Müllensiefen, Julius - Predigt am Silvesterabend
1 Mos. 16, 7. 8.
Aber der Engel des Herrn fand sie bei einem Wasserbrunnen in der Wüste, nämlich bei dem Brunnen am Wege zu Sur. Der sprach zu ihr: Hagar, Sarai Magd, wo kommst du her, und wo willst du hin?
Die doppelte Frage, welche der Engel des Herrn an Hagar in der Wüste richtete: „Wo kommst du her, und wo willst du hin?“ sie will heute wie eine mahnende Gottesstimme an unser Herz und Gewissen klopfen, um uns zu veranlassen, einen prüfenden Rückblick zu werfen auf das nun entschwundene Jahr, und dem neu entstehenden einen suchenden Ausblick zuzuwenden. Wenn nun die Frage an uns gerichtet wird: „Wo kommt ihr her?“ so können wir ja alle ohne Unterschied die Antwort darauf geben: „Wir haben in 365 Tagereisen ein weites Land durchzogen, und nachdem wir seine äußerste Grenze erreicht haben, schicken wir uns jetzt an, den schmalen Strom zu durchsegeln, der uns in neue, völlig unbekannte Gegenden hinüber führt.“ Wer eine Reise gemacht hat, der kann was erzählen von den Dingen, die er gehört, gesehen und erlebt hat; und auch wir haben vieles vernommen, was der Menschen Herzen bewegen kann, von heißem Ringen feindlicher Nationen und von Strömen vergossenen Blutes in fernen Landen, aber nicht minder vom erbitterten Kampf der Parteien daheim im Staat, wie in der Kirche, und von dem wachsenden Notstand, der sich wie mit dumpfer Gewitterschwüle über unserm Volke gelagert hat. Aber in dem weiten Rahmen dieses großen Ganzen verlief auch die Geschichte unsres Einzellebens, und wenn wir imstande wären, den Verlauf und Zusammenhang derselben im Lichte der Gottesgedanken zu überschauen, die ihr zum Grunde lagen, dann würden wir darüber staunen, wie viel göttliche Liebe und Erbarmung um uns bemüht gewesen ist und um unsre Seelen geworben hat. Denn alles, was uns zustieß, es hatte ein Absehen auf unser ewiges Heil; die glücklichen Stunden, die uns erhoben, die schmerzlichen und bitteren Erfahrungen, die uns beugten, sie alle waren ebenso gut Boten unsres Gottes, wie seine weckenden Stimmen, die an heiliger Stätte in der Predigt, oder im stillen Kämmerlein in der Mahnung des Gewissens, wie in dem Zuspruch des Heiligen Geistes in uns und zu uns laut wurden. Alles aber, was wir auf dieser langen Reise erlebt, gelernt und erfahren, was wir verloren und gewonnen haben, was uns erfreute und betrübte, es soll sich ja nach dem Willen Gottes für uns umsetzen zu guten, weisenden Gedanken für die neue Station, die wir nun beschreiten werden, und für die neuen Aufgaben, die sie uns entgegen trägt; o, wie viele mögen denn heute unter uns imstande sein zu bekennen: „Ich habe in diesem letzten Jahre was Tüchtiges gelernt, habe manche Erfahrungen gesammelt und bin innerlich weiter gekommen!“ „Wo kommst du her?“ so lautete die eine Frage, und noch viel bedeutsamer klingt die zweite: „Wo willst du hin?“ Was sind es denn für Erwartungen, die du dem neuen Jahre entgegenträgst? was ist es, was du am meisten ersehnst, und was du am meisten fürchtest? Was ist es für ein Ziel, nach welchem du ausschaust, und was sind es für Mittel und Kräfte, durch welche du es zu erreichen oder doch ihm näher zu kommen hoffst? Und wenn du deine verborgensten Herzenswünsche prüfst: sind sie auf zeitliche und vergängliche Güter gerichtet, oder auf ewige und himmlische? Wo willst du hin, lieber Zuhörer, wo meinst du, dass am Ausgang deiner Lebensreise dein Fahrzeug landen werde? Wenn du dich umschaust in dem Kreise deiner Angehörigen und aller deiner Freunde und Bekannten, wie viele von denen, die noch bis vor wenigen Wochen oder Monaten deine Reisegefährten waren, sind jetzt nicht mehr vorhanden? und wo sind sie? wo suchst du sie? und in was für einer Herzensverfassung würdest du denn, lieber Zuhörer, in das Dunkel der Stunde eintreten, die in deinem Erdenleben die letzte sein wird? Seht, es gibt vieles zu denken und innerlich durchzuringen, wenn wir uns mit den vergangenen Tagen auseinandersetzen, und den kommenden in rechter Bereitschaft entgegentreten wollen, und dazu möge
die Doppelfrage des Engels:
