Nebe, Johann August - Predigt am vierten Advent
Luk. 1, 46-55.
Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist, und des Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt immer für und für, bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm, und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl, und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern, und lässt die Reichen leer. Er denkt der Barmherzigkeit, und hilft seinem Diener Israel auf; wie er geredet hat unsern Vätern, Abraham und seinem Samen ewig.
Wenn die Kinder Israel in hellen Haufen aus dem Lande, darinnen sie wohnten, zu den hohen Festen gen Jerusalem, der Stadt des großen Königs, hinauszogen, so zogen sie, wie erzählt wird, nicht still und stumm ihre Straße dahin, sondern sie sangen ihrem Gotte, der sie zu seinem Heiligtum rief, Psalmen, Lobgesänge und geistliche Lieder. So verkürzten und erleichterten sie sich nicht bloß den langen, beschwerlichen Weg; so bereiteten sie sich auch wohl vor auf die schönen Gottesdienste in dem Tempel, auf eine gesegnete Feier des hohen Festes, welches vor der Türe stand. Soll unsre Seele den Herrn erheben, soll unser Geist sich Gottes, unsres Heilandes, recht freuen, so muss unser Herz in der rechten Verfassung und Stimmung sein, sonst finden Psalter und Harfe, welche aus dem weitgeöffneten Hause unsres Gottes uns entgegenschallen, keinen Anklang, geschweige denn einen kräftigen Wiederklang in unsrem inwendigen Menschen; wir stehen dann mitten in dem Lobgetöne, mitten in der feiernden, jauchzenden Gemeinde da wie Fremdlinge, wie von Gott und seiner Gemeinde verlassene Leute.
Wir befinden uns, meine Lieben, seit mehreren Wochen schon auf einer Wanderung nach einem hohen Feste. Nicht nach Jerusalem sind unsre Füße gerichtet, nach Bethlehem, der Stadt Davids, wollen wir, um dort das heilige Weihnachtsfest zu feiern. Wir sind mit Gottes Hilfe bald am Ziele; nur noch einige wenige Tage und uns umleuchtet die Klarheit des Herrn und uns umtönt der Lobgesang der himmlischen Heerscharen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Sind wir genügend vorbereitet zu diesem hohen Feste, welches die herzliche Barmherzigkeit unsres Gottes uns zugerüstet hat? Sind wir in der Herzensverfassung, in der Herzensstimmung, dass Psalter und Harfe bei uns erwachen, wenn wir die ersten Töne des englischen Lobgesanges vernehmen, dass wir mit diesen himmlischen Vorsängern um die Wette die heilsame Gnade Gottes preisen können, welche in dem Christenkinde allen Menschen erschienen ist? Wie steht es, meine Lieben? Prüft euch selbst und nehmet es ja nicht leicht! Bedenkt, es steht geschrieben (Matth. 13, 12): Wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, das er hat. Sind wir nicht in der rechten Feststimmung, so ist uns der Engel Lobgesang in der heiligen Weihnacht nichts anderes als ein tönendes Erz, als eine klingende Schelle und kann in unsren Herzen nichts erwecken, nichts bewegen, nichts wirken.
Wir freuen uns, dass wir noch diesen Sonntag vor dem heiligen Weihnachtsfeste haben, und freuen uns, dass wir an diesem Sonntag gerade diesen Text haben, welcher den Lobgesang enthält, den Maria, die Jungfrau anstimmt, nachdem ihre mütterliche Freundin Elisabeth sie mit den Worten begrüßt hatte: Gebenedeit bist du unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. Und woher kommt mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Es ist ja wahr, in dem Alten Testament steht manches Wort, welches die Gnade, die durch die Menschwerdung des eingeborenen Sohnes vom Vater der Welt widerfährt, in hellen Tönen verkündet und preist, aber das, was ein alter, schriftkundiger Gottesmann zu diesem Lobgesange der Maria geschrieben hat, dass in ihm nämlich alle Psalmen, die je dem Messias gesungen worden sind, zusammenklingen und austönen, ist gewisslich wahr, und auch das wird wahr sein und wahr bleiben, dass kein Menschenkind ihm, der da kommen sollte, aus tieferem Herzensgrunde ein Loblied singen konnte als sie, die Gebenedeite unter den Weibern, welche den Heiland der Welt unter ihrem Herzen getragen hat. Darum ist Maria mit ihrem Magnifikat, wie unsre Väter diesen Lobgesang nannten, die Vorsängerin des Neuen Testaments, der neutestamentlichen Gemeinde: darum ist nichts so wie ihr Magnifikat geeignet, unsre Herzen für das liebe Weihnachtsfest zu stimmen, zu erwecken, anzuregen und anzufeuern.
