedürfnisse passt, in denen aber doch oft ein einzelnes Wort sich findet, das uns wie aus der Tiefe unserer Seele gesprochen ist. Gilt dies letzte nicht auch von dem 35., der hier vor uns aufgeschlagen liegt, worin so viel harte Worte zu bösen Menschen an unser Ohr klingen, der aber gleich im Anfang eine Bitte an Gott enthält, die zugleich das höchste und tiefste umfasst? „Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe“; - beim ersten Anhören hat dieses Gebet vielleicht für manchen etwas Befremdendes. Wie denn, hat dieser Dichter nicht bereits Gottes Wort in der Stimme der Natur, des Gesetzes, des Gewissens? Haben wir's hier vielleicht zu tun mit einem Schwärmer, der noch mehr begehrt außer dem und über das hinaus, was alle Frommen in Israel haben und wert achten? Fordert er eine hörbare Stimme vom Himmel, eine wunderbare Erscheinung, eine besondere Offenbarung, weil ihm die allgemeine an das ganze Israel ergangene zu gering ist? Gewiss nicht, aber er fühlt, dass sein Geist und sein Herz in den heiligsten Augenblicken nur im Persönlichen leben kann; er wünscht, dass die Wahrheit und das Leben, die ja unzweifelhaft über und außer ihm sind, als solche seinem tiefsten Bewusstsein in ihrer vollen Kraft erkennbar werden mögen; dass der persönliche Gott ihn den vollen Genuss seines Heiles persönlich schmecken lassen möge und auch die letzte Scheidewand niederwerfe, die diese Seele noch daran hindert, die volle Wahrheit zu sehen und das wirkliche und wahrhaftige Leben zu haben.
Gewiss, solch ein Zwiegespräch zwischen Gott und der Seele erscheint lächerlich, solange unser Gott nichts weiter ist als ein bloßes „Gedankenwesen“ über uns und außer uns, Millionen von Meilen weit von uns entfernt. Aber dem, der wahrlich einen Gott kennt, der uns nahe ist, einen Gott für sein Herz, den nicht nur er aufrichtig sucht, sondern der erbarmungsvoll ihn gesucht, gefunden und angesehen hat, einen Gott, der ihn ganz versteht, auch wenn er bittet: „Herr, nicht was mir das Liebste, sondern was für mich das Beste ist, nicht das deine, sondern dich selbst“ - für den ist hier doch etwas anderes als Unsinn. Wer fühlte es nicht zuweilen in der stillen Einsamkeit, in dem Hause des Gebetes, in der Stunde des heiligen Abendmahls? Auch das beste Wort, das Menschen sprechen können, gibt uns manchmal gar nichts und auch allzu oft nur viel zu wenig. Ein Wort von meinem Gotte selbst ist es, was ich nötig habe, ein Wort, „das zu mir heimlich kommt, und aus dem mein Ohr ein Wörtlein empfängt“ (Hiob 4, 12), so dass ich es als einen festen Stab ergreifen kann mit meinen bebenden aber doch betenden Händen. Sogar an Menschen, die zu uns sprechen durch ein Buch oder wie ein Buch, haben wir zu wenig, so lange die echte menschliche Stimme schwieg, darin unser Ohr das innige treue Herz vernahm. So sprich doch endlich einmal mit mir!“ rufen wir ihnen oft voll Ungeduld zu; „widersprich mir, wenn's sein muss, strafe mich, drohe mir, alles das ist mir am Ende lieber, als dies marmorhafte Stillschweigen, wenn anders zwischen uns eine lebendige Gemeinschaft sein soll.“ Und Gott, der uns das Ohr anerschaffen hat, sollte uns nicht verstehen, wenn wir rufen wie einst Elias: „Erhöre mich, Herr, erhöre mich!“ Aber mit Toten kann man unmöglich leben; und ein Gott, der sich nur einmal geoffenbart hat, noch dazu in einer untrüglichen Schrift, aber weiter dem seufzenden Menschenherzen nichts mehr zu sagen hat genug! Sein Reden kann uns verurteilen, aber sein unverbrüchliches Schweigen wäre sein allerschrecklichstes Urteil. Ich verstehe es, was Luther gesagt hat: „Ach Gott, strafe lieber mit Pestilenz, als dass du so still schweigest!“
„Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe“; was verlangt diese Bitte, wo sie wirklich ernst ist, und wiederum: was empfängt sie? Was sie verlangt? Nicht nur etwas Allgemeines, sondern etwas Besonderes. Es ist nicht nur dies: „Zeige mir, verheiße mir, schenke mir dein Heil“ sondern dies: „Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe“ mit andern Worten: „Gib dich selbst mir in der Fülle deiner Gnade“. Es ist wie der Lebensschrei einer Seele, der das Leben eben aufgegangen ist, aber die für den Augenblick den vollen Genuss des Lebens entbehrt und ihn doch nicht länger entbehren kann. Es ist, wenn wir schärfer zuhören wenigstens auf christlichen Lippen die doppelte Bitte um die Versiegelung der geschenkten Offenbarung und Versöhnung aller Schuld im eignen Herzen durch die Kraft des Heiligen Geistes, und ebenso, als Folge davon, um die Stärkung und Erfrischung unseres geistlichen Lebens, wo es durch Ursachen in uns oder außer uns angefangen hatte zu schwinden. Für den, der da weiß, was das eine und das andre sagt, würde nähere Beschreibung unnötig, für andre würde sie nutz- und erfolglos sein. Niemand kennt den neuen Namen, der geschrieben ist, denn der ihn empfängt (Offb. 2, 17).
Für die gewisse Erhörung dieser Bitte sind uns Gottes Macht und Treue Bürgen. Zeit, Art und Weise und Maß dieser Erhörung sind und bleiben das Geheimnis seiner Liebe, das indes bis zu einem gewissen Grade dem Seelenauge dessen enthüllt wird, der von Gott selbst gelernt hat, so zu beten. Was aber der im Verborgenen empfängt, dem es mit diesem Gebet wirklich Ernst geworden und der dabei verharren lernte, wer kann das völlig aussprechen? In keinem Falle ist es eine anhaltende Abweisung, sondern immer eine Antwort, die dem ruhelosen Hasten und Sorgen der Seele für den Augenblick, und bald auch für ewig ein Ende macht. Selige Erfahrung; „Da ich den Herrn suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.“ (Psalm 34, 5.) - In dieser Antwort liegt ein mehr als ausreichendes Gegengewicht gegen so manches unwahre, unbarmherzige, unbefriedigende Menschenwort, wie es so oft unsre Seele trifft. - In diesem Gegengewicht aber liegt die erquickende Befriedigung aller Bedürfnisse der Seele, die sich in diesem einen Seufzer aussprechen, und zugleich das Unterpfand von noch unendlich viel Höherem und Besserem. O, was schadet es denn, wenn wir auch augenblicklich nach dem feurigsten Gebete etwas erfahren, das an das Prophetenwort erinnert: Ich schweige wohl eine Zeit lang und bin stille und enthalte mich (Jes. 42, 14)? Gegen die Seinen schweigt Gott nur, um bald umso lauter zu sprechen, wenn sie nur aufmerken wollen. Eins tut not: Ihn wirklich gut zu verstehen, auch dann, wenn seine Antwort vielleicht tief beschämend und demütigend lautet. Sprechen wir nur wie jener Dichter: „Ach, dass ich hören sollte, dass Gott der Herr redete“ (Psalm 85, 9), so wird auch seine Hoffnung die unsre werden und bleiben: „Dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen.“ Herr, sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!
24. Taubenflügel.
O, hätte ich Flügel wie Tauben, dass ich flöge und etwa bliebe!
Psalm 55, 7.
Verstehst auch du, mein Bruder, etwas von der Stimmung, in der einst der Dichter so singen konnte? Wenn nicht, vielleicht umso besser für dich; aber du kannst überzeugt sein, andre kennen sie nur allzu gut, und, hinge es von ihnen ab, sie würden es bei diesem Wunsche nicht bewenden lassen. Begreiflich ist ja auch dieser Wunsch, zumal in unruhigen und trostlosen Zeiten des Lebens. So war es bei unserem Dichter in einer Umgebung, der - wenigstens nach diesem Psalm zu urteilen - fast jede lichtere Seite fehlte. Er hat ja wohl seinen Gott, aber es scheint doch so, als hätte Gott sein Ohr ganz abgewandt von seiner flehenden Stimme, und als hätte er auch gar keinen Menschen in seiner Umgebung, vor dem er sein übervolles Herz einmal ausschütten könnte. Überall Feinde, oder fälschlich sogenannte Freunde, die im Grunde nicht besser sind als Feinde; er lebt das Leben heißen kann wie in einem giftigen Dunstkreise; es ist wirklich nicht länger auszuhalten. Fort, fort, um jeden Preis weg von hier! Überall wird's besser und erträglicher sein, als hier. Vom Paradiese träumt er nicht mehr; wäre er nur in der Wüste! Fände er dort auch keine Genüsse, so könnte er doch Ruhe daselbst finden. Ach, dass doch jemand ihm Taubenflügel gäbe! Sein Königreich, wenn's sein müsste, für ein Paar Flügel und für ein klein wenig freie Luft!
Noch einmal: war David der Einzige, den solches Verlangen beseelte? Oder kennst du, vielleicht ganz genau, einen Menschen, dem solch' eine ich darf nicht sagen heilige - Ungeduld ganz fremd blieb? Einen Menschen, meine ich, der ein offenes Auge hat für all die Armut, das Elend, die Unausstehlichkeit - das Wort ist nicht zu stark - seiner ruhelosen, freudlosen Gegenwart? Eine Vogelnatur, wenn du willst, (lächle nicht bei einem Worte, das nicht ohne Tränen gebildet ist) die so oft seufzt nach Licht und Luft, ohne beides zu finden, die schon hundertmal vergeblich die müden Flügel an den vergoldeten Stäben des engen Käfigs lahm geschlagen hat, der sie so lange gefangen hielt? Er sagt nicht einmal mehr: Ach, dass mir jemand Flügel gäbe! - aber was fühlt er oft im Stillen, wenn er die Erwartungen, die er vom Leben gehabt hat, mit der nackten, rauen Wirklichkeit vergleicht! Ach, der Ort, wo er leben, oder besser gesagt, sein Dasein fristen muss, ist auch wie ohne Licht und Luft! So ist es schon so lange gewesen, und er kann sich wohl denken, dass es so auch noch lange, vielleicht gar immer bleiben wird. Wäre doch nur irgendwo - wenn's denn auch in der Wüste wäre - ein Plätzchen, wo er wirklich er selbst sein, wo er freudigen Herzens des Herrn sein könnte, ohne immerfort zu sehen, was ihn quält und martert, ohne immerfort tun zu müssen, was ihn innerlich tötet!
Und doch, was würde es helfen, mein ruheloser Bruder, meine Schwester, wenn auch dieser ungestüme Wunsch erhört würde? Gib dem Dichter Taubenflügel: er wird dahinfliegen, aber wird er auch wirklich glücklicher sein? Wohin er kommt, bringt er das zitternde und trostlose Taubenherz mit, und was er findet, ist doch immer nur eine Wüste, allerhöchstens mit einer Oase, die aber auch in keinem Falle unvergänglich blüht. Vielleicht wäre ihm auch hier der Aufenthalt alsbald unerträglich; was er verlässt, das lernt er vielleicht jetzt erst seinem vollen Werte nach schätzen - und wenn denn nun obendrein die schüchterne Taube unter fremde Raubvögel fiele? - Wozu mehr? Mancher von uns würde kaum härter gestraft werden können, als durch die Erfüllung von unverstandenen, wenn auch natürlichen Wünschen. Er, der uns die Flucht in die Wüste verwehrt, hat ganz gewiss etwas Besseres für uns ersehen. Nein, wenn es uns in erdrückender Luft wirklich um Flügel zu tun ist, dann lieber um Adlerflügel gebetet: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Nicht in die Wüste, sondern nach Kanaan; nicht die Ruhe in weiter Ferne suchen, sondern sie in jeder Umgebung finden, weil sie doch am Ende nicht mehr von unserer Umgebung abhängig ist, sondern in unserem Innern für immer ihren Sitz haben muss - das ist die Weisheit, die Größe, die irdische Glückseligkeit der echten Kinder Gottes.
Doch ehe es wirklich so weit kommt, wird ganz gewiss noch vieles anders werden müssen, nicht zuerst um uns, sondern in uns.
25. Für dunkle Tage.
Israel hat dennoch Gott zum Trost.
Psalm 73, 1.
Es gibt Psalmen, wie z. B. der dreiundzwanzigste, aus denen uns nur freundliches Licht entgegenzuströmen scheint; andere, wie der achtundzwanzigste, worin wir von Anfang bis zu Ende in finsteren Nebeln umhertasten; aber es gibt auch nicht wenige, die uns einen wechselnden Kampf zwischen den Nebeln und der Sonne in der kleinen Welt im Innern veranschaulichen. Zu diesen gehört auch der dreiundsiebzigste, ein Bekenntnis Assaphs, worin er uns ein Blatt seiner inneren Geschichte darlegt, zur Lehre und zum Troste für zahllose Schicksals- und Leidensgefährten früherer und späterer Zeit.
„Israel hat dennoch Gott zum Trost“ oder wie es wörtlich heißt: „Ja, gütig gegen Israel ist Gott“ der Ausgang des Kampfes wird gleich vornean gestellt; aber der Dichter verbirgt es nicht, es ist ihm nicht leicht gefallen, zu dem Resultate zu kommen. Assaph stellt sich nicht größer hin, als er ist; das Glück der Gottlosen ist für ihn das große Rätsel der göttlichen Regierung, und dies musste es wohl sein in jenen alten Tagen, als das Licht der ewigen Zukunft noch nicht hell auf die Gegenwart fiel, und man den Unterschied zwischen Wohlfahrt und Glück nicht immer im Auge behielt. Aber von der Art und Weise, wie hier dies Problem besprochen wird, lässt sich manches lernen für den, der es oft schmerzlich empfindet, dass der Mensch auf Erden in Rätseln wandelt.
Glaubenskampf ist das erste, wovon in der ersten Hälfte (V. 1-14) gesprochen wird. Unzweifelhafte Spuren dieses Kampfes finden wir in den mutlosen Klagen des Dichters (V. 2-9), und in den trostlosen Fragen anderer (V. 10-14), die sich an denselben Stein des Anstoßes stoßen wie er. Es ist, als finge der Boden an, ihm und den andern unter den Füßen zu versinken: sollte Gott es wissen? Was kann es, wenn's so weitergehen soll, noch helfen, dass wir ihm aufrichtig und von ganzem Herzen dienen? Die Vorsehung hat ihre Rätsel und dazu gehört auch das zeitweilige Triumphieren des Bösen und der Glaube hat seine sehr dunklen Stunden. Nicht der ist hier der größte Held, der niemals zweifelsvoll geklagt, sondern der, welcher, was ihn drückt, ehrlich seinem Gott geklagt hat.
Erst aus bangem Zwiespalt, von dem der Unglaube sich keine Vorstellung machen kann, wird der Glaubenssieg geboren (V. 15-22). Wie wird dieser Sieg vorbereitet, wie wird er erlangt? Das eine sowohl, wie das andere auf doppeltem, immer geregeltem und psychologischen Wege. Vorbereitet zuerst dadurch, dass der klagende Frager ernstlich zur Einkehr kommt, und anstatt sich selbst zu gefallen in seinen Zweifeln, frühzeitig zurückgeschreckt vor dem Ende, wohin dieser Weg ihn führen würde (V. 15). Vorbereitet aber auch dadurch (V. 16), dass er nun seine nachdenkliche Untersuchung nicht aufgibt, sondern fortsetzt und nicht ruht, bis das Licht durch den Nebel hervorbricht. „Ein wenig Philosophie führt von Gott ab, ein größeres Maß führt zu Gott zurück“ (Baco). - Assaph bleibt mit seinem ausgeglittenen Fuße nicht in dem Netze hängen, sondern ringt und arbeitet sich hindurch, und nun erlangt er auf diesem richtigen Wege den Sieg dadurch, dass er einerseits höher steigen, andrerseits tiefer sinken lernt als früher. Er steigt höher (V. 14-20), denn er fängt an, die Dinge nicht von ausschließlich menschlichem, sondern von göttlichem Standpunkte zu betrachten. Aus dem unruhigen Vorhofe dringt er durch in das immer ruhige Heiligtum der Wege und Werke Gottes, und sieht auf das Ende der Bösen, welches nichts geringeres als ein Gottesgericht ist. „Wie ein Traum, wenn einer erwacht: wenn der Herr aufsteht, den Erdkreis zu richten.“ So wird es; aber nun ist auch der kleinmütige Glaube aus seinen eigenen schweren Träumen erwacht und sieht, wie er wie ein Blinder über Farben gesprochen hat; und der Dichter verurteilt sich selbst, damit er nicht von Gott verurteilt werde (V. 21, 22). Sich tiefer zu beugen als je, gleichwie Hiob nach erhaltener Gottesoffenbarung (Hiob 42, 5, 6), das wird seiner Seele Bedürfnis; und wer sich so erniedrigt, der wird erhöht, aus der dunklen Tiefe zur lichten Bergeshöhe hinaufgeführt.
Aber nun wird denn auch (V. 23-28) ein tiefer Glaubensfriede das Ende des Streites sowohl, wie des Triumphes. Die Rätsel bleiben ja bestehen, aber sie hindern Assaph nicht mehr. Was auch komme oder nicht komme, dies eine weiß er: er hat an seinem Gott einen treuen Führer (V. 23, 24), der ihn nach seinem Ratschlusse durch Leiden zur Herrlichkeit führt - und als
zweites, was dem ersten gleich ist, weiß er: er hat an diesem Gott ein ausreichendes Teil (V. 25, 26), welches nimmer wegfallen wird und das er vor allem andern sich erwählt. Er ist seines Gottes sicher und in ihm seines seligen Loses versichert; denn was in dem lebendigen Gott gewurzelt ist, kann nicht sterben. Was ist, damit verglichen, die Zukunft (V. 27), die den Gottlosen erwartet?
Und nun der Schluss (Vers 28)! Welch ein Unterschied zwischen Anfang und Ende des Psalmes! Genug, der Gewinn der Vergangenheit ist: recht nahe bei Gott sein - und die Losung der irdischen sowohl, wie der ewigen Zukunft: Gott vertrauen und seinen Werken; niemals mehr tadeln, sondern immer lauter „verkündigen alles sein Tun“.
Also hat Assaph geglaubt an den Herrn, und es ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet und uns zur Lehre beschrieben (Röm. 15, 4). O, meine Trostbibel, wie ist es möglich, immer fruchtlos nach Labung zu schmachten, wo solche Lichtes- und Labungsbrunnen fließen? Möchte doch das Wort im Anfange des Psalmes das erste und letzte auch in unserm Glaubensleben werden und bleiben, das allumfassende „dennoch“!
26. Für schlaflose Nächte.
Ich schreie mit meiner Stimme zu Gott….
Psalm 77.
Schlaflose Nächte - die Kunst weiß in manchen Fällen nicht sehr viel dawider zu tun. Hat die „Arzneikammer der Seele“ auch dafür weder Rat noch Hilfe? Ja wohl, und sogar aus dem Munde desselben Assaph, der auch für dunkle Tage ein so passendes Wort zu sprechen wusste. Psalm 77 ist ein „goldenes Kleinod Assaphs“ für die, welche mit diesem Dorn im Fleische mehr als oberflächlich bekannt sind oder es vielleicht späterhin werden. Ebenso wie der vorige verdient er von Anfang bis zu Ende gelesen und erwogen zu werden. Wie in einem hellen Spiegel können wir hier sehen einerseits, wie dunkel es oft in dem Herzen eines aufrichtigen Frommen werden kann (V. 2-10), aber auf der anderen Seite auch (V. 11-20), wie es in dem dunklen Herzen nach und nach wieder anfängt licht zu werden. Zuerst sehen wir den Dichter geistlich hinsinken, aber dann sehen wir ihn sich wieder erheben, jedes Mal in vier Stufen.
