Major, Charles Forsyth - Das Gesetz Gottes, erklärt in der evangelischen Kapelle zu Straßburg - Der Diebstahl.
2. Mose 20,15.
Du sollst nicht stehlen.
Mag es immerhin beim ersten Anblick das Ansehen haben, als ob unter gewissenhaften Menschen, geschweige denn unter frommen Christen, dieses Gebot sich von selbst verstehe, und darum keiner ausführlichen Behandlung bedürfe: so lehrt uns doch die tägliche Erfahrung, dass es sich anders verhält, und wir fühlen uns auch heute besonders berufen, nicht nach dem Ansehen oder Vorgeben der Menschen zu fragen, sondern vielmehr das Wort des heiligen Gottes dem unheiligen und irdisch gesinnten menschlichen Herzen entgegen zu halten und aus diesem Vergleich zu erkennen, wo die Wahrheit zu finden ist.
Fragen wir: was wird hier verboten? so ergibt sich die natürliche Antwort: die Verletzung des Nächsten an seinem Eigentum; und eine ganze ehrbare Bürgerschaft versichert uns auf Ehre und Gewissen: ich bin ein rechtschaffener Mann, ich habe noch Niemanden Unrecht getan, ich habe nicht getötet, ich habe nicht Ehebruch getrieben, ich habe nicht gestohlen! Bei dieser Versicherung aber wirft sich der Tugendheld in die Brust, sieht zuversichtlich und stolz aus den Augen, stellt sich fest und gewaltig vor uns hin, so dass man fast glauben müsste, ein solcher Mann sei im Begriff, den Himmel zu stürmen und den Allmächtigen herauszufordern mit der Frage: Wer kann mich einer Sünde zeihen? Freilich, lieber rechtschaffener Bürgersmann, wenn es bloß auf den Buchstaben des Gesetzes ankäme, so könntest du vielleicht noch immer die Hände in Unschuld waschen, und würdest, wie jener Pilatus, der sich vor dem ganzen Volk wusch, ohne Weiteres von einer ehrbaren Zunft der Pharisäer und Schriftgelehrten das Zeugnis eines ehrlichen Mannes mit Brief und Siegel ausgestellt erhalten. Aber hast du nicht schon oft gehört, dass der Buchstabe tötet? Predigt man nicht rings um uns her beständig vom Geist der Kirche, vom Geist des Christentums, vom Geist der Schrift, so dass man vor lauter Geist weder Kirche, Christentum, noch Schrift mehr sehen kann? Ei nun, auch wir wollen denn heute einmal wieder den Buchstaben aus dem Geist zu verstehen suchen, aber freilich nicht aus dem Geist der Willkür, der nur so viel gibt, als gerade angeht, ohne irgendjemanden zu nahe zu treten, sondern aus dem Geist der Wahrheit, der in die Welt gekommen ist, sie zu strafen um die Sünde, und um die Gerechtigkeit, und um das Gericht (Joh. 16, 8.).
Um nun aus diesem Geist das achte Gebot recht zu verstehen, tut es aber Not, dass wir zuerst die Wurzel, aus der so böse Frucht wie die Übertretung desselben hervorwachsen kann, untersuchen, dann uns recht ehrlich die Frage beantworten: was heißt stehlen? und endlich das Mittel kennen lernen, durch welches allein aller feinere und gröbere Diebstahl auf immer aus dem Herzen verbannt werden kann.
I.