I. wo kommst Du her?
II. und wo willst du hin?
die wir unserer heutigen Betrachtung zum Grunde legen wollen, eine Weisung sein, und Gott der Herr gebe Gnade, dass die letzte Predigt im alten Jahre uns ein Segen werden möge für das neue! Amen.
I.
„Wo kommst du her?“ Diese Frage richtete der Engel an Hagar in der Wüste, und das arme Weib hätte wohl erzählen können von einer Zeit der Erhebung, da ihr die Sonne des Glückes so hell leuchtete, nicht minder von großer Schuld und von dem Elend der Verlassenheit, das sie, die Verschmähte, mit ihrem Knaben in die grausige Wüste hinausstieß. Wenn ich heute die Geschichte unsres Lebens, soweit sie dem nun hingeschwundenen Jahre angehörte, in den Zügen zusammenfassen soll, die uns allen gemeinsam sind, so darf ich ja wohl auf die Frage: „Wo kommt ihr her?“ ohne Unterschied die Antwort geben: Wir sind gekommen aus vielen glücklichen und gesegneten Stunden, aus vielen kleinen und großen Sünden, und aus vielen Schmerzen und bitteren Erfahrungen.
Ich sage zuerst: Wir alle kommen aus vielen glücklichen und gesegneten Stunden. Oder ist etwa jemand in unserer Mitte, der während der ganzen Jahresreise auf keinem einzigen sonnigen Plätzchen geweilt hätte, von dem er hätte sagen mögen: hier ist gut sein, hier möchte ich Hütten bauen? Und Gott der Herr, der die Liebe ist, von dem schon David rühmen durfte: „Deine Güte ist über mir alle Morgen neu!“ Er sollte einem seiner Kinder diese ganze lange Wegestrecke zu einer einsamen Wüste haben werden lassen? Nein, lieben Zuhörer, so unglücklich ist keiner unter uns im vergangenen Jahre gewesen, dass er von keiner schönen und gesegneten Stunde aus diesem Zeitraum zu erzählen wüsste, und gewiss auch keiner so undankbar und vergesslich, dass alle Wohltaten und Segnungen, die Gott im verflossenen Jahre über ihn ausschüttete, aus seinem Gedächtnisse entschwunden wären! Schöne Stunden brachte manchem der Beruf. Wer seinen Beruf lieb hat, und bemüht ist, ihn treulich auszufüllen, der hat auch zu Zeiten dankbar erfahren dürfen, dass er nicht vergeblich arbeitete. So wie der Landmann zu mancher Zeit den Blick mit innerlicher Befriedigung auf dem wohlbestellten Acker weilen ließ, wenn der Tau des Himmels seine durstigen Seelen tränkte, und der warme Sonnenstrahl sie in üppiger Fülle aus dem Schoße der Erde hervorlockte, so durfte jeder von uns, der mit Gott sein Werk in die Hand nahm, sich manchmal auch des Fortganges seines Werkes freuen, und an manchem Tage, wo er seine Kräfte aufs äußerste hatte anspannen müssen, um die ihm entgegenstehenden Hindernisse zu überwinden, konnte er in stiller Abendstunde mit dankbarem Gefühl auf das schwere nun vollbrachte Tagewerk zurückschauen, und sich gestehen: Ja, Mose, der Mann Gottes, hatte recht, als er dem menschlichen Leben nachrühmte: „Wenn es köstlich gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen!“ (Ps. 90, 10.)