Wie geht es hier in die Tiefe mit dem Manne, der doch „in der Zeit seiner Not“ nicht ablässt, den Herrn zu suchen! Er wird schlaflos (V. 3a); seine Hand ist des Nachts unruhig ausgestreckt, nicht im Schlafe gefaltet, und sein Auge wird eine Zeitlang wach gehalten. Gott gönnt seinen Geliebten den Schlaf, aber „Sünde, Schwachheit, Angst und Sorgen“ können den Genuss dieser Gabe zuweilen Wochen und Monate lang verkümmern, und man braucht kein König Ahasverus zu sein (Esther 6, 1), um die Ruhe für immer von seinem Lager gewichen zu sehen. Aber nun, in diesem Zustande der Überspannung, wird Assaph obendrein trostlos (V. 3b. 4). Er kennt die Trostgründe wohl, aber er benutzt sie nicht; was ihn hätte aufrichten müssen, drückt ihn nieder. Wenn er sich nur anderen mitteilen könnte aber der Gemütskranke sondert sich ab und zieht sich zurück; er wird sprachlos (V. 5-7), immer mehr in sich selbst gekehrt und ganz stumpf von Grübeln über allerlei düstere Fragen. Könnte er nur glauben, der Glaube würde ihn die Antwort finden lassen; aber das Schlimmste von allem - nun verliert der arme Assaph auch den Glauben (V. 8-10). Er spricht ja jetzt endlich, aber nicht anders als auch der Ungläubige tut. Auch das Undenkbare, das Gottes Unwürdige, das Verzweifelte wird ihm, wie es scheint, nicht so durchaus unannehmbar. Es könnte ja doch einmal der Fall sein, dass die recht hätten, welche lästern….. Wozu mehr? Armer, unglücklicher, aber auch sündiger und strafwürdiger Sänger, der doch so gut und schön begann: „Ich schreie mit meiner Stimme zu Gott, zu Gott schreie ich“. Wie bist du so tief gesunken, wo du erst so hoch standest.
Und wie manchem ist es vor und nach dir nicht viel besser als dir ergangen! „Gott sei Dank“, rief Luther aus tiefster Seele, als er von Gemütsbeschwerden hörte, „ich dachte wirklich, ich wäre der einzige“.
Aber auch dafür sei Gott Dank, dass uns in demselben Psalm wie in einem Spiegel gezeigt wird, wie es in solch einem dunklen Herzen nach und nach wieder anfängt, Licht zu werden. Das geschieht - bemerken wir es gleich - nicht auf dem Wege normaler Entwicklung, sondern auf dem einer gründlichen Umkehr, und wieder führen vier Stufen aus der Tiefe in die Höhe. Müde des Grübelns über sich selbst und das Leben, fängt der Leidende in seiner schlaflosen Nacht an, mit Ehrerbietung aufzuschauen. Sein Auge richtet sich auf die rechte Hand des Höchsten“; und das unbedingte Absehen von sich selbst war - und ist noch der erste Schritt auf dem bessern Wege (V. 11). Nun kommt es zu einem dankbaren Zurückblicken auf das, was Gott bis hierher getan (V. 12-14); die Stimme der Vergangenheit muss auf die Rätsel des Heute die Antwort geben, dass der alte Getreue noch lebt. Da wird es wieder gut, wo in der dunklen Nacht ein Stern nach dem andern durchbricht, und wo es bei fortgesetztem Nachdenken zu einer klaren Einsicht kommt (V. 15-20) in den Gang und den Zweck der Wege Gottes. Wie labt sich die dürre, durstige Seele an der Betrachtung sowohl der Gerichte als der Errettungen Gottes! Gottes Finger wird gesehen, seine Hand wird erkannt, aber nicht die Spur seiner Fußtapfen, wo sein Pfad geht durch eine durchsichtige aber ewig unergründliche Tiefe. Die Seele kehrt zurück zu ihrer Ruhe; und zu ruhiger Voraussicht (V. 21), wie aus der Wüste in das gelobte Land, kommt er endlich wieder, der Mann, der sich immer noch mit vollem Bewusstsein als ein Glied des Volkes fühlt, welches von Gott, seinem Hirten, zur schönsten Bestimmung geleitet wird. Nicht lauter erhebt die Hoffnung ihre Stimme, weil das Psalmwort hier abbricht, aber schon das Eine: „Du führtest dein Volk wie eine Herde Schafe“, sagt genug für scharfe Ohren. Wie ein Kreis kehrt der Psalm am Ende zu seinem Anfang zurück. Mit Anbetung begann er, mit Verherrlichung Gottes endigt er, beinahe möchte ich sagen, wider alles Erwarten.
Und werden Christen, die ihn lesen, hinter diesem seelenvollen Sänger zurückbleiben? Und wer wie er in die Tiefe gesunken ist, sollte der nicht wieder wie er zu dem starken Felsen sich emporarbeiten? Du, der du bis jetzt auf dem starken Felsen gestanden hast, vielleicht fester gestanden hast, als der arme Assaph, lass dir's gesagt sein: auch das kann sich ändern, und auch bei dir kann eine schlaflose Nacht Zeugin eines Kampfes werden, den du bis jetzt bloß dem Namen nach kanntest. Sollte das geschehen, so mache nur einmal die Probe mit der Arznei dieses Psalmes. Verlasse dich darauf: sie ist bewährt und hilft!
27. Hort und Recht.
Der Herr ist mein Hort, und ist kein Unrecht an ihm.
Psalm 92, 16.
Ein herrliches Schlusswort dieses herrlichen Sabbatpsalmes, der im Laufe der Jahrhunderte schon so manche Seele aus dem Erdenstaub gezogen hat! Es ist die Summe alles dessen, was die, die auch in ihren alten Tagen in dem Hause des Herrn gepflanzt sind, immer wieder zu erwägen und zu verkündigen haben; der kurze Inbegriff ihres Glaubensbekenntnisses, das Ergebnis ihrer gesamten Lebenserfahrung. „Der Herr ist mein Hort“; der Fels, hinter welchen ich mich verberge, wenn es um mich her blitzt und donnert und stürmt. Der Fels, auf den ich das Haus meiner irdischen und meiner himmlischen Hoffnung baue, sodass es, fest und tief gegründet, nicht wanken und nicht einstürzen kann. Der Fels, aus dem ich mich labe; denn in ihm sind verborgene Adern lebendigen Wassers, die man nur mit dem Stab des Glaubens anzurühren braucht, damit einem der erquickende Strahl entgegensprudelt. Das ist er, heute so wie ehemals und in alle Zukunft, und bei ihm, der das für jeden von den Seinen ist, kann niemals die Rede sein von Unrecht. Kein Unrecht in seinen Forderungen, und scheinen sie uns auch noch so unbillig und übertrieben. Kein Unrecht in seinen Gaben, denn, wie ungleich sie auch verteilt sein mögen, die höchste Weisheit verwaltet sie. Er legt keine Rechenschaft ab von seinem Tun, aber alles, was er tut, kann er vollkommen verantworten; er verbirgt sich oft, aber er irrt sich nie. Kein Unrecht endlich auch in seinen strengsten Gerichten, denn wenn er unsere heimlichen Sünden in das Licht seines Angesichts stellt, so ist auch die härteste Strafe nicht unverdient. Wir können leider - Missgriffe begehen und leiden oft auch bitteres Unrecht von den Menschen, aber es geschieht nicht ohne ihn; und in mancher Kränkung ist ganz ohne Mitwissen desjenigen, der sie uns zufügt, das unverletzliche Gericht Gottes nicht zu verkennen. Wer dem unbedingt zustimmt, weil er sein treues Gewissen sprechen lässt, und dennoch Glauben genug hat, um von diesem Richter zu bekennen: „Er ist mein Hort“ - was meint ihr, kann dieser Mensch es nicht im Stillen recht gut haben für sich selbst, auch mitten in der langen, bangen Arbeitswoche dieses Lebens, ja kann er, was noch mehr ist, nicht schon recht tüchtig vorwärts gekommen sein auf dem Wege, der ihn dahin führt, wo er das vollkommene Sabbatslied singen kann, in den himmlischen Tempel, wo sein Hort und Fels nicht länger von Nebeln verdeckt sein wird, wo das Unrecht auch nicht einmal dem Scheine nach fortdauern kann?
Selig, wer auf dem Wege ist, ein solcher Mensch zu werden! Gott lehrt ihn ja schon hier in der Erdennacht den Psalm, der dort am Tage des ewigen Sabbats noch viel freudiger gesungen wird. Wäre es unmöglich, dass er sogar anderen diesen Psalm vorsingen lernte? Das ist gewiss: auch in der niedrigen Stellung eines Türhüters wird er sich vollkommen zu Hause, ja unaussprechlich begnadigt fühlen.
28. Dunkle Aussicht.
Der Herr ist König und herrlich geschmückt; der Herr ist geschmückt und hat ein Reich angefangen, so weit die Welt ist und zugerichtet, dass es bleiben soll.
Psalm 93, 1.
Ruhige, friedliche Sabbatspsalmen vernehmen wir nur allzu selten hier auf Erden, umso mehr aber vernimmt der unerschrockene Glaube hier in dieser Welt Klänge des Streites und des Triumphes, welche hervordringen aus den Herzen der Kinder Gottes. Hier haben wir solch einen Klang, der durch Schönheit und zugleich auch durch Wahrheit und Kraft uns entzückt, und der dann vielleicht am besten verstanden wird, wenn wir ihn vernehmen zu einer Zeit, wo unsere Aussicht recht dunkel und drohend ist. Von solcher Aussicht kann die Gemeinde des Herrn in unserer Zeit vielleicht mit mehr Recht denn je sprechen, und mancher richtet mit steigender Unruhe den Blick auf das nahende Ende unseres Jahrhunderts. Bei nicht wenigen spricht sich die bange Furcht aus, dass auch dieses neunzehnte Jahrhundert ebenso wie das achtzehnte in Blut und Tränen untergehen wird; ja mancher, der weiter sieht als bis heute oder morgen, wagt seinen heimlichen Gedanken kaum einen Namen zu geben. Kein Wunder, wo fast überall die Grundlagen umgestoßen sind, und wo schon so lange mit freigebiger Hand der Wind gesät ist, woraus eine stürmische Ernte entstehen muss. Eine pessimistische Weltanschauung greift immer weiter um sich; ältere Leute sind dankbar, dass sie ihrem Ziele nicht mehr fern sind, und zittern wohl einmal bei der Vorstellung von dem, was ihre Kinder noch erleben können, ehe die Welt „Neunzehnhundert“ schreiben wird.
Wir wollen nichts einwenden gegen das immerhin bestehende Recht solcher Betrachtungen, aber sie können auch in eine geistliche Krankheit ausarten, und gerade dagegen gibt der 93. Psalm ein unschätzbares Gegengift. Was sehen und was hören wir hier denn? Gleich zu Anfang (Vers 1 und 2) erhebt sich vor unserm Auge der Himmelsstuhl, und der darauf sitzt, ist der ewige König, der Mächtige, jeden Augenblick bereit zu kämpfen und zu siegen, und dabei vor allen Dingen der getreue Bundesgott. Nun erheben sich wohl gegen diesen Stuhl die Wasserströme, die merkbar darauf ausgehen, alles zu vernichten, was sich vor dem Stuhle beugen muss. Zuweilen ist es, als ob buchstäblich die Schleusen des Abgrundes aufgebrochen wären; und auch von diesem unserm Jahrhundert kann man bezeugen, dass in ihm eine Sturzsee von Verwirrung, Sünde und Elend hereingebrochen ist, die das Allerärgste erwarten lässt. Aber der Geist der Zeit gleicht allzu sehr jenem unerfahrenen Lehrling des mächtigen Zauberers in jenem bekannten Gedicht, der wohl seinem Meister das Wort abgelauscht hat, das den Strom nach Belieben entfesseln kann, aber nicht das andere Wort, das das Wasser wieder in seine Ufer zurücktreibt. Und so muss er alsbald, selbst in Not geraten, ausrufen: Herr, die Not ist groß; die ich rief, die Geister, werd' ich nicht mehr los!
Dennoch, wir haben und behalten eine Bürgschaft dafür, dass dieser Strom in keinem Falle den Stuhl stürzen kann. Diese Bürgschaft (Vers 4 und 5) liegt in der alles überragenden Majestät des Königs, in der unwandelbaren Treue seines Wortes, vor allem aber in der Heiligkeit, welche die Zierde seines Hauses ist. „Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses ewig“. So ist es, und dadurch ist auch der große Streit schon im Beginnen entschieden. Dränge die Sünde hinein in dieses königliche Haus, so müsste es unvermeidlich zusammenstürzen; aber was fleckenlos und heilig ist, das ist auch in sich selbst unvergänglich; nicht der weiße Fels, nur das trübe Wasser ist zum Fallen verurteilt. Darum nicht verzweifelt, wenn auch der Abend des Lebens und des Jahrhunderts Überschwemmung und Sturm prophezeit; was am lautesten braust, wird darum doch nicht das letzte Wort behalten. Das Gottesreich wird nicht allein auch durch diese Zeit hindurch kommen: es hat die Ewigkeit vor sich!
29. Nicht für die Hand, aber für das Herz.
Herr, wenn ich gedenke, wie du von der Welt her gerichtet hast, so werde ich getröstet.
Psalm 119, 52.
„Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes, und dein Recht wie große Tiefe“ singt der Psalmist (Psalm 36, 7) und der Verfasser von Psalm 119 hat sich gleichwohl getröstet mit dem, was andere nicht weniger Fromme in stillem Entsetzen erbeben lässt? Gewiss, dieser Trostesquell liegt nicht so gleich vor der Hand, wenigstens nicht für den, der nur gedankenlos zugreift und schon glücklich ist, wenn er sich auch nur an einem Rohrhalm festhalten kann. Und doch ist es ein Wort für das Herz, wenigstens für dessen Herz, der das andere Psalmwort versteht: „Der Herr ist gerecht in allen seinen Wegen und heilig in allen seinen Werken“ (Psalm 145, 17). Wie gewaltig auch Gottes Urteile nicht nur von der Welt her“, sondern auch in unserer Zeit für den aufmerksamen Blick sein mögen, dennoch enthalten sie einen reichen Schatz von Trost, der sich ebenso wenig übersehen als erschöpfen lässt; und mancher, der sich müde grübelte über Gottes rätselhafte Wege, hat bei der Betrachtung seiner schrecklichen Gerichte das verloren gegangene Gleichgewicht zwischen seinem Denken und seinem Glauben wiedergewonnen.
Oder kommt es jemand wunderbar vor, dass man sich trösten kann sogar mit dem Gedanken an die Sündflut, an Sodoms Untergang, an die Verwüstung Jerusalems und an andere Schreckbilder gleicher Art? Lasst mich ihm antworten mit der Gegenfrage, ob denn wirklich unsere Welt- und Lebensanschauung so viel trostreicher sein würde, wenn Namen von so schrecklichem Klange uns nie zu Ohren gekommen wären, und wir dagegen jenes: „dass der Gerechte sei gleich wie der Gottlose“ (1. Mose 18,25), immer im Munde führen müssten? Aber dagegen ist gottlob hinreichend gesorgt, und wie mit Donnerstimme verkündigen Gottes Gerichte den einzelnen Menschen so gut wie ganzen Völkern das, was nur allzu oft vergessen wird, wenn es im sanften Sausen“ sich hören lässt, dass es einen Gott gibt, der da lebt und richtet auf dieser Erde. Welch' ein Trost! Es gibt einen Gott, der höher und größer ist als alle die Hohen, die seinen Namen und seine Sache bekämpfen, und der das scheinbar zerstörte Gleichgewicht immer wieder herstellt.
Und sind nicht Gottes Urteile doch auch wieder Erlösungen, sei's nun für wenige oder viele von den Seinen, und ist nicht auch die schwarze Gewitterwolke umsäumt mit einem silbernen Rand? Schwimmt nicht über den Wassern der Sündflut die Arche Noahs, und steigt nicht immer wieder aus dieser Arche auf die Taube des Gebetes, die nicht zurückkehrt ohne den Ölzweig des Friedens? Ja, was noch mehr ist, auch bei den Gerichten, die nicht nur über eine unverbesserliche Welt, sondern auch über das Haupt und durch das Herz der Kinder Gottes gehen wegen oftmals verborgener Ungerechtigkeit, ist noch immer ein Tropfen des Trostes in dem Wermutkelche verborgen, nämlich dieser: er, der um deiner Sünden willen dich heimsucht, handelt doch nicht mit dir nach deinen Sünden, und zeigt selbst in dieser Heimsuchung, dass er den Sünder noch lieb hat und sucht. Es ist hier gerade umgekehrt wie mit dem Buch, welches Johannes auf Patmos in einem Gesichte essen musste, erst süß von Geschmack, aber mit einem bitteren Nachgeschmack. Gottes Gerichte beugen uns erst unwillkürlich darnieder, bald aber heben sie uns tröstend wieder auf, vorausgesetzt, dass wir seine aufrichtigen Kinder sind. Auch das schrecklichste Urteil, ergehe es nun über Freund oder Feind, wird Vorzeichen und Weissagung seines letzten Kommens, und auf die bange Frage: „Kommst du in Frieden?“ kann für den Glauben die Antwort nicht zweifelhaft bleiben.
Darum, wenn dich vielleicht der Sonnenstrahl selbst nicht erquickt, horche, ob die Gewitterwolke dir nichts zu sagen hat. Es hat einmal jemand gesagt: Gott selbst hat das Bedürfnis, Recht zu behalten. Selig, wer ihm hier schon unbedingt Recht gibt, ehe Er bis auf den letzten Pfennig mit ihm rechtet. Suche du zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient; Er hat die Ewigkeit vor sich. Die Antwort, die der ausharrende Glaube auf sein letztes Gericht gibt, wird ein endloser Lobgesang sein. „Wer soll dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen preisen? denn deine Urteile sind offenbar geworden“ (Offenb. 15, 4). Auch bei den Urteilen Gottes, die am meisten Schrecken erregen, kann man schon hier das Ende voraussehen: „Er hat Alles wohl gemacht!“ Auf der Bergeshöhe sieht man wohl noch das Gewitter, aber es tobt doch nur zu unsern Füßen, und selbst heben unser Haupt zum Lichte empor!
30. Wann tröstest du mich?
Wann tröstest du mich?
Psalm 119, 82.
Eine überraschende, tiefergreifende Frage, besonders in dem 119. Psalm, in welchem sonst das Bedürfnis nach Licht und Leben aus Gott noch viel stärker, als das nach baldigem Troste ausgesprochen ist. Auf jedes Wort kann man hier den Nachdruck legen. Herr, schon von jeher hast du mich gelehrt und geleitet, aber das ist für dies arme, müde Herz noch zu wenig; wann wirst du mich freundlich trösten? So viele andere hast du schon erquickt und ermutigt: kommt nun nicht auch an mich die Reihe? Irdische Freunde taten das Ihrige; aber es gibt nichts und niemanden außer dir, wobei die Seele wahrhaft leben könnte; wann denn wirst du mich trösten, der du nicht menschlich, sondern göttlich tröstest? Wann, mein Gott, nachdem diese dürre Seele schon so lange geschmachtet hat nach einem Tröpflein Himmelstaues? Die Wunde ist so tief - soll sie den Balsam noch länger entbehren? Das Verlangen ist so groß. Wird es bald vollkommen gestillt? Oder bleibt deine Antwort auch jetzt, wie so oft: noch nicht! Wann denn, du Erbarmer, wann soll denn aus der Nacht der Morgen aufgehen?