Was brauchen wir weiter Zeugnis, um die Wurzel des Diebstahls aufzusuchen? Sie liegt aufgedeckt vor Jedermanns Augen, so dass die Kinder auf der Gasse mit den Fingern darauf hinweisen, der Blinde sie finden kann, und alle bösen Zungen in jeder kleinstädtischen Visite davon zu erzählen wissen. Mit Einem Wort legt der Apostel den Finger auf die offene Wunde, wenn er spricht: der Geiz ist eine Wurzel alles Übels (1 Tim. 6, 10.). Wunderbar, dass diese böse Wurzel so offen vor Jedermanns Augen da liegt und doch von so Vielen mit aller Sorgfalt zugedeckt wird! Wisst ihr, wie mir viele ehrbare Bürgerleute und angesehene Wohltäter der Menschheit in unseren Tagen vorkommen? Sie sind wie die Kinder, die im Spiel die Hand vor die Augen halten, und nun allen Ernstes meinen, dass, weil sie selbst keinen Menschen sehen, sie deshalb auch kein Mensch sehen könne. Was mühen sich doch die Menschen unserer Zeit ab, um es dem Nachbarn zur Rechten und zur Linken weiß zu machen, dass sie außerordentlich menschenfreundlich, außerordentlich wohlwollend sind, dass sie kein Opfer scheuen, um das allgemeine Wohl zu fördern, und was es dergleichen schöner Floskeln mehr geben kann. Und wozu alle diese Redensarten? Wozu wird jedes kleine Opfer dem Nachbarn so anschaulich gemacht? Ei nun, auf dass auch er die Hand vor die Augen halte, damit das spielende Kind ihm einen goldenen Knopf vom Kleide reißen könne. Ein Knopf mehr oder weniger wird ihn deshalb nicht unglücklich machen, und du hast doch so viel dabei erlangt, dass du deine Taschen füllen kannst!
Was spricht aber der ernste Apostel zu so gefährlichem Kinderspiel? Er spricht: Etliche haben des Geizes gelüstet und sind am Glauben irre gegangen und haben ihnen selbst viel Schmerzen gemacht. Und was sagt der Mann, der nackt am Kreuze hing, um die Kinder des Todes dem ewigen Leben mit seinem eigenen Blute zu erkaufen? Er sagt: Wenn dein Auge ein Schalk ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis selber sein? Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen, und den anderen lieben; oder er wird einem anhangen, und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon (Matth. 6, 23. 24.). Darum sagt Paulus geradezu: Der Geiz ist Abgötterei, um welches willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens (Kol. 3, 5. 6.), denn das sollt ihr wissen, dass kein Hurer, oder Unreiner, oder Geiziger (welcher ist ein Götzendiener) Erbe hat an dem Reich Christi und Gottes; lasst euch Niemand verführen mit eitlen Worten (Eph. 5, 5. 6.).
Ja, meine Freunde, es ist der Geiz, die Liebe zum Irdischen, die dem Unglauben entwachsene feste Anhänglichkeit an die Güter dieser Welt, diese Gesinnung, die sich nur hält an das Sichtbare; die dem armen Staub der Erde alle Kräfte, alle Gedanken, alle Zeit, alle Sorgen Tag und Nacht opfert, eine das innerste Lebensmark verzehrende Krankheit, sie ist eine schauderhafte Sünde, welche die Menschen verführt, ihre Kinder dem Moloch, ihre eigenen Seelen dem Teufel zu opfern. Aus dem täglichen Frondienst, den die arme Menschheit, die entartete Christenheit, diesem Götzen freiwillig leistet, entspringen alle möglichen Übel.
Geschwister hassen sich; ein Bruder trägt dem anderen eine tödliche Rache nach bis ins Grab; die innigsten Freunde werden bittere Feinde; Nachbarn verleumden einander; Familien stehen auf gegen Familien, Völker gegen Völker; Fürsten verschwören sich gegen ihre eigenen Untertanen, Untertanen gegen ihre Fürsten; und aus dem stillen Kreise des zerstörten bürgerlichen Glücks schreitet der blutdürftige Würger hervor, Tod und Verderben, Fluch und Verdammnis über den Erdkreis verbreitend, wohin sein verzehrendes Auge fällt. Wie heißt dieser Engel des Todes? Mammon ist sein Name! Er ist derselbe, der einst vor den Heiligen Gottes trat und sprach: Dies Alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest (Matth. 4, 9.); er ist derselbe, der in unseren Werkstätten, in unseren Büros, in unseren Laden, auf unseren Märkten, in unseren Studierstuben, auf unseren Schaubühnen, auf unseren Kanzeln und vor unseren Altären ein Zwiegespräch zu führen weiß mit der menschlichen Seele. Er steht an der Wiege unserer neugeborenen Kinder und lauert auf seine Beute; er führt unsre Jünglinge und Jungfrauen in das bunte Leben ein und zeigt ihnen die Herrlichkeit der Welt; er hilft ihnen vor dem Altar die Ringe wechseln (das Symbol der Ewigkeit) und breitet den Teppich vor ihr Brautbett aus. Ihm ist es ein Geringes, seine Anbeter mit Gold und Silber zu überschütten, ihre Kasten zu füllen und ihre Scheuern zu häufen, wenn er nur aus ihrem Munde das Räuchwerk der Anbetung vernehmen kann: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink, und sei guten Muts (Luk. 12, 19.).
