Mayfart, Johann Matthäus - Himmlisches Jerusalem - IV. Von der gewaltigen Stimme, durch welche alle Toten auferweckt und zum Gericht gefordert werden.

Wer will widerstehen dem Willen des Herrn, wenn keiner der Stimme widerstehen kann? Wer will widerstehen der Stimme des Herrn, wenn keiner der Hand widerstehen kann! Wer will allen widerstehen, wenn keiner ist, der nur einem widerstehen kann!

Wenn an dem Berg Sinai das Volk Israel bei dem Tone der Posaune vor Furcht nicht bleiben konnte, sondern davon floh und zu Moses sprach: „Rede du mit uns; wir möchten sonst sterben:“ wer mag denn bleiben, wann die Stimme des Erzengels erschallt und die Posaune Gottes ertönt (Matth. 24, 31. 1 Kor. 15, 52. 1 Thess. 4.)?

Ich tue, was ich wolle, schreibt der heilige Bernhard, ich rede oder schweige, ich stehe oder gehe, ich esse oder trinke, ich wache oder schlafe; so ist mir nicht anders zu Mute, als ob in meinen Ohren erschallt die Stimme: Steht auf, ihr Toten, und kommt zum Gericht!“

Und wie schrecklich wird durchdringen die Stimme des Sohnes Gottes: Steht auf, ihr Toten! steht auf, ihr Toten!“ Wie mächtig wird sie erschallen aus den Wolken in die Erde, aus den Wolken in die Felsen, aus den Wolken in das Meer, aus den Wolken in die Wälder und in alle Orte und Enden, da die Toten vergraben liegen! Wie gewaltig wird sie wiederhallen in den Ländern der Könige, in den Schlössern der Fürsten, in den Häusern der Reichen, in den Hütten der Armen! Wie erschütternd wird sie wiederhallen in den Gewölben der Kaufleute, in den Läden der Handwerker, in den Stuben der Gelehrten, in den Sitzen der Obrigkeiten, in dem Herzen eines jeden Menschen! Wie wird sie erschrecken die wilden Tiere in ihren Höhlen, die Vögel in ihren Nestern, die Fische in ihren Gewässern! Denn Himmel und Erde, Lüfte und Klüfte, Berge und Täler, Land und Wasser werden auf allen Seiten von dem gewaltigen Ton dieser Stimme wiederhallen. Der Ruf: Steht auf, ihr Toten!“ hat nur drei oder vier Worte, und doch müssen bei demselben alle Rotten der Verführten erschrecken und alle Scharen der Gottlosen erzittern.

Dagegen wird diese Stimme ganz holdselig erklingen in den Ohren und Herzen aller Frommen und Gläubigen auf Erden. Und fürwahr, ich kann es nicht unterlassen, ich muss bekennen: ich freue mich inniglich, so oft ich gedenke an den Tag der großen Wiederherstellung, wo alles wiedergebracht werden wird, was Gott geredet hat durch den Mund aller seiner Propheten von der Welt an. In diesem Leben geht es oft gar wunderlich zu. Tugend wird nicht geachtet. Arbeit wird wenig belohnet. Aber seid getrost, all ihr bedrängten Witwen und Waisen, ihr verfolgten Bekenner der Wahrheit, ihr unterdrückten Gerechten, ihr verhassten Prediger, ihr notdürftigen Lehrer, und insbesondere ihr elenden Armen, es wird bald besser werden.

Der König David singt zwar im 29. Psalm: „Die Stimme des Herrn geht mit Macht; die Stimme des Herrn geht herrlich; die Stimme des Herrn zerbricht die Zedern; der Herr zerbricht die Zedern im Libanon und macht sie löken, wie ein Kalb, Libanon und Sirion wie ein junges Einhorn.“ Er singt weiter: „Die Stimme des Herrn hauet wie Feuerflammen; die Stimme des Herrn erregt die Wüsten; die Stimme des Herrn erregt die Wüsten Cades; die Stimme des Herrn erregt die Hindin und entblößt die Wälder.“ Aber wie mächtig wird diese Stimme des Herrn sein, welche nicht nur Libanon und Sirion und nicht nur die Wüsten Kades erregt, sondern den ganzen Erdkreis, auf dem Erdkreis alle Länder, in den Ländern alle Menschen, in den Menschen alle Glieder, in den Gliedern alle Fäserlein, wie klein sie auch sein mögen.

Viele der mächtigsten Herrscher haben sich vor dem Donner so gefürchtet, dass sie gar sehr erschreckt wurden, so oft sie ihn hörten. Alexander der Große, vor dessen Waffen sich nicht allein ganze Kriegsheere entsetzten, sondern vor dessen Namen auch weit entlegene Länder erzitterten, musste doch, so oft ein Donner erschallte, trotz seines mutigen Herzens verzagen und trotz seiner festen Rüstungen erbeben. Wie entsetzlich werden dann die großen Tyrannen und alle andere Gottlose erschrecken vor der Stimme des Sohnes Gottes! Denn ein Donner ist nur ein Schall ohne Worte; hier aber ist ein donnernder Ruf mit Worten. Das werden die Frommen mit Freuden; die Gottlosen aber mit Verzweiflung erfahren.

Herr Jesu! rede Du mit Deinem Knecht aus dem holdseligen Evangelio, in welchem Du alle Menschen rufest zur Besserung: so werde ich dort nicht fürchten Deine Stimme, mit welcher Du alle Menschen rufen wirst zur Auferstehung. Amen.

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