Wozu feuert das Magnifikat der Maria uns an?
I. zu dem Bekenntnis unserer Sündhaftigkeit und unsres Unvermögens vor Gott;
II. zu dem Preise der Barmherzigkeit und der Treue unsres Gottes.
I.
Ihrer Niedrigkeit gedenkt Maria zuallererst in ihrem Magnifikat. Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindskinder, denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist. So singt sie vor dem Angesichte Gottes. Was versteht Maria unter ihrer Niedrigkeit! Etwa das, dass sie eine arme Magd ist und mit einem unbemittelten Zimmermann verlobt ist? Dass sie in dem verachteten Nazareth wohnt, von dem man sagt: Was kann von Nazareth Gutes kommen? (Joh. 1, 46.) Oder das, dass sie einem hochansehnlichen Hause, dem Königshause Davids angehört, dass aber Davids Geschlecht schon längst die Krone von dem Haupt und den Herrscherstab aus der Hand verloren hat und aus seiner stolzen Höhe in dunkle Tiefe hinabgefallen ist? Sieht Maria ihre Niedrigkeit in ihrer äußeren Lage, in solchen äußerlichen Dingen? Gewiss nicht, meine Lieben. Maria wäre nicht des Herrn Magd gewesen, wenn sie nur von solcher Niedrigkeit vor Gott gewusst hätte, denn solche Niedrigkeit ist vor Gottes Augen keine Niedrigkeit, vor seinen Augen ist der König in seinem Krönungsschmucke und der arme Mann in seinem zerrissenen Kittel ganz gleich, denn Gottes Auge sieht allein das Herz an. Wohl weiß ich, dass es gar viele gibt, welche die Jungfrau Maria bis in den Himmel erheben, so dass sie das Christkind in den Armen, neben Gott, dem Herrn Himmels und der Erde, als die Himmelskönigin sitzt auf einem hohen und erhabenen Stuhle; aber dass diese Gott die Ehre rauben, welche ihm allein gebührt, und sie der Jungfrau gegen ihren Willen, gegen ihren ausdrücklichen Willen beilegen, das weiß ich auch. Maria will davon nichts wissen: das sagt sie uns selbst in ihrem Magnifikat. Ihre Seele erhebt den Herrn und nicht erhebt sie sich zu dem Himmel: sie liegt vor Gott in dem Himmel mit ihrem Gebet in dem Staube, denn sie weiß, dass sie vor Gott nichts ist als eine Hand voll Staub und Asche. Und wenn sie das nur wäre und weiter nichts. Aber sie weiß, dass sie vor Gott noch weniger ist als eine Hand voll Staub und Asche; sie weiß, dass sie vor Gott nichts ist als eine arme Sünderin. Als eine arme Sünderin bekennt sich Maria vor dem Gotte, des Name heilig ist. Sagt sie denn nicht: Und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes! Ihres Heilandes freut sich ihr Geist. Also eines Heilandes bedurfte auch die Gebenedeite unter den Weibern, das Heil war auch ihr ferne und ward ihr erst durch den heiligen Christ zu teil, den sie gebären sollte. Auch sie war Fleisch, geboren vom Fleisch, wenn ich auch gerne zugestehe und glaube, dass sie die reinste Blüte ist, welche je aus dem Baume der adamitischen Menschheit ist hervorgegangen. Nicht über die Sünde, welche den andern Menschen anhaftet, dünkt sich Maria hoch und erhaben, sondern sie fühlt, sie erkennt, dass sie auch mit der Sünde befleckt ist. Und diese Sünde kann sie nicht von sich wegblasen, nicht von sich abschütteln, sie hastet ihr an und macht sie unfähig vor Gott zu jedem guten Werke. Der Heiland der Welt soll von ihr geboren werden, sie weiß, dass um deswillen sie von nun an werden selig preisen alle Kindeskinder, aber sie gibt sich nicht selbst die Ehre, sie vollbringt nicht aus eigener Kraft, aus eigenem Vermögen dieses große Werk. Sie rühmt Gottes Gnade und Kraft, die in ihrer Schwachheit mächtig ist: er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist. Sie ist nichts anderes und will nichts anderes sein als des Herrn Magd: der da mächtig ist und des Name heilig ist, hat ihre Niedrigkeit angesehen, ihre Sündhaftigkeit, ihr Unvermögen. Das bekennt sie mit ihrem eigenen Munde.