Sind alle angeführten Beispiele wahr, so werden wir nicht länger zweifeln, sondern alle darin übereinstimmen, dass die Übertretung des achten Gebots eine mit vielen anderen Lastern gemeinsame Wurzel im menschlichen Herzen hat, die wir Geiz nennen, und dass diese böse Wurzel eine von jenen durch den Apostel bezeichneten Lüsten ist, mit welchen der Fürst dieser Welt die Kinder des Verderbens an diese vergängliche Erde fesselt, weshalb der Apostel uns so ernstlich ermahnt: Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. So Jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn Alles, was in der Welt ist, nämlich des Fleisches Lust, und der Augen Lust, und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. Kinder, es ist die letzte Stunde! (1 Joh. 2, 15-18.)
II.
Schwerer ist es, die ehrlich gestellte Frage zu beantworten: Was heißt stehlen, vom Standpunkt der christlichen Sittenlehre aus beurteilt? Die Schwierigkeit liegt aber nicht sowohl im Nichtwissen, denn Jeder weiß es, der geneigt ist, der Wahrheit im Verborgenen Gehör zu geben; als vielmehr in der Mannigfaltigkeit der Fälle, die im täglichen Leben vorkommen, so dass ich geneigt bin zu sagen: Die Schrift spricht: Alle Menschen sind Lügner (Röm. 3,4.). Ein altes, bewährtes Sprichwort erklärt: Wer lügt, der stiehlt: also sind auch alle Menschen Diebe. Ihr fühlt wohl, dass einer solchen Schlussfolge gegenüber der Ruhm der ehrbaren Bürgersleute, die da meinen, dass sie, weil sie gerade wegen groben Diebstahls noch nicht in den Turm gesperrt worden, ohne Weiteres die gegründetsten Ansprüche auf ewige Seligkeit machen dürfen; ihr seid genötigt zuzugeben, dass dieser eitle Ruhm dahin ist. Aber es könnte Manchem doch noch zweifelhaft scheinen, ob es denn auch wirklich so arg um unsere bürgerliche Ehre und Rechtschaffenheit stehe, da doch bekanntlich die Herren Rationalisten nicht aufhören wollen zu deklamieren von der hohen Tugend, von der gewaltigen Kraft und Würde der menschlichen Natur, und mit einer Art Abscheu auf die Finsterlinge hinweisen, die den Menschen für so gar schlecht und sündig ausgeben. Wegen dieser feinen, in ihren eigenen Augen so gebildeten, Moralisten müssen wir uns nun aber doch wirklich entschließen, aus einigen Beispielen anschaulich zu machen, wie gewaltig viel gestohlen wird auf Erden, ohne dass die Diebe es nur merken wollen, dass ihnen das Wort gilt: Du sollst nicht stehlen.