Die Antwort bleibt Gottes Geheimnis; aber die Frage steht frei, wenn sie nur eine heilbegierige und vertrauende, eine ergebene und geduldige Frage genannt werden darf. O selig, wer dies Fragen so gelernt hat, dass ein heiliger Gott ihm innerlich antworten kann. Doppelt selig, wer die göttliche Antwort verstanden und so tief in sein Herz eingegraben hat, dass darin bei allem Leid doch kein Platz für das größte aller Leiden, vollkommene Trostlosigkeit, mehr übrig bleibt! Stille Verzweiflung an allem, sie ist etwas so Schreckliches und doch so wenig Seltenes da, wo man aufhörte mit Einem zu rechnen. mein Gott, bewahre mich davor, und heile du auf deinem Wunderwege all die Schmerzen, die Menschenaugen nicht sehen und Menschenhände nicht ergründen können. „Wann?“ - gewiss wirst du mich umso schneller trösten, je mehr ich verlerne, nach dem „Wann“ zu fragen und je mehr ich lerne, auf das „Warum“ auch bei deinen dunkelsten Wegen zu achten. Denn noch immer geht es wie der fromme Dichter gesungen hat:
Wenn die Stunden sich gefunden,
Bricht die Hüls' mit Macht herein;
Und dein Grämen zu beschämen,
Wird es unversehens sein.
31. Noch kürzer?
Ich bin dein, hilf mir.
Psalm 119, 94.
Es ist uns das Wort eines berühmten Mannes erhalten, dass, je älter er geworden, sein Glaubensbekenntnis umso kürzer geworden sei, so dass er es am Ende auf die kleinste Münze habe schreiben können. Damit wollte er natürlich nicht sagen, dass er je länger je weniger geglaubt hätte, wohl aber, dass der unveränderliche Kern und die Summe seines Glaubensbekenntnisses sich immer leichter in wenige Worte zusammenfassen ließe; einzelne Worte, die aber für ihn selbst alles umfassten. Könnte man wohl, auch in der neutestamentlichen Zeit, des Menschen Ein und Alles kürzer, richtiger, kräftiger bezeichnen, als durch jene tiefsinnigen Worte des leider noch viel zu wenig geschätzten 119. Psalmes? „Ich bin dein, hilf mir“ gewiss, kürzer, als es in diesem Bekenntnis, diesem Gebet des Glaubens geschehen, ist es nicht möglich, und auch wohl kaum besser. Dein, mein Gott in jenem allgemeinen Sinne, in dem auch die Erde mit all ihrer Fülle des Herrn ist, sondern in jenem besonderen Sinne, in dem allein der Glaube den Mut hat, dieses: Gott, du bist mein Gott! immer von neuem zu wiederholen. „Dein“, dein Eigentum, also nicht mehr mir selbst überlassen, sondern mit Leib und Seele unwiderruflich nicht dein eigen; dein Liebling, nicht nur ein Dienstknecht, sondern dein Freund, dein Kind, dein Erbe, der von dir nichts mehr zu fürchten hat, wohl aber für jetzt und für die Zukunft alles von dir zu hoffen; dein Erlöser mit einem Worte; denn hättest du, mein Gott, nicht nach deiner unendlichen Gnade mich in Liebe erkannt, gerufen, gerechtfertigt, verherrlicht, so wäre ich nimmer dein Eigentum geworden!
Wer so sprechen kann, sollten wir meinen, dem ist geholfen; der braucht also eigentlich um nichts anders mehr zu beten, als darum, dass er in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen werde? Mit demselben Rechte könnte man behaupten, wer sich einmal mit Gott versöhnt weiß, der brauche hinfort nie mehr um die Vergebung seiner Sünden zu beten. Arme Vernunft, die du auf geistlichem Gebiete deine Schlüsse ziehst und festhältst gegenüber den Tatsachen der Erfahrung, gegenüber den tiefen Seufzern des Herzens! Nein, gerade dann, wenn man fühlt, dass man in Wahrheit Gottes Eigentum geworden, muss man mit noch viel größerer Inbrunst beten: „Hilf mir“! bewahre mich! weil ja leider die größte Sicherheit und die größte Gefahr - von unserer Seite betrachtet so furchtbar nahe an einander grenzen. So wahrhaftig als ich dein eigen bin, bewahre mich und hilf mir, du großer Helfer, damit ich, was ich allein durch dich bin, für dich in Ewigkeit bleiben möge! Hilf mir gegen mein eigenes Herz, in dem sich mein allerärgster Feind verbirgt! Hilf mir gegen die Welt, die mit ihrer Sünde und mit ihrem Elend sich immer wieder zwischen dich und meine Seele stellt! Bewahre mich, mit einem Worte, vor jedem Tod in mir und um mich herum, der die Gemeinschaft mit dir, dem lebendigen Gott, bedroht und sie, wenn du selbst es nicht verhütest, am Ende ganz unmöglich macht! Noch einmal, mein Bruder, brauchst du noch mehr, und wiederum darf es weniger sein als dies?
„Ich bin dein“ o unaussprechlich trostreiches Bewusstsein! Hilf mir“ - o unbeschreiblich ernstes Gebet! das erste drängt zu dem zweiten, das zweite ist die unentbehrliche Bedingung des ersten. Trost und Ernst des Wortes Gottes - ach möchten wir doch auch nicht einmal in Gedanken trennen, was er selbst so innig vereinigt hat. Und noch etwas: was auch immer wir an unserm Bruder oder an unserer Schwester gerne anders sehen möchten, lasst uns doch nie von ihrem Herzen Arges denken, da wir doch wissen, dass jenes tiefsinnige Wort der Grundton auch ihrer Seele geworden ist. Wer das von ganzem Herzen bekennt und betet, nicht einmal, sondern immer, der kommt noch einmal zurecht, und nichts vermag die Herzen zu scheiden, die in demselben tiefgefühlten Seufzer eins geworden sind. Bei unserm Glaubensbau kommt es für Zeit und Ewigkeit nicht so sehr auf die Länge und Breite, als auf die Höhe und Tiefe an.
32. Eine Himmelsleiter.
Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.
Psalm 130.
Es war ein herrliches Gesicht, das der fliehende Jakob zu nächtlicher Stunde sah: der geöffnete Himmel, von dem die Leiter der Gemeinschaft mit der dunklen Erde hernieder gelassen war, auf der Gottes freundliche Boten standen. - Aber was ist denn das ganze Evangelium anders, als die frohe Kunde von solch einer Gemeinschaft, deren lebendiger Mittelpunkt der Christus Gottes ist; ja wie manche Seite finden wir schon im Alten Testament, inbesonderheit wie manches Psalmwort, bei deren andächtiger Wiederholung wir ein Gefühl haben, als sähen wir die Leiter wieder dastehen, auf der unsere eigene Seele wie auf Geistesflügeln immer höher steigen kann? So ist es ganz besonders mit diesem paulinischen Psalm, wie man ihn nicht mit Unrecht genannt hat; diesem Bußpsalm, mit dem der sterbende Augustinus seine letzten Tage verlebte und so mancher heilsbegierige Sünder vor und nach ihm. Ein Stufenpsalm auch in dem Sinne, dass er gleichmäßig von unten nach oben steigt ohne Lücke oder Sprung; eine Tonleiter gleichsam mit goldenen Sprossen, deren oberste bis an den Himmel reicht, während die unterste gleichsam in die Tiefe eines heilsbegierigen Gemütes gepflanzt ist. „Aus der Tiefe“, „de profundis“, so lautet der sinnreiche Anfang des Psalmes; aber ist dieser Anfang nicht zugleich der Grundton, der von vorne an bis zu Ende immer lauter erschallt? Ja wahrlich, hier kommt alles aus der Tiefe, zunächst aus der Tiefe eines demütigen Schuldbekenntnisses (Vers 1-3). Kaum fängt die Stimme des Gebetes an zu sprechen und um Erhörung zu bitten, und es sind nicht die Sorgen, sondern die Sünden, über die zu allererst geklagt wird und die merkbar diese Seele am allerschwersten bedrücken. „Wer wird bestehen?“ Eine Antwort ist nicht nötig, aber wo das Herz wie unter einem Berge von Schuldgefühl begraben lag, da hebt doch das Haupt sich ruhig empor.
Aus der Tiefe eines freimütigen Glaubens klingt es weiter: „Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte“. O selige Gewissheit, o anbetungswürdiges Endziel des ganzen göttlichen Gnadenrates: Heiligung, nur auf dem Wege der Begnadigung denkbar. Elend, Erlösung, Dankbarkeit auf diesem Evangelienblatt des Alten Testamentes hast du alles in zwei, drei Zeilen zusammen: wer vermag etwas davon zu tun, wer wünscht etwas hinzuzufügen?
Gewiss, wer das verstanden und inwendig durchlebt hat, der betet nun auch weiter - immer aus der Tiefe, aber jetzt aus der Tiefe eines geduldigen Verlangens (Vers 5, 6). Das verheißene Heil fällt ja auch denen, die Gott kindlich fürchten, nicht allsogleich zu; gar oft muss man es lange, aber immer mit Geduld erwarten. „Von einer Morgenwache bis zur andern“ ach, warum zittert so manche Träne des Herzens durch die Stimme, die dieses Lied nach Jahrhunderten wiederholt, die es aber oft kaum zu Ende bringen kann? Ist's nicht deshalb, weil dieses Lied des sehnsüchtigen Verlangens immer wieder hervorgelockt wird durch so manche endlos lange Nacht in der Seele, während die wolkenlose Morgenröte, die schon so lange sehnlich erwartet wurde, noch immer am Horizonte verzieht?
Und doch wird sie kommen, so gewiss es für das Heimweh ein zu Hause, so gewiss es für den dürstenden Hirsch eine Wasserquelle gibt. Wer so seufzte, ja mehr seufzte als sang, der kann auch auf dieser Sprosse der Leiter unmöglich lange stehen bleiben. Er muss und wird steigen und anhalten am Gebet aus der Tiefe einer freudigen Hoffnung heraus (Vers 7, 8). Durch das lange Warten wird die Hoffnung, wenn es richtig zugeht, mehr gestärkt, als erschüttert. Ja wahrlich, „Israel hoffe auf den Herrn, denn bei dem Herrn ist die Gnade, und viel Erlösung bei ihm“. Wieviel, danach frage nicht hier, sondern droben. Unergründlich für unsere Hand mag die Tiefe unseres Elendes sein, gänzlich bodenlos ist die Tiefe der Barmherzigkeit Gottes. Viel Erlösung“ - und der Heilige Geist kann und will nicht nur, sondern „er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden“. Von der erreichten schimmernden Bergeshöhe schaut der stark gewordene Glaube noch einmal zurück in die Tiefe der Ungerechtigkeit; aber siehe, sie ist für alle Zeit ausgefüllt! Ja, das wird geschehen; ist nicht schon Gottes Bundesname uns Bürge dafür, der nicht weniger als fünfmal in diesem kleinen Psalm wiederholt wird?
Solch ein Psalm, meinst du, müsste doch wahrlich wohl mit einem Halleluja! schließen? Seltsam, das Wort fehlt am Ende aller Stufenpsalmen. Am Schlusse des unsrigen sicher nicht ohne Grund. Insofern er ein Lebenspsalm ist, ist und bleibt er in gewissem Sinne unvollendet hienieden. „Aus der Tiefe“ bleibt nicht allein das A, sondern auch das O des irdischen Glaubenslebens. Das „Hosianna in der Höhe“ wird erst dann ganz rein erschallen, wenn wir nicht mehr aus der Tiefe in die Höhe steigen, sondern aus der Höhe in die Tiefe zurückschauen. Aber so lange heißt es immer wieder von vorne an möchte es nur sein mit langsam wachsenden Geistesflügeln: „de profundis“, „Aus der Tiefe“.
33. Noch nicht.
Die Hoffnung, die sich verzögert, ängstigt das Herz; wenn es aber kommt, das man begehrt, das ist ein Baum des Lebens.
Sprüche Salom. 13, 12.
„Noch immer will's nicht Frühling werden“ wie oft haben wir diesen Seufzer gehört und auch selbst ausgestoßen! Gar manche kranke Brust schmachtet nach einem milden Lüftlein, aber Woche auf Woche weist die Wetterfahne auf dem Turme unerbittlich nach Norden; gen Osten muss das Schiff, aber der Wind ist wie nach Westen gefesselt. Ich habe einen Freund, der seit Jahren zu seinem Lebensspruch sich das lateinische Wort „nondum“ („noch nicht“) erwählt hat; die Wahl ist gewiss ein Beweis von vieler Erfahrung. Einer unserer hochgefeierten Dichter hat als Endergebnis seiner Erfahrungen geschrieben: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle; aber ganz gewiss, hätten auch die meisten die gleiche Erfahrung gemacht, zwischen dem Frühling des Begehrens und dem Winter der Erfüllung liegt doch in der Regel ein Sommer und ein Herbst oft vergeblichen und meist nicht angenehmen Wartens. Hoffnung gibt Lebensmut, gewiss, aber die Hoffnung, die sich verzieht, ängstiget das Herz, das heißt, sie macht es innerlich krank im eigentlichen Sinne des Wortes.
Wäre es auch nur um dieses Wortes willen, so verdiente doch der Dichter der Sprüche ein vortrefflicher Menschenkenner zu heißen. Auch wo die Hoffnung nicht ewig unerfüllt bleibt, wie viele bange Stunden vergehen zwischen Wunsch und Erfüllung, wieviel dunkle Nächte, worin wir stets das holde Morgenrot zu sehen glauben, und doch nichts als Dämmerung und immer wieder Dämmerung verspüren. Wer hat das mehr erfahren als Sarah, die ihre besten Jahre in der Erwartung des verheißenen Sohnes verlor; als Jakob, der sich in seiner langgehegten Hoffnung auf Rahels Hand so bitter getäuscht sieht; als Joseph, da er vergessen in jenem Kerker in Ägypten lag; als David, da er so lange in der Wüste weilen, oder endlich als Schattenkönig in Hebron regieren musste, bevor er den Thron zu Jerusalem bestieg; als mit einem Worte so viele Gläubige alter und neuer Zeit, deren Losung immer wieder in dem einen Worte: Warten! ausgesprochen war! So vergeht die Lebenszeit unter endlosem Suchen nach dem, was man für das wahre Leben hält: und zuletzt fühlt man dunkel aber tief - allein noch dies: das Warten und das Leben sind zweierlei Dinge; und erst dann, wenn das kaum noch Begehrte endlich doch noch kommt, darf das befriedigte Begehren für uns in gewissem Sinne ein Baum des Lebens, der Quell paradiesischen Glückes heißen.
Und solch ein Leben, ist das wirklich lebenswert, ja ist es wirklich möglich, es zu fristen? Würde unser Dasein nicht viel höheren Wert besitzen, wenn solche dürren Steppen unerfüllter Erwartungen einen weniger großen Platz darin einnähmen, und darf man sich nicht unwillkürlich beklagen, dass so mancher die köstliche Frucht des Lebensbaumes, wenn schon auf Erden, so doch in der Regel nicht früher als in seinen letzten Tagen pflückt? So könnte es scheinen und so würde es auch wirklich sein, wenn Genuss der höchste Lebenszweck wäre, und jeder Tag, der zwischen Hoffnung und Genuss vergeht,
ein unwiederbringlicher Zeitverlust. Aber Gott sei Dank, wir wissen Besseres und mehr, wenn wir nämlich im Lichte dessen wandeln, der mehr ist als Salomo. Nicht so viel, so lang, so ungestört wie möglich zu genießen, sondern hier herangebildet zu werden für einen höheren, unendlichen Genuss, das ist die wahre Lebensaufgabe; der sinnliche Mensch möchte sich wohl zwei Himmel wünschen, einen hier und den anderen dort oben; ach, er würde für beide unbrauchbar, wenn dieser törichte Wunsch erhört würde. Verzug des Gehofften ist nicht durchaus ein Unglück; das wird er erst, wenn die scheinbar verlorene Zeit missbraucht wird; sonst aber kann auch das, was das Herz kränkt, Arznei für die Seele werden. Und muss nicht grade der Verzug den Wert des Genusses erhöhen? Würde, um einen Namen noch einmal zu nennen, Sarahs Mutterglück je so hoch gestiegen sein, wenn Isaak zehn Jahre früher geboren wäre? Das ist klar, es gibt keinen köstlicheren Gewinn, als den, der aus Verlust hervorgegangen ist; keinen erquickenderen Lebensbaum, als den, der langsam und im Stillen aufgewachsen ist. Das schmerzliche „Noch nicht“ hier auf Erden wird das Vorspiel des seligsten „Halleluja“ dort oben, das hier gekränkte Herz wird gerade dadurch das geheilte, das von Wonne überströmende. Das höchste und heiligste Verlangen aller Kinder Gottes wird am Ende wie eine schwellende Knospe, die nur noch auf das Geheiß sich zu entfalten wartet; entfaltet sie sich endlich, so strömt der Himmelsduft nach allen Richtungen hin aus, und Himmel und Erde ist es offenbar, dass der Baum des Lebens im Grunde nichts Geringeres war, als der Christus Gottes in seiner vollen Herrlichkeit für alle, die da glauben. Das Warten auf die Erfüllung der Hoffnung, auf dieses Heil, wird dann endlich nur eine Ursache mehr zur Danksagung.
34. Der Stab des Alters.
Ja, ich will euch tragen bis in das Alter, und bis ihr grau werdet. Ich will es tun, ich will heben und tragen und erretten.
Jes. 46, 4.
Ist das Alter wirklich ein Vorrecht, oder vielmehr eine drückende Last? Zu allen Zeiten ist diese Frage verschieden beantwortet worden; ja selbst die Anschauung des Alten Testaments weicht hierin von dem neuen einigermaßen ab. Soviel indessen ist klar, dass von einem Vorrechte nur da die Rede sein kann, wo das Alter sich nicht nur des Besitzes erprobter Weisheit, sondern vor allem eines festen Stabes erfreut. Hier wird dieser Stab dem alternden Volke Gottes in einer Verheißung dargeboten, die, an sich selbst schon erquickend, doch erst in ihrem nächsten Zusammenhang in ihrer ganzen Herrlichkeit uns klar wird.
Mit großer Kraft und Farbenpracht wurde vorhin der Fall der mächtigen Babel mit ihren Götzen gemalt; sie haben ihr Volk nicht erretten können, sondern werden nun als nutzloser Ballast den Zugtieren aufgeladen, die sie anders wohin schaffen sollen. Wie ganz anders Er, der seines Volkes ewiger Vater ist, der es von seiner Geburt an getragen hat, und der es nicht loslassen wird, bevor es den letzten Schritt auf dem Wege seiner Bestimmung getan hat! Er bleibt derselbe in Israels Alter, wie in Israels Jugend - und auch heute noch ist jenes Gotteswort bei jedem der Seinen ebenso treu und wahr wie dazumal.
In allerlei Formen treten Verheißungen wie diese auch für den letzten Lebensabschnitt uns in der Schrift entgegen, und die Lebenserfahrungen der greisen Freunde Gottes beweisen es immer wieder, dass sie noch kein leerer Klang geworden sind. Sicherlich, ein Lebensherbst und Winter ohne Gott sind nicht weniger freudenlos, als ein Frühling und ein Sommer ohne seine Gemeinschaft gewesen sind; und wenn das letzte zerbrochene Rohr den bebenden Händen entsinkt, dann schwankt selbst der stärkste Fuß unwillkürlich am Rande des Abgrundes. Aber wie ganz anders wird auch hier alles, wenn man bei Zeiten den Stab einer Gottesverheißung, wie diese ist, erfasst hat, und ihn täglich festhält mit unerschütterlichem Vertrauen. Unendlich viel hat der Greis oder die Greisin schon dahinschwinden sehen, aber bei weitem das Beste ist geblieben; und können sie nicht mehr, wie früher, andre tragen und stützen, so werden sie nun ihrerseits getragen von einer Hand, die in aller Schwachheit immer neue Kraft gewährt. In Gottes Gemeinschaft werden die dem Alter eigentümlichen Anfechtungen bekämpft und überwunden, seine Entbehrungen erleichtert, seine Lasten verringert, und selbst seine Sorgen, wo sie noch fortdauern und wachsen, im Stillen dazu dienstbar gemacht, um das Herz von der Erde los zu lösen und es reifer für den Himmel zu machen. Je mehr Blätter der früher so stolze und prächtige Baum zur Erde fallen ließ, desto voller scheint der blaue Himmel durch seinen dürren Wipfel; und noch in der letzten Not, wo man die Krücken nicht länger entbehren kann, wachsen auch die Geistesflügel, die das Herz schon voraustragen in das Land des ewigen Frühlings.