Meine Lieben, Maria will mit ihrem Bekenntnisse uns reizen und locken, uns ermahnen und anfeuern, dass wir dem Herrn, unsrem Gott, unsre Sünde, unsre Sündhaftigkeit, unser Unvermögen bekennen. Sie will das, denn sie will, dass wir ein gesegnetes Weihnachtsfest feiern, dass wir ihren Sohn von ganzem Herzen willkommen heißen und uns seiner vor Gott freuen als unsres Heilandes. Kann aber einer den Herrn Christus willkommen heißen, der nicht fühlt und erkennt, dass er Eines dringend bedarf, der ihn mit dem Heiligen Geiste tauft? Kann einer sich seines Heilandes freuen, der nicht fühlt, nicht weiß, dass er krank, todkrank ist, und kein Mensch, kein Engel ihm helfen kann aus seinem Elende?
Hält es so schwer, dass du deine Niedrigkeit erkennst, o Menschenkind? Wie tief, wie entsetzlich tief bist du gefallen! Bist du nicht von Haus aus ein Königssohn? Ein Sohn des allerhöchsten Königs, von ihm zum Herrn über alle Dinge auf Erden gesetzt und zur Erbschaft seiner Herrlichkeit berufen. Wo ist deine Krone, wo die Herrschaft! Wo deine Gottesebenbildlichkeit, wo deine Kindschaft! Gefallen bist du aus lichter Höhe in dunkle Tiefe! Gefallen und immer tiefer gefallen!
Die Sünde haftet dir an. Sie begleitet dich auf allen Schritten und Tritten. Wohin du gehst, da trägst du die Sünde hin! Du trägst sie hin mit deinen Worten, denn du kannst nicht leben ohne zu lügen und zu trügen, ohne zu verleumden und zu verlästern, ohne falsch zu schwören und zu fluchen. Du trägst sie hin in alle Welt mit deinen Werken. Greifen deine Hände nicht nach fremdem Gut, eilen deine Füße nicht Blut zu vergießen? Wie kann es anders sein, muss denn durch das Wort und das Werk nicht offenbar werden, was in dem Herzen verborgen ist? Wie sieht es aus in unsrem Herzen? Womit beschäftigen sich am liebsten unsre Sinne und Gedanken? Worauf sind unsre Triebe und Lüste gerichtet? Wonach trachtet unser Wille? Unsre Seele erhebt sich nicht zu dem Herrn, unser Geist freut sich nicht seines Gottes! Nach unten geht der Zug unserer Seele: unser Geist mag an Gott nicht denken, mag von Gott nichts wissen, er verschließt sein Auge gegen Gottes Offenbarung durch die Werke und sein Ohr gegen Gottes Offenbarung in seinem heiligen Worte: er tut es, denn er fürchtet sich vor dem Gotte, der da mächtig ist und des Name heilig ist. Die Sünde haftet uns an.
Dass wir uns in diesem Zustande glücklich fühlten, wer wollte das behaupten? Es kann kein Mensch mit seiner Sündhaftigkeit sich glücklich fühlen. Der Gott, der da mächtig ist und des Name heilig ist, lässt das nicht zu, denn er lässt den Menschen, der ihn verlässt, nicht los. Da ist das Gewissen, das wohl für eine Weile schweigt, aber nicht für immer schweigt mit seinem Anklagen und Verdammen. Da ist das unaussprechliche Seufzen der armen, in die Knechtschaft der Sünde geratenen Gotteskreatur in uns, das immer und immer wieder, wenn es ein wenig um uns und in uns stille geworden ist, sich vernehmen lässt. Wer von uns hat nicht, von herzlichem Mitleid mit der armen Gotteskreatur in uns und von heiligem Zorne wider die uns anhaftende Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit ergriffen, den Versuch gemacht, die Ketten, in die wir geschlagen sind, zu zerbrechen? Wer hat es zustande gebracht? Er sage uns, durch welche Mittel und auf welchem Wege es ihm gelungen ist, dass wir Arme und Elende auch unser Heil versuchen! Alles schweigt: jeder Versuch war misslungen. Und jeder misslungene Versuch hatte, weil er Kraft gekostet und in Verzagtheit und Verzweiflung gestürzt hatte, nur den traurigen Erfolg, dass die Ketten sich enger schlossen und tiefer ins Fleisch hineinwuchsen. Meine Lieben, mit unserer Macht ist's nicht getan! Wir können nichts anderes, als nur klagen und fragen: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes! (Röm. 7, 24). Mit dieser Klage und Frage wenden wir uns an den Gott, der da mächtig ist und des Name heilig ist. Soll er, der Heilige, nicht die Macht haben, zu heilen, zu heiligen? Vor ihm demütigen wir uns im Gefühle unserer Niedrigkeit, in dem Bewusstsein unserer Sündhaftigkeit und unsres Unvermögens.