Ich bitte nicht um Verzeihung wegen der Freiheit, die ich mir herausnehme, denn ich setze voraus, dass die meisten meiner Zuhörer schon so viel Menschenkenntnis erlangt haben werden, die Wahrheit einer Bemerkung einzusehen, welche ein berühmter, scharfsinniger Schriftsteller1) gemacht hat! Er sagt: „Es ist ein natürlicher Kunstgriff der Betrüger, die menschliche Natur sehr zu loben, damit sie desto leichter dieselbe missbrauchen können.“ Ich werde also wenigstens heute nicht in den Verdacht kommen, einen Missbrauch von der Güte meiner Zuhörer machen zu wollen. Aber wo soll ich anfangen, um so mancherlei Diebstahl zu bezeichnen? Ich denke, das Beste ist, ich gebe einfach die Fragen und Antworten über diesen Gegenstand aus dem Katechismus, dessen ich mich beim Konfirmandenunterricht bediene.
1) Was heißt stehlen oder nehmen, was des Nächsten ist?
Antw. Das sind nicht bloß Räuber und Diebe, die mit Gewalt oder List nehmen und stehlen, was dem Nächsten gehört; sondern wer irgend mit einem Schein des Rechten an sich bringt, was einem anderen zukäme nach rechter Gebühr, der ist ein Betrüger und so schlimm als ein Dieb, es geschehe nun solcher Betrug auf welche Weise es sei, denn er hat nicht heilig gehalten das Recht und Eigentum seines Nächsten.
2) Auf was für Art kann man des Nächsten Gut betrüglich an sich bringen oder mit Unrecht behalten?
Antw. Auf so vielerlei Art, dass mans nicht Alles sagen und herzählen mag, betrügen leider die Leute, weil der böse Eigennutz immer neue Falschheit erdenket. Darunter jedoch vornehmlich zu merken:
Missbrauch von Amt und Gewalt zu falschem Gericht und Unterdrückung der Schwachen (1 Kön. 21, 8-13. Sprichw. 22, 22. 23. Amos 5, 11. 12. Luk. 3, 12. 13.); Geschenk nehmen für unrechte Gunst (5 Mos. 16, 19. Jes. 1, 23.); ableugnen und unterschlagen, was gefunden oder anvertraut worden (3 Mos. 6, 2-4. Joh. 12, 6.); die Abgaben weigern und entziehen der Obrigkeit (Matth. 22, 21. Röm. 13, 6. 7.); dem Arbeiter den Lohn schmälern oder vorenthalten (1 Mos. 31, 7. 3 Mos. 19, 13. 5 Mos. 24, 14. 15. Jer. 22, 13. Jakob. 5, 4.); wuchern bei Zins und Pfand (2 Mos.. 22, 25. 26. 3 Mos. 25, 35-37.); oder Verkauf nötiger Dinge (Sprich. 11, 26. Amos 8, 4 - 6.); mit unrechtem Maß und Gewicht handeln (3 Mos. 19, 35. 36. 5 Mos.. 25, 13-16. Sprich. 11, 1.); falsche Ware und schlechte Arbeit liefern, oder doch im Preis überteuern (3 Mos. 25, 14. 17. 1 Thess. 4, 6. Sir. 26, 28. 27, 3.); mit Hinterlist und Gewinnsucht spielen, Karten, Würfelspiel und dergleichen; leichtsinnig borgen, ohne vorauszusehen, dass man es wieder bezahlen kann (Ps. 37, 21. Sir. 29, 4-9.); dem Nächsten zu Schaden reden und leben (Jer. 9, 5.); ihm Geschenke abschwatzen (2 Kön. 5, 20.); aus Faulheit und Mutwillen betteln; mit losen Gaukelkünsten der Leute Geld an sich locken, und dergleichen noch Vieles. Bei welchem Allem wir den Leuten auch nicht tun sollen, wie wir nicht wollen, dass sie uns täten.
3) Ists aber genug, dass wir des Nächsten Eigentum nicht mit Unrecht an uns bringen?