Und glückliche, gesegnete Stunden brachte uns auch das Haus. Es müsste ja ein entsetzlich entartetes Familienleben gewesen sein, das im ganzen Jahre nur Kummer und keine Freuden gebracht hätte und besonders, wenn es reich an Kindern war. Wohl bringen sie Sorgen und Mühen, und es ist keine geringe Aufgabe, die Kinder, vornehmlich die herangewachsenen Söhne, in der Einfalt, Mäßigkeit und Gottesfurcht zu erziehen; aber es ist auch ein innerlich beglückendes, und nie vergebliches Werk, wenn man für das Gelingen desselben seine ganze Kraft einsetzt. Und wie reich und inhaltvoll ward die Geschichte des Hauses durch den Wechsel, den der Lebens- und Entwicklungsgang der Kinder mit sich brachte; war es ein Festtag, als das Kind geboren wurde, so nicht minder, als die Eltern es dem Herrn darbrachten am Tage der Taufe, oder als es sich selbst ihm übergab am Tage der Einsegnung, oder als es am Trau-Altare seinen Segen für den neu geschlossenen Lebensbund einholte. Und wo irgendwie in einem Hause der Geist des Glaubens waltete, da fehlte es nicht an vielen stillen, gesegneten Stunden, wo man sich der Gemeinschaft der eng verbundenen Glieder freute, wo alle sich so glücklich fühlten, weil sie sich eins wussten in dem Einen, der sie als ihr gemeinsames Haupt zu einem schönen Ganzen zusammenfasste!
Mancher unter uns wird auch noch von schönen Stunden zu erzählen wissen, die er an seinem eigenen Herzen erlebte, wenn er in innigem Gebet, sei es in der stillen Kammer, sei es an heiliger Stätte, dem Herrn das volle Herz ausschüttete; wo er es inne ward, dass der Geist Gottes wie der Hauch eines höheren Lebens über seine Seele dahinzog, und wo er hätte aufjauchzen mögen vor Lust und Seligkeit in dem Bewusstsein, dass es etwas unendlich beglückendes sei, glauben zu können, den Herrn lieb zu haben, sich mit ihm verbunden zu wissen; solche Stunden, die keinem wahren Jünger ganz ausbleiben, wenn sie auch nur wie flüchtige Lichtblicke an ihm vorüberziehen, sie erinnern doch an jenes Zeugnis der Apostel, die für die seligsten Erfahrungen ihres Herzens keine Worte der Beschreibung finden können, sondern das Herrliche, das Unaussprechliche in dem Ausspruch zusammenfassen: „Was kein Auge gesehen und was kein Ohr gehört, und was in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieb haben!“
„Wo kommst du her?“ Wir haben bisher den Blick nach oben gewendet, und wenn wir Gottes Tun betrachteten, so konnten wir nicht anders, als seine gütige Hand preisen, die so viel Segen und Wohltat über uns ausschüttete. Aber wenn wir auf uns sehen, wenn wir unser Herz, unser Leben, unsern Wandel im Lichte der göttlichen Wahrheit prüfend anschauen, dann werden wir mit dem Bekenntnis nicht zurückhalten dürfen: Wir kommen aus vielen kleinen und großen Sünden. Oder ist etwa einer aus unserer Mitte, der sich dieses Bekenntnisses weigern wollte? Oder sollen wir nur das Wort: kleine Sünden betonen, um so einen Anlass zu gewinnen, die Schuld der großen von uns abzuwälzen? Und haben wir unter großen Sünden nur etwa Diebstahl zu verstehen, oder Mord, oder Ehebruch? Ja, sagst du, ich will gerne gestehen: „ich habe wohl manchmal mich gehen lassen in meinem ungebrochenen Wesen und habe es dann an der Liebe gegen die Meinigen fehlen lassen; ich habe nicht immer über mir gewacht, und es sind dann wohl die Leidenschaften des Zornes, der Bitterkeit aus meinem Herzen hervorgebrochen, und haben wie zerstörende Mächte manches Unheil in meinen Umgebungen angerichtet: wie, sind das nur kleine Sünden?