Summa Summarum: Auch im Alter gibt es nur ein Unglück, das alles übertrifft, Gott nicht zum Freunde, sein Wort nicht zum Stab zu haben; aber auch dieses Unglück braucht hienieden für niemand unheilbar zu sein. Die Ruhe des Alters hängt ab von der Wahl, die man in der Jugend getroffen hat, und die Antwort auf die Frage, ob das Alter eine Last, oder ein Segen sei, hängt nicht ab von dem Kalender, sondern von dem Stab in der Hand.
35. Der Tröster ohne Gleichen.
“Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, ja, ihr sollt an (in) Jerusalem ergötzt werden“.
Jes. 66, 13.
Das ist die göttliche Antwort auf die beständige Frage eines Herzens, welches schon lange ausschaute nach einem Troste, der nicht nur ein eingebildeter genannt werden könnte, und der etwas Besseres als Enttäuschung brächte. „Wie einen, den seine Mutter tröstet“: können wir uns etwas Höheres vorstellen und doch, können wir etwas Geringeres als gerade dies Höchste und Beste von dem Allerhöchsten erwarten? Auch eine bedachtsame Freundeshand kann einer schmerzlichen Wunde Linderung bringen; auch eine freundliche Vaterstimme kann ein erschüttertes Gemüt beruhigen; auch ein zartes Schwesterherz kann teilnehmen an einem verborgenen Schmerze. Aber doch „wie einen seine Mutter tröstet“ - das ist etwas ganz anderes. Das schätzt man erst recht, sobald man es erfahren hat, und später bei der Erinnerung daran, wenn das Grab sich für immer über dem teuren Haupte geschlossen hat. Eine Mutter wie Sarah, wie Jochebed, wie Hanna, wie Maria, wie Monika - reihe hier getrost den teuersten Namen an, den du je auf Erden genannt hast, oder sich' dich in deiner eigenen Familie, in deinem Hause um nach der Stelle, wo die bittersten Tränen getrocknet wurden, immer und überall wirst du dasselbe Gefühl empfinden, es sei denn - aber ist das wohl möglich? - dass der Mensch in der Mutter gänzlich untergegangen wäre. Kein Herz so weit als das Mutterherz, in dem ein Plätzlein ist für all ihre Sprösslinge; für den weinenden Säugling und den dahin welkenden Liebling; für den Sohn mit seinem gebrandmarkten Namen, und die Tochter mit ihrer betrogenen Hoffnung. Kein Auge so tief, wie das Mutterauge, das in der Seele liest, noch ehe der Mund gesprochen hat. Kein Wort so wohltuend, als das Mutterwort, das den rechten Ton zwischen allzu hart und allzu mild zu finden weiß, welches durchdringen kann, wo keine andre Stimme mehr verstanden wird. Keine Hand so lind als die Mutterhand, die Balsam aufzulegen weiß, ohne aufs neue zu verwunden, die selbst den tiefst Gebeugten aufhebt und nicht ruht, bevor sie, wenn sie kann, die letzte Wolke von deiner Stirn verscheucht hat.
Und so kannst, so wirst du dein sündiges Menschenkind, so willst du auch mich trösten, du Erbarmer, für den selbst der Vatername noch zu schwach ist, so dass du dich mit der zarten, schwachen menschlichen Mutter vergleichst, du, der Herrscher Himmels und der Erde, du treuer Bundesgott? D, allein der Gedanke ist entzückend für alle, die wirklich in Christo dich kennen, und doch, er ist mehr als ein Traum. Es ist die selige Erfahrung von Millionen gewesen; auch ich kann es erfahren noch diesen Augenblick, ja ich werde es unzweifelhaft erfahren, wenn ich nur den tiefen Sinn auch dieses Wortes verstanden habe: „Ja, ihr sollt an, oder wie es wörtlicher heißt, in Jerusalem ergötzt werden“. So ist es; in Jerusalem, nicht in Babel; in Gottes Gemeinschaft, nicht außerhalb derselben; in Bethel, nicht in Beth Aven (Hos. 4, 15), dem Haus der Sünde. Nur dicht bei Gott findet das trostlose Herz noch Höheres als die Freude, den Frieden dessen, der sagen kann: „Dein Zorn ist abgewendet und du tröstest mich“. Vater, ziehe du selbst dies widerspenstige Herz zu dir, wie eine Mutter ihr müde geweintes Kind an ihren Schoß nimmt; und dann vollführe an mir deinen vollen Liebesrat!
36. Eine rührende Bitte.
Bessere dich, Jerusalem, ehe sich mein Herz von dir wendet.
Jer. 6, 8.
Ein Prophetenwort, in dem wir Gott selbst aus tiefstem Herzen zu seinem abgefallenen Volke sprechen hören, aber sprechen, als ob Tränen seine Stimme erstickten. Tief ist in Jeremias Zeit die Nachkommenschaft von Juda gesunken, und schwere Gewitterwolken. ziehen sich von Babel her gegen Stadt und Tempel zusammen. „Es will Abend werden, und die Schatten werden groß“. Jerusalem muss gezüchtigt werden, wenn anders später noch etwas aus ihm werden soll, und um keinen Preis kann es sich selbst befreien von dem nahenden Gottesgericht, sondern alles weitere hängt davon ab, ob das Gericht so ertragen wird, dass es am Ende doch noch einen Segen hinter sich zurücklassen kann. Jerusalem muss sich züchtigen lassen, es muss das Gericht über sich ergehen lassen, bußfertig, willig, gehorsam; darin muss es bedingungslos eins sein mit Gott, oder es steht ihm noch etwas viel Schlimmeres bevor. Es ist, als fürchte Er, der uns, aber auch sich selbst durch und durch kennt, es möge sonst das Allerärgste geschehen, dass sein liebevolles Herz sich endlich doch noch einmal losreißen könnte von einem so unverbesserlichen Volke. Und gerade das will er in Ewigkeit nicht, denn er gedenkt des Bundes, den er mit seinen Freunden und ihrem Samen geschlossen. Aber wird er das tun können, ohne seine eigne heilige Natur zu verleugnen? Er bittet eindringlich, nicht nur um ihret- sondern auch um seiner selbst willen, dass sie ihm das Erreichen seiner herrlichen Absicht nicht sittlich unmöglich machen; er faltet die Hände und lässt ihnen gleichsam die Wahl, entweder sich seine Rute gefallen zu lassen, oder seine Liebe gänzlich zu verlieren. Rührender Anblick! Gott bittet den Menschen, der König sein Volk, der Vater sein Kind - wie nachher, sich versöhnen zu lassen, so hier, sich züchtigen zu lassen. Ist das weniger ergreifend, als wenn später Jesus Christus über dasselbe Jerusalem weint und fruchtlos jammert: „Wenn du es wüsstest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient - aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.“ (Luk. 19, 42.)
Ja, der Herr kennt sein Geschöpf ganz genau; das zeigt er dadurch, dass er auch solche Töne hören lässt, wenns ja auch nur noch allzu oft vergeblich ist! So ist es; nicht die Züchtigung an sich selbst wirkt eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit, sondern die Art und Weise, wie sie ertragen wird, und vor allem das Maß, in dem man sich durch die Züchtigung üben lässt. „Lass dich züchtigen!“ Dazu gehört viel mehr, als man bei oberflächlicher Betrachtung denken sollte. Es ist nun einmal nicht genug damit, dass wir den Strom des Jammers, dem wir nun einmal nicht wehren können, über uns kommen lassen; dass wir uns zitternd niedersetzen dahin, wo die Schläge niederfallen, die nun über uns ergehen sollen; dass wir die Striemen fühlen, und sie dann so bald wie möglich abwaschen. Es will noch viel mehr sagen, als dieses alles. Sich züchtigen lassen - das will natürlich nicht heißen, dass es uns angenehm sei, aber doch, dass wir für recht, für gut, für seiner und unser würdig halten, was er mit uns tut; das will sagen, dass es am Ende besser ist, seine Gnade zu genießen, wenn sie auch in Gestalt der Züchtigung kommt, als seine Rute zu entbehren, aber dann auch die Gnade ganz zu verlieren. Das ist gewiss nichts Geringes, dieses sich züchtigen lassen, zumal wenn es länger als heute oder gestern dauert. Wir waren es früher so ganz anders gewöhnt, wir wüssten doch auch nicht, dass gerade wir so viel schlechter wären als andere; und am allerwenigsten begreifen wir, warum das Kreuz grade für diese Schultern doch gleichviel: Lass dich züchtigen, Jerusalem! deinen Irrweg hast du nach Herzenslust selbst wählen können, aber die Zuchtrute, die gegen dich aufgehoben wird, musst du willig über dich ergehen lassen, gleichviel in welcher Form sie kommt und wohin sie dich trifft. Gezüchtigt werden ist noch immer nicht das Ärgste. Vergeblich gezüchtigt werden, siehe da, das ist es, warum wir beten müssen, dass uns der Herr davor bewahre. Der Bastard, der der Rute gar nicht mehr würdig gehalten wird, ist schlimmer daran, als der verlorene Sohn im Elend der Fremde.
„Auf dass sich mein Herz nicht von dir wende“! Nein, Herr, dies Eine in alle Ewigkeit nicht; lieber denn noch, wenn's sein muss, einen Schlag mehr von der Rute! Auf deine Bitte: „Lass dich züchtigen!“ kann nur dies unsere Antwort sein: Züchtige mich Herr, doch mit Maße (Kap. 10, 24), und erspare mir zur Not auch ein schweres Kreuz nicht, nur lasse mich dein Herz behalten! Und wahrlich, das wirst du tun, du, der einmal durch denselben Propheten deinem Volke, als es sich züchtigen ließ, jenes unschätzbare Trostwort zukommen ließ, welches wohl wert ist, dass mans mit gebeugten Knien anhört: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, nämlich Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden.“ (Kap 24, 11-13.)
37. Der Schmerz ohne Gleichen.
Schaut doch und seht, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat.
Klagel. 1, 12.
Du hast wohl dieses Wort schon einmal unter einem Bilde des gekreuzigten Heilandes gesehen, und vielleicht hat es dir auch wohl einmal etwas zu verstehen und zu fühlen gegeben. In seinem geschichtlichen Zusammenhange hat es ja unzweifelhaft einen andern Sinn; es sind Worte, die der Sänger der Klagelieder dem tief gebeugten und erniedrigten Jerusalem in den Mund legt, dem Jerusalem, welches einst die stolze Königin des Ostens war, und jetzt als verlassene und verachtete Witwe auf den Trümmern sitzt. Aber warum sollten wir denn das Wort nicht auch in noch weiterem Sinne gelten lassen dürfen von dem, der gelitten und gestritten hat, wie kein anderer, da ja nicht leicht ein Wort gefunden werden dürfte, das uns das Bild dieses Mannes der Schmerzen rührender und treffender vor Augen stellte, als dieses? Es hat einmal jemand den Schmerz einen Engel mit dunklen Fittichen genannt, und sicherlich, schon an sich selbst hat er für ein fühlendes Herz, das ihn bei andern wahrnimmt, etwas Ehrfurcht Gebietendes und Heiliges. Ein großer Schmerz, selbst bei einem geringen Menschen, erhebt unwillkürlich den, der ihn leidet, in unsern Augen, besonders, wenn er ihn unschuldig und mit Würde trägt. Aber nun erst der unvergleichliche Schmerz von ihm, dem Gottes- und Menschensohne, den wir mit so großem Rechte den Dulder ohne Gleichen nennen! - Ist's noch nötig, seinen Leidensweg vom ersten bis zum letzten Schritte mit dir zu durchschreiten, damit du fühlest, welch' eine Welt in dem Worte liegt: „Schaut doch und seht, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat?“ Ich weiß es wohl, es ist viel gelitten worden, und es wird noch viel gelitten auf Erden, aber, im Vergleich zu diesem Leiden, wie gut ist da doch noch das Los so mancher menschlichen Jammergestalt! Ist sonst der Schmerz wohl scheinbar in ungleichem Maße verteilt: hier auf dieses dornengekrönte Haupt ist er in seiner ganzen Fülle und Bitterkeit ausgegossen. Wie viel hat er schon äußerlich gelitten, und vor allem, wie viel hat er in seinem Innern durchlebt und erduldet! Nicht nur quälende Schmerzen des Leibes, sondern vielmehr noch unvergleichliche Seelenangst und Betrübnis - das äußerste Maß feindseliger Bosheit ohne jeglichen Freundestrost, verraten, verleugnet, misshandelt, verspottet - preisgegeben von allen, verstanden und begriffen von niemand; innerlich - und das ist das Golgatha auf Golgatha innerlich wie verlassen von Gott! Und zu alledem noch - all' die Bosheit des jüdischen und heidnischen Volkes, die sich um sein Kreuz her vereinigt hat; aber in dieser Bosheit zugleich auch der Fluch der Sünde der Welt, und in diesem Fluche das gerechte Gericht Gottes, das er freiwillig und schuldlos auf sich nahm, um uns mit seinen Segnungen zu erfüllen! Ach, sein ganzes Leben war Leiden, weil eben dies ganze Leben Lieben war; und von diesem ganzen Leben gilt darum das Wort: „Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“. Freiwillig eingegangen in die Gemeinschaft mit unserm gefallenen Geschlechte, hat er alle unsere Not und unsern Tod gleichsam durch sein heiliges liebendes Herz hindurch gehen lassen, und beides, im Handeln so gut wie im Leiden, alles zum Opfer gebracht, um Gott das Opfer zu bringen, welches ihm wohlgefallen konnte, das Opfer eines unvergleichlichen Gehorsams und einer unendlichen Liebe. Und nun - siehe da, seinen Lohn und seine Krone: das Kreuz mit seinem Schmerze, seiner Schmach, seinem Fluche war und das alles für ein Herz, wie das seine!
Solch' ein Opfer aber war nötig - Gottes Wort bezeugt es, und ein aufrichtiges Gewissen besiegelt es nötig, sage ich, um uns zu erlösen von allem, was unsere Sünden verdienten; durch solch' eine Tiefe musste es hindurchgehen, um uns, die wir verloren waren in uns selbst, auf die Höhe zu führen, wo das Halleluja der Erlösten erschallt! - Schaut doch, und seht, ob irgendein Schmerz sei, wie mein Schmerz, der mich getroffen hat! Es ist die Klage nicht nur der leidenden, sondern auch der verkannten Liebe. Jerusalem spricht im Textzusammenhang nicht zu ihren eigenen Kindern, die mit ihr sitzen und trauern, sondern zu denen, die an ihr vorbeiziehen, ohne ein Auge oder ein Herz zu haben für ihr Elend. Und so könnte auch unser Heiland zu allererst klagen über die Welt, in der man sein Kreuz auch jetzt noch ruhig ansieht, aber seine Kirche wie in Trümmer zusammenbricht, und wo man manchem das schmerzliche Wort sagen möchte: Er ist mitten unter euch getreten, welchen ihr nicht kennt! Nein wahrlich, sie kennt ihn nicht, die Welt, die an ihm so unachtsam vorübergeht und ihn kaum noch hasst, weil sie ihn nicht mehr ernstlich fürchtet, da es ja in ihren Augen mit ihm und seiner Sache so gut wie abgetan und vorbei ist. Hass und Schmach hat Christus schon viel mit vollen Zügen aus dem Leidenskelch getrunken, den die Welt noch immer für den Herrn der Herrlichkeit mischt; aber das, womit er bei Unzähligen vorlieb nehmen muss, das, was ihm am allerunerträglichsten ist, das ist die Gleichgültigkeit, die nicht einmal das Haupt abwendet oder schüttelt, sondern einfach an dem Kreuze vorbeigeht, von dem man ja doch nichts mehr erwartet. - Trauriges Verkanntwerden, fürwahr! Und ach, wäre dies nur das einzige, was er erfahren muss! Aber wer fühlt dem Herrn den Schmerz nach, der ihm noch immer zugefügt wird, auch von denen, die vielleicht auf ihren Lippen die Frage haben: Herr, haben wir nicht in deinem Namen dein Leiden verkündigt und deinen Versöhnungstod verherrlicht? Ich denke bei dieser Frage an die Christengemeinde unsrer Tage im Allgemeinen, die so krank. und so machtlos und dabei so jämmerlich zerteilt und zerrissen ist; ich denke an so manches Glied dieser Gemeinde, das bei allem scheinbaren Leben noch immer geistlich tot und stumpf blieb, auch bei den kräftigsten Weckrufen, und das Jesus mit gutem Grunde fragen könnte: So lange bin ich bei euch, und ihr kennt mich nicht? Aber zu allermeist gedenke ich an so viele, die mit mir hierüber trauern, aber nichtsdestoweniger selbst auf geistlichem Gebiet alles mit anhören, allem zustimmen, alles vielleicht bewundern und allem zujauchzen können, ohne im Grunde doch irgendwie an sich selbst eine Änderung zu erfahren. Und wenn in unserm Leben auch einmal eine Stunde gekommen war, wo wir mit einer Inbrunst wie nie zuvor am Kreuze gestanden oder gekniet haben und nicht allein gesehen, sondern auch geschmeckt haben, dass der Herr freundlich und gütig ist o sprich, gehören wir heute vielleicht nicht mehr zu den Freunden, die dem besten Freunde ihrer Seele gleichsam immer von neuem wieder so viele schmerzliche Wunden schlagen (Sach. 13, 6)? Aber fürwahr, wenn du bei sorgfältiger Selbstprüfung dich nicht nur schämen, sondern auch dich verurteilen musst, wie muss Er dann über uns urteilen, Er, der nicht allein sieht, sondern auch hindurch schaut bis auf den Grund jener dunkelsten Schlupfwinkel, wohin wir selbst oft kaum zu schauen wagen?.
„Schaut doch und seht, ob ein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat!“ Mit diesem Worte bleibt der König nicht unbeweglich hängen an dem Kreuze, indem er uns vorübergehen lässt; nein, der gute Hirte geht gleichsam aufs Neue aus, um seine Schafe auf ihrem Irrpfade zu suchen und unter seinem Stab zu sammeln. Sein Wort ist's, an dich gerichtet, der du ihn noch nicht erwählt hast, ihn, der doch das größte Anrecht hat auf deine Seele: Gib mir, mein Sohn, dein Herz! - Es ist sein Wort, auch an dich gerichtet, der du seine Gemeinschaft ernstlich suchst. Siehe zu, ob du noch länger dabei ruhig bleiben kannst, dass du dem etwas verweigerst, der doch vor nichts zurückgewichen ist, wo es dein Heil galt. Ach, lass es denn doch heute einmal Wahrheit werden, was vielleicht noch niemals wahr geworden war: Herz um Herz, Leben um Leben, deine Traurigkeit aus Gott (2. Kor. 7, 10) als segensreichen Tausch für seinen unendlichen Leidens- und Liebesschmerz. Diese Liebe, sie muss dich nicht nur erwecken, sondern ziehen und erquicken, und so ganz und gar gewinnen, durchdringen und erneuern, dass du um ihretwillen, wenn's nottut, von allem scheiden kannst, nur nicht von ihr.
Und hast du sie erfahren, diese Liebe des Herrn, dann bitte, dass alles dies dir wieder so frisch und lebendig vor die Seele trete, wie je zuvor; und hat vielleicht ein langer Winter über deinem Innern gelegen, und fragst du: Wie soll's da drinnen wieder Frühling werden? die Antwort ist dir gegeben in unserem Textesworte, nur mit einer kleinen Änderung: „Schaue mich an und siehe, ob wohl ein Schmerz gewesen ist wie dieser, aber auch eine Liebe wie diese!“ Auf ihn sehen, auf ihn allein, ganz und gar, unter allen Umständen entweder gibt es keinen Weg, um wirklich weiter zu kommen, oder er liegt hier. Wenn die Sonne das Eis nicht schmilzt, wird's ein künstliches Feuer vermögen? O, stelle dich so nahe wie möglich unter seinen Leben-bringenden Einfluss; reiße in Gottes Kraft auch die letzte Scheidewand zwischen Ihm und deiner Seele nieder, und lass dir's sein, als ob der Herr immer mit diesem Worte vor dich trete, du abtrünniges Herz, um dich loszureißen von Sünde und Welt; du heilsbegieriges Herz, um alle Zweifel aus dir zu verbannen; du niedergebeugtes, leidendes Herz, um dich mit allem Schmerze zu versöhnen; du einsames Herz, um dich zu fragen: Hast du denn an mir nicht genug?