Antw. Das ist mitnichten genug, denn um fremdes Eigentum heilig zu halten, dürfen wir Niemanden um das Seine bringen, es sei nun uns oder Andern zugute, oder bloß dem Nächsten zu Leide; als z. B. geschieht mit Versetzen des Diebstahls (Spr. 29, 24. Tobia 2, 21.); Schaden tun und Veruntreuen durch sorglosen Dienst (Tit. 2, 9. 10. Luk. 16, 1.), Unvorsichtigkeit (2 Mos. 22, 5. 6.), oder auch nur nicht helfen und verhüten, wo wirs vermöchten (5 Mos. 22, 1-4.). Ja. wer in Habsucht, Eigennutz und Neid sich nicht genügen lässt an dem, das er hat (1 Tim. 6, 6-10. Sir. 31, 5-7.), und gönnt dem Nächsten sein Besitztum nicht (Spr. 21, 10.), der ist schon ein Dieb im Herzen; dieweil alle Dieberei aus solcher bösen Gesinnung kommt (Mark. 7, 21. 22. Jos. 7, 21. Mich. 2, 2.).
4) Was ist also überhaupt geboten wegen des Nächsten Eigentum?
Antw. Dass wir nicht nur uns hüten, irgend Schaden zu tun in fremdem Gut; Besitz und Recht, und wäre es noch so klein und gering vor der Welt geachtet (Luk. 16, 10.), ob wir aber Jemand um etwas gebracht hätten, solches treulich wiedererstatten (2 Mos, 22, 3 -7. Hes. 33, 14-16, Luk. 19, 8.); sondern wir sollen auch nach allen Kräften hüten und helfen, und von Herzen geben und mitteilen ohne Begierde nach Dank oder Ruhm, wir wollen, dass uns widerfahre, gleich als wären uns alle Dinge gemein in der Liebe (Apg. 2, 44-45. 4, 32. Luk. 3, 11. 2 Kor. 8, 14. 15. 1 Joh. 3, 17. 18. Matth. 5, 42. Hebr. 13, 16. Spr. 3, 27. 28. Tob. 4, 7-9. 2 Kor. 8, 12. 9, 7. Röm. 12, 8. Matth. 6, 1-4. Spr. 19, 17. Luk. 6, 34. 35. Apg. 20, 35.), obwohl freilich leider nicht allen Bettlern mit Almosen rechte Wohltat geschieht, und dabei klugen Unterschied zu machen nötig ist, dass man die Faulen und Gottlosen nicht stärke (Sir. 12, 1-5.).
5) Steht uns denn aber nicht frei, mit dem, was unser ist, zu tun was wir wollen?
Antw. Das sei ferne! Denn nichts ist unser zu eigenem Willen, vielmehr sollen wir gute Haushalter sein mit Gottes Eigentum, ihm dasselbe nicht durchbringen oder verderben, sondern im fremden Gut, das er uns eine Zeit lang zur Probe vertraut, alle Treue beweisen (Luk. 16, 1. 11. 12. 1 Petr. 4, 10.). Darum beides gleich unrecht ist, wie lose Verschwendung und sündlicher Missbrauch göttlicher Gaben (Spr. 23, 20. 21. 1 Kor. 7, 30. 31.), so auch törichter Geiz, an eigener Notdurft zu darben (Sir. 14, 5. 6. 29, 13. 14.), und wir in allen Stücken mit dem zeitlichen Gut umgehen sollen, wie sichs gebührt zu Gottes Ehre, an uns selbst und dem Nächsten.
6) Was ist nun also die rechte Gesinnung und Verhalten in Ansehen der zeitlichen Güter?
Antw. Den Betrug des Reichtums sollen wir fürchten (Matth. 13, 22. Mark. 10, 23-25.) und nicht nach Geld und Gut verlangen, auch das Herz nicht dran hängen, so es uns zufällt (Ps. 62, 11. 1 Tim. 6, 17-19.); aber damit wir nicht minder die Verführung der Armut meiden (Spr. 30, 8. 9.), sollen wir mit fleißiger und redlicher Arbeit uns nähren (Ps. 37, 3. Sir. 40, 18. 1 Thess. 4, 11. 12.), auch sparsam und ordentlich haushalten (Joh. 6, 12.), auf dass wir für uns und Andere haben, nach Gottes Willen (Eph. 4, 28.).
