Mayfart, Johann Matthäus - Himmlisches Jerusalem - XXVI. Von der wunderbaren Musik, welche bei der himmlischen Hochzeit gehört wird.
Wenn ein Christ anfängt, nach dem himmlischen Jerusalem zu seufzen und dessen Wollust zu begehren, wünscht er alsbald dort zu sein. Unterdessen erhebt er seine Augen nach der himmlischen Heimat, seine Gedanken nach den himmlischen Dingen, seine Stimme nach den himmlischen Chören.
Endlich wird die auserwählte Braut Jesu Christi auf der himmlischen Hochzeit gar hoch erfreut durch die wunderbare Musik, die den ganzen Himmel erfüllt. Sirach rühmt in seinem Buch (32, 7. 8.) gar hoch die Musik und spricht: Wie ein Rubin in feinem Golde leuchtet, so ziert der Gesang das Mahl. Wie ein Smaragd in schönem Golde steht, so zieren die Lieder bei gutem Weine.“ Wie sehr wird aber die himmlische Musik das ewige Freudenmahl verherrlichen, wo Gott der Heilige Geist selbst der Kapellmeister ist, und die Engel die Kantoren und alle Auserwählten die Adjuvanten!
Sirach (45, 11.) rühmt den anmutigen Klang, welchen die güldenen Schellen Aarons gegeben, so oft er mit dem hohenpriesterlichen Rock in das Heiligtum gegangen. Aber wie viel anmutiger wird es klingen, wann die Engel und Erzengel sich in dem himmlischen Freudensaale unter die Auserwählten verteilen und, menschlich davon zu reden, den seligen Kindern, Knaben und Jungfrauen den holdseligen Diskant, den Jünglingen und Frauen den reinen Alt, den Männern den freudigen Tenor, den Alten den ernsten Bass zuteilen; und also das „Heilig, heilig, heilig ist unser Gott der Herr Zebaoth“ intonieren, wann die vierundzwanzig Ältesten in heiliger Ordnung, mit Harfen in den Händen und mit Kronen auf den Häuptern, ihre Stimmen erheben, in die Saiten greifen und das heilige Lied spielen: „Du bist würdig zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn Du bist erwürgt und hast uns erkauft mit Deinem Blut aus allerlei Geschlecht und Zungen und Volk und Heiden! wann die ganze Menge zu dem, der auf dem Stuhle sitzt und zu dem Lamme rufen wird: „Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ und die vier Tiere sprechen: Amen!
Das mag eine Musik sein, weit lieblicher als der Gesang Miriams am roten Meere, weit herrlicher als der Gesang Mosis in der Wüste, weit mächtiger als alle Chöre und Sänger, welche David in der Hütte des Stifts gebraucht und Salomo zum Tempel bestellt hatte.
Da loben sie Gott in seinem Heiligtume. Da loben sie Ihn in der Veste seiner Macht. Sie loben Ihn in seinen Taten. Sie loben Ihn in seiner großen Herrlichkeit. Sie loben Ihn mit Saiten und Posaunen. Sie loben Ihn mit Pauken und Reigen. Sie loben ihn mit hellen Cymbeln. Sie loben Ihn mit wohlklingenden Cymbeln. Alles, was Odem hat, lobt den Herrn. Und darauf schließt die Stimme der großen Schar, als eine Stimme großer Wasser und als eine Stimme großer Donner mit dem mächtigen Halleluja (Offenb. 19, 6.).
Dazu vernehmen wir mit großer Freude (Offenb. 14, 3.), wie die Auserwählten singen ein neues Lied, ohne Aufhören und doch ohne Überdruss; ohne Aufhören und doch ohne Wiederholung. Da hört man den Psalm Davids (98.): „Singt, dem Herrn ein neues Lied; denn Er hat Wunder getan. Er hat gesiegt mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm. Er hat sein Heil verkündigen lassen, vor den Völkern hat Er seine Gerechtigkeit offenbart. Darum jauchzt dem Herrn alle Welt, singt, rühmt und lobt. Lobt den Herrn mit Harfen und Psalmen, mit Psalmen und Trompeten, mit Trompeten und Posaunen. Jauchzt vor dem Herrn dem Könige. Das Meer brause und was darin ist, der Erdboden und die darauf wohnen.“ Wären in dem himmlischen Jerusalem Paläste auf irdische Weise gebaut, wie mächtig würde das erklingen in den Sälen! Wären Berge, wie gewaltig würde es erschallen in den Tälern! Wären Städte, wie herrlich würde es tönen auf den Gassen! und das ohne Aufhören, da ja das neue Lied allezeit angestimmt und doch nimmer ausgesungen wird. Hienieden wird man auch der allerschönsten Lieder überdrüssig, wenn man sie gar zu oft hört. In dem ewigen Jerusalem aber werden stets neue Lieder von den heiligsten Komponisten gedichtet und ohne Aufhören gesungen. Was ist aber der Inhalt der ewig neuen Lieder? möchte einer fragen.
Die alten Israeliten sangen bei ihren Freudenfesten von den tapferen Helden ihres Volkes, welche dasselbe aus der ägyptischen Dienstbarkeit befreit, seine Feinde überwunden und das Land Kanaan mit Gewalt eingenommen hatten. Die alten Griechen sangen bei ihren Freudenfesten von dem trojanischen Kriege, welchen sie zehn Jahre lang mit Vergießung vielen Blutes geführt hatten. Die alten Perser sangen bei ihren Freudenfesten von den mächtigen Taten des Cyrus, welcher das Reich mit dem Schwerte erworben hatte. Lassen wir diese in ihrer Weise. In dem himmlischen Jerusalem singt man von Gottes Allmächtigkeit, von des Allmächtigen Gerechtigkeit, von des Gerechten Heiligkeit, von des Heiligen Barmherzigkeit, von des Barmherzigen Weisheit und von der mächtigen Hand, welche der triumphierenden Kirche den Sieg verliehen.
Wer all diese Herrlichkeit des himmlischen Jerusalems, so wir bisher betrachtet, recht ernstlich bedenkt; der wird gewiss dem Apostel Paulus beistimmen und auch ganz und gar dafür halten, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbart werden. Kann auch sein Herz desto leichter in Geduld fassen.
Auf diese Herrlichkeit sah Basilius, als er schrieb: Gleichwie das Ungewitter einen Seemann, der Kampfplatz einen Fechter, das Schlachtfeld einen Kriegsmann, das Unglück einen Helden bewährt: so bewährt auch die Versuchung einen Christgläubigen Menschen. Bist du frank? Das sollst du mit Freuden tragen, dieweil der Herr den züchtiget, welchen er lieb hat. Bist du arm? Darob sollst du jauchzen, denn alle die Güter wird Er dir geben, die Er schon längst dem Lazarus gegeben hat. Bist du verachtet? Des sollst du dich selig preisen, denn deine Verachtung wird mit der Glorie eines Engels enden. Bist du ein Knecht? Dafür sollst du danksagen, denn du hast den Teufel unter dir. Liegest du unbilliger Weise in Banden und Gefängnis? Dawider sollst du dich mit der Hoffnung zukünftiger Dinge trösten und aufrichten. Bist du ungerecht verdammt? Darum sollst du auch nicht verzagen; denn du wirst mit Ehren zu seiner Zeit losgesprochen werden. Herr Jesu! gib mir dermaleinst von diesem unendlichen Brunnen der Lieblichkeit nur ein einiges Tröpflein, aus diesem unendlichen Feuer der Freude nur ein einzig Fünklein, aus diesem unendlichen Lied der Seligkeit nur ein einzig Verslein, so habe ich genug in Ewigkeit. Amen!