“ Und wenn ich alle diese Übertretungen des göttlichen Gebotes, die Tag für Tag wiederkehrten, zusammenzählen wollte, was für eine Schuldsumme würde herauskommen? Wenn der verschwenderische Sohn alle Tage nur 2 oder 3 Taler Schulden macht: wird er dann ein Recht haben, die am Jahresschlusse aufgesummte Schuld nur als eine kleine anzusehen? Oder dürfen wir sagen, nur die Sünde ist eine große und unerlaubte, die geradezu mit ihrem Wesen herausgeht, aber klein ist sie und entschuldbar, wenn sie unter dem Scheine des Rechtes ihre gemeine Blöße zu verbergen weiß? Der gemeine Dieb ward durch das Gesetz gestraft, und galt unter seinen Mitmenschen für ehrlos, aber der schmutzige Geiz, der Wucher, die berechnete Untreue im Handel, die das Leben der Brüder schädigende Fälschung der Waren, das hielt sich in den Grenzen, über die das Gesetz keine Macht hatte; der Täter blieb straflos und behielt vor der Welt seine Ehre: ist seine Sünde denn kein Raub gewesen, oder wird Gott sie nur für eine kleine erachten? - Und ist denn bloß Sünde die Übertretung des Gebotes, und nicht die Unterlassung der gebotenen Pflicht? Wenn ein Mensch ohne Gott lebt, ohne Glauben und ohne Gebet: ist das etwa keine Sünde? Wenn ein Vater, eine Mutter ein weltförmiges Genussleben führen, und gar nicht daran denken, die ihnen anvertrauten Kinder in der Vermahnung zum Herrn zu erziehen: ist das keine Sünde? Wenn ein Beamter die Geschäfte seines Amtes vernachlässigt, so wird er in Ordnungsstrafe genommen, oder seines Dienstes entlassen: meint ihr etwa, der heilige Gott würde einen Menschen, der den Christennamen führt, ungestraft lassen, wenn er die höchste Pflicht des Christenberufes, die Arbeit an sich selber, das Ringen nach der Seelen Seligkeit, gänzlich unterlassen hätte? Es sind nur sehr wenige Gesichtspunkte, die ich andeutete, um das Maß unserer großen Schuld in das rechte Licht zu stellen; wir könnten sie hundert und tausendfältig vermehren; und so frage ich denn: wenn wir heute in dieser späten Abendstunde des schwindenden Jahres an heiliger Stätte vor unserm Gotte die Beichte ablegen: wer bleibt denn schuldlos? Haben wir nicht vielmehr den dringendsten Anlass, in den Staub vor ihm gebeugt ihn anzuflehen: „Herr, gehe nicht in das Gericht mit deinen Knechten, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht!“ (Ps. 143, 2.)
„Wo kommst du her?“ Und wenn wir gestehen mussten: „aus vielen großen und kleinen Sünden“, so erscheint es als etwas unerlässliches, wenn wir hinzusetzen: Wir kommen aus vielen Schmerzen und bitteren Erfahrungen. Denn Sünde und Leid gehören zusammen, wie Ursache und Wirkung, wie Feuer und Feuersbrunst, und wenn wir auch den notwendigen Zusammenhang zwischen beiden nicht immer zu durchschauen vermögen; wenn auch das Leid uns oft an einer ganz andern Stelle trifft, als an der, wo wir sündigten, und der Zeit nach von unserer Sünde weit abliegt, so weiß doch Gott der Herr recht gut, warum er uns schlug, und weiß, wie notwendig diese Züchtigung für unsern inneren Menschen war. Ich will es nicht versuchen, in diesen kurzen mir zugemessenen Augenblicken auf alle die Schicksalsschläge hinzuweisen, von denen so viele unter uns im Laufe des verflossenen Jahres betroffen wurden, wie der eine sein mühsam erworbenes Hab und Gut der Ungunst der Verhältnisse zum Opfer bringen musste; wie in manches glückliche Haus der Tod einkehrte und die belebte Stätte einsam und öde werden ließ; wie die Liebe ihr edles Wirken mit Undank vergelten sah, wie leibliches Siechtum manche schöne Lebensblüte verdorren ließ, oder wie das Geschick eines verlorenen Sohnes dem Vater oder der Mutter das Herz brach, und wie könnte es irgendjemanden zu hart bedünken, wenn ich alle diese Leiden in den Zusammenhang mit unserer Sünde innig verflechte, da doch alle diese Heimsuchungen von der unaussprechlichen Erbarmung unsres Gottes ausgehen, und lediglich auf unser ewiges Heil abzielen, gemäß dem Ausspruche der Schrift: „die der Herr lieb hat, die züchtiget er, und er stäupt einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt!“ (Ps. 12, 6.)
II.