O herrliches Wort, töne fort, töne fort ohne Ende in der kleinen Welt dadrinnen und in der unruhigen Welt da draußen, bis du endlich jeden Laut der Entrüstung und Klage übertönst und bis alle Erlösten in dem einen Bekenntnis übereinstimmen: Kein Schmerz und keine Liebe gleich der seinen, aber auch kein Heil und Dank, welche dem unsrigen gleich- oder auch nur nahe kämen. Und du, meine Seele, die du in jeder dunklen Nacht auf diesen silbernen Stern hingeblickt hast, erwarte in Stille den Morgen, wo der König der Ehren dich oben bei der Hochzeit des Lammes empfangen und dann noch einmal sprechen wird: „Schaue mich an und siehe!“
38. Gute Dinge für böse Tage.
Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harret, und der Seele, die nach ihm fragt. Es ist ein köstliches Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Es ist ein köstliches Ding einem Manne, dass er das Joch in seiner Jugend trage.
Klagel. 3, 25-27.
„Ein goldenes Kleinod Davids“ so heißen manche Psalmen. „Ein goldenes Kleinod Jeremiä“, sollte man so nicht auch das dritte Kapitel der Klagelieder, insonderheit vom 20. bis zum 40. Verse, nennen können? Gewiss, man muss, wie er, auf den Trümmern niedersitzen, um dies goldene Kleinod zu schätzen; aber das tränenvolle Auge sieht dann auch grade das kostbare Metall sich entgegenstrahlen. „Es ist ein köstlich Ding einem Manne, dass er das Joch in seiner Jugend trage“; angenehm mag das nicht sein für Fleisch und Blut, aber gut, köstlich und heilsam ist es sicherlich. Es ist ein köstlich Ding einem Manne, dass er das Joch trage; ohne Kreuz und Leiden wird hier auf Erden aus dem Menschen Garnichts, oder doch nichts Rechtes. Ein köstlich Ding, dass er es schon in seiner Jugend trage, denn der Mann wird nur das, wozu er als Jüngling gebildet und vorbereitet ist. Junge Kreuzträger können alte Helden des Kreuzes werden; aber Herzen ohne Sorgen - werden die nicht oft Häupter ohne Krone?
Die Geschichte Jakobs, Josephs, Daniels spricht hier laut genug um von so mancher Erfahrung späterer Zeiten ganz zu schweigen. Aber ein köstlich Ding ist es auch, dass er es wirklich trägt, nicht abwirft, nicht verkürzt, nicht widerwillig fortschleppt, sondern willig trägt, wenn und so lange als sein Gott es ihm auferlegt. Nimm dir's zu Herzen, junges Menschenkind, das schon frühe den Dornenpfad wandeln muss! Und ihr, meine älteren Brüder und Schwestern, deren Jugend lange schon dahin ist, ohne dass ihr noch von dem drückenden Kreuze befreit wurdet, ihr werdet doch nicht vergessen, dass dieses Leben im Vergleich mit jenem Leben gewissermaßen nur eine flüchtige Jugendzeit ist, so dass sich auch darauf unser Texteswort anwenden lässt?
Indessen, das Kreuztragen allein tut's auch nicht. Gewiss, es ist ein köstliches Ding aber nur unter gewissen Bedingungen! - „Es ist ein köstliches Ding“ - und am köstlichsten da, wo das Joch die Schultern drückt „geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen“. Hoffen zuerst, und dann geduldig sein. Hoffen auf das Eine, was nie trügt, auf die Hilfe des Herrn; aber dann auch, wo wirklich die Hoffnung lebt und Leben bringt, geduldig sein. O, schwer zu erfüllender Wunsch für viele uns nur zu wohlbekannte Naturen! Geduldig sein, wenn es draußen stürmt und drinnen das Herz blutet; geduldig bleiben, auch wenn Gott stille schweigt und vorerst noch fortfährt zu schweigen: geduldig - 0, mein Gott! wer ist zu solchem Geduldigsein geschickt? Allein der, aber der auch gewiss, der das dritte versteht: „Der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt und der Seele, die nach ihm fragt“. Dieses dritte ist bei weitem das Beste. Hier ist es nicht ein „Es“, sondern ein „Er“, worauf das Wort der Wahrheit uns hinweist, und dieser „Er“ ist niemand Geringeres als der Herr, der Bundesgott, der ewig Getreue. Freundlich, im vollsten Sinne des Wortes, nur denen, die ihn wirklich suchen und begehren, aber dann auch ihnen allen, wie schwach auch oft ihr Glaube, wie schwer das Joch, wie dunkel die Aussicht auch sein mag.
O, meine Freunde, glaubt ihr das und werdet ihr bei diesem Glauben verbleiben? Nur dann werdet ihr es tun, wenn ihr noch einen Vers weiter zurückgeht und auch dies mit dem Sänger sprechen könnt (Vers 24): „Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele: darum will ich auf ihn hoffen“. Dann sicherlich, aber auch nur dann! Als die Hugenotten in Frankreich eine wichtige Schlacht verloren hatten, und der fromme Coligny verwundet vom Schlachtfelde getragen wurde, drückte er tiefbewegt einem schwerverwundeten Kampfesgenossen die Hand mit den Worten: „Und doch haben wir einen guten und getreuen Gott!“ herrlicher und seliger Glaube!
Aber wie viel gehört dazu, um unter allen Umständen mit voller Ruhe sprechen zu können: „Und doch!“
Ist Gott für mich, so trete
Gleich alles wider mich,
So oft ich sing' und bete,
Weicht alles hinter sich.
Hab' ich das Haupt zum Freunde
Und bin geliebt bei Gott,
Was kann mir tun der Feinde
Und Widersacher Rott'?
39. In die Wüste.
Darum siehe, ich will sie locken und will sie in eine Wüste führen und freundlich mit ihr reden.
Hosea 2, 14.
In die Wüste - gerade kein anziehender Punkt für das Auge; wer uns dorthin lockt, scheint nicht unser Freund zu sein, und wer sich dahin führen lässt, braucht wenigstens nicht auf Ruhe und Bequemlichkeit zu rechnen. Und doch, welche erbarmende, welche langmütige Liebe, die sich in diesem prophetischen Gottesworte gegen Israel ausspricht! Längst hätte das bundbrüchige Volk verdient, dass der Herr es gerechter Vergeltung, oder doch ewiger Vergessenheit preisgegeben hätte. Aber weder das eine noch das andere hatte er getan. Der ewig Getreue schaut sich um nach der Ungetreuen; hat sie ihren Gott in dem Kanaan der Sünde vergessen, Er wird sie in die Wüste der Entbehrung und des Mangels nicht unbarmherzig hineintreiben, sondern sie hineinlocken mit freundlicher Stimme, gleichwie der Freund die Geliebte mit seiner eignen Hand von allem zu trennen sucht, was zwischen sie beide sich gestellt hat. Dort in der Einsamkeit wird er in ihrem Herzen die alte Stimme wieder wach rufen, die schon allzu lange geschwiegen hat; und wo sie nichts zu ihrer Entschuldigung sagen kann, da wird er solche Worte sprechen, nicht nur zu ihrem Gewissen, sondern auch zu ihrem Herzen, die dadrinnen den bußfertigen Entschluss erwecken: „Ich will wiederum zu meinem vorigen Manne gehen, da mir besser war, denn mir jetzt ist“. (Kap. 2, 7). -
„In eine Wüste“ - ist das nicht noch immer der Weg, den Gott so manche Seele führt, die er lieb hat, die aber heimlich den Bund mit ihm gebrochen hat? Man hat die Einsamkeit das Element großer Geister genannt; aber ganz gewiss ist sie die Arznei für unreine und unheilige Herzen, wenn nur in dieser Einsamkeit der nicht fehlt, der noch immer zu seinen Jüngern spricht: „Lasst uns besonders in eine Wüste gehen, und ruht ein wenig“ (Mark. 6, 31). Sie träumten vielleicht von Genüssen, und er ruft sie zur Entbehrung; sie schmachteten nach Gemeinschaft, und er sondert sie ab nicht allein von der Welt, sondern auch von den Brüdern; sie suchten's in der Höhe, und er wies sie den Weg in die Tiefe. Warum? Vielleicht weil er uns nicht lieb hat und aus Willkür uns verweigert, was wir oft so dringend nötig zu haben glauben? Ganz gewiss nicht, sondern gerade deshalb, um uns in der Wüste enger mit sich zu verbinden, als es draußen im ruhelosen Gewühl der Welt möglich ist. Was der Herr Simon dem Pharisäer zu sagen hat, das kann frei in aller Gegenwart geschehen, aber dem ungetreuen Simon Petrus kann der Lebensfürst sich nur in einer besonderen Erscheinung ohne Zeugen mitteilen, soll anders alles gesagt und wieder gut gemacht werden.
O, meine Seele, er hat's so gut mit dir vor, wenn er dir zuruft: In die Wüste, aber mit mir! Dort spricht er dann nicht nach dem Munde, sondern nach dem Herzen dessen, der seine Liebesstimme kennt und versteht; nicht nach dem, was wir verdienen, sondern vielmehr nach unserem Bedürfnis; und er ruht nicht, bevor er aus diesem unreinen und unruhigen Herzen die große Antwort hervorgelockt hat, um die allein es ihm zu tun ist, und bei der allein der Mensch, der Sünder, der Erlöste am Ende wahrhaftig leben kann. Dort in der Wüste ist's viel freier, viel stiller, viel besser als da draußen, wo so vieles ist, was ableiten, und oft so wenig, was hinaufleiten kann. Und - wunderbare, aber herrliche Erscheinung! - jetzt bleibt denn auch die Wüste nicht mehr Wüste; mit und durch Gott wird auch sie ein Kanaan des Überflusses; und es zeigt sich aufs Neue: Sein Wort macht wieder gesund, was im Gewühl der Welt krank geworden war, und was dort keine Zeit fand, um zu sich selbst zu kommen.
Lass dir's gesagt sein, mein Bruder, der du, vielleicht als du's am wenigsten dachtest und wünschtest, von einer Stimme, der du nicht widerstehen konntest, in eine Wüste gelockt und geleitet wurdest. Der Herr hat dir dort etwas zu sagen, was du mit Beschämung anhören musst; aber wo man wirklich sich demütigen lässt, da bleibt auch der Trost nicht fern, und mitten im heißen Sand entspringt die Quelle, die man vergeblich unter dem kühlen Laub suchte. Wer kann's wissen - in der Ewigkeit danken wir vielleicht am meisten - nicht für die Oasen, sondern für die Stimmen in der Wüste, die den Weg zu unserem Herzen fanden. Der Herr weiß recht wohl, warum er uns gerade jetzt in die Wüste gelockt hat. Möchten auch wir es wissen, möchten wir zunächst allen Ernstes danach trachten, es zu erfahren!
40. Eine unschätzbare Antwort.
Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch.
Hosea 11, 9.
Göttliche Antworten auf menschliche Lebensfragen so hat man wohl einmal, und fürwahr nicht ohne Grund, die Lebensworte der Heilsoffenbarung genannt, welche die heiligen Schriften Alten und Neuen Testaments enthalten.
Solche Antworten wir kennen ihrer eine Menge und schätzen sie auch; aber wo ist am Ende die letzte, höchste, endgültige Antwort auf das letzte Bedenken und den letzten Widerspruch des Unglaubens, der oft dunkel, aber tief auf dem Grunde dieses zweifelsüchtigen Menschenherzens schlummert und uns im Stillen so lästig werden kann? Ich meine sie zu finden in einem unerschöpflichen Gottesworte bei Hosea Kap. 11, 9, einem Worte, das man bei oberflächlicher Betrachtung des Kapitels so leicht übersieht, und das uns doch so unendlich viel zu sagen hat.
„Mein Herz ist andern Sinnes, meine Barmherzigkeit ist zu brünstig, dass ich nicht tun will nach meinem grimmigen Zorn, noch mich kehren, Ephraim gar zu verderben“ (11, 8, 9). Es ist, als sähe der Herr vorher, dass das erwachte Gewissen solch eine Langmut für allzu groß halten würde, als dass es noch auf sie rechnen dürfte; aber ehe der Widerspruch laut werden kann, wird er abgeschnitten durch das alles Abschließende: „Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, und bin der Heilige unter dir!“
„Ich bin Gott und nicht ein Mensch“ das ist ja selbstverständlich, möchte man sagen, und man liest gar leicht darüber hinweg. Und doch, wie viel liegt in diesen Worten: welch' stille Majestät, welch' eine trostreiche Wahrheit, aber auch welch' eine heilige Forderung! Wir haben also einen persönlichen, selbstbewussten Gott, der sich unendlich erhaben weiß auch über das vortrefflichste Werk seiner Hände, und der uns gerade in dieser Erhabenheit eine feste Bürgschaft für die Erfüllung seiner höchsten Verheißungen darbietet.
Noch immer geht es uns, wie es Ephraim in jenen Tagen erging; die Tröstungen Gottes sind uns je und dann nicht zu klein, nein, vielmehr zu groß, als dass wir sie zu ergreifen wagten. Unser menschliches „Ich“ steht uns jedes Mal hindernd im Wege; hier aber lässt sich das „Ich“ hören von dem, der größer ist, als unser Herz, und der das allerletzte Wort behalten muss. „Ich bin Gott und nicht ein Mensch“; gib einmal wohl acht, ob du nicht in diesem einfachen Worte die entscheidende Antwort vernimmst auf allen Widerspruch, den, sei es nun ein ungläubiger Verstand, oder ein bekümmertes Gemüt, oder ein erwachtes Gewissen gegen das Wort seines Schöpfers laut werden lässt! „Ja - sagt unser Verstand - das begreife ich aber nicht“; und unser Herz: „Dem vertraue ich nicht“; und unser Gewissen: „Das verdiene ich nicht!“ „„Schweiget, bange Zweifel, schweiget!“ - so antwortet der himmlische Erbarmer: „Ich bin Gott, und nicht ein Mensch.“ Ja, Ephraim, du hast recht; du verdientest es, ja du musstest in gewisser Weise verurteilt werden; und gewiss wärst du auch schon verurteilt worden, hättest du mit einem irdischen Richter zu tun gehabt; aber der Gott, der da vermag, was Menschen nicht können, der tut auch auf der andern Seite nicht das, was jeder Mensch ganz unzweifelhaft tun würde, wenn er einen Augenblick Gott wäre. Er denkt anders, er schont und trägt länger, er segnet unendlich reichlicher, als es auch der beste Mensch könnte. Er ist Gott im vollsten Sinne des Wortes, und darum darf er in keinem Falle nach menschlichem Maßstab gemessen werden.
O welch eine Antwort auf Fragen wie diese: Gibt es sogar für mich noch Gnade? Sollte selbst ich noch gerettet werden können vom Abgrund der stillen Verzweiflung, an dessen Rand ich schwindelnd stehe? Ist es möglich, dass auch mein dunkler Lebenspfad doch am Ende nicht nach unten, sondern nach oben führen sollte? Nimm von den Verheißungen Gottes welche du willst, und lies sie im Lichte dieses Wortes es wird dir sein, als ob du den silbernen Strahl des Mondlichtes auf das graue unabsehbare Meer hättest fallen sehen. Lass auch dir dieses Wort Gottes ein Ende alles Widerspruches sein. Gib ihm die volle, die höchste Ehre, die er verlangt, die Ehre eines unerschütterlich vertrauenden Glaubens! Er, der schon so vieles für dich tat, hat noch mehr für dich in seinem reichen Vaterherzen - auch das Höchste und Beste, worum du jetzt noch kaum zu bitten, woran du noch kaum zu denken wagst. Nur vergiss nicht, dass er, der Gott ist, und nicht ein Mensch, sich dann auch nicht verspotten lässt, als ob er ein ohnmächtiges Menschenkind wäre! Setze bei ihm nichts Verkehrtes voraus, und erwarte auch nichts von ihm, was du nur von einem veränderlichen und unheiligen Menschenkinde erwarten kannst! Vor allen Dingen aber, damit du den Trost dieses Wortes ganz und voll genießen mögest, siehe zu, dass er wahrlich dein Gott sei, „der Heilige unter dir“!
Er ist barmherzig und sehr gut
Den Armen und Elenden,
Die sich von allem Übermut
Zu seiner Wahrheit wenden;
Er nimmt sie als ein Vater auf
Und gibt, dass sie den rechten Lauf
Zur Seligkeit vollenden.
41. Todesschatten und Morgenstande.
Der aus der Finsternis den Morgen macht, Er heißt Herr!
Amos, 5, 8.
Durch prächtige Beschreibungen der höchsten Majestät zeichnen sich die Schriften der Propheten vor allen andern aus. Zuweilen genügt ein einziger Zug, um ein klares Bild von derselben vor unsern Augen aufsteigen zu lassen. So geht es uns mit diesem Worte des Amos, so einfach und doch so eindrucksvoll erhaben. Leider, leider ist es das Werk und die Macht der Sünde, die den Morgenglanz von alle dem, was schön ist und gut, in Todesschatten untergehen lässt. Aber im Gegensatz dazu ist es die Macht, das Erbarmen, die ewige Treue unseres Gottes, dass er aus der Finsternis den Morgen macht, so oft seine Stunde gekommen ist, da er wieder sein belebendes und beseelendes Machtwort sprechen will!
Der aus der Finsternis den Morgen macht, - das Wort könnte als Überschrift dienen für die ganze Geschichte der Menschheit, der Offenbarung, auch für die Geschichte unseres Vaterlandes. Aber es ist zugleich der kurze Inbegriff dessen, was er vor Zeiten manchmal getan hat und noch tut in der kleinen Welt dadrinnen bei allen, die ihn in Christo kennen und lieb haben. Ach, wie viel Todesschatten auch in dem gläubigen Herzen; wieviel Finsternis auch auf dem Weg, der nach oben gerichtet ist; wie viel Nebel über die Zukunft gebreitet, die uns von allen Seiten so umringen, dass wir von ihnen gewissermaßen ganz und gar umhüllt werden, um spurlos in ihnen unterzugehen. - Wo ist der Trost, der allein im Stande ist, das alles aufzuwägen, was unser Leben je und dann zu einer unabsehbaren Nebelwolke macht? „Der aus der Finsternis den Morgen macht - er heißt Herr!“ - siehe hier die Antwort auf alles, was in und um uns her einen unerschöpflichen Stoff bietet für Frage und Klage. Ich brauche also nicht länger im Todesschatten zu sitzen als nötig ist; er flieht dahin auf den Wink dessen, auf dessen Geheiß noch immer das Licht in der Finsternis scheint; und die Morgenstande, die er schafft, wird zugleich die Weissagung von einem reich gesegneten Tage, auf den endlich keine Nacht mehr folgen wird.
Warum denn so dunkel und trübe, mein ruheloses Herz? Gottes Kinder haben den Todesschatten hinter sich, und vor sich die Morgenstande! Tue nicht also, als sei das Gegenteil der Fall:
Weg hast du allerwegen,
An Mitteln fehlt dir's nicht,
Dein Tun ist lauter Segen,
Dein Gang ist lauter Licht.
Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben.
42. Für Herbstzeiten.
Ich aber will auf den Herrn schauen, und des Gottes, meines Heils, erwarten; mein Gott wird mich hören.
Micha 7, 7.
Es gibt auch inwendige Herbstzeiten in der großen Welt da draußen und in der kleinen Welt dadrinnen, im Leben der Gottesgemeinde und im Leben eines jeden Gläubigen. Für solche Zeiten ist Micha 7 ein Kapitel, das mit Gold nicht zu bezahlen ist. Das sind Zeiten des Absterbens, des Vergehens, des Stillstandes, Zeiten, „wo es uns geht wie einem, der im Weinberge nachliest, da man keine Traube findet zu essen“. Auf Feld und Acker gibt's nichts mehr zu sammeln; die beste Zeit des Genießens und Arbeitens ging vorbei, und man fängt an, sich allmählich fremd und verlassen zu fühlen.