II.
Trotz des tiefen Gefühls von ihrer eigenen Niedrigkeit, trotz des klaren Bewusstseins ihrer Sündhaftigkeit und ihres Unvermögens preist Maria doch ihren Gott: Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Gott sieht die Niedrigkeit an: wenn er das nicht tun wollte, was sollte er denn ansehen? Über sich kann er nicht sehen, denn keiner ist über ihm, er ist der Allerhöchste; neben sich kann er auch nicht sehen, denn keiner ist ihm gleich. Will er sehen, so bleibt ihm darum nichts anderes übrig als unter sich zu sehen, als das, was unten ist, das Niedrige anzusehen. Gott sieht die Niedrigkeit an mit verschiedenem Blicke, denn es gibt eine zweifache, höchst verschiedene Niedrigkeit, nämlich eine Niedrigkeit, welche nicht unten bleiben, sondern in die Höhe hinauffahren, in den Himmel steigen und ihren Stuhl über die Sterne Gottes erhöhen will, und eine Niedrigkeit, welche unten bleiben, sich zu den Niedrigen herniederhalten und in den Augen Gottes und der Menschen immer noch kleiner werden will. An der Niedrigkeit, die sich selbst erniedrigt, hat Gott ein Wohlgefallen: diese Niedrigkeit sieht er mit Gnaden an. Das weiß Maria, darum lobt und preist sie Gott. Seine Barmherzigkeit währt für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen Leer. Er denkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat unsern Vätern, Abraham und seinem Samen ewig. Ein Zweifaches rühmt die Jungfrau Maria von dem Gotte, der die Niedrigkeit seiner Magd ansieht und seinem Diener Israel aufhilft, seine Barmherzigkeit und seine Treue.
Gottes Barmherzigkeit bei denen, die ihn fürchten, preist sie. Wie sehr er sich vor denen, die ihn nicht fürchten, der da mächtig ist und des Name heilig ist, in seiner allmächtigen Kraft erweist, ebenso sehr, ja noch viel mehr, (denn er tut das über alles gern), erweist er sich bei denen, die ihn fürchten, in seiner väterlichen Barmherzigkeit. Während er diese in seine Arme sammelt, schreckt er jene mit seinem starken, ausgereckten Arme; während er diese aus der Tiefe, die sie verschlingen will, in die Höhe führt, wirst er jene aus ihrer stolzen Höhe in die Tiefe der Schmach; während er diese leiblich mit den Brosamen, die von der Reichen Tische fallen, sättigt und geistlich speist an seiner reichen Gnadentafel aus den Gütern der zukünftigen Welt, dass sie Leben und volles Genügen haben, lässt er diese darben und Not leiden. Wie ein rechter Herr sich seines gehorsamen Dieners annimmt, wie ein rechter Vater sich erbarmet seiner lieben Kinder, so der Herr, unser Gott, denen, die ihn fürchten.
Und warum tut er diese Barmherzigkeit! Das weiß Maria. Nicht sie, nicht das Volk Israel hat es um Gott verdient, dass er denkt der Barmherzigkeit. Er denkt an seine Barmherzigkeit, weil er seines Wortes denkt, das er vor Zeiten, vor langen, langen Zeiten zu Abraham und seinem Samen geredet. Heißt es: Ein Mann ein Wort, so gilt dieses Sprichwort erst recht von dem Herrn, unsrem Gotte. Er hält Wort in Ewigkeit. Wie oft, wie schändlich hat Israel nicht die Treue gebrochen, welche es dem Gotte, der es erwählt hatte vor allen Völkern auf Erden, hoch und heilig gelobt hatte! Hat Gott das zum Vorwande genommen, um sein Wort zurückzuziehen und seine Verheißungen aufzuheben? Wenn alle untreu werden, so bleibe ich doch treu, so hat Gott, der Herr, bei sich gesprochen: er konnte sich nicht verleugnen als den wahrhaftigen Gott, er musste sich um seiner selbst willen in seiner Treue bezeugen, diesen Gott der Barmherzigkeit und der Treue preist Maria mit vollen Tönen.