„Wo kommst du her?“ Die Antwort auf diese Frage war nicht so schwer, denn sie war im Grunde schon gegeben; das Leben, über das wir Auskunft geben sollten, lag als ein abgeschlossenes bereits hinter uns, aber unendlich schwieriger ist die Antwort auf die zweite Frage: „Wo willst du hin?“ Hinter uns liegt eine gewordene Geschichte, vor uns eine erst werdende, und hier gilt es also, die Frage zu beantworten: was suchest du? Wohin strebst du? und wie ist der Einsatz beschaffen, den du für deine Zwecke und Ziele darbringst? Wenn der Weltsinn diese Frage: „Wo willst du hin?“ zu beantworten hätte, er würde uns vielleicht auf irdische Güter und sinnliche Genüsse hinweisen, auf die all' sein Sehnen und Verlangen gerichtet ist; wenn wir die sorglose Jugend heute fragen: „Wo willst du hin?“ auch sie würde uns ihrem Sinne entsprechend antworten; der Jüngling würde sagen: „ich will Ruhm und Ehre erjagen“, und das Mädchen würde sagen: „ich freue mich, dass ich bald aus dem Staube der Schulstube entlassen werde; zu Ostern werde ich eingesegnet, dann bin ich erwachsen, dann komme ich in die Gesellschaften und darf mit vollen Zügen den Becher der Freude leeren!“ Aber es ist heute nicht meine Aufgabe, den Wahngebilden der törichten Herzen nachzugehen; mir liegt die höhere Pflicht ob, die Jünger Christi auf die neue Lebensbahn hinzuweisen, und sie werden auf die Frage: „Wo willst du hin?“ die Antwort geben: Wir wollen hinein in den Kampf des Lebens; hinein in den Ernst der Buße; hinein in das Dunkel einer seligen Sterbestunde!
Ich sage zuerst: Wir wollen hinein in den Kampf des Lebens. Ihr fragt mich vielleicht: was meinst du damit?
Der Kampf des Lebens wird von selber kommen; sollen wir ihn etwa wünschen oder gar aussuchen? Nicht doch, lieben Zuhörer, wir sollen uns nur hüten, dass wir dem Leben, das im neuen Jahre unserer wartet, keine törichten, unerfüllbaren Hoffnungen entgegentragen; wir wollen uns, um nicht hernach getäuscht zu werden, von vornherein auf den Kampf gefasst machen und uns für denselbigen rüsten. Gleichviel ob der Notstand der Geschäftslosigkeit bleiben, ob er zu- oder abnehmen wird, in jedem Falle werden wir auf Not und Mühe, auf Kampf und Selbstverleugnung gefasst sein müssen, denn diese Ordnung bleibt für alle Jahre und für alle Jahrhunderte dieselbe; aber diesen Kampf werden wir nur dann bestehen, wenn wir die schwere Arbeit des Kämpfens mit Gebet vollbringen, wenn wir den Helfer von oben immer in die Sorgen, Schmerzen und Aufgaben unseres Lebens mit hineinziehen. Aber wir werden auch nicht unterlassen dürfen, die Kraft und die Freudigkeit zu diesem Kampfe aus den Quellen zu schöpfen, die dem Menschen eine ewige Jugend bewahren, und die nur auf dem Boden des häuslichen Lebens fließen. Ein sittlich entartetes Volk kann nur aus der Wiedergeburt des Hauses zu neuer Blüte erstehen. In dem Hause liegen die starken Wurzeln unserer Kraft; in seinen umfriedeten Räumen sind die einzigen uns noch gebliebenen Reste des verlorenen Paradieses geborgen. Das Haus bauen, heißt die Zukunft verheißungsvoll gestalten; die Pflichten des Hauses erfüllen heißt: dem irdischen und dem himmlischen Berufe in gleicher Weise gerecht werden, und der heißte Kampf des Lebens wird zum herrlichsten Siege ausschlagen, wenn der Streiter an dem Losungsworte festhält: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen!“ (Jos. 24, 15.)