Es geht so, wie der Prophet es so treffend beschreibt Vers 2-6: Die Feinde werden immer zahlreicher, und die Freunde zeigen sich auch nicht allzu vertrauenswert. Selbstsucht und Uneinigkeit lähmen jeden Versuch des Zusammenwirkens; es ist als läge ein Bann der Unfruchtbarkeit und des Misserfolges auf allem, was wir wollen, und als wäre über die Schlangensaat der Lüge und der Ungerechtigkeit ein: Wachst und mehrt euch! ausgesprochen. Wozu soll man sich noch länger ermüden, wozu noch weiter hoffen auf bessere Zeiten, da doch so klar schon der Anfang vom Ende zu sehen ist? Man fühlt sich einsam, gebrochen, gelähmt - „ach es geht mir wie einem, der im Weinberge nachliest, da man keine Trauben findet zu essen“. Was bleibt mir nun noch übrig, als auch hinweg genommen zu werden?
O selig, wer dann dem allen gegenüber in unerschütterlicher Hoffnung sich an dem Unsichtbaren festhält und mit dem Propheten im Namen der leidenden und tief erniedrigten Zion spricht: „Ich aber will auf den Herrn schauen, und des Gottes, meines Heils erwarten; mein Gott wird mich hören.“ Aufschauen - warten, das ist für uns zu allen Zeiten das Beste; aber wann wohl besser, als in den dunklen Herbsttagen der Seele, wenn das Rückwärtsschauen uns quält, und ein Blick ringsum uns in jeder Hinsicht enttäuscht? Da bleibt uns nur das Auf- und Ausschauen. Aber auch das verändert gar nichts am Herbste selbst, wohl aber sehr viel an dem Licht, worin wir seine Zerstörungen betrachten.
Zwei köstliche Früchte lässt das erwartungsvolle Ausschauen gleich am Anfang auf dem leeren Acker aufsprießen, welche beide der Prophet ganz nach dem Leben zeichnet: Demut heißt die eine, Zuversicht die andere (V. 8-10). Im göttlichen Lichte erkennt die Tochter Zions nicht nur all' den Jammer rings um sie her, sondern auch, was so oft vergessen wird, ihr eigenes Elend und ihre eigene Unwürdigkeit. Sie nimmt ihren Anteil an der allgemeinen Schuld auf sich, und fällt vor ihrem Gott in den Staub, und - nichts lässt auch die noch so berechtigte Klage so schnell im Herzen und auf den Lippen ersterben, als ein bußfertiges Schuldbekenntnis. Aber nun schöpft sie auch Mut, trotz ihres, ja in gewisser Weise selbst aus ihrem tiefsten Elend. Ihre geistlichen Feinde mögen zeitweise das größte Wort haben, das letzte werden sie keinesfalls behalten. Die Herbstnebel mögen immer häufiger und dichter werden, der harte, strenge Winter mag unvermeidlich sein - auch so wird ein neuer Frühlingstag vorbereitet. Sterben und Vergehen kann ebenso unmöglich das Werk Gottes in der Natur, als im geistlichen Leben seiner Kinder sein. „Es muss doch Frühling werden“ - sei's nun hier oder jenseits. Wenn ich darnieder liege, werde ich wieder aufkommen; wenn ich im Finstern wandle, so ist der Herr mein Licht“. Herrlicher Gedanke, wohl geeignet um auch den trübsten Herbsthimmel mit goldenem Lichtstrahl zu umgeben!
Aber wo liegt denn endlich die Bürgschaft, dass dies mehr als ein leeres Traumbild bleiben wird? Wo anders wohl, als in der Gnade und Treue dessen, den der Prophet zum Schluss (Vers 18-20) verherrlicht mit den Worten, durch die er wohl den Namen eines sechsten Evangelisten verdient: „Wo ist ein solcher Gott, wie du bist; der die Sünde vergibt und erlässt die Missetat den übrigen seines Erbteils; der seinen Zorn nicht ewig behält; denn er ist barmherzig. Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Missetaten dämpfen und alle unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen. Du wirst dem Jakob die Treue und Abraham die Gnade halten, wie du unsern Vätern vorlängst geschworen hast.“ Möchten wir das nie vergessen, am allerwenigsten, wenn die Herbsttage in uns und um uns herum hereinbrechen! Es ist unmöglich, von diesem Kapitel zu scheiden, ohne durch den großen Unterschied zwischen der Stimmung, die sich im letzten und im ersten Verse ausspricht, betroffen zu werden. Sollte es nicht hauptsächlich daraus zu erklären sein, dass in Vers 1 das „Ich“, und in Vers 20 das „Du“ im Vordergrunde steht? O mein Gott gib, dass meine Seele dieses unverbesserliche „Ich verlerne;“ erfülle sie mit dem unerschöpflichen „Du“ und mit Dir werde ich auch durch böse Herbstzeiten hindurchkommen!
43. Gott mit uns.
Gott mit uns.
Matth. 1, 23.
Es ist unglaublich und zugleich tief zu beklagen, wieviel Unkunde und Missverstand bei nur allzu vielen in Bezug auf die Hauptsache und das Wesen des Evangeliums ihres Bekenntnisses herrscht. Sollte vielleicht auch die Gleichgültigkeit vieler für das Evangelium nicht daraus entstehen, dass man den eigentlichen Mittelpunkt, den Kern des Evangeliums nicht versteht? Das Evangelium was ist es anders, als die frohe Botschaft an eine sündige und darum in sich selbst verlorene Welt, dass Gott in Christo Mensch geworden ist, auf dass der Mensch in seiner Gemeinschaft der göttlichen Natur aufs neue teilhaftig werde? - Persönliche Gemeinschaft mit Gott wer fühlt es nicht, dass ohne sie für den Menschen, der nach Gottes Bilde und zu Gott hin geschaffen ist, keine Seligkeit möglich ist? Aber wer wird es finden, dasjenige, was so hoch und so fern ist? Wie kann sich die Erde aus eigener Kraft zum Himmel erheben wie kann der Sünder, von Gott geschieden, selbst das Band mit seinem heiligen Schöpfer wieder anknüpfen? Siehe, sagt da das Evangelium, was der Mensch nicht vermochte, das tat Gott in Jesu Christo. In ihm ist das Unsichtbare sichtbar geworden; durch ihn wird eine vollkommene Versöhnung zwischen Himmel und Erde gestiftet, weil in seiner Person Gottheit und Menschheit, ursprünglich geschieden, aufs Innigste vereinigt worden sind. Das Evangelium lautet nicht: Gott hat einen vortrefflichen Menschen lassen geboren werden, an welchem du einsehen kannst, wie weit es die Menschheit zu bringen vermag - sondern: Gott selbst ist in Jesu von Nazareth Mensch geworden. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn sandte, der so unendlich mehr ist, als alle Engel und Menschen zusammen; glaubst du nun an ihn, so wirst du, von Natur ein Kind des Zornes, wiederum ein Kind des göttlichen Wohlgefallens.
Fühlst du es nicht? „Immanuel, Gott mit uns“ das war es eigentlich, was wir nötig hatten; aber das ist nun auch das eigentliche Neue im Evangelium, was in keinem menschlichen Herzen hätte aufsteigen können ohne außergewöhnliche Offenbarung von oben! Gott über uns, das predigte auch die Natur; Gott wider uns das Urteil sprach das schuldige Gewissen; Gott für uns - danach verlangt das heilsbegierige Herz; aber wer, der weiß, was das Wort „Sünde“ bedeutet, hätte ohne das Evangelium es glauben können? Aber nun, ein unendlich Höheres: „Gott mit uns“, Gott mit all seiner Liebe, all seinem Lichte, seiner Kraft, seinem Frieden, das hat uns das Evangelium kund getan.
„Gott mit uns“ nichts Höheres, das fühlst du, kann dein Herz sich vorstellen. Ist Gott wirklich mein eigen mit seiner Gnade und Treue, wie vieles kann ich dann nicht entbehren, wie vieles dann nicht tragen, wie voller Trost kann ich dann nicht ganz alleine standhalten, wär's auch der ganzen Macht dieser Welt gegenüber, wenn der Vater nur für mich und mit mir ist! Aber, „Gott mit uns“ nichts Gewisseres auch für den Glauben, der zu dem Gekreuzigten ausblickt und seine liebevolle Stimme hört: Ich habe die Versöhnung erfunden! Ja, nun wissen wir, dass der Vater auch uns geliebt hat, da er seinen Sohn, seinen einigen Sohn uns nicht vorenthalten hat.
„Gott mit uns“ es ist Nacht, wohin du blickst; zu allermeist aber wird's dadrinnen finstere Nacht. Aber lass dies Wort die Fackel sein, die ihren Schein auf das Vergangene und Zukünftige wirft, und sieh, wie alles ein andres Aussehen gewinnt. Was seufzest du nun, hinfälliges Menschenkind, um so vieles, das dahin geschwunden ist? Gott ist geblieben! Gott mit uns“, so spricht der Glaube; Gott, der allezeit lebt, der allezeit tröstet, die Tröstung suchen bei ihm, der alles vergeltet, was ihm geopfert wurde. Mag Fleisch und Herz ermatten, Gott ist meiner Seele Hort und mein Teil in Ewigkeit! Warum gehest du nun gebeugt unter der Last deiner Sünden? Gott mit uns in Christo, und dieser Gott hält sich treulich an seinen eignen Bund, und wo die Sünde mächtig wird, da wird die Gnade noch viel mächtiger! Was schauderst du denn - nimm dies Wort hinweg, und zurück vor der dunklen Zukunft? Alle Wolken zusammen können diese Sonne am Himmel nicht verdunkeln, die uns entgegenstrahlt in dem Wort: Immanuel, Gott mit uns! Ist Gott für mich, wer mag wider mich sein? Ist Gott mit mir, was kann ich dann noch fürchten, und wenn mich auch ein Heer umlagerte? Wohnt Gott in mir, wie sollte der Geist nicht zuletzt doch stärker sein als alles, was das Fleisch seufzen macht, ja, wie sollte selbst der Tod im Stande sein, mich zu scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn?
Wozu mehr? Alles andere, was nützt es, solange ich dieses Eine nicht habe? Alles Übrige, was schadet es, so lange ich dieses Eine behalte? Nichts weniger, aber auch nichts mehr hast du nötig, als die untrügliche Gewissheit, dass Gott mit dir ist, der Allmächtige, der Gnädige, der Unveränderliche und ewig Getreue.
Diese tröstliche Gewissheit jedoch - wer fühlte das nicht? - kann uns nur dann erquicken, wenn unser Gemüt erfüllt ist mit aufrichtigem und lebendigem Glauben; und dieser Glaube wird allein da in Wahrheit gefunden werden, wo man von Gott gelehrt ist, sich selbst als Sünder und Christum als Erlöser zu erkennen. So prüfe dich denn selbst, ob etwas von diesem Glauben in dir lebt; bitte den Herrn, dass er deinem Glauben und deinem Unglauben zu Hilfe komme, und trachte nach der Freimütigkeit, um im Blick auf die Krippe und das Kreuz zu sagen: Gott mit mir, so wahrhaftig mit mir, als er lebt; mit mir, nicht nur jetzt, sondern für ewig! „Gott mit mir“, so spreche der Glaube; aber doch auch gleich wieder: „Gott mit uns“, so jauchze die Liebe, und reiche allen die Hand, die denselben teuren Glauben empfangen haben! Ja, allen die Hand, aber insonderheit dem Vater, der uns solche Wohltat erzeigt hat, und dem Sohne, in dem er uns ansieht und lieb hat. Tönt es dadrinnen laut: „Gott mit uns“ so soll's nicht weniger laut erschallen: Wir mit Gott, im Leben und im Sterben die Seinen!
44. „Euch geschehe nach eurem Glauben“
“Euch geschehe nach eurem Glauben“
Matth. 9, 29.
So antwortete der mitleidige Hohepriester auf den Hilferuf von zwei armen Blinden, die ihm folgten, als er das Haus Jairi verließ, das er durch seine Wohltat so hoch ausgezeichnet hatte. Erst sieht es so aus, als ob ihre flehende Bitte: „Ach du Sohn Davids, erbarme dich unser“ auf kein Mitgefühl in seinem Herzen zu rechnen hätte. Lässt nicht auch heute noch der Herr von Zeit zu Zeit einen Heilsbegierigen eine Zeit lang scheinbar vergeblich rufen und warten, um ihn gerade dadurch zu feurigerem Gebet anzuspornen? - Genug, dass die Blinden sich nicht entmutigen lassen, dass sie vielmehr mit geklärtem Geistesauge die rechte Spur zu finden wissen, die in seine stille Wohnung führt. Dort an der Schwelle wendet er sich um und fragt: Glaubet ihr, dass ich euch solches tun kann? Und kaum haben die Blinden demütig und doch zugleich freimütig ein einstimmiges: Herr, ja! vernehmen lassen, und mit dem einen Wort: Euch geschehe nach Eurem Glauben! verbindet sich die Berührung der heilenden Hand, und ein neues, helles Tageslicht geht ihnen auf in ihrer Finsternis.
Ist unser Geistesauge nicht ganz blind für unsere ersten und größten Bedürfnisse, und fangen wir an, diese zu fühlen, so werden wir auch unsrerseits immer stärker gedrängt zu rufen: Ach du Sohn Davids, erbarme dich unser! Ach, die Last der leiblichen Blindheit, wie schmerzlich und schwer sie auch zu tragen sein mag, sie ist gar nichts im Vergleich mit der Last der Sünde, die auf unser aller Schultern drückt. Und zu dieser großen Sündenlast kommt noch so manche andere, kleine und große Last von irdischer Sorge und quälendem Schmerz, die den Frieden aus unserm Gemüt, vielleicht auch den Schlaf aus unsern Augen verbannen, oder wie jene Blinden tasten wir in dichter Finsternis umher beim Blick auf eine umnebelte Zukunft! O, wo kämen wir hin, wenn wir den barmherzigen Hohepriester im Himmel nicht kennten, zu dessen Wohnung der Zugang allen Elenden ohne Unterschied offen steht; wo kämen wir hin, wenn er auch auf die Dauer unsern Klagen nur mit Schweigen begegnete. Aber nein, der Herr sieht auch uns nahen; er hört auch unser Klagegeschrei; er hat auch für uns eine Antwort, und diese Antwort enthält unendlich mehr Trost, als wir im Hinblick auf uns selbst hätten erwarten können. Er fragt nichts anders, nichts mehr als dies Eine: Glaubst du? und können wir darauf: Ja! antworten, so heißt es immer: Dir geschehe nach deinem Glauben!
Seine erste Frage lautet also nicht: Wie groß ist deine Sünde? - sondern: Wie groß, wie fest und stark ist dein Glaube an eine Gnade, die deine Schuld umsonst vergeben will? Nicht: Wie tief ist dein Elend? sondern: Wie groß ist deine Erwartung von mir, der da lebt, um Mangel in Genuss, um Traurigkeit in Freude zu verwandeln? - Nicht: Wie fest ist dein Glaube an manche Wahrheit, die für deinen Verstand unergründlich ist? - sondern: Wie steht es mit deinem persönlichen Glauben an mich, als den alleinigen, aber auch den besten Helfer? Bist du auch ganz bedeckt mit Wunden, so ist doch immer noch eine Stelle da, wo die heilende Hand des Arztes anfassen kann; kannst du mir auch nichts als Elend aufweisen, willst, kannst und magst du dann doch nur Gnade von mir erwarten? - Ja wahrlich? Glaubst du auf Grund seines Wortes, vielleicht gegen alle Erfahrung, gegen alles Erlebte, gegen alle Vernünfteleien des Kleinglaubens, glaubst du und lässt du ihn nicht, er segne dich denn? Glücklicher Mensch, du wirst, nein, du kannst nicht vergeblich rufen, denn alles ist möglich, nur dies nicht, dass der Wahrhaftige lüge. Glaube nur, so schenkt er auch dir, nachdem du's bedarfst und wie er verheißen hat, in aller Finsternis Licht, in aller Traurigkeit Trost, in allem Streit Versöhnung, in aller Schwäche Stärkung, in allem Mangel die Fülle, um die du ihn batest.
Aber wo ist unter uns der Glaube, der ihm wirklich wohlgefallen kann? Wo ist dein Glaube in so mancher dunklen Stunde? - Weißt du wohl, woran wir oft heimlich denken, wenn wir die Beschaffenheit so manches innerlichen Lebens zu erforschen suchen? An ein Haus, das von außen feststeht, vielleicht sogar Spuren von Pracht und Glanz zeigt, aber inwendig ausgebrannt ist, so dass, wer hineindringt, überall die Spuren von Verwüstung und Auflösung erblickt. Oder an einen Baum, der für den eiligen Wandrer noch im vollen Blätterschmuck prangt, aber, von innen hohl und zernagt, allerlei Getier zur Wohnung dient. Oder an einen Schwindsüchtigen, dessen Augen glänzen wie Sterne, während die unerbittliche Krankheit ihm totbringend durch die Adern schleicht. Ach, wie viel Unglaube und Zweifelsucht auch in dem Herzen, das schon einen Anfang in der Heiligung gemacht hat; wie viel sogenannter Glaube, der bloß tote Überzeugung aber keine lebendige Kraft ist; wie viel dürre Glaubenslosigkeit dadrinnen, auch da, wo der Mund oft die wichtigsten Wahrheiten bekennt, verteidigt und preist! Welcher Christ kennt sie nicht, jene dunklen Tage, die es nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer des menschlichen und christlichen Lebens gibt, an denen uns alles eher möglich scheint, als wirklich mit Festigkeit und voller Freudigkeit zu glauben und durch solchen Glauben ein Leben im Geiste zu führen? Wir behaupten zu glauben, aber wir sind oft für uns selbst nicht besser daran, als andre, die an ihrem Glauben schon längst Schiffbruch gelitten haben. Ach Herr, wenn deine Augen zuerst und zumeist nur nach Glauben sehen - schaue dann auf andre, aber keinen Augenblick länger auf uns; gehe dann mit deinen Gaben an mir nur vorbei ohne zu geben; ja, gehe hinaus von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch!
So kannst du von Grund deines Herzens klagen, und wagst dann doch noch zu behaupten, dass dir aller und jeglicher Glaube fehle? Als ob Fleisch und Blut uns solche Klagen lehrten, und nicht vielmehr der Vater im Himmel! Nein, grade jetzt kommst du durch das Tal der Demut hindurch zu der Höhe, von welcher aus du in unserem Texteswort ein Wort kräftiger Ermutigung erkennst. Ein Wort, das ermutigt - wozu denn wohl eher und anders, als zu der Bitte: Herr, hilf meinem Unglauben!? Und siehe, wie gnädig sich der Heiland solchen ungläubigen Gläubigen erzeigt; erbarmungsreich tritt er noch immer zu ihnen und fasst jeden Sinkenden an mit dem Wort: Kleingläubiger, warum zweifelst du? Er tut mit dir nicht nur nach deinem Glauben das wäre seinem erbarmenden Herzen zu gering - sondern noch unendlich weit über deinen Glauben hinaus. Besser noch, dein Glaube ist wie ein Senfkorn, als wie ein Wunderbaum. „Tue deinen Mund weit auf, lass mich ihn füllen“ (Ps. 81, 11), so klingt seine Friedensstimme.
„Euch geschehe nach eurem Glauben“. Welch' ein Sporn, nach immer mehr Glauben zu trachten, damit wir hinfort auch immer mehr aus seiner Fülle empfangen! Wahrlich, die Schuld davon, dass wir bisher verhältnismäßig so wenig empfangen haben, liegt nicht bei dem Herrn, sondern bei uns. Nein, der Arm, der die Augen dieser Blinden öffnete, ist auch jetzt noch um keine Spanne verkürzt. Bei dem Herrn ist Gnade und viel Erlösung bei ihm!“ Rühme dich seiner Gnade, du, der du bezeugen kannst, dass auch dir nach deinem Glauben geschehen ist, und lasse es nicht nur an deinen Worten hören, sondern auch an deinem Tun sichtbar sein, dass auch dir Erbarmung widerfahren ist, nicht um deines Glaubens willen, sondern nach deinem Glauben. Was schadet es, wenn die Augen. die Jesus angerührt hat, noch viel Elend sehen, noch manche bittere Träne vergießen müssen? Noch eine Nachtwache, und sie sehen - nicht mehr Nacht, sondern Licht.