Können wir diesen Lobgesang auf Gottes Barmherzigkeit und Treue hören und erwägen, ohne dass unser Herz sich weit auftut und unser Mund übergeht? Feuert dieses Lob, dieser Preis der Barmherzigkeit und Treue Gottes uns nicht an, auch an unserm Teile Gottes Barmherzigkeit und Treue zu rühmen? Weihnachten steht vor der Tür, wohl das fröhlichste Fest, welches die Christenheit, sie mag alt oder jung sein, im ganzen Jahre feiert, weil Gottes Barmherzigkeit sich in ihm in ihrer ganzen Tiefe und Fülle offenbart. Das ist ja das kündlich große Geheimnis, dass die Hand unsres Gottes in den eigenen Schoß hineingreift, um den eingeborenen Sohn der Welt zu schenken, um ihn in unser Fleisch und Blut hineinzuhüllen, damit wir durch ihn von Sünde und Tod erlöst würden und das ewige Leben hätten. Kannst du dir eine größere Vaterliebe denken als diese Gottesliebe, welche ihr Höchstes und Bestes opfert, freiwillig opfert, ungebeten, und ach so vielfach auch unbedankt? Haben wir diese herzliche Barmherzigkeit unsres Gottes irgendwie verdient? Kann man mit Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit, kann man mit Sünde Barmherzigkeit und Gnade verdienen? Was wir verdienen, wenn der Herr, unser Gott, mit uns handeln wollte nach seiner Gerechtigkeit, das braucht uns Gottes Wort nicht erst auszudecken, das sagt jedem schon sein eigenes Herz.
Was hat aber Gott, den Vater aller Barmherzigkeit, bestimmt, uns mit seiner Gnade wieder zu erscheinen und uns ein heiliges Weihnachtsfest aufs neue anzukündigen? Hat er uns vielleicht Verheißungen gegeben oder unsern Vätern? Gott hat wohl den Kindern Israel Verheißungen gegeben, denn dem Abraham und seinem Samen sagte er das Heil, das in Christo in der Fülle der Zeit erschienen ist, auf das bestimmteste zu: aber von irgendwelchen Verheißungen, welche Gott uns und unsrem Volke gegeben hatte, wissen wir nicht ein Sterbenswörtlein. Gott ist keine Verbindlichkeit gegen uns eingegangen: er hat als der treue Gott kein Wort der Verheißung einzulösen. Dennoch aber rühmen wir Gottes Treue; hat er zu uns auch nicht mit Worten vom Himmel her geredet, so hat er uns doch ein Zeichen auf Erden gegeben, und durch ein gnadenreiches Zeichen uns verbürgt und versiegelt, dass er unser Gott und Vater ist, und dass wir alle seine Kinder, seine zu Gnaden angenommenen lieben Kinder sind. Kennt ihr dieses Zeichen nicht? Ihr alle habt es empfangen. Es ist das Zeichen der heiligen Taufe, welche Gottes Sohn hat eingesetzt. Die heilige Taufe spricht zu uns: Gott ist dein Gott und du bist Gottes Kind. In der heiligen Taufe hat Gott seinen Bund mit uns aufgerichtet: um ihretwillen hält er treu zu uns. Durch die heilige Taufe hat er uns in seine Kindschaft aufgenommen, Kinder aber müssen erzogen werden, Kinder müssen wachsen. Wie sollen wir als Gottes Kinder erzogen werden, wenn der Vater nicht seinen lieben Sohn der Welt aufs neue beschert; geht der Heilige Geist, der uns alles lehrt, nicht vom Sohne aus? Wie sollen wir als Gottes Kinder wachsen, wenn der Vater nicht seinen lieben Sohn in uns Mensch werden lässt; müssen wir nicht wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus (Eph. 4, 15)? Gott ist treu und um seiner Treue willen wird es wieder Weihnachten; lasset uns ihn für seine Barmherzigkeit und Treue preisen!
Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Amen.