Ja, dem Herrn dienen; daran haben wir alle es fehlen lassen, wir und unser Haus, wir Väter und Mütter, wir Brüder und Schwestern, wir Eltern und Kinder. Wir haben im vergangenen Jahre viele Sünde und Schuld auf uns geladen, und darum sei unser Gelübde fürs neue: wir wollen recht hinein in den Ernst der Buße. Ja, Buße: kein Wort ist so sehr im Umlauf und der Sprache eines Christen geläufig und doch so selten nach seinem vollen Inhalt gewürdigt. Buße ist doch noch etwas anderes, als der Schrecken über einen argen Fehltritt, zu dem wir uns hinreißen ließen, oder der Verdruss über die Torheit der Sünde, die unser Wohlsein zerstörte; die rechte Buße trauert nicht etwa bloß über die unseligen Folgen, die der Sünde wie Rächer und Vergelter oftmals auf dem Fuße zu folgen pflegen, rechte Buße ist der Schmerz über die eigene Entwürdigung, die Scham über die begangene Untreue, das Erröten vor sich selber; rechte Buße erwächst aus gründlicher Selbsterkenntnis, und führt den Menschen in das Selbstgericht, nicht, dass er in unwahrer Übertreibung sich einer Schlechtigkeit Schuld gibt, an die er selber doch eigentlich nicht glaubt, sondern dass er auch da, wo er sich des redlichen Wollens bewusst ist, doch von der Armut seiner Leistungen tief durchdrungen bleibt. Wer in rechter Buße steht, der kann es auf keiner geistlichen Höhe aushalten; es kostet ihm kein Opfer, als klein und gering zu gelten; er ist nicht nur stark genug, auch die Wahrheit zu tragen und von der Wahrheit sich weisen zu lassen, die ihn straft und demütigt, sondern er ist auch innerlich viel zu wahr und zu aufrichtig, um das Lob und die Schmeichelei der Welt tragen zu können; das Bewusstsein seiner Ohnmacht lässt ihn aber nicht verzagen, denn es lehrt ihn, sich an der Gnade genügen zu lassen, die in menschlicher Schwachheit sich mächtig erweisen will!
„Wo willst du hin?“ O, möchte ich aus der Seele eines jeden aus unserer Mitte antworten dürfen: Dahin, wohin ich muss, nämlich ins Sterben, aber nur in ein seliges. Wir alle müssen ja einmal sterben, und wie so manche, die den vorigen Sylvester-Abend mit uns feierten, heute auf Erden nicht mehr vorhanden sind, so werden auch manche, die heute hier dem Worte lauschen, den Schluss des neuen Jahres nicht mehr erleben. Es ist eine der heiligsten Pflichten des Christen, sich frühe mit dem Todesgedanken vertraut zu machen, aber es ist das nur möglich, wenn uns die Sterbestunde zu einer Stunde der Befreiung und Erlösung wird, die uns aus dem armen, leidvollen Leben zu einer seligen Welt hinüberführt. Und was wäre es für ein Segen, wenn wir als solche, die doch unweigerlich dem Tode verfallen sind, uns heute in dieser letzten Andachtsstunde des alten Jahres dazu verbündeten: wir wollen nach bestem Vermögen, in der Kraft, die der Herr verleihen wird, mit aller Sünde brechen, wollen mit aller Liebe, deren unser Herz nur fähig ist, uns dem Herrn zusagen, damit, wenn er uns in das Dunkel der letzten Stunde hineinführt, wir dann freudig bekennen dürfen: „Herr, wir haben lange dein geharret, von einer Morgenwache zur andern, nun kommst du, darum sei uns willkommen, und nimm uns hinüber zum himmlischen Vaterhause!“ O Herr, hilf uns zu diesem Bekenntnis, zu dieser seligen Herzensstellung; wir danken dir so vieles Gute in dem verflossenen Jahre, gib uns in dem neuen das Beste, den festen Halt für unsre Seelen, die Zuversicht unserer ewigen Errettung! Nimm in deine gnädige Obhut unsern teuren Kaiser, die Kaiserin, seine Gemahlin, und sein ganzes Haus, unser Volk, unsre liebe evangelische Kirche; lass sie sich endlich im Frieden bauen! Wir befehlen dir unsre lieben Abendmahlsgäste, dass sie von deinem Tische getröstet und entlastet heimkehren, wir befehlen dir unsre Armen und Kranken, unsre Witwen und Waisen, sowie alle, die auf verkehrten Wegen in Irrtum und Sünde verstrickt sind; hilf ihnen zur Wahrheit, hilf uns allen, o Herr, aus allen Sünden und aus allem Elend; und über alle Klippen und Abgründe dieser Welt hinweg bringe uns selig heim zu deines Vaters Hause! Amen.