45. Das Gebet des Zöllners.
“Gott sei mir Sünder gnädig“.
Luk. 18, 13.
Es gibt Worte in der Schrift, die ein Kind erklären zu können scheint, und deren ganze Tiefe und Kraft auszudrücken selbst ein gereister Geist fruchtlos sich bemüht. Von diesen Worten ist unser Texteswort eines: möchte es für viele in Wahrheit ein Lebens- und Sterbenswort werden!
„Gott sei mir Sünder gnädig“. Was alles muss wohl in einem Herzen vorgegangen sein, in welchem dies Bekenntnis Wahrheit und Leben geworden ist! Oder nennst du es eine leichte Sache, solch ein Gebet in der ganzen Tiefe, die es enthält, zu dem deinigen zu machen?
wie wenig kennst du dein Herz mit seinem verborgenen Hochmut! Wer, der sein Innerstes ernstlich geprüft hat, muss nicht bekennen, an sich selbst in mancher Hinsicht gänzlich irre geworden zu sein?
Du hast deine heimlichen Sünden in das Licht von Gottes Angesicht gestellt, und - war es nicht, als wüchsen sie aus dem Boden, die Zeugen, die gegen dich auftraten? Weckstimmen der Gnade verschmäht und Vorsätze der Bekehrung vergessen; Gnadenerweise mit Undank vergolten und Prüfungen murrend getragen; Worte gegen die Wahrheit gesprochen und Taten vollbracht, die mit der Liebe in Streit waren; Stunden dem Gottesdienst gewidmet und Tage im Schmutz und der Befleckung der Welt verlebt alles, alles stellte sich in bunter Reihe vor dein Auge und rief dir ein: schuldig! ein: tief unwürdig! zu. Einen Berg von Ungerechtigkeit sahst du niedersinken in die Waagschale des Richters, und hastig suchtest du alles zusammen, was etwa als Gegengewicht dienen, was dich, wenn nicht in ein günstiges, doch wenigstens in ein erträgliches Licht stellen könnte. Was frage ich dich war der Erfolg deines verzweifelten Bemühens? Nie hast du das „Zuwenig“ mehr gefühlt, als wo du nach dem „Genug“ gestrebt hast. Hier sahst du eine schöne Tat, aber - sie war aus Selbstsucht entsprossen, und der Stängel nahm der Blume ihren Wert. Da warst du dir einer heiligen Stunde bewusst, aber von dem Tage, der darauf gefolgt war, durftest du nicht sprechen vor Gott. Dort sahst du dich einen Schritt auf dem Weg des Lebens fortgeschritten, aber, seit der Zeit, wie viele Schritte zurückgegangen? Ich will nicht noch mehr aufzählen; aber ich frage dich: Ist nicht Grund genug vorhanden, die harte Beschuldigung, welche in dem Gebete des Zöllners liegt, gegen uns zu kehren?
„Aber sagst du dies Gebet wird mir so schwer!“ Ich sage es mit dir, und ich nenne es ein ebenso schmerzliches als heilsames Gebet. Oder wäre es etwa nicht schmerzlich, sich selbst so schwer zu beschuldigen und den Stab über sein eigenes Leben zu brechen? Lass dir die Antwort von dem Zöllner im Gleichnis geben. Ach, die Flamme der Reue, die seine Brust durchglüht, sie verzehrt alle die falsche Ruhe, worin er bisher gelebt hatte, und selbst hier, am Orte des Friedens, klopft ihm das Herz so bange. Mit solchen Augen wie damals hatte er sich noch nie betrachtet; er schreckt zurück, wenn er an sich selbst denkt, aber er blickt hinauf und er hofft! Wo der erste schwankende Schritt zum Vater getan ist, fällt der zweite schon leichter; wo das schwerste Wort einmal heraus ist, da fließen die andern ihm schon freier über die bleichen Lippen; was ihm erst unmöglich dünkte, das wird ihm nun ein Bedürfnis, eine Freude, eine Ursache des Dankes, dass er zu Gott beten darf! Und dieses Gebet, nein, es stößt nicht wider einen eisernen Himmel; es dringt durch Luft und Wolken hinauf als ein köstlicher Weihrauch, während der Opferdampf des Pharisäergebetes durch Gottes Zorn zur Erde geschlagen wird; es lockt die Antwort heraus: „Gehe hin in Frieden, deine Sünden sind dir vergeben“; und diese Antwort wird durch Gottes Geist in dem bußfertigen Herzen wiederholt, und bevor noch die Lippen mit Amen geschlossen, hat das Herz bereits gefühlt: Ich habe Gnade gefunden; für mich gibt es keine Verdammnis mehr!
„Ich sage euch“, sprach Jesus, „dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus.“ O, wollte doch Gott geben, dass auch wir alle dies Heil schmecken dürften, und dass auch unser Hingang aus diesem Leben einst in Wahrheit so ruhig und fröhlich sein möchte! Aber ist dies wirklich dein Wunsch, schäme dich dann auch nicht, deine Schuld und dein Elend zu bekennen, ja lasse nichts, auch das geringste Böse nicht, unbereut, damit auch nicht einer deiner Fehler unvergeben bleiben möge. Hart möge es auch sein, sich auf nichts als Gnade allein zu übergeben; lange möge es dauern, bevor man Sünden fühlt bei dem Gedanken: Ich habe nichts, ich bin nichts, ich kann nichts tun und leisten, womit ich vor Gott bestehen könnte; und doch bekommt das Herz erst dann Ruhe, wenn es zu diesem Bekenntnis gelangt ist. D ihr, die ihr eure Augen kaum zum Himmel zu erheben wagt, richtet sie allein auf das Kreuz des Herrn, um zuvörderst euch selbst anzuklagen, dann aber euch selbst zu vergessen und nur nach Gnade zu trachten. Seht, da hängt er, der zu euch genaht ist, damit ihr nicht ewig fern stehen solltet; er, auf dem die Strafe lag, der euch den Frieden bringen musste, durch dessen Wunden ihr heil geworden seid - auch die Wunden eures Herzens und Gewissens? Siehe ihn an, Bußfertiger; so wahrhaftig er lebt, er sieht auf dich voll freundlichen Erbarmens hernieder und fragt dich: Was willst du, dass ich dir tun soll? Und wenn du dann von Grund deiner Seele nichts feuriger erbittest, als Gnade für eine unendliche Schuld und Erneuerung eines verderbten Herzens - siehe, dann bist du, der du nach deinem eigenen Urteil der letzte warst, in seinen Augen auf einmal der erste geworden! Gnädig richtet er dich auf; er spricht dich vollkommen frei; er sendet dich - was kann ich mehr sagen als dies Eine, das alles umschließt? - gänzlich gerechtfertigt nach Hause. Und wen er gerechtfertigt hat, der musst du wissen wird auch von ihm getröstet, geheiligt und beseligt. wo diese eine Bitte, der Ausdruck der ersten Not, einmal ausgesprochen ist und zwar nicht zum letzten Male - jetzt darfst du auch von ihm die Erhörung jeder Bitte erwarten, die dein Herz ihm vorzutragen dich drängt. Jetzt empfängst du auch Kraft zum Streite, jetzt auch Ersatz für das Entbehrte, jetzt auch Heilung für deine verborgene, aber ach! so peinlich schmerzende Wunde; jetzt auch Beruhigung wegen deiner an sich selbst so gerechtfertigten, und doch in seiner Gemeinschaft so unnötigen Furcht vor der Zukunft. Jetzt erst, aber jetzt auch gewiss ist die Macht der Sünde in deinen Gliedern gebrochen; immer noch kann sie dich überfallen; aber dich ihr preisgeben und zwar dich immer wieder preisgeben, nein! dies in Ewigkeit nicht - so wahrhaftig dir Erbarmung von einem heiligen Gott widerfahren ist! Ja sogar ist es nicht ebenso überraschend als herrlich? - sogar vor dem Tode ist dir jetzt nicht mehr bange, denn der Stachel in seiner Hand ist gebrochen und das Urteil auf seiner Zunge wird zur Wohltat. Noch kurze Zeit, ein wenig Streit, und du, der du hier angefangen hast, demütig zu bitten, wirst dann ewig danken.
Darum, klingt des Zöllners Gebet schön auf den Lippen des erwachenden Sünders, es steht ebenso wohl dem Munde dessen an, der jauchzen kann: Gott ist es, der mich gerecht macht; wer will verdammen? - Was sage ich? Diese Bitte, sie muss das Morgengebet sein, mit dem wir jeden Tag anfangen; das Abendgebet, womit wir jede Nacht das Haupt zur Ruhe legen. Sie ist das erste Gebet des neuen Menschen, und sie soll das letzte bleiben in der Stunde, worin der alte Mensch gänzlich abgelegt wird, in der Todesstande.
46. Der Geist, der lebendig macht.
Der Geist ist's, der da lebendig macht.
Joh. 6, 63.
Zu den vielen Krankheiten, an denen die Kirche, insonderheit in unsern Tagen leidet, gehört ohne Zweifel auch die jämmerliche Verkennung des Wesens und Werkes des Heiligen Geistes.
Wie ist's möglich, dürfen wir wohl fragen, dass ein Mensch, der einigermaßen sich selbst erkannt hat, auch nur einen Augenblick an der völligen Unentbehrlichkeit desselben zur geistlichen Erneuerung zweifeln kann? Wir können es ja vor einander nicht verbergen, dass wir durch die Sünde das wahrhafte Leben aus Gott verloren haben, und dass ein geistlich Toter es niemals sich selbst wiedergeben kann. O, ich weiß es wohl, du hast deinen gesunden Verstand, dein ruheloses Herz, dein redendes Gewissen; aber dieser Verstand ist durch die Sünde verfinstert, aber das Herz hängt so fest an seinen Götzen, aber das Gewissen offenbart dir in deinem Innern deine Schuld, und nicht Gottes Gnade in Christo. Es ist erstaunlich, wie stumpfsinnig sogar der schärfste Verstand sich zeigen kann, wo es auf die Unterscheidung geistlicher Dinge ankommt; wie hart auch das weichste Herz sein kann, wo ihm die höchste Liebe Gottes in Christo verkündigt wird. Eure Ohren können wir ja erreichen, aber wie soll man eure Herzen
ich sage nicht für einen Augenblick rühren, sondern wirklich für Jesus gewinnen? Wir können euch Tränen entlocken, aber wie sollen wir die Eiskruste dadrinnen vor den Sonnenstrahlen der ewigen Wahrheit zum Schmelzen bringen? Wir können auch wie Johannes der Täufer hinweisen auf das Lamm der Versöhnung, ja wir können dich obendrein bei der Hand fassen, um euch mit sanftem Liebesdrange zu Jesus zu leiten; aber euch wirklich zu seinen Füßen zu bringen, euch wirklich zur Ruhe zu bringen an seinem Herzen, euch nach seinem Bilde zu erneuern - ach, dazu ist menschliches Vermögen zu gering, und uns bleibt nichts andres übrig, als euch, wie auch Johannes tat, auf einen hinzuweisen, von dem wir in höherem Auftrage euch verkündigen: dieser ist's der mit dem Heiligen Geiste taust! Ja, er selbst muss an euch tun, was er am ersten Passahabend an seinen Jüngern tat, als er sie anblies und zu ihnen sprach: Nehmt hin den Heiligen Geist! Aber was er tun kann und tun muss, das tut er auch, und vergeblich möchte ich versuchen, euch die ganze Herrlichkeit des neuen Lebens zu schildern, welches der Geist im Herzen des Sünders hervorruft: der schönste Frühlingstag, der nach dem strengsten Winter erschien, ist im Vergleich zu diesem Leben nichts. Noch immer wiederholt sich in der kleinen Welt in unserm Innern die Schöpfungsgeschichte, wie sie auf dem ersten Blatt der Bibel erzählt ist. Zuerst ist dadrinnen noch alles unruhig, nebelhaft, dunkel; aber die vorbereitende Gnade treibt im Stillen ihr Werk, bevor die erneuernde an das ihre denken kann. Wieder schwebt der Geist Gottes über den Wassern, aber jetzt über denen eines ruhelosen Menschenherzens; da bricht ein Lichtstrahl durch vor dem Auge des Sünders wie an dem ersten Schöpfungstage, und er betrachtet nun alles, Gott und sich selbst, Himmel und Erde, mit ganz anderen Augen als zuvor. Ein Scheidung entsteht, wie am zweiten Tage, zwischen Licht und Finsternis, zwischen dem Leben aus Gott und dem Leben der Sinne; das Wasser der Sünde, das früher alles bedeckte, läuft ab und der Boden, auf dem das neue Leben erwachsen soll, wird sichtbar. Wie am dritten Tage fangen nun Keime, Blüten und Früchte der geistlichen Erneuerung an, sich zu zeigen; da wühlt etwas, da sprosst etwas empor, da reift etwas, das nicht Fleisch und Blut gelehrt haben. Es wird dadrinnen immer lichter, immer klarer, immer reiner; die volle Sonne geht auf in dem Herzen, wie am vierten Tage am Himmel: die Finsternis ist vorbei, das wahrhaftige Licht scheint jetzt. Da tritt, wie am fünften Tage, das neue Leben in zahllosen Formen hervor, von Stufe zu Stufe höher entwickelt, und endlich, wie am sechsten Tage, steht da der Mensch erwachsen, nach dem Ebenbilde Gottes, und fühlt sich als König und Priester, und weissagt schon von ferne den Sabbat, den Gott am siebenten Tage feierte; und Gott sieht und spricht! Es ist gut! und schreibt auf seine Stirn den Namen; Ein Tempel des Heiligen Geistes.
Was sind alle Schöpfungswunder verglichen mit dieser Schöpfungstat Gottes, durch die er Sünder aus Finsternis zum Licht, aus der Knechtschaft zur Freiheit, aus dem Tod zum Leben führt! Der Ursprung dieses geistlichen Lebens ist ebenso geheimnisvoll, wie der des natürlichen Lebens; wenn es geboren ist, wird es sichtbar; wie es empfangen wird, ist ein Geheimnis Gottes oft für unsere eigene Seele. Die Erfahrung ist meist schmerzlich; es geht mit dem neuen Menschen wie mit dem alten: er wird weinend geboren, aber auch das Trauern des bußfertigen Sünders ist größere Seligkeit, als das Lachen eines Kindes dieser Welt. Das ebengeborene Kind wird zuerst mit Milch ernährt, lernt aber allmählich auch feste Speisen vertragen; das Stammeln wird zum Sprechen, das Straucheln zum Gehen. Der Geist lehrt dich beten; beten wie du noch nie gebetet hast, beten das „Abba, lieber Vater“, und dann auch danken, nicht nur für das, was er gibt, sondern auch für das, was er dir vorenthält oder versagt, ja lehrt dich selbst der Bedrängnisse dich rühmen. Das Herz, das früher zum höchsten in der Stimmung eines Psalmes wie der 22. war, lernt nun das Lied von dem entwöhnten Kinde (Psalm 131) und von dem guten Hirten (Psalm 23) verstehen, und das Auge, das sonst sich abwandte von dem Schreckbild des Todes, sieht nun dem Sterben mit froher Hoffnung entgegen, wie jener Einsiedler, der auf die Frage, warum er auf seinem Sterbebette sänge, zur Antwort gab: Weil ich die Scheidewand fallen sehe, die mich hindert, meinen Gott zu schauen. Fürwahr, das dunkle Herz, in dem Gott das Morgenrot des neuen Lebens aufgehen lässt, es mag wohl mit vollem Recht eine Welt voller Wunder heißen. Und was von allen diesen Wundern das schönste ist, das ist dies, dass die Gnade unsre Natur nicht vernichtet, sondern befreit, verherrlicht, erneuert. Ein bekehrter Paulus wird kein geheiligter Thomas; ein erneuter Petrus kein hocherleuchteter Johannes. Menschen wollen hundert Bekehrungen nach ein und demselben Muster haben: Gott vollbringt ein Werk der Gnade in hundert verschiedenen Formen. Ehre sei, nächst dem Vater und dem Sohne, dem Geiste, der lebendig macht.
Und nun endlich: Was ist der Heilige Geist dir, ein Freund, ein Fremder, ein Feind? Und wiederum: Was bist du für den Heiligen Geist, sein Widersacher, oder sein geheiligter Tempel? O, betrüge dich doch nicht selbst! Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.“ Gebt der Weckstimme Gehör: „Werdet voll des Heiligen Geistes“! und freut euch, dass es euch verkündigt wird: „Euer ist diese Verheißung!“ Sucht ihre Erfüllung mit gebeugten Knien und seht zu, dass ihr nicht den Vorwurf verdient: „Ihr widerstrebet allezeit dem Heiligen Geiste.“ Entziehet euch dem Gewühl der Welt, damit ihr seine Stimme versteht; schließt euch fest und immer fester dem Herrn und all den Seinen an. Hat das geistliche Leben in dir angefangen, so pflege es vorsichtig als eine zarte Pflanze für den Himmel, die nicht leichtsinnig jedem Luftzuge ausgesetzt werden darf. Und dann, wenn wir durch den Geist leben, so lasst uns auch durch den Geist wandeln; wenn wir von dem Geiste geleitet werden, so lasst uns auch das Haupt aufheben als fröhliche und selige Kinder Gottes!
47. Durch Tod zum Leben.
Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte.
Joh. 12, 24.
Herrlich leuchtet die neugeborene Schöpfung wie im Auferstehungsglanze vor unsern Augen, so oft der liebliche Lenz wiederkehrt. Aber warum glänzt denn wohl das neue Leben so schön, dass es selbst ein alterndes Herz in jugendlichem Entzücken erglühen lässt? - Nicht allein darum, weil es an sich selbst so reich und lieblich ist, sondern vor allem darum, weil es aus dem Tode geboren, und nach einem ebenso festen als herrlichen Gesetze an dessen Stelle zum Vorschein gekommen ist. Nimm im Geiste einmal die grüne Matte hinweg, die im Lenze über die Fluren gebreitet ist, und ein Bild der Auflösung, des Sterbens und Verderbens zeigt sich, von dem du unwillkürlich das Auge mit Schaudern abwendest. Erst musste die Verwesung geschäftig sein, bevor die Stunde des Grünens und Blühens anbrechen konnte; aber gerade diese scheinbar tatenlose Ruhe wurde die Mutter einer neuen Bewegung. Das neue Leben erblühte nicht nur an Stelle des dunklen Grabesschoßes, sondern geradezu aus der dunklen Tiefe heraus. Hätte der Tod nicht zuvor gesiegt, das Leben hätte nicht zur Herrschaft gelangen können. Wäre das Weizenkorn erhalten geblieben, nie würde es zum schlanken Halme aufgesprossen sein. Durch Tod zum Leben! Wir wissen, wie die Griechen (V. 20) den Tod mit Vorliebe in sanfter Gestalt darstellten; ist der hochherrliche Menschensohn nicht auch darin den Griechen ein Grieche geworden, dass er ihre Auffassung durch eine solche Vorstellung von Tod und Auferstehung verewigte, bei der wir schier alle Furcht gegen ein Gefühl voller Befriedigung, ja sehnlichen Verlangens vergessen?