Zu allen diesen biblischen Grundsätzen kann man eine Menge von Belegen aus der Schrift anführen, und wer jetzt noch nicht davon überzeugt ist, dass er schon oft und vielfach gestohlen hat in seinem Leben, den muss ich bitten, mir gelegentlich unter vier Augen seine Zweifel an meiner Behauptung, dass alle Menschen Diebe sind, vorzulegen. Ich bin erbötig, ihm aus der Schrift und Erfahrung einen ausführlichen Beweis zu liefern. Vielleicht, dass ein solcher eines Beweises hierüber bedarf, um gerettet zu werden. Wie stumpf die Christen in dieser Beziehung geworden sind, geht im Allgemeinen aus zwei großen Tatsachen hervor, die in den Annalen der Menschheitsgeschichte zur ewigen Schande der christlichen Völker verzeichnet stehen. Ich meine den Sklavenhandel, mit dem sich die gebildetsten Völker befleckt haben, und der, während wir hier vom Diebstahl uns unterhalten, in dem so sehr nach Freiheit ringenden Frankreich noch durch kein Staatsgesetz, wie in England, verpönt ist, obgleich ihn der Apostel Paulus ausdrücklich als die ärgste und auffallendste Übertretung des achten Gebots bezeichnet (1 Tim. 1, 10.).
Schauderhafter aber noch tritt uns in der Geschichte der christlichen Kirche der Handel mit Menschenseelen entgegen, den sich die Gebildetsten unter den Gebildeten, die Häupter und Vorsteher der meisten Kirchengemeinschaften, dadurch haben zu Schulden kommen lassen, dass sie das geistliche Amt wie eine Art Handwerk betrachteten, den Herrn, der sie erkauft hat, verleugneten, und in Geiz mit erdichteten Worten an den Seelen hantierten (2 Petr. 2, 1-3.), obgleich es ihnen nicht verborgen sein konnte, dass der Heilige Geist zu den Waren, welche nach Babels Fall in ihr erfunden werden, die Leichname und Seelen der Menschen rechnet (Offenb. 18, 13.).
III.
Wir haben noch das Mittel zu bezeichnen, durch welches allein aller feinere und gröbere Diebstahl auf immer aus dem Herzen verbannt werden kann. Um dieses tun zu können, dürfen wir uns nur in dem Evangelio umsehen; da tritt uns ein Mann entgegen, der recht eigentlich als Repräsentant aller feineren Diebe angesehen werden kann. Das ist Zachäus, der Zöllner (Luk. 19.). Lasst uns seine Geschichte ansehen und von ihm lernen, welche Mittel er anwandte, um ein Laster loszuwerden, das so große Verheerung anrichtet unter den Christen unserer Zeit.
Zachäus war ein Oberzöllner in der Grenzstadt Jericho; er hatte von der römischen Regierung die Zolleinnahme in einer Stadt gepachtet, die wegen ihrer vorteilhaften Lage auf der Hauptstraße von Jerusalem nach Galiläa und Damaskus die sicherste Gelegenheit darbot, reich zu werden. Diese Gelegenheit hatte der kluge Mann denn auch treulich benutzt, und sich ein großes Vermögen, durch gewandtes Wahrnehmen aller Vorteile in seinem Beruf, gesammelt. Mag er immerhin wegen der Bedrückungen und Ungerechtigkeiten, die sich vorzüglich die unteren Zolleinnehmer gegen das Volk erlaubten, seines Berufs wegen in einem bösen Licht bei seinen Landsleuten gestanden sein, was kümmerte ihn das: er war ein reicher Mann, und wusste gewiss, als kluger Weltmann, dass das gute Vorurteil, welches der Reichtum bei den meisten Menschen erregt, das böse Vorurteil weit überwiegt, das etwa ein zweideutiger Ruf im bürgerlichen Leben veranlasst. Zudem konnte er, wenn er wollte, sich aus dem unruhigen Berufsleben zurückziehen und in einem engeren Kreise von vertrauten Freunden leben, wie sein Vetter, der reiche Mann, von dem Jesus erzählt (Luk. 16.); ohne fürchten zu