Wahrlich, es ist nun einmal nicht anders, als der König der Wahrheit es hier aus der Fülle seines eignen Lebensbewusstseins heraus ausgesprochen hat. Würde er selbst denn für die Welt das Brot des Lebens geworden sein, wenn er, anstatt auf Golgatha den Tod des Missetäters zu sterben, zu Jerusalem auf den Thron gestiegen und dort in patriarchalischem Alter entschlafen wäre? Sprachen nicht in allen Jahrhunderten die Abel am lautesten und kräftigsten durch ihren Glauben zu den Nachkommen, nachdem sie selbst gestorben waren? Ja, hat nicht einer von den Geisteshelden dieses Jahrhunderts, sein Liebling, sinnreich und prophetisch gesungen: Was unsterblich im Gesang soll leben, muss im Leben untergehen? Haben nicht die ausgezeichnetsten Gottesmänner das Beste, was durch ihren Einfluss zustande kam, nach ihrem Tode gewirkt? Während ihres Lebens war für sie Verkennung, Widerspruch und Widerstand das Gewöhnliche. Das Beste an ihnen wurde kaum geachtet, während später offenbar wurde, dass es durch Schätze nicht aufgewogen werden konnte. Der eine stand dem andern, mancher stand auch unwillkürlich sich selbst im Wege. Zu deinem Heile geschieht es, wenn sie dich verlassen, blinde Welt, kranke Gemeinde, die Propheten, die du in ihrem Leben nicht achtetest, die du aber jetzt nach ihrem Tode besser ehren wirst. Das Gefäß muss zerbrochen werden, damit der Duft der Narde das ganze Haus erfülle; die vergängliche Form muss wegfallen, damit der Geist tiefer nur hindurchdringe. „Es geht durch Sterben nur durch den Tod zum Leben“ o Vater Tersteegen, in wie mancher Hinsicht ist dein Wort Wahrheit, Wahrheit auch im Leben und Wirken der Diener Gottes, Wahrheit vor allem in der kleinen Welt dadrinnen. Ach, in der zweiten Hälfte des Lebens werden die allermeisten geneigt, das Alte zu bewahren, auch die es früher nicht waren in Bezug auf alles, was dies teure „Ich“ betrifft. Zumal das, was mühevoll erlangt und erhalten wurde, wollen wir um keinen Preis fahren lassen. Wir behaupten, nach der neuen Welt zu trachten, und können von der alten noch nicht scheiden. Wer sein Leben findet, der wird es verlieren“ aber auch umgekehrt: „Wer sein Leben verlieret um meinetwillen, der wird es finden“. Wer den Mut hat, zu sterben, der gewinnt die Aussicht, zu leben; wer da weiß, dass er sterben muss, der darf auch hoffen auf die Stunde seiner Auferstehung.
Lass dich's nicht verdrießen, mein Herz, wenn der Herr merklich geschäftig ist, in dir und um dich herum vieles zu zerstören, von dem du vielleicht ein langes und dauerndes Bestehen erwartet hattest. Lass dich's nicht schrecken, wenn du, vielleicht ganz unerwartet, dein eignes Todesurteil liest. Wir müssen den Weg des Weizenkorns gehen, bevor wir auf Gottes Acker im hellen Glanze strahlen können.
Sind wir mit Christo gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, Röm. 6, 8.
So ist es: das erste ist die Summe unsrer täglichen Erfahrung; das andre der Ausblick unsers oft getrübten Vertrauens; aber das eine ist am Ende ganz ebenso gewiss als das andre. Sich selbst absterben ist unendlich viel besser, als sich selbst überleben!
48. Das Gebet der Bedrängten.
Und Petrus ward zwar im Gefängnis behalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.
Apostelgesch. 12, 5.
Es ist bemerkenswert, dass erst bei der letzten Heimsuchung, von der in unserem Kapitel erzählt wird, von einem Gebete der Gläubigen die Rede ist. Ganz ohne Zweifel stieg schon da, als einzelne Mitchristen verfolgt wurden, der Klageruf empor: Ach Herr, wie so lange! Als Jakobus sein Haupt zum Tode neigte, wird man ganz gewiss gefleht haben: „Herr, stehe auf, lass deine Feinde zerstreuet, und die dich hassen, flüchtig werden vor dir!“ Aber als nun auch Petrus gefesselt ward, als es schien, als hätte sich der Himmel mit so undurchdringlichen Wolken bedeckt, dass kein Gebet mehr hindurchdringen könnte, da zum ewigen Ruhme der ersten Gemeinde steht es geschrieben - da, als sie in schwerem Streit sich fand, da betete sie ernstlicher und blieb standhaft in fester Hoffnung. Glückliche Bekenner des Herrn, so ist's also doch nicht ganz und gar Nacht um euch herum gewesen; eurem betenden Auge erschloss sich der Himmel der Freude, weil ihr eure Bekümmernis auf den Herrn werfen konntet, der inmitten des Leidens euch zurief: Ihr sollt mein Antlitz suchen! Wie sie sich zu Gott um Kraft gewandt hatten, so hielten sie an in ihrem Flehen, wenn's auch aussieht, als kämen Tränen und Gebete leer zu ihnen zurück. Sieben bange Tage hindurch ist es, als bliebe der Himmel taub bei ihren Klagen, und doch, wenn auch die Hoffnung immer geringer wird, das Gebet weicht nicht von ihren bebenden Lippen. O, wer unter uns sich befindet, der wie sie den Weg der Prüfung gehen muss, er lerne von ihnen, was da Kraft verleiht, um auch das langwierigste Kreuz mit unermüdlichen Schultern zu tragen, und wo das Geheimnis zu finden ist, um inmitten der angstvollsten Enttäuschung wohl wehmütig, aber nicht kleingläubig zu sein. Das Gebet ist die Kraft, das Gebet ist dies Geheimnis; denn noch nie hat jemand Schiffbruch gelitten und ist das Meer des Lebens noch so hoch gegangen - - der nur im Glauben den Notschrei ausgestoßen hat: Herr hilf, dass ich nicht untergehe! Arm an wahrem Frieden bist du erst dann, wenn dir die Lust oder der Mut fehlt, deinen reichen Vater im Himmel zu suchen. Ohne Ersatz ist dein Verlust nur dann, wenn du keinen Schatz im Himmel hast und dein Herzenskämmerlein leer stehen bleibt. Falle nur alle Tage nieder auf deine Knie, du, dessen Herz bedrückt ist, und bete, wenn's auch in deinem Innern stürmt; bist du auch sonst verlassen, bete nur; drückt dich auch bei jedem Schritt die Last schwerer darnieder, bleibe standhaft im Beten; und wäre auch deine Brust mit Blei beschwert, sie wird alsbald freier atmen, und dein bleiches Antlitz wird Spuren eines höheren Friedens zeigen. Und aus deinem weinenden Auge wird die Hoffnung auf die Herrlichkeit strahlen, wie die Sonne durch die Regenwolken hindurchbricht. Und in deinem unruhigen Herzen wird der Herr, wie im stillen, sanften Sausen, seine Stimme vernehmen lassen: „Fürchte dich nicht, glaube nur!“
Rührender Anblick, die ganze Gemeinde wie ein Mann zu Jerusalem versammelt, um, das eigne Leid vergessend, allein für Petrus zu beten. Können sie auch Herodes' Schwertern kein Schwert gegenüberhalten, sie wappnen sich dafür mit stillen Gebeten. Können sie auch keine Mauer bauen zum Schutze des wehrlosen Kephas, sie umgeben ihn mit ihren treuen Seufzern. -
Wo seid ihr geblieben, ihr Tage des einmütigen Gebetes, das selbst schwer Geprüfte für ihre Leidensgefährten emporsandten? Beschuldigt man mich mit Recht lieblosen Argwohnes, wenn ich behaupte, dass kein Teil unsrer offenbaren Gebete uns schwerer anklagt bei Gott, als der, welcher nicht in unmittelbarer Beziehung zu unserm eignen Interesse steht? Und doch, beten ist wohl das Geringste, was wir für unsre Brüder tun können,
für die Christus sein Leben geopfert hat. Versäumt ihr es dann wenigstens nicht, ihr, deren Seelen durch die heiligsten Bande mit einander verbunden sind. Könnt ihr einander dann auch keinen Stab der Kräftigung darreichen, ihr könnt doch eure gegenseitigen tiefsten Bedürfnisse auf betendem Herzen tragen. Richten auch die Menschen höhere Scheidewände zwischen euch auf, als die Mauern von Petri Gefängnis, das Gebet vereinigt, was das Leben von einander scheidet, und Freunde, die sich täglich im Geiste vor dem Thron der Gnade begegnen, sind einander nie und nirgends fern.
Und mögen wir nun für uns selbst oder für andere mitten unter den Rätseln der Regierung Gottes zu ihm treten, lasst uns beten in guter, froher Hoffnung. Ich weiß wohl, nicht immer lässt Gott so sichtbar und schnell, wie hier am Schlusse unserer Geschichte, das Licht aus der Finsternis aufgehen. Aber sendet er auch keine Engel mehr herab, noch immer senkt sich auf das Gebet hin der Friede Gottes in die Seele. Zerbricht er auch nicht mehr durch ein Wunder die Fesseln, die uns drücken, so erleichtert er doch noch immer das Joch, wenn er's nicht von unseren Schultern hinwegnimmt, und öffnet uns die Tore der Freude und leitet uns auf ebener Bahn, gleich wie den Petrus durch die Straßen von Jerusalem. Gewiss, auch hier war die Rettung mit Schmerz vermischt, denn Jakobus' Platz blieb leer, wenn ja auch Petrus bewahrt blieb; und das Dunkel, welches über dem traurigen Ende des ersten Apostel-Märtyrers lag, wurde an dieser Seite des Grabes nicht hinweggenommen. Aber hier auf Erden ist ja auch nicht der Ort, wo alle Rätsel gelöst werden sollen. Hier dringen nur einzelne, aber Gott sei Dank hinreichende und erquickende Lichtstrahlen durch die Finsternis hindurch; das volle Licht geht dem Gerechten erst auf in jener Welt, wo der Kerker des Leibes ausgeschlossen ist, wo die Fesseln des Körpers gebrochen sind, wo der Todesschlaf zu Ende ist. Dann sind die Herodes, die Gott die Ehre nicht gaben, für ewig von ihren Thronen gestoßen, die Anschläge der Bosheit sind vereitelt. Und wenn dann der Engel des Lebens uns hinaus geleitet hat aus diesem dunklen Tale und uns führt durch die Straßen des himmlischen Jerusalems, dann wird's uns vielleicht sein wie dem Petrus, dass wir kaum wissen, ob wir wachen oder träumen. Wenn wir aber aus dieser süßen Betäubung wieder zu uns gekommen sind und die Finsternis für ewig hinter uns haben und vor uns nichts anders mehr als Licht, Leben und Herrlichkeit sehen, dann werden wir vollkommen schauen, was wir hier demütig glaubten: Gottes Tun ist Majestät und Herrlichkeit.
49. Beraubt und doch freudig.
Denn ihr habt den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, als die ihr wisst, dass ihr bei euch selbst eine bessere und bleibende Habe im Himmel habt.
Hebräer 10, 34.
„Es ist doch nur irdisch Gut“ hört man oft mit einer gewissen Kaltblütigkeit sagen, wo ein mehr oder minder großer und fühlbarer Verlust an Geld erlitten wurde; und gewiss, im Falle der Not mag ja auch die Wahl zwischen Schaden an Hab und Gut und körperlichem Schaden nicht schwer sein. Doch kann zuweilen auch der erstere schwer genug fallen, zumal wenn man nicht viel zu verlieren hat und dadurch nicht bloß die Gegenwart uns drückt, sondern auch die Zukunft sich in dunkle Wolken hüllt. Nicht wenige Glaubenshelden sind gefallen als sie in Gefahr waren, ihre Habe zu verlieren, und die verzweifelte Klage: alles verloren! hat man je und dann von Lippen hören können, die uns hundert Mal versicherten, dass doch Gold und Silber nur Dreck wären. Wunderliche und doch beneidenswerte Menschen, die hebräischen Christen, die um des Glaubens willen Opfer dieser Art und, wie es scheint, nicht geringe hatten bringen müssen, und von denen wir doch lesen, dass sie diesen schmerzlichen „Raub“ nicht nur ohne Widerstand ertragen oder mit kalter Ruhe angesehen, sondern sogar ihn mit Freuden als aus Gottes Hand erduldet haben. Ist es möglich? In wenigen Augenblicken so viel ärmer geworden, und doch getrost und selbst freudig in Gott? Entweder sind sie jämmerliche Schwärmer gewesen, oder es muss doch wohl eine gewaltige Kraft - vielen zwar noch unbekannt und verborgen in der Weisheit liegen, die ihnen vor vielen andern zugeschrieben wird: „Als die ihr wisst, dass ihr bei euch selbst eine bessere und bleibende Habe im Himmel habt.“
Ach, meine Freunde, wie müssen wir uns doch oft so jämmerlich vorkommen, wenn wir auf höheres Geheiß einmal tief ins Herz und besonders wenn wir tief in unsern Geldbeutel getroffen werden. Auch der Reiche will nun einmal solche Art von Schaden nicht leiden, am wenigsten von gewissen Händen; und je weniger man hat, umso mehr meint man, dies wenige doch wohl unverkürzt behalten zu dürfen. Und geht's dann doch anders, so ist es schon viel, wenn man zur Selbstbeherrschung, zur Ruhe, zu stillem Vertrauen kommt; aber Freudigkeit, geboren aus dem tiefen Bewusstsein, dass man eine bessere und bleibende Habe hat, die keine irdische Macht uns rauben kann? Trauriger Mangel! Kann man ihn auch daraus erklären, dass das irdische Gut unserm Herzen näher stand, und der himmlische Schatz ferner, als wir bis dahin gedacht hatten? Von Schätzen im Himmel kann man sehr leicht sprechen, aber nur der, der weiß, dass er sie wirklich besitzt, kann schon hier die Zinsen davon genießen, auch in Tagen großen Schadens und Schmerzes. Ein verarmtes Kind Gottes auf Erden kann schwerlich lächeln, es sei denn, dass es versteht, welches reiche Erbe seiner im Himmel nach kurzer Zeit wartet. Nur von dem kann man sagen, dass er all' das seinige mit sich trägt, ohne Beraubung erwarten zu müssen, der seinen Heiland im Herzen trägt und mit ihm die Hoffnung auf die himmlische Herrlichkeit. „Noch immer reich in ihm“ kann das wirklich dein letztes Wort sein? Dann wird's auch bei dir sein, wie Paulus spricht: „Als die Traurigen, aber allezeit fröhlich, als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts inne haben, und doch alles haben“ (2. Kor. 6, 10).
50. Das prophetische Vorbild.
*Nehmt, meine liebe Brüder, zum Exempel des Leidens und der Geduld die Propheten, die zu euch geredet haben in dem Namen des Herrn.
Jakobus 5, 10.
Auch wenn wir im Dienst und in der Kraft des Herrn wirken und streiten, laufen wir noch immer Gefahr uns unwillkürlich zu verwundern, wenn die Hitze der Bedrängnis über uns kommt. Wir sind ausgegangen um zu säen, und scheinen es gar nicht begreifen zu können, dass das Säen doch unmöglich ohne Tränen geschehen kann; wir treten ein für die Wahrheit, und vergessen dabei immer, dass, wer die Wahrheit will, auch der Ruhe Lebewohl sagen muss. Zumal wer früher hoch zu Ross gesessen, findet natürlich den Platz unter den Hufen im Staube wenig anziehend; und der Schatten der Vergessenheit ist nicht immer erquickend, wenn man früher im vollen Sonnenlichte des Ruhmes und der Ehre gewandelt ist. Der Prophetenmantel erhebt den, der ihn trägt, aber er deckt seine Brust gegen keinen einzigen Giftpfeil, und die Prophetenkrone ist in der Regel weniger aus Lorbeeren, als aus Dornen geflochten. Grade in einer Zeit, wo Parteifieber, Auflösung und Sprachverwirrung herrschen, hat mancher treue Zeuge der Wahrheit einen schweren Stand, trotzdem, nein, gerade weil er nichts will als allein die reine Wahrheit. Ja, eiferte er nur für menschliche Funde und Formen, vielleicht spräche dann noch mancher: Das ist mein Mann! Aber wer sich nicht beugt vor den Tonangebern, wer allein Gott und seinem Gewissen treu bleibt, und trotz aller Ungnade der kirchlichen oder auch der unkirchlichen Welt auch nicht einen Zoll breit von dem Wege seiner Berufung abweicht, mit solch einem ungeschlachten Menschen ist ja nichts anzufangen; gar bald zeigt sich's auch, dass er nicht der Mann von Talent und Bedeutung ist, für den man ihn bisher gehalten hat; mag er mit seiner verlassenen Fahne allein stehen bleiben! Ein Denkmal nach seinem Tode mag vielleicht ein Gottesmann erwarten, aber eine Krone ohne Streit während seines Lebens - schon der einfache Jakobus wusste das besser, und nach seinem Tode ist es um nichts anders geworden.
„Nehmt, meine liebe Brüder, zum Exempel des Leidens und der Geduld die Propheten, die zu euch geredet haben in dem Namen des Herrn.“ Es ist eine weise Lehre für die ganze streitende Gemeinde, aber vor allen Dingen in unsrer Zeit ist sie für nicht wenige ihrer wirklich treuen Diener nicht mit Gold oder Silber zu bezahlen. Leiden der Weg, Geduld das Gesetz eines echt prophetischen Lebens auf Erden! Gewisslich macht das Leiden allein noch nicht den Propheten, aber dem Propheten steht das Leiden bevor, mehr, als allen denen, die nicht nach Jerusalems Herzen, sondern nach seinem Munde reden. Lies einmal das Blatt aus der Geschichte eines Wahrheitspropheten, das du 1. Könige 22, 7-28 findest, und sage, ob man diese geschichtliche Tatsache nicht zugleich vorbildlich nennen kann. Lass an dir vorübergehen die Reihe echter Gottesmänner Ebräer 11, 32 und folgende, stehe einmal aufmerksam stille bei der lebenslangen Leidensgeschichte eines Mannes wie Jeremia, „der Gestalt, wie aus Erz gegossen, und zerschmelzend in Tränen,“ wie ihn irgendwo jemand genannt hat, und lerne endlich verstehen, dass hier mehr als anderwärts Leben, Lieben und Leiden unzertrennlich sind. Aber fange dann auch an, dich tief zu schämen über so viel Empfindlichkeit und Reizbarkeit und Kleinmut, die so oft die Ruhe in deiner Brust zerstören. Was ist der Nadelstich, den du fühlst, verglichen mit ihrer tiefen Wunde; was ist deine Zurücksetzung gegen die Verkennung, die sie erfuhren, was der Undank, den du geerntet hast gegen den ihren - und doch, wie tief stehst du unter ihrem geduldigen Glauben, du, auf den, was sie nicht hatten, das volle Licht des Evangeliums herniederstrahlt. Und du willst klagen, wo sie demütig geschwiegen haben; du willst fortan lieber schweigen, weil du doch von deinem Reden auch nicht die geringste Befriedigung mehr erwarten kannst; du willst verzweifeln, weil die Saat zuerst in der Erde schlummert und scheinbar ersterben muss, bevor sie in fruchtbringenden Halmen vielleicht über dem Staub dessen, der sie gesät, aufsprießt!? Ach, stände nur das Wort des Dichters: „Es geht durch Sterben nur“ uns tiefer in der Seele eingegraben, und bedächten wir nur besser, wie wenig es ankommt auf uns, sondern vielmehr auf das Eine, dass Gottes Name verherrlicht werde, und dass dies sicher geschehen wird, sollte auch seiner Propheten Name verhöhnt und vergessen werden wir würden es für uns selber leicht besser haben und freudiger ausharren bis zum Ende, wenn wir nicht auf die Wolken sähen, die unsern Blick hemmen, sondern auf die ewige Sonne unsrer Seelen. Aber die Selbstzufriedenheit lässt man nicht leicht fahren, und leider wird dadurch auch die Selbstverleugnung in dem Punkte, wo sie am nötigsten ist, mit den Jahren nicht immer leichter. Besser noch, als in der Schule der alten Propheten lernt man sie gewiss in der Schule des besten Meisters.
Leide gern, leide gern,
Zion leide ohne Scheu
Trübsal, Angst mit Spott und Hohne,
Sei bis in den Tod getreu,
Siehe auf die Lebenskrone!
Zion, scheint der Trost
Dir noch so fern,
Leide gern, leide gern!