dürfen, dass unangenehme und lästige Propheten ihn in seiner süßen Ruhe stören würden. Zachäus würde in unseren Tagen ganz ein Mann á la mode sein können: ein reicher Rentier, ein vornehmer Gutsbesitzer, der nach des Landes Gesetzen Anspruch machen dürfte auf die höchsten Ehrenstellen im Staat, wenn er sonst Talent genug besaß, sie zu bekleiden. Was fehlte darum unserem Zachäus? Zwar, er war klein von Person, doch diese Unbequemlichkeit teilte er ja mit Vielen aus allen Ständen, und wenn auch, wie es oft bei Leuten dieses Schlages der Fall ist, in dem kleinen Körper ein enger, beschränkter Geist wohnte, der es nicht vermochte ohne außerordentliche Anstrengung, über den Horizont einer israelitischen Grenzstadt hinauszublicken, so bot ihm ja eben diese auf den materiellen Nutzen allein gerichtete Beschränktheit die sicherste Schutzwehr dar gegen Langeweile, denn solche Leute haben immerdar zu tun im vielbewegten Geschäftsleben; und gegen politische oder religiöse Verirrungen, denn solche Leute besitzen vielen Takt, nur gerade so weit in ihren Ansichten zu gehen, als ihre Geschäfte ohne Gefahr erlauben. Was nun gar eine schwärmerische Anhänglichkeit an alte Weissagungen der Schrift über den Messias und sein Reich betrifft, so war gewiss Niemand weiter davon entfernt als dieser Mann. Er mag wohl auch seine Gedanken gehabt haben über das sonderbare Buch der Bibel, über Moses und die Propheten; aber das tiefere Erforschen des Sinnes dieses rätselhaften Wortes konnte er ja ganz ruhig den Schriftgelehrten und Pharisäern überlassen, die, vermöge ihres Amts und Berufs, darauf hingewiesen wurden und, wie Zachäus wohl zu berechnen verstand, vom Tempeldienst mehr Einkünfte, samt Ehre und Ansehen im Volk, hatten, als er mit aller Mühe und Arbeit, bei Hass und Verachtung, mit seinem Zollwesen aufzutreiben vermochte. Dieser Mann nun hatte von Jesus gehört, und sei es aus religiösem Bedürfnis, was weniger zu vermuten ist, oder aus Neugierde, die aber aus einem unbewussten Sehnen nach Gott entstanden, was wahrscheinlicher ist, kurz er begehrte Jesum zu sehen, und scheute keine Mühe und Anstrengung, dieses Begehren zu befriedigen. Also das erste Mittel, das er, wahrscheinlich ohne ein tieferes religiöses Bewusstsein, anwandte, war eine Anstrengung seiner kleinen Kräfte, um sich durch eigenen Augenschein und eigene Erfahrung von dem Eindrucke zu überzeugen, den die so bekannte und berühmte Persönlichkeit Jesu auf ihn machen könne. Dass dieses eine von der Vorsehung herbeigeführte Veranlassung war, seine Seele zu retten, geht aus dem ganzen Betragen Jesu gegen diesen Mann hervor; wir betrachten daher mit Recht diesen sonderbar scheinenden Schritt des reichen Mannes, der ihn in den Augen aller reichen und vornehmen Leute, ja selbst vor dem zum Spott geneigten Volk, lächerlich machen musste, als Folge eines Zuges des Vaters zum Sohne, der so mächtig in seinem Herzen gewesen sein muss, dass er Kraft erhielt, über alle mögliche ängstliche Rücksichten auf Stand, Verbindungen, Ansichten und Meinungen der Menschen sich wegzusetzen und die dargebotene Gelegenheit zu benutzen, den Herrn Christus kennen zu lernen, indem er das außerordentliche Mittel anwandte, einen Baum zu besteigen. Das zweite Mittel, das er anwandte, war freudiger Gehorsam gegen den Befehl Jesu, nachdem er sich durch eigene persönliche Erfahrung davon überzeugt hatte, dass Jesus ein anderer Mann sei, als die Pharisäer ausgaben, als das zur fleischlichen Freiheit geneigte Volk wünschen mochte. Dieser fleischliche Sinn äußerte sich denn auch in einem allgemeinen Murren darüber, dass Jesus zu keinem der geachteten und streng nach dem Buchstaben der Schrift sich richtenden Pharisäer, sondern zu dem Sünder einkehrte, der draußen vor der Stadt wohnte. In diesem Benehmen Jesu lag eine ernste Rüge für die ganze Stadt, die er noch dadurch schärfte, dass er ihnen in des Zöllners Hause und nicht in ihrer Synagoge eine Predigt hielt von den vertrauten Pfunden, worin der Hauptgedanke also lautet: Ei du frommer und getreuer Knecht, dieweil du bist im Geringsten treu gewesen, sollst du Macht haben über zehn Städte; denn wer da hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, wird auch genommen werden, das er hat. Zachäus nun war ein solcher Mann, der im Geringsten Treue beobachten lernte, seitdem er dem Worte Jesu war gehorsam geworden und ihn in seinem Hause aufgenommen hatte; er war ein Mann, der Glauben hatte, darum sollte ihm Heil gegeben werden. Das Geringste, im Vergleich mit dem Himmelreich, welches in der Erkenntnis Jesu zu uns kommt, ist offenbar unser irdisches Gut, es sei viel oder wenig: das erkannte der scharfe, praktische Blick des Zachäus nun wohl; die Treue, die wir gegen Gott zu beweisen haben, besteht darin, dass wir unsere Herzen von aller Anhänglichkeit an dasselbe ablösen: das fühlte der Mann, den Jesus hochgeehrt hatte vor allen seinen Mitbürgern, darum trat er dar und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen; und so ich Jemand betrogen habe, das gebe ich vierfältig wieder. Wie macht doch der freudige Gehorsam gegen das Wort Jesu den Geizigen so freigebig, den ängstlich seine Ehre und Reputation bewachenden reichen Mann so aufrichtig im Bekenntnis seiner Sünden! Wollen wir nun die Stufenfolge dieser Bekehrung des Zachäus bezeichnen, so werden wir sagen müssen: Zuerst folgte er rücksichtslos dem Zuge des Vaters zum Sohne, dann leistete er dem Worte des Sohnes Gehorsam und beherbergte den, gegen den die sämtliche Einwohnerschaft seiner Vaterstadt murrte, in seinem Hause. Nun kehrte der Geist der Wahrheit, den Jesus überall mit sich führt, natürlich auch in sein Herz ein, und trieb aus demselben aus den Geist dieser Welt, der es bisher in Geiz und Stolz gefangen gehalten er ließ vom Geiz und bekannte seine Sünden. So war er allmählig, Schritt vor Schritt, aus einem irdisch-reichen Oberzöllner ein geistlich armer Jünger Jesu geworden, und nun war der Augenblick gekommen, da er aus dem Munde Jesu die Verkündigung des Heils erfahren und die Versicherung der Kindschaft Gottes empfangen sollte: Jesus sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, sintemal er auch Abrahams Sohn ist. Denn des Menschen Sohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Verloren ist Jeder, der von einem anderen Geist beherrscht wird, als der Geist der Wahrheit, welcher hier aus Zachäus sprach: verloren ist Jeder, der in Geiz und Stolz der Welt versunken ist! Gerettet allein wird er durch eine gründliche Bekehrung zu Jesus, denn dieses ist das einzige Mittel, durch welches jede Sünde, also auch jeder feinere oder gröbere Diebstahl, auf ewig aus dem Herzen verbannt wird.
Ist Jemand nun noch nicht befriedigt und wünscht etwa noch ein Beispiel zu haben, wie ein grober Dieb und Räuber gerettet wird, so weisen wir den auf den Schächer am Kreuz hin, über dessen Tod wir von ganzem Herzen in Beziehung auf uns selbst sagen: Herr, lass mich sterben den Tod dieses Gerechten! Amen.